sich aus einer Felsschlucht des Gebirges herauswältzt, hat ebenso wie
letzterer im Laufe der Zeiten dieses ausgedehnte Vorland gebildet;
Thon, Lehm und Granitgeröll, durch viele Bäche von den Bergen in dessen
Bett geschwemmt, lagerte sich dieses Material immerwährend an der
Mündung des Flusses ab und von keiner Strömung hinweggeführt, konnte
sich solche Landzunge auch hier bilden. Von den starken Südwinden
zusammengeweht, gleich niedrigen Dünen, liegt der leichte Sand am
Ufer der Bai aufgethürmt eine weite Strecke bedeckend, während das
Gebiet, welches der Fluß in der von ihm gebildeten Ebene durchfließt,
viel niedriger ist, hier aber auch die Thon- und Lehmschichten
unbedeckt sind. Wanderungen durch diese mit spärlichem Baumwuchs,
desto reicherem Busch und Gras bestandene Anschwemmung längs dem Ufer
des Luhobu, ließen es mir wegen der von der Sonnengluth zerrissenen
harten Morastschicht als wahrscheinlich erscheinen, daß der Fluß in der
Regenzeit seine Ufer weit überschwemme und dadurch auch die Ablagerung
der zugeführten Thon- und Granitmassen begünstigt werde. Reich bebautes
Land fand ich nur an der Mündung des Luhobu, wo eine Ortschaft Mikamira
von armseligen Wakissi angelegt ist; diese sind den Wagwangwara
tributpflichtig, was aber diese armen Menschen eigentlich zahlen
blieb mir ein Räthsel. In der Bai selbst fand ich noch 3 Pfahldörfer,
verfallen und abgerissen, und habe ich später, um Feuerholz hier zu
erhalten, die über Wasser stehenden Pfähle abschlagen lassen. Die
Wakissi haben also aus den früher schon angeführten Gründen auch hier
ihre Zufluchtsstätten auf dem Wasser gänzlich aufgegeben.
Amelia-Bai, einst der Stapelplatz für die Sklaveneinfuhr, welche,
als die gegenüberliegende Deep-Bai und Pankanga-Bucht noch nicht
den arabischen Händlern verschlossen war, hier in voller Blüthe
stand, eignet sich durch die Verbindungswege mit der Küste nach
Liudi, Mikindani wohl am besten zum Ein- und Ausfuhrhafen, wenn die
zwingende Nothwendigkeit an uns herantritt einen Verkehrsweg zum
Nyassa-See eröffnen zu müssen. Die Route würde uns unabhängig von der
englischen Konkurrenz hinstellen, was freilich erst denkbar, wenn das
deutsche Kapital weniger zurückhaltend, thatkräftig von der Regierung
unterstützt, sich hier ein lohnendes Feld seiner Thätigkeit sucht.
Wohl ist es heute noch schwierig die gedachte Route zu eröffnen, als
feindliche Volksstämme ein großes Hinderniß sind, dennoch, wenn gleich
wie an der Küste des indischen Ozeans, im Hochland am Nyassa-See
starke Positionen diese schützten, würde bald durch die Entfaltung des
deutschen Ansehens dieses beseitigt sein. Empfehlenswerther noch wäre
der Wasserweg im reichen Gebiet des Rowuma-Flusses, dessen Quellen zum
Theil im Gebiet der Wagwangwara liegen. Zwar ist dieser Fluß nicht
allzuweit von seiner Mündung aufwärts schiffbar, auch sind Katarakte
unüberwindliche Hindernisse, die umgangen werden müßten, indes eine
eingehende Untersuchung würde wohl ein besseres Resultat ergeben als
bisher angenommen worden ist, denn kann der Rowuma auch mit dem Zambesi
und Schire nicht gleich gestellt werden, so muß er doch zu Zeiten, wenn
seine Wasser hochgeschwollen sind auf weite Strecken schiffbar sein --
ruht doch selbst auf dem Zambesi und Schire in der trockenen Jahreszeit
die Schifffahrt fast gänzlich und nur Boote halten den Verkehr aufrecht
-- in welcher Ausdehnung und Großartigkeit aber blüht auf diesen
Flüssen der Verkehr und Handel schon empor! --
Arm an Wasserstraßen ist Deutsch-Ostafrika wohl, die vorhandenen
aber werden und müssen der vordringenden Kultur als Verbindungswege
dienen, da naturgemäß in der Zukunft an diesen zuerst der Aufbau
lohnender Niederlassungen sich vollziehen wird. Sind erst die Bewohner
des centralen Afrika zur Kulturarbeit bekehrt, werden und müssen
reiche Gebiete sich erschließen lassen und neben dem jetzt bevorzugten
Hochland von Usambara, Usagara etc. wird sich sowohl im Gebiete der
großen Seen, wie in den Flußgebieten ein reicher, ertragfähiger Handel
entwickeln.
