Vermuthlich hatten die Leute uns Weiße als Araber und Sklavenjäger

angesehen und unnöthige Furcht hatte sie kopflos gemacht; uns aber

hatten sie gezeigt, mit welcher Gewandtheit sie ihre Kanoes zu

handhaben verstehen. Aufrechtstehend und mit aller Kraft paddeln, in

einem kaum acht Fuß langen ausgehöhlten schmalen Baumstamm, der durch

die geringste unregelmäßige Bewegung zum Kentern gebracht werden

mußte, war es nur das taktmäßige Arbeiten Aller, durch das das leichte

Fahrzeug im Gleichgewicht gehalten werden konnte. Mit der Zeit werden

sie sich wohl an den Anblick eines großen Schiffes gewöhnen, namentlich

wenn sie eingesehen haben werden, daß ihnen kein Leid geschieht und die

Furcht vor dem weißen Mann unnöthig war.

Für die auffallende Erscheinung der plötzlich abbrechenden und wieder

zum See herantretenden isolirten oder kompakten Gebirgsmassen,

während landeinwärts an beiden Seiten des Sees, ununterbrochene

zusammenhängende Gebirge hunderte Meilen Süd und Nord sich hinziehen,

werde ich versuchen, eine Erklärung zu finden und namentlich auf die

Bildung der Inseln, ohne Ausnahme öde Steinmassen, hinweisen.

Im Gegensatz zu den Gebirgen, die zum Theil terrassenförmig ansteigen,

mit fruchtbaren Thälern, Bergen und Abhängen, wo mit Vorliebe die

Gebirgsstämme sich angebaut haben, sind einzelne Ebenen öde und

unbewohnt; obwohl mit dichtem Buschwald und Gras bestanden, scheint der

Mangel an genügender Bewässerung hierfür die Ursache zu sein. Solchen

Anblick gewährt das hinter Mbampa-Berg südwärts sich hinziehende

Gelände, in der Regenzeit grün und blühend, in der Trockenperiode

von der Sonnengluth verbrannt, trübe und einsam. Nur wenige elende

Wampotto-Dörfer, meistens an Stellen erbaut, wo Felsenreste aufgethürmt

liegen, zeigten sich hier am Ufer des Sees, aber Versuche, mit

den Bewohnern in Verbindung zu treten, waren völlig nutzlos, da

unbegreifliche Furcht sie vertrieb.

Im Gebirge, das hier 10 bis 12 Kilometer vom See zurückliegt, öffnet

sich eine weite Schlucht in Südost-Richtung an deren Ende bis zum See

verlängert gedacht, da sonst kein auffallendes Objekt vorhanden war,

bestimmte Major von Wißmann einen zum Strande heranreichenden Hügel,

auf 11° 29´ S. Br. und 34° 46´ O. Lg., als das Grenzkap; von diesem,

die gedachte Linie durch die Schlucht fortgesetzt, sollte diese die

deutsche Grenze ergeben. Von hier, wo nun die portugiesische Küste

beginnt, treten die Gebirgsmassen von 11° 37´ S. Br. bis 11° 56´ S.

Br. wieder zum See heran und bilden von 11° 56´ S. Br. in weitem Bogen

zurückfallend, hier die zweitgrößte Bucht im Nyassa-See, so daß, wenn

man von Norden kommt und sich dicht unter dieser steilen Felswand

befindet, erst nur die 14 Seemeilen von der Küste abliegende Insel

Kissimulu, 12° S. Br. und 34° 35´ O. Lg., ein hoher abgerundeter

Felskegel mit nach Süden verflachendem Lande, gesehen werden kann, ehe

die größte aller Inseln, Likoma, vier Minuten südlicher in Sicht kommt.

