Dein treuer Freund Jachl.«

Nachschrift: Knütten tu ich nicht (Du nennst es ja wohl stricken?), das

ist für alte Schäfer; ich sehe lieber mich ordentlich um, und dann horch

ich, da ist auch viel bei zu lernen. Die Amsel pfeift und die Krähe

quarrt, und sonst hör ich noch sehr viel, was Du in Lüneburg nicht zu

hören bekommst. Nochmal Dein treuer Freund Jachl.«

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* * * * *

Zum ersten Male quält Jachl an diesem Abend seine Einsamkeit. Bis zu ihm

verlaufen sich seine Schulfreunde nur mal des Sonntags. Johann Peter

lernt beim Schreiner und Hein Gird beim Schmied. Sie mögen es hier

draußen nicht sehr. Wenn sie Sonntags kommen, bringen sie richtige

Zigarren mit. Jachl soll sie durchaus probieren. Ihm wird gräßlich, aber

sagen muß er: »Fein schmecken Zigarren!« Die Gäste brüllen vor Lachen,

als sie sehen, wie grün Jachl wird: »Das is am Anfang immer so,« schwört

Johann Peter. Sie prahlen furchtbar. Hein Gird sagt, er habe Trin Durt,

seine Meistertochter, richtig laut geküßt. Johann Peter ruft: »Quatsch!«

Er hat noch viel was Größeres vollbracht: Hans Joachim bei einer

Keilerei unterbekommen. Noch heute hat Hans Joachim blaue Flecke. Ja,

die hat er. --

Nicht keilen und nicht küssen kann Jachl, der Schäfer, das ist wahr.

Er bewirtet die Gäste mit Backbirnen und Buchweizenpfannkuchen. Zuerst

sind ihm die Kuchen immer verbrannt. Fein bekommt er sie jetzt fertig,

so fein, daß Johann Peter sagt: »Ich platze.« Vier Teller hochgehäuft

voll hat der verschlungen. Nachher blieb er zwischen den warmen Kräutern

vor dem Stall eine Stunde wie tot liegen, nicht rücken und rühren konnte

er sich.

Erst wenn die Dunkelheit herabzufallen beginnt, greifen Hein Gird und

Johann Peter nach ihren Spazierstöcken. Nach was für welchen! Jachl hat

solche feinen Stöcke noch nie gesehen. Er besieht sie nicht ohne Neid;

das Oben sieht ja beinahe wie echtes Silber aus. Und an ihren Uhren

haben sie auch was Blankes hängen. --

Ein Stück Weges gibt er den Freunden das Geleit. Rasch verschwinden sie

in den feuchten Schatten, welche über die Wiesen gleiten. --

Bei den Schnucken gefällt es Jachl besser wie bei den Freunden; das ist

keine Schande. --

Abends holt er immer seinen Brief hervor und besieht ihn. Ihn zu lesen,

das ist nicht nötig; längst kennt er ihn Wort für Wort auswendig.

Manchmal sagt er ihn sich richtig wie ein Gedicht, das er in der Schule

lernen mußte, auf.

Viermal ist noch so ein Briefvogel zu ihm geflogen. Nicht öfter. In

Lüneburg kann eine wohl leicht Lüttersloh vergessen. Was soll Jachl

dabei tun?

Sonntag Abend, wenn die Schnucken schlafen und Jachl allein ist, dann

ist ihm immer »nicht ganz richtig«. Er weiß, daß um diese Zeit die

Burschen auf dem Dorfplatz tanzen, und daß ihn seine Länge, wenn er auch

noch jung ist, nicht mehr vom Hopsen und Springen ausschließt. Er kennt

die heißen, vollgestopften Stuben, in denen sich Männer und Mädchen

schweißtriefend drehen, und die heimlichen Winkel kennt er, in denen sie

sich drücken und küssen. Bisher jagt ihn kein Verlangen, sich ihnen

zuzugesellen. Manchmal nur kommt das Heimweh nach Lieschen, aber die

Traurigkeit ist ganz anders wie die, welche er heut fühlt, als der

Lehrer extra zu ihm kommt, um ihm mitzuteilen, daß der Ohm »eingegangen«

ist. --

* * * * *

Jachl zieht stumm sein bestes Zeug an und wandert mit der Herde ins

Dorf. Da er so rasch keinen Stellvertreter findet, ist es am besten, er

nimmt die Schnucken mit.

