senden, war ja ausgeschlossen), setzte ich meine regelmäßige Tour
südwärts fort; selbst in Amelia-Bai, wo ich einer sich sammelnden
Araber-Karavane den Bescheid bringen sollte, daß sie mit dem Schiffe
später abgeholt werden würde, wußte man von der Annäherung der
deutschen Expedition noch nichts.
Am Südende des Sees feierten wir am 27. Januar noch Kaisers Geburtstag,
und zur selben Zeit als im Süden der »H. v. Wißmann« im Flaggenschmuck
aus dem ehernen Mund der Geschütze dem deutschen Kaiser den Gruß
entbot, brachte im fernen Norden des Sees der Kaiserliche Gouverneur
Frhr. v. Schele auf Station Langenburg seinem Kaiserlichen Herrn ein
Hoch aus, und der Mund der Geschütze sandte auch hier der deutschen
Pioniere Gruß dem deutschen Kaiser zu.
Am 28. Januar brach ich erst wieder von Fort Johnston auf, erreichte
am 2. Februar Amelia-Bai und war überrascht, hier eine ganze Anzahl
Araber versammelt zu finden, mehr noch, als der große Häuptling der
Wagwangwara Raschid selbst mit an Bord kam und mir ein arabisches
Schreiben überbrachte, das vom 28. Januar die Unterschrift des Frhr. v.
Schele trug und in Langenburg ausgefertigt war. Was mir kaum glaublich
schien, mußte dem Schreiben nach wahr sein, und jeder Zweifel schwand,
nachdem Raschid mir den Inhalt desselben in Kisuaheli übersetzt hatte;
darnach theilte der Gouverneur Raschid mit, daß er beabsichtige, in den
nächsten Tagen mit seiner Expedition aufzubrechen und von Amelia-Bai
den Weg über das Gebirge wählen würde, er solle für Proviant etc. in
seinem Gebiet Sorge tragen.
Direkt nach Langenburg zu dampfen war mir nicht möglich, weil ich
eilige Post und Güter für Karonga an Bord hatte, kürzte aber, dort
angekommen, den Aufenthalt nach Möglichkeit ab und setzte die Reise
nach Einschiffung des französischen Bischofs Monsigneur Laschaploir und
dessen Begleiter, die vom Tanganjika-See hier angekommen waren, fort.
Gegen Abend des 3. Februar 1894 vor der deutschen Station eingetroffen,
donnerte im Moment, als der Anker in die Tiefe rauschte, vom Schiffe
der Kanonensalut für den Gouverneur, und ehe noch der Dampfer wie
üblich befestigt war, kam Frhr. v. Schele zur Besichtigung an Bord.
Unter der Zahl seiner Offiziere aber fand ich manchen alten Bekannten
wieder aus jener Zeit, wo an der ostafrikanischen Küste unter Führung
des Majors von Wißmann der große Araberaufstand blutig niedergeworfen
worden war.
Tag für Tag hatte man sehnsüchtig auf die Ankunft des »H. v. Wißmann«
gewartet und, obgleich ich mit dem Schiffe doch erst zur bestimmten
Zeit eintreffen konnte, waren schon alle Vorbereitungen getroffen,
mit dem großen Stahlboot und der von Major von Wißmann seinerzeit
gekaperten Dhau wenigstens einen Theil der Expedition nach Amelia-Bai
abzusenden, selbst nach Ankunft des Dampfers sollte dieser Befehl noch
zur Ausführung kommen. Mit der unbeständigen Witterung besser vertraut
als jeder andere, war es meine Pflicht, auf die Gefahr aufmerksam zu
machen, welche für das offene Stahlboot eintreten mußte, sobald der See
vom Winde erregt unruhig werden würde.
Auf die Hinweisung, daß es unter solchen Verhältnissen besser und
sicherer sein werde, der Dampfer nehme die Fahrzeuge im Schlepptau,
änderte Se. Exzellenz den Befehl und die Abfahrt wurde um einen Tag
verschoben.
