im Amerikanerlande.
Die folgende Geschichte ist aus dem Archive von Toffelsville gezogen,
welches Archiv von den wißbegierigen Reisenden bis auf den heutigen Tag in
besagtem Toffelsville _No. I_, der Residenz von Barthel Bärenhäuter, dem
ehelichen Descendenten von Christoph Bärenhäuter, eingesehen werden kann
und mag. Wir referiren zu den zwei letzten Seiten der Familienbibel, unter
welcher das besagte Archiv verstanden ist, und welche Familienbibel, 1618
zu Nürnberg gedruckt (demselben Jahre, in welchem der famöse dreißigjährige
Krieg ausgebrochen), schon durch ihr respectables Ansehen und ihre Schwere
(sie ist mit messingnen Klappen, man könnte sagen, in Erz eingebunden)
jeden leichten Zweifel niederzuschlagen vollkommen geeignet ist.
Die Quellen unserer Geschichte sind daher über jeden Verdacht erhoben, und
ihre Authenticität wird noch mehr durch den Umstand erhöht, daß ein Extrakt
von dem mehrerwähnten Archive seinen Weg, durch welche Mittel, ist
uns unbekannt, in das Magazin eines westlichen Predigers[10], nun
bedauerlichermaßen verblichen, gefunden hat. Wir sagen bedauerlichermaßen,
weil der besagte achtbare Prediger in diesem seinem verblichenen Magazin
und andern Schriften, unter denen wir nur die westliche Geographie nennen,
ein Licht über die Entstehung und den Fortgang der Niederlassungen
jenseits der Alleghanygebirge verbreitet hat, das mehr Belehrung über diese
interessanten Staaten gewährt und gründlichere Forschungen enthält, als die
fünfhundert Reisebeschreibungen sämmtlicher Europäer zusammen genommen,
die unserm Lande und dessen Bewohnern die Ehre erwiesen, dieselben zu
schildern, nicht wie sie sind, sondern wie sie beide gerne haben möchten,
um ihren respectiven Allerhöchsten Patronen und deren loyalen Unterthanen
weniger Herzklopfen zu verursachen.
[10]: Flint, der zehn Jahre Prediger im Missisippithale gewesen.
Erstes Capitel.
Wie Christophorus Bärenhäuter und Jemima O Dougherty zwei rothe Kolben
gezogen.
Ja, theurer Leser, solltest du ihrer einst überdrüssig werden, dieser
unruhigen, revolutionairen, reformirenden, protokollirenden Welt, dann
gehe hin und lasse dich nieder in dem gesegneten Toffelsville, diesem
lieblichsten aller Dörfchen -- Stadt sollte ich sagen[11], mit seinen
fünfzehn Häusern, zerstreut über einen Flächenraum von etwa zwei Meilen,
und seinen blauäugigen Blondinen, die alle, du siehst es im ersten
Augenblick, einem und demselben Großpapa angehören. Es ist ein bischen weit
hin, lasse dich jedoch dieß nicht anfechten, wo es sich um die Ruhe deiner
Tage handelt. Wir mögen so gerne freundliche, ruheliebende Gesichter um uns
her sehen; und um dir zu beweisen, wie sehr wir dein Wohl am Herzen tragen,
so wollen wir dir eine Beschreibung dieses lieblichen Toffelsville mit
auf den Weg geben, und zum Ueberflusse die Geschichte ihres Gründers
Christophorus Bärenhäuter obendrein.
[11]: =Stadt sollte ich sagen=, eine Anspielung auf die
amerikanische Gewohnheit, selbst das kleinste Oertchen Stadt zu
nennen.
* * * * *
Es ist nicht hundert Meilen vom Zusammenflusse des Alleghany und des
Monongehala eine paradiesische Flußniederung, oder, wie wir es in der
Landessprache nennen, ein Bottom, auf allen Seiten vom Flusse und den
Flußbergen eingeschlossen. So malerisch springen diese in den _belle
rivière_, wie die _Messieurs les Français_ den Ohio bekanntermaßen tauften,
als ob sich die Natur in einem ihrer wunderlichen Einfälle recht so
vorgenommen hätte, hier dem Müden ein trauliches, Menschenhändeln
unerreichbares Versteck aufzubauen. Die Rücken und Anhöhen der sanft
sich wölbenden Berge sind bekleidet mit einem üppig frischen Wuchse
hundertjähriger Sycamores[12], Buchen, Wallnußbäume und Akazien, alle
verwoben durch die wilde Rebe, die so einen deliciös duftenden meilenlangen
Baldachin bildet. Im Vordergrunde wälzen die beiden erwähnten Flüsse, in
den Ohio vereinigt, ihre ruhigen Gewässer gleich Zwillingsschwestern dahin,
mit hie und da einem Boote, das sanft auf seiner Oberfläche fortgleitet,
oder einem Dampfschiffe, das pfeilschnell hinfliegt, und alle die wilden
Bewohner der Buchten, Gänse und Enten, in Schwärmen aus ihren, von einer
Thränenweide oder einem Sycamore überschatteten Verstecken aufjagt. Bloß
ein einziger Pfad führt zur Oberwelt, auf dem man in sanften Windungen zum
Hochlande gelangt, wo Engländer und Irländer, und Deutsche und Schotten,
und alle Sorten und Abarten sich diese sechszig Jahre zusammengenistet,
geheirathet und wieder geheirathet, und so in eine republikanische Brut
sich verschmolzen haben, so ruhig, so friedliebend, als wenn sie das _sine
qua non_ eines loyalen Berliners: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht, statt
ihrer zehn Gebote adoptirt hätten.
[12]: =Sycamores=, Plantanen.
Wenn wir den Ausdruck gebrauchen, »in eine republikanische Brut
verschmolzen,« so wollen wir dadurch nicht bedeuten, daß aller
Stammunterschied bereits gänzlich aufgehört, und die ganze Sippschaft
gleichsam wie durch den Schmelztiegel in ein Totum gebracht sei; nein,
einen solchen prinziplosen oder, deutsch zu reden, allen Grundsätzen
schnurstracks zuwiderlaufenden Wankelmuth lassen wir uns nimmermehr zu
Schulden kommen, und du magst noch immer, lieber Wanderer, wie oben gesagt,
den Schattirungen dieses multifariösen Ursprunges beim ersten Anblicke auf
die Spur kommen. Das deutsche Kindeskind hält noch immer fest zu seinem
Sauerkraut, zieht noch immer sein Blockhaus[13], rauh und schlicht wie
er selbst, dem elegantern _framehouse_[14] vor; die Lieblingsfarbe seines
breitschößigen Rockes ist noch immer hellblau; Strümpfe desgleichen,
mit hochrothen Zwickeln; auf seinen runden Schuhen prangen unverrückt an
Wochentagen seine messingenen, am Sonntage die Silberschnallen, mit dem
dato _A. D._ 1700 verziert, und seine Söhne wandeln, wie früher ihre Väter,
in bocksledernen gelben oder gelb gewesenen Inexpressibles einher, am Knie
mit ledernen Riemen zugebunden.
[13]: =Blockhaus=, ein aus gezimmerten Baumstämmen aufgeführtes
Haus.
[14]: =_framehouse_=, buchstäblich ein Gerüsthaus; das Gerüste
ist nämlich von Holz und die Wände sind mit Kalk und Steinen
ausgefüllt.
Die Tyrannin Mode, oder, wie wir sie nennen, Fashion, hat hier nur wenig
Gelegenheit gefunden, ihr Reich zu erweitern, und ein simpler Stroh- oder
Seidenhut, mit einer noch simplern, selbstfabrizirten -- Robe läßt sich so
ein Ding unmöglich nennen -- sind alle die Netze, in denen die klugen Väter
es den Fräuleins gestatten, ihre ländlichen Beaus einzugarnen.
Trotz des verstockten Widerstandes dieser starrköpfigen Deutschmänner
einer-, und des schnellen Fortschreitens ihrer anglo- und
hiberno-amerikanischen Mitbürger andererseits, leben doch die verschiedenen
Parteien in vollkommenem Einverständnisse; ja, diese Verschiedenheiten
tragen vielleicht nicht wenig bei, ihrem ganzen Leben und Weben einen
gewissen Reibereiz, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu geben, der
nirgends schärfer und angenehmer hervortritt, als bei ihren Lustbarkeiten,
gemeinhin _frolics_ genannt, zu denen sie sich nichts weniger als ungerne
herbeilassen, um eine halbe, und zuweilen auch eine ganze Nacht hindurch
sich ganz artig herumzutummeln, und dann einen halben Monat eben so artig
darüber Glossen zu machen, just wie wir es im _haut-ton_ auch thun.
Viel ließe sich über diese _frolics_, zu deutsch Lustbarkeiten, sagen;
für jetzt können wir jedoch in kein näheres Detail dieser wichtigen
Angelegenheiten eingehen. Eine derselben jedoch dürfen wir nicht mit
Stillschweigen übergehen, zumalen dieselbe so innig mit unserer Relation
verbunden und gewissermaßen ein Hauptbestandtheil derselben, ja noch mehr,
der Grund und die Veranlassung zu dem von uns zu referirenden Begebniß
ist. Wir sagen, zu referirenden Begebniß; denn unsere Autorität ist keine
geringere Personnage, als einer der werthen Abkömmlinge unseres Helden,
und unser Bericht daher ganz so authentisch, wie es Tausende unserer
offiziellen Berichte nur immer sein können.
Die _frolic_, die wir näher zu beschreiben gedenken, ist eine _vulgo
Cornhusking-frolic_[15] genannt.
[15]: =_Cornhusking-frolic_=, Wälschkornaushülsensfröhlichkeit,
wird auf dem Lande durchgängig gefeiert. Die Nachbarn vereinigen
sich und hülsen gemeinschaftlich aus; häufig beschließt ein Tanz
die Arbeit.
Aber was ist eine Korn-, oder, deutlicher zu reden, eine
Wälschkornhülsensfrolik? Nichts über eine klare, richtige Definition; sie
ist die Seele der Logik, und diese der Philosophie, wie weltbekannt. Nun
denn, eine _Cornhusking-frolic_ ist eine Versammlung von jungen Bürgern
dieser unserer vereinten Staaten, und, nicht zu vergessen, Bürgerinnen, die
zusammenkommen, um das Korn auszuhülsen. -- Du magst sie, lieber Leser, an
schönen, heitern Herbstabenden sehen, wie sie von allen vier Weltgegenden
her einem Punkte zuströmen, über Zäune, und die sind wahrlich bei uns kein
Kinderspiel, wegsetzen, durch Busch und Hecken dringen, und schließlich aus
der Wildniß hervorbrechen, mit Backen roth wie der Vollmond, der so eben
seine Dunstatmosphäre verläßt, um dann einander die Hände zu schütteln, daß
die Gelenke krachen, und sich ganz ruhig unter und vor dem Dachvorsprunge
nieder zu lassen, im Vordergrunde einen Berg von Wälschkornkolben und
im Hintergrunde den alten Bambo, der die Festivität mittelst seiner
musikalischen Bestrebungen zu krönen bestimmt ist, bis jetzt sich aber noch
auf der Ofenbank einem etwas lauten Schlafe überläßt.
Und nun, lieber Leser, beliebe alle diese verschiedenen Umstände deinem
Gedächtnisse, und noch besser, deiner Phantasie einzuprägen, und du wirst
ein _point de vue_ haben, von welchem dir unsere Relation nicht nur klar
und verständlich, sondern selbst unbezweifelt und unwiderlegbar erscheinen
wird.
»Es ist,« so beginnt meine authentische Quelle, »wohl an die vierzig
Jahre, daß ein Kornhülsen in dieser Niederlassung, und zwar bei Jockel
Blocksberger, abgehalten wurde. Der jungen Leute gab es damals noch
nicht so vollauf, wie in diesen unsern fabrizirenden Tagen, und um ein
respectables Kornhülsen zu feiern, hatten die Jungens und Mädchen einen
Weg von fünf und mehr Meilen zu laufen.« Bei dieser Gelegenheit, versichert
unser Dokument und Informant (denn wir haben beides, mündliche und
schriftliche Ueberlieferungen), liefen sie wirklich diesen langen Weg, und
viele noch weiter.