Zwei Tage läuft er hin und her. Sein Kopf ist ganz wirr. Er ist doch der

Erbe. Erbe sein ist nicht so leicht. Es ist nicht viel dabei zu

beneiden. --

Jachl muß, während noch die Leiche dicht neben ihm liegt, kramen und

räumen und sein Hab und Gut besehen, denn so rasch darf er nicht wieder

vom Schnuckenstall fort. -- Mehrmals rollt seine Karre, die hochbeladen

ist, durch die Heide, ehe er die Erbschaft draußen untergebracht hat.

Vielerlei Gartengerät hat der Ohm noch besessen; dazu eine uralte

Schwarzwälder Wanduhr, einen großen kupfernen Kessel, viele irdene Töpfe

und Pfannen und Tiegel und eine große braune, tannene Truhe. Bis an den

Rand ist die Truhe mit alten Bauernkleidern angefüllt. Obenauf liegt des

Ohms Zipfelmütze. --

Nachdem Jachl den Leiterwagen, auf dem er den toten Ohm ins Kirchdorf

gefahren hat, leer zurück kutschierte, hat er nichts mehr mit ihm zu

tun. Er nimmt nur noch des Ohms Katze auf den Arm, ehe er sich auf den

Heimweg macht. --

Mondschein erhellt die Heide. Der Schall der eigenen Tritte und das

Zirpen von Heuschrecken einigen sich zu einer geheimnisvollen Musik, die

den jetzt völlig Alleinstehenden auf seiner nächtlichen Wanderung

begleitet. -- Nun der Ohm tot ist, merkt Jachl erst, wieviel es doch

bedeutet, ein »Stückchen Anhang« zu haben. --

Das erste Heidejahr ist vorüber. Der Schäfer hat sich so an das

schwärzliche Tiergewimmel neben sich gewöhnt, daß er sich das Leben gar

nicht mehr anders vorstellen kann. Er begreift nicht, wie Leute sich

wohl fühlen, die allein ihres Weges gehen ohne immerfort aufpassen zu

müssen, die nicht pfeifen, nicht nachzählen, nicht He-He-Rufe ausstoßen,

die also nichts zu hüten haben.

Er kennt jedes seiner zweihundert Tiere ganz genau. Von jedem könnte er,

würde es gefordert, eine Biographie herausgeben: Dort das kleine, ganz

dunkle Schaf ist sehr anfällig; jenem schaden Wind und Wetter nicht; das

da gehorcht nie, rennt immer vor, und dies mit den dünnen Beinen, bleibt

zurück. Ja, es ist nicht einfach, zweihundert »Individualitäten« zu

erfassen, von denen die eine zu viel säuft, (wenn's auch nur Wasser

ist), und die andere sich zu oft den Magen voll Gras stopft;

Individualitäten, deren manche geduldig Pitt und Pott folgen, und von

denen andere nur dann zu bändigen sind, wenn sie gejagt werden. -- Jede

Schnucke hat »ihren Kopf für sich«, aber die Fremden, die manchmal an

Jachl herantreten, um ihn ein bißchen auszuhorchen, merken das nicht.

Sie denken, Tiere sind dumm und eines ist wie das andere. Das ist ganz

falsch. Aber wozu Leute klug machen? Sie können ja Bücher auch

durchstudieren wie er. --

Jachl lernt jetzt richtig von Grund auf Schäfer. Das ist nicht so

leicht. Er merkt es erst, während er seitenlang auswendig lernt: »Was

ein guter Schäfer wissen muß«. Oft genug brummt ihm der Schädel. Da

steht zu lesen: »Ein verständiger Schäfer muß die verschiedenen Grün-

und Winterfuttermittel hinsichtlich ihrer Nährfähigkeit, Zuträglichkeit

oder Schädlichkeit für die Schafe kennen und muß nicht minder vertraut

sein mit der Verderbnis derselben und deren nachteiligen Wirkungen auf

die Schafe.«

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So ähnlich geht es durch das ganze dicke Buch. Aber Schafmeister oder

Oberschäfer kann einer nicht werden, ohne all die Gelehrsamkeit über:

