Längst hat Karl-Jachl Geld genug zur Heimreise. Er wartet aber: eines
Tages könnte Lieschen kommen und nach ihm fragen, dann muß er doch da
sein. Je länger er hier arbeitet, je weniger böse ist er ihr. Hier
werden sie nun doch mal so -- die Mädchen. -- --
* * * * *
Ein Glücksjäger bist du, mein Jachl, nicht, du Scheuer, du Reiner!
Hinter deinen Schnucken verstehst du herzulaufen, aber nicht hinter
deinem Glück! Was du auch tust, mir kommt es vor, du sähest in die
Wolken. Ja, und »in die Wolken sehen« ist ein unsicherer Glücksweg.
* * * * *
Jeden zweiten Sonntag geht Karl-Jachl mit der roten Jule aus. Sie
schwärmt fürs Kabarett. Beim erstenmal traute er sich gar nicht richtig
hinein. Manche hatten ja gar nichts an. Was sie sangen und worüber alle
lachten, verstand er kaum. Aber schließlich gewöhnt sich auch ein
Schäfer daran. Das bunte, wechselnde Licht gefällt Karl-Jachl und die
Studenten- oder Soldatenlieder, bei denen zuletzt alle lustig mitsingen.
Am liebsten geht er in den Zirkus. Pferde, die sind was! Die lohnen
anzusehen. Hat er einmal einen freien Abend, so steht er auf der Galerie
im Zirkus und wendet keinen Blick von den Schulreitern. --
Das »nach dem Himmel sehen« hat Karl-Jachl sich abzugewöhnen versucht.
Wozu auch? Fabrikschlote jagen ihren Rauch in die Höhe; die langen
Häuserreihen verderben alles. Und dann ist der Weg auch vom
Stiefelputzen und Koffertragen bis zum Himmel _zu_ weit; so hoch kann
Karl-Jachl nicht sehen, so scharf seine Augen auch sind. --
Einige Monate ist Karl-Jachl sehr hinter Zeitungen hergewesen. Mit
einmal sind sie ihm ganz »über« geworden.
Politisches! Das geht ja, wenn es einer ordentlich versteht. Dagegen ist
nichts zu sagen. Aber sonst! Wozu steht alles drin von Zank und Mord
und Betrügerei und all den Schlechtigkeiten, die so leicht zum
Nachmachen sind? Damit mag Karl-Jachl lieber gar nichts zu tun haben.
Zuerst dachte er, sowas stehe nur selten mal drin. Ja, prost Mahlzeit!
Wie zum Bäcker Semmel gehören, so gehören in die Zeitung Mord und
Totschlag. Darum sieht er nicht mehr hinein. Und auch weil sie ein'n
immer zum Geldverschwenden bringt. Besser ist, wenn man gar nicht weiß,
wo es furchtbar billige Hosen oder Hüte oder allen möglichen Krims-Krams
gibt. Zeitunglesen kostet mehr Geld als einer glaubt.
* * * * *
Wer meinen Jachl nicht kennt, der könnte ihm nicht mehr den Heidjer
anmerken. Er hat sogar aufgehört, sich, wie er es anfangs immerfort tat,
zu wundern. Er weiß, in Berlin kommen wohl täglich tolle Sachen vor. Was
erlebt er nicht allein in seinem Hotel, seitdem er nicht mehr _ganz
blind_ ist!
Aus der weiten Welt steigen sie ab; Damen sind dazwischen, die so fein
aussehen wie Prinzessinnen. Der Staat der roten Jule ist nichts dagegen.
Manche betrachten den Hausdiener in der hellblauen sauberen Uniform so
freundlich, daß Karl-Jachl das Blut in den Kopf steigt. Was haben sie an
ihm zu besehen? Einmal ist eine mit einem Grafen gekommen, die hat ihn
angesehen und gesagt: »Sie sind Ihrer Sprache nach wohl nicht aus
Berlin?« Karl-Jachl hat natürlich vor ihr stramm gestanden und ganz
stolz geantwortet: »Joachim Bohn aus Lüttersloh.« Da ist die Dame --
ganz jung ist sie nicht mehr gewesen -- wie Schnee geworden; aber
gefragt hat sie nicht weiter. Karl-Jachl wußte nicht, wodurch er es mit
ihr verdorben hatte. Am selben Abend sind der Graf und die Gräfin weg,
ganz plötzlich. -- (Karl-Jachl merkte schon oft, daß Herrschaften sehr
veränderlich sind.) Die Dame hat ihm einen Briefumschlag gegeben, als
sie klingelte, damit er das Gepäck herunterschaffe, ja -- und da hat sie
gesagt: »Behalten Sie das für sich« -- aber so undeutlich hat sie
geredet, daß Karl-Jachl fragen mußte, erst dann hat sie deutlich
wiederholt: »Für Sie.«
Ja, Karl-Jachl hat es längst gemerkt: Tolle Sachen passieren in Berlin.
Also in dem Briefumschlag haben fünf Scheine gesteckt, jeder ist 100
Mark wert.
Soviel Geld für gar nichts! Karl-Jachls Schreck ist nicht klein gewesen.