»Unter denen, die in Folge geschehener Vorladung sich an diesem Abende
einfanden, waren ihrer vorzüglich zwei, die mit nicht geringer Ungeduld
erwartet und mit großer Freundlichkeit begrüßt wurden. Das erste dieser
ungeduldig erwarteten Individuen war eine frische irische Miß, mit dem
sonoren Namen Jemima O Dougherty, ein rundes, liebes Ding, so lebendig
und so schelmisch, als je eines seit Menschengedenken in den Hinterwäldern
kokettirte, mit einem schalkhaften Gesichtchen, lieblich von Rosen
angehaucht, einem Schwanennacken und Busen, der schreckliche Herzklopfen
und selbst Wehen verursachte, graublauen Augen, die ihre Pfeile weit
richtiger abschossen, als der berüchtigte Tecumseh[16] seine Kugeln, nicht
zu erwähnen einer kleinen Habichtsnase, ein bischen aufgestutzt, die eine
große Portion irischer Lebensklugheit, und eine noch größere irischer
Keckheit und Starrsinnes vermuthen ließ, wie diejenigen, so das Glück
hatten, mit ihr in nähere Berührung zu kommen, ziemlich vernehmlich
zu wispern pflegten. Ihren eigenen leiblichen Vater, den alten Davy
O Dougherty, kupfernasigen Andenkens, sah man oft und bedenklich den Kopf
schütteln. Armer Tropf! Wohl hatte er vollwichtige Ursache dazu, er, der
alle die Tage und Stunden seit seiner gesegneten Einsegnung mit seiner
Ehehälfte, einer Flaherty, Pantoffelheld gewesen, wie es ein Katholik in
der grünen Insel nur immer sein konnte; der gute Mann hatte jedoch dieses
Pantoffelregiment mit wahrhaft christlicher Geduld ertragen. Armer Narr! er
tröstete sich immer, sein Beugen unter den Pantoffel seiner Ehehälfte
würde ihm zu einigem Verdienste in Anbetracht der Unmöglichkeit angerechnet
werden, in dem er sich erwiesenermaßen befand, den Pantoffel Sr.
Heiligkeit, dieses Desideratum jedes frommen Katholiken, zu küssen. Wie
dem auch sei, der Geschichten und Geschichtchen auf seine Unkosten gab es
viele; da wir es aber unter unserer Würde halten, Geschichten von
einem alten armen irischen Teufel zu erzählen, so wollen wir sie mit
Stillschweigen um so mehr übergehen, als Gegenstand derselben den Weg alles
Fleisches gegangen. Ja, armer Narr, er ist im Schooße Abrahams oder sonst
irgendwo, diese vielen Jahre. Eines seiner Sprichwörter können wir jedoch
nicht umhin zum Frommen aller Ehemänner zu erwähnen, die in einem ähnlichen
Prognosticon sich befinden. Oft hörte man ihn klagen, daß sein Weib
halsstarriger geworden, sobald sie den Fuß auf den Boden der Vereinigten
Staaten gesetzt, und daß dieses Land der Freiheit ein wahrer Himmel für
Weiber, ein Fegefeuer für Liebhaber, und die Hölle selbst für Ehemänner und
Pferde sei.
[16]: =Tecumseh=, der berühmte Häuptling der Shawneese-Indianer.
Doch kehren wir wieder zu unserer Miß Jemima O Dougherty zurück.
Besagtermaßen war sie ein wohlgemachtes, niedliches Ding, zum Verlieben
just recht; nicht ganz so geduldig wie Job, aber eben so arm; doch
trotz des Defektes zeitlicher Güter wußte Jemima O Dougherty es immer
so einzurichten, daß sie zu großem Vortheile, ja zu solchem Vortheile
erschien, als selten verfehlte Eindruck zu machen, und, was mehr sagen
will, alle die Nuancen ihres Habillement waren richtig und immer, trotz
gerümpfter Nasen und scheelsüchtiger Blicke, bisher nachgeahmt worden.
Sie war ohne Widerrede die _fashionable belle_, und, zu ihrem Ruhme sei es
gesagt, sie hielt sich auf ihrem kritischen Posten mit mehr Umsicht, als
mancher Premier oder Souverain sich auf dem seinigen.
Bei gegenwärtiger Gelegenheit, sagt unsere Quelle, war sie angethan mit
einem bezaubernden Negligee von geflammtem Callico, ein grünseidenes
Tüchlein um den besagten Schwanenhals und Busen geschlungen, so züchtig und
zugleich so liebreizend, als nicht fehlen hätte können, kritischeren Beaus
gefährlich zu werden, als die waren, welchen die Ehre ihrer Gesellschaft
für besagten Abend zu Theil werden sollte.
Dieß denn war die erste Hauptperson. Die andere war ein Mister
Christophorus Bärenhäuter, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, der
reiche Toffel, ein Junge, sechs Fuß, sechs Zoll hoch, dem Anscheine nach
etwas lose in seinen Gliedmaßen und ungeschlacht, aber zäh, ledern und
nervig, trotz Einem; langsam in jedem seiner Schritte, mit einem Vacuum
in seinem Gesichte, und einem Maule, das einer holländischen Yacht auf ein
Haar glich. Nebst diesen körperlichen Vorzügen -- und sie waren nicht zu
verachten, da er der Mann war, in offenem ehrlichen Kampfe irgend einen
durchzubläuen, er mochte nun englisch, irisch, schottisch oder deutsch
sein, -- besaß Toffel Bärenhäuter einen lieblich anzuschauenden Hof von
dreihundert Ackern, die obenerwähnte Ohio-Thalweite, mit einer steinernen
Scheuer, grünen Jalousien und einem roth angestrichenen Schindeldache. Zwar
war sein Wohnhaus nur aus gehauenen Baumstämmen ausgeführt, vierzig
Fuß lang, bei vier und zwanzig breit: aber die Umgebungen waren um so
gewichtiger, nämlich fünf Schweineställe, zwei Wälschkornbehälter, ein
steinernes Wasserhaus -- wir halten es für unerläßlich, in unserm Inventar
genau zu sein -- und vier Hühnersteigen. Das war jedoch nicht Alles;
sein verstorbener Vater hinterließ ihm nebst den erwähnten Immobilien
verschiedene Mobilien, und unter diesen zwei gewaltige Truhen, blau bemalt,
mit einem weißen, roth eingefaßten, blumenverzierten Quadrate auf dem
Deckel, enthaltend die Inschrift _A. D._ 1684. Beide Erbstücke waren
herübergebracht vom Schwarzwalde, und mit so vielen Stücken Leinwand
angefüllt, daß leicht die ganze Niederlassung mit hanfener Wäsche hätte
versehen werden können, nicht zu gedenken einer Varietät von Röcken, die
sich gleichfalls in diesem Reservoir befanden. Was wir jedoch vorzüglich
berichten müssen, sind zwei wollgestrickte Strümpfe, an der Ferse
abgeschnitten, mit ledernen Riemen an beiden Enden zugebunden, und doppelt
so viele spanische Dollars enthaltend, als er Acker sein nannte.
Diese collateralen Umstände zusammengenommen, so war Christophorus
Bärenhäuter, man wird eingestehen, keine so ganz unwichtige Personnage, so
wenig, daß er von den sorgsamen Müttern, nicht allein der Niederlassung,
sondern des ganzen Townships[17], für die beste Partie angesehen wurde.
Langsam und unbeholfen, als er war, eine deutsche Erbsünde allem Vermuthen
nach, so fühlte er seine Wichtigkeit, und wenn er auf seinem Grauschimmel
bei einer _Farm_[18] vorbeitrabte, es war ein Thier volle achtzehn Faust
hoch, ein deutsches Lied sich pfeifend, der _Yankee-Doodle_ war damals noch
nicht in Aufnahme, dann schlug manches Blondinenherz lauter, und ihre Augen
schwammen beim Anblicke Toffels und seines gewaltigen Streithengstes, und
der unausbleiblichen Ideenassociation von seinen Aeckern und Rindern und
den zwei gewichtigen Strümpfen.
[17]: =_Township_=, Stadtbezirk.
[18]: =_Farm_=, Hof, Freigut.
Dieß waren denn gewissermaßen die zwei Hauptpersonen des oft erwähnten
Kornhülsens, zu dessen weiterer Beschreibung wir unverzüglich zu schreiten
gedenken.
Es fügte sich nämlich, daß Jemima an die Seite Toffels zu sitzen kam.
Wie dieß sich zutrug, darüber ist unsere Urkunde nicht im Reinen; so viel
scheint uns jedoch gewiß, daß er an diesem Zu- oder Unfalle nicht Schuld
war. Er war nämlich, wie wir bereits bemerkt, ein ziemlich großschlächtiger
Geselle, und da die Bänke, auf welchen die respectable Partie sich
niedergelassen, nichts weniger als bequem waren, so nahm er seinen Posten
auf einem Hickorystumpen. Jemima nun ließ sich dicht an seiner Seite
nieder, zweifelsohne aus dem modesten Grunde, durch seine Hoheit vor den
heillosen Jungen verborgen zu werden. Ein ordentliches Mädchen wird und
soll diese kitzlichen Gesellen ferne halten, und Jemmy war ein solches
ordentliches Kind, und sie hielt diese Zierbengel denn ferne, ei, und das
mit all ihrer Macht. Toffel nun saß gleich einem ruhigen friedfertigen
Bürger dieser unserer Vereinten Staaten, Wälschkornkolben aushülsend,
seines gewaltigen Rosses und anderer Rosse, seiner Rinder und Strümpfe, und
tausend anderer Dinge gedenkend, ausgenommen seiner niedlichen Nachbarin.
Dieß will jedoch nicht sagen, als ob diese Nachbarin auf ihn gedacht hätte;
nein, bestimmt hatte Jemmy O Dougherty keine derlei sündhaften Reizungen.
Ein christliches Gemüth, wie das ihrige, wird aber immer Mittel und Wege
finden, ihre Absichten ehrbar durchzusetzen, und einem jungen Manne, wie
Mister Christophorus Bärenhäuter, ihren Antheil durch eine jener tausend
Aufmerksamkeiten zu beweisen, die zartfühlende Seelen mit einem solchen
Takte und immer zur gehörigen Zeit anzubringen wissen, und die deshalb
selten, oder nie ihre Wirkung verfehlen. Unsere Irin nun war ein derlei
zartgestimmtes Wesen, und sie häufte daher eine gewaltige Menge von Kolben
mit reger, freundlicher Hand vor ihrem Nachbar auf, so daß er, groß und
ungeschickt als er war, nur seine langen Hände auszustrecken brauchte, um
sie gemächlich auszuhülsen. Nun, war das nicht von der lieben Nachbarin
artig? und sollte Toffel dafür nicht billig seine Erkenntlichkeit an den
Tag gelegt haben? Es ist ja sonnenklar; Toffel hingegen hatte weder Augen
noch Ohren für die freundliche Hand, und fuhr fort auszuhülsen, und da
er ein flinker Bursche in aller Arbeit war, so verminderte sich der
Wälschkornhügel zusehends, und er war wieder bemüßigt, sich zu biegen und
zu strecken, was denn für einen sechs Fuß sechs Zoll langen Deutschen keine
ganz erbauliche Affaire ist. Wieder fühlte Jemmy für den armen Nachbar, und
obgleich ihre helfende Hand für die Mühe, die sie so großmüthig auf sich
genommen, mit keinem Drucke belohnt, ja, sie keines Blickes gewürdigt
worden war, so thürmte sie doch einen zweiten Hügel mit einer so reizenden
Beweglichkeit auf, versichert meine Autorität, als jedermann entzückt
haben müßte, der -- Augen hatte. Toffel jedoch hatte keine Augen, und saß
unbekümmert und unbewußt auch bei diesem zweiten Sukkurse, und wieder fuhr
er fleißig mit dem Aushülsen fort, und wieder verschwand der Haufen, und
wieder hatte er sich zu biegen; aber jetzt ließ man ihn lange sich biegen,
ehe man sich seiner Mühseligkeit und Trübsal erbarmte. Und doch, gute
Seele! konnte sie in die Länge nicht ihrem edlen Herzen widerstehen, und
zum drittenmale kauerte sie sich herab, und sammelte ein paar Dutzend
Kolben in so bezaubernder Art in ihre Schürze, und dann wieder auf einen
Haufen vor ihn hin, daß kaum zu widerstehen war; aber doch mit all ihrer
Grazie, verlaßt euch darauf, würde sie wieder dem Blicke des dickköpfigen
Deutschen entgangen sein, wenn nicht ihr Auge, gerade wie sie sich so
zierlich hin und her wand, dem Toffel begegnet wäre, und das ihrerseits,
sagten einige böse Zungen, so ausdrucksvoll und sprechend, daß er die
seinigen zum erstenmale weit aufthat, ein sicheres Zeichen, daß er sie
endlich gesehen hatte.