Seine Anwesenheit im Nyassa-See hatte der Gouverneur dazu benutzt,
sich eingehend über die Beschaffenheit der Konde-Ebene zu orientiren,
auch die deutschen Missionsstationen zu besuchen, wollte aber nun auch
noch die deutsche Grenze, den Songwe-Fluß besichtigen, sowie sich die
Lage der englischen Station Karonga ansehen. Demnach dampften wir in
der Frühe des 4. Februar hinüber zur Westseite des Sees und, da eine
Exkursion den Songwe hinauf geplant worden, wurde solche mit zwei
Schiffsbooten unternommen, und eine in jeder Beziehung angenehme Fahrt
in diesem reichen Gebiet war es für die Theilnehmer.
Die Einschiffung der Maulthiere, Esel, Geschütze und des gewaltigen
Gepäcks begann am 5. früh, dazu war mit 27 Europäern und 380
Mannschaften der »H. v. Wißmann« recht schwer belastet. 200 Mann wurden
im großen Stahlboot, der Rest in der Dhau untergebracht und gegen 11
Uhr Vormittags konnte die Abfahrt vor sich gehen. Frei von Rambira,
war das Unangenehmste, die über Nacht aufgekommene südliche Schwell,
gegen welche nun mit halber Maschinenkraft angedampft werden mußte, zu
überwinden, oftmals mußte langsam gefahren werden, brach doch die See
zeitweilig in das schwer beladene offene Boot hinein, sodaß unablässig
eingeschlagenes Wasser ausgeschöpft werden mußte. Besser hielt sich
die Dhau im Schlepptau, allein durch das lange Liegen am Strande leck
geworden, nur nothdürftig von den Arabern abgedichtet, glaubte ich
manchmal, sie würde sich nicht über Wasser halten können, wenigstens
für die Mannschaft in derselben war es keine beneidenswerthe Arbeit,
unablässig zu schöpfen, um nur des eindringenden Wassers Herr zu werden.
Es war nicht gut möglich die Nacht hindurch zu dampfen wegen der
unbeständigen Witterung, daher wurde auch die Kayser-Bucht als das
Endziel festgesetzt.
Gegen Abend erreichten wir denn auch die Bucht und zur Sicherheit,
um nicht dem Strande zu nahe zu kommen, hatte ich schon den Anker
auf 20 Faden = 120 Fuß fallen lassen, damit, wenn wie häufig Nachts
westlicher Wind und See aufspringen sollte, der Hintersteven nicht
auf Grund stoßen könnte; allein als um Mitternacht wirklich der Wind
mit einer starken Regenboe einsetzte, gab das Anker an der steil zur
großen Tiefen abfallenden Felswand nach und bald erschütterten heftige
Stöße das Schiff. Es blieb hierbei nichts anderes übrig, als Kette
einzuhieven, vielleicht daß der Anker auf geringer Tiefe wieder Halt
fände, was auch zum Glück der Fall, und nur froh war ich, als gegen
Morgen die See abnahm und der neue Tag heraufdämmerte.
Da der See am Morgen, wenigstens dicht unter der Felsenwand, ziemlich
ruhig war, konnte früh schon die Reise fortgesetzt werden und ohne
besondere Schwierigkeit erreichten wir gegen Mittag des 6. Februar die
Mündung des Buhobu-Flusses, südlich von Amelia-Bai. Die Ausschiffung,
da hier dem Lande nicht recht nahe geankert werden konnte, währte bis
zum Abend, namentlich machten die Maulthiere und Esel uns recht viel
Mühe.
Der Abmarsch der Expedition war auf den nächsten Morgen festgesetzt,
deshalb entfaltete sich an dem Ufer des Flusses im provisorischen Lager
ein recht reges Leben bis alles geordnet war, Soldaten und Träger
vertheilt, und nach deutscher Art alles klappte. Zur Weiterfahrt mit
dem Dampfer wurde nur Leutnant Fromm kommandirt, der die Verhältnisse
auf dem Schire und Zambese erkunden und gleicherzeit den Transport
eines erkrankten Unteroffiziers leiten sollte, sowie Doktor Lieder, der
mit einer kleinen Zahl von Trägern von Mbampa-Bai quer durchs Land zur
Küste marschiren und geologische Untersuchungen im südlichsten Theil
des unbekannten deutschen Gebietes anstellen wollte.
