Mein Schatz, sprach er, warte noch ein wenig, bis ich dir gesagt habe -- --

Gesagt habe? fiel sie ungeduldig ein, was giebt's da zu sagen? Ich will

meinen Buben sehen und wie du gewirthschaftet hast; ich hoffe, Alles ist in

Ordnung, wo nicht, so -- --

Ihr Auge fiel prüfend auf den armen Toffel, dem nichts weniger als wohl zu

sein schien.

Mein Herz! fuhr er fort, meine Frau! Habe nur ein klein wenig Geduld.

Ich will keine Geduld haben, versetzte sie. Warum willst du nicht ins Haus?

Und mit diesen Worten schritt sie näher der Thüre zu. Toffel, in äußerster

Verwirrung, vertrat ihr nochmals den Weg, ihre beiden Hände erfassend.

Nun, bei Jasus[36] und allen Gewalten! schrie sie erstaunt über ein so

sonderbares Benehmen. Beinahe sollte ich glauben, es sei nicht Alles

richtig, und du sähest mich nicht gerne.

[36]: =_By Jasus!_= Bei Jesus! eine irische Betheurung.

Dich nicht gerne sehen, mein Herz, mein Schatz? Ja, ja, du sollst wieder

meine Frau sein, versetzte der gute Junge.

Wieder deine Frau sein? Wieder deine Frau sein? wiederholte sie, und

ihre Augen blitzten und ihr Näschen krümmte sich. Wieder seine Frau sein!

murmelte sie, und riß sich mit Gewalt von ihm los, rannte die Stiegen

hinan, stürzte auf die Thüre los, hob die Klinke, öffnete, und erblickte

-- erblickte, sich auf einem Armsessel wiegend, Dorothea Heumacher, die

hübscheste Blondine der ganzen Niederlassung, weiland ihre Rivalin, und nun

die glückliche Usurpatorin ihrer ehelichen Gerechtsame.

Der eingefleischteste Legitimat, den je die Gnade Gottes, oder, was

dasselbe ist, die Bajonette seiner Herren Gebrüder, in sein verlorenes

Dominium wieder einsetzten, kann unmöglich mit größerer Verachtung

und Abscheu auf die plebejischen Eindringlinge herabblicken, die sein

göttliches Recht usurpirt haben, als unsere _de jure_ Mistreß Bärenhäuter

auf die _de facto_ that, und, das Maß der Unbilden zu füllen, so war

diese Usurpatorin eine Deutsche! -- Es würde eine psychologischere Feder

erfordern, als die, so unser Dokument geschrieben, die Symptome der

verschiedenen Leidenschaften auch nur oberflächlich anzudeuten, die auf dem

Gesichte unserer Heldin so stark hervorbrachen. Hohn, Wuth, Rache waren die

geringsten; ihre Augen sprühten so fürchterlich, daß es, eine Yankeephrase

zu gebrauchen, in der Stube zu rauchen anfing; ihre Fäuste ballten sich,

ihre Zähne knirschten, und, gleich der Katze, die ihr Territorium von dem

Erzfeinde ihres Geschlechtes besetzt und eingenommen sieht, schickte sie

sich an, auf diesen Feind loszustürzen; was bei dem Umstande, daß sie seit

einem Monate ihre Nägel nicht beschnitten, leicht sehr bedenkliche Folgen

für die holden Gesichtszüge der besagten Dorothea Heumacher hätte haben

können.

Toffel gewahrte mit gerechtem Entsetzen die schrecklichen Symptome, und

warf sich in ganzer Länge und Breite zwischen die beiden kriegführenden

Mächte. Der Schrecken hatte ihm plötzlich wieder sein Englisch gegeben:

_Bray!_ rief er, _dont fighd wid each oder!_ (~Pray dont fight with each

other!~)[37]

[37]: Um's Himmelswillen, balgt euch nicht!

Und wirklich, die Vermittlung war nicht überflüssig, und immer blieb es

noch unentschieden, ob sie auch angenommen werden würde. Aber gerade als

Jemmy auf ihre Gegnerin heranrückte, oder vielmehr stürzte, öffnete sich

die Thür, und herein zappelte der junge Toffel mit einer ganzen Schar

junger Bärenhäuter. Fünf Jahre waren verflossen, seit sie ihren Buben in

ihren Armen gehabt: Hader, Streit und Feindin vergessend, sprang sie auf

ihr Kind los, um es in ihre Arme zu fassen. Der Bube erschrak, schrie laut

auf, riß sich mit Gewalt von ihr los, und rannte zu seiner Stiefmutter.

