Im Innern der erloschenen Krater, deren weite ausgedehnte Oeffnungen

heute mit Wasser ausgefüllt sind, haben sich mehr oder weniger

umfangreiche Seen gebildet, belebt mit Fischen, wilden Enten etc.,

sogar auch Flußpferde haben sich in diese abgelegene in wilder

Schönheit prangende Einsamkeit zurückgezogen. Die bedeutendsten

dieser Seen sind der Kiangururu, Itende, Kisiwa, neben einer ganzen

Anzahl kleinerer von unbedeutender Ausdehnung, die jedoch nach Lage

der einzelnen Kraterkegel über das weite vulkanische Gebiet zerstreut

liegen. Gleich Zwergen aber, müssen diese einst Feuer und Flammen

speienden Berge, gegenüber den Vulkanen Rungwe und Kieyo, erscheinen

die heute wie alle anderen todt und erloschen, ihre mächtigen bis zum

Gipfel dicht mit Bamboo und anderen Pflanzen bewachsenen 9000´ hohen

Häupter, als isolirte Bergkegel, über ihre weite Umgebung empor heben,

und versetzt man sich zurück in die graue Vergangenheit, müssen hier

plutonische Kräfte in ausgedehntestem Maße gewirkt haben.

Wie erwähnt bewohnen die weite Ebene die Wakonde und zu diesen gehörig

die Awanzakuisa und Wundale, näher dem Livingstone-Gebirge die

Wa-Tukwa, in deren Gebiet die deutsche Missionsstation Wangemannshöhe

erbaut ist.

Sitten und Gebräuche dieser hier lebenden Volksstämme weichen von

einander wenig ab und was ich anführen will, gilt im Allgemeinen

für alle. Bemerkt wurde schon, daß die Bevölkerung ein schlanker,

muskulöser Menschenschlag ist, in ihrer Weise der harten Arbeit

zugethan, dabei treu und offenherzig; freimüthig geben sie Versprechen

ohne sich bewußt zu sein, daß solche gehalten werden müssen. Dem Gaste,

der Einkehr hält, bringt der Wirth ein Bananenbündel, das er zur

Sättigung herbeiholt. Zum Abhacken der oft recht schweren Fruchtbündel

bedienen sie sich eines eigenartig geformten Handmessers, dessen

praktische Anwendung jeder Europäer zugestehen muß. Verstümmlungen an

Armen, Beinen, Ohren oder Lippen, wie solche barbarische Strafen bei

fast allen afrikanischen Völkern in Gebrauch sind, findet man unter

diesen Stämmen kaum, obgleich sie auch nicht gänzlich von diesen

Gebräuchen frei zu sprechen sind. Vorgekommen soll es sein, und

wahrscheinlich wohl öfter, daß beim Tode eines großen Häuptlings mit

diesem Leute lebendig begraben worden sind, jedoch ist diese Unsitte

zumeist auf den verhängnißvollen Einfluß ihrer Zauberer zurückzuführen,

die neben den Priestern (Waputi) unbeschränkte Macht besitzen.

So zum Beispiel üben an einigen Orten alte Zauberer eine extraordinäre

Gewalt über die Bevölkerung aus; ihr Thun und Treiben im Dunkeln

gehüllt, sprechen sie in Versammlungen nur des Nachts, zu denen allein

die Ersten des Stammes Zutritt haben. Während einer solchen, vorher

bestimmten Zusammenkunft müssen alle anderen Stimmen schweigen und

jedes Feuer ausgelöscht sein. In Wundale glaubt die Bevölkerung, daß

ein Zauberer sogar die Macht besitzt, Löwen als Boten des Uebels

auszusenden, wohin es ihm beliebt. Haben Streitigkeiten stattgefunden

und eine Partei verweigert eine gütliche Beilegung, so sendet er die

Löwen, die nach dem Glauben in dem hohen Grase, welches die Behausung

des Zauberers umgiebt, gleich Hunden leben sollen, aus und läßt

den Viehstand der Unfolgsamen zerreißen. Natürlich ist dies nur

eine berechnete Spekulation des unnahbaren Weisen, der mit seinen

Helfershelfern in Löwenfelle gekleidet, Uebels zu thun imstande ist,

zumal der krasse Aberglaube der Eingebornen ihm kein Hinderniß in den

Weg legt. Uebrigens bedienen sich auch die Zauberer bei anderen Stämmen

mit Vorliebe des Hyänenfelles und führen nächtlicher Weile in solcher

Verkleidung ungehindert ihre meist bösen Absichten aus.

Die alten Begräbnißstätten »Isyeta« genannt, dichte und

undurchdringliche Waldreviere, deren Dickicht kein Sonnenstrahl zu

durchdringen vermag, sind geheiligte Orte, wo ihre Voreltern begraben

liegen sollen; diese werden nur von den Waputi (Priestern) betreten, um

dort in Zeiten der Bedrängniß zu den Geistern der Vorfahren zu beten.

