die Sache ausgefallen, wenn Herr v. Eltz eine entsprechende Macht
hinter sich gehabt hätte, oder wenn wenigstens der »H. v. Wißmann« vor
Langenburg gelegen hätte; keinesfalls würden dann die Sklavenjäger, die
nach Recht und Gerechtigkeit für das Elend, welches sie über Hunderte
unschuldiger Menschen gebracht, den Tod verdient hatten, so glimpflich
weggekommen sein. Somit war es jedenfalls das Richtigste, die äußerst
erbitterten Sklavenjäger mit den Elfenbeinhändlern, die Elephantenzähne
und Waffen wieder zurückerhielten, weiterziehen zu lassen, und
möglichst schnell solche Gesellschaft abzuschieben, weil ihre Zahl der
Besatzung der Station nahezu zehnfach überlegen war, und es gewiß auch
nicht rathsam war durch längeres Aufhalten den Arabern Gelegenheit
zu geben, vielleicht einen Ueberfall zu versuchen; für die kleine
Mannschaft würde es sehr schwer geworden sein einen nächtlichen Ansturm
auf die Pallisaden abzuschlagen, und hätte bei dem ungleichen Kampf die
Araberhorde möglicherweise das Fort überlaufen. Mit Recht führte Herr
von Eltz an, daß er in solchem Falle den Suaheli nicht habe vertrauen
können.
Wie richtig die Vermuthung gewesen, die Araber könnten vielleicht doch
einen Handstreich unternehmen, zeigte sich, als in Wirklichkeit ein
solcher geplant worden war, und zwar hatte sich die Kolonne in der
ersten Nacht nicht weit das Rambirathal aufwärts gelagert, um durch
einen nächtlichen Ueberfall sich wieder in den Besitz der Sklaven zu
setzen. Wie eine zuverlässige Nachricht ergeben hat, war der Führer
besonnener als die rachedürstenden Sklavenjäger und weil keine rechte
Einigkeit erzielt wurde, unterblieb ein Angriff auf die Station.
Es war gewiß ein schwerer Verlust den die Räuber erlitten hatten, als
sie ohne ihre Sklaven abziehen mußten; sie trachteten daher sich durch
Jagden auf die im Gebirge wohnenden Wakinga schadlos zu halten, fanden
aber solchen ernsten Widerstand, daß sie unter Verlust von Trägern und
Elfenbein fliehen mußten.
Weit her vom Innern Afrikas, wo diese Räuberhorden die friedlichen
Dörfer überfallen, die Männer, Väter und Brüder der befreiten
Sklaven erschlagen lagen, wurden diese Opfer unmenschlicher Raubgier
in die Sklaverei und einem ungewissen Schicksal entgegengeführt.
Wie viele der Unglücklichen, in die Sklavenscheere gespannt, sind
wohl am Wege niedergesunken, kraftlos und schwach, die selbst der
unbarmherzige Treiber nicht mehr mit harten Schlägen vorwärts bringen
konnte, und wurden verlassen in der Wildniß, ein Raub der Hyänen und
anderer Thiere. Kann auf monatelangem Marsch, oft Hunger und Durst
erleidend, eine Mutter, erschöpft und unfähig, ihr Kind, neben der
ihr aufgebürdeten Last, nicht mehr nähren oder tragen, reißt ihr ein
Unmensch den Säugling fort und schleudert das hungernde Wesen ins
Gebüsch am Wege, um dann noch die Unglückliche mit Peitschenhieben
weiterzutreiben. Barmherzig ist noch der zu nennen, der einen
Sklaven, wenn er absolut nicht mehr fort kann, den Gnadentod giebt
-- der Gefesselte kniet nieder und ein Schlag mit dem schweren
doppelschneidigen Dolch macht dessen Leiden ein Ende. --
Hier hatte man den Müttern nur die Säuglinge und die kleinsten Kinder
gelassen, sonst alle Bande mit grausamer Hand zerrissen. Was wunder,
wenn sie mit stoischem Gleichmuth alles über sich ergehen ließen,
selbst die Wiedergabe ihrer Freiheit für nichts achteten, in dem
Befreier eher einen neuen Herrn als einen Wohlthäter erblickten. Was
war die Freiheit noch werth für sie, wo man ihnen die Heimath und alles
Liebe genommen!