Wie insgesammt alle das Nyassa-Hochland bewohnenden Volksstämme,
Ngoni, Yao, Atonga etc. kein enggefügtes Staatswesen bilden, sondern
in Settlements zusammen gezogen patriarchalisch regiert werden, den
mächtigsten der Häuptlinge, dessen Macht nach seiner Gefolgschaft
beurtheilt wird, als Oberhaupt des Stammes anerkennen, so ist ein
Gleiches im deutschen Gebiet bei den Wagwangwara der Fall. Als
kriegerische Zulustämme, haben sie die Urbevölkerung vertrieben und
vernichtet, oder sie durch das Sklavensystem in sich aufgehen lassen,
die heutigen Ueberreste sind Wakissi und Wampotto, armselige, durch
beständige Furcht verkommene Existenzen. Schnell genug haben die
erobernden Zulu, angelockt durch reichen Verdienst, den gewissenlosen
arabischen Sklavenhändlern Gehör geschenkt und dadurch in gewissem
Sinne weite Strecken entvölkert. Was aber mehr, stark mit Negerblut
vermischte Abkömmlinge der Araber und auch der Ausschuß der
intelligenteren Küstenbevölkerung, als Suaheli und Makua, haben sich
großen Einfluß auf die angestammten Häuptlinge zu erringen gewußt,
eigentlich zu Herren gemacht, als jeder Häuptling zum größten Theil die
Rathschläge seiner verschlagenen Rathgeber befolgt, seinen Stamm und
Volk also der Willkür solcher Fremden dadurch preisgiebt.
Was thun wir jetzt, wo der mächtige weiße Mann den Sklavenhandel uns
zerstört! Die Folge aber ist, daß die schlecht berathenen Stämme sich
auflehnen werden gegen die Herrschaft der Europäer, bis sie zu ihrem
Schaden erkannt haben, daß der weiße Mann doch der mächtigere ist.
Ganz Central-Afrika ist dem Einfluß der Araber unterworfen gewesen,
die ihre Herrschaft mit Geschick gefestigt hatten, sie sind auch
heute noch, wo der Arm des Europäers sie noch nicht erreicht hat,
in Wahrheit die Herren und von den Eingebornen weit mehr gefürchtet
wie dieser, dessen Kommen sie nur als ein Eindringen auffassen und
eben nicht begreifen, mit welchem Rechte der weiße Mann ihren ihnen
liebgewordenen Erwerb durch Sklavenraub zu zerstören kommt. Der echte
Araber, wo er seine Herrschaft bedroht und seinen Einfluß gefährdet
sieht, wird, wenn er sonst nichts zu fürchten hat, sich diese durch
Nachgiebigkeit dem Europäer gegenüber zu erhalten bestrebt sein; es ist
weniger die Existenzfrage, die ihm sich dem Mächtigeren beugen heißt,
vielmehr befürchtet er den Boden unter seinen Füßen zu verlieren, wenn
er die eng durch Jahrhunderte verknüpften Bande mit der Bevölkerung
freiwillig aufgiebt. Mit Recht muß er fürchten, wenn ihm nicht ein
Schein ehemaliger Macht mehr verbleibt, vogelfrei zu werden, sobald die
so lange geknechteten Völker das Joch abschütteln und zum Bewußtsein
ihrer Menschenwürde erwachen. Gerieben und schlau, an Intelligenz dem
Europäer nicht nachstehend, begnügt er sich mit der Hoffnung, die alte
verderbliche Macht wiedergewinnen zu können, da er, doch nicht mit den
Machtverhältnissen der europäischen Nationen so vertraut, diesen von
allen Seiten andringenden Sturm auf seine Herrschaft nicht für dauernd
hält.