Die Bevölkerung dieser Inseln, der Küste und des Hochlandes, sind hier

die Anyanja, unter denen es den Missionaren gelungen ist, die Worte

des Heils zu verkünden, und in vielen Dörfern schon hebt sich aus

dem Wirrwarr der Hütten, das Dach einer Kirche, weithin erkennbar,

hervor. Unter den Orten Bakobon, Njafua, Kango, Utonga, habe ich die

beiden letzteren nur besucht, namentlich Utonga mehrmals, das an den

Ufern des gleichnamigen Flusses gelegen, in einer furchtbaren Wildniß

sozusagen verborgen liegt. Perlen und Salz waren hier die eigentlichen

Tauschartikel für Holz, Hühner und Eier aber solcher Handel war

meistens ein langweiliges Geschäft, da meine Leute oft mit den Weibern

nicht handelseinig werden konnten.

Ueberaus weit würde es führen, wollte ich in gleicher Weise, wie bisher

das deutsche Gebiet, auch die Länder und Völker am ganzen Nyassa-See

beschreiben. So interessant und wissenswerth es auch ist, was die Natur

hier geschaffen und aufgebaut hat, wie auch das Leben und Treiben der

Völker, so muß ich mich doch darauf beschränken, nur in großen Zügen

das Wichtigste anzuführen.

Von Kap Mala 12° 12´ S. Br. verläuft das Gebirge in ununterbrochener

Linie längs der Küste südwärts, wenn auch nicht in so kompakten Massen

wie das Livingstonegebirge, und dieses ganze portugiesische Gebiet ist

gut bevölkert, vornehmlich von den Anyanja- und Yao-Stämmen. Während

aber Deutsche und Engländer bestrebt waren, ihre Macht auf dem See und

in ihren Gebieten zu festigen und zu entfalten, thut der Portugiese

absolut nichts; eine Küstenstrecke von über 120 englischen Meilen, 11°

29´ S. Br. bis 13° 30´ S. Br., mit dem weiten ungeheuren Hinterland,

ist für ihn vollständig ein terra incognita. Anzuführen wären als die

bedeutendsten Orte noch die Pango-Bucht 12° 25´ S. Br., die Msumba-Bai

12° 35´ S. Br. und der Mtengula-Hafen 12° 46´ S. Br.

Msumba, neben Kota-Kota und Makangilas Sitz der größte Ort am See,

(es wird gesagt 30000 Anyanja sollen hier leben, wenigstens so weit

ich mich orientirt habe, kann diese Zahl annähernd richtig sein, denn

das mächtige Dorf ist ein unentwirrbarer Knäuel von Hütten), kann mit

der Rambira-Landzunge verglichen werden, nur ist diese weiter und

ausgedehnter. Mächtige Bergkegel von 1000-3000 Fuß ragen landeinwärts

gleich steilen Wänden auf, bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Das

fruchtbare Land wird von hunderte Weiber und Männer, die täglich zur

Saat- oder Erntezeit in die Berge ziehen, bestellt, Heerden von Ziegen,

Schafen, selbst noch Rinder weiden an den Abhängen. Geschützt vor den

heftigen Südwinden, auf gutem Ankergrund, liegt hier ein Schiff sicher;

alle Bedürfnisse, Ziegen, Hühner, Eier, selbst Honig, 3 Pfund etwa

für 1/4 Meter Zeug, vor allem Brennholz sind erhältlich, deshalb war

Msumba für uns meistens Haltestation. Die ersten Male, als ich hier

zum Holzkauf anlief, erhielten wir für unser Zeug auch gut gestapeltes

Brennholz, später jedoch, gleichwie in Monkey-Bai, verlangten die

Verkäufer schon für die Hälfte denselben Preis und als ich diesen ihnen

zu geben mich weigerte und nördlicher in der Pango-Bucht den Bedarf

deckte, wurden sie unverschämt.