Paarungsmethoden, Wollbeschaffenheit, trächtige Mutterherde, sorgfältige

Weideführung und über noch sehr, sehr viel mehr. Manches liest Jachl

dreimal durch, aber verstehen tut er es auch dann nicht. Wirklich in

Jachl »drin« ist das Buch: »Anforderungen an einen Schäfer« noch lange

nicht, aber so nach und nach behält er doch vieles. --

Immer noch ist Lieschen seine einzige Bekanntschaft und -- wie es im

Leben meist der Fall ist -- solch eine, die deshalb immer mehr gilt,

weil sie nicht in der Nähe ist, und weil nichts anderes dazu und

dazwischen kommt. Denn die Schnucken, so viele es auch sind, und so ganz

sie Jachls Leben beherrschen, kommen doch erst _nach_ Lieschen. --

Zu Weihnachten hat sie eine Photographie geschickt. Jachl mußte erst

sehr lange hinsehen, bis er genau wußte, wer das sein sollte. Was hat

sie bloß auf'm Kopf!? Und Handschuhe an! Wozu zieht sich der Mensch

überhaupt Handschuhe an? Jachl läuft es noch kalt über den Rücken, wenn

er an die schwarzen denkt von seiner Einsegnung her. Aber, na, Lieschens

Augen sind ja doch mit auf dem Bild, deshalb kommt Jachl über den Hut

weg, soviel lieber sie ihm in ihrer altgewohnten Kappe wäre. -- Zuerst

nagelte Jachl das Bild im Schnuckenstall in einem Winkel an. Nach ein

paar Tagen wickelte er es in viel Papier ein und vergrub es tief in die

Hosentasche, ganz tief nach unten, weil die andern Sachen, die in seine

Taschen gehören, es sonst wohl leicht schmutzig machen könnten. --

Johanni will Lieschen _noch_ weiter in die Welt. Bis nach Hamburg will

sie! Jachl begreift das nicht. Ist Lüneburg denn noch nicht groß genug,

wenn eine durchaus die Welt sehen will?! Lange sitzt Lieschens

Unternehmungslust quälend in seinem Kopf. Erst gegen das Frühjahr hin

treibt die Sonne sie mehr fort. Jachl wirft seine Bücher weg; zum

ordentlichen Schäfer wird einer nicht bloß mit studieren. Das weiß

er. --

* * * * *

Durch hohe Schichten Fallaub traben wieder Hirt und Herde. Ihre Schritte

zerbrechen knisternd zu Boden gesunkene morsche Äste. Sie zerstampfen

auch viele unter der Eisdecke ertrunkene Frösche, die in Mengen auf den

grauen Moosflächen jetzt herumliegen.

[Abbildung]

Schon die erste Märzsonne tut Wunder. Und dann der April! Aber erst der

Mai! Jachl ist sicher, jede Schnucke freut sich wie er über die

silbrigen Knospen der Kriechweiden und über die gelbleuchtenden

Ginsterblüten. Jeder Monat dünkt ihm der allerbeste, mag er ihm Sand in

die Augen fegen oder ihm mit Regen die Haut durchnässen. --

Julischwüle brütet über der Heide. Jachl meint heute wiedermal bestimmt,

diese Juliglut sei ihm am liebsten, gerade sie. Winzige Tiere rennen

über seine bloßen Füße. Nur vollständig trostlose Wetterverhältnisse

zwingen ihm Stiefel auf. Strümpfe trägt er nie. Wer sollte sie ihm

stopfen? Im März schleudert er stets endgültig für Monate die Stiefel in

einen Winkel, dann springt er dreimal in die Höhe. Sein Sommer hat dann

begonnen, was immer der Himmel auch noch in den nächsten Monaten

herunterschütte. --

Heute aber ist er wirklich da, der Sommer. Die Menschen merken ihn, und

Jachl genießt ihn auch. Durch dichte Brombeerranken drängt er sich,

wilde Rosenbüsche schlagen ihm um die Stirn. Unbezwingliche

Sommermüdigkeit überfällt ihn. Er will sich auf den Boden strecken;

schon beugt er sich hernieder -- da -- was ist denn das? Welch nie

vernommenes Rauschen in der Luft? Er sieht in die Höhe. Im Kreise dreht

er sich. Nichts ist da als Himmel und Argusfalter, die blau durch die

Luft schweben.