Antwort bringen ihnen die Awa-raghusi (Propheten), denen, wenn Krieg

oder Seuche den Stamm heimgesucht hat, von den Priestern das Blut und

der Kopf eines Bullen geopfert wird.

Eine eigenthümliche Art, sich über den Tod eines ihrer Angehörigen

Gewißheit zu verschaffen, ist bei allen Stämmen im Norden des

Nyassa-Sees Sitte, mit Ausnahme der im Kriege Gefallenen, nämlich:

ist jemand verstorben, wird von einem schon älteren Angehörigen des

Todten diesem sogleich mit einem scharfen Bamboohölzchen der Leib

soweit aufgeritzt, daß die Eingeweide hervortreten, dann nach einer

eingehenden Inspiezirung derselben wird der Verstorbene sofort vor dem

Hause in sitzender Stellung vergraben. Selbstverständlich weichen dabei

die Zeremonien von denen anderer Volksstämme wenig ab. Treten Seuchen

auf, namentlich die gefürchteten Pocken, werden die Todten bei größerer

Sterblichkeit außerhalb der Dörfer an entlegenen Orten begraben, aber

schon nach Verlauf eines Jahres werden die Gräber von den betreffenden

Angehörigen wieder in einer gewissen Nacht geöffnet und die Gebeine

in dichten Gebüschen zu Haufen umher gestreut, sodaß hauptsächlich in

Wundale, überall die Gebüsche mit bleichenden Menschenknochen voll sind.

Haben diese Stämme, vor allen die Wakonde, ihre Geschicklichkeit

in der Bearbeitung von Eisen bewiesen, so sind sie doch nie darauf

verfallen ihre Kleidung zu verbessern, sofern überhaupt von solcher die

Rede sein kann, da die Frauen allein nur im bescheidensten Maaße des

Feigenblattes sich bedienen, wenn auch nicht gerade dieses, weil es

nicht erhältlich, so doch mit feinen Geweben, welche die Fächerpalme

und auch Bananenstämme ihnen liefern, und die ganze Bekleidung

ausmachen.

Besonderer Erwähnung verdient noch die Aufführung eines Hochzeitsreigen

bei den Wakonde. Die Braut wird von den jungen Mädchen und Frauen am

Hochzeitsmorgen am Bache, nachdem ihr die Haare abgeschoren worden, was

mit so primitiven Werkzeugen als ihre Messer es sind, eine ziemlich

schmerzhafte und umständliche Prozedur ist, gebadet und mit Oel

eingerieben. Der einzige Schmuck, da von einem Brautgewand aus Mangel

an einem solchen Abstand genommen werden muß, die Braut sich also fast

in Eva-Kostüm präsentirt, ist ein Kranz von rothen Blumen um den Kopf

gewunden. Darauf hält aus dem Kreise der Frauen eine würdige Matrone

an die Braut eine Ansprache, die dieser die ihrer wartenden Pflichten

aufzählt; dann rangiren sich die Brautjungfern, meistens zehn an der

Zahl, vor und hinter der Braut, nachdem dieser vorher ein Körbchen mit

Korn, in welchem ein kleineres, ebenso gefüllt und auf dieses wieder

ein Topf mit Erde steht, überreicht und auf deren Kopf gesetzt worden

ist. Alle legen die Hände auf die Schultern der Vorstehenden, und

so umgeben von Palmenblätter tragenden Frauen setzt sich der Zug im

Gänsemarsch nach dem Dorfe in Bewegung. Ein leiser Gesang, nach dessem

Rhythmus marschirt wird, wobei die Körper in taktmäßiger Bewegung sich

hin und her wiegen, ertönt; die mitziehenden Weiber aber suchen rechts

und links umher um die Braut und den Zug vor einem vermeintlichen Feind

zu schützen.

