größere Ablagerung zur Folge hatte, Felsentrümmer und Morainen in
Massen, vielleicht schon vom fernen Norden mitgeführt, häuften sich
an, wodurch Inseln, Berg und Hügelketten am Rande des Eisstromes
gebildet wurden, die zum Theil die ganze Oberfläche der Halbinsel
bedeckten. Der östliche Strom wälzte sich nun längs der hohen
Gebirgswand in südöstlicher Richtung fort, Berg und Felsenketten auf
seinem Wege durchbrechend, bis in dem heutigen Schirwadistrikt seine
Macht durch mehrfache Spaltungen gebrochen war, die einzelnen Arme aber
zermalmte Felsentheile und Moraine aufstapelten. Vorausgesetzt ist,
daß das heutige Zambesi-Schire-Gebiet in jener Zeitperiode ein tief
einschneidender, vielleicht noch weit über den Moramballa-Höhenzug
hinausreichender, wenn auch flacher Bestandtheil des indischen Ozeans
gewesen ist, in welchem die Eismassen als Eisberge abflutheten.
Der westliche Strom hingegen drang südwärts vor, längs dem heutigen
Kirks-Höhenzuge, dessen Verbindung zwischen Cap Maklair und Cap Rifu
schon vom Hauptstrom zermalmt wurde, ehe es zur Spaltung desselben
gekommen war. Kaum 10 engl. Meilen südlicher durchbrach er dann die
Felsenkette, um den heutigen Malombwe-See gelegen und wälzte sich zum
jetzigen Schire-Hochland fort. Eine Spaltung dieses Armes muß hier
wiederum stattgefunden haben, da der östliche Strom sich im heutigen
Michiru-Thal aufwärts schob -- thatsächlich aufwärts, als man erstens
die Mächtigkeit des Gletscherstromes in Betracht ziehen und zweitens
sich vergegenwärtigen muß, daß vom Nyassa-Hochland bis hierher ein
starkes Gefälle die Gewalt des Eisstromes begünstigte -- und bei
Blantyr den Durandi-Höhenzug durchbrach. Der andere, der sich über und
neben die Murchison-Fälle (den Katarakten) fortwälzte, spaltete sich
in viele Arme und füllte, zum Stillstand gekommen, durch die Erd- und
Steinmassen das heutige Schire- und Zambesithal aus.
Die heutige Fruchtbarkeit des Schire-Hochlands, die mächtigen Thonlager
um Blantyr, abgelagert in tiefen Schichten, daneben gewaltige
Bergriesen aufgebaut aus granitenem Gestein, sind alles nur Ergebnisse
jenes Gletscherstromes, dessen Gewalt gebrochen, hier Moraine in Massen
aufhäufte.
Es ist ein kühnes Facit, zu dem man gelangt, auch nur möglich, wenn
die heutige Gestaltung dieses weiten Gebietes als Folge einer viele
Jahrtausende währenden Eisperiode zugeschrieben wird; ob darnach auch
ein langsames oder plötzliches Schmelzen der Eismassen stattgefunden,
jedenfalls hat die Kraft fließender Wasser das Werk vollendet, deren
Gewalt um so größer sein mußte, als vom heutigen indischen Ozean bis
zum Nyassa-Hochland das weite Terrain terrassenförmig ansteigt. Diese
Wasserkraft hat denn auch im Laufe der Zeiten sehr viel verwischt,
nicht nur, daß unablässig Material herabgespült wird, tiefe Furchen im
harten Gestein gegraben worden sind, mußte zur Zeit, als die Eismassen
verschwanden, die Kraft der fließenden Wasser eine ungeheure gewesen
sein, die überall in Massen angehäufte Moraine weggeführt und an
geeigneten Stellen abgelagert haben.