Einförmige Schläge einer Holzart schallen über die Heide. Jachls

scharfem Gehör entgeht auch nicht das leise Rinnen einer Quelle, die in

die Wiese hinab will. --

Hat er sich getäuscht? Rauscht es nur im welligen Heidekraut? In den

Hängebirken?

Nein. Es kommt aus der Höhe. Bestimmt aus der Luft.

Da -- jetzt -- was schwebt da heran? Ein großer Vogel? -- -- Nein.

Jachl reißt die Augen auf, so weit als möglich, weil er glaubt, dadurch

besser sehen zu können.

Schmal und lang ist das Unbekannte, mit Flügeln, die rennen wie

Mühlräder, und die brausend immer näher heran kommen.

Feuerrot wird Jachl. Niemand ist da, der mit ihm das Wunder studieren

könnte. Nur die Schnucken. Sie haben sich eng aneinander gepreßt; das

Rauschen ist auch ihnen nicht geheuer. Aber schon durchzuckt es Jachl:

Ein Luftschiff -- das muß ein Luftschiff sein! --

Zuerst bleibt er wie angenagelt stehen; dann fängt er an zu rennen. Ohne

Überlegung läuft er in brennender Gluthitze dem Luftschiff stundenlang

nach -- es muß ja noch wieder sichtbar werden, -- und mit ihm laufen all

seine Schnucken wie von Furien verfolgt. --

Jachl ist wie von Sinnen. Es treibt ihn weiter, nur weiter. Er fühlt

nicht die Hitze; er hört nicht Pitt und Pott bellen; er merkt nicht, daß

er auf harte Stauden tritt, die ihm die Füße zerstechen. Kreuz und quer

läuft er, immer mit den Augen das Wunder suchend, das rauschend

dahinsegelte. Die Arme streckt er in die Höhe, als wolle er das

Luftschiff vom Himmel reißen; dabei reckt er den Hals, der doch nicht

zu einem Schwanenhals auszudehnen ist. -- -- --

Jachl, mein Jachl, steh still! Lauf nicht in die Weite so unklug! Was

kümmert dich das Luftschiff? _Du_ gehörst nicht zu den Fliegern -- _du

nicht_. -- Aber du hörst meine Stimme nicht. Armer Jachl. --

In unstetem Zickzack läuft der Schäfer stundenlang. Vielleicht, daß er

es nochmals erspähe! Rasch, immer noch rascher! Die Schnucken hat er

vergessen. Er merkt nicht, daß Schweiß ihm und ihnen die Körper bedeckt.

An Hitze ist der Jachl gewohnt; nachts ist er seit Monaten oft wie in

Schweiß gebadet. --

Gegen Abend bricht er in einem Sandloch zusammen. Das macht nichts.

Rasch will er sich erheben. Etwas Warmes quillt ihm aus dem Munde. Er

faßt mit der Hand danach. Die Hand ist rot geworden. Ist das Blut? Ach

ja, Blut. --

Jachl erschrickt nicht. Er will es abwischen, aber immer mehr, immer

rascher fließt es ihm rot und warm über die Lippen. Die Augen fallen ihm

zu: Heide, Luftschiff, Herde sind entschwunden. --

Eine Viertelstunde vergeht, da stößt etwas dem Jachl ans Bein. Noch kann

er sich nicht bewegen. Seine Schnucken sind es, die über ihn

dahinrennen, tripp -- tripp, hin und her, als gefalle es ihnen ganz

besonders auf diesem unebenen Stück Heide. -- Wütend bellen Pitt und

Pott. Ja, sie haben recht, sich über den Schäfer zu ärgern, der erst zu

rasch lief, und der nun faul im Sande liegen bleibt. -- --

Endlich macht Jachl sich langsam auf den Weg. Wie weit ist er denn fort

von seinem Stall? Er kann sich gar nicht zurecht finden. Recht hell ist

es auch nicht mehr. Und auf den Beinen ist er ganz schwach. Er sucht

Büsche und Stämme, an denen er sich halten kann. Immer wieder muß er

verschnaufen. Den Schnucken fehlt ihr Stall nicht, aber heute fehlt er

dem Hirten. Ausstrecken möchte der sich und sich warm zudecken und

schlafen, nichts als schlafen. --

Nachtfalter taumeln durch die Luft. Fledermäuse huschen in den

Wacholderbüschen. Sterne funkeln. Überall ist Licht und Lust trotz der

Nachtzeit, die doch zum Schlafen vom lieben Herrgott eingerichtet ist,

wie Jachl immer gemeint hat. Noch nie hat er draußen eine Nacht so ganz

durchwacht. --

Langsam streicht im Osten Röte am Himmel empor. Jachl fällt auf einen

Baumstumpf. Er muß eine Weile ausruhen; er kann nicht weiter.

