Nach der werthvollen Steinkohle ist schon vielfach in den

Nyassa-Ländern geforscht worden, bis jetzt aber vergeblich und fragt

es sich, ob nicht Mont Waller solchen Schatz bergen sollte. Mir sind

vom Agenten der Station Pankanga Mr. Crawshay große auf der Oberfläche

des Berges gefundene Stücke gezeigt worden, wonach anzunehmen wäre,

wenn, wie es den Anschein hatte, diese Stücke wirkliche Kohle war, ein

Abbau möchte vielleicht lohnend sein, indes schon die ganze Bildung

der Gesteinmassen läßt die Annahme, daß möglicher Weise compacte

Kohlenlager gefunden werden könnten, unwahrscheinlich erscheinen, als

unter den Granitmassen der mächtigen Gebirge alles andere nur nicht

Kohle zu vermuthen ist, und müßte Mont Waller in Form und Bildung so

verschieden eine Ausnahme machen. Abzuwarten bleibt, ob an Ort und

Stelle, wenn erst ernstlich an eine genaue Untersuchung herangegangen

wird, bessere Kohle, als die mit Gestein stark durchsetzten

Beweisstücke ergaben, gefunden wird, welchen Versuch man aber wohl erst

dann unternehmen wird, wenn das Brennholz für die Schiffe schwerer zu

erlangen ist; vorläufig, so lange die Höhen dicht mit Baum und Busch

bestanden sind, ist Mangel an Holz ausgeschlossen.

Als wir am 15. Oktober nach Langenburg zurückgekehrt waren, hatte Major

von Wißmann erwartet, die Herren Wyncken und Lieutenant Prince, die

auf eine Expedition nach dem Sultan Marara schon längere Zeit abwesend

waren, bestimmt anzutreffen, da er die Station an das Reich übergeben

und seine Heimreise baldmöglichst anzutreten gedachte. Wider Erwarten

war dies nicht der Fall und erst 5 Tage später traf die Abtheilung in

Langenburg ein, aufgehalten am Wege durch die nothwendige Erstürmung

einer Boma, die ein den Deutschen und Marara feindlich gesinnter

Häuptling besetzt hielt.

In den Morgenstunden unter Kanonensalut von Fort und Schiff, der

aufmarschirten, präsentirenden Sudanesenkompagnie wurde die deutsche

Reichsflagge im Fort gehißt, und weithin hallte das Hoch auf den

deutschen Kaiser. Darauf lichtete H. v. Wißmann sofort die Anker und

der Kanonendonner von Fort Langenburg grüßte zum letzten Male den

scheidenden Führer, der seine schwere Aufgabe und sein Werk so glänzend

beendet hatte.