Die arme Jemmy stand, als ob ein Zuber kalten Wassers über sie ausgegossen

worden wäre; Wuth und Rache waren vergessen, namenloser Schmerz erfaßte

sie; ihre Kraft verließ, sie; sie taumelte der Thüre zu, faßte zitternd

die Klinke, und war im Begriffe zu sinken. Das arme Weib litt nun wirklich

schrecklich; sie war ein Fremdling ihrem eigenen Kinde geworden, ein

Fremdling in ihrem Hause, in der ganzen weiten Welt. Es dauerte eine

geraume Zeit, ehe sie sich erholte; endlich jedoch erholte sie sich.

Seelen, wie die ihrige, sind nicht leicht gebeugt. »Wie geht es dem Vater?«

fragte sie kurz.

Todt, erwiederte Toffel.

Und der Mutter?

Todt, war dieselbe Antwort.

Und den Schwestern und Brüdern?

Sind zerstreut in der weiten Welt.

So sind sie denn alle hin! murmelte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Ich habe, sprach Toffel leiser, ein ganzes langes Jahr auf dich gewartet,

und dich in allen Zeitungen, deutschen und englischen, auskündigen lassen,

und als du nicht kamst, setzte er noch leiser hinzu, so nahm ich Dora.

So behalte sie, erwiederte Jemmy mit fester Stimme und einem

unbeschreiblichen Blick der tiefsten Verachtung; dann lief sie nochmals auf

ihren Buben los, faßte ihn, trotz alles Sträubens, und küßte ihn heftig.

Und nun, sprach sie zu ihrer Rivalin gewendet, wenn du es je wagst, diesem

meinem Buben etwas zu Leide zu thun, oder deinen deutschen Rachen auf

seinen Mund zu legen, so -- --

Mit diesen Worten, die wir ihrer Zierlichkeit wegen zum Theil mit

Stillschweigen zu übergehen für gut finden, öffnete sie die Thüre.

Halt! halt! um Gotteswillen, halt! rief Toffel mit einer Stimme, die

genugsam bewies, daß er beinahe so viel gelitten habe, wie seine

weiland Frau. Er hatte sie immer, trotz ihres bissig starren,

zänkisch-herrschsüchtigen Wesens geliebt, herzlich geliebt, ja vielleicht

aus eben dieser Ursache geliebt, da sie zur Würze seines Lebens, zum ewigen

Stachel seiner phlegmatischen Deutschheit so trefflich geeignet war. Oft

hatte er an Jemmy zurückgedacht; denn die Willigkeit der gutmüthigen,

phlegmatischen Dora hatte sein träges Vegetiren nur noch träger gemacht; er

war nun einmal ein Deutscher, die bekanntermaßen nie glücklicher sind, als

wenn sie wie die Schafe geschoren und wie die Hunde getreten werden. Oft

würde er einen blaugewirkten Strumpf, und selbst zwei gegeben haben, wenn

er sich dadurch hätte einen sanften Rippenstoß von Jemmy erwerben können.

Wirklich hatte er auch keine Mühe gespart; war der Spur der Indianer

mehrere hundert Meilen nachgejagt, hatte sie auch bereits mit seinen

Nachbarn erjagt, aber es zeigte sich ungeschickter Weise, daß es nicht

Indianer, sondern Yankee-Uebersiedler waren. Auch auf Zeitungsankündigungen

hatte er so manchen Dollar verwendet; unglücklicherweise zirkulirten diese

jedoch im Osten, während Jemmy im Westen als Ehrendame figurirte, und

noch unglücklicher hielt Herr Caspar Ledermaul nach einem Jahre solchen

Cirkulirens und Wartens eine gewichtige Rede über den schönen Text: _Melius

est nubere quam uri_, einen Text, den er gar zierlich und erbaulich ins

Deutsche verdeutschte. Toffel hatte bereits lange über dieses nämliche

Thema nachgedacht, als ihm so auf einmal die Augen geöffnet wurden; und so

ergab er sich denn in sein Geschick, und nahm ein Weib, und zwar ein gutes

Weib, ein liebes Weib; aber die Hauptsache für unsern Deutschen, die Würze,

die Kniffe, die Tritte, das Scheeren fehlte.