Ich glaube nun meine Leser warnen zu müssen, daß sie nicht eine Reihe von
Komplimenten und, was noch schlimmer ist, verstohlene Blicke und furchtsam
verschämte Augensprache erwarten; nein, Toffel fuhr fort, sein Korn
auszuhülsen, dann und wann einen Schluck Whisky, und darauf einen
andern kühlenden Quellwassers zu sich zu nehmen. Nun, war das nicht ein
langweiliger Geselle? Kein einziges Wort zu seiner lieblich wohlthuenden
Nachbarin zu sprechen! War es ein Wunder, daß sie müde wurde, der Trägheit
eines so unempfindlichen Klotzes weitern Vorschub zu leisten? Gewiß nicht.
So denn, als der dritte Haufe ausgehülset war, bekümmerte sich Jemmy um
Toffel Bärenhäuter nicht weiter, sondern bloß um ihr eigenes Geschäft,
sammelte ein Dutzend Kolben in ihre Schürze, und ließ Toffel Toffel sein.
Edle Jemmy! wie wenig kanntest du deine Herzensgüte? Du hattest nie einen
Roman gelesen, also deine Seele hatte sich nie in den Gemüthern Anderer
abgespiegelt, und so warst du gänzlich unbekannt mit dem zarten Gewebe
geblieben, das Nächstenliebe in dein Inneres gewoben hatte. Du konntest den
langen Toffel zwar für einige Minuten mit ansehen, wie er sich abmühte
und bog und bließ, aber länger konntest du es nicht aushalten. Erweichend
schobst du ihm ein paar Ohren von deiner Schürze in die Hand, und fuhrst
fort, ihn so einige Zeit zu unterstützen. Dieß konnte jedoch nicht ewig
währen; wer sollte es nicht müde werden, für einen so Undankbaren eine
doppelte Last auf die Schultern zu nehmen, und besonders ein Mädchen wie
unsere Irin, die, wie alle ihre Schwestern, keine der geduldigsten war? So
wurde denn diese Espece von Unterschleifen auch seltener und seltener, und
Jemmy begnügte sich, mit einem nachlässigen Winke Toffel auf ihre Schürze
hinzuweisen. Sonderbar, sagt unser Dokument, Toffel, der bisher statt
zweier ausgehülset hatte -- die Jungens trieben es auch gar zu arg mit den
armen Kindern -- Toffel fing plötzlich an inne zu halten, ja, das Dokument
deutet nicht undeutlich darauf hin, daß seine zulangende Hand ziemlich
lange Zeit gebraucht, um den gar nicht langen Weg von benannter Schürze
zurückzulegen. Wie dem auch sei, Toffel fing an, sich ziemlich wohl
zu befinden, und häufiger denn zuvor einen Schluck zu nehmen, als das
neidische Geschick ihn auch dieses Trostes zu berauben drohte.
Es waren nämlich zwischen den übrigen Gliedern der Gesellschaft schon seit
längerer Zeit Blicke gewechselt und Worte geflüstert worden, die gar
nicht zur Sache gehörten, und eine ungebührliche Einmischung in die Rechte
unserer zwei Individuen nicht undeutlich verriethen, eine Einmischung, die
einem so zartlieblichen Wesen, wie unserer Jemima, so bewußt ihrer reinen
Absichten, gar nicht angenehm sein konnte.
Arme Jemmy, wie bedauern wir dich! Nicht genug, deine edlen Hülfsleistungen
den halben Abend hindurch an einen unempfindlichen Staarblinden weggeworfen
zu haben, hast du auch noch den Undank, für deine Bemühungen scheelsüchtig
angesehen zu werden. Doch Geduld, das Schicksal selbst wird bald zeigen,
auf welcher Seite Recht und Gerechtigkeit ist.
Das Kornaushülsen hatte schon geraume Zeit gedauert, und ein paar Stunden
waren wie Minuten verflogen, als das Schicksal es haben wollte, daß die
beiden Nachbarn zugleich einen rothen Kolben zogen. Nun sei es kund und zu
wissen gethan, daß es der hochlöbliche Gebrauch in diesen unsern Vereinten
Staaten ist, daß zwei rothe Kolben, gezogen und ausgehülset von zwei
Individuen, qualificirt wie Jemima O' Dougherty und Christophorus
Bärenhäuter waren, daß ein solcher Zug dem Stärkern das Recht ertheilt,
dem Schwächern nichts mehr noch weniger, als einen Kuß zu geben, oder, nach
Umständen, auch zu nehmen. Christophorus Bärenhäuter hatte daher einen
so guten Rechtstitel zu seinem Privilegium, als es nur irgend einen geben
kann; aber bei einem Haare hätte er ihn verloren, so wie manche Rechtstitel
verloren werden. In der That hatte er bereits seinen rothen Kolben
ausgehülset fallen lassen, als Jemmy, wackeres Mädchen! Augen für ihn
hatte. Zwei rothe Kolben! rief sie in naiver Bewußtlosigkeit und gerade
noch zu rechter Zeit. Zwei rothe Kolben! ertönte es aus fünfzig Kehlen,
und die ganze Gesellschaft sprang auf die Beine, als ob der _thunder_ und
_blixen_ unter sie gefahren wäre; selbst unser Toffel nicht ausgenommen,
obgleich er der Letzte war. Allmälig begann er die Ursache des Aufruhrs zu
begreifen, und sich in die Stellung zu postiren, die ihm die bestgeeignete
zur Versicherung und Erlangung seines ihm anheim gefallenen Rechtstitels
schien. Dieß war jedoch keine leichte Sache. Ob die Schönen ein
schlimmes Vorgefühl von den Wirkungen hatten, die ein solches sündhaftes
Aneinanderpressen der Lippen hervorzubringen pflegt, Partikeln des
menschlichen Leibes, die zu ganz anderen Endzwecken bestimmt sind, als
denen des sündlichen Küssens, oder ob der Neid sein Spiel trieb: gewiß ist
es, die weibliche Schar formirte ein Quarré, das einem ganzen Bataillon
städtischer Zierbengel Trotz geboten haben würde. Toffel jedoch, der
rüstigste Junge des Townships, war nicht der Mann, der sich durch eitle
Demonstrationen zurückhalten ließ; kühn, obgleich langsam, rückte er
auf die Verschworenen los, faßte gemächlich eine und die andere seiner
Gegnerinnen, warf sie auf einen Hülsenhaufen zur Rechten, disponirte mit
einem halben Dutzend anderer auf einem zweiten zur Linken, und bahnte
sich so den Weg zu Jemmy O' Dougherty, die er, trotz alles Sträubens
und Zwickens, erfaßte. Wacker, das müssen wir zu ihren Ehren gestehen,
vertheidigte sie sich; jedoch die stärkste Festung muß endlich übergehen,
und so übergab sich auch unsere Irin, und wurde ruhiger und ruhiger, so
ruhig, daß sie Toffel ungehindert seine zollbreiten Lippen auf die ihrigen
drucken ließ, obgleich, da derselbe nun vom ganzen weiblichen Korps
angefallen wurde, sie leicht einem so sündhaften Contakte hätte ausweichen
können. Einige der neidischen Schönen wollten bei dieser Gelegenheit sogar
bemerkt haben, daß Toffel bereits auf dem Rückzuge begriffen gewesen, als
sie ihm noch einmal ihre rosigen Lippen darbot; unser Dokument erwähnt
jedoch nichts von einer derlei Anerbietung, und wir halten uns daher
berechtigt, solche Zumuthung als ehrenrührig, ja verleumderisch zu
erklären.
Wir müssen nur recht sehr bedauern, daß unser Dokument der weitern
Bewegungen unserer respectablen Gesellschaft auch mit keiner Sylbe
gedenkt, und uns so eine beneidenswerthe Gelegenheit raubt, unsere schönen
Leserinnen mit einigen neuen _pas_ oder einer Gallopade bekannt zu machen.
Unsere Autorität bemerkt bloß, daß Toffels Seelenruhe bedeutend erschüttert
worden war, und daß er nach dem Frolic, worunter auch der Tanz zu
verstehen, nicht schlafen konnte, und daß er zum erstenmale in seinem
Leben einen Traum hatte, er, der zuvor nie mit Träumen weder schlafend noch
wachend geplagt gewesen.
Wenn wir sagen, daß Toffels Gemüthsruhe bedeutend erschüttert worden, so
wollen wir dadurch keineswegs bedeuten, daß er umherging und den Namen
Jemima O' Dougherty in jeden Hickorybaum einschnitt, oder die Schäferflöte
blies, oder sonst irgend einen Unsinn trieb, wie die Helden Theokrits,
Virgils und Geßners allzuoft thaten; nein, Toffel ließ sich nichts derlei
in den Sinn kommen, und zwar aus neun und neunzig Ursachen. Was das
Einschneiden seines Namens betrifft, so konnte er bloß deutsch schreiben,
und das kümmerlich genug; Jemima hätte daher ihren werthen Namen und
Lobschrift nicht lesen können. Und wegen des Flötenblasens, so war in der
ganzen Niederlassung kein solches Ding, Flöte benannt; der ganze Vorrath
von musikalischen Instrumenten bestand in einer Geige mit zwei Saiten, die
dritte war bei der erwähnten Kornhülsenfrolic bei Jockel Blocksberger
drauf gegangen; und eine Geige, das werden meine Leser sammt und sonders
eingestehen, ist keineswegs poetisch, im Gegentheil; -- und so fuhr denn
Toffel, in Ermangelung all dieses sentimentalen Stoffes, fort, seine Aecker
zu pflügen und seinen Weizen zu säen.
Und Jemmy? Je nun, sie war ein gescheides Mädchen, was unsere Leser bei
dieser Zeit gar nicht mehr in Abrede stellen werden, und sie wußte, daß der
Weizen nicht in einem Tage reife, und daß Geduld und Arbeit und Zeit das
Maulbeerblatt umwandle ins Seidenkleid; und sah sie Toffel bei seinem
Pfluge, so lachte sie ihm laut ins Gesicht, und spielte mit den Mähnen
seines Grauschimmels, und warf dann und wann einen Seitenblick herüber auf
den Deutschen. Und während Toffel seinen Weizen und Roggen in seine Aecker
säete, säete sie den ihrigen in sein Herz, und beide gediehen und wurzelten
und wuchsen, trotz Unkrautes auf der einen Seite, und Vorwürfe und
Vorstellungen seiner Basen auf der andern; er sollte ja seiner Familie
keine solche Schande anthun, und eine Irische heimbringen, die in der
weiten lieben Welt nichts hätte, als eine glatte Haut und eine noch
glättere Zunge. Hat je einer so etwas in seinem Leben gehört? Wahrlich, wir
sind herzensfroh, daß -- -- Doch ferne sei es von uns, aus der Schule zu
schwatzen.
Die respectiven Saaten wuchsen denn und gediehen, wie wir bereits erwähnt
haben, und als sie so eine Weile, trotz alles Unkrautes und Widerspruches
fortgewachsen waren, so sattelte einst Toffel an einem schönen
Decemberabende seinen Grauhengst, und trabte aufwärts den Windungen nach,
die damals und noch heut zu Tage von Toffelsville durch die Ohioberge nach
dem Oberlande führen.
Lieblich waren die stattlichen Höfe anzuschauen, die Toffel auf seinem
Ritte passirte. Manches frische und, was mehr sagen will, vermögliche
Mädchen trieb ihr Wesen in diesen rauh aussehenden, aber wohnlichen
Mitteldingern zwischen Häusern und Hütten; von manchem schönen Munde tönten
ihm die Worte entgegen: Toffel! wohin des Weges so spät? Willst du nicht
herein? Doch Toffel hatte weder Augen noch Ohren und ritt weiter; und die
Höfe wurden allmälig ärmlicher, bis er endlich auf eine Strecke Landes kam,
die mit Kastanieneichen überwachsen war, wo ihn seine Geduld zu verlassen
drohte. Er konnte nämlich diese Baumgattung, die er als einen Auswuchs des
unfruchtbarsten Bodens, und zwar mit Fug und Recht, betrachtete, nie ohne
Widerwillen ansehen. Und doch, Toffel, trabst du immer weiter! Bist du denn
so ganz unempfindlich für weltliche Güter, so zwar, daß du dich von den
bewußten Schelmenaugen bezaubern lässest, dieser lieblichen Hexe, die der
T--l selbst nicht zähmen könnte, die Vater und Mutter mit vieler Grazie zu
plagen und mit noch mehr zu peinigen weiß, die, wie eine Katze, schmeicheln
und zugleich kratzen, weinen und lachen, Alles in derselben Minute, ja in
demselben Athem kann. Bedenke doch, lieber Toffel! halte ein auf deiner
Pilgerfahrt! Feuer und Wasser, Whisky und Sauerkraut, Wälschkornkuchen
und saure Milch, wie sollen diese sich vertragen? Wir halten es für unsere
Pflicht, für unsern Toffel zu denken, da er selbst nie ein großer Denker
war, und ihm gütig zu zeigen, was er zu thun hatte, just so wie manche
Zeitungs-Redactoren in ihrer preßfreiherrlichen Qualität für unerläßlich
halten, Ministern klar und bündig darzuthun, was sie thun und nicht thun
sollen, ein halbes Jahr, nachdem die Sache gethan ist. -- Doch wo ist
unser Toffel? Nun, da finden wir ihn wieder auf dem dürren Hügel von
Kastanieneichen, und zwar vor einem, wie sollen wir es nennen -- Bauwerke,
das aus den Indianerkriegen herzustammen scheint. Toffel schüttelt sein
Haupt bedenklich; es ist des alten Davy O' Dougherty Haus, und ein armselig
gestaltetes Haus ist es, man mag es aufs Wort glauben. Regen und Wind haben
freiern Zugang in dasselbe, als die Bewohner selbst; dieß ist jedoch nicht
die schlimmste Seite in Toffels Augen; ist ja sein Haus selbst nur aus
Stämmen aufgezimmert. Aber dann seine Scheune? Sie sieht aus wie ein
Schloß, verglichen mit denen seiner Nachbarn; und Davy O' Dougherty hat
nicht einmal eine. Seine Umzäunungen! es ist eine Sünde und Schande sie
anzusehen. Ja, sein Hof ist ein armseliges Gemälde irischer Betriebsamkeit:
kein Gaul, kein Pflug; sein ganzes Agrikultursystem beschränkt sich auf ein
paar handbreite Streifen von Kartoffeln und Wälschkorn.
