Ja, das hat er gesagt. --

Heute packt Jachl. Zuerst kommen alle alten Männer- und Frauentrachten

aus des Ohms Truhe heraus, und dann kommen Jachls Schätze hinein. In den

hochgewölbten Deckel der tannenen Truhe hat er die feinsten Bilder

geklebt. Ein Jesusknäblein wird ihn jedesmal anlächeln, wenn er aus der

Truhe etwas herausnimmt, und der feingepinselte Spruch, den Lieschen

einst gleichgültig am Boden hat liegen lassen: »Fürchte dich nicht,

glaube nur!« Nie hat Jachl über den Sinn der Worte nachgedacht, aber es

kommt ihm vor, als könnte es gut für ihn sein, ihn mit auf die Reise zu

nehmen. --

Auf das Gespann seines Dienstherrn ladet Jachl sein Gepäck. Er darf

nicht, wie er wollte, es allein schleppen. Ganz streng hat es der Doktor

verboten. Seitdem er krank sein soll, reden sie ihm in alles rein. Jachl

war das gar nicht gewöhnt. Seinen Schnucken war doch alles recht. Was

soll man aber dabei tun?

Am letzten Abend haben sich die Schnucken wie immer um ihren Schäfer

gedrängt. Jachl klopft und streichelt jede besonders freundschaftlich.

Keine merkt etwas von dem Verlust, der ihr bevorsteht. Überhaupt, keiner

ist da, von dem Jachl wirklich Abschied zu nehmen hat mit Küssen und

Drücken, bevor er auf den Wagen klettert. Und doch drehte er am liebsten

wieder um, nachdem er ein Stückchen zugefahren ist. Aber er weiß, hier

ist seines Bleibens nun nicht mehr. Was hätte Umkehren für Sinn?

Er heult ein bißchen, wirklich nur ein bißchen, als er nichts mehr von

Jochem und den Schnucken sieht.

Zuletzt, ehe der Leiterwagen in die Stadt rasselt, sieht Jachl, wie ein

Dummerjan, nur in die Höhe, immer in den Himmel, grad' wie damals, als

er wie besessen nach dem Luftschiff sah. Er fühlt plötzlich, von wem er

jetzt Abschied zu nehmen hat: vom Himmel! Ja, wie sie auch mit Berlin

prahlen mögen, _so_ viel Himmel wie hier kriegt er nun nicht mehr zu

sehen. So viel Himmel haben sie da nicht. So viel Himmel können sie sich

für all ihr Geld nicht kaufen. --

Noch in der Eisenbahn drängt Jachl sich vor, steckt den Kopf so weit als

möglich heraus und sieht hoch _nur_ in den Himmel. Nachher wischt er

etwas Feuchtes aus den Augen. -- --

* * * * *

Ich will hier gleich berichten, daß sich mein Jachl, obwohl er

ungeschickt und unerfahren ist, in dem neuen Leben nicht wie ein

Dümmling anstellt. Er merkt rasch, sein Heideverstand gilt schon auf der

Reise nicht mehr viel.

So unterschiedlich hat er sich die Menschen doch nicht vorgestellt!

Welche, die in die vornehmste Klasse steigen, sehen ganz komisch aus

mit all dem Zeug, was sie auf'm Leib tragen. Müssen die viel Geld haben!

So viel Geld kann sich Jachl gar nicht vorstellen. Warum kaufen sie aber

nicht mehr Zeug für ihre Röcke? Sie sind doch viel zu eng; ganz

ausgewachsen sehen sie aus, grad' so wie Jachl in seinem Anzug. Und was

schleppen sie nicht alles an sich herum, was schwer sein muß, besonders

auf'm Kopf.

Auch die in der *IV*. Klasse sind anders wie Leute in Lüttersloh, aber

ganz so schlimm wie die Feinen sind sie nicht. Je länger Jachl reist, je

mehr anders werden sie.

So oft der Zug hält, glaubt er: das ist Berlin! Jede Stadt kommt ihm

beklemmend groß vor mit ihren vielen Schornsteinen, mit Soldaten und

Droschken und Straßenbahnen. _Noch_ größer und höher soll ja aber Berlin

sein.

Endlich, endlich, Gott sei Dank, ist es da.

»Berlin! Alles aussteigen«, ruft der Schaffner um 6 Uhr 1 Minute

frühmorgens.

Jachl folgt seinen Bahngenossen. Er läßt sich bis zur Sperre mit

durchschieben. Draußen studiert er nochmals den Zettel, auf dem ihm die

Weiterfahrt genau aufgeschrieben ist. -- Einige Stunden muß er sich wohl

Berlin ansehen. Das geht doch nun nicht anders. Wird das eine Arbeit

sein!

Mit dem wenig Himmel -- er sieht es gleich -- das stimmt! Solch Gewimmel

ist immer zwischen den hohen Häusern, wie wenn Schnucken sich

zusammendrängen. Jachl kommt es immer so vor, -- er weiß wohl, das ist

nur Dummheit von ihm -- als wackelten die Häuser mit den vielen, vielen

Fenstern. Vor einem Fleischerladen bleibt er stehen. Die Hammel, die er

prüfend betrachtet, sind das erste Vernünftige, was er in Berlin sieht.

Am liebsten rührte er sich hier nicht vom Fleck. Der Lärm der Straße ist

ja, wie wenn immerfort Gewitter wäre.

Was haben die Leute bloß alles erfunden! Und wie halten so viele es aus!

Wenn Jachl zu Hause über das Feld geht, dann weiß er doch, ihm kann

nichts passieren, aber hier mögen wohl jeden Tag welche ums Leben

kommen. Das kommt nur von dem vielen Erfinden. Wozu ist das nötig? Jachl

hat zwar seinen Husten, aber sonst sind doch die meisten stärker und

gesunder, die gar nichts mit Berlin und all seiner Erfinderei zu tun

haben. Dazu haben sie solche Eile; alle rennen immer so, wie Jachl mal

ausnahmsweise hinter einer verlaufenen Schnucke. Ja, das Laufen haben

sie raus. Einer sieht nicht nach dem andern. Wie kann es hier Lieschen

so gefallen?

In Hamburg ist sie nicht lange geblieben. Freiwillig fuhr sie nach

Berlin.