Einen großen, kühnen Plan, der leider nicht in Erfüllung gehen

sollte, hatte Major von Wißmann gehegt, nämlich: den Rachezug gegen

die Wahehe, die bisher ungestraft sich ihres Ueberfalls und der

Vernichtung der Zelewkischen Expedition noch immer rühmen konnten,

wollte der Major von hier aus mit seiner kampfgeübten Truppe ins Werk

setzen. Die zahlreichen Stämme auf dem Livingstone-Gebirge, vor allem

die Wagwangwara sollten südwärts in das feindliche Gebiet einfallen,

auch Marara, unser Aliirte und früherer Sultan der mächtigen Wahehe,

war bereit, mit tausenden seiner Krieger vorzugehen, und die deutsche

Besatzung Taboras von Norden heranziehend, erübrigte es nur noch, das

ebenfalls von der Küste aus über Mpwapwa und Kilwa starke Kolonnen

zum Angriff vorgingen und das schönste Kesseltreiben wäre fertig

gewesen -- dieser großartige Plan aber, der unter Führung des Majors

zur vollständigen Unterwerfung der Wahehe geführt hätte, kam jedoch

nicht zur Ausführung. Auch andere Vortheile wären uns aus solchem

gemeinsamen Vorstoß erwachsen, z. B. würde das Ansehen der deutschen

Macht mit einem Schlage gehoben worden sein; die Völker hätten nicht

nur unsere überlegenen Waffen, sondern auch die zielbewußte Führung

gesehen und selbst als unsere Bundesgenossen uns fürchten gelernt. Die

voraussichtlich kommenden Kämpfe, wenn die Gebirgstämme sich gegen

die Autorität der deutschen Macht später auflehnen werden, würden

unterbleiben und minder heftig sein, die Folge wird sein, daß sie nun

erst an sich selbst erfahren, wie Widerstand und Rebellion gestraft

wird. Zwar hat Seine Excellenz Freiherr v. Schele den Wahehe später

eine exemplarische Lektion ertheilt, ihre stärkste Veste gestürmt und

zerstört, allein sie werden sich schwerlich fügen lernen und uns noch

viel zu schaffen machen. Ueber Karonga südwärts laufend, ankerten wir

am Abend des 23. Oktober zwischen den Felsenroks unterhalb Panganga,

vor der Insel Mtawale; hier aber dem heftigen Ostwind und der schweren

See ausgesetzt, war es eine schlimme Nacht, die wir verbringen mußten.

Am nächsten Morgen wurden wir durch die breitseits anrollenden Wogen,

die das Schiff überspülten, gezwungen, den Kurs zu ändern um unter der

Ostküste Schutz zu suchen, und so erreichten wir über Likoma, Msumba,

Monkey-Bai am 29. Port Maguire.

Da die neue Station am Schire nun bald beendet war, befahl der Major,

Fort Maguire zu demoliren, und schon nach zwei Tagen war der Ort, der

so lange uns Schutz und Aufenthalt gegeben, nur noch ein Trümmerhaufen.

Am 31. Oktober 1893, nachdem nun auch der »H. v. Wißmann« dem Reiche

übergeben und die Flagge gewechselt worden war, verließ Major v.

Wißmann unter dem Salut der Schiffsgeschütze den deutschen Boden, das

Hurrah der Besatzung war den Scheidenden der letzte Gruß!

So hatten denn nun auch die letzten Theilnehmer der großen Expedition

Abschied genommen, der Major, Dr. Bumiller, de la Fremoire und Franke

-- die Schaar der schwarzen Kämpfer war gelichtet und mancher brave

Soldat vom Feinde oder dem tückischen Fieber hingerafft, ruhte in

fremder Erde, und doch sollte schon nach wenigen Tagen einer der

Bravsten, der tollkühn oft im Kampfe den feindlichen Kugeln sich

preisgegeben und unerschrocken dem Tode so oft ins Auge geschaut hatte,

rasch und unerwartet hingerafft werden. Der Vetter des Majors von

Wißmann, de la Fremoire, gesund und hoffnungsfroh, lag, ehe noch Matope

erreicht worden war, sterbend darnieder. Schnell erlöste ihn der Tod

und er fand die Ruhe und ein einsam Grab am Waldesrand hinter Matope

-- sein Andenken wird aber in allen denen fortleben, die ihn lange

Jahre als einen tapfern, lieben Kameraden gekannt und schätzen gelernt

haben.

In nun neue Verhältnisse und mit dem Schiffe in Reichsdienst

übergetreten, machte ich mit dem H. v. Wißmann noch manche Reise,

den Nyassa-See kreuz und quer durchziehend; viel Interessantes fand

ich an manchen Orten und widmete meine Aufmerksamkeit namentlich

der Beschaffenheit des Sees und seiner umwohnenden Bevölkerung.

Ueber letztere will ich, so weit meine Erkundigungen und Nachfragen

vornehmlich bei den Missionaren genau genug sind, einiges über deren

Sitten und Gebräuchen sagen, vorher aber bemerken, daß das, was ich

in kurzer Schilderung erwähne, nur ein Bruchtheil dessen ist, was

eigentlich über die Völker der Nyassa-Länder gesagt und geschrieben

werden könnte, auch ziehe ich es vor, nur das anzuführen, was ich aus

eigener Erfahrung und Urtheil kennen gelernt habe, sowie was mir von

Männern verbürgt worden ist, die inmitten dieser Völker schon lang

leben und gewiß sich ein maßgebendes Urtheil angeeignet haben.