Toffel warf einen langen, bedenklichen Blick auf Davy's unbewegliche
Güter, und schüttelte seinen Kopf stärker und stärker, und pausirte.
Unglücklicherweise war seine Hand bereits auf der hölzernen Klinke; die
Thüre ging auf, und, was konnte er Besseres thun? -- er mußte hinein.
So eben saß der alte Davy O' Dougherty mit seiner Ehehälfte, einer
rothäugigen, schielenden Matrone, und beinahe einem Dutzend rothköpfiger
kleiner Ungeheuer -- Jemmy nicht mit einbegriffen versteht sich -- über
seinem Thee und Kartoffeln und Wälschkornkuchen; Toffel drückte seinen Hut
ein bischen stärker über die Stirne, nahm einen Stuhl, und postirte
sich vor das Kamin. Ausgenommen eine leichte Röthe, die Jemmy's Gesicht
überflog, und ein pfiffiges Blinzeln von Seite der Mama, trug sich in der
ersten Viertelstunde nichts besonderes zu, und unser Held dürfte ziemlich
lange vor dem Steinkohlenfeuer gesessen haben, wenn er nicht ein deutscher
Mann gewesen wäre; da er jedoch ein ächter deutscher Mann war, und somit
seine Geruchsnerven nicht wenig durch den Steinkohlendunst und die aus dem
Theekessel und von den Kartoffeln und Gurken sich entwickelnden Dämpfe ins
Gedränge kamen, so erhob er sich zweifelsohne, um eine weniger von Dünsten
geschwängerte Atmosphäre zu suchen. In diesem Unternehmen jedoch war
er unangenehmer Weise durch einen seiner Füße prokrastinirt, der so
unglücklich war, sich in den ziemlich vom Zahne der Zeit benagten Teppichen
zu verfangen, und der, so zurückgehalten, dem andern nicht nach wollte, was
denn zur unausbleiblichen Folge hatte, daß Toffel der Länge nach auf
den Boden hintaumelte, und nahe daran war, das Tischtuch und den ganzen
Reichthum des alten Davy in Fayence mit sich zu nehmen. Jemmy brach in ein
lautes Gelächter aus, sprang auf und schlüpfte in die Küche.
Toffel richtete sich mühsam auf, blickte auf die verwünschten Oeffnungen
in den Teppichen, kratzte sich im Kopfe, sah dann den alten Davy, und
seine Ehehälfte, und schließlich die Thür an, durch welche er in sein
gegenwärtiges Dilemma gekommen, ohne die zweite, nämlich die Küchenthür,
durch welche Jemmy verschwunden und durch die er in ein vielleicht noch
verwickelteres einzugehen so eben im Begriffe war, auch nur eines Blickes
zu würdigen. Er pausirte lange; nochmals sah er auf die Hausthür, und
vielleicht hätte sein guter Genius obgesiegt; aber in diesem entscheidenden
Momente öffnete sich die verwünschte Küchenthür, und Jemmy's Schwanenhals
streckte sich dazwischen, und dieß entschied. Toffels rechter Fuß
bewegte sich unwillkürlich, dann sein linker, und schließlich schob
sich Christophorus, ganz wie er leibte und lebte, durch die Thür vor's
Küchenfeuer, dem gewöhnlichen _rendez-vous_ für alle derlei wohlbewußten
Affairen. Jemmy stöberte unterdessen zwischen und unter den Töpfen,
Kesseln, Zubern, Aepfeln und Pfefferfestons herum, wahrscheinlich, weil
sie nichts Besseres zu thun hatte. Da jedoch die Küchengeräthe von
Mistreß O' Dougherty in einem nur zu genauen Verhältnisse zu ihres Mannes
Agrikulturutensilien standen, so konnte ein derlei Herumstöbern nicht ewig
dauern, und da sie es endlich überdrüssig war, mit den drei Töpfen und
Kesseln sich zu unterhalten, so setzte sie sich gleichermaßen vor das
Kaminfeuer an die Seite Toffels hin.
Nun wollte ich wetten, einige meiner schönen Leserinnen werden arger Weise
vermuthen, daß ein solches Beisammensitzen verschiedene Bewegungen und
Rührungen zur Folge gehabt habe, als da sind: Händedruck und Erröthen und
Seufzen und Herumschlagen des Armes um den Nacken, und derlei Albernheiten.
Wir protestiren jedoch feierlichst gegen alle solche süße Regungen,
für welche beide, die anregenden und die angeregten, die Ruthe tüchtig
empfangen sollten. Nein, Toffel war ein ganz anderer Mann, wie wir bald
ersehen werden.
Eine Viertelstunde mochte bereits verflossen sein, und noch war kein
unziemlicher Gedanke ihm durchs Gehirn oder über die Zunge gekommen.
Die einzige Freiheit, die er sich erlaubte, bestand darin, daß er seinen
mannigfaltigen Hut auf das rechte, und dann auf das linke Knie, und zur
Abwechslung wieder auf das linke und dann auf das rechte hing. Zuletzt
jedoch faßte er Muth, und, seiner Nachbarin starr in's Gesicht schauend,
fragte er sie englisch (Toffel hatte bereits englisch gelernt, wie unsere
Leser sehen werden): »_Weder she wouldnd hab him for a hosband?_« (~whether
she would'nt have him for a husband?~)[19] Die Antwort auf diese wichtige
Frage, obwohl keine dritte Mittlersperson zugegen war, hat unser Dokument
buchstäblich aufbewahrt. »_Are you crazy,_« erwiederte sie; »_what should I
do with a Dutchman?_«[20] Harte Worte! wirklich harte Worte, besonders
wenn ausgesprochen von einem spitzen irischen Mäulchen. Armer Toffel! du
kanntest die Arglist der kleinen Hexe nur allzuwenig, die feilschend erst
ihre Waare, nach der doch alle ihre fünf Sinne gelüsteten, herabzusetzen
gedachte, um sie dann desto wohlfeileren Kaufes zu erlangen. Was sollte
ich mit einem Deutschmanne thun? Denkt nur eine solche Frage, und von einem
solchen Dinge, als Jemima O' Dougherty, zu einem Manne wie Toffel, sechs
Fuß sechs Zoll hoch, mit dreihundert Ackern und zwei vollen blaugewirkten
Strümpfen! Gerade als ob du irgend ein _Dandy_[21] von Broadway, oder ein
_Paddy_[22] gewesen wärest, herübertransportirt in der _Steerage_[23] in
diese unsere Vereinten Staaten, zum Leidwesen unserer tausend und einen
Temperanz-Gesellschaft. Ehekandidaten sammt und sonders! Gedenkt dieser
Worte, und sollte euch je bei einem ähnlichen Vorfalle eine gleiche oder
ähnliche Antwort zu Theil werden, dann pausirt; pausirt aber nicht vor
dem Küchenfeuer, sondern in euerm Ansinnen, und reitet des Weges, den ihr
gekommen seid.
[19]: Ob sie ihn nicht zum Ehemann haben wollte.
[20]: Seid ihr närrisch? Was sollte ich mit einem Deutschländer
thun? -- _Dutchman_, obgleich es einen Holländer in der englischen
Sprache bedeutet, wird gemeinhin auf jeden Deutschen angewandt.
[21]: =_Dandy_=, ein Stutzer.
[22]: =Paddy=, Diminutiv von Patrik; die Irländer werden spottweise
Paddy's, von ihrem Schutzpatrone, genannt.
[23]: =_Steerage_=, Passagier, Verdeckpassagier.
Toffel Bärenhäuter war ganz und gar kein stolzer Junge, aber die fragende
Antwort hatte ihn aus dem Concepte gebracht, und, seiner Würde bewußt,
richtete er sich klafterlang in die Höhe, schob seinen Hut über die Ohren,
ein wenig mehr über's rechte, und noch einmal in der Küche umherschauend,
schickte er sich an, selber, und somit allen seinen Heirathsplanen,
Lebewohl zu sagen, als die schlaue Dirne zwischen ihn und die Thüre
trippelte, und, seine Hand erfassend, fragte: _And if I take you, will you
promise to be a good child?_[24]
Eine andere verfängliche Frage, über die ein solcher Ignoramus, wie Toffel,
wohl in Verlegenheit gerathen konnte; und er gerieth wirklich in diese.
_Bray_, erwiederte er in demselben klassischen Englisch, _bray, wadd do you
minn by dat?_ (~Pray, what do you mean by that?~)[25]
_You are a fool_, versetzte Jemmy lachend, _well! I will take you and make
a man out of a Dutchman._[26]
_Well, well!_ beschloß der ehrliche Toffel, _den dat is seddled_ (~then
that is settled~)[27]. Und mit diesen Worten ergriff er seines Mädchens
Hand, schüttelte sie, und schritt zur Küchenthüre hinaus ins Freie auf
seinen Grauhengst zu, ohne auch nur eine Minute länger beim verführerischen
Kaminfeuer zu verweilen. Nun? war unser Toffel bei alledem nicht ein
ehrenfester Junge?
[24]: Und wenn ich euch nehme, versprecht ihr, ein gutes Kind
werden zu wollen?
[25]: Bitte euch, wie versteht ihr dieß?
[26]: Ihr seid ein Narr; wohl will ich euch nehmen, und einen Mann
aus einem Deutschen machen.
[27]: Wohl, wohl! so wäre denn dieß in Richtigkeit.
Den folgenden Tag hatte sein Grauschimmel eine trübe Zeit. Er mußte zum
ehrwürdigen Caspar Ledermaul, dem Lutherischen Prediger, dereinst gewesenem
Mitgliede der löblichen Schneiderzunft zu Trippelswalde im Baireuthischen,
der seit seiner Niederlassung die Nadel mit der Kanzel zu vertauschen sich
berufen gefühlt, und der nun vielerwähnte Braut und Bräutigam zu vereinen
berufen werden sollte.
Zuvor jedoch hatte er noch die Protestation von Jemmy zu hören, die von
Sr. Wohlehren Caspar Ledermaul, so wie von keinem der Lutherischen Prediger
etwas hören wollte. Toffel jedoch bedeutete ihr trocken, daß sein Vater von
einem Lutherischen Minister eingesegnet worden wäre, daß sein Großvater das
gleiche Schicksal gehabt habe, und daß er es auch haben wolle, und daß er
von dem Segen eines Friedensrichters gerade so viel hielte, als ob er gar
nicht ausgesprochen wäre, und daß er sich gar nicht verheirathet gedenken
könnte, wenn es nicht von und durch Caspar Ledermaul geschähe. Und Jemmy,
obwohl verstockt in allem Uebrigen, gab in diesem Punkte nach; Herr Caspar
Ledermaul vereinigte ihre Hände, und die ganze Niederlassung kam, den
Brautkuchen zu essen, und alle Welt lebte hoch auf.
