Höchst verderblich auf den Charakter der Yao's einwirkend ist der

regsame Verkehr mit der Küstenbevölkerung, schnell haben sie sich dem

Einfluß gewissenloser Suaheli untergeordnet, die der Ansicht huldigen,

daß sie das Elitevolk aller Bantustämme sind, mithin nur verächtlich

über die im Innern wohnenden denken und solche auch, als tief unter

ihnen stehend, demgemäß behandeln. Die Untugenden der Küstenbevölkerung

sich aneignen zu können, rechnet sich der Yao zur Ehre an, und wunder

nimmt es daher nicht, wenn er zum Theil verrätherisch und hinterlistig

geworden ist. Die Berather der Häuptlinge sind die Suaheli und

Halbaraber, oft der Schrift kundig und äußerst verschlagen, haben

sie sich genugsam unentbehrlich zu machen gewußt; verleiteten zu

Menschenraub und Verwüstungen nur zu oft diejenigen, welche ihnen ein

willig Ohr geschenkt haben.

Trotzdem die Yao's sich beständig in den Haaren liegen und sich

gegenseitig in blutigen Fehden zu schwächen trachten, zu welchem der

geringste Vorfall Veranlassung geben kann, mehr aber auf den Neid der

Häuptlinge unter sich zurückzuführen ist, wächst doch ihre Macht und

Einfluß, und wären die drei mächtigsten Häuptlinge Kalanje, Makanjila,

Mponda, überhaupt alle, sich einig, sie könnten heute noch die Europäer

aus dem Lande jagen -- vor ihren ungezählten tausenden Kriegern müßte

das Häuflein weißer Männer weichen.

Gleicherweise sind die Yao auch für die Wangwangwara unliebenswürdige

Nachbarn, wiewohl letztere ihnen auch sicherlich nichts schuldig

bleiben und gegenseitiges Berauben der Felder und Dörfer zur Gewohnheit

geworden ist. Als Beispiel sei hier die charakteristische Ansicht

Häuptlings »Songea« angeführt, der einst zu Ehren seiner anwesenden

weißen Gäste Tanz, Singsang und Trinkgelage aufführen ließ und sich

diesen gegenüber in seiner ganzen zweifelhaften Würde zu zeigen

bemüht war. Seine um ihn in großer Zahl versammelten Krieger redete

er folgendermaßen an: ihr seht hier die weißen Männer, wenn es solche

nicht gäbe, hätten wir kein »Calico« (Zeug) und gäbe es kein Calico,

könnten die Yao-Karawanen solches nicht ins Land bringen, gäbe es

aber nun keine Karawanen, woher in aller Welt sollten wir dann Zeug

stehlen und uns bereichern? Somit ist es also klar, daß der weiße Mann

ermuthigt werden muß, in unser Land zu kommen, er muß respektirt und

geachtet werden und niemand soll ihn tödten, geschieht es dennoch,

werden wir kein Zeug mehr bekommen, auch die Quelle verschließen,

von woher der weiße Mann sich solches beschafft oder in seiner Weise

anderen wegnimmt.

Ermuntert durch den Beifall seiner Zuhörer fuhr Songea fort: Du siehst,

Mzungu (Europäer), meine Krieger, wenn sie Karawanen begegnen, flößen

namentlich den mit Zeug beladenen Trägern solche Furcht ein, daß die

einfältigen Yao ihre Lasten wegwerfen und eiligst fliehen, thun diese

aber so was Unvernünftiges, ist es doch erklärlich, daß meine Leute,

die nie etwas mögen umkommen lassen, die Lasten natürlich aufnehmen und

nun als ihr Eigenthum betrachten -- darin kann der weiße Mann doch auch

nichts Unrechtes finden, nicht wahr? -- und in der That findet solches

Beispiel nur zu willige Nachahmer.