Sieht man an Ort und Stelle dieses Elend, dann möchte man an das
Schicksal die Frage richten, wann endlich werden die Völker Afrikas
von dem furchtbaren Joch, unter dem sie seit Jahrhunderten seufzen und
verkommen, befreit, wann wird die Macht der Araber gebrochen und ihrem
schändlichen Gewerbe ein Ende gemacht sein! --
Segensreich ist das Wirken der Missionare, in ihrem Schaffen und
Streben bethätigen sie die Liebe zur Menschheit und den Antheil, den
sie an der Kulturarbeit haben, ist ein großer, es ist ein Pflichtgebot
aller Kolonial-Staaten, den christliche Konfessionen das Feld frei zu
geben, sie mit der ganzen Macht zu schützen; in dem Vertrauen, das
sie sich durch stille mühevolle Arbeit erringen, liegt schon die hohe
Gewähr für ein aufkeimendes Kulturleben. Dies erkennend, hat auch Major
v. Wißmann den deutschen Missionaren im Norden des Nyassa-Sees freie
Hand gelassen, ihnen Schutz und Beistand gewährt, soweit es in seiner
Macht lag. Das dankten sie nun und nahmen in Ikombe und Wangemannshöhe
die befreiten Sklaven auf, die auf die Dauer für die Station Langenburg
eine Last geworden wären, insofern als die Verpflegungskosten für eine
so große Zahl beträchtliche waren, auch lag es außer dem Bereich des
deutschen Kommandos die Befreiten in ihre ferne Heimat zurücksenden zu
können.
Um hier den Angriffen entgegen zu treten, denen Major v. Wißmann
ausgesetzt gewesen, weil er konfessionelle Unterschiede gemacht haben
soll, sei erwähnt, daß er den deutschen und den am Tanganjika-See
wirkenden französischen Missionaren sein Schiff vorläufig auf ein Jahr
zur Verfügung gestellt hatte, d. h. es wurde allen, welche mit dem »H.
v. Wißmann« süd- oder nordwärts zu fahren wünschten, freie Passage
gewährt, was schon allein in Betreff der bedeutenden Kosten große
Anerkennung verdient, da eine gleiche Beförderung mit der langsamen
»Domira« für den Betreffenden recht kostspielig war und ich selbst habe
während der Zeit, in welcher ich den deutschen Dampfer geführt, eine
ganze Anzahl Missionare befördert; trotz solchem beträchtlichen Ausfall
an Passagiergeld aber doch noch in wenigen Monaten 8000 Mk. mit dem
Schiffe verdient, so daß die Unkosten für Schiff und Station gedeckt
werden konnten.
Die Bereitwilligkeit der deutschen Missionare, die armen Sklaven
in ihre Obhut zu nehmen, führte dazu, daß so eingehend als möglich
nachgeforscht wurde, in welchem Lande diese geraubt worden waren und
das Resultat war, daß alle diejenigen, etwa 30 Weiber und 20 Kinder,
die angaben, an der Grenze der englischen Interessensphäre aufgegriffen
zu sein, zurückbehalten werden mußten, da der englische Vertreter
in Dunp-Bai Mister Crawshay solche reklamirt hatte, um sie, wenn
angängig, in ihre Heimath zurückzusenden. Viel zu ängstlich und nicht
begreifend, was der weiße Mann mit ihnen vorhat, kam es vor, daß bei
der Feststellung Mütter ihre Kinder irrthümlich zur Mission ziehen
ließen und erst als die Einschiffung stattfinden sollte, nach diesen
verlangten und weinend baten bleiben zu dürfen wo ihre Kinder sind, sie
sahen nun erst ein, es würde eine Trennung für immer sein.