Ehe nach der Eisperiode Zeit und Wasser dieses alles vollbracht,
ehe die heutige, muthmaßlich schon vor Jahrtausenden geschaffene
Lage der Ländermassen beendet, waren die Grenzen des Nyassa-Sees in
grauer Vorzeit ganz andere; weit ausgedehnt bis zu den im Norden und
theilweise im Osten und Westen zurücktretenden Gebirgszügen bespülten
die Fluthen fast ein Drittel an Flächenraum mehr als heute, namentlich,
wenn man sich den im Verhältniß kleinen Malombwe-See mit dem Nyassa
verbunden gewesen denkt. Der Malombwe-See, einst ein tiefes Becken, ist
heute nahezu ausgefüllt. Mit wenig Mühe findet man die verschiedenen
Stadien heraus, in denen sich der Nyassa-See befunden hat, da zu
verschiedenen Zeiten die wellenförmigen Ablagerungen ganz bedeutende
gewesen sind. Selbst der Abfluß dieses Sees, der Schirefluß, lag früher
weiter östlich, dicht unter den hohen Bergen, Niederungen und Sümpfe
lassen sein altes Bett heute noch erkennen.
Es bleibt späterer eingehender Forschung überlassen, diese Theorie, die
wie jede andere noch gleiche Berechtigung hat, anzuerkennen oder zu
verwerfen, wenigstens habe ich, aufmerksam gemacht, die mir gebotene
Gelegenheit benutzt und mit prüfendem Blick, wie es niemand vorher
sich hat angelegen sein lassen, nach Beweisen für diese gesucht. Wohl
kann es gleichgültig sein und wird dem Laien wenig interessiren, wie
dieses mächtige Seeengebiet entstanden ist, doch sieht man selbst
die Werke der Natur, hat sich das Verständniß dafür durch weite
Wanderungen geschärft, hat man das Walten schaffender Kräfte gesehen
und beobachtet, werden überall auf der Erde tiefernste Fragen an einem
herantreten, und man fühlt sich versucht zu forschen und nach einer
Lösung zu suchen. Entschieden würde eine genaue Untersuchung der
Tiefenverhältnisse des Nyassa-Sees, die heute noch gänzlich unbekannt
sind, so daß ein vollständiges Bild, sich daraus ergäbe, welches die
Beschaffenheit des Beckens klar erkennen läßt, dahin führen, der
Wahrheit, zum mindesten der Wahrscheinlichkeit näher zu kommen, auch
die Erforschung des tiefen Tanganjika-Beckens, über 100 deutsche Meilen
lang, müßte ungemein zur Entstehungsursache des weiten Seeengebietes
beitragen; meine zeitweilig auf dem Nyassa vorgenommenen Lothungen, da
ich, wo es drauf ankam, keinen Grund gefunden, geben keinen Anhalt.
Die früher schon angeführten, in Stein gegrabenen Zeichen, die ich auf
Neu-Helgoland, in Monkey-Bai und an anderen Orten beobachtet hatte,
nach denen der See 12-15 Fuß höher gewesen ist, ja selbst nach Aussage
alter Eingeborener soll derselbe noch in diesem Jahrhundert mehrere
Fuß gefallen sein, lassen kein zweifeln und deuteln zu, wie mit einem
Lineal so scharf sind sie abgegrenzt; die verschiedenen Linien aber
lassen auf ein ganz unregelmäßiges Zurücktreten des Sees schließen.
Sind nun diese Zeichen Jahrtausende alt oder nicht, das wäre die
nächste Frage, dann aber mußten an steilen Felswänden, wo die Fluten
des Sees ungehindert anprallen, tiefe Auswaschungen im Gestein zu
finden sein, was in der Höhe von 12 Fuß und darüber nicht der Fall
ist, die ich gefunden, liegen 4-5 Fuß über dem heutigen Niveau des
Sees. Und wäre dem so, daß der See solche Höhe gehabt hat, kann dieses
nur vor sehr langer Zeit gewesen sein, denn dann müßten die schon
benannten Ebenen, als Konde, Rambira, bei Amelia und im Süden alle
unter Wasser gestanden haben, was freilich auch einst der Fall war, da
diese erst durch Anschwemmungen entstanden sind; dann aber müßte ein
solch gewaltiger Zeitraum die Zeichen, nach meiner Schätzung höchstens
Jahrhunderte alt, auf diesen Granitblöcken verwischt haben.