Unbewußt macht er den Werdeprozeß, die ihm die fortschreitende
europäische Kultur aufzwingt mit durch, und klug genug, beugt er sich,
gebietet doch die politische Klugheit schon, mit ihm ein Bindeglied
sich zu erhalten, das an Macht und Einfluß beschränkt, durch sein
Ansehen leichter die Kulturaufgaben lösen hilft, bis die Organisation
durchgeführt, der kulturfeindliche Mohamedanismus weichen und
verschwinden muß.
An den vorwiegenden Hauptpunkten der Karawanenstraßen haben die
Araber sich festgesetzt, so auch an der Route Lindi-Amelia-Bai und
als mächtigster Häuptling der Wagwangwara kann der Araber Raschid
bezeichnet werden. Sklavenhändler im eigentlichen Sinne, gewann er
mit seinen Anhängern doch die Herrschaft und hat vielfach zum Verdruß
unabhängiger Häuptlinge seinen Einfluß geltend zu machen gesucht. Er
war Eigenthümer jener Sklavendhau, die Major von Wißmann in Amelia-Bai
unerwartet weggenommen hatte und zu deren Wiedererlangung er alles
Mögliche aufstellte, was aber, so lange der Major am Nyassa-See
weilte, vergeblich war. Erst später, um dessen Gesinnung gegen uns
Deutsche zu ändern, wurde ihm solche von anderer Seite zurückgegeben.
Die Wegnahme seiner Zeit hatte folgende Bewandniß: Major von Wißmann,
in Amelia-Bai gelandet, ging, da ihm hier mitgetheilt wurde, daß
Schaaren großer Affen die Felder der Eingebornen an den Bergabhängen
zerstören, was auch auf Wahrheit beruhte, auf Jagd. Während seiner
Abwesenheit wollte die Besatzung einer im Fluß verborgenen Dhau diese
in Sicherheit bringen, was auch gelungen, wenn sie nicht gesehen worden
wäre und Hornsignale den Major schnell zurückgerufen hätten, der
sofort mit einem Boote die Verfolgung aufnahm und die Dhau mit sich
nach Langenburg führte. Ich habe sie dort später noch aufgeriggt, was
aber wohl unterblieben wäre, wenn der Major das Fahrzeug wieder hätte
zurückgeben wollen.
Das Gebirge fällt hinter Amelia-Bai etwa 15 +km+ zurück, es
umschließt im weiten Bogen die vom Seeufer ansteigenden Hügelketten,
zwischen denen ausgedehnte Busch- und Grassavannen sich hinziehen. Erst
unter dem 11. Breitengrade treten die Felsen wieder zum See heran,
sind aber eine steile zerbröckelte Masse, insofern als am Fuße dieser
nur wenige Seemeilen langen Felswand, Felsentrümmer mit Sandstein
abwechseln und hat Major von Wißmann dies das »Zwölf-Hafenkap« benannt.
Hier war es, wo dem Major die schnell vom südlichen Wind aufgewühlte
See sein großes, schwerbeladenes Stahlboot auseinanderbrach, als
er nach Gründung der Station Langenburg, und bevor er seinen an
kriegerischen Erfolgen reichen Marsch zum Tanganjika-See antrat,
die erste Entdeckungstour längs der deutschen Küste unternommen
hatte. Zum Glück dicht unter Land, konnte das sinkende Boot, an dem
die Verbindungsschrauben einer Sektion mit lautem Knall zum Theil
gesprungen waren, noch zwischen die Felsenrocks auf den Strand gesetzt
werden. Da die Soldaten und die Mannschaft zu schwach waren, das
schwere, 50´ lange Fahrzeug aufzuziehen, so kann man sich denken, daß
an der unwirthlichen Küste die Situation keine angenehme gewesen ist,
dazu boten die zersprengten Steinmassen gegen die See auch nur geringen
Schutz. Der Major mußte die Fahrt südwärts hier abbrechen und war nur
zufrieden, mit dem beschädigten Boote die Station Langenburg wieder
erreichen zu können.