Große Damen haben wohl ihre Launen. Wenn sie nicht so plötzlich
fortgereist wäre, hätte Jachl sie angesprochen, weshalb sie _ihm_ das
geschenkt? Doch nicht weil er aus Lüttersloh ist? Erzählt hat er es
keinem. Wozu? In Berlin traut einer dem andern immer rasch Schlechtes
zu. Womöglich hätte man ihn noch für 'nen Dieb gehalten und in die
Zeitung gebracht. Beschwören kann Karl-Jachl: Das Geld ist ihm richtig
geschenkt worden. --
Wenn er zurück nach Lüttersloh kommt, will er mal rumhorchen, ob von da
eine Gräfin gebürtig ist. Kann wohl möglich sein. Von überall kommen
Barone und Grafen. --
In den gewölbten Truhendeckel hinter die heilige Genoveva steckt
Karl-Jachl die Scheine. Da sind sie sicher aufgehoben. Er gebraucht sie
nicht. --
Allmählich ist Berlin ja ganz leidlich und wäre zum Aushalten, wenn es
auf der Welt keine Heide gäbe. Aber wie der eine immer aufs Wasser will
und mit seinen Gedanken auf den großen Schiffen ist, so muß es Jachl
wohl in die Heide zwingen. Er kann nichts dafür. Und wenn Lieschen auch
das Kind hat, mit soll sie doch.
Gerade als Jachl beim Überlegen ist, wann er hier aufhören will, bekommt
er einen Brief von seinem früheren Dienstherrn. Der schreibt ihm:
»Lieber Jachl, Du bist so wie die andern auch und kommst nicht zurück,
aber ich will Dich fragen, ob Du als Oberschäfer hier bei mir annehmen
willst. Ausstehen tust Du nichts, das weißt Du. Hier sind die Schäfer
sehr knapp, ein ordentlicher Mann ist versorgt für Lebenszeit. Zu
Johanni geht meiner. Es grüßt Dein Dienstherr Klas Hinnerk.«
* * * * *
Nun ist es also soweit. Karl-Jachl hat nichts erst zu überlegen. Er ist
mit sich einig: »Viele passen besser nach Berlin und manche besser nach
Lüttersloh.« --
Komisch ist es: Zweimal müssen sie ihn heut rufen: Karl! Karl! Für sich
selber heißt er schon in diesem Augenblick wieder nur noch: Jachl. Den
eigentlichen Namen nehmen sie einem in Berlin auch ohne viel zu fragen.
Das braucht sich wohl eine anständige Kreatur nicht gefallen zu lassen.
Noch zwei Wochen bleibt er in der hellblauen Livrée. Daß er nur den
einen Platz in Berlin gehabt hat, ist selbstverständlich. »Was nützt
verändern? Fehler sind überall, man weiß nie, was man eintauscht.
Schäfer sein, ist auch nicht immer ein Vergnügen. Was können einem nicht
die Schnucken zusetzen mit Bocken und Krankheit und dazu Wind oder Nebel
oder Nässe.«
Jachl weiß wohl, »alle soewen Johr ännert sik de Natur, aber nein, so
verändern kann sich seine Natur nicht, daß er je Verlangen nach Berlin
bekommt. Stadtmensch ist Stadtmensch und Heidjer ist Heidjer. Es ist
gut, daß wenige die Heide mögen! Was wäre sonst wohl für'n Gedränge auf
ihr.« --
Bald kommt Jachl hierher nicht zurück. Er sieht sich deshalb an seinen
freien Nachmittagen gründlich den »Zoologischen« an. Bis zur Dunkelheit
geht er herum. Am meisten staunt er über die vielen Sorten Schafe. So
verschieden hat er sie sich denn doch nicht vorgestellt! Bücher kauft er
auch noch, in denen man nachlesen kann von Rassen und Wolle und
Krankheiten, und wie man sie behandeln muß. Und dann ein Buch, das ganz
vollgeschrieben ist vom »Leben der Bienen«. Schäfer und Schäfer ist
nicht immer dasselbe. --
Erst zuletzt will er im Hotel von seiner Abfahrt erzählen. Lachen werden
sie nur und »dummer Schäfer« sagen. »Dumm! Dumm! Ja, wer ist denn
eigentlich der Dumme? Rasch ist das wohl gar nicht ausgemacht. In Berlin
halten sie sich ja für furchtbar klug. Wenn man aber ordentlich
hinsieht, dann findet man nicht viel, was sie von ihrem Klugsein haben.
Viele sind kränklich, viele haben kein Geld, viele Schulden, liederlich
sind viele, und die, die ordentlich sind, müssen sich furchtbar quälen,
wenn sie weiter kommen wollen. Jachl weiß, weshalb er nicht in Berlin
aushält: Zu viel Ungerechtes muß der Mensch da hinnehmen oder mit
ansehen. Auf der Heide ist mehr Gerechtigkeit und weniger Gerede und
Großtun.«
Stillvergnügt lächelt er. Ihm ist bei seiner Dummheit wohler, wie denen
bei ihrer Klugheit.
Wenn bloß die Sache mit Lieschen erst richtig im Gang wäre. Wohl
hundertmal wollte er hin zu ihr, aber vor lauter Angst ging er nie.
Angst wovor? Ja, das kann er selber nicht sagen. Er ist ihr furchtbar
gut, und doch traut er sich nicht hin zu ihr. Das muß wohl von der Liebe
kommen. Immer wurde er ganz kopfschwach, weil sein Herz toll zu klopfen
anfing, so oft er mit ihr zusammen war. --
Jetzt kann er es aber nicht länger aufschieben. Hin zu ihr muß er,
gleich heute, nun er nicht mehr Karl ist, sondern schon Jachl, Jachl,
der Schäfer! --
Wieder sucht er Lieschens Adresse auf dem Einwohnermeldeamt. Diesmal
blättert der Beamte länger als das erste Mal, bevor er fragt:
»Verehelichte Schütze?« Und hinzusetzt er: »Hören Sie denn nicht?«