So bleibt nur die eine Annahme übrig, daß hier, wie auf vielen Orten
unserer Erde, geheime Naturkräfte, und zwar erst in neuerer Zeit,
die Ländermassen periodisch gehoben haben, die es auch bewirkten,
daß, wie wir es von den ersten Forschern wissen, der Schire- und der
Zambesi-Fluß, die ein bedeutend tieferes Bett gehabt haben, heute flach
und zu Zeiten unpassirbar sind.
Eine eigenthümliche Erscheinung auf dem See, meistens in der nördlichen
Hälfte, sind die Kungu-Fliegen; zu Milliarden vereinigt erscheinen
sie wie Rauchwolken, die vom Winde bis zu den Wolken säulenartig
emporgewirbelt werden und aus der Ferne gesehen wie Wasserhosen
aussehen. Oft zählte ich, soweit das Auge reichte, bis dreißig dieser
Schwärme und ging später, da ich aus Neugierde unliebsame Bekanntschaft
mit diesen Thierchen gemacht hatte, diesen wohlweislich aus dem Wege.
Als ich solche Erscheinung zum ersten Male sah, steuerte ich direkt
in solche Wolke hinein, aber nur bis in die äußere Peripherie
dieser wirbelnden Masse gekommen, war es unmöglich, noch die Augen
aufzuhalten, selbst die Haut wurde wie mit Nadeln gespickt; im Moment
war das ganze Schiff mit lebenden und todten Fliegen bedeckt, die der
Wind zu kleinen Haufen zusammenfegte.
Wahrscheinlich auf dem Wasser erzeugt, enden sie auch wieder darauf,
so daß, wenn solche Masse in sich zusammengefallen ist, weite
Wasserstrecken vollständig mit todten Fliegen bedeckt sind; fegt der
Wind eine Wolke aber auf das Land, dann verschwinden Baum und Strauch
für einige Zeit, Schluchten und Einschnitte sind wie mit einer braunen
Dunstmasse ausgefüllt, so dicht ist die Masse der Fliegen. An bewohnten
Orten klatschen bei solcher Gelegenheit die Eingebornen die Fliegen
mit den Händen zusammen und zu Kügelchen geformt, werden dieselben
gegessen.
Nicht minder unangenehm ist eine Art Eintagsfliege, etwa 1 Centimeter
lang, die während der Abendstunden unter Land dem Lichte zueilen und zu
Tausenden verbrannt niederfallen; nichts konnte vor denselben geschützt
werden und mit manchem Löffel Suppe wurde solches Thierchen als Zugabe
verzehrt. War der elektrische Scheinwerfer des »H. v. Wißmann« in
Thätigkeit, dann wirbelte es in dessen grellem Schein von unbekannten
Nachtschwärmern, und wäre es möglich gewesen, solche zu fangen, manch
seltenes Exemplar würde gefunden worden sein.
Zu bestimmten Monaten nur, und, wie ich beobachtet habe, während der
Regenzeit, treten diese Fliegenschwärme auf, ebenso erscheint das sonst
tiefblaue Wasser des Sees für einige Zeit schmutziggelb, es blüht,
würde man sagen können, ob dieses aber hier zutrifft, ist eine offene
Frage, wiewohl nicht unwahrscheinlich, als selbst tiefe stillstehende
Gewässer häufig solche Erscheinung aufweisen.
Gefährlich für ein Schiff werden auch die vom wirbelnden Winde
erzeugten Wasserhosen. Der Wasserdampf, bis zu den Wolken geführt,
bildet nach der Entwicklung einen ungeheuren Trichter, in welchem
das Wasser spiralförmig in die Höhe gezogen wird, die auf- und
niedersteigenden, man kann sagen fallenden Massen, erzeugen auf dem
Wasserspiegel im weiten Umkreis eine schäumende, zischende Brandung
und erst wenn die Wolke schwarz und genügend mit Wasserstoff gesättigt
ist, stürzt der Trichter in sich zusammen. Ratsam ist es nicht, sich in
die Nähe einer Wasserhose zu wagen, mit großer Geschwindigkeit vor dem
Winde eilend, können sie mitunter einem Schiffe, das nicht zu fliehen
vermag, höchst gefährlich werden.
