Ueber die Beziehungen des Menschen zu den nächstniederen Thieren.
Multis videri poterit, majorem esse differentiam Simiae et Hominis,
quam diei et noctis; verum tamen hi, comparatione instituta inter
summos Europae Heroës et Hottentottos ad Caput bonae spei degentes,
difficillime sibi persuadebunt, has eosdem habere natales; vel si
virginem nobilem aulicam, maxime comtam et humanissimam, conferre
vellent cum homine sylvestri et sibi relicto, vix augurari possent,
hunc et illam ejusdem esse speciei. -- _Linnaei Amoenitates Acad.
»Anthropomorpha_.«
Die Frage aller Fragen für die Menschheit -- das Problem, welches allen
übrigen zu Grunde liegt und welches tiefer interessirt als irgend ein
anderes --, ist die Bestimmung der Stellung, welche der Mensch in der
Natur einnimmt, und seiner Beziehungen zu der Gesammtheit der Dinge.
Woher unser Stamm gekommen ist, welches die Grenzen unserer Gewalt über
die Natur und der Natur Gewalt über uns sind, auf welches Ziel wir
hinstreben: das sind die Probleme, welche sich von Neuem und mit
unvermindertem Interesse jedem zur Welt geborenen Menschen darbieten.
Die meisten von uns schrecken vor den Schwierigkeiten und Gefahren,
welche den bedrohen, der selbstständig nach Antworten auf diese Räthsel
sucht, zurück und begnügen sich damit, sie vollständig zu ignoriren oder
den forschenden Geist unter dem Pfühl respectirter und respectabler
Ueberlieferungen zu ersticken. In jedem Zeitalter hat es aber einen oder
zwei ruhelose Geister gegeben, die mit jenem constructiven Talent
gesegnet, das nur auf sicherer Grundlage bauen kann, oder vom blossen
Geist der Zweifelsucht besessen, nicht im Stande sind, dem
ausgetretenen und bequemen Pfad ihrer Vorgänger und Zeitgenossen zu
folgen, und uneingedenk der Dornen und Steine ihre eigenen Wege gehen.
Die Zweifler kommen zum Unglauben, welcher das Problem für ein
unlösbares erklärt, oder zum Atheismus, welcher die Existenz irgend
einer geordneten Fortschreitung und Leitung der Dinge leugnet: die Leute
von Genie bringen Lösungen vor, welche in theologische oder
philosophische Systeme auswachsen oder, in eine klangreiche Sprache
gekleidet, die mehr verspricht als hält, die Gestalt der Dichtung des
Zeitalters annehmen.
Jede solche Antwort auf die grosse Frage wird unwandelbar von den
Nachfolgern dessen, der sie giebt, wenn nicht von ihm selbst, als
vollständig und endgültig hingestellt; sie bleibt, sei es für ein
Jahrhundert oder für zwei oder zwanzig, in grosser Autorität und
Achtung; aber ebenso unwandelbar weist die Zeit nach, dass eine jede
Antwort eine blosse Annäherung zur Wahrheit gewesen ist, die
hauptsächlich in Folge der Unkenntniss derer, die sie empfingen,
tolerirt wurde, aber völlig unerträglich wird, wenn sie an der Hand der
erweiterten Kenntnisse ihrer Nachfolger geprüft wird.
In einem oft gebrauchten Gleichnisse wird eine Parallele zwischen dem
Leben eines Menschen und der Metamorphose einer Raupe in den
Schmetterling gezogen; die Vergleichung dürfte aber noch passender und
auch neuer sein, wenn man im Gleichniss an die Stelle des Lebens des
Einzelnen den geistigen Fortschritt des Geschlechts setzt. Die
Geschichte zeigt, dass der durch beständige Zufuhr von Kenntnissen
genährte menschliche Geist periodisch für seine theoretischen Hüllen zu
gross wird und sie durchbricht, um in neuen Bekleidungen zu erscheinen,
wie die sich nährende und wachsende Larve von Zeit zu Zeit ihre zu enge
Haut abstreift und eine andere, selbst wieder zeitweilige annimmt.
Wahrlich, der entwickelte Zustand des Menschen scheint noch schreckbar
fern zu liegen; jede Häutung ist aber ein gewonnener Schritt und deren
sind schon viele gethan.