* * * * *
Hier nun endigt sich der erste Theil unserer Relation, wobei wir
schließlich den Unterschied zu bemerken nicht umhin können, der zwischen
unserer wahren, documentirten und einer gewöhnlichen Geschichte obwaltet,
maßen eine gewöhnliche Geschichte, Roman oder Novelle genannt, nun enden
würde; denn da Christophorus Bärenhäuter am Ziel seiner Wünsche, das heißt
mit Jemima O' Dougherty zu Freud und Leid vereinigt ist, wozu sollte eine
weitere Ausdehnung dieser ohnehin gedehnten Geschichte wohl dienen? So
würde ein gewöhnlicher Geschichtschreiber wohl schließen und schließen
müssen; nicht so aber wir, die wir Dokumente vor uns haben, die gerade
da wichtig zu werden anfangen, wo jenen der Faden ausgeht. Ihr
derohalb günstigen Leser, die ihr Geduld gehabt, mit uns durch diese
Quasi-Präliminaria zu gehen, beliebet günstig weiter zu schreiten, in der
Hoffnung, daß eure Mühe nicht unvergolten belassen sein wird, wie die Folge
darthun mag.
Zweites Capitel.
Wie Christophorus Bärenhäuter zur Meeting gegangen und geritten, und wie
Jemima O' Dougherty vom großen Roß geworfen worden.
Christophorus Bärenhäuter hatte sein ein und zwanzigstes Jahr noch nicht
völlig zurückgelegt, als sein Honigmond mit der achtzehnjährigen Jemima
begann, und zur Ehre Toffels sei es gesagt, er übernahm sich nicht bei der
Feier desselben. In Saus und Braus zu leben, war ohnehin seine Art nicht,
wie wohl bekannt; er hatte daher auch keine Anwandlung, Mistreß Bärenhäuter
in die gute Gesellschaft zu Saratoga einzuführen, und bei dieser
Gelegenheit die zwei blauen Strümpfe zu leeren. Nein, Toffel hatte fleißig
auf seinem Hofe vor der Hochzeit gehaust, und er fuhr fort, dasselbe auch
nach derselben zu thun; seine Aecker gingen ihm über Alles, und diese
gehörig zu traktiren, verstand er so gründlich wie irgend einer; ja
gründlicher, -- Dank sei es der heilsamen Erziehung und den heilsameren
Lehren und Ermahnungen und handgreiflichen Argumenten, die ihm alle Tage
seines Lebens, und noch am Sterbebette von Zebediah Bärenhäuter waren
beigebracht worden. Am ersten März sprach dieser mit zitternder Stimme:
»Vergiß nicht, Toffel, auf deinen Zucker, und bohre nicht zu tief in die
Ahornbäume; am ersten Mai soll dein Wälschkorn im Grunde, am ersten Juli
dein Heu aufgeschobert, am ersten August muß dein Waizen und Roggen in der
Scheune, dein Buchwaizen eingesäet sein. Nächstes Jahr, stotterte der arme
Sterbende, gedenk an mich und heiße mich etwas, wenn die hessische Fliege
nicht in's Getreide kommt. Du kennst das Recept; und gegen den Wurm im
Herbst: _Camphor_ und _gran_ -- -- Hier verließ ihn seine Stimme; nochmals
raffte er sich auf, und stieß ein abgebrochenes _spirit_ -- _aether_ --
heraus, dann schnappte er nach Athem; es erfolgte jedoch eine Pause, und
zwar eine lange Pause -- der werthe Zebediah Bärenhäuter hatte ausgeathmet.
Toffel wischte sich eine Thräne vom Auge, und fing an, statt alles
überflüssigen Trauerns, wozu er ohnehin keine Zeit gehabt hätte, die Lehren
seines Vaters auf seine eigene Faust hin zu praktiziren, und da er sie oft
genug gehört und angewandt gesehen, so gelang ihm dieses auch über alle
Maßen, und er war, obgleich noch jung, ein tüchtiger Landwirth geworden,
der nicht selten von alten Nachbarn um Rath gefragt wurde.
Was nun Mistreß Bärenhäuter betrifft, so war sie im Grunde kein unebnes
Mädchen gewesen; sie konnte daher auch kein gerade schlechtes Weib sein;
im Gegentheile. Immer hatte sie jedoch ein Item, und ein böses Item war
dieses, eine Espece von irischer Teufelei, die sie nie ruhen ließ, bis
der arme Toffel ihren Willen gethan, und, was schlimmer war, wenn der arme
Toffel ihn gethan hatte, dann war es wieder nicht recht, daß er ihn gethan;
mit einem Worte, daß er keinen eigenen Willen hatte. Es half nichts, wenn
er sie anstarrte und zu brummen anfing, falls ihr irisches Züngelchen zu
geläufig wurde; sie kehrte sich nicht im geringsten nach ihm, noch an seine
weit- und breitschweifigen deutschen Epithete: Verflucht! Schwere Noth!
Kreuzsapperment! Teufelsweib! -- sie hatte in der That die H--n an. Nach
seiner eigenen Weise lebte jedoch unser Paar so ziemlich glücklich; sie
trank ihren Thee, er seinen Whisky und saure Milch; sie machte Butter und
Käse, er Zäune, schor die Schafe, pflügte und säete, und zog Kälber und
Füllen auf, und nach Verlauf von zwölf Monaten band er einen dritten
blaugestrickten Strumpf, mit Silberdollars angefüllt, an beiden Enden zu.
Ein junger Bärenhäuter hatte seine Aufwartung gleichfalls gemacht, ein
glorreiches Specimen der teuto-hibernischen Brut; mit einem Worte, Toffel
hatte, Alles zusammengenommen, immer Ursache, sich zu seinem rothen Kolben
zu gratuliren. Er liebte sein Weib wahrhaftiglich, und nach seinen Rossen
behauptete sie unbezweifelt den ersten Rang in seinem Herzen, seine Dollars
erst den zweiten, oder, von seinen Rossen an gerechnet, den dritten.
So waren, wie gesagt, zwölf Monden verstrichen. Es trug sich nun nach
Verlauf dieser Zeit zu, daß ein Missionair in die Niederlassung kam, in
der löblichen Absicht, den guten Leuten einen nähern und gewissern Weg zur
Himmelspforte zu zeigen, als der sein sollte, welchen sie bisher unter der
Leitung des ehrwürdigen Caspar Ledermaul gewandelt waren, vorausgesetzt,
sie würden ihre Ohren und, was nicht minder wichtig, ihre Hände nicht
halsstarrig seinen eindringlichen Ermahnungen verschließen. Um seinem
preiswürdigen Vorhaben den gehörigen Impuls zu geben, so hatte er
eine Meeting[28] angekündigt, nachdem er sich zuvor bei der in solchen
Angelegenheiten stimmführenden Partei, den Damen, Raths erholt hatte.
[28]: =_Meeting_=, Versammlung, wird jede Zusammenkunft genannt,
sie mag nun politischer oder religiöser Natur sein.
Mistreß Bärenhäuter war natürlich zuerst um ihre Beistimmung und ihr
Patronat ersucht worden, da sie ohne Widerrede als die Stimmführerin des
Geschlechtes angesehen werden konnte. Als Erwiederung des schmeichelhaften
Komplimentes hatte Madame beschlossen, daß der jüngere Bärenhäuter
vom ehrwürdigen Kandidaten für die Predigerstelle, Gott weiß welcher
Denomination, getauft, und daß der ältere seinen Stammhalter auf seinen
Armen in die Versammlung transportiren sollte.
So weit wäre nun Alles recht gewesen, und wir haben keine Einwendungen
gegen diese Arrangements zu machen, und auch Toffel hatte im Grunde
keine; immerhin war jedoch seine Zustimmung nicht von der Art, wie sie der
schlichte Deutsche sonst von sich gab. Es war, als ob ihm etwas ahnete,
ein gewisses ängstliches Vorgefühl schien in ihm aufzudämmern, als er ihren
Ausspruch hörte; er ging offenbar mißmuthig dem Stalle zu, um die Pferde,
ihrem Befehle gemäß, zu satteln. Wem galt dieses Vorgefühl? Galt es der
Mistreß Bärenhäuter oder seinem gewaltigen Grauschimmel? Eine wichtige
Frage; zu wichtig für uns, und deshalb bloß billig, daß wir sie der
Gründlichkeit seiner landsmännischen Philosophen überlassen, und zu ihm,
unserm Toffel zurückkehren. Mistreß Bärenhäuter nun hatte so viele Vorliebe
für den Grauschimmel gezeigt, eine so sonderbare Vorliebe, daß sie absolut
kein anderes Pferd besteigen wollte. Freilich waren sie bloße Katzen,
verglichen mit dem allgewaltigen Roß, kaum vierzehn Faust hoch; doch waren
sie immerhin groß genug für sie, da sie ja selbst keine Riesin war.
Die beiden Eheleute waren noch nie im Verlaufe ihres Ehejahres zusammen
ausgeritten, und obwohl er jederzeit brummte, wenn sie darauf bestand,
den Grauschimmel zu ihrem Besuche beim alten Davy zu haben, so hatte ihr
bestimmt ausgesprochenes Wesen ihn nie zu einer Weigerung ermuthigt; dieser
Tag jedoch war für ihn von großer Wichtigkeit; die ganze Nachbarschaft kam
gewiß zusammen, und das im glänzenden Aufzuge. Toffel war allmälig auch
ehrgeizig geworden, und aspirirte zu öffentlichen Aemtern. Man hatte ihm
bereits das Wegmeisterthum anvertraut; er dachte nun an etwas Höheres, und
sollte er nun auf einer seiner Mähren dahergetrabt kommen, er, der stets
seinen Kopf so hoch getragen, wenn er auf seinem Hengste saß? Was wird
die Welt von ihm denken? Ohnehin war es bereits umhergeflüstert, daß er
ziemlich dem alten Davy in die Fußstapfen getreten sei, käme er nun -- --
nein, der Gedanke war unerträglich; er sah bereits das Hohnlächeln seiner
Bekannten und Bekanntinnen, Freunde konnte er sie seit seiner Heirath kaum
mehr nennen; er hörte ihr Wispern und Flüstern. Sein Weib kam gerade aus
der Hausthür mit dem Jungen, als er die Pferde aus dem Stalle führte;
er wagte es kaum, einen verstohlenen Blick auf sie zu werfen, und dieser
verstohlene Blick belehrte ihn, so wenig er Physiognom war, daß nichts,
gar nichts für ihn zu hoffen stand. Auf ihrer Stirne saß ganz und gar der
unbeugsame irische Trotz, die unausstehliche Keckheit, die seinen Kredit
bei seinen Nachbarn für immer zerstören, und ihm das fürchterliche Epithet
des größten aller Pantoffelhelden auf ewige Zeiten zu eigen geben sollte.
Mit Furcht und Zittern führte er die beiden Gäule dem Hause zu; seine
schlimmsten Erwartungen sollten leider nur zu bald gerechtfertigt werden,
als Mistreß Bärenhäuter ihm seinen Toffel hinhielt, dann auf den Klotz
eines Hickorystammes sprang, mit der einen Hand den Zügel des Grauschimmels
erfaßte, und mittelst der andern sich in den Sattel schwang. Da saß sie
nun auf dem ungeheuern Thiere, das leibhafte Ebenbild eines schadenfrohen
Pavians, der sich so eben anschickt, die Langmuth des geduldigen Dromedars
auf eine harte Probe zu stellen. Toffel sah mit offenem Munde und starren
Augen zu. Der Rücken dieses Thieres war sein Stolz, sein Thron, sein Alles
gewesen, und daneben stand die Mähre, kaum vierzehn Fuß hoch. Er mochte
eben so wohl zu Fuße gehen, als sie besteigen; seine langen Beine mußten
unfehlbar daneben herschleifen. Toffel war ein geduldiger, herzensguter
Junge, der gewaltig viel ertragen konnte; aber bei dieser Gelegenheit wurde
ihm der Spaß doch zu rund, und seine praktische Philosophie wollte nicht
mehr auslangen. Seine Augenbraunen zogen sich zusammen, und es hatte
wirklich das Aussehen, als ob der feste Entschluß in ihm aufkeimte, nicht
nachzugeben.
_My hard!_ sprach er nach einem langen Kampfe, während sie das Roß
wandte, ohne seinen Jammer auch nur eines Blickes zu würdigen. _My hard!_
wiederholte er, _I bray you, däke dat little orse, and let me rite my big
one_ (~My heart! I pray you take that little horse and let me ride my big
one~)[29].
_Toffel!_ erwiederte seine Ehehälfte im Tone äußersten Erstaunens über
seine Verwegenheit, während eine Feuergluth die Wangen roth und das Näschen
grün färbte: _Toffel, surely you aint such a fool, as to think of that just
now!_[30]
_Yes_, erwiederte ihr nur zu geduldiger Ehemann, _I am dat fool just now. I
am a big body, and if I rite dat Irish heifer, I walk and rite all at once_
(~I am fool just now, I am a big man and if I ride that Irisch heifer I may
as well walk as ride~)[31].