Seine Gedanken sind ihm selbst fremd. Was wollen sie denn diese anderen

Gedanken?

Erfahrene Leute nennen das Gefühl, welches dich, mein Jachl, in diesen

Minuten beklemmt: Sehnsucht. Wie aber solltest du es kennen oder nennen?

Du fassest nur tief in deine inhaltsreiche Hosentasche und suchst, bis

du etwas Eingewickeltes herausgefunden hast. Behutsam nimmst du ein

Bild, siehst es an und versenkst es wieder zwischen Schlüsseln und

Streichhölzern und Taschenmesser und Schere und Bindfaden und all den

vielen andern Dingen, die du auch notwendig gebrauchst. --

Gegen 10 Uhr vormittags sieht Jachl endlich, endlich von weitem seinen

Stall. In der Freude, wieder daheim zu sein, versinkt jedes andere

Gefühl. Er ist sicher, daß das bißchen Bluten rasch vergessen sein wird,

wenn er sich nur von dem wilden Lauf, warm zugedeckt, ausruhen kann. Das

Zähneklappern kommt vom Frühwind und vom leeren Magen. Der Atem ist ihm

ganz kurz geworden. --

Müde folgen die Schnucken den Hunden. Jachl lacht, wie eifrig manche von

ihnen sich gleich wieder in die kleinen Kiefern vor dem Stall

festbeißen. Wie sollen sie in die Höhe wachsen, die armen Kiefern, bei

_der_ Behandlung?

Rasch kocht er sich einen festen Buchweizenbrei; der tut gut! Dann

wickelt er sich fest in seinen groben Schäfermantel. Einige Minuten

später schallt lautes Schnarchen durch den Schnuckenstall. -- -- --

* * * * *

»Tee hilft immer«, hat der Ohm Jachl gelehrt. Bei schwacher Brust tut

auch ausgebratenes Hundefett Wunder. Ob dies nun eigentlich »schwache

Brust« ist? Jachl glaubt es. Zuerst versucht er eine Roggenbreikur. Der

bräunliche Brei mit frischer Milch übergossen, ist nicht übel. Und

»Fledersaft«, aus getrockneten Beeren des Flieders gepreßt, kann auch

nicht von Schaden sein. --

»Bloß nich mit die Doktors anfangen.« So oft hat es der Jachl gehört,

daß er »die Doktors« unmöglich Gelehrsamkeit zutrauen kann. --

Jagten die Schnucken ihren Schäfer nur nicht immer über Stock und Stein!

Mit dem Laufen will's gar nicht wie früher werden. Auf sandverwehtem

Heidewege kommt einer oft ins Stolpern, und gerade beim Stolpern

sticht's dem Jachl immer in der Brust.

Geholfen haben ja Fliedersaft und Roggenbrei und Hundefett, ja, das

haben sie, aber so recht ist dem Jachl doch noch nicht. --

Am liebsten hockt er und flicht Körbe, ja, sogar das bisher von ihm so

verachtete »Knüttzeug« nimmt er zwischen die Finger. Lang sind die

Finger und so weiß die Haut, als fühlten sie niemals die Sonne, die doch

wahrlich genug auf ihnen gebrannt hat. -- -- --

* * * * *

Heide, du taufrische, braune Heide, die du melancholisch oder jubelnd

dahinfließt, weißt du, daß du -- (ach, lächle nicht) Persönlichkeiten

bildest? Du bist nicht ruhmgierig wie die große Stadt. Du biegst und

zerrst nicht absichtlich an Tier und Pflanzen und Menschen. Du breitest

nur deinen Himmel über sie -- unabsehbar weit; in deine große Stille

nimmst du auf. In deine schimmernde Stille, und du lässest gewähren. Du

mahnst ganz leise, daß es nicht lohnt (daß es vielleicht nur lächerlich

ist) gewichtig auf etwas Großes loszustürmen, weil du weißt, wie klein

auch das Große in der Nähe wird, wie es Farbe und Form verändert. Du

prahlst nicht mit großen Zielen. Du verschwendest ganz einfach nur dich

selbst, du einsame Schöne. Verschwendung ist deine Beredsamkeit, ist

deine Bildnergabe, ist der Same, den du ausstreust.