Einmal auch, meine Leute sollten Eier und Mehl am Strande aufkaufen,

wiesen diese viele angefaulte zurück; ich kam gerade dazu, als die

Leute mit den Weibern schon in Streit gerathen waren, weil diese

absolut für ihre faulen Eier, gleich denen, die gute gebracht hatten,

auch ein Stückchen Zeug haben wollten. Sofort ließ ich den Einkauf

abbrechen, und während ich mich noch mit dem schwarzen Missionslehrer

über den Ankauf einiger Perlhühner verständigte, umgeben von einer

großen Zahl aus Gewohnheit mit Speer und Bogen bewaffneter Männer,

drängte sich einer zu mir heran und hielt mir mit der Frage: Sind

diese nicht gut? drei Eier vors Gesicht. Etwas erstaunt über solche

Dreistigkeit prüfte ich dennoch ein Ei, fand aber, daß es schlecht

war, und alle zurückweisend hieß ich den Burschen seiner Wege gehen

-- indessen hielt er mir aber wieder andere unter die Augen und nun,

in solcher Handlungsweise eine Provozierung sehend, schlug ich ihm

die Eier aus der Hand und eine schallende Ohrfeige hinterher. Schon

eng umschlossen und auch waffenlos, drängte nun die Menge auf mich

ein, während der Gezüchtigte wie ein Rohrsperling schimpfte. Hätte

der Missionslehrer mir nicht den Rücken gedeckt, wäre es nun wohl zu

einem ernsten Konflikt gekommen -- ehe aber noch ein thätlicher Angriff

erfolgte, rief der Kapitao Kambajalika: Fast den weißen Mann nicht an,

es sind mehr Wasungus (Europäer) auf unserm Schiff, die viele Gewehre

haben, sonst geht es euch sehr schlecht. Diese Worte thaten ihre

Wirkung und die Leute, noch nicht sehr gereizt, auch zurückgehalten von

dem Lehrer, öffneten den Kreis und ich konnte ungehindert ruhig mein

Boot erreichen. Die Bewohner Msumbas sind zu oft mit Europäern, den

Missionaren, in Verbindung getreten, die Ausschreitungen wohl rügten

aber nie straften, deshalb wagte ein übermüthiger Bursche nun mal, die

wahre Natur des Negers herauszukehren und den Versuch zu machen, ob

denn jeder Europäer nur freundliche Worte selbst für Ungezogenheiten

habe.

Weiter südlich liegt der tiefe felsige Hafen von Mtengula, 12° 45´ S.

Br.; eigentlich durch eine Thalöffnung von einer gebirgigen Halbinsel

gebildet, er bietet, nach +SSW+ offen, zwar nur wenig Schutz,

dafür aber einen wildromantischen Anblick durch die steilen, fast

senkrecht aufsteigenden Felswände und der üppig wuchernden Vegetation.

Mluluka 12° 57´ S., ein Sklavenhafen, wie schon erwähnt, gegenüber

Kota-Kota gelegen, wird durch das vorgelagerte Danger-Riff schwer

zugänglich und verdient als Wohnsitz des mächtigen Häuptlings Kalanje,

dem Aliirten des Häuptlings Jumbe, keiner besonderen Erwähnung. Von

hier weit landeinwärts haben, wie nördlich von Mluluka, die englischen

Missionare auf dem Berge Unangu eine Station errichtet und sind die

einzigen Europäer, die es gewagt haben, sich in des Löwen Höhle

niederzulassen. Gewiß gefahrvoll ist das Unternehmen, da die Yao's

gedroht haben, jeden Weißen zu tödten, wenn ihnen, wie angekündigt,

ihre Sklavendhaus genommen werden; sie begreifen nicht, warum ihnen der

einträgliche Handel zerstört werden soll und werden blutige Rache üben,

wenn es geschieht.

Der Portugiese scheint ohne Bedenken das allmählige Vordringen der

Engländer auf seinem Gebiet zu gestatten und fürchtet scheinbar deren

wachsenden Einfluß nicht, ich meinestheils aber betrachte neben der

unverkennbar segensreichen Thätigkeit dieser Missionare und ihrem

hohen edlen Streben solche Stationen doch gewissermaßen als politische

Fühlhörner, denen bald der Handelsmann folgt und englische Macht und

Kapital dann schnell überwiegenden Einfluß gewinnt; das moralische

Uebergewicht wird aber im Nothfall durch einige Kanonen schnell in ein

positives umgewandelt werden. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß der