In Abwesenheit des Herrn v. Eltz, der am 13. Dezember auf die Nachricht
hin, der Häuptling Marara sei gestorben, eilig hatte aufbrechen
müssen, um, wie es von den Söhnen des Verstorbenen gewünscht wurde,
aus ihrer Mitte den neuen Sultan zu wählen und einzusetzen, suchte ich
der Schwierigkeit, die Mütter mit ihren Kindern wieder zu vereinen,
dadurch abzuhelfen, daß, wo letztere nicht so schnell herbeigeschafft
werden konnten, erstere auf ihren speziellen Wunsch zurückblieben und
später ebenfalls der Missionsstation überwiesen wurden, bei welcher die
halberwachsenen Kinder Aufnahme gefunden hatten. Die Einschiffung der
Weiber und Kinder unternahm ich am 14. erst dann, nachdem ich mich
überzeugt hatte, daß alle, die bestimmt waren, den Engländern übergeben
zu werden, keinen Wunsch mehr hatten, namentlich keine Mutter durch ihr
eigenes Versehen von einem ihrer Kinder getrennt werde. Manch armes
Weib, von übernatürlicher Furcht beherrscht, konnte aufgefordert nicht
mal für sich sprechen, kroch auf Händen und Füßen heran und weinte nur,
erst von den Schicksalsgenossen konnte mit Mühe erfahren werden, wie es
um solches bestellt war und warum es weint.
Schrankenlose Furcht muß der Araber den geraubten Sklaven einzuflößen
wissen, sonst ist es nicht verständlich, wie menschliche Wesen gleich
gescholtenen und geschlagenen Hunden vor ihren Herren so sich beugen
und im Staube kriechen können. Selbst das offenbare Wohlwollen, das
der Europäer ihnen zeigt, selbst die Aufforderung aufrecht vor diesen
zu stehen oder wenigstens zu sitzen fruchtet nichts, und wahrlich,
jeden muß es mit äußerster Erbitterung gegen diejenigen erfüllen,
die den freien Menschen solchen Sklavensinn einzuflößen vermochten.
Herzlose Grausamkeit, die Beraubung alles dessen was solchen Geschöpfen
einst lieb und theuer war, kann diese nur so tief beugen. Vor dem
Richterstuhl menschlicher Gerechtigkeit müßten solche Räuber, die
Feuer, Tod und Elend in die Hütten friedlicher, wehrloser Menschen
tragen, niemals Gnade finden, unerbittlich dem Tode verfallen, der für
all den Jammer und Elend kaum eine Sühne zu nennen ist; es sollte jeder
erreichbare Sklavenjäger damit bestraft werden und so für seine Thaten
büßen.
Mehrfach kam eine Kunde zu uns, die meines Wissens keine Bestätigung
gefunden hat, daß weit im Innern Afrikas ein Volksstamm von heller
Hautfarbe wohnen soll; kaum denkbar ist es, und befanden sich unter
den geraubten Sklaven zwei, ein Mädchen und ein junger Mann, die ich
für Geschwister hielt, von heller kupferbrauner Färbung. Auch diese
gehörten zu der Zahl, welche ihre Heimat weit im Westen vom Nyassa-See
liegend, bezeichnet hatten und auch an der englischen Administration
in Pankanga ausgeliefert werden mußten. Ich war erst versucht, diese
beiden für die Nachkommen eines reinblütigen Arabers zu halten,
doch wiederum die Gesichtsbildung, die keinen Negertypus verrieth,
ebenmäßig, hübsch sogar zu nennen, machte mich zweifeln, wozu die
Annahme, daß, wäre meine Voraussetzung richtig gewesen, diese wohl
nicht als Sklaven von den Arabern behandelt worden wären, das ihre
beitrug, allein ich konnte nichts genaueres erfahren.
Noch am Abend des 14. Dezembers, nach einer stürmischen Ueberfahrt --
zu allem schon ausgestandenen Leiden mußten die Weiber und Kinder noch
die Seekrankheit kennen lernen -- traf ich in Pankanga ein und übergab
im englischen Fort dem in Abwesenheit des Mister Crawshay den Befehl
führenden Sikhs Unteroffizier alle, dafür sorgend, daß ihnen Wohnung
und reichlich Speise und Trank verabfolgt wurde.
In Bandawa angekommen erfuhr ich, daß etwa 20 Seemeilen südlich
vor der Bana-Point, der Dampfer »Ilala« zusammengebrochen sei.