* * * * *

Jachl, der nichts ist als der Scheper, als der Bauernjunge, ist dennoch

vielleicht durch die Heide »auch einer« geworden! Nicht allein durch die

Heide, aber mit ihrer Hilfe. Ja, das ist er! Ganz bestimmt! Er hat nicht

nötig, sich vor einem Stadt-Lehrling oder vor einem Studenten oder vor

einem Prinzen zu schämen, obwohl er doch nur eine blaugefärbte

Leinenweste mit zwei Reihen blanker Knöpfe trägt und eine schirmlose

Mütze, die aus der Haut eines jungen, schwarzen Schnuckenlammes genäht

ist. Von Lackschuhen und gestickten Chemisetts und von all dem

»Nötigen«, welches ja wohl ein junger Mann haben muß, ahnt er gar

nichts. Aber -- nein -- verstecken braucht er sich doch nicht, mein

Jachl. Besonders wegen seiner Gedanken, meine ich. Und Gedanken sind ja

wohl die Hauptsache.

Woran Jachl eigentlich denkt? Nie an Großartiges, immer nur an

Gewöhnliches; etwa an Vieh oder an Weide oder an Wollhandel oder an

Torfstechen oder an Runkelrüben oder an Kleinknechte oder Großknechte

und was dergleichen mehr ist, -- aber, ja, ein Aber ist dabei.

Welch ein Aber? Man muß es wohl fühlen, glaube ich. Zu erklären ist es

kaum.

Gedanken haben auch ihren Schein und ihren Schimmer.

Vielleicht habe ich meinen Jachl nur so gern, weil ihm nie die

Vorstellung kommt, daß es auf Erden Menschen gibt, die es viel, viel

besser haben als er. Er läßt Dornen, Dornen sein und Rosen, Rosen; er

sucht gar nicht immer nach den Bergen; er sieht viel Schönes auch im

Tal. -- --

* * * * *

Lieschen hat in einem ihrer Briefe erklärt: »ein Schäfer, der immer nur

auf der Heide rumsitzt, ist was Langweiliges«. Na, denn muß Jachl doch

auch mal einen Sonntagstanz im nahen Kirchdorf probieren. Was sein muß,

muß sein! Lieschen wird es wohl verstehen! Mädchen verstehen sich auf so

was besser. -- Von Jachls mangelhafter Gesundheit weiß sie nichts. Wäre

sie in seiner Nähe, so hätte sie ihn längst von sich und seinen

Schnucken fortgelockt. Wie sang sie doch immer:

»Komm, tanz mit mir, tanz mit mir,

Ich hab' 'ne bunte Schürze für« -- --

und angesehen hat sie Jachl dabei immer! Nun sie fort ist, merkt er

erst, was für eine Mordsdirn sie ist.

Frauensleute sind so schwer zu kennen wie Schnucken. Sie haben auch so

was Unsicheres wie die. Man muß eigentlich auf beide den ganzen Tag

aufpassen; plötzlich sind sie weg, wenn man auch noch so gut zu ihnen

gewesen ist. Hat sich eine verlaufen, so weiß man auch nie, wie und wo

man sie wieder zu sehen bekommt. --

Jachl beugt vieler Unzufriedenheit im Leben mit einem leicht Geseufzten:

»Was soll man dabei tun?« vor. Sobald er bis zu dem Gedanken gekommen,

ist er auf dem Wege sich abzufinden.

Was soll man dabei tun? Wie Sonne und Regen kommen, ohne daß man sie

holt, so überläßt er dem lieben Gott auch alle anderen Schwierigkeiten,

an denen er, der Schäfer, allein doch nicht viel ändern könnte.