Jachl weiß, daß es viel auf der Welt gibt, wobei er nicht mitreden kann,

aber wundern kann er sich. Das darf ihm keiner wehren. Also tüchtig

wundert er sich mal zuerst darüber, daß ein Mensch _freiwillig_ nach

Berlin reisen kann.

Ordentlich leichter wird ihm während des Wunderns. Beinahe wie

Verachtung ist es. Doch das unterscheidet mein Jachl nicht. --

Obwohl ihm der Magen knurrt, tritt er nicht in eine Kneipe ein. Er wagt

es nicht. Lieber hungern und dursten.

Was alles muß ein Mensch wissen, der vor Berlin keine Angst hat. Jachl

ist gewiß kein Feigling. Wie ist er zu Haus allein hinter dem Bock

hergerannt, als ihn die Wespen wild gemacht hatten! Und auch sonst

scheute er keine Gefahr. Aber hier in Berlin muß man von ganz anderer

Wissenschaft sein. Es kommt ihm vor, als ob sie alle zu stolz sind und

Augen hinten und vorne haben. Viele Jahre mögen wohl dazu gehören, bis

einer soviel Augen bekommt, daß er zwischen all dem Neumodischen nicht

zu Schaden kommt. --

Wohl zehnmal hat Jachl seine Uhr hervorgezogen, um nachzusehen, ob er

immer noch nicht weiterfahren kann.

Wenn er wenigstens das Haus wüßte, in dem Lieschen wohnt. Aber in dem

letzten Brief hat sie ihm eine Straße aufgeschrieben, die kennt hier

kein Mensch. »Berlin, postlagernd«. Die Leute lachen, so oft er fragt:

»Bitte, wo komme ich nach der Straße postlagernd?« --

So entschließt sich Jachl ruhig vor dem Fleischerschaufenster

auszuharren, bis es Zeit ist, abzufahren. Er beobachtet die Mädchen, die

zum Einkauf das Geschäft betreten. Sauber sind sie alle. Das ist wahr!

Man merkt gleich, keine hat mit Mist oder mit Melken zu tun. Die Augen

gehen ihnen rundum. Jachl sieht nur nach dem Fleisch, das sie in ihren

Körben haben, sie aber sehen ihm grad' ins Gesicht, so lange und so

grade, daß ihm heiß wird. --

Schließlich vergeht aber auch in Berlin die Zeit, wenn sie Jachl auch

viel, viel langsamer weitergekrochen ist, als zu Haus beim

Schnuckenhüten. --

Wieder sitzt er im Zuge; diesmal hat er es rascher geschafft. Schon nach

zwei Stunden muß er aussteigen.

Gott sei Dank! Ein bißchen mehr Himmel haben sie hier, wenn er sich auch

nicht -- wie Jachl glaubt -- dem unabsehbar vielen über der weiten Heide

vergleichen kann.

* * * * *

»Volksheilstätte« heißt Jachls Reiseziel. Ja, es gibt viele Völker, das

weiß er von der Schule her. Ganz tief holt er Atem, dann spuckt er aus

und reibt sich die Hände sauber, ehe er beim Pförtner die Glocke zieht.

Solcher Anmeldung bedurfte es nicht, wollte jemand ihn in seinem

Schnuckenstall aufsuchen. -- Freundlich wird ihm der Weg ins Haus

gewiesen. Er sieht fünf, sechs, nein, acht Häuser, nicht solche Riesen

wie in Berlin. Das Eintreten wird ihm gar nicht schwer. Sein Mut kehrt

zurück. Tapfer stellt er sich vor: Joachim, der Schäfer. --

Auf der Heide hat er sich nie anders rufen hören wie: »Schäfer«. Nicht:

Joachim; lange schon nicht mehr: Jachl. Daß er einen richtigen

Vatersnamen hat, kommt bei ihm, dem Schäfer, gar nicht in Betracht. --

»Sie heißen Joachim Bohn?« fragt die Oberin freundlich. Noch nie hat

jemand Jachl »Sie« genannt.

Sie! Sie! Er muß sich erst besinnen, ehe er nickt.

»Gut, also treten Sie näher, lieber Joachim Bohn.« --

Hätte Jachl nicht trotz seiner Krankheit eine kräftige Natur, so wäre er

von der Fülle des Überraschenden, das er in den nächsten Tagen erlebte,

»kopfschwach« geworden.

Auf der Heide hat er wohl das liebe Vieh gebadet, aber daß der Mensch

auch in einen Bottich, der mit warmem Wasser angefüllt ist, gelegt wird,

das hat Jachl nicht geahnt. Früher hat er einmal ein Märchenbuch gehabt.

»Aus tausend und einer Nacht« hieß es. So staunt er immerfort hier. --

Die Volksheilstätte ist Bildungs- und Erziehungsanstalt ersten Grades

für den Schäfer. Ja, Jachl hat wohl seinen Stall auch sauber gehalten,

er hat ihn gefegt und gescheuert, aber -- aber -- hier sieht es ja sogar

in der Küche wie in einem verzauberten Schloß aus: Blaue Fliesen bis zur

halben Höhe der Wand, und darüber ist die Wand noch schön mit blanker

Farbe gestrichen. Der Milchkochkessel läßt sich überhaupt gar nicht

beschreiben; 250 Liter gehen auf einmal hinein. Zum Essen versammeln

sich alle in dem »Speisesaal«. Der Name ist an die Tür geschrieben.

Jachl bringt zuerst vor lauter Staunen sein Essen kaum herunter; es

bleibt ihm in der Kehle stecken. Allmählich faßt er sich. Nach einiger

Zeit weiß er, daß das helle Licht durch »Glühlampen« entsteht, daß die

bunten Glasscheiben »farbige Bleiverglasung« genannt werden, daß das auf

dem Fußboden »gemusterter Linoleumbelag« ist.

Ja, das hört sich einfach an, aber bis ein Schäfer das alles in seinen

Kopf bekommt, davon kann er geradezu krank werden, aber nicht gesund.