Gleich, wie hinter Kap Bango die große Amelia sich öffnet, so wird auch
hier hinter dem letzten abgerundeten Felskegel dieses Gebirgsausläufers
eine weite Bucht frei, und nur weiter südwärts faßt die flache Küste
mächtige Felsentrümmer ein. Es war am späten Nachmittage des 29.
September als wir dieses Zwölf-Hafenkap passirten, schon hatten wir auf
dem in südsüdöstlicher Richtung wieder vorspringendem Lande den Kurs
gerichtet, als sich die dem niederigen Lande vorgelagerten Felsen als
Inseln erwiesen, und zur näheren Orientirung steuerten wir nun in die
Bucht hinein.
Meinem Vorschlage, die Hauptinsel Neu-Helgoland zu benennen, stimmte
der Major auch zu, und ob auch nicht in Form und Ausdehnung dem so
theuer erkauften Eilande im deutschen Meere (Nordsee) entfernt ähnlich,
wird die Felsenmasse im Nyassa-See dieses doch weit überdauern, da ihr
massiver Granitbau der Zeit und den Fluthen widerstehen wird. Was kaum
zu erwarten war, nach den Erfahrungen, die wir an der ganzen Küste
gemacht hatten, fanden wir hier unter dieser Insel einen prächtigen
geschützten Ankerplatz, zu dem nur westlicher Wind und See Zutritt
haben, die aber nie so stark auftreten, daß sie hier ein Schiff
gefährden würden; ich kann neben Monkey-Bai diesen Ankerplatz als den
besten im ganzen See bezeichnen. Die Insel wird durch einen etwa 50´
hohen Hügelrücken aus massive Granit gebildet, neben dem mächtige
ungezählte Steintrümmer umhergestreut liegen, an der Süd- und Ostseite
sind sogar vorzügliche Bootshmäfen durch Steinbarrieren entstanden.
Der Name dieser Insel, die etwa 1/4 deutsche Quadratmeile groß ist,
soll, wie ich später erfahren habe, Mpuulu sein, wahrscheinlicher
aber ist sie unbenannt, als solche Benennung sich mehr auf den
Häuptling oder den Volksstamm bezieht. Auf den Felsen und zwischen den
Steinmassen eingezwängt, liegen die Hütten der kaum einige Hundert
zählende Bewohner; ein umgestülpter Trichter, auf kurzen Pfählen
ruhend, sind solche die denkbar primitivste Behausung und mehr einer
dunklen rauchgeschwärzten Höhle, denn menschlichen Wohnungen ähnlich,
in deren Innern man hinein kriechen muß, so niedrig ist der Eingang.
In beständiger Furcht vor den Wagwangwara, wagen sich die Bewohner
nur auf das Festland, wenn die Luft rein ist oder sie ihre dort
befindlichen Felder bestellen müssen; aber nur die Weiber, von mit
Speer und Bogen bewaffneten Männern beschützt, führen diese Arbeit aus.
Ihr einziger Reichthum ist eine zahlreiche Ziegenheerde, früher auch
Rindvieh, die lustig auf den Felsen und Steinblöcken umherspringt; bei
jedesmaliger Annäherung unseres Schiffes aber aus übertriebener Furcht
schnell zusammengetrieben und mit Kanoes über den tiefen die Insel vom
Festlande trennenden 200 Fuß breiten Wasserarm gebracht wurde, bis die
Einwohner schließlich einsahen, daß sie von uns für ihre Habe nichts
befürchten brauchten.
