Erst am nächsten Vormittag, als er vors Haus tritt, studiert er:
»Körnerstraße«. Er dreht sich rundum. Wo ist er? In dieser Gegend war er
vorher nicht. Aber das ist ja alles egal jetzt. Wie gestorben kommt er
sich vor.
»Auf Wiedersehn« hat die rote Jule gerufen und ihn gestreichelt und ihn
geküßt und »Schatz« gesagt und »Liebster«. --
Er lebt also doch. Das ist gewiß. Aber krank ist er! An so viel Leid und
Liederlichkeit ist mein Jachl nicht gewöhnt. Nicht mal an seine
Schnucken denkt er. Gleichgültig sind sie ihm, ganz gleichgültig. Kein
bißchen Verlangen hat er nach ihnen. Er muß ja nun auch in Berlin
bleiben. Ja, das muß er. Geld zum Weiterreisen besitzt der Schäfer nicht
mehr. Schadet nicht. Ob Berlin oder Lüttersloh ist nun egal. Alles ist
egal, alles, alles. --
Schmunzelnd empfängt ihn der kleine Maler. Gar nicht erstaunt. Ja,
Berlin! Hat er nicht vorher gesagt, wie's da zugeht? Na, Rat zu schaffen
ist nicht schwer. Den neuen Anzug, ja, den müssen sie versetzen. In die
alte Kluft muß Jachl zurück. »'s ist kein Unglück; auf'n Leib bekommt
man schon wieder was,« tröstet der Freund.
Jachl, der allmählich wieder zu Verstand kommt, setzt eine
gottesjämmerliche Miene auf bei der Vorstellung an die rasche Trennung
von dem besten Anzug, den er im Leben besessen hat.
Tapfer steht der kleine Maler ihm in aller Not bei. Versetzt ist rascher
wie gekauft. Dann gehen sie in die Jägerstraße. »Mietskontor« heißt es.
Jachls große Figur gefällt. Nach zwanzig Minuten ist er angestellt,
oder, wie der kleine Maler es nennt, »verkauft«; so rasch geht alles,
daß Jachl gar nicht mehr zur Besinnung kommt. --
* * * * *
Jachl heißt plötzlich nicht mehr Joachim, nicht mehr Jachl, er heißt:
Karl. Und Schäfer ist er auch nicht mehr, sondern Hausdiener. Schäfer
werden in Berlin nicht gebraucht.
Der kleine Maler versichert, Joachim habe das große Los gezogen:
Hausdiener mit Livrée in solchem vornehmen Hotel. Gleich möchte er
tauschen! Die Hauptsache ist aber, in Berlin muß einer »was vorstellen«.
Ja, und beim »Was vorstellen« kommt der kleine Freund nicht mit. --
Von früh bis spät hört Karl-Jachl seinen neuen Namen rufen. Immer
kommandiert ihn einer, manchmal gleich zwei. Er kommt sich nur noch wie
eine Schnucke vor; hier hat _er_ gar nichts mehr zu rufen, hier wird er
bloß immer gerufen. Am Abend ist er so müde, daß er sofort einschläft.
Während des ganzen Tages muß er sehr aufpassen, damit er nicht grob
angeschrieen wird. --
Zuerst war ihm immer, als habe ihn ein Schlag auf'n Kopf getroffen. Das
muß wohl vom Schreck im Mütterheim gekommen sein. Nach einer Woche ward
es besser. -- Nicht einmal so viel Zeit bleibt Jachl zum ruhigen
Überlegen. Und auch nicht so viel Ruhe; denn, was war die
Volksheilstätte gegen die Pracht, zwischen der Jachl jetzt zu arbeiten
hat. Seide und Samt, Gold und Silber, wohin er sieht. Seine Gedanken muß
einer dazwischen beisammen haben, sonst können sie ihn nicht gebrauchen.
An die vielen großen Spiegel überall im Haus muß man sich auch erst
gewöhnen. Und dann _die_ feinen Leute! Jachl gefallen sie gar nicht und
Berlin auch nicht, aber er weiß wohl, der wird ausgelacht, der das
eingesteht. In Berlin ist sich verstellen die Hauptsache, das merkt er
rasch. --
Nie wäre Jachl hier geblieben, hätte Lieschen nicht sein Leben ganz
verdreht. Er geht ja mit der roten Jule, das ist wahr, aber mit einer
gehen und an eine andere denken, das kann passieren. --
Manchmal kommt es Jachl so vor, als nähme einer, der nicht zu sehen ist,
jeden Tag einen großen Sandsack und schütte ihn über Berlin aus. Jedes
Sandkorn ist ein Kind oder ein Eingewanderter, und nachher soll jedes
Sandkorn allein aufpassen, daß es nicht in die Erde gestampft wird. Das
ist wohl dumm gedacht, aber wenn Jachl sich in Livrée noch so fein in
den Hotelspiegeln sieht, immer und immer fällt ihm das von den
Sandkörnern ein. -- Ja, auf der Heide! Da war er wohl eher etwas wie ein
festgewurzelter Baum!
Ganz leise haben sie sich wieder in ihn eingeschlichen, die Gedanken an
die Schnucken und an den Grasgarten und an die Heidewege und an die
schwarzen Machangelbüsche, an die braunen Farren, an die roten Eichen,
an die weichen Moosdecken, an die scheuen Rehe, an die Spitzmäuse und an
die bunten Schnirkelschnecken. Immer sind sie alle auch mit hier in
diesem feinen Hause. --
Das Beste im Hotel ist ein Landsmann, sogar einer, dem Berlin auch nicht
gefällt. Richtige Feiertagsstunden verleben beide im geheimen, wenn sie
von »ihrer« Gegend sprechen. Zuerst sehen sie sich immer ängstlich um;
sie wissen, gleich heißt es, einer ist ein Dummkopf, wenn er an Berlin
kein Gefallen hat. Dann aber beginnen sie. Schwatzhaft wie sonst nie
wird Jachl. Anfangs ist das Gespräch ein rasch sprudelnder Quell, dann
verlangsamt es sich, bis jeder mit einem müden Seufzer aufsteht.
»Jetzt, wie sieht es jetzt auf der Heide aus?,« sagt Karl-Jachl. »In
brennender Sonnenglut werden die Schnuckenwege liegen -- ein Mann wird
im Sonnenbrand am Heidemoor stehen und Torf stechen, er wird die
schwarzen Stücke zum Trocknen hoch aufbauen. Keiner ist wie hier in der
Nähe, der immerfort ruft.« Oder vom Wacholderfeld reden sie. Oder Jachl
schwärmt von den hellen Nächten, in denen es heller ist wie hier mit
allem elektrischen Licht. Und wie anders der Regen herabrieselt als
hier, wo er immer nur stört, und wo kein Mensch auf ihn gewartet hat
und Tag und Nacht ihn herbeisehnt und »Gott sei Dank« bei den ersten
Tropfen sagt und sich auch noch weiter freut, wenn er stundenlang wie in
Mollen von oben herabgeschüttet wird. Hier denken sie bloß an die
Kleider, die verdorben werden, nicht an den dürren Erdboden, der
getränkt werden muß. Ja, was wissen sie hier überhaupt von der Welt!?
Die Heide haben die wenigsten gesehen, und wenn sie sie sahen, konnten
sie sie wieder vergessen. Ja, wie _kann_ ein Mensch die Heide
_vergessen_? Er muß ja gar kein Herz haben. Vor den Schaufenstern, wo es
blitzt und blinkert, stehen sie, und das ist doch rein nichts gegen das
Silber des Wollgrases oder das Gold des blühenden Postes oder das
Kupferrot vieler Büsche!