Das Fieber ist ganz sicher nur von dem vielen Verwundern gekommen. Jachl

denkt sich sein Teil. Der Fahrstuhl hat ihm solchen Schreck eingejagt,

daß er sich ganz fest an die Pflegeschwester geklammert hat, sonst wäre

er hingestürzt. -- Zum Erschrecken ist viel in der Volksheilstätte; aber

an das Feine und Großartige gewöhnt sich einer wohl auch. Und gesund

wird es wohl sein, das will Jachl ja nicht bestreiten. --

Immer kommt alles anders, wie man sich's vorstellt. Jachl hat an viel

große Medizinflaschen gedacht, die er auszutrinken bekommen wird. Seine

Kur ist rein zum Lachen. Nur liegen, schön eingepackt. Nichts wird

eingerieben, nichts wird eingenommen. Er hat wenig Vertrauen. Wie soll

das helfen? Luft hat er ja immer gehabt; nur gelaufen ist er, nicht

gelegen. Na, die Dokters müssen es ja verstehen. --

Mehr, viel mehr wie ein Student auf der Hochschule, lernt mein Jachl in

dieser Heilschule. In seinem Dorf werden sie es nicht glauben und ihn

Aufschneider und Prahler schimpfen. Manches wird er auch gar nicht

ordentlich beschreiben können. Viele Worte sind nicht leicht zu

verstehen: Wasserklosett, Ausgußbecken, Operationszimmer, Dunkelkammer,

Lichtbad und viele, viele Worte sonst noch! Aber Jachl hat Zeit sie zu

lernen, viel Zeit. Nein, keinem wird er es in Lüttersloh übelnehmen, der

nicht glauben kann, Jachl, der Schäfer, schläft in einem _Schlafhaus_,

in einem Haus, das nur allein zum Schlafen gebaut ist, in dem nichts

sonst gearbeitet werden darf. Wahrhaftig, nur geschlafen! Und dann --

das mit der Zahnbürste! Jedermann hat eine. Es ist auch zu

verschwenderisch und schwer zu glauben. Jachl wußte zuerst nicht, wozu

die kleine Bürste dalag; dann hat er nachgemacht, wie es die andern

machten. Überhaupt am weitesten kommt einer mit Nachmachen. Manches Ding

hat er hin und her gedreht, aber wozu es sein könnte, fiel ihm nicht

ein. Wenn er aber ein bißchen rechts hinschielte und links hinschielte,

so wußte er es. Menschen sind wohl eigentlich wie Schnucken. Was der

eine macht, macht der andere nach. Schnucken sind doch grad auch so fürs

Nachmachen. --

Nahe am Heulen ist Jachl immer an den Besuchstagen. Zu fast jedem kommt

einer. Vorher sehen sie immer nach der Tür, oder -- wenn sie in der

Liegehalle sind, -- auf den Weg hinaus. Redet man mit ihnen, so passen

sie nicht auf; sie denken: »Wer wird heute kommen? Onkel oder Tante,

Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester?« Jachl hat von diesen allen

keinen. Bloß Lieschen, und die ist in dem Jahr nicht ein einziges Mal

gekommen. »Es geht wirklich nicht! Ein Dienstmädchen kann nicht wie es

will; es muß wie die Herrschaft will,« entschuldigt sie Jachl. Er weiß

längst, daß es mit der Straße »Postlagernd« unklug war. Gern setzte er

sich für zwei Stunden auf die Bahn und besuchte Lieschen in der

Lothringer Straße. Berlin ist ihm aber streng verboten, und gehorchen

muß einer in einer Volksheilstätte immer, daran hat er sich längst

gewöhnt. --

Jachl hofft an jedem Mittwoch von neuem. Könnte Lieschen ihn nicht

überraschen? Weshalb nicht? In seiner Phantasie ist ihre Freundschaft

riesenhaft gewachsen. _Einen_ Menschen muß wohl der Mensch haben, an den

er sein Herz hängt. Jachl hat keine andere ausprobiert. Er weiß nicht,

wie sie sind, die Mädchen; seine eigenen Gefühle setzt er einfach bei

Lieschen auch voraus. Und daß sie nicht schreibt, ist nicht ihre Schuld.

Wer weiß, wie streng ihre Herrschaft ist. --

Um drei Uhr nachmittags kommt der Zug an. Sein Pfeifen ist, wenn man gut

aufpaßt, schwach zu hören. Alle legen oder setzen sich dann rasch in

Positur. Wer einen Spiegel hat, sieht noch schnell hinein. Einigen

treten vor Freude Tränen in die Augen. Wenige Minuten später kommen

schon die ersten. Jeder Besucher hat eine Tüte in der Hand, darin sind

Weintrauben oder Apfelsinen oder Kuchen. Manche bringen ein paar Blumen

mit. Im Winter gibt es in Berlin auch Rosen, Tulpen, Veilchen. In

Lüttersloh gibt es die bloß im Sommer. Zu manchen kommen sogar mehrere

auf einmal. So Unverschämtes wünscht sich Jachl gar nicht.

