II.

Ueber die Beziehungen des Menschen zu den nächstniederen Thieren.

Multis videri poterit, majorem esse differentiam Simiae et Hominis,

quam diei et noctis; verum tamen hi, comparatione instituta inter

summos Europae Heroës et Hottentottos ad Caput bonae spei degentes,

difficillime sibi persuadebunt, has eosdem habere natales; vel si

virginem nobilem aulicam, maxime comtam et humanissimam, conferre

vellent cum homine sylvestri et sibi relicto, vix augurari possent,

hunc et illam ejusdem esse speciei. -- _Linnaei Amoenitates Acad.

»Anthropomorpha_.«

Die Frage aller Fragen für die Menschheit -- das Problem, welches allen

übrigen zu Grunde liegt und welches tiefer interessirt als irgend ein

anderes --, ist die Bestimmung der Stellung, welche der Mensch in der

Natur einnimmt, und seiner Beziehungen zu der Gesammtheit der Dinge.

Woher unser Stamm gekommen ist, welches die Grenzen unserer Gewalt über

die Natur und der Natur Gewalt über uns sind, auf welches Ziel wir

hinstreben: das sind die Probleme, welche sich von Neuem und mit

unvermindertem Interesse jedem zur Welt geborenen Menschen darbieten.

Die meisten von uns schrecken vor den Schwierigkeiten und Gefahren,

welche den bedrohen, der selbstständig nach Antworten auf diese Räthsel

sucht, zurück und begnügen sich damit, sie vollständig zu ignoriren oder

den forschenden Geist unter dem Pfühl respectirter und respectabler

Ueberlieferungen zu ersticken. In jedem Zeitalter hat es aber einen oder

zwei ruhelose Geister gegeben, die mit jenem constructiven Talent

gesegnet, das nur auf sicherer Grundlage bauen kann, oder vom blossen

Geist der Zweifelsucht besessen, nicht im Stande sind, dem

ausgetretenen und bequemen Pfad ihrer Vorgänger und Zeitgenossen zu

folgen, und uneingedenk der Dornen und Steine ihre eigenen Wege gehen.

Die Zweifler kommen zum Unglauben, welcher das Problem für ein

unlösbares erklärt, oder zum Atheismus, welcher die Existenz irgend

einer geordneten Fortschreitung und Leitung der Dinge leugnet: die Leute

von Genie bringen Lösungen vor, welche in theologische oder

philosophische Systeme auswachsen oder, in eine klangreiche Sprache

gekleidet, die mehr verspricht als hält, die Gestalt der Dichtung des

Zeitalters annehmen.

Jede solche Antwort auf die grosse Frage wird unwandelbar von den

Nachfolgern dessen, der sie giebt, wenn nicht von ihm selbst, als

vollständig und endgültig hingestellt; sie bleibt, sei es für ein

Jahrhundert oder für zwei oder zwanzig, in grosser Autorität und

Achtung; aber ebenso unwandelbar weist die Zeit nach, dass eine jede

Antwort eine blosse Annäherung zur Wahrheit gewesen ist, die

hauptsächlich in Folge der Unkenntniss derer, die sie empfingen,

tolerirt wurde, aber völlig unerträglich wird, wenn sie an der Hand der

erweiterten Kenntnisse ihrer Nachfolger geprüft wird.

In einem oft gebrauchten Gleichnisse wird eine Parallele zwischen dem

Leben eines Menschen und der Metamorphose einer Raupe in den

Schmetterling gezogen; die Vergleichung dürfte aber noch passender und

auch neuer sein, wenn man im Gleichniss an die Stelle des Lebens des

Einzelnen den geistigen Fortschritt des Geschlechts setzt. Die

Geschichte zeigt, dass der durch beständige Zufuhr von Kenntnissen

genährte menschliche Geist periodisch für seine theoretischen Hüllen zu

gross wird und sie durchbricht, um in neuen Bekleidungen zu erscheinen,

wie die sich nährende und wachsende Larve von Zeit zu Zeit ihre zu enge

Haut abstreift und eine andere, selbst wieder zeitweilige annimmt.

Wahrlich, der entwickelte Zustand des Menschen scheint noch schreckbar

fern zu liegen; jede Häutung ist aber ein gewonnener Schritt und deren

sind schon viele gethan.