21. Schluß.
Mit der Uebergabe des »H. v. Wißmann« an das Reich hörten die bisher
ununterbrochenen Fahrten auf, das Schiff der Station Langenburg zur
Verfügung gestellt, wurden nun regelmäßige Touren eingerichtet und
als Postschiff verließ der Dampfer an bestimmten Tagen sowohl die
Station im Norden, als auch Fort Johnston im Süden; Passagier- und
Güterbeförderung wurden ebenfalls nach einem bestimmten Tarif geregelt.
Alle Stationen am See erhielten die Hauptpost durch den deutschen
Dampfer und lief derselbe deshalb sämmtliche von Europäern bewohnte
Orte an, als Karonga, Bandawe, Likoma und später noch das im Gebiete
Makangilas neuerrichtete Fort Maguire.
Im Oktober 1893 schon, nachdem die englischen Kanonenboote in Kota-Kota
den dortigen Aufstand gegen Jumbe gebrochen, wurden nach Eintreffen
der erwarteten indischen Soldaten, 100 Sikhs, in Fort Johnston große
Vorbereitungen getroffen, allen Ernstes nun mit dem unbotmäßigen
Yao-Häuptling Makangila abzurechnen; der früher schon mit der »Domira«
unternommene aber zurückgeschlagene Angriff auf Pandumba bei Losefa,
wobei Kapitän Maguire gefallen war, sollte nun erneuert werden, auch
ebenfalls mit dem zwischen Kuturu und Losefa bestehenden Sklavenhandel
energisch aufgeräumt werden. Die gesammte Streitmacht der Engländer,
die Truppen unter Major Edwards, die Schiffe, wozu die »Domira« und die
kleine »Ilala« herangezogen wurden, unter Befehl vom Kapt. Robertson,
wurde dirigirt durch den Kommissar Mister Johnston und in Monkey-Bai
zusammengezogen. Unvermuthet sollte der Feind überrascht und geschlagen
werden.
Wohl unterrichtet von der Annäherung einer Sklaven-Karavane, die von
Kuturu nach Losefa über den See setzen wollte, führten die Engländer
ein Manöver aus, wodurch die vorsichtigen Araber vollständig getäuscht
wurden, und zwar passirten die Kanonenboote nordwärts steuernd Kap
Rifu, um, aus Sicht gelaufen, in der Dunkelheit unter den Bentje-Inseln
zu ankern. In der Meinung die Luft sei rein, beschleunigten die Araber
ihre Abreise mit zwei Dhaus, um möglichst weit im Dunkel der Nacht
zu kommen; allein in frühester Morgenstunde, ihre Fahrzeuge hatten
noch nicht Kap Rifu passirt, tauchten unvermuthet die Schiffe auf
und schnitten ihnen den Rückzug ab, so daß sie, auch von Leopard-Bai
umgangen, eine Zuflucht auf dem Berg Rifu suchen mußten; nach
zweitägigem Widerstande, abgeschnitten von jeder Hilfe, ergab sich mit
seinem reichen Elfenbeinvorrath und seinen Sklaven denn auch der Führer
der Karawane.
Was ich früher schon angeführt, bestätigte sich hier wiederum, die
Sklaven, von den Arabern eingeschüchtert, bezeugten alle, daß sie nur
freiwillig mit ihren Herren zur Küste zögen, sie seien keine geraubte
Sklaven und die Araber nur Elfenbeinhändler. Furcht vor grausamer
Strafe, die der Sklavenhändler über die Wehrlosen verhängt, wenn er
geschädigt wird, schließt diesen den Mund. Sklaven, die noch nie einen
Europäer gesehen und dessen Macht nicht kennen, verrathen ihren Herrn
selbst dann nicht, wenn sie erkennen müssen, daß deren Einfluß über sie
gebrochen worden sei, sie wählen lieber die Sklaverei als die Freiheit,
denn wer schützt sie vor der weitreichenden Rache der Sklavenjäger;
recht- und schutzlos in diesem Lande, wenn der Europäer sie wieder
ziehen läßt, nimmt ein anderer ihnen wieder die Freiheit und ihr
Schicksal wird nur ein um so traurigeres.