Gleichzeitig am 7. früh, als die Trompete zum Aufbruch rief und die
langen Kolonnen der Expedition sich in Bewegung setzten, lichtete auch
der »H. v. Wißmann« die Anker und über Neu-Helgoland trafen wir noch
selbigen Tages in der Mbampa-Bai ein. Hier landeten wir noch Dr. Lieder
mit seinen Lasten und Leuten, der sein kleines Lager etwa 100 Meter vom
Schiff entfernt am öden Strande aufschlug.
Tiefe Ruhe lag über Land und See ausgebreitet, selbst die Stimmen
der Nacht tönten nur schwach aus der weiten Ebene herüber und nichts
deutete darauf hin, daß der König der Thiere uns einen Besuch abstatten
würde. In tiefster Ruhe und vermeintlicher Sicherheit lagen um das Zelt
des Dr. Lieder dessen Leute, nach Negerart mit dem Lendentuche bedeckt,
um sich so gegen die Stiche der Mosquito zu schützen, und schliefen
fest auf dem kühlen Sande, dem Wachposten es überlassend, für ihre
Sicherheit zu sorgen.
Plötzlich, es mochte zwei Uhr Morgens geworden sein, hallte ein
wilder Schrei durch die Stille der Nacht, der, mit dem zugleich
eröffneten Gewehrfeuer, alle Schläfer an Land sowohl wie auch an
Bord jählings aufschreckte. Lauter aber als das Stimmengewirr und
der Schmerzensschrei eines Mannes, tönte die gewaltige Stimme des
Löwen, der grollend abzog, da ihm seine Beute, die er mit der Tatze
geschlagen, entgangen war.
Schulter und Brust des überfallenen Mannes hatte der Löwe mit seinen
scharfen Krallen aufgerissen, nur der Schmerzensschrei wilder Angst
hatte den Menschenräuber stutzig gemacht, und ehe er seine Beute
sicher gefaßt hatte, feuerte schon der Posten. Dr. Lieder hielt es für
geboten, da der Löwe sich nicht gescheut hatte, bis in den Kreis der
schlafenden Leute einzudringen, jetzt doppelte Posten der Sicherheit
halber aufzustellen; war es auch ausgeschlossen, daß der Räuber einen
neuen Versuch wagen würde, so gebot doch die Vorsicht, fortan achtsamer
zu sein.
Bald hatte sich die Aufregung gelegt und tiefe Ruhe war wieder
eingetreten, als plötzlich, noch mochten kaum 2 Stunden seit dem
ersten Angriff verflossen gewesen sein, heftiges Gewehrfeuer die
Nacht durchschallte. Wild brüllend, seinen Groll über den abermaligen
Mißerfolg kundgebend, zog der Löwe ab. Die Posten, die jetzt wachsamer
gewesen waren, hatten den schleichenden Löwen, der, geschützt durch die
Dunkelheit, wieder ganz nahe gekommen war, rechtzeitig bemerkt, und ehe
er zum zweiten Male, dann wohl mit besserem Erfolge, einen der Schläfer
fassen konnte, scheuchten ihn die Stimmen und die Schüsse fort.
Man kann sagen, es war ein Glück, daß dem zum Sprunge bereiten Löwen
keine der ersten Kugeln getroffen hatte, das Thier, jedenfalls von
heftigem Hunger geplagt, hätte dann sicher, nur verwundet, wüthend
angegriffen und außer denen, die er mit den Tatzen niedergeschlagen,
würde er mit einem Unglücklichen doch entkommen sein.
Nun war es vorbei mit der Ruhe und als der junge Morgen anbrach,
rüstete sich die kleine Schaar, um den ungastlichen Strand zu
verlassen, wir aber wünschten dem kühnen Forscher, der sicher mancher
Gefahr entgegen ging, eine glückliche Reise durch unbekanntes,
unerforschtes Gebiet. Mehrfach habe ich der wilden Thiere Erwähnung
gethan und namentlich auf die zahlreichen Leoparden und Panther, die
uns überall am meisten belästigt hatten, hingewiesen, den Löwen aber
als weniger gefährlich bezeichnet, weil dieser auf unserem Wege nicht
in so großer Zahl aufgetreten ist.