Da der Aberglaube unter den Negerstämmen stark verbreitet ist,

meist religiöser Natur, so werden die Handlungen des Einzelnen wie

auch ganzer Stämme durch denselben beeinflußt, und unter vielen

Abweichungen sei ein Beispiel hier erwähnt und zwar, wie die Yao sich

verhalten, wenn sie beabsichtigen, kürzere oder längere Wanderungen

zu unternehmen. Jedes Unternehmen, welcher Art es auch sei, geschieht

gewöhnlich mit Zustimmung des Häuptlings und der Aeltesten eines

Stammes, und so ist es denn Gebrauch, sich über den glücklichen Ausgang

eines solchen Garantien zu verschaffen. Zu diesem Zwecke sendet der

Häuptling einen kleinen Korb mit Mehl zu dem Grabe seines Vorgängers,

der dort niedergelegt wird und daselbst für mehrere Tage verbleiben

muß. Wird nach dieser Zeit der Korb nun in derselben Verfassung

gefunden, so ist dieses ein gutes Omen und Vorbereitungen zur Reise

werden getroffen, hingegen ist das Mehl zerstreut und der Korb leer

gefunden worden, ist dieses ein schlechtes und der Aufbruch wird

verschoben. Es wird also nach dem Glauben des Ahnenkultus dem Geiste

des Verstorbenen die Entscheidung überlassen, um so zuversichtlicher,

als keiner es wagen würde, ein solches Grab zu berühren.

Die Ceremonien beim Begräbniß eines Häuptlings, der gewöhnlich in

seinem Viehkraal begraben wird, sind ebenfalls eigenartig. Von allen

Seiten strömen die Männer herbei und bezeugen durch lautes Lamentiren

ihre Trauer; im Kraal versammelt, schauen sie dem Aufwerfen des

Grabes zu, während dessen unaufhörlich das »+Baba bè! Baba bè!+«

erschallt. Ist alles beendet, wird der Verstorbene in Zeug gerollt und

aus seiner Hütte gebracht, dann ordnen sich vor dem Zuge dessen Weiber,

die mit großen Federbündeln geschmückt sind. Mit lautem Wehklagen

eröffnen sie die Prozession und krauchen auf Knieen und Händen dem

Zuge voran bis zum Grabe; hierauf weichen sie mit lautem Klagen bis

hinter die Linie der in weitem Umkreis dicht gedrängt sitzenden Männer

zurück. Sodann wird der Todte in sitzender Stellung, das Gesicht nach

Osten gewendet, in seinem Grabe postirt; ist dies beendet, ist es

für die Zuschauer, meistens Krieger, das Signal, mit wildem Geschrei

aufzuspringen, sich dicht um das Grab zu drängen und, ihre Schilde

über die Köpfe haltend, dem Todten durch lautes Klagen die letzte

Ehre zu erweisen. Dann kommen die Jüngeren an die Reihe, truppweise

zum Grabe tretend, bis alle ihrem verblichenen Häuptling den letzten

Tribut gezollt haben. Darauf werden zu dessen Füßen eine Masse Zeug,

vielleicht in Jahren aufgespart, Kochtöpfe, Trinkgefäße, Matten und

Pfeifen gelegt, und sind genug Liebesgaben gespendet, damit der tote

Häuptling nicht mit leeren Händen bei den Geistern seiner Vorfahren

zu erscheinen braucht, wird das Grab geschlossen. Die Sitte aber

erfordert, daß noch Tage lang um den Todten geklagt und lamentirt wird

und namentlich geberden sich dabei die Weiber, als hätte der Verlust

sie ihrer Sinne beraubt.

Eines von Interesse möge noch angeführt werden, und zwar das Verhalten

der Angoni in Fällen schwerer unbekannter Krankheit. Liegt jemand

ernstlich erkrankt darnieder, gehen die Verwandten zunächst zu einem

Wahrsager, »Itschanusi«, und suchen von diesem zu erforschen, welche

Art von Krankheit es sein möge, die einen der Ihrigen befallen hat.

Vor dessen Hütte angelangt, rufen sie den Wahrsager an mit »Yebobani«,

d. h. wir haben eine Angelegenheit für dich. Darauf ordnet der

Itschanusi seine Instrumente, bestehend aus Ziegenknochen, Theile eines

Elephantenhufes, Holzstücke und den Rinden verschiedener Fruchtarten.