Seit dem Wiedererwachen der Gelehrsamkeit, womit die westeuropäischen
Rassen in jenen Entwickelungsgang nach wahrer Wissenschaft eintraten,
der von den griechischen Philosophen begonnen, in späteren Zeiten langer
geistiger Stagnation oder höchstens Schwankung fast ganz zum Stillstand
gekommen war, hat sich die menschliche Larve kräftig genährt und im
Verhältniss hierzu gehäutet. Eine solche Larvenhaut von ziemlichem
Umfang wurde im 16. Jahrhundert, eine andere gegen das Ende des 18.
abgeworfen; und innerhalb der letzten fünfzig Jahre hat die
ausserordentliche Zunahme jedes einzelnen Theiles der physikalischen
Wissenschaften geistige Nahrung von so nahrhafter und reizender Art
unter uns verbreitet, dass eine neue Häutung bevorzustehen scheint. Es
ist dies aber ein Vorgang, der nicht ungewöhnlich von vielen Wehen und
einiger Krankheit und Schwäche, oder wohl auch von grösseren Störungen
begleitet wird; so dass sich jedes gutgesinnte Mitglied der bürgerlichen
Gesellschaft für verbunden erachten muss, den Vorgang zu erleichtern,
und, sollte es nichts weiter zur Hand haben als ein anatomisches Messer,
die berstende Hülle nach seinem besten Vermögen lüften zu helfen.
In dieser Pflicht liegt für mich die Entschuldigung, diese Abhandlungen
zu veröffentlichen. Denn es wird zugegeben werden müssen, dass einige
Kenntniss von der Stellung des Menschen in der belebten Natur eine
unentbehrliche Vorbereitung für das richtige Verständniss seiner
Beziehungen zur Gesammtheit der Dinge ist; -- und diese selbst wiederum
löst sich schliesslich in eine Untersuchung über die Natur und Enge der
Beziehungen auf, welche ihn mit jenen sonderbaren Geschöpfen verbindet,
deren Geschichte[26] auf den vorstehenden Seiten skizzirt wurde.
Die Bedeutung einer solchen Untersuchung ist durch sich selbst offenbar.
Aber von Angesicht zu Angesicht jenen verzerrten Abbildern seiner selbst
gegenübergebracht, ist sich selbst der gedankenloseste Mensch eines
gewissen Schreckens bewusst, der vielleicht nicht sowohl Folge des
Abscheus beim Anblick einer scheinbar beleidigenden Caricatur seiner
selbst, sondern dem Erwachen eines plötzlichen und tiefen Misstrauens
zuzuschreiben ist; eines Misstrauens gegen altehrwürdige Theorien und
festgewurzelte Vorurtheile in Bezug auf seine eigene Stellung in der
Natur und seine Beziehungen zu den unteren Schichten des Lebens; und
während dies für den nicht weiter Nachdenkenden eine dunkle Ahnung
bleibt, wird es für alle die, welche mit den neueren Fortschritten der
anatomischen und physiologischen Wissenschaften bekannt sind, ein
weiter, mit den tiefsten Consequenzen beschwerter Beweisgrund.
Ich beabsichtige nun, diesen Beweis anzutreten und in einer auch für
die, welche keine specielle Bekanntschaft mit anatomischer Wissenschaft
besitzen, verständlichen Form die hauptsächlichsten Thatsachen
vorzuführen, auf welche alle Schlussfolgerungen über die Natur und den
Umfang der Beziehungen, welche den Menschen mit der Thierwelt verbinden,
basirt sein müssen; ich werde dann den einen unmittelbar sich daraus
ergebenden Schluss andeuten, der meinem Urtheile nach durch jene
Thatsachen gerechtfertigt wird, und werde zum Schlusse die Tragweite
dieser Folgerung in Bezug auf die Hypothesen erörtern, die bis jetzt
betreffs des Ursprungs des Menschen aufgestellt worden sind.