Wohl ist das richtig, da der Löwe sich nicht so bemerkbar macht, auch
nicht gleich dem Panther sich auf feigen Raub einläßt, vielmehr seine
Stärke an ebenbürtigeren Gegnern, als Büffel etc., erprobt, und nicht
der wehrlosen Ziege und dem Schafe nachstellt. Mit Stolz verschmäht der
König der Thiere es, wenn seine markigen Glieder noch elastisch genug
sind, die friedlichen Heerden zu gefährden, thut er es aber und treibt
ihn der Hunger dazu, wählt er sich den starken Bullen aus und bringt
ihn zu Fall, gefährlich nur wird er, wenn das Alter ihn drückt, die
sehnigen Glieder erschlafft sind und er dem flüchtigen Wilde nicht
mehr folgen kann, den Büffel nicht mehr im tödtlichen Kampfe angreifen
darf; dann erst sucht er die Wohnstätten der Menschen auf, raubt in den
Heerden und wird ein gefährlicher Menschenräuber, sobald er erst einmal
Menschenfleisch geschmeckt hat.
Niemals, noch im Vollbesitz seiner Kraft, wird der Löwe, sofern ihn
nicht wilder Hunger plagt oder er aufgestört und verwundet worden ist,
sich aus Blutgier auf den Menschen stürzen. Wie alle Thiere, meidet
auch der Löwe den Menschen, wenn er kann, wird aber der gefährlichste
Gegner, wenn er gereizt zum Angriff übergeht.
In einzelnen Distrikten des Seengebietes ist der Löwe, der nie
hier gejagt wurde, für die Bewohner eine Plage geworden, selbst
Auswanderungen und das Aufgeben einzelner Ortschaften haben
stattgefunden, nur weil zu häufig die Heerden gefährdet und Menschen
geraubt worden sind, steht doch der Eingeborene dem Löwen fast machtlos
gegenüber.
Die Eingeborenen wehren sich selbstverständlich nach ihrer Art
und suchen durch vergiftete Pfeile, Fallgruben oder Gift sich des
gefährlichen Feindes zu entledigen, was ihnen jedoch seltener
gelingt; haben sie aber, schließlich zur Verzweiflung getrieben, den
Zufluchtsort eines Löwen, der ihnen unaufhörlich Schaden zugefügt,
erkundet, umstellen sie das dann meistens vom Raube übersättigte Thier,
stören es auf, und suchen es zu tödten, oft freilich unter schweren
Verlusten ihrerseits.
Die Engländer, als bekannte Sportsleute, haben sich, namentlich
Offiziere der Kanonenboote, auf die gefährliche Löwenjagd gelegt, und
meistens in dem hügeligen Terrain hinter der Pankanga-Bucht ist es
Einzelnen gelungen dem Löwen nahe zu kommen.
Doktor M'ckay und Mister Crawshay hatten auch das Glück, einige zu
erlegen, was mir aber letzterer bestätigte, ist, daß ein angeschossener
Löwe nie direkt den Jäger angenommen hat, sondern, wenn auch langsam,
stets entfloh. War der Schütze sicher, daß seine Kugel gut getroffen
hatte, wurde erst nach Tagen eine allgemeine Treibjagd mit Hilfe der
Eingeborenen unternommen, um das verendete oder dem Verenden nahe Thier
im dichten Gebüsch aufzusuchen. Einst auch hatte Mister Crawshay eine
große Löwin angeschossen und diese nach Tagen suchend, stieß einer
seiner Leute unerwartet auf das sterbende Thier, das aber noch so
viel Kraft besaß, den im ersten Augenblick höchst erschrockenen Mann
anzufallen und mit den Zähnen und Tatzen an den Beinen arg zuzurichten,
ehe dessen Rufe gehört und eine Kugel ihn aus den Krallen der wüthenden
Katze befreite.