Auf diese Nachricht hin, die von Eingeborenen vor mehreren Tagen
schon an Dr. Elmslin überbracht worden war, beschloß ich dennoch
unverzüglich aufzubrechen und das Schiff zu suchen, weil mir bekannt
war, daß erstens an Bord der »Ilala« kein Boot sich befand und
zweitens ein etwas heftiger Südost-Wind, der eine schwere See in der
Marenga-Sanga-Bucht hineinfegen mußte, das Schiffchen äußerst gefährden
konnte. Die ganze Küste von Bandawa südwärts und die große Bucht
suchte ich ab, und schließlich fand ich den Dampfer noch unterhalb der
Bana-Point auf flachem Wasser, in gefährlicher Lage vor.
Da es nicht möglich war, mit dem »H. v. Wißmann« der »Ilala« nahe zu
kommen, war es das Erste, diese in tieferes Wasser zu bringen, dann
erst wurde versucht ob wir den Schaden am Dampfkessel nicht repariren
könnten. Dies indes stellte sich nach 36stündiger Arbeit als unmöglich
heraus und dem Führer blieb nichts anderes übrig, als mein Angebot,
sein Schiff nach Fort Johnston zu schleppen, anzunehmen. Zum Glück,
was in dieser Jahreszeit seltener der Fall, behielten wir einigermaßen
gutes Wetter, sodaß wir schon nach einigen Tagen ohne weiteren Unfall
vor der Schirebarre ankern konnten.
Schon die Reise vorher, als ich kaum vor der Schirebarre vor Anker
gegangen war, kam mit mehreren kleinen Kanoes, der mit der Bewachung
der deutschen Nation betraute Suaheli Hamissi mit der überraschenden
Nachricht an Bord, daß sowohl die deutsche, als auch die nebenliegende
englische Handelsstation von Leuten Kassambe's und im Einvernehmen mit
diesen, Mgonda-Leute, die Stationen überfallen hätten, aber, obwohl die
Banden zurückgeschlagen wurden, wären die Angriffe doch nächtlicher
Weile immer wieder erneuert worden. Mir blieb darauf hin nichts anderes
übrig als von den für die englische Administration angeworbenen Abonga
eine Anzahl guter Leute auszuwählen, alle gut bewaffnen und sie als
Verstärkung in die deutsche Station zu legen; ich rechnete darauf, es
würde den Feinden unbekannt bleiben, wieviel Gewehre in der Station
seien und sie sich großer Gefahr aussetzen, wenn sie aufs neue einen
Ueberfall versuchen sollten. Fast unter den Kanonen von Fort Johnston
-- die beiden Stationen liegen nur etwa 10 Minuten oberhalb desselben
-- wagten doch die Feinde, wohlunterrichtet wie schwach das Fort
besetzt war, solche Angriffe und es blieb zum eigenen Schutz nichts
übrig, als die unbeschützten Stationen ebenfalls durch Erdwerke und
Pallisaden zu befestigen.
So war die Weihnachtsnacht herangekommen und in Sicherheit gewiegt,
da seit mehreren Wochen alles ruhig geblieben war, hatten die drei
auf der englischen Station anwesenden Europäer, wozu sich noch später
der Führer der »Ilala« gesellte, auch ich war eingeladen worden,
beschlossen, Christmas (Weihnachten) zu feiern.