Wenn das Hereinströmen aufhört, wird die Tür zugemacht. Jachl nimmt dann

immer ein Buch vor die Nase, aber er spitzt doch die Ohren. Ihm ist es

ganz egal, was sie _reden_, bloß Streicheln oder Küssen, das kann er

nicht vertragen. Dabei wünscht er: »Wenn sie erst nur alle wieder

draußen wären.« -- Es kommt ihm vor, als sähen sie ihn ein bißchen

mitleidig an oder ein bißchen verächtlich: »Wie kann ein Mensch aber

auch gar keinen Besuch bekommen?« --

Bekanntschaften hat Jachl mit der Zeit genug gemacht. Da sind zuerst

seine zwei Nachbarn. Der eine ist Malerlehrling. Er hat dieselbe

Krankheit wie Jachl. Gleich als Jachl den Platz neben ihm angewiesen

bekam, eröffnete der kleine Maler die Bekanntschaft mit der

Versicherung: »Du wirst gewiß auch nie wieder gesund.« Jachl fragte

kleinlaut: »Woher weißt du das?«

»Von mei'm Vater; der sagt, ich bin >chronisch<, und das heißt doch

soviel wie: >nie wieder ganz werden<. Vater hat es aus einem

Medizinbuch rausgelesen. Und >chronische< hast du auch, Jachl, darauf

kannst du dich verlassen.«

In Jachls Kehle kommt etwas Schweres in die Höhe, er muß ordentlich

schlucken, bis er's runtergepreßt hat: das ist Schreck. -- Später hat's

Jachl seinem Nachbarn nicht mehr geglaubt. Das war Unsinn mit

»chronisch«. --

Der kleine Maler weiht Jachl -- trotz »chronisch« -- in die Geheimnisse

von Berlin ein; nicht in die allerschlimmsten, aber doch in Dinge, von

denen ein Hütejunge, wenn er auch schon ein richtiger Schäfer ist,

nichts wissen kann. An seiner Krankheit, versichert der Nachbar, sei die

Schlafstelle schuld; na, was da alles passiert! und seine Braut, die

hat's auch auf der Lunge. --

Daß in Berlin mit sechzehn und achtzehn Jahren _jeder_ eine Braut haben

muß, leuchtet Jachl wieder nicht ein. In Berlin sind sie doch wohl viel

weiter.

Am liebsten erzählt der kleine Maler vom Theater. Theater ist sehr

schwer zu begreifen, wenn es einer noch nie gesehen hat. Jachl will

nicht streiten, aber, was kann an all dem Vorgemachten, was doch alles

nur ausgedacht ist, sein? Ihm gefällt nur, was wahr ist. Auf der Heide

sind ihm die Wolken und der Wind und der Schnee und die bunten Farben am

Himmel Theater genug. Aber erzählen läßt sich Jachl gern von all den

Dingen, dann ist das Stilleliegen nicht so langweilig. --

Der Nachbar zur Linken sollte vor Jahren in »Fürsorge«; er fing aber an

zu husten, und so haben sie ihn hier eingesperrt. Für den »langen

August« ist die Heilstätte zuerst dasselbe wie ein Gefängnis gewesen. Er

zeigt Jachl einen Zettel, den er mal stibitzt hat, auf dem steht:

»Durch den freiwilligen Erziehungsbeirat geschickt, erscheint bei uns

die Großmutter eines 14 jährigen ehelichen Knaben. Seine Mutter ist vor

einigen Monaten an der Schwindsucht gestorben. Der Vater lebt mit einer

Wirtschafterin zusammen. Der Knabe soll von beiden schlecht behandelt

werden.«

Schwarz auf weiß ist es also geschrieben, daß die Schuld nicht an August

allein lag, daß er »so« geworden ist. Er findet, Jachl kann überhaupt

noch nicht mitreden, denn Rumtreiben, ohne Obdach sein, Stehlen, das

alles kennt er nicht. -- Der lange August hat in den drei Jahren seines

Aufenthaltes hier auch eingesehen, daß man weiter mit Ehrlichsein kommt,

als mit Schlechtsein. Sein Husten hat sich gebessert. August soll so

lange als möglich in der Anstalt festgehalten werden.

Den Zettel, welchen er Jachl zeigte, hat er von einem Bogen abgerissen,

auf dem lauter Sachen von schlechtgewordenen Kindern zu lesen sind.

August borgt Jachl den Bogen, damit er sieht, wie es in Berlin zugeht.

Das hat Jachl wirklich nicht gewußt! In Lüttersloh gibt es auch eklige

Mädchen und Jungen, die stehlen und betrügen, aber daran ist Lüttersloh

nicht schuld. In Berlin sind die vielen schlechten Beispiele und die

vielen Kleider und Ringe und all die Sachen, die sie sich auf den Leib

kaufen möchten. Ja, das ist wohl zu glauben, daß sie da einen

»Kinder-Rettungsverein« brauchen. --

Nicht weit von Jachl liegt ein kleiner Junge, dessen einziger Wunsch

darin besteht, an seinem Geburtstag bei Vater und Mutter zu sein und bei

all seinen Geschwistern. Gar keine Geschenke will er haben, nur den

einen Tag zu Hause sollen sie ihm schenken. Als Jachl dem Kleinen

erzählt, daß er nie einen Geburtstag mit Vater und Mutter gefeiert habe,

meint der: »Das lügst du; ein Junge muß doch Vater und Mutter zum

Geburtstagfeiern haben, sonst ist er ja gar kein Kind.« --

Erst in der Heilstätte fängt Jachl allmählich zu fühlen an, daß er zu

niemandem gehört. »Das traurige Simulieren kommt bloß vom Nichtstun,«

denkt er, »beim Arbeiten merkt man von allen Schmerzen nichts.« --

Auch er hat einen Wunsch, einen riesengroßen, wie der kleine

Geburtstagsjunge. Er lautet: zur ländlichen Kolonie! Sie gehört auch zur

Volksheilstätte. Wenn er dorthin überwiesen würde! Sie wäre für ihn das

gelobte Land. Jedes Mal, während der Untersuchung beim Doktor, faßt er

sich ein Herz und fängt davon an. --

Seitdem er kurze Spaziergänge machen darf, wählt er stets den Weg zum

Schweinestall. Die dorthin gelieferten Küchenabfälle betrachtet er

prüfend; und die Frage, »wie Schweine fettgemacht werden?« verursacht

ihm Herzklopfen. Schließlich wäre er aber auch schon froh, wenn er in

die Abteilung: Puten, Gänse, Enten und Truthähne käme. Durch den hohen

Drahtzaun beobachtet er das Geflügel so innig und so hingebend, daß der

kleine Malernachbar immer wieder rufen muß, wenn die Stunden für den

Aufenthalt in der Liegehalle herangerückt sind.

Endlich kommt Jachls großer Tag.

»Gartenbauschule« heißt das Paradies, das er betreten darf. Ein neues

Leben beginnt: Jäten, Harken, Begießen! Mit dem Herumliegen ist es

vorüber.

Von seiner Krankheit wissen die Ärzte wohl mehr als er selbst. Hin und

wieder mal ein bißchen Husten. Das ist doch nicht Krankheit?

Die Gartenarbeit bringt all sein Denken zurück zu seinen Schnucken und

zu Lieschen. Die Heide, die Schnucken und Lieschen kommen immer bei ihm

dicht zusammen.

