Fahrplanmäßig geht alles weiter -- auf Bahnhöfen und im Leben. --

Kerzengrade sitzt Jachl all die Stunden auf der Bank. Matten schläft in

seinem Arm. Er darf doch Matten nicht stören. Vom Kinderpflegen hat

Jachl bisher nichts gelernt, deshalb stellt er sich nicht gerade

geschickt an.

Ganz steif sind seine Glieder, als der kleine Schläfer sich endlich

regt. Ordentlich recken muß er sich und strecken, bevor er die Knochen

wieder in Ordnung bekommt. --

Die letzte Fahrstunde bringt Jachl stehend am Fenster zu. Alte Häuschen

tauchen auf; kleiner und grauer scheinen sie geworden, aber so

lichtumflutet liegen sie da, als wolle die Natur ihn feierlich empfangen

und beweisen, daß vor ihr Unterschiede nicht bestehen. -- --

»Vater!«

Jachl hört's und hört's doch nicht.

»Vater!« --

Fast erschrocken dreht er sich um. Daran hat er gar nicht gedacht, daß

er wohl nun der Vater ist. Rasch verwandelt sich sein erstes Fühlen in

Dank. Er drückt Matten einen Augenblick fest an seine Brust. »Wir wissen

nu beide, wohin mit uns, mein Jung'; wir haben nu 'nen Platz für alle

Liebe.« Um sich gleich wie ein erfahrener Vater einzuführen, fragt Jachl

seinen Sohn: »Kannst du reiten?« (Etwas Besseres fällt ihm nicht gleich

ein.) Schnell hebt er Matten auf seine Kniee und läßt ihn reiten, bis

sie beide ganz außer Atem kommen.

Die letzte Haltestelle ist erreicht. Jachl übergibt einem Fuhrmann seine

Sachen, nimmt den Kleinen an die Hand und wandert mit ihm auf

wohlbekannten Heidewegen weiter. --

* * * * *

Der Schäfer weiß: Manch einer wird fehlen, der dahin gehen mußte in den

Jahren, während denen er in der Fremde gewesen ist. Aber der kleine

Heidefluß hier, neben dem sie eben schreiten, der ist ebenso

still-fröhlich geblieben wie früher. Und gegen den rosigen Schein, der

gerade auf den Heidbergen liegt, kommt keine Illumination auf, wenn sie

in Berlin auch eine Menge Geld dafür hingeben. --

[Abbildung]

Jachl, der doch selten für viel Worte war, muß von der Heimatluft wie

betrunken sein; er redet an diesem Morgen zu Matten, als könne er ihm

nicht eilig genug von allem erzählen, was die Heide für sie beide in

Bereitschaft hält.

»Gewiß, wir sollen hier nur geringe Leute sein, Matten, aber du sollst

mit der Zeit selbst sehen, wo die Geringen sind; zu vielen Vergleichen

wirst du aber nicht kommen, denn du bleibst ja hier bei mir -- du und

ich gehören nun doch zusammen. Gut sollst du's haben, Matten. Ich bin so

leidlich geworden, ja, das bin ich; aber du mußt anders werden, ganz

anders, dafür bin ich da; ich weiß jetzt auch, was 'nem Menschen guttut

an Ordnung und Reinlichkeit und wie er sich benehmen soll. Wenn zu uns

Leute aus der Stadt kommen, sollen sie sich wundern, wie du hier

zwischen die Schnucken kommst.«

Matten verstünde nichts von diesem allen, auch wenn er aufpaßte. Das tut

er aber gar nicht. Er ist mit den Gräsern und den Blumen und den Moosen

beschäftigt, die er am Boden sieht. Sonst ist er auf harten, kahlen

Dielen in lichtlosen Hofräumen herumgerutscht. Wie sollte er hier nicht

gucken und lachen und mit beiden Händen in die Luft greifen, so oft er

in die Höhe sieht. Das Helle droben, das will er sich herunter holen.

Jachl begreift's und lacht auch und möchte ebenso nach dem Hellen

fassen.

»Ja, Matten, greif du nur in die Luft. So viel Luft hast du doch in

deinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Recht hast du zu lachen, ganz,

ganz laut zu lachen, mein Jung'. Von allem Bösen sind wir jetzt fort.