Seit dem Wiedererwachen der Gelehrsamkeit, womit die westeuropäischen

Rassen in jenen Entwickelungsgang nach wahrer Wissenschaft eintraten,

der von den griechischen Philosophen begonnen, in späteren Zeiten langer

geistiger Stagnation oder höchstens Schwankung fast ganz zum Stillstand

gekommen war, hat sich die menschliche Larve kräftig genährt und im

Verhältniss hierzu gehäutet. Eine solche Larvenhaut von ziemlichem

Umfang wurde im 16. Jahrhundert, eine andere gegen das Ende des 18.

abgeworfen; und innerhalb der letzten fünfzig Jahre hat die

ausserordentliche Zunahme jedes einzelnen Theiles der physikalischen

Wissenschaften geistige Nahrung von so nahrhafter und reizender Art

unter uns verbreitet, dass eine neue Häutung bevorzustehen scheint. Es

ist dies aber ein Vorgang, der nicht ungewöhnlich von vielen Wehen und

einiger Krankheit und Schwäche, oder wohl auch von grösseren Störungen

begleitet wird; so dass sich jedes gutgesinnte Mitglied der bürgerlichen

Gesellschaft für verbunden erachten muss, den Vorgang zu erleichtern,

und, sollte es nichts weiter zur Hand haben als ein anatomisches Messer,

die berstende Hülle nach seinem besten Vermögen lüften zu helfen.

In dieser Pflicht liegt für mich die Entschuldigung, diese Abhandlungen

zu veröffentlichen. Denn es wird zugegeben werden müssen, dass einige

Kenntniss von der Stellung des Menschen in der belebten Natur eine

unentbehrliche Vorbereitung für das richtige Verständniss seiner

Beziehungen zur Gesammtheit der Dinge ist; -- und diese selbst wiederum

löst sich schliesslich in eine Untersuchung über die Natur und Enge der

Beziehungen auf, welche ihn mit jenen sonderbaren Geschöpfen verbindet,

deren Geschichte[26] auf den vorstehenden Seiten skizzirt wurde.

Die Bedeutung einer solchen Untersuchung ist durch sich selbst offenbar.

Aber von Angesicht zu Angesicht jenen verzerrten Abbildern seiner selbst

gegenübergebracht, ist sich selbst der gedankenloseste Mensch eines

gewissen Schreckens bewusst, der vielleicht nicht sowohl Folge des

Abscheus beim Anblick einer scheinbar beleidigenden Caricatur seiner

selbst, sondern dem Erwachen eines plötzlichen und tiefen Misstrauens

zuzuschreiben ist; eines Misstrauens gegen altehrwürdige Theorien und

festgewurzelte Vorurtheile in Bezug auf seine eigene Stellung in der

Natur und seine Beziehungen zu den unteren Schichten des Lebens; und

während dies für den nicht weiter Nachdenkenden eine dunkle Ahnung

bleibt, wird es für alle die, welche mit den neueren Fortschritten der

anatomischen und physiologischen Wissenschaften bekannt sind, ein

weiter, mit den tiefsten Consequenzen beschwerter Beweisgrund.

Ich beabsichtige nun, diesen Beweis anzutreten und in einer auch für

die, welche keine specielle Bekanntschaft mit anatomischer Wissenschaft

besitzen, verständlichen Form die hauptsächlichsten Thatsachen

vorzuführen, auf welche alle Schlussfolgerungen über die Natur und den

Umfang der Beziehungen, welche den Menschen mit der Thierwelt verbinden,

basirt sein müssen; ich werde dann den einen unmittelbar sich daraus

ergebenden Schluss andeuten, der meinem Urtheile nach durch jene

Thatsachen gerechtfertigt wird, und werde zum Schlusse die Tragweite

dieser Folgerung in Bezug auf die Hypothesen erörtern, die bis jetzt

betreffs des Ursprungs des Menschen aufgestellt worden sind.