Zulustämme im eigentlichen Sinne, wie verschieden auch ihre Namen,

sind heute vorwiegend die Bewohner der Nyassa-Länder; an Zahl groß und

gleich allen Zulus kriegerischen Sinnes, haben sie die Urbevölkerung

verdrängt oder vernichtet und sich in den reichen Gebieten des

Gebirgslandes festgesetzt. Natürlich hat die allmählige Eroberung und

Besitznahme nicht damit ihren Abschluß gefunden, vielmehr nachdrängende

Stämme vertrieben die ersten wieder oder solche besiegt, gingen in den

stärkeren schließlich auf. Ein periodisches Wandern, Verdrängen und

beständiges Kämpfen um den Besitz ist auch heute noch Gebrauch und aus

Erzählungen älterer Eingeborenen kann man entnehmen, wie hart und heiß

von vielen Häuptlingen um einen beneideten Besitz gestritten wurde, ehe

z. B. die Ngoni sich das ganze westliche Land erobert hatten.

Was Gebräuche und Sitten anbetrifft, worauf ich speziell eingehen

werde, so ist für diese ein gleicher Ursprung anzunehmen, als fast

alle Stämme des Nyassa-Hochlandes gemeinsamer Abstammung sind. Das

Familienleben vor allem, bei zivilisirten Völkern die stärkste Stütze

eines Staates, weicht hier weit von der christlichen Auffassung über

solches ab und namentlich die Ehe wird bei diesen Völkern ganz anders

beurtheilt, nicht in dem Sinne wie wir sie aufzufassen gewohnt sind.

Leicht löslich von Seiten des Mannes, ist die Ehe meistens nur ein

Uebereinkommen, oft ohne eine besondere Zuneigung von Seiten der Frau,

was der Fall, wenn der Mann ein Polygamist ist und schon mehrere

Frauen hat. Die Vielweiberei ist jedem gestattet, der imstande ist,

der erwählten Schwiegermutter, vor allem deren Bruder, das eigentliche

Haupt einer Familie (der Vater hat kein Verfügungsrecht über seine

Töchter), das übliche Brautgeschenk, bestehend in Zeug, Ziegen etc.,

zu machen, auch sich verpflichtet, von Zeit zu Zeit bei der Ernte

oder einem Hausbau zu helfen. Polygamie wird in dem Sinne als zu

Recht bestehend angesehen, als dadurch der Mann zurückgehalten wird,

Ehebruch zu begehen, der hingegen für eine überführte Frau meistens

verhängnißvoll ausfällt. Nach der Verheirathung mit einer dritten oder

vierten Frau lebt der Mann zunächst mit dieser längere Zeit, dann aber

verläßt er sie, um bei einer andern zu wohnen und ist er dieser auch

überdrüssig, kehrt er zurück, oder geht die Reihe herum, so daß außer

der einen, bei welcher er sich aufhält, die anderen angewiesen sind,

sich von ihren Blutsverwandten unterhalten zu lassen. Die nun so allein

und unbewachten Frauen erliegen sehr oft der Versuchung sich schadlos

zu halten und schenken einem Verführer nur zu willig Gehör, obwohl sie

wissen, daß eine Entdeckung für beide Theile schlimme Folgen haben

kann. Nur zu oft, und das ist das Verwerflichste bei solcher Polygamie,

beschuldigt mit und ohne Grund der nach langer Abwesenheit zu einer

seiner Frauen zurückkehrende Mann diese des Ehebruchs. Selten wird die

Frau, außer wenn sie überführt ist, eingestehen, sich vergangen zu

haben; doch auf bloße Verdachtsgründe hin steht dem Ehemann das Recht

zu (wir würden es einfach als vorsätzlichen Mord bezeichnen) seine Frau

zu zwingen, »pande« Gift zu trinken. Giebt sie es wieder von sich und

bleibt am Leben, wird sie als unschuldig angesehen, stirbt sie aber

und ihre Unschuld wird nachgewiesen, tritt häufig von seiten ihrer

Verwandten die Wiedervergeltung ein, die dann für den Mann gewöhnlich

von schlimmen Folgen begleitet ist.