Solche Jungen wie dich machen sie in der großen Stadt krüpplig. So oder

so! Nachher kommen sie mit ihrem »Kinder-Rettungsverein« und tun sich

groß, aber was sie vorher alles ruhig geschehen lassen, davon reden sie

nicht. Hier haben wir Frieden und Segen und Gesundheit für dich. Und

reich sind wir auch, Matten, dir kann ich's anvertrauen: Fünf blaue

Scheine haben wir. Mit der Zeit bauen wir uns ein kleines Häuschen, ein

blitzblankes Häuschen neben unserm Schnuckenstall. Mitbauen mußt du

helfen, Matten, dabei kann ich dich nicht schonen. Für das ganze große

Hotel mit allem Gold und Silber tausch' ich es nicht ein, unser

Häuschen. Hör' doch ein bißchen zu, mein Jung', was Vater red't -- --«

Jachl sagt's, aber in Wahrheit verlangt er gar nicht, daß Matten

aufpaßt. Was kümmert es einen Trunkenen, ob ihn jemand anhört! Jachl

wird weiter reden, bis sein glückseliges Herz zur Ruhe kommt und rasch,

ach zu rasch veratmet ja solch bißchen Glückstrunkenheit.

»In die Schule wirst du müssen, Matten, das gehört sich, aber wir haben

ja noch ein paar Jährchen Zeit. Immer will ich dir ein Stückchen Weg

entgegenkommen. Die Schnucken müssen auch mit. Und wenn du nachher

sagst: Lehrer möcht' ich werden, Dorfschullehrer, werd' ich's überlegen.

Ein bißchen hoch hinaus, das schadet nicht. Und das sag' ich, Matten,

solch Prämienblatt wie Vater, das mußt du Ostern auch immer mitbringen

und es ganz von weitem auch durch die Luft schwenken, und eingerahmt

soll es werden, nicht bloß so angeklebt an der Wand hängen, wo

Fliegenschmutz und Staub drauf sitzen. Und, Matten, diesen Sonntag gehen

wir in die Kirche; mir ist so nach Betenmüssen. In Berlin ist der liebe

Gott viel weiter weg; -- ich weiß ja, daß das Unsinn is, und es kommt

Vatern bloß so vor, ja, das weiß er, aber hin wollen wir, Matten -- du

brauchst nicht bloß allein einen Vater -- ich auch.«

Die Stille und der Duft der Heide treiben Jachl in diesen Minuten nur

immer stärker in einen seltsamen Rausch hinein. So leicht und frei hat

er sich noch nie gefühlt. Wie kann ihm so wohl sein ohne Lieschen? Die

schmerzliche Sehnsucht ist nicht mehr in ihm. Vielleicht kommt sie

wieder, die Sehnsucht. Wie soll er das wissen? Aber heute, heute ist sie

verflogen.

Wohin, mein Jachl, wohin ist sie verflogen?

Mit der Hand beschattet er wieder und wieder die Augen, um deutlicher

erkennen zu können, wenn eine wohlbekannte Kuppe in der Ferne

emportaucht oder eine Waldeswand, deren Bäume sich wohl doch nicht wenig

verändert haben. Breiter und höher sind sie geworden, grad wie der

Schäfer. Aber dieselben sind sie doch geblieben; bei ihnen ist es bloß

von außen, das Verändern.

So oft Jachl Verändertes sieht, sagt er dasselbe, nein, er ruft es:

»Matten, Matten, haben wir es gut! In Berlin kommt einer beim Verändern

selten gut fort. Zum Bessern verändert er sich nich, mehr zum Schlechten

bei allem Zeitungslesen und Großtun und Geldverbrauchen und Nichtshaben.

Matten! Matten! Um uns brauch' sich keiner mehr zu ängst'gen.« --

* * * * *

Genau wie Jachl bei der Trennung von der Heide unglücklich gewesen ist,

obwohl keiner da war, dem der Abschied von ihm schwer wurde, so ist

heute niemand da, der seine Seligkeit mitempfindet. Kein Mensch. Das ist

wahr. Aber an Menschen hat Jachl auch gar nicht gedacht, so oft seine

Gedanken nach Hause flogen. Zu Hause ist er unter diesen zitternden

Zweigen, die verlangend nach ihm zu greifen scheinen, wie Mutterhände.

Und sonst hat er hier noch hundert »zu Hause«, ohne Vater oder Mutter

oder Geschwister. --

Zuerst ist Jachl ganz langsam gegangen. Jetzt plötzlich hebt er seinen

Jungen auf, um rascher weiter zu kommen. Nicht wegen Klas Hinnerk, dem

Dienstherrn, hat er Eile, dem kommt er früh genug auch eine Stunde

später. Und die Schnucken können auch noch ein bißchen warten. Nur

Freude jagt ihn; zu sprechen hat er aufgehört. Ein paar Minuten hat er

flöten müssen. Auf der Heide ist niemand, der Flöten verbietet. Nach dem

Flöten ist das Singen gekommen und dann -- das Schweigen.

Hügelauf, hügelab gehen sie. Jedesmal, wenn sie aufwärts steigen,

scheint es Jachl, als käme er seinem Himmel wieder ein wenig näher.

Mit dem Himmel ist es ja wohl immer nur Einbildung, aber -- wer an ihn

glaubt, der hat ihn. --

[Abbildung]

Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille · 第 23 / 23 题