Sohn Albions sich wenig an das Eigenthumsrecht anderer Nationen kehrt

und schwerlich das wieder freigiebt, worauf er seine Hand bereits

gelegt hat. Das arme Portugal sieht den mächtigen, rücksichtslosen

Gegner in seinem Gebiete vordringen und kann in seiner Ohnmacht es

nicht hindern! --

Einen unverkennbaren Einfluß, welche Macht das Kapital besitzt,

kann man auch in Central-Afrika bemerken, denn heute sind durch die

englischen Kanonenboote alle Sklavendhaus weggenommen oder zerstört und

doch haben die Yao's ihre Drohung nicht wahrgemacht, selbst Yumbe's

Reich ist konfiszirt worden, deshalb mag man sich fragen -- welches

Equivalent haben die klugen Engländer den Häuptlingen geboten für den

erträglichen Sklavenhandel, den sie zerstört haben! einfach genug, der

Handelsmann dringt vor mit seinen Waaren und ebnet die Wege! -- Geld

ist Macht. -- Trotz alledem aber ist die englische Macht dennoch in

diesem ungeheuren Gebiet viel zu schwach, dem Unwesen ganz zu steuern,

die feindliche Bevölkerung leistet demselben allen nur erdenklichen

Vorschub; feindlich gesinnte Häuptlinge, als Kassembe etc., in

unzugänglichen Bergen, schüren das Feuer der Empörung und ist auch der

Sklavenhandel über den See hinweg fast unmöglich, werden die arabischen

Händler nun südwärts ziehen und im Gebiet Mpondas den Schirefluß zu

überschreiten suchen, so portugiesisches Territorium gewinnend, wo sie

vorläufig noch ihre Waare an den Mann bringen können.

Längs der steilen Felsenküste südwärts am Kap Malambe vorbei, bogen wir

in die Zirambo-Bai ein und fanden hinter Losefa vor Pandimba eine Dhau

Makangilas liegen. Ein leichtes wäre es gewesen, uns dieses Fahrzeuges

zu bemächtigen, aber hier, schon auf englischem Gebiet, hätte ein

Eingriff nur zu unliebsamen Erörterungen führen müssen, als dann unsere

liebenswürdigen Vettern den Mund wieder mal recht voll genommen hätten.

Da uns auch bekannt war, daß in Kürze mit Makangila abgerechnet werden

sollte, so hatten wir keine Veranlassung, den Kriegsruhm der Engländer

zu schmälern, obgleich die am Strande versammelte Menge in nicht

wiederzugebender Weise höhnend die Waffen schwang. Unser Zweck nur

war, die niedrige, durch Sandbänke und Untiefen schlecht zugängliche

Küste kennen zu lernen, deshalb dampften wir ohne Aufenthalt vorbei und

weiter über Monkey-Bai nach unserer Station Port Maguira, wo wir am 6.

Oktober anlangten.

20. Der Nyassa-See.

Da Port Maguira sowohl zu Lande als auch zu Wasser eine beträchtliche

Strecke von Fort Johnston entfernt liegt und gänzlich isolirt

ist, hätte in diesem, um es zu schützen, eine genügende Besatzung

zurückbleiben müssen, deshalb war Major von Wißmann mit der Anlage

einer neuen Station oberhalb Fort Johnston, wo Herr von Eltz sich ein

Stück Land, direkt am Schire gelegen, von den Engländern ausbedungen

hatte, einverstanden; und da nun diese Station aufgegeben werden

sollte, erfolgte daraufhin die Einschiffung der gesammten Bestände.

Zurück blieben nur, unter Befehl von Zander, diejenigen Soldaten,

welche nach erfolgter Uebergabe des Schiffes und der Station Langenburg

an das Reich mit dem Major zur Küste zurückkehren sollten.

Am 10. Oktober schon traten wir die Reise nordwärts wieder an und

jetzt, unter der Westküste des Sees entlang laufend, ankerten wir

zunächst in der Papendula-Bucht; dann, über Kap Maklair hinaus, unter

der felsigen Elephanteninsel, die nach Aussage der Eingeborenen mit

Elephanten bewohnt gewesen sein soll, entlang, untersuchten wir südlich

von Leopard-Bai, zwischen den Inseln Marenje und Mankowa den See und

die Küste eingehend.