Lieschen ist doch seine Freundin; vielleicht sollte er sie nur ein

bißchen daran erinnern. Vor Ostern schreibt er ihr deshalb:

»Liebes Lieschen, wenn Du nicht kommst, reise ich zu Dir. Erlauben

werden sie es hier jetzt bald. Komme doch an einem Feiertag. Ich bin

bald gesund. Vielleicht mache ich auch nach Berlin, aber zuerst will ich

doch mal nach meinen Schnucken sehen. Ich schicke Dir das Reisegeld; so

viel kann ich noch an Dich wenden. Ich stehe am ersten Feiertag am

Gitter und warte und am zweiten wieder und am dritten auch wieder. Dein

alter Jachl.«

Zu den meisten von den »Großen« kommt eine Braut. Jachl ist

entschlossen, mit Lieschen die Sache mal zu bereden. Sein Mut wird

täglich größer; bloß _kommen_ muß sie, dann wird die Sache schon

werden. --

* * * * *

Besuchsstunde! Sonnenschein! Feiertag! Noch viel mehr Gutes ist den

kleinen und großen Menschen in der Heilstätte kaum beschieden. --

Jachl steht pünktlich am Zaun. Ein Veilchensträußchen dreht er in der

heißen Hand. Mit ihm warten Scharen von Leuten auf die Besucher. --

Wie gut es die Kranken auch haben mögen, immer fühlen sie sich als

Verbannte, fern dem flutenden Lebensgetriebe. Zank und Streit zwischen

Angehörigen hat hier aufgehört; ein Gefühl verbindet die Besucher und

ihre Erkrankten: Liebe.

Heute strömen besonders viele im Sonnenschein der Heilstätte zu. Jachls

scharfer Blick irrt suchend umher: dort die Eine könnte es sein. Genau

weiß er es nicht. Die städtische Kleidung macht die Menschen ganz

anders. Er sucht weiter und sieht doch rasch wieder zurück. Sein Herz

klopft wie ein Hammer. --

Das Fräulein im grauen Paletot, das ihm bekannt vorkam, tritt mit durch

die Pforte. Zögernd hält es Umschau. --

So groß war Lieschen nicht; sie kann ja aber noch gewachsen sein. Also

los: »Fräulein« --

Das Fräulein bleibt stehen.

»Wäre sie es doch nicht«, denkt Jachl eine Sekunde lang, aber schon

fragt eine bekannte Stimme: »Wo finde ich hier Herrn Bohn?«

Gott, Gott! Jachl kann nur stottern. Da lacht das Fräulein und sagt:

»Ich war wohl blind, daß ich-- ich -- (sie bekommt das: »Du« auch nicht

leicht über die Lippen) -- daß ich Sie, nein, daß ich Dich nicht gleich

erkannte.«

_So_ rasch faßt Jachl sich nicht. Verlegen steht er da, so verlegen, als

wäre er nur noch der Schäfer und hätte Berlin und die Heilstätte nie

gesehen.

Aber reden muß man, wenn einer zu Besuch kommt! Was nur, was?! Jachl hat

sich doch vorgenommen zu zeigen, wie viel er hier gelernt hat. Nun

benimmt er sich recht wie ein ganz dummer Bauer! Ja, die Herren in

Berlin werden wohl anders reden können! Lieschen fängt aber auch gar

nicht an mit Erzählen! So war sie doch früher nicht! Sie hat doch sonst

immer das Wort geführt. -- --

Weshalb Lieschen nicht redet?

Wenn Jachl nicht blind ist, muß er »es« doch merken. Bei dem Gedanken

wird ihr glühend heiß. Was gäbe sie darum, wenn ihr »das« nicht passiert

wäre! In diesen Augenblicken ist für sie das große Berlin versunken. Sie

hat Jachl ja nie vergessen, aber es gibt da zu viele Herren und zu

viele Tanzlokale und zu viele Warenhäuser, in denen Sachen ausgestellt

sind, die man haben möchte!

Dunkel empfindet sie: sie ist ja gar nicht mehr _das_ Lieschen, welches

mit Jachl gemeinsam den Reisekorb vor Jahren zum Bahnhof schleppte. --

In Berlin war Lieschen beinah stolz auf ihre Umwandlung, aber Jachls

gute, blauen Augen haben ganz rasch etwas in ihr geweckt, das lange

schon schlief. Man könnte es mit dem unbequemen Wort »Gewissen«

bezeichnen. Sie wehrt sich zwar: »Geht es nicht den meisten ebenso?«

»Jugend hat keine Tugend« und »Berlin ist nicht Lüttersloh«. Aber so

recht überzeugen kann sie sich von ihrer Tugendhaftigkeit doch nicht

mehr. Wie konnte sie _das_ nur tun? Wenn's noch einer zum Heiraten

gewesen wäre! Aber ein Studierter, der gar nicht an Heiraten denken

kann. Das hat sie doch gewußt. Bis heute, inmitten der Großstadtluft,

nannte es Lieschen nur »ihr Pech«; heute, während sie den treuen

Landsmann wieder trifft, nennt sie es zum ersten Mal »ihr Unglück«. --

Ganz stolz stellt sie fest: groß und stattlich ist Jachl! Von der

Krankheit ist ihm nichts anzusehen. Seine Augen kommen ihr noch blauer

vor als früher. Immer hat er sowas »Sinnierendes« in den Augen, »sowas

Anständiges« hat er an sich -- sowas -- worüber sie in Berlin lachen.

Warum hat Lieschen ihn nur nicht früher besucht?! Sie war wohl ganz von

Gott verlassen? Behext muß sie gewesen sein, ja, den Kopf haben sie ihr

gründlich in Berlin verdreht. Das fühlt sie erst hier! --

Langsam kommen sie endlich in ein Gespräch. Manchmal sagt Jachl die

Worte nicht in richtiger Ordnung, und Lieschen geht es nicht viel

besser. Sie wissen selbst nicht deutlich, daß das, was sie ganz in

Unordnung bringt, Rührung ist. Wie Pferde, die schwer anziehen, und dann

im Galopp weiter wollen, so ringen sich ihnen zuerst die Worte mühevoll

aus den Herzen.

Schreckhaft durchfährt es Jachl sofort: »Nur drei Stunden -- dann ist er

wieder allein -- dann ist er wieder Einspänner.« Lieschen hat sich ja

_sehr_ verändert, aber ihre Stimme, die ist noch genau wie früher, wenn

sie auch berlinisch redet.