So war nun die Lage unsers Toffels beschaffen, des Mannes zweier Weiber,

zwischen denen er nun gewaltig zu schwanken schien. Zu der einen zog ihn

Achtung, Gewohnheit, Neigung, zur andern ein gewisser Kitzel, oder vielmehr

das Bedürfniß, gekitzelt zu werden. Zuletzt rief er aus: Halt! ich bitte

dich; wir wollen zum Squire gehen, und was der und Pfarrer Ledermaul sagen,

das wollen wir thun, und wie es immer ausfalle, ich will dir sechshundert

Silberdollars und mein schönstes großes Roß geben. Laß uns hören, was das

Gesetz Gottes und des Menschen sagt.

Auch darin bewies sich Toffel als ein ehrlicher, guter Deutscher, der

nie selbst dachte und handelte, sondern diese Mühe der göttlichen und

menschlichen Obrigkeit, wie er meinte, auf die Schultern zu laden für's

Beste erachtete.

Jemmy nun zuckte, das Gesetz, oder vielmehr das, was aus der Auslegung

des Gesetzes folgt, ein Prozeß, war Musik für ihre Ohren, so wie es die

lieblichste Musik für Irinnen ist. Sie hielt inne; vielleicht möchte sie

sich auch wirklich haben erweichen lassen, aber in diesem entscheidenden

Augenblicke kam ihre Rivalin, die sich in die Nebenstube retirirt hatte,

wieder in Vorschein, ihr jüngstes Kind im Arme und zwei gewichtige Strümpfe

in der Hand haltend.

Nimm sie, sprach das gute Weib, wir haben noch sechs übrig, wir haben

Ueberfluß. Nimm sie, und Jeremias Hawthorn ist noch ledig; sei glücklich,

gute Jemmy.

Die sanfte, beinahe demüthig bittende Dora war wirklich rührend

anzuschauen, als sie, Thränen im Auge, die halbwilde Irin anflehte, ihre

sechshundert Silberdollars anzunehmen. Jedes andere Herz mußte erweichen,

ausgenommen das, an welches die Bitte gerichtet war; die Erscheinung

der Glücklichen schien sie in frische Wuth zu versetzen. Einen Blick der

tiefsten Verachtung ihr zuwerfend, trat sie an Toffel heran, schüttelte ihm

die Hand, bot ihm ein Lebewohl, und verließ die Stube.

Renn', lauf', lieber Toffel, was du kannst! bat, beschwor ihn Dora. Lauf',

um's Himmelswillen! sie möchte sich sonst ein Leid anthun.

Toffel war seiner selbst unbewußt da gestanden; es war, als ob das

Ganze ihm ein Traum gewesen; die Stimme seines Weibes rief ihn in die

Wirklichkeit zurück. »Denk nur, Toffel!« bat sie nochmals, ihre Hände

faltend. Und Toffel lief aus Leibeskräften der Armen nach; sie war jedoch

schon weit vorausgeeilt. Seine langen Schritte verdoppelnd, hatte er sie

beinahe eingeholt, als sie sich umwandte, und ihm befahl, umzukehren. Einem

kräftig ausgesprochenen Befehle kann ein deutsches Blut nie widerstehen,

und so kehrte denn Toffel um, und ging zu seinem Weibe. Einige Minuten

starrte er ihr noch nach, bis sie in den Windungen des Berges verschwunden

war, und dann schüttelte er seinen Kopf und dachte -- was? können wir

unmöglich sagen.

Jemmy lief nun wie ein gescheutes Reh den Berg hinan; wieder war sie

auf dem fatalen Vorsprunge angekommen, wo ihr irdisches Glück einen so

schrecklichen Stoß, sie konnte es sich nicht verhehlen, durch ihre eigene

Schuld erlitten. Noch einmal überblickte sie ihre vorige friedlich-ruhige

Heimath; da lag sie mit Allem, was ihr werth und theuer war: das

substantielle Wohnhaus mit seinen beiden Toffeln; dort weideten ihre Kühe

und Kälber, und ein halbes Dutzend der größten Rosse, die sie je gesehen;

da stand die Ciderpresse; -- und Allem, Allem sollte sie nun entsagen:

ihrer Butter und ihrem Käse, ihrer Wohnung und ihrem Throne. Der Gedanke

schnitt in's Innerste ihres Herzens; sie weinte bitterlich. Allein stand

sie da, verlassen auf der weiten Gotteswelt; Vater und Mutter todt, Brüder

und Schwestern in der weiten Welt; ihre Bekannten und Freundinnen würden

lachen und spotten der Jemima, der indianischen Squaw. Ihr ungebeugter Sinn

empörte sich bei diesem Gedanken; allmälig wurde ihr Gemüth ruhiger, ihre

Miene zuversichtlicher. Ein Entschluß schien in ihr aufzukeimen, der

mit jeder Sekunde an Stärke zunahm. Als wollte sie der Möglichkeit einer

Gesinnungsänderung entwischen, sprang sie vom Boden, rannte dem Walde zu,

und drang tiefer und tiefer ein.

Drittes Capitel,

welches da zeigt, wie die zwei rothen Kolben doch eine Vorbedeutung

gewesen.

Es war im Jahre 1796, im Anfang des indianischen Sommers, als Jemmy zum

zweitenmale ihren langen Weg antrat. Der Himmel begünstigte diesmal ihr

Unternehmen. Sie kehrte auf demselben Wege zurück, den sie, freilich unter

lieblichern Auspicien, gekommen war. Sie hatte sich nun an das Wandern in

den Wäldern so ziemlich gewöhnt; mit demselben ungebeugten Muthe trat

sie wieder in die Wohnungen der zerstreuten Ansiedler im damaligen

nordwestlichen Territorium[38], und forderte mit derselben

Unerschrockenheit Trank und Speise und Nachtherberge. Keiner wagte sie zu

fragen, keiner sie auszuholen; der schmerzhafte Blick der Entsagung und

des Muthes schreckte alle zurück, und wenn es ja einer wagte, sie forschend

anzublicken, so erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Fest und entschlossen

barg sie ihren Schmerz im eigenen Busen, zu stolz, um überflüssiges Mitleid

zu erbetteln, zu klug um zum Theegespräche werden zu wollen. Als die

Wohnungen aufhörten, nahm sie wieder zu wilden Trauben, Papaws und

Kastanien ihre Zuflucht, und wanderte so die vierhundert Meilen zu den

Quellen des großen Miami zurück, wo sie sich acht Wochen nach ihrer Flucht

eben so kühn und unverzagt präsentirte, als ob sie von einem Morgenbesuche

zurückgekehrt wäre.

[38]: Dem heutigen Staate Ohio.

Nie war der Jubel im Hauptquartier der Shawneese größer gewesen, als wie

Jemmy in die Hütte der Mutter Tomahawks eintrat. Die ganze Bevölkerung der

Wigwams war rege; Tomahawk war außer sich vor Freude. Er war ihr Bewunderer

und Verehrer volle fünf Jahre gewesen, und hatte sich, was bei einem Wilden

nicht wenig bedeuten will, die ganze Zeit hindurch auch nicht die mindeste

Freiheit erlaubt. Sie hatte nicht geringen Einfluß auf das Völkchen sich

erworben; sie war die Lehrerin der Weiber, die Schneiderin, Köchin der

Männer, das Factotum Aller gewesen; daß die Letztern, wenigstens zum Theil,

menschlichen Wesen in ihrem Aeußern und nicht Orang-Outangs ähnlich sahen,

war ganz ihr eigenes Werk. Tomahawk tanzte und sprang vor Freuden: »Weiße

Männer nicht gut! Rothe Männer gut!« rief er jubelnd, und in seinen Jubel

stimmten Mutter, Squaws und Männer sammt und sonders mit ein. Es war mit

einem Worte ein Freudenfest für den armen Häuptling, das noch glänzender

ausgefallen wäre, hätten er und die Seinigen mehr Feuerwasser gehabt.

Fest und bestimmt jedoch, als der Entschluß Jemima's war, ließ es ihre

Klugheit nicht zu, dem verliebten Wilden sein Spiel allzu leicht zu

machen; nein, sie erholte sich lange Zeit Rathes, ehe sie ihm auch nur die

entfernteste Hoffnung machte. Zwanzig Tage war sie bereits mit Tomahawks

Mutter eingeschlossen, während welcher Zeit der arme Häuptling sie nur

zweimal zu sehen bekam. Endlich am ein und zwanzigsten Morgen wurde er in

die Gegenwart der Souverainin seines Herzens berufen. Er kam, wo möglich

noch bunter herausstaffirt, als bei seiner ersten Bewerbung; stammelnd trug

er ihr seine Wünsche vor. Jemima hörte ihn ernst, wie ein Oberrichter, an;

nachdem er seine Rede geendigt hatte, wies sie schweigend auf den Tisch

hin, auf welchem ein vollständiger Anzug von amerikanischer Kleidung lag.