Der Häuptling, ein alter weißhaariger Greis, klagte uns oft seine
Noth; ihre Feinde nehmen ihnen die Ernte weg und schutzlos wie sie
seien, könnten sie sich nur auf ihre Insel flüchten und den Räubern den
Uebergang, hinter Steinen gedeckt, verwehren. Die einzige Vegetation,
außer spärlichem Gras, die auf dem steinigen Grund hat Fuß fassen
können, sind die Papaya-Bäume. In ziemlich beträchtlicher Anzahl aus
den Felsenspalten, wo sich mit der Zeit eine Humusschicht gebildet hat,
herausgewachsen, heben sich ihre schlanken Stämme bis 6 Meter hoch, mit
der palmenähnlichen Krone über die spitzen Hüttendächer empor. Zwar
geben diese Bäume nicht viel Schatten dafür aber eine wohlschmeckende
große melonenartige Frucht, deren saftiges Fleisch mit Vorliebe von uns
Weißen gegessen wurde.
Ueberall an der Küste, wo wir gelandet und mit der Bevölkerung in
Verbindung getreten sind, waren wir bestrebt Holzstationen errichten
zu lassen, indem wir den Eingebornen für ihre Mühe guten Verdienst
in Aussicht stellten, allein wirklichen Erfolg hatte ich später nur
hier auf Neu-Helgoland wo, nachdem die Inselbewohner ihre Scheu vor
uns verloren hatten und ihren Vortheil erkannten, wir immer unsern
Bedarf decken konnten. Soweit ich konnte unterstützte ich auch diese
Wakissi, namentlich, um es ihnen anfänglich zu ermöglichen auf dem
Festlande sich freier zu bewegen, gab ich dem Häuptling auf dessen
wiederholtes Bitten etwas Pulver, damit er im Nothfalle seine beiden
uralten Steinschloßbüchsen auch laden konnte; zwar waren diese kaum
als Schreckmittel gut genug, für den alten Mann aber immer noch ein
großer Schatz. Meine Weigerung ihm nicht eher Pulver zu geben, als
bis er mir gesagt, wofür er solches verwenden wolle, beantwortete er
die Frage stets damit, daß er dann auch kein Holz beschaffen könne,
die Wagwangwara würden seine Leute hindern solches zu schlagen --
schließlich kam er aber doch mit den beiden Donnerbüchsen zum Vorschein.
Woher diese stammten und wofür er solche erhalten blieb mir unbekannt,
sehr fehl aber geht man wohl nicht mit der Annahme, daß solche von
Sklavenhändlern für lebende Waare einst gezahlt worden sind. Die
Gewißheit, daß auch hier der Sklavenhandel immer noch in Blüthe steht,
da es an den Küsten dieses Sees vorläufig unmöglich ist mit den wenigen
Schiffen solche streng zu bewachen, ließ mich einst, als ich unerwartet
Neu-Helgoland anlief und hier ein großes vom Westufer des Sees, also
36 Seemeilen, von Uziza herübergekommenes Kanoe vorfand, strenge
Nachforschung halten und erst auf die Versicherungen des Häuptlings und
der Kanoebesatzung, die einen plausiblen Grund anzugeben vermochten,
gab ich es wieder frei. Obwohl mir es nicht recht einleuchten wollte,
daß die Leute solche gefährliche Fahrt in einer Nußschale quer über
den See nur unternommen haben sollten, um hier Proviant einzutauschen,
konnte ich doch absolut nichts Verdächtiges finden und keine Handhabe
war mir gegeben diese Seefahrer und ihr Fahrzeug mitzunehmen.
Bemerkenswerth war auch, daß unter der Bevölkerung sich Männer und
Knaben befinden, deren Ohrlappen mit einem Speer durchlöchert sind, ein
Zeichen, daß sie früher geraubt und als Sklaven bei den Wagwangwara
gelebt haben, die auf verschiedene Art ihre Freiheit wiedergewonnen und
den Weg zur heimathlichen Insel zurückgefunden hatten. Die Bekleidung
beider Geschlechter ist auch hier die denkbar primitivste, ein Stück
von einem Ziegenfell oder ein Grasbündel die einzige Bekleidung; bei
jüngeren und Kindern das Naturkostüm. Muscheln und Perlen ist der
einzige Schmuck, wenn solcher erreichbar ist, den sie sich gestatten
können, erst als der Holzhandel eine gewisse Quelle des Reichthums für
sie geworden war, kleideten sich die Bewohner auch etwas anständiger.