Wie gewöhnlich, da der Engländer, die deutsche Sitte, einen Christbaum
auszuschmücken, weniger kennt, besteht die Feier nur aus einem
Festessen, das mit Whisky und Sodawasser oder anderen Getränken,
wenn solche vorhanden und erhältlich sind, gewürzt wird. Mir lag an
solcher Feier nichts, zumal ich an Bord einen provisorischen Christbaum
ausgeschmückt hatte und es vorzog, mit meiner Mannschaft das Fest in
deutscher, sinnigerer Art zu begehen, darum folgte ich der Einladung
nicht, obwohl ich, hätte irgend ein Anzeichen vorgelegen, daß die
Stationen gefährdet sein könnten, sicher Vorkehrungen getroffen haben
würde, wenigstens die deutsche, nach Möglichkeit zu schützen. Fraglos
war es, daß die Engländer scharf bewacht wurden und von Spionen umgeben
waren, denn jeder nächtliche Angriff hatte gezeigt, wie gut die Feinde
orientirt waren. So war es auch in dieser Weihnachtsnacht 1893. Die
Europäer, die wohl nicht mehr recht taktfest gewesen, suchten erst in
später Stunde ihre getrennten Lagerstätten auf um bald in festen Schlaf
zu fallen. Da sie sich nur auf die fragwürdige Zuverlässigkeit zweier
Wachtposten verlassen hatten, so wurden sie plötzlich durch heftiges
Gewehrfeuer aufgeschreckt. Die Feinde, die durch Verräther unterrichtet
waren und wohl im Glauben die Weißen würden zu einer schnellen Abwehr
nicht fähig sein, hatten ihr Feuer auf die Lagerstätten der Europäer
gerichtet und mit solcher Sicherheit, daß die Engländer nur durch
Zufall den tödlichen Kugeln entgangen sind. Wie schnell aber auch die
immer bereiten Waffen ergriffen und das Feuer auf die Feinde erwidert
wurde, schneller war die Besatzung der deutschen Station; sie eilte zu
den Erdwällen und, trotz der Dunkelheit, die Feinde auf dem rasirten
Terrain hinter der englischen Station erkennend, eröffnete sie ein
nutzloses Schnellfeuer, das aber doch die Feinde stutzig machte und
diese zum eiligen Rückzug hinter deckendes Gebüsch veranlaßte.
Wohl war von Seiten der Angreifer versucht worden, Feuer an die
Grasdächer zu legen, und hätten diese gebrannt, wäre der Ausgang des
Kampfes wohl fraglich, zum mindestens der Schaden ganz enorm gewesen,
diese aber zündeten zum Glück nicht, weil sie vom Regen durchnäßt
waren, der am Abend vorher durch ein furchtbares Gewitter in Strömen
niedergegangen war, das auch mich, auf der Fahrt nach dem Schiffe
zurück, überrascht hatte. In früher Morgenstunde des ersten Festtages
wurde ich durch Boten von den Vorgängen in der Nacht unterrichtet, und
an Land gekommen, fand ich auf den Stationen alle noch in ziemlicher
Aufregung. Eifrig wurde das Für und Wider erwogen, namentlich wie
es den zahlreichen Feinden möglich geworden wäre, ihre Waffen so
nahe den in den Häusern Schlafenden abzufeuern, was die Kugellöcher
in den Wellblech- und Lehmwänden bezeugten. Die Posten, die nichts
vorher bemerkt haben wollten, mußten entweder mit den Feinden im
Einverständniß gewesen sein, oder was wahrscheinlicher, ebenso fest wie
ihre Herren geschlafen haben.
Wie immer waren auch jetzt vom Fort unternommene Streifzüge im Urbusch
vollständig nutzlos, längst hatten die flinken Feinde die sicheren
Berge wieder erreicht und waren in Sicherheit, von wo sie wiederkommen,
wenn ihnen die Gelegenheit günstig scheint und nicht eher werden solche
Ueberfälle unterbleiben, als bis die Engländer stark genug geworden
sind, mit dem Häuptling Kassembe gleichwie mit Makangila, abzurechnen.
Während der Regenzeit, die jetzt herangekommen war, liegen regenschwere
Wolken über der weiten Fläche des Nyassa-Sees; starke Winde treiben die
schwarzen Massen vor sich her, die tiefhängend, die mächtigen Felswände
dem Auge entziehen. Plötzliche Sturmböen fegen mit rasender Gewalt von
den Bergen herab und wühlen die leicht erregten Fluthen auf, Wind- und
Wasserwirbel fliegen über diese hin, und im Gegensatz zum blinkenden
Sonnenlicht liegt eine graue Dämmerung über die bald ruhigen, bald
schaumgekrönten Wogen des Sees gebreitet. Nah und fern hallt der
Donner, tausendfachen Wiederhall erweckend, und zuckende Blitze rings
um den Horizont erscheinen wie hunderte glühender Schlangen, die das
Wolkenmeer zertheilen. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität überladen,
die Luft schwül und drückend, bis das Unwetter hereinbricht mit einer
Gewalt, wie nur die Tropenwelt sie kennt. Und unbeirrt durch alles dies
zieht der »H. v. Wißmann« seine Straße, bald gegen Sturm und Wellen
kämpfend, bald die beruhigten Gewässer durchfurchend.