Tomahawk kehrte jauchzend in seine Hütte zurück, und erschien nach einer

halben Stunde, ein ganz anderer Mensch, vor seiner Gebieterin. Er sah

wirklich nicht uneben aus; ein wohlgestalteter Junge von kräftig schlankem

Wuchse -- Toffel war nichts dagegen; -- zudem Häuptling von mehrern

hundert Familien, hatte er seit seiner Bekanntschaft so viele Proben von

Anhänglichkeit, Ehrfurcht und Lenksamkeit gegeben, die ihn zu einem gar

nicht verwerflichen Ehemanne in den Augen Jemmy's qualificiren mochten.

Sie reichte ihm nun gnädigst ihre Hand; es galt eine fernere Probe. Bereits

standen auf Geheiß seiner Mutter zwei Pferde vor der Hütte; sie befahl

Tomahawk, selbe zu satteln. Er gehorchte schnell und schweigend. Sie

bestieg das eine, und winkte ihm bedeutsam, ein gleiches zu thun und ihr

zu folgen. Der Wilde staunte, starrte, folgte jedoch unwillkürlich seiner

geliebten Herrin, die das Wigwam verließ, und in der Richtung nach Süden

forttrabte; einige Male erkühnte er sich zu fragen, aber sie winkte, zeigte

bedeutsam hinab in die Ferne, und er schwieg und folgte. Der Friede war

während ihrer Gefangenschaft wieder hergestellt, und ihre Reise hatte

für sie wenigstens Ein Gutes zur Folge gehabt. Sie hatte vernommen, daß

beiläufig vierzig Meilen in südlicher Richtung von den Quellen des Miami

eine amerikanische Niederlassung entstanden; nach dieser ging nun ihre

Reise. Als sie in derselben angelangt war, fragte sie sogleich nach dem

Friedensrichter. Das Staunen des werthen Squire war nicht gering, als er

plötzlich ein junges, hübsches Weib -- Jemmy hatte sich in den zwanzig

Tagen ihrer Zurückgezogenheit wieder abgerundet -- und einen kräftig

blühenden Wilden, wie ein Gentleman gekleidet, in seine Stube treten sah.

Jemmy jedoch ließ ihm nicht lange Zeit zur Verwunderung, sondern wandte

sich ohne weitere Umschweife zu ihrem Begleiter und sprach: Tomahawk! du

hast während der fünf Jahre meiner Bekanntschaft mit dir so viel gesunden

Menschenverstand an den Tag gelegt, daß ich alle Hoffnung habe, aus dir

einen Mann zu bilden, und so habe ich mich denn entschlossen, aus dir einen

Mann zu machen.

Tomahawk wußte nicht, ob er wache oder träume, und so ging es dem Squire;

aber das ausdrückliche Verlangen, sie, Jemima O' Dougherty, ehelich mit

Tomahawk, dem Häuptling der Shawneese, zu verbinden, und zwei blanke

Silberdollars beseitigten alle Zweifel, und der Friedensrichter sprach

die Eheformel über sie aus, und vereinte ihre Hände. Der Segen war bereits

gesprochen, und noch immer begriff der arme Wilde nicht, was das Ganze zu

bedeuten habe; als aber Jemmy seine Hand faßte, und ihm eröffnete, sie

sei nun sein Weib und er ihr Mann, da war ihm, als wäre er so eben aus

den Wolken gefallen. Er tanzte im Zimmer herum, er sprang, er jubelte, er

lachte, er weinte, Alles vor Freude. Der Friedensrichter selbst war nicht

weniger überrascht, und zwar so sehr, daß er ein treffliches Abendessen

den Beiden zum Besten gab, sie bei ihm zu übernachten nöthigte, und Jemmy

selbst die zwei Thaler zurückgab, wie seine Bücher noch heutiges Tages

ausweisen. Und gewiß mußte es für den guten Mann und die Ansiedler nicht

von geringer Bedeutung sein, den unbändigen Tomahawk, der im letzten Kriege

so viel Unheil durch seine Excursionen angerichtet hatte, unter einer,

allem Anscheine nach, so entschlossenen, muthigen Direction zu wissen.