Obgleich die Thatsachen, auf die ich zunächst die Aufmerksamkeit des

Lesers lenken möchte, von vielen anerkannten Lehrern des Volkes ignorirt

werden, so sind sie doch leicht nachzuweisen und mit Uebereinstimmung

von allen Männern der Wissenschaft angenommen; während andererseits ihre

Bedeutung so gross ist, dass diejenigen, welche sie gehörig erwogen

haben, meiner Meinung nach wenig andere biologische Offenbarungen finden

werden, die sie überraschen können. Ich beziehe mich hier auf die

Thatsachen, welche durch das Studium der Entwicklungsgeschichte bekannt

geworden sind.

Es ist eine Wahrheit von sehr weiter, wenn nicht allgemeiner Gültigkeit,

dass jedes lebende Geschöpf sein Leben in einer Form beginnt, welche

einfacher und von der, die es später annimmt, verschieden ist.

Die Eiche ist ein zusammengesetzteres Ding als die kleine rudimentäre in

der Eichel enthaltene Pflanze; die Raupe ist zusammengesetzter als das

Ei, der Schmetterling zusammengesetzter als die Raupe; und jedes dieser

Geschöpfe durchläuft beim Uebergang von seinem rudimentären zum

vollkommenen Zustand eine Reihe von Veränderungen, deren Summe seine

Entwicklung genannt wird. Bei den höheren Thieren sind diese

Veränderungen äusserst complicirt; im Verlaufe des letzten halben

Jahrhunderts haben aber die Arbeiten von Männern, wie von Baer, Rathke,

Reichert, Bischoff und Remak dieselben fast vollständig aufgeklärt, so

dass die aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände, eines Hundes z. B.,

jetzt dem Embryologen so bekannt sind, wie es die Verwandlungszustände

des Seidenwurmes jedem Schulknaben sind. Es wird von Nutzen sein,

aufmerksam die Natur und Reihenfolge der Entwickelungszustände des

Hundes zu betrachten, als ein Beispiel dieses Vorganges bei höheren

Thieren im Allgemeinen.

Der Hund beginnt, wie alle Thiere, mit Ausnahme der niedersten (und

fernere Untersuchungen werden wahrscheinlich diese scheinbare Ausnahme

noch beseitigen), sein Leben als ein Ei, als ein Körper, der in jeder

Bedeutung ebenso gut ein Ei ist, als das der Henne, aber jene Anhäufung

von nährender Substanz entbehrt, die dem Vogelei seine ausnahmsweise

Grösse und häusliche Brauchbarkeit verleiht; ebenso fehlt ihm die

Schale, die nicht bloss für ein Thier nutzlos wäre, das innerhalb des

Körpers seiner Mutter ausgebrütet wird, sondern demselben auch die

Erlangung der Nahrung unmöglich machen würde, die das junge Geschöpf

bedarf, die aber das kleine Säugethier nicht in sich besitzt.

Das Hundeei ist ein kleines kugliges Bläschen (Fig. 13), aus einer

zarten durchsichtigen Haut, der sogenannten _Dotterhaut_, gebildet und

ungefähr 1/130 bis 1/120 Zoll im Durchmesser. Es enthält eine Masse

zähflüssiger nährender Substanz, den »_Dotter_«, innerhalb dessen ein

zweites noch viel zarteres kugliges Bläschen, das sogenannte

»_Keimbläschen_« (_a_), eingeschlossen liegt. In diesem letzteren

endlich liegt ein mehr solider rundlicher Körper, der sogenannte

»_Keimfleck_« (_b_).

[Illustration: Fig. 13. A. Ein Hundeei, mit geborstener Dotterhaut, so

dass der Dotter, das Keimbläschen (_a_) und der von diesem eingeschlossene

Keimfleck (_b_) ausgetreten ist.

B. C. D. E. F. Aufeinanderfolgende Veränderungen des Dotters, wie im

Text beschrieben wurde (nach =Bischoff=).]

Das Ei oder »Ovum« wird ursprünglich in einer Drüse gebildet, aus der es

sich zur passenden Zeit loslöst und in den lebendigen Behälter eintritt,

der zu seinem Schutze und zu seiner Erhaltung während des längern

Processes der Trächtigkeit eingerichtet ist. Unterliegt es den

erforderlichen Bedingungen, so wird hier dieses äusserst kleine und

scheinbar unbedeutende Theilchen lebender Substanz von einer neuen und

geheimnissvollen Thätigkeit belebt. Das Keimbläschen und der Keimfleck

hören auf erkennbar zu sein (ihr definitives Schicksal ist noch eins

der ungelösten Probleme der Embryologie), der Dotter aber wird am

Umfange eingeschnitten, als ob ein unsichtbares Messer rings um ihn

gezogen worden wäre, und er erscheint nun in zwei Halbkugeln getheilt

(Fig. 13, C).