Schlimmer erging es Doktor M'ckay, derzeit an Bord des Kanonenbootes
»Pionier«, auch einst in Port Herald mein freundlicher Arzt. Er hatte
gehört, im Gebiete Jumbes, in der Nähe des »Livlezi-Flusses« sei eine
Elephanten-Herde gesehen worden und machte sich auf, diese zu jagen;
schon weit den Spuren gefolgt, traf er am 22. Oktober 1894 aber mit
Löwen zusammen, und als ein kühner Jäger, der schon zweimal mit Erfolg
dem König der Thiere entgegengetreten war, nahm er die gefährliche Jagd
auf. Es gelang ihm auch, einen der Löwen zu verwunden und verfolgte das
Thier, bis er nahe gekommen war, um es den Gnadenschuß zu geben.
In dem Augenblick, als der Löwe sich seinem Verfolger zugewendet hatte,
feuerte Dr. M'ckay; das Thier war aber nicht tödtlich getroffen, es
sprang, ehe er einen zweiten Schuß abzugeben im Stande war, vor Schmerz
brüllend, auf ihn, riß ihn, seinen linken Arm zerbrechend, zu Boden und
grub die Tatzen tief in die Schultern des Gefallenen ein.
Nach Aussage der Begleiter, die außer einem Diener, »Musa« mit
Namen, auf Bäumen geklettert waren, hat nun ein furchtbarer Kampf
stattgefunden; der Löwe, von Blutverlust schon sehr geschwächt,
versuchte die Kehle des Doktors zu fassen, was dieser mit dem rechten
Arm und Hand abzuwehren suchte, dabei rufend, daß Musa feuern solle.
Die kurzen Augenblicke, die vergangen waren, ehe der Diener zum
Schießen kam, hatten aber hingereicht, daß der Löwe den Unglücklichen
gräßlich zurichten konnte, und erst, als die Kugel das Thier getroffen,
ließ dieses von dem Doktor ab und wandte sich dem neuen Gegner zu,
brach aber bei diesem Versuche zusammen. Sobald der Doktor mit Hilfe
des Dieners hochgerichtet war, sah er wenige Schritte entfernt den
gewaltigen Löwen liegen, und obgleich er fühlte, daß dieser ihm die
Todeswunde beigebracht hatte, wollte er doch Sieger bleiben. Er hieß
den Diener vor ihm niederknien, faßte mit der schwer verletzten Rechten
seine ihm entfallene Waffe und diese auf der Schulter des treuen
unerschrockenen Schwarzen ruhen lassend, gab er dem sterbenden Löwen
den Gnadenschuß, der dem zähen Leben der mächtigen Katze ein Ende
machte.
Jetzt der grimme Feind besiegt und todt, verließen auch dem kühnen
Jäger die letzten Kräfte; schrecklich von den Tatzen des Löwen
zugerichtet, schwand diesem das Bewußtsein, eine Wohlthat, die die
brennenden Schmerzen auf dem beschwerlichen 15 englische Meilen langen
Wege bis zum provisorischen Lager an der Küste linderte. Von seinen
Leuten behutsam getragen, konnte dort dem Doktor nur die Hilfe zu Theil
werden, welche der Sikhsposten zu leisten im Stande war, und so starb
er nach zwei Tagen, ein Opfer seiner Kühnheit, betrauert von allen, die
ihn gekannt haben. Seine Ruhe aber fand er auf dem Missionskirchhof
der Insel Likoma, wohin ihn der Tags darauf zurückkehrende »Pionier«
gebracht hatte.
Nun kam auch bald für mich die Stunde, Abschied zu nehmen, das große
Werk war vollendet, in rastloser Arbeit das Mögliche erstrebt;
zwei Jahre waren wieder hingegangen in Kampf und Streit, in Mühen
und Gefahren, und so konnte auch ich mit dem Bewußtsein, die ganze
Kraft und Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt zu
haben, zufrieden von der Stätte der Arbeit scheiden und die Schritte
heimwärts lenken. Nachdem unsere Ablösung in Fort Johnston gegen Ende
März eingetroffen war, fuhr ich mit Spenker in einem Missionsboote
flußabwärts nach Matope und als das Schiregebirge überschritten war,
setzten wir die Fahrt auf dem Schirefluß unterhalb der Katarakte
stromabwärts nach Chilomo fort, wo wir uns auf einem Flußdampfer
einschifften und mit solchem Chinde und den Ozean wieder erreichten.