Tomahawk und sein Weib kehrten den folgenden Tag in ihre Heimath zurück,

und vom Tage der Rückkehr begannen auch seine Honigmonde. Mistreß Tomahawk

nämlich war kaum in ihre neue Wohnung installirt, als sie auch ausfand,

daß die erbärmliche Hütte viel zu klein und enge und unsauber für sie beide

sei. Und wirklich, sie war eher einer Bärenhöhle, als einer menschlichen

Wohnung zu vergleichen. Tomahawk und seine Leute hatten nun Bäume zu

fällen, wozu sie sich nur gegen ein gewisses Honorar von Whiskyflaschen,

die Jemmy für die zwei Dollars mitzunehmen für gut befunden hatte,

herbeiließen. Mehrere von ihren Landsleuten waren von der Niederlassung

heraufgekommen, und halfen das Gebäude aufzimmern. Tomahawk sprang

freilich, als er vierzehn Tage hindurch die Axt handhaben mußte, jedoch

nicht mehr vor Freuden; er schnitt Gesichter; aber all sein Springen und

Gesichterschneiden half zu nichts: er mußte daran und darauf. In vier

Wochen schlief er im bequemen Wohnhause, so bequem, so wohnlich, wie

Toffels. Tomahawk hatte nun ganze vier Wochen Ruhe, aber das Frühjahr

meldete sich an, und das Kornfeld war offenbar zu klein, ja es hatte nicht

einmal eine Umzäunung, und Schweine und Pferde fraßen den größten Theil der

Saat, ehe sie noch in den Samen schießen konnte. Mistreß Tomahawk bedurfte

eines größern, und ihre wilde Ehehälfte hatte daher ein paartausend Bäume

zu ringeln und umzuhauen, und einige Dutzend Aecker zu umzäunen. Ihr

Freund, der Friedensrichter, hatte bei dieser Zeit wahrgenommen, daß sie

eine wackere junge Frau und treffliche Haushälterin, unternehmend, thätig

war, die es wohl verdiente, auf allen Wegen ermuthigt zu werden. Er war

Amerikaner im ganzen Sinne des Wortes, der half, wo es etwas half; er

sandte ihr sofort einige Hundert Aepfel- und Pfirsichbäume, die sie

pflanzte und pflanzen ließ. Wiederum hatte Tomahawk einige Wochen Ruhe;

aber es war böse Wirthschaft, und zwar seit undenklichen Zeiten, mit den

Fuchs-, Hirsch-, Biber- und Bärenfellen getrieben worden. Tomahawk war ein

berühmter Schütze und Jäger, aber er verhandelte den Preis wochenlangen

Jagens nicht selten für einige Gallons Whisky. Gleich den übrigen seiner

rothen Brüder, hatte er die schwache Seite, einen Schluck, oder vielmehr

deren viele zu thun, wenn es Gelegenheit dazu gab. So groß war jedoch die

Furcht vor seiner Ehehälfte, daß er die Branntweinflaschen pfiffiglich in

hohle Bäume versteckte. Mistreß Tomahawk fand jedoch den Sünder bald aus,

und um künftig allen Versuchungen vorzubeugen, befahl sie ausdrücklich, daß

alle Felle heimgebracht, und ihrer Disposition überlassen werden sollten.

Nun nahm sie den Fellhandel auf sich. In kurzer Zeit wackelten mehrere

Kühe durch das ellenhohe Gras an den Miamiufern, und Tomahawk kostete zum

erstenmale in seinem Leben Kaffee und Wälschkornkuchen. Aber es kam noch

schlimmer. Ein junger Tomahawk erblickte das Licht der Welt, und die

alten Squaws zögerten nicht, ausgerüstet mit Bärenfett und Kuhmist, ihre

Aufwartung zu machen, willens, den neuen Stammhalter feierlich in ihre

religiöse und politische Gemeinschaft einzuweihen. Allein Jemmy sah so

bitterböse darein, und ergriff, als dieses nicht helfen wollte, ihren

Scepter, den Besen, so wacker, daß Alt und Jung heulend zum Hause

hinausstürzte, gleich als ob sie vom wilden Jäger verfolgt würden. Als sie

von ihrem Kindbette sich erholt hatte, befahl sie wieder Tomahawk, zwei

Rosse zu satteln. Natürlich gehorchte er ohne zu mucksen, und nahm ohne

Widerrede seinen Sohn auf den Arm. Auch dieses Mal ging ihre Reise auf die

erwähnte Niederlassung, aber nicht dem Hause des Friedensrichters, sondern

des Predigers zu. Tomahawk ließ sich Alles ruhig gefallen; als er aber den

Prediger seinen Sohn mit Wasser begießen sah, verging ihm alle Geduld.