Durch Wiederholung dieses Vorganges in verschiedenen Ebenen werden diese

Halbkugeln weiter getheilt, so dass vier Segmente entstehen (D); diese

theilen sich weiter und weiter, bis endlich der ganze Dotter in eine

Menge von Körnchen umgewandelt ist, von denen jedes aus einem kleinen

Kügelchen von Dottersubstanz besteht, das ein in der Mitte gelegenes

Körperchen, den sogenannten »_Kern_«, einschliesst (F). Die Natur hat

durch diesen Vorgang dasselbe Resultat erreicht, wie ein menschlicher

Handwerker beim Anfertigen von Ziegeln. Sie nimmt das rohe plastische

Material des Dotters und theilt es in passend geformte, ziemlich

gleichgrosse Massen, fertig in den Aufbau irgend eines Theils des

lebendigen Gebäudes einzutreten.

Zunächst erhält nun diese Masse organischer Bausteine oder »_Zellen_«,

wie sie technisch genannt werden, eine bestimmte Anordnung; sie wird in

ein kugliges Hohlbläschen mit doppelter Wandung verwandelt. Dann tritt

auf einer Seite dieser Kugel eine Verdickung auf, und allmählich

bezeichnet in der Mitte des verdickten Feldes eine gerade, seichte Rinne

(Fig. 14, A) die Mittellinie des zu errichtenden Gebäudes, sie

bezeichnet mit anderen Worten die Lage der Mittellinie des Körpers des

künftigen Hundes. Die diese Rinne zu beiden Seiten einfassende Substanz

erhebt sich dann zunächst in eine Falte, die Andeutung der Seitenwand

jener langen Höhlung, welche später das Rückenmark und das Gehirn

enthält; am Boden dieses Behälters erscheint ein solider zelliger

Strang, die sogenannte »_Rückensaite_«. Das eine Ende der

eingeschlossenen Höhlung erweitert sich zur Bildung des Kopfes (Fig. 14,

B), das andere bleibt eng und wird später der Schwanz; die Seitenwände

des Körpers bilden sich aus den nach abwärts gerichteten Verlängerungen

der Wandungen jener Rinne; und von diesen aus wachsen kleine Knospen

hervor, welche allmählich die Form von Gliedmaassen annehmen. Verfolgt

man diesen Bildungsvorgang Schritt für Schritt, so wird man stark an

einen Bildner in Thon erinnert. Jeder Theil, jedes Organ wird zuerst

gewissermaassen roh angelegt und nur aus dem Rohen skizzirt, dann

sorgfältiger geformt, und erst zuletzt erhält es die Züge, die seinen

definitiven Charakter ausmachen.

Auf diese Weise erhält mit der Zeit das junge Hündchen eine solche

Gestalt, wie die in Fig. 14, C dargestellte. Auf diesem Zustande hat es

einen unverhältnissmässig grossen Kopf, der dem Kopfe eines Hundes so

ungleich ist, wie die knospenartigen Gliedmaassen den Beinen des Hundes

ungleich sind.

[Illustration: Fig. 14. A. Früheste Anlage des Hundes. B. Anlage weiter

vorgeschritten, die Grundlage des Kopfes, Schwanzes und der Wirbelsäule

zeigend. C. Das ganz junge Hündchen, mit den befestigten Enden des

Dottersacks und der Allantois, und vom Amnios umhüllt.]