Obgleich die Thatsachen, auf die ich zunächst die Aufmerksamkeit des
Lesers lenken möchte, von vielen anerkannten Lehrern des Volkes ignorirt
werden, so sind sie doch leicht nachzuweisen und mit Uebereinstimmung
von allen Männern der Wissenschaft angenommen; während andererseits ihre
Bedeutung so gross ist, dass diejenigen, welche sie gehörig erwogen
haben, meiner Meinung nach wenig andere biologische Offenbarungen finden
werden, die sie überraschen können. Ich beziehe mich hier auf die
Thatsachen, welche durch das Studium der Entwicklungsgeschichte bekannt
geworden sind.
Es ist eine Wahrheit von sehr weiter, wenn nicht allgemeiner Gültigkeit,
dass jedes lebende Geschöpf sein Leben in einer Form beginnt, welche
einfacher und von der, die es später annimmt, verschieden ist.
Die Eiche ist ein zusammengesetzteres Ding als die kleine rudimentäre in
der Eichel enthaltene Pflanze; die Raupe ist zusammengesetzter als das
Ei, der Schmetterling zusammengesetzter als die Raupe; und jedes dieser
Geschöpfe durchläuft beim Uebergang von seinem rudimentären zum
vollkommenen Zustand eine Reihe von Veränderungen, deren Summe seine
Entwicklung genannt wird. Bei den höheren Thieren sind diese
Veränderungen äusserst complicirt; im Verlaufe des letzten halben
Jahrhunderts haben aber die Arbeiten von Männern, wie von Baer, Rathke,
Reichert, Bischoff und Remak dieselben fast vollständig aufgeklärt, so
dass die aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände, eines Hundes z. B.,
jetzt dem Embryologen so bekannt sind, wie es die Verwandlungszustände
des Seidenwurmes jedem Schulknaben sind. Es wird von Nutzen sein,
aufmerksam die Natur und Reihenfolge der Entwickelungszustände des
Hundes zu betrachten, als ein Beispiel dieses Vorganges bei höheren
Thieren im Allgemeinen.
Der Hund beginnt, wie alle Thiere, mit Ausnahme der niedersten (und
fernere Untersuchungen werden wahrscheinlich diese scheinbare Ausnahme
noch beseitigen), sein Leben als ein Ei, als ein Körper, der in jeder
Bedeutung ebenso gut ein Ei ist, als das der Henne, aber jene Anhäufung
von nährender Substanz entbehrt, die dem Vogelei seine ausnahmsweise
Grösse und häusliche Brauchbarkeit verleiht; ebenso fehlt ihm die
Schale, die nicht bloss für ein Thier nutzlos wäre, das innerhalb des
Körpers seiner Mutter ausgebrütet wird, sondern demselben auch die
Erlangung der Nahrung unmöglich machen würde, die das junge Geschöpf
bedarf, die aber das kleine Säugethier nicht in sich besitzt.
Das Hundeei ist ein kleines kugliges Bläschen (Fig. 13), aus einer
zarten durchsichtigen Haut, der sogenannten _Dotterhaut_, gebildet und
ungefähr 1/130 bis 1/120 Zoll im Durchmesser. Es enthält eine Masse
zähflüssiger nährender Substanz, den »_Dotter_«, innerhalb dessen ein
zweites noch viel zarteres kugliges Bläschen, das sogenannte
»_Keimbläschen_« (_a_), eingeschlossen liegt. In diesem letzteren
endlich liegt ein mehr solider rundlicher Körper, der sogenannte
»_Keimfleck_« (_b_).
[Illustration: Fig. 13. A. Ein Hundeei, mit geborstener Dotterhaut, so
dass der Dotter, das Keimbläschen (_a_) und der von diesem eingeschlossene
Keimfleck (_b_) ausgetreten ist.
B. C. D. E. F. Aufeinanderfolgende Veränderungen des Dotters, wie im
Text beschrieben wurde (nach =Bischoff=).]
Das Ei oder »Ovum« wird ursprünglich in einer Drüse gebildet, aus der es
sich zur passenden Zeit loslöst und in den lebendigen Behälter eintritt,
der zu seinem Schutze und zu seiner Erhaltung während des längern
Processes der Trächtigkeit eingerichtet ist. Unterliegt es den
erforderlichen Bedingungen, so wird hier dieses äusserst kleine und
scheinbar unbedeutende Theilchen lebender Substanz von einer neuen und
geheimnissvollen Thätigkeit belebt. Das Keimbläschen und der Keimfleck
hören auf erkennbar zu sein (ihr definitives Schicksal ist noch eins
der ungelösten Probleme der Embryologie), der Dotter aber wird am
Umfange eingeschnitten, als ob ein unsichtbares Messer rings um ihn
gezogen worden wäre, und er erscheint nun in zwei Halbkugeln getheilt
(Fig. 13, C).