Der um diese Zeit frische Südwind, anstatt erst gegen 9-10 Uhr Morgens,

wie es sonst der Fall, plötzlich aufzuspringen, um mit Sonnenuntergang

wieder still zu werden, wehte mit zunehmender Stärke auch des Nachts,

und fast kann ich sagen, den schwersten Sturm, den ich während meines

langen Aufenthalts am Nyassa-See durchgemacht habe, war der vom 12.

bis 14. Oktober 1893. Mit vollen Backen blies der entfesselte Sturm

über die beiden niedrigen Inseln der Bentje-Gruppe, unter denen wir

Ankergrund und Schutz gefunden hatten, mit einer Gewalt, daß ich

besorgte das Schiff könnte von dem ziemlich steil abfallenden Grund

abgetrieben werden. Auch Major von Wißmann, der diese Nacht am Lande im

Zelt verbrachte, fand es am Fuße des hohen Bergkegels im höchsten Grade

ungemüthlich. Wären wir gezwungen gewesen, am nächsten Morgen gegen

die wilde See andampfen zu müssen, würden wir wohl schwerlich vorwärts

gekommen sein, so aber liefen wir vor derselben und dem Sturme,

mit einer Geschwindigkeit von über 11 Knoten die Stunde durch die

schäumenden Fluthen. Trotz dieser Geschwindigkeit überlief uns dennoch

die See und Wasserberge brüllten an den Seiten des schwerrollenden

Schiffes auf, ihre Schaumkronen über das Hinterdeck ergießend, die

zuweilen die hochgehißten Boote gefährdeten. Der Aufruhr der Elemente,

wie man es hier kaum vermuthet hätte, bot ein grausig-schönes Bild,

man konnte sich versetzt denken in den Ozean, wo die langrollenden

Wogen fast weniger gefährlich sind wie hier, weil das süße, und darum

leichtere Wasser des Sees schneller und wilder aufgewühlt wird und die

kurzlaufenden Seen deshalb auch gefährlicher werden.

Hinter den Bänken vor Kota-Kota fanden wir erst wieder Schutz und

ruhig Wasser. Kaum hatte Jumbe aber die Ankunft des Majors erfahren,

als er selber an Bord kam und dem ihm wohlbekannten »+bwana

mkuba+« begrüßte, auch bat er den Major ihm gegen einen seiner

abtrünnigen Häuptlinge zu helfen, der sich mit seinem Anhang in einer

Boma innerhalb Kota-Kota fest verschanzt hatte und die Jumbe trotz

seiner zahlreichen Krieger nicht zu stürmen imstande war; namentlich

wollte er, daß vom Schiffe aus die Boma bombardirt werden sollte. Diese

Bitte mußte ihm natürlich rundweg abgeschlagen werden, da es Sache

der Engländer war, ihren Schützling und Alliirten aus der Klemme zu

befreien und nichts weiter konnte geschehen als daß wir ihn auf der

Rückreise abholen und nach Fort Johnston bringen konnten, wo er sich

bei seinen Freunden Hilfe und Assistenz erbitten könnte. Es geschah

auch, und sobald die Kanonenboote »Pionier« und »Adventurer« fertig

gestellt waren, war ihre erste Aktion die Feinde Jumbes zu vertreiben.

Major von Wißmann folgte der Einladung Jumbes und stattete diesem

einen Besuch in dessen Barasa (Behausung) ab, eigentlich nur um sich

dieses Nest Kota-Kota mal näher anzusehen. Jumbe aber, der diese Ehre

zu schätzen wußte, hatte seine gesammte Kriegsmacht aufgeboten, an die

3000 Mann, und ließ die beliebten Kriegstänze aufführen. Ein wilder

Tumult ist es gewesen, den die durch den Tanz halb unsinnig gewordene

Menge verursachte, fortwährendes Schießen mit alten Donnerbüchsen,

wildes Geheul, Ngomaschlagen etc.; es konnte einem Zuschauer der

Appetit vergehen, namentlich, wenn Hunderte zugleich mit gesenkten

Speeren einherstürmten und erst wie eine wilde Fluth plötzlich standen

und zurückwallten, wenn die Speere fast den Zuschauer berührten. Kaltes

Blut, ein fester Blick und keine Furcht bei solchem eigenartigen

Spiel ist es, was den Kriegern an dem Fremden imponirt, der desto

höher in ihrer Achtung steigt je ruhiger er dem unvermeidlichen Tod

entgegen sieht, wenn das Spiel mit solchen gefährlichen Waffen ernst

gemeint wäre. Gut thut man auch, solchen Schauspielen bald den Rücken

zu kehren, ist der Gast auch sicher und würde ihm kein Haar gekrümmt

werden, so kann man doch der unberechenbaren Leidenschaft solcher

Krieger nicht vertrauen.