Eine überall erhältliche Pflanze, genannt »Itschitùta Kazana«, reibt

er sodann in den Händen und zieht mit dem Munde deren Duft ein, was

zur Folge hat, daß er den Athem mit Geräusch gleich einem schwachen

Bellen ausstoßen muß. Hierauf wirft er die Instrumente mehrmals auf

den Erdboden, ruft nach Beendigung dieser Prozedur die Leute zu sich

in die Hütte und, da er nicht wissen kann, ob der Kranke ein Mann,

Weib oder Kind ist, verlegt er sich zunächst aufs Rathen. Trifft der

Wahrsager das Richtige, rufen alle laut »Siyavuma« -- du hast recht --

und knipsen mit dem Zeigefinger und Daumen, räth er hingegen falsch,

wird das Siyavuma nur leise gesagt und der Wahrsager weiß, daß er auf

falscher Fährte ist. Ist das Geschlecht des oder der Kranken auf diese

Weise schnell festgestellt, dann nennt er eine Anzahl Krankheiten,

unter denen eine wohl die richtige sein wird.

Zwar ebenso klug fast als vorher, befolgen doch die Rathsuchenden die

Weisung des Itschanusi, nämlich erst den »Amadhlozi«, den Geistern der

Vorfahren ein Opfer zu bringen und dann die Hilfe des Medizinmannes in

Anspruch zu nehmen. Sind sie zu ihrem Dorfe zurückgekehrt, wird also

eine Kuh, Ziege oder auch »Ulofioko«, d. i. Korn, woraus Bier bereitet

wird, den Amadhlozi geopfert -- Schafe werden den Geistern nicht

angeboten. Kommt der Medizinmann, ordnet dieser ebenfalls an, eine

Kuh, Ziege oder Huhn zu schlachten; ist eines dieser Thiere gewählt,

wird das Fleisch zerschnitten und in einen Topf mit der mitgebrachten

Medizin gethan, der Inhalt der Gedärme oder des Magens, »Umswani«

genannt, wird hinzugefügt und dann die unappetitliche Mischung gekocht

und dem Kranken zum Essen vorgesetzt. Hilft diese Mischung dem Kranken,

zahlt er später dem Doktor für dessen Mixtur eine Kuh oder Ziege,

auch der weise Rathgeber, der »Itschanusi«, geht nicht leer aus. Eine

Art Krankheit, eigentlich Nervosität, begleitet von Schlaflosigkeit,

»Amalombo« genannt, wird folgendermaßen kurirt: eine stark

pfeffermünzhaltige Pflanze wird in einem Gefäß mit Wasser gekocht,

dann legt man die Kranke (meistens Frauen werden davon befallen)

nieder, stellt neben ihr das Gefäß und deckt beide dicht zu, so daß

der heiße Dampf den Körper erwärmen muß. Der Medizinmann, der solches

Mittel angeordnet hat, schlägt nun seine Ngoma (Trommel), nach der die

Angehörigen oft vom Sonnenuntergang bis zum nächsten Morgen tanzen

und singen. Das Resultat ist, daß meistens die Kranke nach solcher

Schwitzkur schließlich aufspringt und an der eigenartigen Lustbarkeit

theilnimmt. Darauf bereitet man die wie oben schon erwähnte Medizin

und die Krankheit gilt als gehoben. Somit käme hier eine Methode in

Anwendung, die in letzter Zeit auch in Europa versucht worden ist, daß

nämlich Musik Kranken die Schmerzen lindern und sie auch beruhigen kann.

* * * * *

Eingehend, und soweit es zum vollen Verständniß des nun Folgenden

dienen kann, habe ich mich bemüht, ein anschauliches Bild von der

Beschaffenheit des Nyassa-Sees, den Küsten, Gebirgen und Inseln zu

geben. Mit Hilfe der von mir möglichst genau angefertigten Karte,

vornehmlich der nördlichen Hälfte des Sees, wird es leicht sein, genau

zu verfolgen, was ich im besonderen über die vermuthliche Entstehung

dieses gewaltigen Sees anführen werde. Vielleicht werden die Ansichten

gelehrter Geologen weit von einer Theorie abweichen, die nur auf

Vermuthungen beruht, jede andere hat jedoch denselben Anspruch, als

die muthmaßlich richtige zu gelten. Aber ein Gebiet, das vor wenig

Jahrzehnten noch ein terra incognita war, über das wenige Forscher

nur unter Mühen und Gefahren gesammelte Auskunft geben konnten, kann

so lange in wissenschaftlicher Hinsicht als unbekannt gelten, so

lange es nicht, wie hier der Fall, wissenschaftlich erschlossen ist.