Vielleicht ist allein diese Stimme die Ursache, daß Jachl, den Schäfer,

plötzlich ein fressendes Heimweh überfällt: Heimweh, wie er es nie

gehabt hat, nach _seinem_ Himmel und _seiner_ Heide und _seinem_ Stall

und _seinen_ Schnucken -- nach den Wolken, die auch _seine_ Wolken

sind. --

* * * * *

Je mehr ich meinen Jachl kennen lerne, je öfter grüble ich, wess'

Standes und Geistes sein Vater gewesen sein mag. Der Möglichkeiten gibt

es wohl wie Sand am Meer. Blut von dessen Blut ist ja in seinen Adern,

deshalb wüßte ich so gern, wie dieses Blut beschaffen war. Jung, denke

ich, muß Jachls Vater gewesen sein, nicht gar weit vom Knabenalter

entfernt, als ihm der Sohn geboren wurde. Das Leben wird noch nichts in

ihm zertreten haben; die große Erwartung mag noch hell in ihm geleuchtet

haben. Er war ein Vornehmer, wie immer sein Rock beschaffen sein mochte.

Vielleicht war er vor der Welt nur »ein gewöhnlicher Mann«. Aber der

Welt trauen ist ein unsicherer Glaube. Lauschen und tief schauen ist ihr

nicht eigentümlich. Gewöhnliche Leute! Sie hausen nicht immer in

Dachkammern. -- Beseligt wird der junge Träumer ein frisches Ding, das

noch ganz vom Hauch der Heide umströmt war, umfangen haben -- --

Dann -- ja dann kam die Wirklichkeit. Sie hieß: Joachim Bohn und

_schien_ nicht mehr als ein Bauernjunge.

Ja, so denke ich manchmal, wenn ich meinen Jachl ansehe und fühle, wie

er derb und doch voll Gemüt ist, wie Ursprünglichkeit und ungebundene

Natürlichkeit ihn gegen alles Gemachte und Übertriebene feien.

* * * * *

Lieschen, die trotz aller raschen Lebenserfahrung ein großes Kind

geblieben ist, weiß gar nicht, was für einer da neben ihr geht. Daß

Berlin mit seinem Lärm und Halloh verwandelt, glaubt sie wohl, aber vom

Einfluß der Einsamkeit und ihrer eindrucksvollen inneren Beredsamkeit

ahnt ihr Gemüt nichts. -- --

Zuerst nach der Ankunft hat Jachl Lieschen stolz durch die Heilstätte

geführt. All die vorzüglichen Einrichtungen soll sie bewundern, und

dabei will Jachl den andern zeigen, daß auch zu ihm Besuch kommen kann.

Weshalb sollte gerade zu ihm niemand kommen? --

Nachdem Lieschen alles gesehen hat, schlägt Jachl einen Spaziergang vor.

Lange reden sie darauf vom Wetter; wie schön der April und wie die Heide

jetzt wohl aussehen mag. Immer aber ist es, als ob etwas Schweres auf

Jachl läge. Am liebsten finge er an zu heulen. Das wäre doch aber eine

furchtbare Schande.

Lieschen wischt immerfort mit dem Taschentuch über ihr Gesicht. Ihr ist

glühend heiß, nicht nur weil die Sonne so wärmt, sondern weil innere

Angst ihr Schweißtropfen erpreßt. --

Jachl fragt nach ihrem Dienst, und wo sie Sonntags immer hingehe, aber

er hört gar nicht, was sie antwortet. Wie macht er es bloß, daß er ihr

gefällt? _Wie wird er Bräutigam?_

Allmählich fängt Lieschen an, mitteilsamer zu werden. Durch viel reden

möchte sie ihre innere Verwirrung verdecken.

Sie merkt wohl, daß Jachl etwas überlegt, und daß seine Gedanken nicht

hier und nicht in Berlin sind. Sie weiß selbst nicht, was sie

herausschwatzt von Konzert-Cafés und Kino und Landpartien und

Tanzvergnügungen und von all dem dummen Zeug, das mit daran schuld ist,

daß es soweit mit ihr gekommen ist. Jachl nickt beinah ebenso mechanisch

wie der Ohm damals, als er ihm seine ersten Schulabenteuer erzählte.

Ja, die Herren in Berlin sind klüger als die aus Lüttersloh. Die wissen

besser, wie sie rasch zu einer Braut kommen. Jachl ist nur von einem

Gedanken erfüllt. Immer und immer summen die Worte in ihm: »Alles hängt

von Lieschen ab -- alles hängt von Lieschen ab« -- --

Wie er das meint, könnte er selber nicht erklären. Denkt er dabei nur an

diesen Augenblick oder an sein ganzes Leben? --

Er möchte gern nach des Mädchens Hand greifen, angefaßt mit ihr gehen --

nur angefaßt. Ob er wohl solche Tat zustande bringt? Solche Tat könnte

ja wohl einen Brautstand beginnen? Wenn er doch rasch den kleinen Maler

um Rat fragen könnte.

Von winzigen Knöspchen sind die schwärzlichen jungen Zweige besät, neben

denen sie dahin schlendern. Lieschen bleibt stehen und sucht, ob sie

nicht einen Zweig findet, dessen Grün bereits etwas größer ist. Den

möchte sie dann mit nach Haus nehmen. »Zum Andenken«, wie sie sagt. Ein

paar Augenblicke sehen beide in die Büsche, dann holt Jachl sein Messer

aus der Tasche, schneidet ein paar herrliche, frühlingsfrische Zweige

und reicht sie Lieschen. Ja, er reicht sie ihr und -- mutvoll hält er

ihre Hand ganz fest. Und nun gehen sie wirklich noch eine halbe Stunde,

wie zwei artige Kinder angefaßt, ihres Weges. Manchmal sieht Jachl sich

um. Er weiß nicht, wünscht er, daß andere ihn sehen oder wünscht er es

nicht. --

Der Duft der knospenden Pflanzen tut Lieschen wohl. Weit, weit fort von

Berlin fühlt sie sich. Hätte sie nur nicht ihr Mieder so fest

zusammengeschnürt. Sie möchte gern wieder mal tief, ganz tief Atem

holen, aber das geht nicht, das ist ihr unmöglich. Der Druck von Jachls

warmer Hand durchströmt sie wie Feuer. Am liebsten fiele sie ihm um den

Hals und gestände ihm ihre Not. --

Sie staunt: hier muß etwas Berauschendes in der Luft sein; wie können

Leute hier gesund werden; hier wird man eher wie von Sinnen.