So weit ich unterrichtet bin, mußten aus diesem Grunde die Engländer
die gefangenen Araber mit ihrem Elfenbein ruhig ziehen lassen, da
diesen nicht nachgewiesen werden konnte, daß ihre Träger geraubte
Sklaven waren, nur die beiden Dhaus, Makangila gehörend, wurden
konfiszirt. Die Zahl der Angreifer auf Pandumba zu verstärken, war auch
Jumbe verpflichtet worden, mit hunderten seiner Krieger sich am Kampfe
gegen Makangila zu betheiligen. Plötzlich und überraschend geschah
der Angriff auf Pandumba und Losefa, und ob der zahlreiche Feind auch
die Landung zu verhindern suchte, gegen das Feuer der Schiffe und der
indischen Soldaten hielt er nicht Stand. Er sammelte sich zwar und
unternahm nach Art der Neger immer wieder zwecklose Vorstöße, indes
da die Engländer nun einmal festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie,
geschützt durch ein schnell errichtetes Fort (Maguire benannt), die
tausende Feinde immer mit blutigen Köpfen heim.
Längs der ganzen Küste, am Strande und auf den Hügeln waren die
zahlreichen Dörfer nur Brandruinen; die Einwohner waren geflohen
und die sonst so belebte Küste öde und verlassen. Aber auch dieser
langwierige Kampf ging zu Ende; nachdem Major Edwards die Feinde
mehrmals empfindlich geschlagen und Makangila die Macht der Europäer
erkannt hatte, nahm er die Friedensbedingungen an. Jumbe und dessen
Krieger, die herzlich wenig geholfen hatten, und die die Engländer
sich beeilten mit der ersten Gelegenheit wieder los zu werden, nahm
ich, Fort Maguire anlaufend, an Bord des »H. v. Wißmann« und brachte
sie nach Kota-Kota zurück und war selber herzlich froh, als ich erst
diese Gesellschaft mit Sack und Pack gelandet hatte. Ein halbes Jahr
später schon war Jumbe, der nicht mehr Herr über seine widerspenstigen
Häuptlinge zu werden vermochte -- die Engländer mochten den alten
Sünder auch wohl nicht mehr schützen --, entthront und starb, seiner
Würde und Macht entkleidet, bald darauf. Sein Nachfolger Jumbe
+II.+, ein noch junger Mensch, erfreute sich nicht lange der
Herrschaft, denn durch einen Akt brutaler Grausamkeit, indem er 5
Fremde, Leute eines anderen Stammes, die sich seit längerer Zeit
in Kota-Kota niedergelassen hatten, tödten ließ, auch ansässige
europäische Händler gefährdete, verfiel er bald dem Verhängniß.
Er hatte nämlich nichts Geringeres geplant, als die Engländer zu tödten
und dann gegen die englische Macht einen Guerillakrieg zu eröffnen.
Dieser Plan aber blieb nicht unentdeckt, zu offen zeigte der junge
übelberathene Tyrann seine Absichten, und als eines Tages der »H. v.
Wißmann« mit dem englischen Magistrat Mister Nikol in Kota-Kota einlief
und dieser sehr bald von allem unterrichtet war, erklärte er den jungen
Häuptling, der ihn ohne Scheu, auf seine Macht pochend, am Lande
empfangen hatte, sofort für verhaftet. Zwar setzte der Häuptling mit
seinem Gefolge seiner Gefangennahme Widerstand entgegen, war aber bald
nach kurzem Messerkampf von den zur Vorsicht mitgenommenen indischen
Soldaten (Sikhs) entwaffnet und überwunden. Als nun am nächsten Morgen
noch die Kanonenboote einliefen, bemächtigte sich der Bevölkerung eine
solche Panik, daß alle Einwohner aus der Stadt in die Berge oder zu den
Schambas flohen, das Wenigste, was sie erwarteten, war, ihre Hütten in
Flammen aufgehen zu sehen.