Eine fruchtbare gut bewässerte Ebene ist es, die hinter Kota-Kota

zwischen den Flüssen Chamimbe, Chukapulu und Chiningola bis zum

hohen Gebirge sich ausbreitet, gut bebaute Schamben, Reisfelder

etc. bestätigen dies, auch heiße Schwefelquellen südlich von

Kota-Kota entquellen dem Boden, deren Werth keiner zu schätzen weiß.

An der flachen Küste nach Bandawe zu, muß ich einen Ort in der

Marenga-Sanga-Bucht erwähnen, den ich später öfter, um dort Holz zu

kaufen, anlief. Ein felsiger Bergkegel, mit zerstreuten Rocks umgeben,

hebt sich am sandigen Rande der Ebene, zerklüftet und zersprengt,

gleich einem Wartthurm von seiner Umgebung ab, hinter diesem auf

flachem Grund, getrennt durch einen Wasserarm, befindet sich erst das

Dorf des Häuptlings Mbiwis. Einen ungesunderen, schmutzigeren Ort als

dieses Dorf habe ich kaum je angetroffen, schon das morastige Wasser,

schwarz und übelriechend, über welches ich mit einem elenden Kanoe

gesetzt wurde, verpestet die Luft. Zur Berathungshütte gekommen, fand

ich um diese eine ganze Zahl mit allerlei Gebrechen behaftete Kranke

auch Krüppel vor; da ich dies nicht erwartet hatte, weil ich eigentlich

etwas anderes erforschen wollte, wurde mir auf meine Frage, was diese

wollen, gesagt, der weiße Mann habe Dhaua (gute Medizin) die jedem

helfen würde und ich möchte ihnen doch helfen und solche geben.

Ich sah mir auch die mit scheußlichen Wunden Behafteten an, fand bei

einigen Elephantiasis und vollständig vertrocknete Gliedmaßen vor

-- doch was konnte ich dagegen thun? Absolut nichts. -- Die offenen

Wunden waren meistens durch irgend eine Verletzung entstanden, durch

Unreinlichkeit und namentlich durch die schrecklichen Fliegen entzündet

und sehr schlimm geworden, so daß bei den meisten schon Knochenfraß

eingetreten war. Um nun aber doch nicht achselzuckend mich abzuwenden,

weil jede Hilfe unmöglich war, ließ ich diesen Unglücklichen wenigstens

sagen, was sie thun sollten. Durch den Dolmetscher rieth ich ihnen, die

Wunden jeden Abend und Morgen mit warmen Wasser auszuwaschen und solche

immer mit dem Zeuge, das ich geben werde, gut verbunden zu halten.

Keine Fliege noch Schmutz darf hineinkommen, wenn sie dieses thun,

werden die Schmerzen abnehmen. Ich zeigte ihnen darauf, wie sie es zu

machen hatten und ließ die Elendsten sogleich von deren Angehörigen

reinigen, mit herbeigeschafften Carbolwasser die Wunden auswaschen

und dann verband ich sie. Auch wies ich sie an, zu den weißen Männern

nach Bandawe zu gehen, das von hier nicht so weit entfernt ist, dort

finden sie Hilfe, wenn sie thäten was der Msungu ihnen sagt. Dr.

Elmslie, dem ich den Zustand in diesem Dorfe gelegentlich mittheilte,

war aber mit mir auch der Ansicht, daß sie erst die Hilfe des Europäers

suchen werden, wenn ihre Medizinmänner durch Beschwören und anderen

Hokus-Pokus sie nicht mehr helfen können, überhaupt jede Hilfe zu spät

ist -- auch werden sie keinen Rath genau befolgen und darum meistens

elend zu Grunde gehen.