Zu eingehenden Nachforschungen veranlaßten mich die hier an der
Nordseite der Insel, wo das Wasser fast immer ganz ruhig ist, auf
den am Lande freiliegenden Felsblöcken gefundenen Wasserzeichen.
Scharf abgegrenzt gaben diese an, wie hoch der See zu verschiedenen
Zeitperioden gewesen sein mußte -- waren die über Wasser gebliebenen
Theile des Gesteins rauh und verwittert von grauschwarzer Färbung, sind
die damit bedeckt gewesenen noch weiß und rein. Ein ganz unregelmäßiges
und zwar immer plötzliches Zurücktreten des Sees hat stattgefunden
und die Höhe dieser wie mit einem Lineal so scharf gezogenen Linien
ergab, daß das Niveau des Sees 12-15 Fuß höher gelegen hat; auch der
alte Häuptling versicherte mir, der doch lange zurückdenken konnte,
sie hätten früher mit ihren Kanoes viel weiter heranfahren können als
heute. Untrügliche Merkzeichen, wogegen kein Einwand erhoben werden
kann, gaben mir diese viel zu denken, zumal ich auch an weitentfernten
Orten z. B. Monkey-Bai gleiche gefunden hatte -- ich werde bei der
Beschreibung und muthmaßlichen Entstehung des Nyassa-Sees später darauf
zurückkommen und zu beweisen suchen, was wohl zu solcher auffallenden
Erscheinung die Ursache gewesen sein kann.
Da der Wasserweg zwischen Festland und Insel tief genug war, dem »H.
v. Wißmann« die Durchfahrt zu gestatten, so sahen wir hier, an der
Südseite der Insel, wie zerrissen und umhergestreut die Felsenmassen
im und über Wasser lagen und wie tiefe Höhlungen an der Südwestseite
die See ausgespült hatte. Die flache Küste ist weithin förmlich mit
100´ hohen Felsblöcken eingefaßt, Rocks- und Steininseln nebeneinander
gethürmt, bieten ein wüstes Trümmerfeld. Ebenso lassen weit vom Lande
abliegende Rocks- und Steinmassen vermuthen, daß der Zahn der Zeit
allmählich diese Granitfelsen zerstört hat; nur zwei mächtige Massen
zersplittert und zersprengt, ragen noch zusammenliegend aus bedeutender
Tiefe steil empor. Diese mehrere Meilen lange Strecke, mit Felsen unter
und über Wasser besät, hat Major von Wißmann die Prager-Insel, Rock und
Riff benannt; weiter südlich, einige Felsen als der Schloßstein und die
Mehlsäcke, runde Granitkegel mit Guano bedeckt, erhielten ihrer Form
wegen diese Namen, den Abschluß dieser eigenartigen Felsenbildungen und
Steinmassen macht erst die zwei Seemeilen vom Lande entfernt liegende
Insel Lundo. Zwar bewohnt, wie auch die Prager-Insel, und auch mit sehr
spärlicher Vegetation bestanden, sind beide ein öder Steinhaufen nur;
der eine halbe Quadratmeile große Flächenraum dieser Insel erscheint
wie ein hoher von Felsblöcken aufgethürmter Granithügel. Von hier
bis zur weiten Mbampa-Bucht, 4 Seemeilen südlicher faßt ein hoher
isolirter Bergrücken die Küste wieder ein, der steil abbrechend in
getrennter Hügelform die Bai umschließt. Isolirt aber und steil aus
dem See aufragend, hebt sich der über 1000´ hohe Mbampa-Berg, der die
Bucht im Süden abschließt, von seiner Umgebung ab; eine massiv und
festgefügte Granitmasse. Läuft man in diese Bai ein, glaubt man einen
prächtigen, gesicherten Hafen vor sich zu haben, aber auch hier täuscht
die spiegelglatte, tiefblaue Fluth, und am steil aus großer Tiefe
aufsteigenden Ufer erst findet sich unsicherer Ankergrund; wenigstens