Bei einer Untersuchung der zahllosen Hütten wurden wohl 10 Centner
Pulver gefunden, welches Quantum für den beabsichtigten Aufstand
angesammelt worden war. Um nun für die Folge den Gefahren vorzubeugen,
Leben und Eigenthum durch die Willkür eines Häuptlings gefährdet zu
sehen, wird bald in Kota-Kota ein englisches Fort jeden Widerstand
beseitigen und auch die Sklavenausfuhr wird für die Zukunft unmöglich
gemacht werden. Während der Zeit noch, als die endlosen Festlichkeiten,
Pombetrinken und wilde Tumulte, zu Ehren des neugewählten Oberhauptes
stattfanden, kam hier ein Fall des krassesten Aberglaubens vor. Ein
junger Mann, der der Hexerei beschuldigt ward, hatte sich, wie es
bei solchen Fällen der Brauch ist, auf ein Gottesurtheil berufen und
»pande« trinken müssen, und wie immer, stets zu spät, kam dieser
Vorfall zur Kenntniß der Europäer. Man muß den Neger, wenn in ihm der
Fanatismus geweckt worden ist, gesehen haben, um von solchen Scenen
sich eine Vorstellung machen zu können; in Wahrheit, schwarze Teufel
in Menschengestalt sind es, ohne Mitleid und Erbarmen, die gegen den-
oder diejenige wüthen, welche durch ein solches Gottesurtheil schuldig
befunden und verdammt werden. Der Schwerkranke wurde zwar den Händen
der fanatischen Horde entrissen und gepflegt, starb aber trotz aller
angewendeten Gegenmittel bald.
Als der Todte darauf seinen Verwandten ausgeliefert worden war, damit
er von diesen begraben werde, übergaben dieselben statt dessen den
Körper einer Anzahl junger Männer, die ein Tau am linken Fuß des
Verstorbenen befestigten und ihn mit wildem Halloh aus der Stadt
schleiften. Außerhalb derselben, an einem Orte wo zwei Wege sich
kreuzten, ließen sie ihn liegen, bedeckten den Toten mit trockenem
Gras und legten an dieses Feuer, wodurch er dann scheußlich entstellt
wurde. Um die Wegschaffung und Beerdigung des Körpers zu erzwingen,
mußte erst auf den betreffenden Häuptling, in dessen Distrikt solche
Scheußlichkeit verübt worden war, ein ganz energischer Druck ausgeübt
werden, ehe dieser sich bereit fand den Toten beerdigen zu lassen.
Auf diesen Vorfall hin wurden alle Häuptlinge und Aeltesten, die das
+pande+-Trinken nicht verhindern oder zur Anzeige bringen würden,
mit schweren Strafen bedroht, und dafür verantwortlich gemacht, wenn
solches nicht unterbliebe.
Erst Ende November 1893 kehrte ich mit dem Schiffe nach Langenburg
zurück und fand dort die Herren Prince und Wyneken auch zur Abreise
bereit. Da der Kompagnieführer Prince den kühnen Plan gefaßt hatte, von
Amelia-Bai aus quer durch das Gebiet der Wagwangwara zu marschiren, so
hatte ich dort anzulaufen und bis zum Abmarsch der kleinen Karawane
zu warten. Es bedurfte aber vieler Unterhandlungen, ehe von Seiten
des Arabers Raschid die Erlaubnis zum Durchzug erlangt werden konnte
und dieser hätte niemals solche gegeben, wenn nicht seine gestellte
Bedingung, die ihm von Major Wißmann genommene Sklavendhau wieder zu
geben, erfüllt worden wäre. Nicht minder schwierig war es, Träger
zu erhalten, weil von den Wakissi und Wampotti keiner zu bewegen
war weiter als bis zum Fuße des Gebirges mitzugehen. Erst als nach
Tagen der Unterhändler Mirambo zurückgekehrt war, konnte der nicht
ungefährliche Marsch längs dem Luhobu-Fluß aufwärts angetreten werden.