Jachl beginnt die Vorbereitungen für seinen Vergnügungsgang, indem er

sich in die Spiegelscherbe sieht, die er noch im Stall vorgefunden hat,

als er einzog. »Spack« sieht er aus; das ist wahr. Wer weiß, ob ihn eine

zum Tanzen mag. Er hat ordentlich Angst. Schließlich trösten ihn die

vielen Stoppeln, die auf seiner Oberlippe sitzen, die müssen Eindruck

machen und das Helle, welches sogar schon an seinem Kinn sproßt,

auch. --

Der Stallstellvertreter ist für einen Tag gekommen. Jachl summt wie ein

Alter:

»Morgen is Sündag! Dor smitt de Bur de Plünn' (die Lumpen) ab.«

Großartig kann er sich herausstaffieren. Lang genug hat er des Ohms alte

Truhe durchsucht. Er fand Stulpenstiefeln und ein rotes Halstuch und

eine rote Weste mit Messingknöpfen. Lieschen würde Augen machen. Schad',

daß sie nicht im Kirchdorf, oder daß nicht eine andere Dirn dort, die

auf ihn wartet. --

Schon von weitem hört Jachl das Karussell. Ordentlich springerig wird

ihm. Er sieht sich um, ob er allein ist, dann schießt er mehrmals

Purzelbaum. Zuerst kommt er bei dem Bandhändler vorüber, der seine Waren

auf einer Scheunendiele ausgelegt hat. Jachl klappert zwar mit den

wenigen Münzen in seiner Tasche, aber beim Klappern läßt er es

bewenden. --

Im Weitergehen hört er in verschiedenen Gastwirtschaften »Mesik«. Er

weiß nicht recht, kann er tanzen oder kann er nicht tanzen. Er glaubt,

daß er es kann. Aber mit »welcher« soll er gleich stundenlang, wie es

Brauch ist, zusammen bleiben? Musternd tritt er in das erste beste

Gasthaus ein. Nicht eine Dirn ist da, mit der zu hopsen es ihn gelüstet.

Rasch trinkt er einen Kümmel, ehe er in einer anderen Wirtschaft weiter

nach einer Tänzerin sucht. -- Hier nimmt er ein Bier und dort einen

Schnaps und immer so weiter, bis er in allen Häusern gewesen ist und auf

den Beinen so unsicher, wie wenn er ein Mädchen im Arm einen halben Tag

ohne Unterbrechung herumgeschwenkt hätte. --

»Wie sieht der Jung' aus«, sagen die Bauern.

»Käsig, na ja, das kommt von's Vergnügen«, setzen sie verständnisvoll

hinzu, stoßen sich an und kichern.

Gelangweilt drückt Jachl sich von einem Platz auf den anderen. Längst

ist er mit seinen Lieblingsgerichten durch. Er kann doch nicht immer

weiter Rauchfleisch essen und Quetschkartoffeln mit ausgebratenem Speck

und Weizenklöße mit getrockneten Zwetschen. -- Anfangs fallen ihm seine

verlassenen Schnucken ein, bei denen hat er es doch am besten. Je mehr

Branntwein er trinkt, je rascher laufen die Gedanken von den Schnucken

fort zu Lieschen. Dideldumdei! Dideldumdei!

Niemand wirft besorgte Blicke auf meinen Jachl. Sein helles

Haargestrüpp, das er so fein mit Wasser fest zusammengeklebt hatte,

steht ihm längst wieder richtig hoch zu Berge. Das Halstuch hat er

abgerissen, es hängt halb aus der Hosentasche hervor. Ihm ist heiß

geworden und übel, gräßlich übel, und der Kopf schmerzt nicht wenig. Die

schöne, rote Weste ist begossen, zwei ihrer Metallknöpfe hat er

verloren. -- Keiner hat mit ihm Mitleid. Weshalb sollte auch hier einer

mit einem großen Bauernjungen Mitleid haben, der halb betrunken ist?

Solchen Luxus gewähren die Heidjer einander nicht. Mitleid hat man mit

einem, der sich den Kopf blutig geschlagen hat; was sonst innen im Kopf

schmerzt, darum kümmern sie sich gegenseitig nicht. --

Jachl bleibt wie ein Stück Holz in einem Winkel der Gaststube liegen. Er

wird gezupft und gerufen, bis er die Augen aufreißt, so weit aufreißt,

als ihm möglich. Gottes Donnerwetter! Wie brummt ihm der Schädel!