Zweifelhaft und unzuverlässig waren die Ueberlieferungen der alten

Egypter, erst die Forschungen der Jetztzeit bestätigen die bezweifelte

Sage von der Existenz gewaltiger Gebirgsmassen im Herzen Afrikas,

auch das sagenhafte Mondgebirge wurde dadurch aufgeklärt, wohl haben

kühne Handelsleute schon vor Jahrtausenden die mächtigen über die

Wolken hinaus ragenden Höhen gesehen, aber Kunde von dem ausgedehnten

ungeheuren Seeengebiet, eingebettet in das felsige Hochgebirge, wie auf

der Erde nicht annähernd ein gleiches, brachten sie nicht.

Wer diese Gewässer geschaut im Sonnenglanz ein Silbermeer, in stiller

friedevoller Nacht, wenn vom Firmament das Sternenheer in hehrster

Pracht herniederleuchtet, eine Wunderwelt, deren Glanz erhöht wird

durch die in der Ferne auf den Bergen sich gleich glühenden Schlangen

hinwälzenden Feuer, und weiter zurück in tiefblauer Färbung die

Gebirge gleich schlafenden Riesenmassen liegen sieht, die wie ein

Wall in unabsehbarer Ferne diese zu Zeiten spiegelglatten Fluten

umschließen, fühlt sich versucht, in die Geheimnisse der Natur,

die hier Werke von gewaltigen Formen geschaffen hat, einzudringen.

»+Nyanya Ya Nyenyesi+« See der Sterne haben mit stolzen Worten die

Eingeborenen den Nyassa-See genannt; keine Ueberlieferung aber giebt

Aufschluß, woher diese Benennung stammt, nur unter den vielen Fabeln,

welche meistens den Eingeborenen als Einleitung zu ihren Gesängen

dienen, deutet eine auf die mythische Entstehung des Nyassa-Sees hin

-- so dunkel und unklar aber, daß solche einfach als eine schwache

Vorstellung, wie sich die Eingeborenen die Entstehung dieses Sees

gedacht, aufgefaßt werden muß -- ihnen sowohl wie uns bis zur Stunde

ein ungelöstes Räthsel! --

Vor langer, langer Zeit, so erzählt die Sage, war der See nur ein

schmales Gewässer, zu diesem kam aus dem fernen Westen ein Mann mit

silbernem Scepter und wählte sich aus der Bevölkerung am See ein Weib,

das er beredete ihm nach seiner entlegenen Heimat zu folgen; es sagte

auch zu und auch ihr Bruder war bereit seine Schwester zu begleiten --

dies aber wollte sein Schwager nicht dulden und verwehrte es ihm --

darauf nun, als er seine Schwester wegziehen sah über den See, weinte

er bitterlich, wurde dann aber sehr ungehalten und schlug mit seinem

Stock das Wasser, bis dieses anschwoll und die Fluthen alles bedeckten;

dafür nun mußten die Geschwister sterben, konnten auch nicht im Tode

vereint bleiben, da die Fluthen den Körper des Weibes zum fernen

Norden, den ihres Bruders nach Süden hin trieben.