Fällt bei solcher Beschuldigung der brutale Zwang fort und handelt der

Mann in Uebereinstimmung mit den Verwandten seiner Frau, wird einem

Hunde oder Huhn »pande« gegeben. Bricht solches Thier das Gift wieder

aus, wird die Anklage als falsch angesehen, stirbt es aber, bekennt

die Frau ihre Schuld und nennt auch vielleicht den Verführer, ob sie

aber wirklich schuldig ist oder nicht, gegen das Ergebniß eines solchen

Urtheils giebt es keinen Widerspruch. In solchem Falle, wenn durch

Vergiftung ein Thier stirbt, also die Schuld erwiesen ist, beansprucht

noch der Mann eine Entschädigung, welche die Verwandten seiner Frau

aufzubringen haben -- er erhält meistens das Brautgeschenk zurück --

was dann gleichbedeutend mit einer Scheidung ist; wird hingegen solche

nicht gegeben oder verlangt, erhält die Frau eine schwere körperliche

Züchtigung.

Um eine Scheidung herbeizuführen bedarf es aber nicht immer so

triftiger, oft gewiß frivoler Gründe, es genügt auch, wenn der Mann

erklärt, daß dies oder jenes Weib ihm überdrüssig ist; auch machen

sich die betroffenen Frauen nicht viel Kopfzerbrechen darüber, welche

Gründe den Mann veranlaßt haben, sie verlassen zu wollen, vielmehr

ist ihnen eine Veränderung häufig willkommen, da gemeinhin einer

geschiedenen Frau die Wiederverheirathung gestattet ist; nur in Fällen,

wenn sie fürchten müssen, begangene Untreue könnte nachgewiesen werden

und sie würden, solche leugnend, gezwungen »pande« zu trinken, nehmen

sie die Sache durchaus nicht so leicht. Von gegenseitiger Zuneigung

kann daher, weil die Sitte der Polygamie kein rechtes Familienleben

möglich macht, keine Rede sein oder doch nur in den seltensten Fällen.

Hingegen auf solche Art verlassene Häuptlingsfrauen, denen das Recht

der Wiederverheirathung genommen ist, zeigen sich viel erregter und

untröstlicher. Ein großes soziales Uebel ist die Polygamie wohl bei

allen afrikanischen Völkern und hindert wesentlich die Verbreitung des

Christenthums, weil dieses der eingewurzelten Unsitte entgegen treten

muß.

Der verbrecherischen Sitte, den Gifttrank, den im Verdacht der Untreue

stehenden Weibern, aufzuzwingen, kann leider nicht entgegen getreten

werden, aus dem Grunde schon, weil noch die Macht der Europäer in

diesem ganzen großen Gebiete so gut wie belanglos ist und bekannt

gewordene Fälle der strafenden Gerechtigkeit unerreichbar sind. Auf

den Inseln Likoma und Kissimulu allein, wo englische Gerichtsbarkeit

eingreifen konnte, wurden zwei Uebelthäter erfaßt. In dem einem Falle

war ein Mädchen gezwungen worden »pande« zu trinken und, da es als

unschuldig befunden wurde, zahlte der Ankläger die übliche Strafe, in

dem anderen wurde das Gift einem Hunde eingegeben. Beide Anstifter

hatten aber ihre That mit mehrmonatlicher harter Gefängnißstrafe zu

büßen, was, da die Strafe solchen unbegründeten Anschuldigungen auf dem

Fuße folgte bei der Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck machte.