Den Zug haben beide vergessen, an seine pünktliche Abfahrt gar nicht

mehr gedacht. --

Im Fluge haben sich Jachls Gefühle verändert. Ihm genügt nicht mehr das

Handhalten: einen Kuß, einen einzigen, möchte er Lieschen geben.

Unermeßlich schwer erscheint ihm das, und er weiß doch, wie viele

Menschen dies Schwere vollbringen.

Eigentlich ist er wütend auf Lieschen. Weshalb fängt sie nicht mit

Küssen an. Sie weiß doch immer rasch Rat. Sie kommt doch aus Berlin!

Wieder werden sie beide einsilbig. Zuletzt verstummen sie ganz. -- --

»Jetzt -- jetzt,« denkt Jachl, während Lieschen ihn ganz bekümmert

ansieht -- »jetzt«. -- Seine roten Lippen pressen sich glühend auf die

ihren -- »Lieschen, liebes Lieschen --«

Gellend schrillt der Pfiff der Eisenbahn durch die Luft.

»Ich muß weg«, schreit Lieschen auf -- »das ist der Zug -- meine

Herrschaft erwartet mich.« Eilig reißt sie sich los.

Jachl begreift, da gibt es kein Festhalten. Daß auch gerade jetzt der

Zug kommen muß, jetzt in dem Augenblick, der ihn gelehrt hat, daß das

Küssen gar nichts Schweres ist! Welch ein Jammer!

Beide laufen atemlos zum Bahnhof. Noch rechtzeitig kann Lieschen sich in

das Gewühl auf dem Bahnsteig mischen. Schwatzend drängen Hunderte in die

Wagen. Lieschen sitzt eingeengt zwischen singenden Burschen. Nicht

einmal mehr mit ihrem Taschentuch kann sie Jachl zuwinken. --

Lange noch bleibt er auf dem Bahnsteig stehen, nachdem vom Zuge nichts

mehr zu sehen ist. Langsam dreht er sich um. So viel Freude war wohl

noch nie in ihm! Beinahe wie Schluchzen hört sich sein glückliches

Aufatmen an. --

* * * * *

»Joachim Bohn ließ sich doch in der Arbeit so gut an,« meint der

Obergärtner, »aber in letzter Zeit ist er wie auf'n Kopf gefallen« --

Ja, das ist Jachl. Verliebtsein ist aber auch ein Zustand, bei dem man

nicht weiß, hat man noch einen Kopf oder hat man keinen. --

Wenn die andern von einer Braut reden, beteiligt Jachl sich jetzt zwar,

aber immer nur kleinlaut. War jener Kuß ein Verlobungskuß? Woher soll er

das bestimmt wissen? Fort kann er hier nicht so plötzlich, und seinen

langen Brief hat Lieschen bisher nicht beantwortet. Das Warten auf

diese Antwort ist schlimmer wie eine Krankheit. Jachl wundert sich, daß

die Ärzte von solcher Heimwehkrankheit nichts merken. Ihn überfällt sie

meist ruckweise. Seit Lieschens Besuch hat er sie fast täglich ein paar

Stunden. --

Liebe, Sehnsucht, Heimweh sind für ihn dasselbe. Nie stellt er sich

Lieschen in Berlin vor, immer nur auf der Heide. Zum Dichter macht sie

ihn: mit Lieschen hört er in seiner Vorstellung die Rotkehlchen singen

und die Märzdrosseln flöten; mit ihr steht er unterm Kirschbaum, und sie

freuen sich an der reichen, roten Ernte. Er steckt ihr eine Kirsche in

den Mund, die so sauer, daß sie das Gesicht verzieht. Darüber lachen sie

beide. Jachl verspricht, nur noch mit süßen Kirschen zu kommen. --

Lieschen kennt Lüttersloh, aber nicht die weite Heide, auf die Jachls

Schnuckenstall gesetzt ist; sie wird es bald selber merken. Viele Tage

werden notwendig sein, um ihr die Herrlichkeiten zu zeigen, zwischen

denen sie nun wieder immer und immer leben darf. Berlin ist rascher

gezeigt, als die Heide. Teure Blumen gibt es dort wohl in Massen, aber

wer hat in Berlin solchen Haselbusch für sich allein oder solchen

Walnußbaum? Jachls Grasgarten ist eine Pracht. Wieviel Buntes blüht da

nicht je nach der Jahreszeit: Schneeglöckchen, Pfingstrosen, Studenten-

und Ringelblumen. Wenn im Rasen gelbe Butterblumen leuchten, wird Jachl

immer besonders lustig zu Sinn. Lieschen wird erst im Grasgarten

glauben, daß Berlin beim Vergleichen schlecht fortkommt. Jachl kann

sich kein Leben unterhaltsamer vorstellen, wie das auf der Heide. --

Pfingsten wird er einen Tag Urlaub erbitten und die Sache in Berlin in

Ordnung bringen. Oktober soll er aus der Heilstätte entlassen werden. Er

zählt die Tage. --

»Unser Paradepatient! Ist gar nicht mehr zum Wiedererkennen,« sagt der

Doktor, während er Jachl den fremden Ärzten präsentiert. »Der hat's

erreicht.« Dann redet der Doktor noch etwas von »geordneter

Nahrungszufuhr, wohltuender Wirkung körperlicher Bewegung, von gut

gelüfteten Schlafhäusern und von planmäßig in Angriff genommenem Kampf

gegen Tuberkulose«. Jachl hat das fremdländische Wort so oft aussprechen

hören, daß es ihm selbst ganz glatt, ohne Stottern, auch über die Lippen

geht. --

Kurz vor Pfingsten schreibt Lieschen endlich. Jachl traut sich gar nicht

den Brief aufzumachen. Gut, daß er allein beim Begießen ist; niemand

kann sehen, wie lange er das Papier zwischen den Fingern hin und her

dreht. --

Also mit seiner Reise nach Berlin ist es nichts. Lieschen muß ihre

Herrschaft in einen Badeort begleiten; sie bleibt lange fort, viele

Monate. --

Schriftlich möchte »es« Jachl nicht mit ihr abmachen. Er ist hierbei

mehr fürs Mündliche. Nach Pfingsten vergeht die Zeit wohl rascher.