Was ich aber auf diesem langen Wege (einen Monat gebrauchten wir bis
zur Küste vom Nyassa-See) an Elend und Verderben gesehen, welches
die Heuschrecken über das ganze Land gebracht hatten, will ich
zusammenfassen, indem ich dem Empfinden Ausdruck gebe, mit welchem ich
aus eigener Anschauung die Vernichtung gesehen.
Der Hunger, der grausamste Feind der Menschheit, zieht vernichtend,
schlimmer als der unerbittliche Krieg, durch ungeheure Gefilde Afrikas,
deren Bewohner, abgeschlossen von allen Mitteln, -- die niedrige
Kulturstufe, auf der sie stehen, hat solche ihnen noch zu wenig an die
Hand gegeben -- dem bleichen Tod in das Angesicht schauen und unter
Qualen, wie sie die lebhaftigste Phantasie nicht zu ersinnen vermag,
dahinsterben. Hohlwangig bis zu Skeletten abgezehrt, vom bittersten
Schmerz, wie ihn nur der Hunger bereiten kann, gefoltert, schleichen
die wankenden Gestalten über die von der Sonnengluth ausgedörrte Erde
hin, oder in rauchgeschwärzten Hütten liegend, ergeben sie sich in das
unvermeidliche Schicksal.
Kein Grashalm, keine Erdfrucht, die sonst in Zeiten der Noth den
Hunger gewehrt, bis die nächste Ernte Ueberfluß an Allem gebracht,
ist mehr zu finden, um den furchtbaren Schmerz in den Eingeweiden
zu lindern; überall Vernichtung, soweit das Auge schweift, nur öde,
harte Grasstengel, selbst für den Urheber all' dieser unsäglichen Qual
unverdaulich, absolut nichts hat die gierige Heuschrecke, zu Millionen
einfallend, verschont, jedes keimende Pflänzchen an Mais, Mtama oder
Erdfrucht ist vernichtet, und die Ernte, die einzige Lebensbedingung,
die der Neger kennt und wofür er noch arbeitet, ist zerstört.
Der Vernichtung ist alles Pflanzenleben und mit diesem auch des
Menschen Existenz preisgegeben. Heben sich auch Abertausende dieser
unersättlichen Nager von einem vernichteten Distrikt hinweg, um anderen
blühenden Gefilden dasselbe Loos zu bereiten, so lassen sie doch die
junge Brut zurück, die das Werk vollenden und durch Hunger schließlich
der eigenen Vernichtung anheimfallen. Unsäglich traurig ist der Anblick
einst blühender Anpflanzungen, leer sind längst die Vorrathskammern,
die der Ueberfluß einst gefüllt hatte, und der bittere Hunger treibt
die Eingeborenen hinweg, um vielleicht unbarmherzigen Feinden in die
Hände zu fallen, die alle Bande trennend den Aermsten das Sklavenloos
bereiten, aber bitterweh thut der Hunger -- selbst das herbste Loos
scheint dem Menschen leicht, wenn er dadurch nur dem grimmen Feinde
wehren kann!
Zwar erklärt der Eingeborene den Heuschrecken nicht minder den Krieg,
und in solchen Fällen kennt die Noth kein Gebot, in Massen werden
sie über Feuer geröstet, verzehrt, aber ohnmächtig steht er doch
schließlich dem schrecklichen Feinde gegenüber, der selbst, wenn er
alles zerstört hat, auch den Menschen nicht mehr als Nahrung dienen
kann.
Auf dem hochgeschwollenen Schireflusse, der pfeilgeschwind seine
schmutzig grauen Fluthen über dem starken Gefälle dahinwirbelte, suchte
ich an vielen Stellen für meine Leute Nahrung, aber wenig konnten die
Uferbewohner nur geben, denn am Zerstörungswerke arbeiteten auch hier
die Heuschrecken, die Hungersnoth mußte kommen, keine Menschenmacht
konnte hier mehr Einhalt gebieten.