Durch Wiederholung dieses Vorganges in verschiedenen Ebenen werden diese
Halbkugeln weiter getheilt, so dass vier Segmente entstehen (D); diese
theilen sich weiter und weiter, bis endlich der ganze Dotter in eine
Menge von Körnchen umgewandelt ist, von denen jedes aus einem kleinen
Kügelchen von Dottersubstanz besteht, das ein in der Mitte gelegenes
Körperchen, den sogenannten »_Kern_«, einschliesst (F). Die Natur hat
durch diesen Vorgang dasselbe Resultat erreicht, wie ein menschlicher
Handwerker beim Anfertigen von Ziegeln. Sie nimmt das rohe plastische
Material des Dotters und theilt es in passend geformte, ziemlich
gleichgrosse Massen, fertig in den Aufbau irgend eines Theils des
lebendigen Gebäudes einzutreten.
Zunächst erhält nun diese Masse organischer Bausteine oder »_Zellen_«,
wie sie technisch genannt werden, eine bestimmte Anordnung; sie wird in
ein kugliges Hohlbläschen mit doppelter Wandung verwandelt. Dann tritt
auf einer Seite dieser Kugel eine Verdickung auf, und allmählich
bezeichnet in der Mitte des verdickten Feldes eine gerade, seichte Rinne
(Fig. 14, A) die Mittellinie des zu errichtenden Gebäudes, sie
bezeichnet mit anderen Worten die Lage der Mittellinie des Körpers des
künftigen Hundes. Die diese Rinne zu beiden Seiten einfassende Substanz
erhebt sich dann zunächst in eine Falte, die Andeutung der Seitenwand
jener langen Höhlung, welche später das Rückenmark und das Gehirn
enthält; am Boden dieses Behälters erscheint ein solider zelliger
Strang, die sogenannte »_Rückensaite_«. Das eine Ende der
eingeschlossenen Höhlung erweitert sich zur Bildung des Kopfes (Fig. 14,
B), das andere bleibt eng und wird später der Schwanz; die Seitenwände
des Körpers bilden sich aus den nach abwärts gerichteten Verlängerungen
der Wandungen jener Rinne; und von diesen aus wachsen kleine Knospen
hervor, welche allmählich die Form von Gliedmaassen annehmen. Verfolgt
man diesen Bildungsvorgang Schritt für Schritt, so wird man stark an
einen Bildner in Thon erinnert. Jeder Theil, jedes Organ wird zuerst
gewissermaassen roh angelegt und nur aus dem Rohen skizzirt, dann
sorgfältiger geformt, und erst zuletzt erhält es die Züge, die seinen
definitiven Charakter ausmachen.
Auf diese Weise erhält mit der Zeit das junge Hündchen eine solche
Gestalt, wie die in Fig. 14, C dargestellte. Auf diesem Zustande hat es
einen unverhältnissmässig grossen Kopf, der dem Kopfe eines Hundes so
ungleich ist, wie die knospenartigen Gliedmaassen den Beinen des Hundes
ungleich sind.
[Illustration: Fig. 14. A. Früheste Anlage des Hundes. B. Anlage weiter
vorgeschritten, die Grundlage des Kopfes, Schwanzes und der Wirbelsäule
zeigend. C. Das ganz junge Hündchen, mit den befestigten Enden des
Dottersacks und der Allantois, und vom Amnios umhüllt.]