Er sprang nicht bloß, er tobte, er wüthete, er nannte Mistreß Tomahawk --

stellen Sie sich nur vor, schöne Leserinnen, der Ungezogene! -- eine

Hexe, eine Teufelin, eine Medizin[39]. Jemmy, ohne ein Wort zu verlieren,

runzelte ihre Stirne, warf ihr Näschen auf, und der junge Tomahawk ward

getauft, wie andere Christenkinder.

[39]: =Medizin= werden von den Indianern Aerzte, Hexenmeister,

Zauberer, überhaupt alle diejenigen genannt, die sie wegen ihrer

Kenntnisse in Verbindung mit über- oder unterirdischen Wesen

wähnen.

Als einige Jahre später die Shawneese-Indianer mit der Regierung der

Staaten in Unterhandlungen wegen Abtretung ihrer Ländereien traten, war

die Farm Tomahawks zu mehrern hundert Ackern blühender Fruchtgärten und

herrlicher Wiesen und Felder angewachsen. Mistreß Tomahawk wies natürlich

jede Zumuthung, ihr Land abzutreten, mit Standhaftigkeit zurück, und

vertheidigte ihre und ihres Mannes Rechte, wobei ihr der Friedensrichter

hülfreiche Hand bot, so wacker, daß die Commissaire noch froh waren,

mit einigen tausend Ackern davon zu kommen. Schwerer hielt es, dieselbe

Ausnahme mehrern Indianerfamilien auszuwirken; doch auch dies gelang ihr,

und einige zwanzig dankbare Familien segnen noch heute ihr Andenken. Und

ihr Wohlstand und ihre Zufriedenheit nahmen mit jedem Jahre zu; sie sandte

ihre Kinder in die Schule der Missionaire an den Maumeefällen, wo sie

zu Christen und Bürgern gebildet wurden, und sie lebt nun, das

sichtbare verehrte und werkthätige Oberhaupt ihrer rothen Mitbürger und

Mitbürgerinnen.

Der Reisende, den sein Weg über die Haide zwischen Columbus und Dayton

nordwärts führt, wird unter und zunächst den Quellen des Miami ein

gewaltiges, aus gehauenen Baumstämmen aufgezimmertes Wohnhaus mit Scheunen

und Ställen finden, umringt von üppigen Waizen- und Wälschkornfeldern, und

auf den Wiesen an die sechzig der schönsten Melkkühe, mit Kälbern, Pferden

und Füllen, nicht zu gedenken der Fruchtgärten, die unter der Last von

Aepfeln, Birnen und Pfirsichen zu brechen drohen. Um das Haus herum tummeln

sich ein halbes Dutzend Jungens und Mädchen von hellrother Gesichtsfarbe,

und herausgeputzt, als wären sie so eben aus Stubbs Laden zu Philadelphia

gekommen. Am Sonntage lesen sie ihre Bibel, oder satteln sich ihre Pferde,

und begleiten Mistreß Tomahawk zur Kirche; dem Häuptlinge, der ziemlich

behaglich und comfortabel aussieht, lesen und erklären sie die Zeitungen,

und der alte Tomahawk rühmt sich, daß seine Buben bessere Mediciner

geworden sind, als die der Weißen. Und er ist noch stark in Zweifel, ob

seine zwei ältesten Söhne Advokaten oder Doktoren werden sollen. Zweimal

jedes Jahr macht Mistreß Tomahawk eine Tour nach Cincinnati auf ihrem

sechsspännigen Wagen, der, mit Butter, Ahorn-Zucker, Käse, Mehl und

Früchten beladen, einen Zug darbietet, den kein Gouverneur aufweisen kann.

Sie hat stets zwei ihrer Söhne als Vorreiter bei sich. Und sie ist eben so

sehr das Schrecken der Marktinspectoren allda geworden, als sie das Orakel

und der Liebling aller Marktweiber -- und Männer ist.

Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen. · 第 3 / 8 题