Es ist nutzlos, hieraus irgend etwas muthmaßen zu wollen, da wir mit

Bestimmtheit annehmen müssen, daß die Entstehung des Nyassa-Sees,

wie überhaupt des ganzen ungeheuren Seeengebietes, in prähistorische

Zeit zu verlegen ist. Die Ansicht, die langgestreckten Thäler im

Hochlande des zentralen Afrikas seien Erdsenkungen, entstanden durch

zusammenstürzen gewaltiger Bergmassen, hat wohl die Wahrscheinlichkeit

für sich; jedenfalls aber müssen zwischen den ungeheuren kompakten

Gebirgsmassen, große ausgedehnte Ruinen vorhanden gewesen sein, die,

wie ich nachzuweisen versuchen will, durch eine verheerende Gewalt

erweitert und vertieft worden sind, ehe sie mit Wasser angefüllt, die

heutigen Seeenbecken darstellen konnten. Denn ragen auch unberührt wie

es scheint, die Bergspitzen der Gebirgsmassen in ihrer ursprünglichen

Gestalt hoch in die Lüfte, muß man doch, da die Felswände steil und

senkrecht noch unter Wasser abfallen, nach einer weiteren Erklärung für

die Vertiefung suchen.

Ein Beobachter darf nicht auf beschränktem Gebiet nach Anhaltepunkten

suchen für eine Idee oder Theorie, wenn wie hier ein ungeheures Gebiet

in Frage kommt, auf welchem sich Vorgänge abgespielt haben, die nur

mit weitem Blick, sozusagen aus der Vogelperspektive, ganz erfaßt

und beurteilt werden können, sondern muß sich vergegenwärtigen, was

in Jahrhunderttausenden geschehen und sich verändert haben kann, mit

Berücksichtigung der unabänderlichen Naturgesetze, die im Kleinen wie

im Großen schaffen und zerstören. Die Auffassung des Geologen Sir

Roderick Murchisons über Afrika möge hier, soweit sie Anwendung findet

auf das, was ich angeführt habe, Platz finden: Darnach ist Afrika unser

ältester Kontinent, der nie wieder, wie alle übrigen, seit seiner

Geburt aus dem Flammenmeer unseres Globus durch Wasser getauft und

verjüngt worden ist, also nichts von dem Reichthum, den die anderen

Kontinente von den Ozeanen empfangen haben, ist ihm zu theil geworden.

Es ist das ärmste Land geblieben, weil es seit der Eisperiode nie

wieder unter Wasser gesetzt war. Es steht bis zum heutigen Tage, ein

Produkt plutonischer Hitze und eisiger Kälte, ein unvollendetes Werk

der Natur, tot, während andere Kontinente ihre Jugend erneut haben.

Abgesehen nun von den massiven starren Felsenmassen, die, wo immer

sie zum See herantreten, gleich granitenen Mauern sich aus diesem

erheben, zeigen doch viele Strecken, wo solche durchbrochen sind, ein

Chaos übereinander getürmter Granitmassen, oder vereinzelte Bergkegel

isolirt stehend, lassen vermuthen, daß sie ursprünglich zu einer

zusammenhängenden Kette gehört und zu fest gebaut, einer verheerenden

Gewalt widerstanden haben. Gebirgszüge, wie die tiefen Einschnitte als

Denp-, Amelia-, Mbampa-Bai etc. zeigen, sind einfach von ihrer Basis

weggefegt worden, Ueberreste nur, Rocks und einsame Bergkegel als

Zeugen einer vorgeschichtlichen Zeit sind übriggeblieben.