[29]: Mein Schatz, ich bitte dich, den kleinen Gaul zu nehmen, und
mich meinen großen reiten zu lassen.
[30]: Toffel, sicherlich bist du nicht ein solcher Narr, auf dieß
gerade jetzt zu denken!
[31]: Ich bin dieser Narr, ich bin groß, und wenn ich diese irische
Katze reite, so reite und gehe ich zugleich.
Seine Worte, sein Blick machten die Dame stutzen; es war Empörung
gegen ihre oberherrliche Gewalt darin zu lesen, ihre ganze künftige
Pantoffelgewalt hing von ihrem gegenwärtigen Entschlusse ab. So mochte sie
sich einbilden, und in dieser Einbildung löste sich ihre Zunge; ihre Stimme
stieg einen Ton höher, und sie überschüttete unsern armen Toffel mit einem
solchen Schwalle irischer Lobreden, daß der arme Ehemann, seinen Hengst
aufgebend, sich über Hals und Bein in die Stube retirirte. Nie in seinem
Leben hatte der arme Junge sich so gedemüthigt gefühlt, als wie er sie, mit
dem Ausdrucke der tiefsten Verachtung in ihren Zügen, dem Rosse einen Hieb
geben sah, der die Reiterin in zwei Sätzen aus dem Hof und durch das Gatter
brachte. Toffel starrte ihr einen Augenblick mit offenem Munde nach, und
bestieg dann seufzend sein Kalb, seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen.
Und hier können wir nicht umhin, ein Wort zum Besten all der unter dem
weiblichen Regimen stehenden Ehemänner um so mehr einzuschalten, als selbes
gar nicht übel gemeint ist. Nein, wir sind weit entfernt, uns in eine
häusliche, oder, was noch schlimmer ist, in eine öffentliche Angelegenheit
einzumischen, maßen wir fest überzeugt sind, daß eine derlei Vermittlung es
keiner Partei recht thun könnte. Hätte aber Toffel seine Mähre ganz
ruhig in den Stall zurückgeführt, und Mistreß Bärenhäuter mit allgemeinem
deutschen Phlegma bedeutet, sie könne allein zur Versammlung reiten, er
aber und der junge Toffel würden zu Hause bleiben: wir wetten zehn gegen
eines, die liebenswürdige Dame würde den Ehrenpunkt aufgegeben, und noch
immer Mistreß -- -- Doch nein, es geht nimmermehr, wenn die Frau den Herrn
spielt und den lieben Gemahl zur Zielscheibe des nachbarlichen Witzes zu
machen sich nicht entblödet. Merkt euch das, meine schönen Leserinnen,
besonders ihr, deren Näschen mit dem unserer Heldin in einer und derselben
Constellation stehen.
Toffel hatte seine Mähre bestiegen, und folgte schweren Herzens, den jungen
Toffel auf dem Arme. Und wahrlich, vom Reiten war gar keine Rede; seine
Beine, wollte er sie nicht in rechte Winkel schließen und so beim ersten
Seitensprunge seines Pferdes den Boden küssen, mußten sich gefallen lassen,
auf der Erde mit fortzuwandeln; und der Weg war noch dazu so heillos
schlüpfrig, da es die Nacht zuvor geregnet hatte. Fürwahr, seine Position
war nicht beneidenswerth. Langmüthig wie er war, hatte ihn die letzte
Discussion nichts weniger als in eine kirchengehende Laune versetzt, und er
murmelte noch immer verschiedene Phrasen, als da sind: Kreuzschwere Noth!
Sapperment! Verflucht! und würde wahrscheinlich noch länger in seinem
Monolog fortgefahren sein, wenn er nicht in dieser trostreichen
Unterhaltung durch einen lauten Hülferuf unterbrochen worden wäre, der von
oben herab kam. Toffel sah sich um, schaute aufwärts, doch nichts war zu
sehen noch zu hören, und doch war es die durchdringend gellende Stimme
seines Weibes gewesen, das war gewiß. Wer konnte es sonst sein? Sie war
hundert Schritte voraus galloppirt, und die Windungen des durch die Berge
kreisenden Weges hatten sie seinen Blicken verborgen. Der Grauschimmel hat
sie sicher abgeworfen, dachte der ehrliche Junge, und kaum war der Gedanke
in ihm aufgestiegen, so kam auch das tolle Roß in gewaltigen Sätzen den
Berg herabgalloppirt. Dem Armen wurde angst und bange; mit beiden Füßen
warf er sich von der Mähre, sprang dem wilden Rosse entgegen, und dieses,
seinen Meister erkennend, blieb geduldig stehen, bis er es des Sattels
entledigt und sich mit seinem Sprößlinge auf dessen Rücken verpflanzt
hatte.
Und nun trabte er aus Leibeskräften den Berg hinan zum Beistand seiner
Ehehälfte, um die, nach solchem Treiben, ein Anderer keinen Schuß Pulver
mehr gegeben hätte; Toffel war jedoch eine gute deutsche Haut, und so
vergaß er denn alle so eben gethanen Eingriffe in seine angeborenen
Souverainetätsrechte, über Hals und Kopf dem verhängnißvollen Orte
zueilend, wo seine Ehehälfte ihre Lagerstätte aufgeschlagen haben
mußte. Nochmals hörte er ihr gellendes Geschrei; aber es war nicht ihre
gewöhnliche Stimme, es war mehr ein Angstgeschrei. Zum drittenmale ertönte
dieser Angstschrei, und nun brach ihm der Angstschweiß auf der Stirne
hervor, und er ritt auf Tod und Leben im schnellsten Galloppe die Anhöhe
des ersten Bergrückens hinan, von woher die Stimme seines Weibes ertönt
haben mußte; aber keine Spur von Mistreß Bärenhäuter. Er schaute links, er
schaute rechts -- noch immer nichts; er schaute auf die Erde, that dieses
ein zweites Mal, und erblickte mit bangem Entsetzen neben der in Lehm
abgedruckten Form seines Weibes Fußtritte. Er stieg beklommen vom Pferde.
Es waren Menschen da gewesen, das war klar und augenscheinlich; aber was
aus seinem Weibe geworden, das war schwer zu sagen; die Spuren verloren
sich im Walde. Nochmals sah er auf diese Spuren, und entdeckte mit
Schrecken den breiten Mocassintritt der Indianer; die Mocassins[32] waren
deutlich im Lehm zu ersehen. Ein Blick gegen den Wald zu zeigte ihm etwas
Grauschwarzes; es war eine Adlerfeder. Kein Zweifel blieb mehr übrig; seine
unglückliche Jemmy war von den Indianern aufgehoben und entführt.
[32]: =Mocassins=, die sandalenartige Fußbekleidung der Indianer.
Toffel, sagt unser Dokument, liebte sein Weib aufrichtig, trotz ihres
keifenden, schlimmen Temperamentes; doch alle diese Liebe vermochte nicht,
ihn in Ohnmacht zu bringen, oder auch nur eine Thräne zu vergießen; nein,
da er, obwohl ein Abkömmling des deutschen Zebediah Bärenhäuter, doch auch
zugleich ein Amerikaner war, und glücklicherweise noch den Kirchgang in
seinem Sinne hatte, so trabte er auf Leben und Tod auf die Versammlung zu,
sprang so schnell als er nur konnte von seinem Hengste, trat unter seine im
Meeting versammelten Nachbarn, und eröffnete ihnen ohne weiteres, wie die
Indianer sein Weib auf dem Wege nach der Versammlung aufgehoben und mit
sich fortgeführt hätten, und wie er sie wiederhaben müßte, koste es was es
wolle, und wie sie mit ihm den Rothhäuten nachsetzen, und sie ihnen abjagen
müßten, wenn sie getreue Nachbarn und freie Männer sein wollten; und da sie
dieses auch in dem vollen Sinne des Wortes waren, so sah sich unser Toffel
in wenigen Stunden an der Spitze von fünfzig Jungens, die ihre Stutzer in
der einen Hand, in der andern die Zügel ihrer Gäule, den Raub der neuen
Helena männiglich zu rächen sammt und sonders schwuren.
Während wir es nun unserm Toffel und seiner jagdlustigen Schar überlassen,
den weibersüchtigen Rothhäuten nachzuspüren -- eine Unterhaltung,
im Vorbeigehen sei es gesagt, die in der damaligen Zeit gar nicht
ungewöhnlich, obgleich nichts weniger als spaßhaft war -- wollen wir
den ritterlichern und respectablern Weg einschlagen, und zu unserer Dame
vorwärts eilen, um bei ihren allfällsigen Nöthen zur Hand zu sein.
Jemmy nun, die starrköpfige Jemmy, war ein hundert Schritte vorausgetrabt,
wie wir bereits erwähnt haben. Ein vernünftiges Weib nun würde dies
nimmermehr gethan, sondern sich lieber an die Seite ihres Ehemannes
gehalten haben, besonders eines so guten Ehemannes, wie Toffel unbezweifelt
war, und in so kritischen Zeiten, wo die Wilden noch durch den ganzen
heutigen Staat Ohio und bis zur Gränze Pensylvaniens an das Fort Pitt[33]
heranschwärmten, maßen die Vereinigten Staaten zu eben der Zeit in einem
blutigen Kriege mit ihnen verwickelt waren. Nein, Mistreß Bärenhäuter
sollte bei Leibe nicht auf das Plateau allein galloppirt sein, und
triumphirend auf ihren armen Toffel hinabgeschaut haben, sich hämisch in
ihrem Herzen des Sieges erfreuend, den sie so eben über ihn errungen, dann
würde sie nicht das Rauschen in den Blättern gehört, nicht die schwartigen,
häßlichen Kupfergesichter gesehen haben, die sie und ihren Grauschimmel so
sehr erschreckten, daß letzterer sich bäumte und sie _nolens volens_ aus
dem Steigbügel hob und warf. Zwar schrie sie wacker darauf los, aber es war
zu spät; die Indianer hatten wahrscheinlich schon zu viel gesehen, um sich
durch ihr Schreien die Lust benehmen zu lassen, sie als eine schöne Beute
mit sich zu nehmen. Einer derselben hob sie vom Boden auf, während der
andere ganz höflich sein Skalpirmesser in eine so gefährliche Nachbarschaft
mit ihrem Schwanennacken brachte, das eine Zartfühlendere unfehlbar in
Ohnmacht versetzt haben müßte, ihr so Stillschweigen andeutend. Ein dritter
dieser Herren hatte einen Gaul vorgeführt, auf dessen Rücken sich ein
vierter ohne Mühe schwang, und auf welchen auch sie ohne weitere Umstände
von einem fünften gehoben wurde, der, ihre Hände fassend, sie mit dem
Vorreiter verband. Zwar gab sie diesem einen sanften Rippenstoß, der ihn
bei einem Haare aus dem Sattel gehoben hätte; aber ein vielsagender
Wink mit dem Tomahawk machte sie ruhiger, als sie je gewesen. Mistreß
Bärenhäuter war keine jener empfindsamen Seelen, die schrie, und jammerte,
und winselte, und in Verzweiflung und Ohnmachten fiel; nein, sie war
von stärkerem Stoffe gewebt. Als sie sah, daß kein Toffel kam, und jeder
Widerstand nur vergeblich sein würde, ergab sie sich in ihr Schicksal,
und als ihr Vorreiter das Zeichen zum Aufbruche gab, schlang sie ganz
gemüthlich, um ein echt deutsches Wort zu gebrauchen, ihre Arme fester um
seinen Rücken -- sonst wäre sie ja herabgefallen.
[33]: =Fort Pitt=, der frühere Name von Pittsburg.