hatte es seine Schwierigkeit den »H. v. Wißmann« auf genügenden Abstand
vom Lande fest zu verankern. Auf den getrennten, schwer zugänglichen
Rocks an der Einfahrt zur Bai unter dem Mbampa-Berg, haben sich
die Eingeborenen zurückgezogen, nachdem auch hier die ehemaligen
Pfahlbauten von ihnen verlassen worden waren, sie schufen sich eine
feste Position hinter den aufgethürmten Steinmassen, wo sie leicht
genug ihr bischen Eigenthum vor der Raublust der Wagwangwara schützen
können. Uebereinstimmend mit den Wakissi, haben die hier und südlicher
lebenden Wampotto die unzugänglichsten Orte an der Küste sich als
letzte Zufluchtsstätte ausgesucht, und wohl wäre deutscherseits es als
eine ernste Pflicht aufzufassen den Raubzügen der Wagwangwara energisch
Einhalt zu gebieten und den in steter Furcht lebenden Stämmen ein
starker Schutz zu sein, damit sie wieder aufathmen und ihres Lebens
froh werden könnten. Sicherlich fügen sich die mächtigen Wagwangwara
nicht gutwillig und Strafexpeditionen werden nothwendig sein, aber je
eher sie wissen, daß ihr verwerfliches Treiben Ahndung und Vergeltung
findet, desto besser ist es. Sehr furchtsam und ängstlich zeigten sich
diese Wampotto, die kaum jemals in näherer Berührung mit Europäern
gekommen waren, und viel später erst wurden sie vertrauter; kamen
sie auch längsseits des Schiffes mit ihren Kanoes, währte es doch
lange, ehe sie es wagten dasselbe zu betreten. Als Beweis dafür diene
folgender Vorfall. Drei Meilen von Land in etwa südwestlicher Richtung
hatten wir als letzten Ausläufer eines unterbrochenen Felsenriffs
einen hohen Granitblock gesehen dessen Umgebung der Major näher zu
besichtigen wünschte. Das Riff sowohl, als auch der Felsen ragten
aus tiefem Wasser auf, zwischen denen es möglich war überall mit dem
Schiffe durchzufahren, so waren wir bis auf 100 Fuß dem Felsen nahe
gekommen, als zwischen dem nächstliegenden Felsenriff zwei Kanoes, die
zum Fischen ausgezogen waren, in Sicht kamen. Nothgedrungen, um wieder
freies Wasser zu gewinnen, mußten wir den Kurs des Schiffes auf diese
richten, kaum aber sahen die Fischer das Schiff näher kommen und sich
eine übertriebene Vorstellung von solchem Seeungeheuer wohl machend,
das ohne Segel und Menschenkraft so schnell herannahte, ließen sie ihr
Netz im Stich und paddelten aus Leibeskräften der etwa eine deutsche
Meile entfernten großen Insel Nuangwe zu. Diese unbekannte Insel war
aber auch unser Ziel und wieder im freien Wasser, mußten wir bald
genug die Kanoes überholen. Als die Fischerleute einsahen, daß sie vor
dem schnelllaufenden Schiffe nicht fliehen konnten, legten sie die
Kanoes Seite an Seite, besetzten die eine Nußschale die andere gaben
sie preis, und mit 8 Mann aufrechtstehend, jagten sie über das stille
Gewässer dahin. Aber auch diese Mühe war vergeblich, das Schiff, in
dessen Kurs sie unbegreiflicher Weise verblieben, kam ihnen näher und
näher; schließlich als ihre Anstrengungen vergeblich waren, warteten
sie, zu viele in der Nußschale um sich setzen zu können, in Ruhe ihr
vermeintliches Schicksal ab; wir aber wichen dem Kanoe aus und zogen an
ihnen vorüber. Beim ersten Anruf indes sauste das Kanoe wieder durch
die Fluthen und die geängstigten Menschen gaben die Flucht nicht eher
auf, bis wir weit von ihnen entfernt waren.