»Na, warte Lieschen, das nennst du Vergnügen?«

Vorsichtig stellt er sich auf die Beine. Er gibt sich einen derben Ruck.

Vorwärts! Es geht! --

* * * * *

Der erste leichte Frost liegt auf der Heide. Nichts rührt sich über dem

Moor. Ein wenig taumelt Jachl. Wohin sind bloß alle lustigen Vögel

geflogen? Die frechen Meisen und die ängstlichen Goldhähnchen, der

Buntspecht und der Reiher, die Drosseln und die fröhlichen Finken? Sie

alle scheinen in Jachls Schädel zu rumoren. Gewiß wollten sie nichts mit

dem kalten Nordostwind zu tun haben, der den Schäfer jetzt umpustet, und

der ihn wieder lebendig macht, ihn fest aufrecht auf die Beine stellt.

»Je, je,« stöhnt Jachl von Zeit zu Zeit vor sich hin, »is sowas

Vergnügen?«

Wütend stampft er über das heut nacht ganz weiße Moor. Hart gefroren ist

es noch nicht; man überschreitet es, als wäre man leicht gewiegt.

Groß und grau läuft Jachls Schatten neben ihm dahin. Eine Eichkatze

springt über den Weg. Ehe er es noch richtig merkt, trabt er zwischen

großen Flocken weiter. Der erste Schnee! Rasch, immer rascher fällt er

herab. Nach einer Viertelstunde hat er jedem Baum und jedem Busch und

jedem Hügel ein funkelnagelneues Gewand angezogen. Gar nicht zum

Wiedererkennen sind sie. Jachl lacht. Breit und dick geworden sind alle

miteinander. Ganz putzig sehen sie aus, Bäume beinah wie Berge. --

Kein Schritt des einsamen Wanderers schallt mehr in die Weite hinein;

nur seine Fußtapfen sind zu sehen; zu hören ist nichts von Jachl. -- Vor

einem kleinen Sumpf bleibt er einen Augenblick stehen. »Wie braunes

Bier«, denkt er und schüttelt sich. Bier und Branntwein sind noch nicht

aus Jachls Kopf heraus. Keinen Tropfen bringt er so rasch wieder über

die Lippen. Das nimmt er sich vor.

In der weißen Stille ist sein Schnuckenstall schwer zu finden.

Verschwunden scheint er zu sein, fortgehext. So genau der Schäfer auch

Weg und Steg kennt, in dieser Nacht geht er in der Irre. Alles ist weiß;

alles hat Form und Farben verändert. Vorsichtig tastet Jachl von einem

Baum zum andern. Jetzt aber greift er ins Leere. Seine Hand faßt nur

Luft. Er überlegt: Stehenzubleiben ist das Klügste. Und abzuwarten. Das

Wetter hat sich ja immer wieder geändert, wird es auch in dieser Nacht.

Wenn nicht in der Nacht, so doch am Morgen oder am Vormittage. Nur

Geduld muß einer haben, dann kann ihm hierbei nichts passieren. --

Jachl weiß nicht, ist's der weiche Schnee, der nachgibt oder ist das

Moor auf diesem Fleck noch so weich und schwankend. Schwankt der Jachl

oder das Moor?

»'s wird noch immer der Kümmel sein«, entscheidet er selbst, geärgert

über seine Vergnügungsreise. Er schwört, nie mehr eine zu machen,

höchstens mal mit Lieschen; da paßt denn einer auf den andern auf.

Im Eifer des sich Gelobens merkt Jachl anfangs gar nicht, daß er

bedenklich tiefer in das weiße Moor gerutscht ist. Bis über die Knie

steckt er darin. Jähes Entsetzen packt ihn. Fürchterlich wird ihn

zumute. Das Leben kommt ihm plötzlich so munter vor und der Tod so

traurig.

»Nein -- nein -- nicht sterben,« schreit er, »nicht sterben«; ohne

aufzuhören, gellend nur die beiden Worte -- kreischend -- brüllend, dann

leiser, immer leiser werdend -- wimmernd »nicht sterben -- nicht sterben

-- nicht -- sterben« --

Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille · 第 12 / 23 题