Obgleich diese Volksstämme in moralischer Hinsicht auf eine tiefe Stufe

stehen, ist doch in ihnen das Bewußtsein lebendig, daß Unmoralität

Uebels im Gefolge haben kann, z. B. ist die Ansicht bei den meisten

Stämmen, als Angoni, Atonga, Tumbuka, Chewa und andere vorherrschend,

daß je nachdem in einem Dorfe mehr oder weniger Ehebrecher wohnen,

die Bewohner, im Falle einer ausgebrochenen Pockenepedemie, auch

demgemäß von der Seuche befallen und weggerafft werden. Ein Dorf von

dem gesagt wird, es ist »ufudumele« (warm) hat einen schlechten Ruf

d. h. alle die erkranken sterben auch, »umakaza« (kalt) aber ist ein

solches, in welchem die Seuche wenige Opfer fordert. Nach dem Glauben

der Angoni hassen sich Ehebruch und Pocken und wer solches Vergehen

begangen hat stirbt durch die Pocken oder andere für ihn. Betritt

ein Ehebrecher eine Hütte in welcher Erkrankte liegen, müssen diese

sterben; es wird gesagt, derselbe ist mit Feuer eingetreten. Zutritt

zu einem Pocken-Kranken haben nur dessen nächste Anverwandte, versucht

hingegen ein mit solchem Vergehen Beschuldigter diesem dennoch nahe zu

kommen, wird angenommen er habe es absichtlich gethan und der Eintritt

wird ihm eventuell mit Gewalt verweigert. Erkranken in einer Familie

mehrere, werden die noch Gesunden beschuldigt, sich vergangen zu haben,

denn der Glaube, für andere leiden und sterben zu müssen, ist zu tief

eingewurzelt, als daß er erschüttert werden könnte.

Die in Europa mit vollem Recht verpönte Sklaverei, die zu unterdrücken

die zivilisirten Völker sich verbunden haben, ist den meisten Laien

doch nur als ein verabscheuungswürdiger Handel bekannt, unternommen

von arabischen Händlern, deren Horden, vornehmlich durch plötzlichen

Ueberfall, wehrlose Stämme und Dörfer vernichten und die eingefangenen

Menschen gleich dem Vieh zur oft fernen Küste treiben. Weniger bekannt

sind die Ursachen, um welcher willen häufig Eltern ihre Kinder in die

Sklaverei verkaufen, Freie und Häuptlinge bestrebt sind sich durch den

Menschenhandel zu bereichern. Weit verbreitet über Afrika ist diese

Unsitte, speziell aber will ich hier anführen wie sich die Völkerstämme

des Nyassa-Hochlandes hierzu verhalten!

Der friedlichen Arbeit, dem ehrlichen Handel abhold, sind es namentlich

die Jav's und Wagwangwara an der Ostküste des Nyassa-Sees, die den

Menschenhandel mit Vorliebe betreiben und denen jedes Mittel recht

ist, wenn sie nur Sklaven erlangen und erwerben können. Schutz- und

rechtlos ist in diesen Ländern der Schwächere und der Willkür des

Stärkeren preisgegeben, so z. B. gelüstet es oft einem Häuptling auf

Menschenraub auszugehen, ein fremdes Dorf im nächtlichen Ueberfall

auszurauben oder sich der arglos auf den Feldern arbeitenden Bewohner

zu bemächtigen. Gelingt der Ueberfall oder Raub, werden die Gefangenen

schleunigst hinweggeführt, und ehe vielleicht Hilfe nahen könnte sind

sie aus dem Bereich ihrer Freunde. Wohl wissend, das die Ueberfallenen

zu schwach sind, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lassen sich die

Räuber mitunter später auf Unterhandlungen ein und geben die Gefangenen

gegen ein entsprechendes Lösegeld, Ochsen oder Ziegen, wieder frei;

war es jedoch auf Sklaven abgesehen, weisen sie dieses zurück und dann

bleibt nichts anderes übrig als die gefangenen Männer durch Knaben

auszulösen. Die betroffenen Familien müssen zunächst einen der Ihrigen

zu veranlassen suchen für den Vater, Onkel etc. in die Sklaverei zu

gehen.

Gewöhnlich trifft das Loos solche, die eine Sklavin zur Mutter haben,

trotzdem sie ebenso gut Blutsverwandte der Geraubten sind, wie die

Kinder einer freien Frau, einer aber muß gehen und die bittere

Nothwendigkeit zwingt die unfreie Mutter ihr Kind zuerst wegzugeben.

Ist eine Familie aber nicht imstande solches Opfer zu bringen, findet

sich meistens doch jemand der für ein Stück Rind etc. einen Sklaven

hergiebt; unerläßlich jedoch wird solch Lösegeld, wenn es gilt einen

Häuptling oder sonst Angesehenen des Stammes wieder zu befreien.

