So dunkel ist ihm noch nie vor Augen geworden. Aber, daß er in die
Ackerstraße gehen muß, das steht fest. Ohne Lieschen nochmal gesehen zu
haben, kann er doch nicht abfahren. --
* * * * *
Fünf Treppen hoch, dicht unterm Dach wohnt Frau Schütze. Laute Stimmen
sind zu hören. Jachl klopft. Ein halb Trunkener reißt die Tür auf. In
eine enge, halb dunkle Kammer tritt er.
Wieder hat Lieschen ein ganz kleines Kind auf dem Arm. Ein zweijähriges
hockt am Boden. Ihr Mann zankt weiter, er schimpft »auf das fremde
Biest, das er mit satt machen soll«. Gleich aber wirft er sich auf den
Strohsack und schnarcht schon nach einigen Minuten laut.
Leise streichelt Jachl Lieschens Arm; am liebsten streichelte er sie
immer weiter und sagte gar nichts. Aber ohne Reden geht es doch nicht.
Beide stehen dicht nebeneinander vor der Dachluke. Lieschen erklärt, daß
es zu schwer gewesen allein mit dem Kinde, daß sie kränklich war und
nicht mehr ordentlich hat verdienen können. Und egal sei ihr auch alles
gewesen, weil Jachl nie mehr was hat von sich hören lassen. Zu wütend
ist er damals weggestürzt. -- Ihr Mann war nicht immer »so«. Erst
seitdem er arbeitlos geworden, trinkt er. Zuerst ging alles ganz gut.
Sie haben eine ordentliche Wirtschaft anschaffen können. Maurer
verdienen nicht schlecht, wenn sie Arbeit haben. Nur mit Matten, dem
Jungen, fing bald der Ärger an; den Matten kann der Mann nicht
ausstehen.
Während Lieschen das alles erzählt, hebt Jachl den Jungen auf.
Zutraulich greift ihm der gleich nach der Nase.
Jachl ist noch immer nicht für viel Worte, er hat sich darin auch in
Berlin nicht verändert.
»Ja, denn gib ihn mir man mit, Lieschen; da ist gar nichts bei zu
besinnen.« --
* * * * *
Zusammen gehen sie die Treppe herunter. Lieschen schluchzt. Das Kleinste
übergibt sie einer Nachbarin. Für den kümmerlichen Matten ist es wohl
Glück, aber auch Glück kommt -- besonders für Mütter -- oft wie Schmerz
und ist nicht immer gleich zu erkennen. --
Lieschen hat ihren Jungen auf den Arm genommen. Zwischen vielen Menschen
kommt er auf seinen eigenen Beinen schlecht vorwärts. Jachl geht wie ein
richtiger Ehemann neben ihnen.
Bis zum Abendzug kann er noch viel besorgen. Er will gleich noch heute
fort. Wohin sollte er hier mit dem Kinde? Und für Lieschen und ihn ist
langes Hinziehen unklug. --
Zuerst gehen sie in ein Warenhaus und kaufen Matten ein bißchen Zeug.
Lieschen muß sich auch ein fertiges Kleid aussuchen. Jachl besteht
darauf.
Was hätten sie sich alles zu sagen! Wochen würden nicht ausreichen. Aber
in solchen Stunden ist Reden das Schwerste. Zwischen Klugen und Dummen
hört da jeder Unterschied auf. Allen liegen Steine auf den Herzen und
Schlösser vor den Lippen, und die schöne Zeit geht unbenützt vorüber. --
Ohne es erst zu verabreden, bleiben sie bis zur Abfahrt beisammen. Viel
Stunden sind es nicht. Eine Woge, die ihm fast Schwindel verursacht,
geht Jachl durch die Brust. -- --
Lieschen kniet vor der altersgrauen Truhe. Sie packt alles schön
ordentlich zusammen. Die heilige Genoveva klebt so fleckenlos im Deckel,
als habe sie nicht schon vor Jahren Jachl auf die Reise ins Leben
begleitet. Aber mit dem schönen Spruch: »Fürchte dich nicht, glaube
nur!«, der auch noch unbeschädigt im Deckel befestigt ist, mit dem hat
es doch nicht seine Richtigkeit gehabt. Der Vers ist mehr für den Himmel
geschrieben, als für die Erde. Und für Berlin überhaupt nicht.
Später sitzen sie einsilbig in einem Gasthaus nebeneinander. Essen muß
der Mensch. Eisbein und Sauerkraut ist doch Lieschens Lieblingsgericht.
Ein gehäufter Teller steht vor ihr. Es schmeckt ihr aber nicht. Die
mitgeschluckten Tränen drücken zu sehr auf den Magen.
Um sechs Uhr sind sie am Bahnhof. Wieder viel zu früh; genau wie damals,
als Lieschen die Fahrt nach Lüneburg antrat. Jachl hat Lieschens Hand
genommen. Angefaßt mit ihr zu gehen, war ja immer sein höchster Wunsch.
Fest hat sie seine Finger umklammert.
»Wenn die Zeit doch nicht so rasch herum wäre.« Nur das können sie
denken. Haben aber Denken und Wünschen schon je einen Zug aufgehalten?
Auch der für Jachl bestimmte braust unbarmherzig heran. Zwei Hände
fallen auseinander -- schwer und langsam -- --
Rasch ist ein Abteil gefunden. Lieschen langt Matten hinein. Noch einmal
steigt Jachl aus und küßt ruhig die Frau, die, fast so lang er denken
kann, zu ihm gehört, und die doch nie wirklich sein gewesen. --
* * * * *