Tintatsche, etwa eine Stunde oberhalb Bandawe gelegen, ist das

Hauptdorf der Atonga und ist der Ort, wo wir unsere Arbeiter sowohl,

als auch die von der englischen Administration gewünschten, anwarben;

auch an anderen Orten, wenn sich welche meldeten, nahm ich solche

mit, die gewillt waren einen halbjährlichen Kontrakt einzugehen, denn

zu Zeiten war der Arbeitermangel im Schirehochland sehr fühlbar und

daher jeder Mann den Engländern willkommen, die gerne die Passage und

Unkosten bezahlten. Jedesmal, wenn ich vor Tintatsche vor Anker ging,

war der Andrang der Atonga groß und ein sehr bewegtes Leben entfaltete

sich bei solcher Anwerbung auf und um dem Schiffe, eine Flottille

von Kanoes fuhr beständig ab und zu und brachte immer neue Bewerber,

namentlich halbwüchsige Jungens priesen sich in großer Zahl an, die

aber zurückgewiesen werden mußten. Ergötzliche Scenen spielten sich

auch ab, wenn im Gedränge mehrere dieser leichten Fahrzeuge kenterten;

aber ob im Wasser oder im schwankenden Kanoe, blieb diesen lustigen

Naturkindern einerlei.

Ein Höllenspektakel ist natürlich dabei unausbleiblich, auch werden die

Leute leicht zudringlich; einmal machten sie mir den Spaß denn doch

zu bunt, und die dumpfheulende Dampfpfeife ertönen lassend, hatte der

laute Schall einen wunderbaren Effekt, wo sie auch standen, hoch oder

niedrig, im Nu waren sie über Bord gesprungen und suchten das Weite.

Die Küstenstrecke von Kap Chirombo bis Mschewere, etwa 90 englische

Meilen, ist nun wieder eine steil anstrebende, gewaltige Bergmasse,

unterbrochen von tiefen Schluchten, als der Uziza-Bucht, Neu-Helgoland

gegenüber, der Benzantze-Bai 11° 7´ S. Br., der Pankanja-Bucht und

Deep-Bai, letztere ein gewaltiger NN.-W. in das Land eindringender

tiefer Busen. Hier speziell sind die Gebirgsmassen getrennt, als

habe ein verheerender Strom die Felsen weggefegt und vernichtet, so

erscheint vom Hochlande her ein geebnetes Bett herunter gegraben zu

sein, nur langgestreckte, runde Hügelkuppen erheben sich in demselben,

gleich starren mächtigen Wogen. Ueberreste sind der Pankanga-Kegel

und Trümmermassen als die Mtawale-Insel und weit vom Lande abliegende

Rocks. Keinen Schutz bietet die nach Süden offene tiefe Bai, ganz

dicht unter Land ist erst Ankergrund zu finden, auch wird es für ein

Schiff unmöglich, sich gegen die zu Zeiten einlaufende schwere See

dort zu halten. Geeigneter ist die nur wenige Meilen nördlicher,

der Amelia-Bai gegenüberliegende Pankanga-Bucht, die nördlichste

englische Militärstation; wenigstens ein guter Ankergrund ist in

dieser zu finden, und brandet auch oft die See vom heftigen Ostwind

hineingetrieben über die Steine und Felsen, die überall umhergestreut

liegen, sodaß ein Landen fast unmöglich ist, liegt ein Schiff doch

weit genug vom Lande und mit guten Ankern sicher genug. Eine besonders

auffallende Form zeigt der Mont Waller, Peri oder Mjonce genannt, der

das Kap Nikuru 10° 43´ S. Br. bildet, und an den hohen Gebirgsstock

sich anlehnt; nahezu 3000´ hoch, scheint derselbe terrassenförmig

aufgethürmt worden zu sein, wenigstens liegt dazu die Vermuthung nahe,

als derselbe nicht mit den massiven Felsenmassen eng verbunden ist und

eine andere Zusammensetzung des Gesteins aufweist.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 45 / 51 段