Die Ueberbleibsel des Dotters, die nicht auf die Nahrung und das
Wachsthum des jungen Thieres verwandt wurden, sind in einen Sack
eingeschlossen, der am rudimentären Darm befestigt ist und Dottersack
oder »_Nabelbläschen_« genannt wird. Zwei häutige Blasen, beziehentlich
zum Schutze und zur Ernährung des jungen Geschöpfes bestimmt, haben sich
von der Haut und von der untern und hintern Fläche des Körpers aus
entwickelt; die erstere, das sogenannte »_Amnios_«, ist ein mit
Flüssigkeit gefüllter Sack, der den ganzen Körper des Embryo umhüllt und
die Rolle einer Art von Wasserbad für ihn spielt; die andere,
»_Allantois_« genannt, wächst, Blutgefässe tragend, von der Bauchgegend
aus und legt sich später an die Wandung des Hohlraumes, in dem der sich
entwickelnde Organismus enthalten ist, hierdurch jene Blutgefässe zu den
Canälen machend, durch welche der Nahrungsstrom, der die Bedürfnisse des
Jungen zu decken bestimmt ist, ihm von der Mutter geliefert wird.
Das Gebilde, welches sich durch die Verschlingungen der Blutgefässe des
Jungen mit denen der Mutter bildet und mittelst dessen das erstere in
den Stand gesetzt wird, Nahrung zu erhalten und verbrauchte Stoffe zu
entfernen, wird »Placenta« oder Mutterkuchen genannt.
Es wäre langweilig und für meinen gegenwärtigen Zweck unnöthig, den
Fortschritt der Entwickelung weiter zu verfolgen; es genüge zu sagen,
dass das hier beschriebene und abgebildete Rudiment durch eine lange und
allmähliche Reihe von Veränderungen ein Hündchen wird, geboren wird und
dann durch noch langsamere und weniger auffallende Schritte in einen
erwachsenen Hund sich verwandelt.
Es besteht keine auffallende Aehnlichkeit zwischen einem Haushuhn und
dem Hunde, der den Meierhof beschützt. Nichtsdestoweniger findet der,
welcher die Entwickelung studirt, nicht bloss, dass das Hühnchen sein
Leben als Ei beginnt, das ursprünglich in allen wesentlichen Beziehungen
mit dem des Hundes identisch ist, sondern dass der Dotter einer Theilung
unterliegt, dass sich die primitive Rinne bildet und dass die hieran
stossenden Theile des Keimes, in genau ähnlicher Weise, in ein Hühnchen
umgebildet werden, welches auf einem Zustande seiner Existenz dem
werdenden Hunde so gleich ist, dass eine gewöhnliche Betrachtung die
beiden kaum unterscheiden kann.
Die Entwickelungsweise irgend eines andern Wirbelthieres, einer
Eidechse, Schlange, eines Frosches oder Fisches erzählt uns dieselbe
Geschichte. Ueberall findet sich als Ausgangspunkt ein Ei mit derselben
wesentlichen Structur wie das des Hundes: der Dotter dieses Eies
erleidet überall eine Theilung, oder Segmentation, Furchung, wie es auch
oft genannt wird; die letzten Producte dieser Theilung bilden die
Baumaterialien für den Körper des jungen Thieres; und dieser wird um
eine primitive Rinne angelegt, in deren Grunde sich eine Rückensaite
entwickelt. Ferner giebt es eine Periode, auf welcher sich die Jungen
aller dieser Thiere einander ähnlich sind, nicht bloss in äusserer Form,
sondern in allen wesentlichen Stücken ihres Baues, und zwar so sehr,
dass die Verschiedenheiten nur unbeträchtlich sind, während sie sich in
ihrem weitern Verlaufe immer weiter und weiter von einander entfernen.
Und es ist ein allgemeines Gesetz, dass, je mehr sich irgend welche
Thiere in ihrem erwachsenen Bau einander ähnlich sind, desto länger und
eingehender sich ihre Embryonen gleichen, so dass z. B. die Embryonen
einer Schlange und einer Eidechse länger einander ähnlich bleiben, als
die einer Schlange und eines Vogels; und die Embryonen eines Hundes und
einer Katze bleiben einander eine längere Zeit ähnlich, als die eines
Hundes und eines Vogels, oder die eines Hundes und einer Beutelratte,
oder selbst als die eines Hundes und eines Affen.