Die ersten Stunden ihres Rittes war sie ziemlich beklommen, allmälig
erlangte sie jedoch ihre frühere Zuversicht und selbst jene Unbeugsamkeit
wieder, die sie in ihrem neunzehnjährigen Leben so sehr ausgezeichnet
hatte. Zwar konnte sie sich nicht enthalten auszurufen: das große Roß! das
große Roß! und dann schienen sich ihre Züge schmerzhaft zu gestalten;
dieß war jedoch nur vorübergehend; immer faltete sich auf solche
Gewissensregungen ihre Stirn düsterer, ihr Näschen krümmte sich, oder
warf sich nach Umständen auch auf; ihre Fäuste ballten sich, und bald
erschracken die Indianer vor ihr eben so sehr, wie vor ihnen ihr Eheherr
Toffel. Sie glaubten nichts weniger, als daß sie vom Bösen besessen sei,
und hatten wirklich eine Scheu vor ihr, die diesen Wilden recht sonderbar
ließ. Besonders hatte sie ihrem Vorreiter eine Ehrfurcht eingeflößt,
die seine Gefährten oft befürchten ließ, er sei verhext. Die Wahrheit zu
gestehen, sie war ein hübsches Weibchen, und obwohl ihre Toilette durch die
Tour vom obern Ohio zu den Quellen des Miami in einige Unordnung gerathen
war, was sehr begreiflich ist, da die Straße von Pittsburg nach Columbus
noch nicht fahrbar, und die Gesellschaft daher nicht mit der Post reisen
konnte, es sich deshalb gefallen lassen mußte, incognito, nämlich durch
Sümpfe, Wälder, Disteln und Dornen zu passiren, die alle einen Theil der
Calico- und Seidengarderobe Jemmy's in Anspruch nahmen. Ungeachtet dieses
kleinen Derangements konnte Mistreß Bärenhäuter nach ihrem Eintreffen in
dem Miami-Hauptquartier noch immer mit Recht ihren Anspruch als Führerin
des _bon-ton_ unter den Schönen der Rothhäute geltend machen. Und wirklich,
so trefflich hatte sie ihre Entführer zu menagiren gewußt, daß Tomahawk,
ihr Oberhaupt, weit entfernt, skalpirende Gedanken zu hegen, sie
geradezu unter den Schutz seiner Mutter als Ehrendame stellte. Diese
Ehrendamenschaft nun dürfte allerdings nicht zu verachten gewesen sein,
wenn der Sohn Ihrer Hoheit der Prinzessin Mutter, der sie als Palastdame
beigegeben war, etwas zu beherrschen gehabt hätte, das der Mühe werth
gewesen wäre, sage ein dreißig oder vierzig Millionen loyaler
Unterthanen, oder wenigstens eine oder zwei; aber so war der Herrscher der
Shawneese[34], der ältere Bruder Tomahawks, bloß eine kleine Espece von
Souverain, und der Einfluß der _Madame la mère_ erstreckte sich daher nur
über einige hundert Geviertmeilen. Immerhin würde auch dieß nicht so
uneben gewesen sein, denn es ist hinlänglich erwiesen, daß ein paarhundert
Quadratmeilen, und selbst viel weniger noch, vollkommen ausreichen, einen
Legitimen in vollkommenem Glanze zu erhalten, vorausgesetzt, daß die
Leute so aufgeklärt und civilisirt seien, ihre Aecker für die Hoheit zu
bearbeiten, und in loyaler Ergebung am Hungertuche zu nagen. Aber hier
steckte nun der Haken: die Subjekte des indischen Herrschers waren
uncivilisirte Wilde, die in ihrer Dummheit weder einen Begriff von dem
göttlichen Rechte ihres Herrschers, noch ihrer Unterthanenpflichten hatten,
das heißt: für ihn nicht arbeiten wollten, sagend, er könnte dieses selbst
thun, maßen er Hände, wie sie selbst, vom großen Geiste dazu empfangen
hätte, und daß er selbe rühren könnte, wenn er wollte, und es bleiben
lassen -- mit andern Worten: verhungern könnte, wenn er nicht wollte. Und,
fügten diese unaufgeklärten Menschen hinzu, wenn er verhungerte, so könnten
sie leicht einen andern Legitimaten vom Osten herüber haben, wo es ihrer
erklecklich gäbe, so daß alle rothen Stämme leicht damit versorgt werden
könnten.
[34]: =Shawneese=, Indianer, hatten ihren Sitz am großen Miami;
gegenwärtig sind bloß noch einige Familien daselbst, der Rest hat
sich über den Missisippi zurückgezogen.
Bei einem solchen Raisonniren unraisonnabler Menschen sehen unsere geehrten
Leser wohl ein, daß Mistreß Bärenhäuter, trotz ihrer ehrenvollen Anstellung
bei _Madame la mère_ nicht viel zum voraus hatte. Immerhin war es jedoch
tröstlich für sie, daß die Prinzessin Mutter und ihr Herr Sohn sehr
herablassend, ja huldreich gegen sie gestimmt, und, was mehr sagen will, so
populär bei ihren Subjekten waren. Zwar gab es eine Aussicht, und das
eine glänzende dazu: Tomahawk nämlich, ihr Entführer, war noch jung
und unverehelicht, und für einen indianischen Häuptling gar nicht übel
anzuschauen; aber dann war ja sie verheirathet, und selbst wenn sie es
nicht gewesen wäre, wie konnte sie sich es einfallen lassen, sich so hoch
zu versteigen? Zwar hatte sie ein Beispiel an einem noch Höhergeborenen,
der sich zu einer schlichten Republikanerin herabgelassen, und noch dazu
den Korb erhalten hatte; aber das war in Baltimore, und hier war sie mitten
unter den Wilden. Jammern und Wehklagen aber, das sah sie wohl ein, würden
das Uebel nur ärger gemacht, und wahrscheinlich irgend einen zartfühlenden
Wilden bewogen haben, ihr mitleidig das Messer in die Brust zu stoßen, und
dieß wollte sie doch auch nicht. Trotz und Unbeugsamkeit ließen sich noch
weniger in Anwendung bringen; die Wilden waren keine Toffel. Zudem lag
in ihrer Situation etwas so Besonderes, ihre irischen Nerven so lebhaft
Kitzelndes, das nicht fehlen konnte, ihre Lebensgeister aufzuregen und
anzuspornen, und so ihre Gedanken von ihrer unangenehmen Lage ab-, und
auf Verbesserung derselben zuzulenken; nicht, als ob sie sich tiefen
Meditationen überlassen und zur Philosophin geworden wäre, die, von
Prinzipien ausgehend, _a priori_ sich über ihr Mißgeschick getröstet hätte;
nein, es war natürlicher Trieb der Selbsterhaltung, der sie zwang, sich in
ihre Lage zu finden, und bald fand sie sich ganz gut darein. Sie hatte
ein treffliches Mittel, das beste in einem ähnlichen Falle, nämlich
Beschäftigung. Glücklicherweise war sie an diese gewohnt, da ihr Toffel
wenig Zeit gelassen hatte, Romane zu lesen, oder die _quarterlies_ zu
studiren, und sie wartete nur auf Gelegenheit, ihre Regsamkeit an den Tag
zu legen. Diese blieb natürlich nicht lange aus, und bald hatte ihr offenes
Köpfchen es heraus, sich nicht nur mit Grazie die lange Weile vom Halse
zu schaffen, sondern sich auch den Unterthanen des indianischen Herrschers
wichtig zu machen. Besagte Unterthanen waren nämlich, gleich so manchen
andern Unterthanen, jämmerlich unwissend, so unwissend, daß unsere Mistreß
Bärenhäuter etwas choquirt darüber war. Aber es kam nun darauf an,
aus dieser Unwissenheit Vortheil zu ziehen, und sie säumte nicht die
Gelegenheit zu ergreifen. Mit einer Miene, in der ein Zug von Spott und
Keckheit, so wie natürlicher Ueberlegenheit nicht zu verkennen war, ergriff
sie den nächsten Morgen nach ihrer Ankunft den mit Wildpret gefüllten
Kessel, und bereitete ungeheißen und ohne alle andern Beistand das Mahl
selbst. Die Indianer kreuzten ihre Schenkel um den Kessel. »_Whoo!_ rief
der Häuptling, was haben wir da?« Sein Lebelang hatte er kein so köstliches
_déjeûner à la fourchette_, würden wir sagen, gegessen, wären Gabeln
vorhanden gewesen. Die Mutter deutete schweigend auf die Ehrendame, die zur
Belohnung eine Rippe erhielt; Jemmy sah so stolz darein, als ob sie auf
dem großen Rosse gesessen wäre. Nicht lange, so brachen die Wilden zu einem
neuen Kriegszug auf; in vierzehn Tagen waren sie wieder zurück, mit aller
möglichen Beute beladen: Weiberröcken und Röckchen, Spencers, Hüten und
Hauben, Schnürbrüsten und Leibchen. Dem Bruder des Häuptlings, unserm
Tomahawk, war eine ganze Familiengarderobe als sein Antheil anheimgefallen;
den Morgen nach seiner Rückkehr erschien er in einer Robe von _linsey
woolsey_ rother Farbe, mit grünseidenem Hute, und darüber ein Häubchen
einer Wöchnerin; der Häuptling selbst, etwas kleinerer Gestalt, in einem
Röckchen _à l'enfant_, mit pappelgrünem Spencer und einem Capuchon
aus _Louis-Quinze_ Zeiten. Jemmy hatte kaum ihre Augen auf ihre
metamorphosirten Gebieter geworfen, als sie den Squaws winkte, ihr in den
Wald zu folgen. Sie war noch nicht weit gegangen, als sie einen Ueberfluß
wilder Hanfstauden fand, mit denen sie ihre Gefährtinnen belud und nach
Hause zurückkehrte. Die Weiber mußten nun Hanf brechen; dann wurden sie
im Spinnen unterrichtet, und in wenigen Wochen waren die Weiberröcke in
Jagdröcke verwandelt, verziert mit Calico- und Seidenbändern. Ein paar
Wochen später brachen die Männer neuerdings zu einem Zuge auf, auf welchem
der ältere Bruder getödtet, und Tomahawk verwundet wurde. Jemmy legte,
gleich andern loyalen Unterthanen, Trauer an, verband die Wunden des
Uebergebliebenen, und als der junge Häuptling hergestellt war, präsentirte
sie ihm einen neuen Anzug, den sie während seines Krankenlagers für
ihn verfertigt hatte. Sie that dieses mit so vieler Grazie, meinte der
Indianer, daß er von selbiger Stunde ihr Verehrer und getreuer Paladin
ward. Als er sich den nächsten Morgen angekleidet, versichert unser
Dokument, fühlte er sich so angenehm überrascht, daß er zum erstenmale jene
ihm zur Gewohnheit gewordene Ehrfurcht auf die Seite setzte, die ihn bisher
abgehalten hatte, sich Mistreß Bärenhäuter etwas deutlicher zu erklären. Er
machte ihr seine Aufwartung. Die ganze Residenz war in Aufruhr; die rothen
Damen waren in Verzweiflung. Ein solcher Staat, das ahnten sie wohl, war
nicht ihrerwegen producirt; es galt der stolzen Amerikanerin, die natürlich
solchem Glanze nicht widerstehen konnte. Und wirklich, weder London, noch
Paris, noch Newyork konnten sich je rühmen, eine solche Verschwendung
von Herrlichkeiten in einer Person geschaut zu haben, als Tomahawk seiner
Getreuen an diesem Tage vor Augen zu legen geruhte. Aber er war auch volle
drei Stunden gesessen, seine Schenkel kreuzweis in einander geflochten,
seinen Taschenspiegel in der linken Hand, und mit freudeblitzenden Augen
seine unwiderstehlichen Reize betrachtend. Drei breite Silberspangen
umzirkelten kunstvoll seine Nase, von der noch obendrein ein spanischer
Dollar herabhing; zwei andere hingen in jedem Ohrläppchen, mit einem
sechsten war pfiffiglich die Unterlippe verziert; sein Haar strotzte
von zahllosen gefärbten Stachelschweinfedern, und vom Scheitelbüschel
flatterten drei Buffaloeschwänze; ein Halsband von nicht weniger als
fünfzig Alligatorszähnen umwand seinen Nacken, eine Trophäe, die er von
den Chikasaws erbeutet, und darüber war ein kleinerer von ungemein großen
Glasperlen mit Chinabeeren sichtbar. Die unteren Theile seines Körpers
waren eben so wenig vergessen: seine Schenkel waren bis zu den Knöcheln mit
runden Stücken von Erz und Blech und Schellen ausstaffirt, die bei jedem
Schritte eine gewaltige Musik machten. Seine übrige Toilette bestand in
einem englischen dreieckigten Hute, einer amerikanischen Soldatenjacke,
roth aufgeschlagen, und dem oberwähnten Calico-Jagdhemde. Als er, im
Gefühle seiner Vollkommenheiten, sich der Residenz seiner Mutter näherte,
hob er seine Füße hoch und tanzte zweimal im Kreise herum, um seine Ohren
an der selbstgeschaffenen Musik zu laben; nochmals übersah er, vor der Thür
angelangt, im Taschenspiegel seine Person von Kopf zu den Füßen, und dann
trat er ein.