Die Ueberbleibsel des Dotters, die nicht auf die Nahrung und das

Wachsthum des jungen Thieres verwandt wurden, sind in einen Sack

eingeschlossen, der am rudimentären Darm befestigt ist und Dottersack

oder »_Nabelbläschen_« genannt wird. Zwei häutige Blasen, beziehentlich

zum Schutze und zur Ernährung des jungen Geschöpfes bestimmt, haben sich

von der Haut und von der untern und hintern Fläche des Körpers aus

entwickelt; die erstere, das sogenannte »_Amnios_«, ist ein mit

Flüssigkeit gefüllter Sack, der den ganzen Körper des Embryo umhüllt und

die Rolle einer Art von Wasserbad für ihn spielt; die andere,

»_Allantois_« genannt, wächst, Blutgefässe tragend, von der Bauchgegend

aus und legt sich später an die Wandung des Hohlraumes, in dem der sich

entwickelnde Organismus enthalten ist, hierdurch jene Blutgefässe zu den

Canälen machend, durch welche der Nahrungsstrom, der die Bedürfnisse des

Jungen zu decken bestimmt ist, ihm von der Mutter geliefert wird.

Das Gebilde, welches sich durch die Verschlingungen der Blutgefässe des

Jungen mit denen der Mutter bildet und mittelst dessen das erstere in

den Stand gesetzt wird, Nahrung zu erhalten und verbrauchte Stoffe zu

entfernen, wird »Placenta« oder Mutterkuchen genannt.

Es wäre langweilig und für meinen gegenwärtigen Zweck unnöthig, den

Fortschritt der Entwickelung weiter zu verfolgen; es genüge zu sagen,

dass das hier beschriebene und abgebildete Rudiment durch eine lange und

allmähliche Reihe von Veränderungen ein Hündchen wird, geboren wird und

dann durch noch langsamere und weniger auffallende Schritte in einen

erwachsenen Hund sich verwandelt.

Es besteht keine auffallende Aehnlichkeit zwischen einem Haushuhn und

dem Hunde, der den Meierhof beschützt. Nichtsdestoweniger findet der,

welcher die Entwickelung studirt, nicht bloss, dass das Hühnchen sein

Leben als Ei beginnt, das ursprünglich in allen wesentlichen Beziehungen

mit dem des Hundes identisch ist, sondern dass der Dotter einer Theilung

unterliegt, dass sich die primitive Rinne bildet und dass die hieran

stossenden Theile des Keimes, in genau ähnlicher Weise, in ein Hühnchen

umgebildet werden, welches auf einem Zustande seiner Existenz dem

werdenden Hunde so gleich ist, dass eine gewöhnliche Betrachtung die

beiden kaum unterscheiden kann.

Die Entwickelungsweise irgend eines andern Wirbelthieres, einer

Eidechse, Schlange, eines Frosches oder Fisches erzählt uns dieselbe

Geschichte. Ueberall findet sich als Ausgangspunkt ein Ei mit derselben

wesentlichen Structur wie das des Hundes: der Dotter dieses Eies

erleidet überall eine Theilung, oder Segmentation, Furchung, wie es auch

oft genannt wird; die letzten Producte dieser Theilung bilden die

Baumaterialien für den Körper des jungen Thieres; und dieser wird um

eine primitive Rinne angelegt, in deren Grunde sich eine Rückensaite

entwickelt. Ferner giebt es eine Periode, auf welcher sich die Jungen

aller dieser Thiere einander ähnlich sind, nicht bloss in äusserer Form,

sondern in allen wesentlichen Stücken ihres Baues, und zwar so sehr,

dass die Verschiedenheiten nur unbeträchtlich sind, während sie sich in

ihrem weitern Verlaufe immer weiter und weiter von einander entfernen.

Und es ist ein allgemeines Gesetz, dass, je mehr sich irgend welche

Thiere in ihrem erwachsenen Bau einander ähnlich sind, desto länger und

eingehender sich ihre Embryonen gleichen, so dass z. B. die Embryonen

einer Schlange und einer Eidechse länger einander ähnlich bleiben, als

die einer Schlange und eines Vogels; und die Embryonen eines Hundes und

einer Katze bleiben einander eine längere Zeit ähnlich, als die eines

Hundes und eines Vogels, oder die eines Hundes und einer Beutelratte,

oder selbst als die eines Hundes und eines Affen.