Vielleicht bekommt er ein paar Tage im September Urlaub.

[Abbildung]

Ordentlich in die Glieder ist ihm der Schreck gefahren. Aber »was soll

man dabei tun?« -- --

* * * * *

Zwischen den Genesenden der Heilstätte werden alle Gespräche jetzt zu

Plänen. Nur Worte wie: »Zu Hause, bei Muttern, Stellung, Arbeit,

Vorwärtskommen« sind zu vernehmen.

Der lange August versichert Jachl unzählige Male, »daß er viel zu schade

ist, um als Schäfer zu versauern.« Hundert Stellen kann er ihm in Berlin

besorgen. Kinderspiel! Bei der Figur!

Am frohesten ist der kleine Maler, daß er mit seinem Nachbarn zusammen

fortkommt. Solche Jungen wie Jachl hat er in Berlin nie kennen

gelernt. --

Jachl sagt wenig. Ich glaube, seine Seele bebt. Immer ist ihm, als

schiene ganz hell die Sonne.

Zuerst will er -- gleich wenn er ankommt -- in Berlin die

Verlobungsringe besorgen, aber nein, das geht nicht, er muß das Maß von

Lieschens Finger haben. -- Ganz elend ist ihm manchmal vor Freude und

Sehnsucht. Manchmal weiß er selbst nicht mehr, freut er sich am meisten

auf Lieschen oder auf die Schnucken. Es ist schwer zu unterscheiden.

Ordentlich wie Fieber ist es, aber mit der Lunge hat es nichts mehr zu

tun. -- Ja, die Schnucken! Ob die wohl einer vergessen kann, der mit

ihnen zusammen gewohnt hat, und der ihre Leiden und Freuden genau kennt?

Jochem, der nun schon so lange Jachls Schnucken in Behandlung hat, kann

eigentlich überhaupt nicht schreiben. Mühsam, sehr mühsam buchstabiert

Jachl aus den Zetteln, die von Zeit zu Zeit ankommen, was in »seinem«

Stall passiert. Immer bleibt der Schnuckenstall »seiner«. Dem würde er

schön grob kommen, der an diesen seinen Rechten zweifelte. --

Nun er heute allen Lebewohl sagt, gibt es ihm doch einen Stoß; einen

ganzen Tag hat er nur mit Bedanken zu tun. Schreiben wird er und nie

vergessen, wie gut hier alle waren, und immer so leben, wie er es hier

gelernt hat. Ja, das wird er. Darauf können sie sich verlassen.

Mit ihm treten zwanzig junge Menschen die Reise an; nicht nur die Fahrt

in eine andere Stadt, sondern gleich auch die Fahrt in die Mühsal des

Lebens. Alle sind frohbewegt, erwartungsvoll und siegessicher. --

Diesmal erscheinen Jachl die Häuser der Hauptstadt lange nicht mehr so

hoch, wie zur Zeit seiner ersten Ankunft. Er findet aber noch, daß der

Himmel zwischen den Dächern wie eingepfercht ist. Die breiteste Straße

kommt ihm luftlos vor. Vor Fleischerläden bleibt er zwar noch stehen,

aber nicht mehr sehr lange. -- Ganz ruhig betritt er eine Kneipe, als er

Hunger verspürt. Der kleine Maler hat Jachl in seine Schlafstelle

»eingeführt«. Erst am folgenden Morgen wollen sie nachsehen, ob Lieschen

wieder zurück ist. --

Geschrieben hat sie nicht mehr. Er wiederholt sich immer, daß sie im

Dienst schwer Zeit für Briefschreiben findet.

Ermüdet begibt Jachl sich am ersten Tage auf die Schlafstelle. Der

Unterschied zwischen dem schlechtgelüfteten, engen Raum und dem

Schlafhaus, das er so lange bewohnte, ist doch sehr groß. Nur die

unruhige Erwartung des nahen Wiedersehens, die ihm das Blut rascher als

sonst durch die Adern jagt, macht ihn unempfindlich gegen den Lärm, der

von der Straße hereinschallt und gegen das laute Sprechen in der Stube.

In ihm selbst mag wohl an diesem Abend der Lärm am größten sein. --

Ob auch ein Schäfer Nerven hat? Dieweil er ein Mensch ist: Ja!

Mein Jachl besitzt niemanden, der ihm Schreck und Kümmernis aus dem Wege

räumt. Nicht immer wird er in der großen Stadt aufrecht stehen. Manchmal

werde ich mich seiner ein wenig schämen müssen, obwohl ich verstehe,

daß ein trauriges Herz ein unguter Begleiter ist. --

An diesem ersten Abend in Berlin sind wieder nur die paar Worte in ihm:

»Von Lieschen hängt es ab -- von Lieschen hängt es ab.« --

Schliefest du doch recht lange, mein Jachl. Wann wirst du noch einmal so

erwartungsfroh erwachen wie am kommenden Tage?! --

Der kleine Maler ist pünktlich als Begleiter zur Stelle. Zuerst müssen

die nötigen Einkäufe für Jachls Verschönerung gemacht werden. Er selbst

wundert sich: ganz sicher geht er über die Straßen. Den Automobilen

weicht er ohne Furchtsamkeit aus. Im großen Warenhaus stellt er sich

beim Anprobieren seines Anzuges so gelassen vor den Spiegel, als habe er

von jeher auf diese Weise den Eindruck festgestellt, den er und ein

neuer Anzug hervorrufen. --

Der kleine Maler ist ein guter Führer. Schon früh gegen zehn Uhr sitzen

die beiden und stärken sich im großen Kaufhause. -- Jachl ist nun wie

ein richtiger Stadtherr angezogen, aber für den heutigen Besuch ist die

Verschwendung unbedingt nötig. --

Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille · 第 14 / 23 题