Wir sind leider ganz im Dunkeln über den Erfolg so vieler
Kraftanstrengungen; nur so viel ist notorisch geworden, daß der hohe
Bewerber die Residenz seiner Mama weit weniger zufrieden mit sich selbst
verließ, als er dieses bei seinem Eintritte gewesen. Unsere Autorität fügt
bei dieser Gelegenheit hinzu, daß Jemmy seit jener Stunde eine eben so
vollkommene Herrschaft über den indianischen Regenten genoß, als sie je in
Bezug auf Toffel in Ausübung brachte; auch soll sie diese Oberherrlichkeit
gar nicht lange schlummern gelassen haben, wozu sie wahrscheinlich
ihre Ursachen gehabt haben mochte, maßen sie manchen ziemlich starken
Versuchungen zu widerstehen hatte. Aber, fügt unser Dokument hinzu, sie
widerstand heroisch; wie konnte sie auch anders? sie, deren Sinn nach
einer so ganz verschiedenen Richtung zielte. Ja, ihr Blick war wirklich
unverrückt zur aufgehenden Sonne gerichtet, in die Weltgegend, wo ihr
lieber Toffel hauste; sie hatte ihre Gefangenschaft mit heldenmüthiger,
wahrhaft irischer Standhaftigkeit volle fünf Jahre ertragen; nunmehr
jedoch begann sie jeden Tag mehr und mehr das Bittere ihrer Lage zu fühlen.
Während der ersten zwölf Monden war sie so ziemlich durch die Neuheit
ihrer Situation rege erhalten worden, Vieles hatte auch der Stimulus
der Selbsterhaltung beigetragen; in den folgenden Jahren fühlte sie
sich vielleicht ein bischen durch die Aufmerksamkeiten des Indianers
geschmeichelt; aber mit einem Wilden zu kokettiren, war doch nur ein
armseliger Zeitvertreib, und konnte unmöglich für die Länge dauern. So
erwachte denn ihre Sehnsucht nach der Heimath mit jedem Tage stärker und
stärker. Auf eine Flucht im ersten Jahre zu denken, wäre Wahnsinn gewesen;
man hatte sie mit Argusaugen während des Sommers bewacht, denn ihre
Geschicklichkeit in Allem machte sie den Wilden unentbehrlich; und im
Winter zu entfliehen: wo sollte sie Lebensmittel, wo ein Lager finden?
Ihre Hieherreise hatte zwanzig Tage gedauert: sie mußte in einer ungeheuern
Entfernung von Hause sein, und im Falle auch nur das mindeste von ihrem
Vorhaben offenbar geworden wäre, wahrlich, ihr Loos wäre schrecklich
ausgefallen.
Endlich im fünften Sommer nach ihrer Entführung bot sich die erwünschte
Gelegenheit dar. Die Männer waren zur Herbstjagd aufgebrochen, ihre Weiber
begleiteten sie; bloß die Alten und Schwächlichen waren zurückgeblieben.
Fünf Jahre scheinbarer Zufriedenheit hatten das Mißtrauen der Wilden
eingeschüchtert, und ihre Wachsamkeit gemindert. Die Bevölkerung, hatte sie
gehört, war während dieser Zeit stark näher gerückt; sie hoffte, wenn auch
nicht die erste, doch gewiß die zweite Woche auf Landsleute zu stoßen. Sie
entschloß sich zur Flucht, und führte ihren Entschluß auch unverzüglich
aus. Ein Bündel mit Lebensmitteln war Alles, was sie mitnahm; sie hatte
lange vierhundert Meilen vom großen Miami zu dem obern Ohio, aber ihre
Seele war dem Riesenunternehmen gewachsen. Sie liebte ihren Toffel; sie
liebte ihn nun mehr, als jemals, den geduldigen, ausdauernden, und doch so
vernünftigen Jungen. Sie hatte unglaubliche Mühseligkeiten auszustehen; war
nahe daran, in den Sümpfen bei Franklin zu ersticken, in großer Gefahr, im
Sciota zu ertrinken, und mehrere Tage in der Wildniß zwischen Columbus
und New-Lancaster[35] verirrt, und nahe daran, von Panthern und Bären
aufgefressen zu werden; aber sie überwand glücklich Sümpfe, Flüsse und
Wildniß. Die ersten fünf Tage lebte sie von ihrem mitgenommenen Vorrath von
gedörrtem Wildpret, dann ließ sie sich Papaws, Kastanien und wilde Trauben
schmecken, und kehrte endlich, nach unseligen Leiden, am zehnten Tage
zum erstenmale in einem Blockhause ein. Doch auch da verließ sie ihr
unbezwingbarer irischer Geist nicht, und sie trat vor die Hinterwäldler
mit eben der freien Stirne, als ob sie an der Spitze der Shawneese gekommen
wäre, verlangte Lebensmittel in eben dem festen und zuversichtlichen Tone,
als ob Haus und Hof ihr eigen gewesen wären. Und die Hinterwäldler, diese
derbe Race? Je nun, so wenig sie gewohnt sein mochten, sich auf diese Weise
begrüßt zu sehen, die Art war neu: sie starrten, wie leicht zu erachten;
doch gaben sie, was sie hatten, und, was das Merkwürdigste an der ganzen
Geschichte ist, sie gaben, ohne zu fragen. Wer nun weiß, daß dieser unser
souveraine Staat Ohio durch den Stamm der Yankees bevölkert ist, wird dieß
kaum glauben können, und wir selbst würden Mühe haben, hätten wir nicht
schwarz auf weiß vor unsern Augen.
[35]: =Columbus, New-Lancaster=, ersteres die Hauptstadt von Ohio,
letzteres eine Countystadt.
Nach einer langen, müden Fahrt von vollen vier Wochen kam unsere liebe
Jemmy endlich in die Nähe des Ohio, und die lieblichen Bergesrücken, die
ihre glückliche Heimath bargen, traten allmälig aus dem blauen Dunkel
hervor. Sie verdoppelte ihre Schritte, sie langte auf den ersten Hügeln
an. Zum erstenmale in ihrem Leben schlug ihr Herz lauter; sie konnte nicht
vorwärts; sie setzte sich, über die Vergangenheit nachzudenken; das große
Roß kam ihr in den Sinn. »Das unglückliche große Roß,« murmelte sie, die
Faust ballend, und auf sprang sie, und fort lief sie, als wollte sie es dem
Unheilbringer entgelten lassen. Nun war sie auf dem Vorsprunge angelangt,
wo sie vor fünf Jahren abgesattelt und zur Gefangenen gemacht worden war.
»Das verwünschte große Roß!« wisperte sie nochmals, und dann rannte sie die
Schlangenwindungen hinab. Da lag er nun vor ihr, der prachtvolle Ohiostrom,
sich in zwei ungeheuern Streifen fortbewegend: die Gewässer des Alleghany,
klar und krystallen, gleich dem Bergquelle, und die des Monongehala,
trüb und schlammig, gleich einem mürrischen Ehemanne, dem ein zartes und
munteres Weib angefesselt ist. Nun stand sie an der letzten sanften Anhöhe,
von wo aus sie die ganze Herrlichkeit übersehen konnte, die sie als Herrin
erkannte; da lag die prächtige Thalweite, der üppigste aller Bottoms,
auf zwei Seiten von dem Vorgebirge eingeschlossen; da stand die steinerne
Scheune: das Dach und die Jalousien waren frisch angestrichen. Ihre Augen
funkelten vor Freude; Toffel war noch immer der gute, getreue, treuherzige
Hauswirth. Dorthin erstreckte sich der alte Obstgarten, beinahe unter der
Last von Aepfeln und Birnen zusammenbrechend; auf der andern Seite lag
der neuangelegte; auch dieser bog sich unter den Früchten, und doch war es
nicht länger als sechs Jahre, daß ihn Toffel gepflanzt hatte. Sie selbst
hatte mitgeholfen im Frühjahre nach ihrer Verehelichung, -- Himmel, welch
eine lange Zeit! Sie schaute, sie traute kaum mehr ihren Augen, sie schaute
wieder, -- Gott! es war keine Täuschung, es war Toffel, ihr lieber Toffel,
der just aus dem Hause kam; hinter ihm her ein kleiner flachshaariger
Schelm, der sich fest an seinen Rockschoß anhielt. Ja, in seinen ledernen
Inexpressibles, blauen Strümpfen mit rothen Zwickeln, und Schuhen und
Schnallen von so erklecklicher Größe, daß sie sie von ihrem Observatorium
aus wahrnehmen konnte; -- sie vermochte es nicht länger auszuhalten, ihr
Herz war zu voll; aber zugleich erwachte auch ihr ganzes Selbstgefühl, das
Bewußtsein der schlummernden Autorität kehrte zurück. Nein, ein weibisch
furchtsames, zagendes Wesen durfte sie ihren Mann nicht merken lassen; er
würde sie als ausgeartet betrachtet haben. Festen Schrittes trat sie von
der Anhöhe herab, ging den Weg hinab, schritt durch die eingezäunte Gasse,
die Wiese, eilte durch den Gemüsegarten, und stand mit einemmale vor --
Toffel.
»Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« rief dieser, in der Angst seines
Herzens die legale Formel gebrauchend, mittelst welcher ehrsame Deutsche
von undenklichen Zeiten her die zahllosen Gespenster, Hexen, Nixen und
Elfen, und alle die Wesen bannen, mit denen sie, oder vielmehr ihre
Gehirne, von Alters her geplagt sind.
Und wirklich können wir es dem guten Toffel nicht ganz so übel deuten, wenn
ihm der Blocksberg einfiel. Fünf Jahre Abwesenheit und Aufenthalt unter
den wilden Freibeutern hatten mit der heillosen Reise eben nicht sehr
beigetragen, ihre Gestalt in die Schönheitslinie abzurunden, oder ihrem
Anzuge einen besondern Reiz zu verleihen. Selbst er, der allerunmodischste
unter seinen Nachbarn, konnte es kaum begreifen, wie dieß seine Jemmy, die
Führerin des guten Geschmacks in Allem, sein könne. Das Plötzliche ihres
Erscheinens nun gab ihrer etwas fleischlosen Form einen so über- oder
unterirdischen Ausdruck, daß wir uns gar nicht wundern, wenn Toffels
vier Gehirnkammern plötzlich in Aufruhr geriethen, und ihm der Blocksberg
einfiel, von dem ihm sein seliger Vater so oft erzählt hatte. Jemima,
schien es, fühlte sich nicht absonderlich bei diesem Stutzen, Staunen,
Ausrufungen und Schrecken geschmeichelt, und bemerkte in einem Tone so
sanft, wie es ihr nur immer möglich war: Wohl, Toffel, bist du verrückt?
Kennst du mich nicht mehr? mich, deine Jemmy?
Toffel öffnete seine Augen so weit er konnte, und allmälig, als er die
krumme Nase, das funkelnde Auge, das unverhohlen keck, wie immer, blitzte,
und nur ganz wenig ins Grüne zu schillern schien, als er, sagt unser
Dokument, diese Merkmale so deutlich wieder sah, dann, und erst dann fing
er zu glauben an. Schließlich machte er auch die Erfahrung, daß sie noch
immer aus Fleisch und Beinen bestand, und nun wurde seine Freude wirklich
groß, denn auch er hatte sie von Herzen geliebt. Er umhalste sie, drückte
einen Buß auf ihre Wangen, umhalste sie wieder, und vergoß selbst zwei
Freudenthränen, eine in jedem Auge. Jemmy nun war nicht weniger gerührt;
sie liebte wie wir bereits erwähnt, ihren Mann, trotz ihres irischen
Temperamentes; ihr gesunder Menschenverstand ließ sie auch begreifen, daß
Toffel allerdings einige Ursache hatte, mit ihr nicht ganz so zufrieden zu
sein, da sein häusliches Glück durch ihren Trotz so sehr erschüttert
worden war. Sie war daher selbst ein wenig überrascht, als er sie nun so
plötzlich, so unerwartet gleichsam mit Liebkosungen überschüttete. Eine
Zeitlang ertrug sie diese auch mit wahrer christlicher Geduld, so wenig sie
sonst an derlei unfruktuösen Zärtlichkeitsverschwendungen Gefallen fand, da
sie denn doch mehr das Reelle liebte.
Mein Gott! rief er aus, mein Schatz! -- er hatte sein Englisch, wie es
schien, beinahe rein vergessen -- und wieder schlang er seine langen Arme
um sie herum.
Jemmy nun war wirklich herzensfroh, ihren Toffel in so excellenter Laune zu
sehen. Doch zuviel ist ungesund, sagt das Sprichwort, und unserer Jemmy
war es, allem Anscheine nach, ziemlich zuviel; ihr schien Toffel in seinen
Liebkosungen unerschöpflich zu sein, so daß sie bereits die Geduld zu
verlieren, und sich nach Toffel dem jüngern zu sehnen begann, auch zu
wissen verlangte, wie es mit dem Hauswesen stünde; und indem sie sich
sothanermaßen äußerte, wand sie sich von ihm los, und schritt auf die
Hausthüre zu. Toffel fing sie bei einem ihrer Rockschöße, und vertrat ihr
den Weg.