Vor Likoma lagen wir in der Scheidestunde des Jahres 1893 zu Anker und
begingen die Neujahrsfeier im Verein mit den englischen Missionaren
an Bord des »H. v. Wißmann«. In mitternächtlicher Stunde donnerten
die Geschütze, die an Felsen und Rocks von elektrischen Licht
erhellt, tausendfachen Widerhall weckten, dem scheidenden Jahr zum
Gruß knatterten die Gewehre und prasselnde Leuchtkörper zischten in
die Lüfte, die bei dem am Strande versammelten Hunderten Staunen und
Verwunderung hervorriefen.
Vor Langenburg eingetroffen, war der längere Aufenthalt daselbst
in dieser Anfangsperiode der Regenzeit zuweilen recht unangenehm.
Nordwestliche Winde, wenn auch nicht stürmisch, regten doch den See so
auf, daß das dort vor Ankerliegen namentlich Nachts recht ungemüthlich
wurde, dazu die furchtbaren Regenschauer, die über alle Beschreibung
schrecklichen Gewitter. Die Feuerschlangen, die oft die dunkelste
Nacht momentan wie mit magischem Lichte erhellten, zuckten unablässig
aus der tiefhängenden Wolkenmasse hernieder, die an der Felsenwand
des Livingstone-Gebirges sich aufgeballt; prasselnd folgte Schlag
auf Schlag, der furchtbarste Donner hinterher, mit einer Gewalt, als
würden die Felsen zersplittert, und der Furchtbarkeit der entfesselten
Elemente steht Mensch und Thier schaudernd und zitternd gegenüber.
Jeder Blitzstrahl, der in nächster Nähe des Schiffes herniederfuhr
und heller als das Tageslicht die mächtige Dunkelheit durchzuckte,
schien die hohen Masten des Schiffes treffen zu wollen. Obgleich keine
unmittelbare Gefahr vorhanden, da gute Blitzableiter an denselben
angebracht waren, so war es doch geradezu unheimlich, sich noch in
geschlossenen Räumen, die nahe den Masten auf oder unter Deck lagen,
aufzuhalten; der blendend zuckenden Gluth, die scheinbar aus einem
wallenden Feuermeer herabfuhr, dem furchtbar wüthenden Elemente schaute
man lieber im Freien zu. Schwefelgeschwängert war die Luft, schwer und
drückend, wie ein Alp machte sie die Sinne befangen und selbst die
That und Willenskraft erlahmte unter einem eigenthümlichen Gefühl der
Bangigkeit, welches man nicht abzuschütteln vermochte. Auf den Ozeanen
finden die wildesten Gewitterstürme, die rasenden Orkane und Pamperos
etc., abgesehen von der alles zerstörenden Gewalt des Windes, sind mir
die Entladungen der Elektrizität nie so furchtbar erschienen, wie hier
auf dem Nyassa-See. -- Reich und üppig sprießt die Natur, nun der Regen
die durstige Erde durchtränkt hat, auf Bergeshöhen und in den Thälern
blüht und grünt es, als hätte eine Zaubermacht mit einem Schlage
schlummerndes Leben geweckt --, den Frühling brachte die Regenzeit.
Korn und Erdfrüchte, als Mais, Mtama, Bataten etc., hat, auf reiche
Ernte hoffend, der Bewohner Afrikas in die Erde gebracht, alles treibt
mit Macht zum Licht empor und verspricht den erhofften Segen, der nicht
ausbleiben darf, den die gütige Mutter Erde tausendfach spenden muß,
sollen nicht viel tausend Menschenkinder, die keinen anderen Ernährer
finden, noch kennen, durch Hunger und Elend zu Grunde gehen.
