Gleichgültig und lautlos fällt der dichte Schnee hernieder. --

Jachl kennt die Gefahr, in der er sich befindet. Rührt er sich, so

geht's vielleicht noch rascher in die Tiefe. -- Heiße Lebensgier foltert

ihn. Was tun? Was tun? In Todesangst fängt er plötzlich an zu flöten, so

laut und schallend, wie er nie bisher im Leben geflötet hat. Vielleicht

geht ein Mensch in der Frühe durch die Heide und lauscht und sucht,

woher der Schall kommt. Jachl kann nicht mehr schreien, nicht mehr

brüllen, nicht wimmern; all seine Kraft hat sich ins Flöten umgesetzt.

Er flötet, er flötet, als sei das Aufhören sein sicherer Tod.

[Abbildung]

Am Moorgraben entlang gehen zwei Heidejäger durch die weiße Wüste.

Erwartungsvoll halten sie Umschau. Sie lauschen. Sie stieren auf einen

Punkt, und sie erkennen, daß da im Schnee etwas steckt, etwas, das man

retten muß. Behutsam wagen sie sich näher heran. Sie halten dem Jachl

einen langen, festen Speer hin, den sie bei sich tragen. Vorsichtig

greift er zu, fest, ganz fest; dabei hört er nicht zu flöten auf. Ja,

wahrhaftig: der Schäfer hat flötend dem Tode den Rücken gekehrt.

* * * * *

Kehrte Jachl dem Tode wirklich den Rücken? Sicher ist es nicht.

Zuerst hat der Viehdoktor den Kopf geschüttelt. Weshalb sollte der es

nicht auch verstehen? »Vieh ist Vieh«, sagt er, wenn er mal statt eines

Ochsen einen Knecht zu behandeln bekommt.

Monate sind seit Jachls Tanzreise vergangen. Längst lagert er wieder mit

seinen Schnucken in der Sommerglut; längst schwätzen wieder allerlei

Vögel im Schilf und in den Büschen.

Die Mücken sind ein wenig zu dreist gewesen. Sie haben einigen Schnucken

große Wunden beigebracht. Vergeblich hat sie Jachl mit Teer und

Wagenschmiere eingerieben. »Vielleicht haben giftige Schnaken das Unheil

angerichtet«, denkt er. Gegen die kommt er wohl doch nicht allein an.

Den Tierarzt muß er holen. Für ihn, den Schäfer, ist's wie halbe

Schande. --

Komisch geht es wohl auf der Welt zu! Wohin wäre mein Jachl ohne den

Tierdoktor gekommen? --

Stolz ist der Schäfer, daß der gelehrte Mann seine Herde lobt. Dem

Erfahrenen sind die gut abgerichteten Hunde ein Beweis, daß er es mit

keinem zu tun hat, der beschränkt oder nachlässig oder kenntnislos ist.

Er würdigt Jachl langer, intimer Gespräche über Heidekrautweide und

ihres Wertes für die Lämmer. Jachl antwortet wie ein alter Schäfer; er

weiß, daß er hierbei mitreden kann. Aufs »Zufüttern« kommen sie und auf

»Lebendgewicht«. Dabei sieht der Viehdoktor Jachl an und meint, »du hast

nicht viel mehr wie deine beste Schnucke, sorg' lieber zuerst für dein

eigen Lebendgewicht«.

Jachl ist in der Freude über das fachmännische Gespräch ganz erregt,

seine Backen brennen. Das bißchen Husten hat er ganz vergessen. Der

Viehdoktor aber denkt, als er davonfährt, »dem schick ich unsern

Landarzt, der hat ihn nötig«.

Und er tut's.

So kommt es, daß Jachl, der doch nichts von »die Doktors« hält, ihnen in

die Finger fällt. --

»Na, denn zieh dich mal aus«, sagt der Arzt freundlich.

Was macht der Mann bloß alles! Er klopft auf Jachls Brust, er klopft auf

Jachls Rücken, er legt sein Ohr dicht auf Jachls Herz. Als er fertig

ist, setzt er sich gemütlich auf einen Schemel im Stall hin und sagt

seelenruhig nur ein einziges Wort: »Lungenheilstätte.«

Woher soll ein Schäfer wissen, was das ist? Im Lehrbuch für Schafzucht

stand nichts davon.

Der Doktor erklärt, aber Jachl versteht nur so viel, daß er von den

Schnucken fort soll.

Das ist doch gar nicht möglich! Zuerst ist er stumm, und dann fängt er

an auseinanderzusetzen, weshalb er hier bleiben muß. Aber der Doktor,

der zuerst so freundlich war, sagt grob: »Papperlapapp, dann stirb man

hier.«

Fürs Sterben ist Jachl aber immer noch ebensowenig wie damals, als er im

Moor beinah erstickt wäre.

Unruhig dreht er sich an diesem Abend auf seinem Lager hin und her und

denkt wieder kläglich: »Nicht sterben -- nicht sterben.« -- --

Eine umfangreiche Schreiberei beginnt. Papiere müssen beschafft werden.

Der Landarzt sorgt dafür, daß alles ordnungsgemäß angebahnt wird. Wochen

vergehen aber doch, bis Jachls Abreise nichts mehr hindert.

Ach, diese letzten Wochen! Wieviel muß Jachl ausstehen! Sein Herz ist

nicht krank, es ist sogar riesenstark, daß es _soviel_ Kummer aushält.

Ja, es ist wahr: Jachl läßt keine Mutter zurück, keinen Vater, keine

Geschwister, keine Braut, er hat gar keine Ursache sich zu grämen. Aber

fragt ein Herz nach Ursache, wenn es sich bedrückt und beengt fühlt?

Sind da Grund und Ursache entscheidend?

An die große Stadt, in deren Nähe das Rote Kreuz seine Heilstätten hat,

mag er gar nicht denken. Da sollen doch soviel schlechte Leute leben!

Und neumodische Gewohnheiten werden sie haben! Wohl alle mit Hüten auf'm

Kopf. Mützen und Kappen sind da nicht angesehen. Das hat Jachl ja auf

Lieschens Bild gemerkt. Überhaupt: Stadtmenschen mögen ja auch ganz

ordentliche Menschen sein, aber man muß sich erst sehr an sie gewöhnen.

Ein Schnuckenschäfer wird wohl in Berlin gar nicht estimiert sein. Das

ahnt Jachl schon im voraus. Sie sollten ihn aber nur mal fragen, wie

schwer ein ordentlicher, zuverlässiger aufzutreiben ist. -- Seinen

Nachfolger hat er schon vier Wochen einstudiert. Jachl will nichts

Schlechtes von Jochem sagen, aber soviel steht fest: Schäferverstand hat

der nicht! Immer ist Jochem gleich mit der Schäferschaufel bei der Hand,

wirft mit ihr Erde zwischen die Herde und beunruhigt die armen Tiere.

Jachl regiert sie mit einem einfachen Zuruf. Jochem aber jagt sie bald

zusammen, bald auseinander, ohne Sinn und ohne Verstand. Was wird das

bloß werden, wenn Jachl erst fort ist? So jung er noch ist, diesem

geringen Hütejungen ist er haushoch »über«. Das weiß auch der

Dienstherr. »Jachl,« hat er gesagt, »Jachl, deinen Posten kannst du

immer wieder haben, aber du wirst das Zurückkommen auch vergessen, wie

die Jungens alle aus'm Dorf.«

Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille · 第 13 / 23 题