Eine größere Schwierigkeit aber stellte sich dem kühnen Unternehmen
nochmals entgegen. Nämlich ehe noch der Weitermarsch vom Hauptsitz
Raschid's angetreten werden konnte, gelangte die Nachricht dorthin,
daß eine Araber-Karawane in der Konde-Ebene durch deutsche Soldaten
(Sudanesen) ausgehoben und nach Langenburg geführt worden sei; Herr
von Eltz hätte derselben Träger und Elfenbein abgenommen und sie dann
ziehen lassen.
Aus einem an mich gerichteten Schreiben des Leutnants Prince, das
Mirambo, den ich auf der Rückreise von Amelia-Bai wieder abholte, mir
übergab, ersah ich, wie sehr das Unternehmen gefährdet gewesen war und
der glückliche Ausgang der endlosen Verhandlungen allein dem Eingreifen
des Arabers Mirambo zu danken sei.
Mit der abgefangenen Araber-Karawane hatte es indes folgende Bewandniß:
schon weit in das Gebiet der Wakonde vorgedrungen, versuchte eine große
Sklavenkarawane das Livingstone-Gebirge zu erreichen, um auf einsamen
Pfaden das Gebiet der Wagwangwara zu durchziehen und so Sklaven
und Elfenbein in Sicherheit zu bringen. Allein die Wakonde sandten
frühzeitig Boten nach Langenburg und hielten die Karawane, die einmal
das Gebirge erreicht, sicher entkommen wäre, unter allerlei Vorwänden
auf. Die Araber aber, doch wohl davon unterrichtet, sandten ihrerseits
ebenfalls eilige Nachricht dorthin und ließen um ungehinderten Durchzug
bitten; Sklaven hätten sie nicht, nur Träger für ihr Elfenbein. In
kluger Voraussicht, daß sie in Sicherheit sein würden, ehe vom Fort
aus ihnen Halt geboten werden könnte, da die Entfernung ziemlich groß
war, hatten sie ihre Boten erst abgesandt, als sie befürchten mußten,
gänzlich aufgehalten zu werden.
Wahrscheinlich ist, daß die Araber gewußt haben, daß der »H. v.
Wißmann« zur Zeit weit im Süden sich aufhielt, ein schnelles Eingreifen
also nicht befürchten brauchten, aber unbekannt muß es ihnen gewesen
sein wie schwach das Fort besetzt war -- thatsächlich machten nur 15
Soldaten, einige Sudanesen und der Rest Suaheli, die ganze Besatzung
aus -- sonst, da sie wohl bewehrt und zahlreich genug waren, würde es
dem abgesandten Sudanesenchaus und seinen 3 Untergebenen schwerlich
wohl gelungen sein die ganze Karawane nach Langenburg zu bringen.
Wohlbedacht war es, daß Herr v. Eltz zu solcher Aufgabe keine Suaheli
mitgesandt hatte, denn mit den Arabern sympathisirend, wäre, wenn
diesen die wirkliche Stärke des Forts verrathen worden, das Aufhalten
der Karawane und deren Ueberführung nach Langenburg der kleinen Truppe
wohl nicht möglich geworden. Es gelang indes und stellte sich heraus,
was die Wakondeboten berichtet, daß es eine Sklavenkarawane war. Mit
Vorsicht, da Herr v. Eltz seinen Suaheli nicht allzusehr trauen durfte,
wurden allen bewaffneten Männern zunächst die Gewehre abgenommen,
dann wurde die Karawane im Bereich der Geschütze gelagert und eine
Untersuchung eingeleitet, wer von den Arabern im Besitze von Sklaven
sei. Ueber 200 Weiber und Kinder konnten als geraubte Sklaven frei
gemacht werden, darunter nur 5 junge Männer, alle übrigen, vornehmlich
die Träger des Elfenbeins, bezeugten, daß sie keine geraubten Sklaven
seien und mußten deshalb den Arabern zurückgegeben werden.