Vergegenwärtigen muß man sich, um die Möglichkeit solcher Vorgänge zu

verstehen, daß unser Erdball verschiedene Stadien durchgemacht hat,

große Verschiebungen stattgefunden haben, sogar mächtige Kontinente

in die Tiefe der Ozeane versunken, andere gehoben sind, auch was die

Wissenschaft erwiesen, die Kälte- und Wärmezonen ganz anders auf der

Erdoberfläche vertheilt gewesen sind als heute und hierauf fußend,

muß das Hochgebirge Zentral-Afrikas in einer Ausdehnung Nord und Süd

von über tausend englischen Meilen mit einer starren Eisdecke bedeckt

gewesen sein. Dieses Hochland, in seiner großen Ausdehnung heute der

Ursprung aller bedeutenden Ströme und Flüsse Afrikas, war also ein

einziges Eisfeld von dem, Strömen gleich, in gewaltiger Breite die

Gletscher nach verschiedenen Richtungen ausgingen und den vorrückenden

Eismassen widerstanden selbst die soliden Felsmassen nicht. Der

Hauptstrom, von Nordwesten her in südlicher Richtung vordrängend, kam

von dem Hochland zwischen Tanganjika- und Nyassa-See herunter; alles

vor sich her zermalmend, brach sich seine Gewalt an den Granitfelsen

des Livingstone-Gebirges. Wie anzunehmen, ragten über das ungeheure

Eisfeld, das sich langsam aber mit unwiderstehlicher Gewalt südwärts

zwischen die Gebirgsmassen fortschob, die Vulkane Rungwe und Kieyo hoch

empor, während das heutige erstorbene Kratergebiet auf 4000 Fuß Höhe,

nur von kleineren Eismassen durchzogen wurde und erst in einer späteren

Zeitperiode nach jahrtausendlanger Thätigkeit vielleicht, die heutige

Form hinterließ.

Diesem großen von Nord bis Westen, also die Konde-Ebene bis Cap

Mschwere ausfüllenden Eisstrom widerstand, wie erwähnt, die ganze

Gebirgsstrecke im Osten bis Amelia-Bai und welch ein tiefes Bett hier

die Eismassen gegraben haben erhellt daraus, daß längs dem ganzen

Livingstone-Gebirge die Tiefe des Sees noch über tausend Fuß betragen

muß, da ich nach dem Ergebniß, welches meine Tieflothungen ergaben,

solche Tiefe voraussetzen kann. Von Osten haben nur vereinzelte

Gletscher die Felsenwand durchbrochen, der breiteste wäre, welcher

sich in die Kayser-Bucht »Bopinga« ergossen, sonst erwähnenswerth sind

nur einzelne tiefe Schluchten, das Rambira-Thal und andere.

Zwischen Cap Mschwere und Cap Bango, der schmalsten Stelle des

Sees, mußten sich die Eismassen aufstauen; zwei andere Ströme,

einer von Westen aus der Deep-Bai, der andere von Osten aus der

Amelia-Bai, verhinderten die freie Bewegung, und hier zuerst, vor

der Pankanga-Bucht, sind am Rande der Gletscher mächtige Felsblöcke

abgewälzt worden, sogar die Begegnung des westlichen Stromes mit dem

südwärts dringenden Hauptstrom hat Massen auf Massen getürmt und die

starren Granitmassen der Pankanga-Hügel, der Insel Mtwele und der

vielen hier zerstreut liegenden Rocks, von der Zeit und den Fluthen

allmählich zerstört, sind dadurch gebildet worden. Selbst Mont Waller,

der eigenthümlich geformte Bergkegel, muß auf diese Weise entstanden

sein. Felsenmassen und Moraine auf den Rücken dieses Gletschers

liegend, von weit her mitgeführt, konnten seitwärts abgelagert werden,

zumal ein Eisstrom sich nicht in seiner ganzen Ausdehnung vorwärts

schiebt, sondern den Schwerpunkt gewöhnlich in seiner Mitte hat, also

die Ränder desselben auf lange Zeit vielleicht bewegungslos liegen

bleiben. Auch der isolirte Bergrücken, hart am Rande der Amelia-Bai,

besteht zum Theil aus aufeinandergetürmten Felsblöcken; unzweifelhaft

hat sich an der zu fest fundirten Granitmasse der im Verhältniß nur

kleine Eisstrom getheilt, den Bergrücken nur abgerundet und mitgeführte

Felsentrümmer auf diesem abgelagert und zurückgelassen.

Betrachtet man aufmerksam die Karte des Nyassa-Sees, ist das auffällig,

daß, wo immer die Ufer des Sees von mächtigen Granitmassen gebildet

sind, fast genau dieselbe Strecke am gegenüberliegenden Ufer Flachland

oder niedrige Hügel bilden, also die Gebirgszüge auf 15-20 Kilometer

zurücktreten. Um nur einige Punkte zu bezeichnen: es befindet sich z.