Auf diese Weise bietet das Studium der Entwickelung einen deutlichen
Beweis von der Nähe der Verwandtschaft im Bau dar, und wir wenden uns
mit Ungeduld zu der Untersuchung, was für Resultate das Studium der
Entwickelung des Menschen aufweist. Ist er etwas Besonderes? Entsteht er
in einer ganz andern Weise als ein Hund, Vogel, Frosch und Fisch, giebt
er damit denen Recht, welche behaupten, er habe keine Stelle in der
Natur und keine wirkliche Verwandtschaft mit der niedern Welt
thierischen Lebens? Oder entsteht er in einem ähnlichen Keim,
durchläuft er dieselben langsamen und allmählichen progressiven
Modificationen, hängt er von denselben Einrichtungen zum Schutz und zur
Ernährung ab und tritt er endlich in die Welt mit Hülfe desselben
Mechanismus? Die Antwort ist nicht einen Augenblick zweifelhaft, und ist
für die letzten dreissig Jahre nicht zweifelhaft gewesen. Ohne Zweifel
ist die Entstehungsweise, sind die früheren Entwickelungszustände des
Menschen identisch mit denen der unmittelbar unter ihm in der
Stufenleiter stehenden Thiere: -- ohne allen Zweifel steht er in diesen
Beziehungen den Affen viel näher, als die Affen den Hunden.
Das menschliche Ei ist ungefähr 1/125 Zoll im Durchmesser und kann mit
denselben Worten beschrieben werden wie das des Hundes, so dass ich nur
auf die zur Erläuterung seines Baues gegebene Figur (15, A) zu verweisen
habe. Es verlässt das Organ, in dem es gebildet wurde, in einer
ähnlichen Weise und tritt in die zu seiner Aufnahme vorbereitete Kammer
in derselben Weise ein, da eben die Bedingungen zu seiner Entwickelung
in jeder Hinsicht dieselben sind. Es ist bis jetzt nicht möglich gewesen
(und es kann nur durch einen seltenen Zufall je möglich werden), das
menschliche Ei auf einem so frühen Entwickelungszustand wie dem der
Dottertheilung zu untersuchen, es ist aber Grund zu dem Schluss
vorhanden, dass die Veränderungen, die es erleidet, mit denen identisch
sind, die die Eier anderer Wirbelthiere darbieten; denn das
Bildungsmaterial, aus dem der rudimentäre menschliche Körper
zusammengesetzt wird, ist auf den frühesten Zuständen, die bis jetzt zur
Beobachtung kamen, dasselbe wie das anderer Thiere. Einige dieser
frühesten Zustände sind in Fig. 15 abgebildet, und sie sind, wie zu
sehen ist, den sehr frühen Zuständen des Hundes genau vergleichbar; die
merkwürdige Uebereinstimmung zwischen den beiden, welche mit dem
Fortschritt, der Entwickelung selbst noch eine Zeit lang aufrecht
erhalten wird, springt sofort in die Augen bei einer einfachen
Vergleichung der Figuren mit denen auf Seite 71.
Es dauert in der That lange, ehe der Körper des jungen menschlichen
Wesens von dem des jungen Hündchens leicht unterschieden werden kann;
schon in einer ziemlich frühen Periode aber werden sie beide durch die
verschiedene Form ihrer Anhänge unterscheidbar, des Dottersacks und der
Allantois. Der erstere wird beim Hunde lang und spindelförmig, während
er beim Menschen kugelig bleibt; die letztere erreicht beim Hunde eine
ausserordentlich bedeutende Grösse, und die Gefässfortsätze, welche sich
von ihr aus entwickeln und später die Grundlage zur Bildung der Placenta
geben (gewissermaassen im mütterlichen Organismus Wurzel fassend, um aus
ihm Nahrung aufzunehmen, wie die Wurzeln eines Baumes aus dem Boden
Nahrung aufnehmen), werden in einer ringförmigen Zone angeordnet,
während beim Menschen die Allantois verhältnissmässig klein bleibt und
seine Gefässwürzelchen später auf einen scheibenförmigen Fleck
beschränkt bleiben. Während daher die Placenta eines Hundes wie ein
Gürtel ist, hat die des Menschen eine kuchenförmige Gestalt, woher auch
ihr Name rührt.
[Illustration: Fig. 15. A. Menschliches Ei (nach Kölliker).
a. Keimbläschen, b. Keimfleck.
B. Sehr früher Entwickelungszustand des Menschen mit Dottersack,
Allantois und Amnios (Original).