Auf diese Weise bietet das Studium der Entwickelung einen deutlichen

Beweis von der Nähe der Verwandtschaft im Bau dar, und wir wenden uns

mit Ungeduld zu der Untersuchung, was für Resultate das Studium der

Entwickelung des Menschen aufweist. Ist er etwas Besonderes? Entsteht er

in einer ganz andern Weise als ein Hund, Vogel, Frosch und Fisch, giebt

er damit denen Recht, welche behaupten, er habe keine Stelle in der

Natur und keine wirkliche Verwandtschaft mit der niedern Welt

thierischen Lebens? Oder entsteht er in einem ähnlichen Keim,

durchläuft er dieselben langsamen und allmählichen progressiven

Modificationen, hängt er von denselben Einrichtungen zum Schutz und zur

Ernährung ab und tritt er endlich in die Welt mit Hülfe desselben

Mechanismus? Die Antwort ist nicht einen Augenblick zweifelhaft, und ist

für die letzten dreissig Jahre nicht zweifelhaft gewesen. Ohne Zweifel

ist die Entstehungsweise, sind die früheren Entwickelungszustände des

Menschen identisch mit denen der unmittelbar unter ihm in der

Stufenleiter stehenden Thiere: -- ohne allen Zweifel steht er in diesen

Beziehungen den Affen viel näher, als die Affen den Hunden.

Das menschliche Ei ist ungefähr 1/125 Zoll im Durchmesser und kann mit

denselben Worten beschrieben werden wie das des Hundes, so dass ich nur

auf die zur Erläuterung seines Baues gegebene Figur (15, A) zu verweisen

habe. Es verlässt das Organ, in dem es gebildet wurde, in einer

ähnlichen Weise und tritt in die zu seiner Aufnahme vorbereitete Kammer

in derselben Weise ein, da eben die Bedingungen zu seiner Entwickelung

in jeder Hinsicht dieselben sind. Es ist bis jetzt nicht möglich gewesen

(und es kann nur durch einen seltenen Zufall je möglich werden), das

menschliche Ei auf einem so frühen Entwickelungszustand wie dem der

Dottertheilung zu untersuchen, es ist aber Grund zu dem Schluss

vorhanden, dass die Veränderungen, die es erleidet, mit denen identisch

sind, die die Eier anderer Wirbelthiere darbieten; denn das

Bildungsmaterial, aus dem der rudimentäre menschliche Körper

zusammengesetzt wird, ist auf den frühesten Zuständen, die bis jetzt zur

Beobachtung kamen, dasselbe wie das anderer Thiere. Einige dieser

frühesten Zustände sind in Fig. 15 abgebildet, und sie sind, wie zu

sehen ist, den sehr frühen Zuständen des Hundes genau vergleichbar; die

merkwürdige Uebereinstimmung zwischen den beiden, welche mit dem

Fortschritt, der Entwickelung selbst noch eine Zeit lang aufrecht

erhalten wird, springt sofort in die Augen bei einer einfachen

Vergleichung der Figuren mit denen auf Seite 71.

Es dauert in der That lange, ehe der Körper des jungen menschlichen

Wesens von dem des jungen Hündchens leicht unterschieden werden kann;

schon in einer ziemlich frühen Periode aber werden sie beide durch die

verschiedene Form ihrer Anhänge unterscheidbar, des Dottersacks und der

Allantois. Der erstere wird beim Hunde lang und spindelförmig, während

er beim Menschen kugelig bleibt; die letztere erreicht beim Hunde eine

ausserordentlich bedeutende Grösse, und die Gefässfortsätze, welche sich

von ihr aus entwickeln und später die Grundlage zur Bildung der Placenta

geben (gewissermaassen im mütterlichen Organismus Wurzel fassend, um aus

ihm Nahrung aufzunehmen, wie die Wurzeln eines Baumes aus dem Boden

Nahrung aufnehmen), werden in einer ringförmigen Zone angeordnet,

während beim Menschen die Allantois verhältnissmässig klein bleibt und

seine Gefässwürzelchen später auf einen scheibenförmigen Fleck

beschränkt bleiben. Während daher die Placenta eines Hundes wie ein

Gürtel ist, hat die des Menschen eine kuchenförmige Gestalt, woher auch

ihr Name rührt.

[Illustration: Fig. 15. A. Menschliches Ei (nach Kölliker).

a. Keimbläschen, b. Keimfleck.

B. Sehr früher Entwickelungszustand des Menschen mit Dottersack,

Allantois und Amnios (Original).

Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur · 第 13 / 17 题