In Chilomo an der Mündung des Ruo-Flusses bot sich mir ein
abschreckendes Bild furchtbarer Zerstörung dar, die Gräben waren
thatsächlich fußhoch mit todten Heuschrecken angefüllt, auf deren
Leibern die junge Brut wimmelte, und jeder Fußtritt des Menschen
in dem abgenagten Gestrüpp scheuchte Tausende auf, die, unfähig zu
fliegen, sich an die kahlen Stengeln klammerten und noch gierig nach
Nahrung suchten, die Luft war verpestet, und selbst der Mensch floh vor
dem Würger Tod; so sind weite Strecken von dieser furchtbaren Plage
heimgesucht und sie forderte ungezählte Opfer!
Der Schirefluß ist während der Regenzeit unberechenbar, er hatte im
Februar 1894 schon eine abnorme Höhe erreicht und war hier bei Chilomo
19 Fuß hoch so plötzlich gestiegen, daß die große Handelsniederlassung
gefährdet wurde, ebenso schnell fiel er auch, sonst wäre wohl der durch
die fessellosen Fluthen entstandene Schaden sehr groß geworden. Die
Stromschnelle bei Ziu-Ziu, die wir 1892 mit so vieler Mühe passiren
mußten, war jetzt ganz verschwunden, die Insel Pinda überschwemmt, und
jenes versandete Flußbett, worin der »Pfeil« lange Zeit festgelegen
hatte, durch die starke Strömung wieder schiffbar geworden; überhaupt
waren die Ufer des Schire streckenweise ganz verändert und mir bekannte
Punkte, wo wir einst mit der Expedition gerastet hatten, unkenntlich
geworden. Auffällig aber war es, welchen großen Aufschwung der Handel
und Verkehr in kaum zwei Jahren auf dem Zambesi und Schire genommen
hatte. Schon in Katunga sah ich, daß die dort lagernden Güter, zum
Theil nach dem Nyassa- und Tanganjika-See bestimmt, nicht bewältigt
werden konnten, in Chilomo überzeugte ich mich, daß hier das Gleiche
der Fall war, Häuser und Schuppen waren mit Waaren überfüllt.
Zwischen hier und dem aufblühenden Misongwe waren allein 4 neue
Stationen errichtet, und trotz der an Zahl mehr als das Doppelte
zugenommenen Flußdampfer, der vielen Leichter, war der Waarenandrang
nicht zu bewältigen. Zwar war durch Konkurrenz das Privilegium
der einstigen African-Lakes-Comp. durchbrochen worden, die Handel
und Verkehr allein in Händen gehabt, dennoch, durch die Macht des
englischen Kapitals, erkennend, welche hohe Bedeutung die Wasserstraße
Zambesi-Schire gewinnen werde, nahm dieselbe Gesellschaft, nur unter
neuem Namen, den Kampf erfolgreich auf.
Ein thunlichst gehütetes Geheimniß von englischer und zum Theil von
portugiesischer Seite war einst die Schiffbarkeit des Chinde-Armes
zum Zambesi, erst die Wißmann-Expedition brachte allgemeine Kenntniß
hierüber und dieser namentlich ist der ungeahnte Aufschwung des Handels
zu verdanken. Die Engländer, die Portugals Besitz sozusagen sich
dienstbar gemacht haben und die deutsche Konkurrenz fürchten, warfen
ihr allgewaltiges Kapital auf dieses Gebiet und eroberten es mit der
bekannten Rücksichtslosigkeit.
Der Ort Chinde, zur Zeit, als wir mit der deutschen Expedition dort
lange gerastet, bestand fast nur aus wenigen Negerhütten; zurückgekehrt
fand ich eine Stadt vor, die sich mit Hilfe des englischen Kapitals
unglaublich schnell entwickelt hatte; vom Tanganjika-See bis zur
Chinde-Mündung hat der Engländer alles an sich gerissen, die
Konkurrenz, die ihm entstanden, fürchtet er nicht mehr.