Gewiß wird man in solcher Handlungsweise große Herzlosigkeit sehen

können, aber die Familienbande durch Polygamie, durch die überall

zu Recht bestehenden Sklaverei gelockert, werden solche Opfer nicht

allzuhoch veranschlagt und vorherrschend ist die Anschauung, daß es

besser ist große Opfer zu bringen, als sich der erwachsenen Männer

berauben zu lassen. Solche Räubereien, so häufig sie auch vorkommen,

geben den Ueberfallenen wenigstens Gelegenheit sich ihrer Haut zu

wehren und werden einzelne auch hinweggeführt leiden dadurch doch

nicht alle; andere Fälle aber sind ernster, und schlimm steht es

erst, wenn heimtückische Feinde vor der Ernte die Felder zerstören

oder verwüsten und die Bewohner eines Dorfes verhindern sich Nahrung

zu suchen; unerbittlich zieht dann der Hunger ein und überliefert

die Einwohner auf Gnade oder Ungnade ihren Feinden. Solches Treiben

mächtigerer Stämme bringt über ganze Distrikte häufig genug Noth und

Elend; schlimmer aber noch ist es, wenn eine allgemeine Hungersnoth

eintritt, dann wandern wankende Gestalten viele Meilen, um nach den

Masukafrüchten zu suchen, die neben oft giftigen Wurzeln und anderen

Pflanzen die einzige Nahrung bilden. Von solchem harten Loos werden

häufiger die Stämme an den Ufern des Nyassa-See's heimgesucht, weniger

die im Hochland wohnenden, und wenn dann die Noth am höchsten gestiegen

ist, kommen, um nur ein Beispiel anzuführen, die Yao's zur Küste mit

Waffen und geringem Vorrath und geben namentlich den hungernden Kindern

ein wenig zu essen, verlangen aber, wenn solches Almosen angenommen

wird, sofortige Bezahlung dafür und, da die Halbverhungerten absolut

nichts zu geben haben, führen sie solche mit sich in die Sklaverei.

Eine grausame Methode ist es, für ein Stückchen Cassava (Wurzel) oder

eine Hand voll Korn ohne Mitleid den Hungrigen die Freiheit zu nehmen,

aber zu solchem Zweck gerade ist der Yao gekommen und läßt sich die

günstige Gelegenheit, auf so billige Art Sklaven zu erhalten, darum

nicht entgehen. Bringt der herzlose Käufer größeren Vorrath, dann wird

oft, um nur für Tage den Hunger stillen zu können, ein Glied einer

Familie ihm für wenig Essen verkauft -- die Armen sagen sich, es ist

besser, daß einer geht, für den die bittere Noth ein Ende hat, denn daß

sie alle sterben -- wenigstens für kurze Zeit haben sie etwas besseres

als Gras, giftige Wurzeln und Wasserpflanzen zu essen! Freilich trifft

zuerst das harte Loos den Unfreien, aber auch der Freie wird in Zeiten

höchster Noth nicht geschont, und einem harten Geschick sind die

Verkauften verfallen, die vielleicht doch nicht die Ihrigen vor dem

Hungertode haben bewahren können. Allein wie allgemein auch der bittere

Zwang den Menschenhandel begünstigt und es den Anschein hat, als würden

die Bande des Bluts ohne viel Mitgefühl zerrissen, so kommt es doch

noch häufiger vor, daß viele lieber dulden und sterben, ehe sie ihre

Kinder verkaufen -- die Mutterliebe ist oft stärker als die bitterste

Noth -- und bietet der eigennützige Yao seinen verhängnißvollen

Bissen an, weigern sich trotzdem viele, solchen anzunehmen und

widerstehen der Versuchung; denn die Kinder retten, heißt sie auf

immer verlieren. -- Der Neger liebt die Scholle, auf der er geboren,

ob er sie willig oder unfreiwillig verlassen muß, sein ganzes Sinnen

bleibt doch für lange Zeit darauf gerichtet, wieder zu ihr zurückkehren

zu können und scheut dafür keine Noth noch Gefahr; lieber leidet und

hungert er mit den Seinen, theilt Freud und Leid mit den Gespielen, als

daß er auf lange Jahre sie verlassen sollte, auch wenn ihm die Aussicht

winkt, sein einziges Begehren erfüllt zu sehen, seinen Magen immer

füllen zu können.

Oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß, wie häufig auch die

Eingeborenen sich erbieten mit einem Europäer zu gehen, sie dies nur

unter der Bedingung thaten, in nicht allzu langer Zeit wieder zu ihrem

Heimatsort zurückkehren zu dürfen und auf dem »H. v. Wißmann« war das

längste Engagement nur 3 Monate; wohl kamen die Leute wieder, sobald

sie ihren Verdienst aufgezehrt, oder sie Lust zur Arbeit hatten, indes

anhaltend zu arbeiten, dazu waren sie nicht zu bewegen. Ob sie auch

meilenweit über Berg und Hügel wandern mußten, nichts hielt diejenigen,

welche Urlaub bekamen, zurück, auf wenige Stunden nur bei den Ihrigen

weilen zu können.

Was die Liebe zum Heimathlande anbetrifft, die den Neger beseelt,

wird dieser als Freigegebener erst recht die Macht des weißen Mannes

schätzen lernen, wenn derselbe ihn zurückzusenden vermag von wo ihn ein

grausames Geschick hinweg geführt hatte, das aber sollte, wenn irgend

angängig, immer geschehen, denn dann, welchen Begriff von Dankbarkeit

der Neger auch immer haben mag, wird er sie dem weißen Manne entgegen

bringen. Abgesehen nun von der Art und Weise, wie die Stämme unter sich

mit Gewalt oder List sich in den Besitz von Sklaven zu setzen wissen,

wäre noch anzuführen, daß für jedes Verbrechen, welches irgend jemand

begeht, dessen ganze Familie haftbar gemacht wird; der Thäter selbst

geht straflos aus, sobald er einen Sklaven oder einen Verwandten als

Sühne stellen kann; oder auch, glaubt nur ein Glied einer Familie an

Hexerei -- übrigens ein weiter Begriff bei diesen Stämmen -- so haften

alle Angehörigen für dieses, und ebenfalls ein näherer Verwandter

muß in die Sklaverei wandern; solche Opfer aber, für die in diesen

beiden Fällen niemand ein Lösegeld zahlt, werden gelegentlich an

Sklavenhändler verkauft. Weit und breit im portugiesischen Gebiet leben

die Yao in zahlreichen, mächtigen Stämmen und haben sich mit Vorliebe

ihre ausgedehnten Dörfer an hohen Bergen angebaut, z. B. Unangu,

Mangoche, Mtonga, Lisali u. a. Ein Handelsvolk im gewissen Sinne, da

der Sklavenaustausch ihr Haupterwerb ist, lieben sie es, in Karawanen

zur Küste zu ziehen, sie sind vielfach mit den bekannten Wanjamwesi

verglichen worden, denen auch ein gewisser Wandertrieb inne wohnt. Den

Bedarf an Zeug und Pulver gewinnen sie einzig durch den Handel mit

Sklaven, auf welche Art aber sie sich solche beschaffen, habe ich zu

zeigen versucht.

Die Yao's, die von den Stämmen am Nyassa-See sehr gefürchtet werden,

haben den Namen »Angulu« erhalten, welcher so viel als Ostwind

bedeutet, denn so wie dieser die trockenen Blätter von den Höhen in

mächtigen Wirbeln niederführt, fegt er auch nach Ansicht derselben

die Yao's von dem Gebirge herab. Kühnheit und Intelligenz kann dem

Yao nicht abgesprochen werden, die angeborene Grausamkeit aber, um

welcher er gefürchtet ist, hebt seine guten Eigenschaften wieder auf;

viele bezeichnen ihn auch als verrätherisch und feige, doch so viele

ich kennen gelernt habe, waren sie letzteres nicht und namentlich

als unerschrockene Jäger sind sie muthig und besonnen. Mit Speer und

Pfeilen allein treten sie dem Löwen und Elephanten entgegen, wagen

sich so nahe an die gefährlichen Thiere heran, daß ihre Waffen zur

Geltung kommen müssen, und gewiß als furchtlos muß man den bezeichnen,

der es unternimmt, sich unter den Leib des mächtigen Vierfüßlers

zu schleichen, der die Stelle sucht, wo er gewandt und schnell den

breiten Speer in den Körper des Thieres zu stoßen vermag, das tödtlich

getroffen zusammenbricht.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 46 / 51 段