Und sie thut es auch, sie lohnt dankbar auch die kleinste Müh und
Arbeit. Aber was sie überreich gespendet, was sie fast mühelos dem
unter einer heißen Sonne geborenen Menschenkinde in den Schoß wirft,
ist doch mitunter gefährdet ehe noch die Frucht zur Reife gelangt; dann
dem Hunger preisgegeben, wenn die Vorrathskammern leer, steht der arme
Neger und schaut der Vernichtung seiner Felder zu, der er, machtlos
gegenüber, nicht Einhalt gebieten kann.
Die Heuschrecke ist sein schlimmster Feind, zu Millionen in
blühende Gefilde einfallend, vernichten sie jede Hoffnung, keinen
Grashalm, Blüthe noch Blatt verschonen sie, und ziehen sie wieder,
lassen die Schaaren Schrecken und Tod zurück. Vom Tanganjika-See
herunter waren die gefräßigen Thiere gekommen, an den Abhängen des
Livingstone-Gebirges eingefallen und hatten der Ernte der Eingeborenen
und aller Vegetation Vernichtung gebracht. Tausende schwirrten auf
Strauch und Bäumen, tausende in der Luft umher, jeder Grashalm war
dicht besetzt und zahllos die unersättlichen Nager; jeder Fußtritt
im kahlgefressenen Grase, selbst noch an den dürren Stengeln,
scheuchte hunderte auf, die gewaltigen Blätter der Bananen und deren
wohlschmeckende Frucht wurden eine willkommene Beute, kahl ragt der
saftige Stamm dieser herrlichen Pflanze in die Lüfte, ein trauriges
Bild unglaublicher Vernichtung darstellend; selbst die abertausend
jungen Keime der gewaltigen Baumriesen, Baobab und Tamarinden,
verschonte das Thier nicht.
Welche Verheerung in kurzer Zeit die Heuschrecke anzurichten vermag,
sah ich hier auf der Rambira-Landzunge und am Fuße des Gebirges zum
ersten Male, und doch waren es nur kleine Schwärme, die sich hier
niedergelassen hatten. Viel verheerender haben sie die Länderstrecken
ostwärts heimgesucht: später auf dem Heimwege, im ganzen Schirethal
fand ich nur ödes Land, Vernichtung überall, die die bitterste Noth und
den Hunger im Gefolge haben mußte.
Am 9. Januar 1894 trat ich wieder die Reise südwärts an und war
erst wenige Tage von Langenburg entfernt, als dort ganz unerwartet
am 13. die Nachricht eintraf, daß Seine Exzellenz der Gouverneur
von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Schele, mit einer gewaltigen
Expedition am nächsten Tage in Langenburg eintreffen werde.
Auf einer militärischen Expedition begriffen, war Freiherr von Schele
von der Küste aus bis zum Fuße des Livingstone-Gebirges vorgedrungen
und nun dem Nyassa-See ziemlich nahe, beschloß er, sich persönlich
von der Lage der deutschen Station und den Verhältnissen am See zu
überzeugen. Wohl war das Ueberschreiten des hohen Gebirgskammes mit 600
Mann keine Kleinigkeit, aber quer durch das Gebiet der Wagwangwara, an
steilen Abhängen entlang den Weg suchend, erblickten die zahlreichen
Theilnehmer -- 17 Offiziere allein begleiteten den Gouverneur -- auf
der Höhe der Kayser-Bucht den im Sonnenglanz gebadeten Nyassa-See
zuerst. Schwieriger noch ward der Weg von hier nordwärts, entlang den
tiefen Felsengründen, und mehrere Maulthiere stürzten vom schmalen
Gebirgspfad abwärts in die Tiefe, die aufgegeben werden mußten, da
keine Möglichkeit vorhanden war, diese Thiere aus den Abgründen wieder
herauszuschaffen.
Nach Eintreffen des Gouverneurs in Langenburg wurde unverzüglich ein
Eilbote über Land nach Karonga gesandt, der, wie gehofft wurde, dort
die Domira vielleicht noch antreffen könnte, die mir dann den Befehl
zur sofortigen Rückkehr überbringen sollte. Allein nur einen Tag zu
spät traf der Bote ein, und obwohl dem Schiffe noch bis Pankanga
nachgeeilt wurde, war dieses auch schon von dort wieder abgefahren.