B. an der Westküste von Cap Nikuru bis Chirambo eine zusammenhängende

Felsenwand, die nur in der Benzantze-Bai und in der Uziza-Bai von

Gletscher durchbrochen wurde, ungefähr 60 Seemeilen lang von 10° 40´

bis 11° 39´ S. Br. Dieselbe Strecke an der Ostküste von Cap Bango bis

zur etwas südlich von der deutsch-portugiesischen Grenze wieder zum

See herantretenden Gebirgskette besteht mit Ausnahme des 12. Hafenkaps

und des isolirten Mbampa-Berges aus flachem Vorland, wiewohl, wie ich

früher erwähnt, auch hier eine gleich enorme Wassertiefe gefunden

wird. Durchbrochener freilich zieht sich, namentlich von Cap Mala bis

Cap Malambe, eine kompackte Felsenmasse längs dem See, während die

Westküste von Cap Chirambo bis zum Cap Rifu, außer den Makusa-Hügeln

(Bandawe) den Sani-Hügeln, südlich von Kota-Kota, flach ist. Der links

von Cap Maclair bis nahe zum Schirefluß tiefe Busen hat dagegen

westlich wieder Felsen und östlich dem Gebirszuge vorgelagertes

Flachland.

Die Frage nun, wie so weite flachere Strecken an beiden Seiten des Sees

gebildet wurden, da doch angenommen werden kann, daß zusammenhängende

Felsenketten von Nord bis Süd vorhanden gewesen sind, muß damit

beantwortet werden, daß der breite Eisstrom, wo er an der einen Seite

Widerstand gefunden, an der anderen weniger solide Massen fortriß und

dadurch den seitwärts auf beiden Seiten vom Hochland herab andrängenden

gewaltigen Gletschermassen den Weg frei machte. Wo immer aber die

Eismasse durch den gewaltigen Gegendruck zum Stillstand kamen, häuften

sie mitgeführte Felsentrümmer über einander, wovon die klarsten

Beweise die öden Felsenkonglomerate an der Ostküste geben, als die

Insel Neu-Helgoland, Prager, Lundo-Inseln und die Küste bis Mbampa-Bai

einsäumenden Felsentrümmer. Vor der gegenüberliegenden Uziza-Bai findet

man das gleiche, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße, wo ebenfalls

Rocks und Inseln zurückgeblieben sind. Die solide Granitmasse des

Mbampa-Berges, umsäet mit Felstrümmern, die sogar bis auf 5 Seemeilen

vom Lande ab liegen, konnte, da der die heutige tiefe Bai gebildete

Gletscherstrom zu schwach war, sie zu erschüttern, auch dem Druck

des Hauptstroms widerstehen und ganz dasselbe ist an der Westküste

wiederum mit den soliden Makusa-Hügeln der Fall gewesen. Die großen

Inseln Likoma und Kissimulu: wie ich in der Beschreibung erwähnt, ein

Conglomerat von Felsen und Hügeln, öde und arm, hat auch hier der

von ostwärts herandrängende Gletscherstrom zu der Anhäufung dieser

kolossalen Felsmassen beigetragen, wenigstens, da hierzu die granitene

Unterlage vorhanden war, konnte auf dieser die mächtigen Felsblöcke mit

Steingeröll und Moraine abgelagert werden; auch hier ragen mächtige

Felsblöcke aus großer Tiefe auf.

Des weiteren sind der Sani-Berg, Cap Rifu, vor allem die eigenthümlich

gestalteten Bentje-Inseln zu erwähnen, ihre Entstehung und Isolirung

sind aus denselben Ursachen hervorgegangen. Das Trümmerfeld von

Kota-Kota sowohl, wie auch das in der Leopard-Bai zeugt davon, welche

Gesteinmassen die Gletscher mit sich geführt haben, und dennoch sind

alle erwähnten nur ein kleiner Bruchtheil von denen die der Hauptstrom

auf seinem Rücken fortgeführt hat. Ein größeres Hinderniß fand der

Eisstrom erst am heutigen Cap Maklair; ohne Frage waren es hier

die massiven Felswände, die eine gewaltige Anstauung der Eismassen

verursachten und schließlich zu einer Schpaltung führten, die die

Bildung der beiden tiefen Einschnitte zur Folge hatte.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 47 / 51 段