Zum Dorfe gelangt, geht der leise Gesang in ein anhaltendes

ohrbetäubendes Geschrei über, bis aus dem Dorfe eine Schaar bewaffneter

junger Männer auf die Gruppe einstürmt, die, geführt von dem Bruder der

Braut, sich zu derem Schutze, die Speere schwingend, bereitstellt. Eine

andere Schaar, geführt von dem Bräutigam, stürmt nun auf erstere ein

mit der Absicht durchzubrechen und sich der Braut zu bemächtigen; ein

unblutiger Kampf mit wildem Kriegsgeschrei beginnt nun, alle wehren den

Bräutigam ab, bis die Weiber die Braut in Sicherheit gebracht haben,

dann erst stellt ihr Bruder den umhersuchenden jungen Mann mit den

Worten: Wen suchst du? -- Meine Braut! ist die Antwort. -- Wenn du sie

findest, willst du mit ihrem Volke leben und ernten? -- Der Bräutigam

antwortet: Laß mich suchen meine Braut und finde ich sie, will ich mit

ihrem Volke leben, ich will kämpfen vereint mit diesem und als Beweis

gebe ich dir meine Waffen. Die beiden Führer tauschen die Speere, heben

sie über ihre Köpfe und brechen sie entzwei, die Stücke in das Gras

werfend. Nun verbinden sich beide Parteien und ein endloses Suchen nach

der Braut, die von den Weibern gut verborgen gehalten wird, beginnt,

das oftmals bis in die sinkende Nacht fortgesetzt wird; bei Tanz und

Gelage feiern sie dann die Nacht hindurch. Am anderen Morgen aber gehen

die jungen Mädchen von Haus zu Haus und sammeln Geschenke für das junge

Paar ein.

Was ich Näheres über die große Konde-Ebene gesagt, der Beschaffenheit

und Fruchtbarkeit des Landes, so ist diese für uns ein nicht zu

unterschätzender Besitz; reich an Erzeugnissen afrikanischer Kultur,

kann man solche als eine Vorrathskammer betrachten. Die Ackerbau

treibenden fleißigen Stämme daselbst haben auch, was für viele andere

der Untergang gewesen, bisher die Sklaverei von sich fernzuhalten

gewußt, selbst die Araber gewannen keinen bedeutenden Einfluß, auch

nicht mit Waffengewalt, und heute unter deutschem Schutz verspricht das

Kondeland für die Zukunft, nach friedlicher Entwicklung der gesegneten

Fluren, in Wahrheit eine Perle unserer Besitzungen zu werden.

Nicht nur an Naturerzeugnissen reich, als mehrere Arten Bananen,

Erbsen, Bohnen, Bataten und Gartenfrüchten, war früher, ehe die durch

Afrika ziehende furchtbare Viehseuche den Viehbestand mit Einschluß

der gewaltigen Büffelheerden fast vernichtet hatte, in der Konde-Ebene

der Reichthum an Rinder ein sehr großer; mächtige Heerden weideten

an den Abhängen der Gebirge, wo heute fast nur Ziegen und Schafe zu

sehen sind. Eine geraume Zeit wird es währen, bis durch sorgsame

Nachzucht der Viehbestand sich wieder gehoben hat; sonst war ein Stück

Rind den Bewohnern von sehr geringem Werthe, für ein wenig Kupfer-

oder Messingdraht schon erhältlich, jetzt aber sind einem glücklichen

Besitzer seine Rinder nicht mehr wohlfeil.

Wie eine von mir mit Sorgsamkeit aufgenommene Karte zeigt, erheben sich

die Sanddünen, ein Schutzwall für die dahinter tiefliegende Ebene, erst

in der eigentlichen Wißmann-Bay aber so hoch, daß, vom Mastkorb des

»H. v. Wißmann« aus, diese nicht zu überblicken waren, höchstens sind

die Dächer der in grünen Bananenhainen zerstreut liegenden Häuser und

Hütten und die Kronen gewaltiger uralter Baobobbäume zu erkennen.

Steil zur großen Tiefe fallen die Ufer ab, und es kann schon an den

Mündungen des Mbaka- und Lufirio-Flusses kein Ankergrund mehr gefunden

werden, auch unter den mit ganz schmalem Vorland fast senkrecht

aufstrebenden Felsenmassen des Livingstone-Gebirges ist es möglich,

auf nur ganz geringem Abstand vom Lande mit dem Schiffe entlang zu

laufen. Ueberall aber auf dem verwitterten Gestein zeigt sich eine

reiche Vegetation, vor allem an den Ausflüssen einiger Sturzbäche, die

sich aus gewaltigen Felsenschluchten in den See ergießen; entsprungen

dem höchsten Felsengebiet, stürzen sich die Wasser die steilen

Granitwände herab und bilden auf Terrassen kleine Seen und Strudel,

in welchen Fische und andere Thierarten zahlreich leben. Vornehmlich

die Felsschlucht, vor welcher die deutsche Missionsstation Ikombe im

Schatten mächtiger Tamarinden- und Baobobbäume erbaut ist, bietet

einen wildromantischen Anblick; herausgerissen, abgesprengt, gleichsam

als hätten Gletschermassen in grauer Vorzeit hier ihre Kraft erprobt,

thürmt sich Fels auf Fels, die Schlucht verengend, in welcher das kalte

kristallklare Wasser eines Baches brausend hinfließt.

Neben dieser ist oberhalb Langenburg, 3/4 Stunden von der Station

entfernt, eine ähnliche Schlucht, tief und weit ragen die Felsen

in mächtiger Form empor, Giganten, an deren Fuß abgestürzte Blöcke

zerstreut liegen. Eine Exkursion mit dem Major hierher einst

unternommen, zum Zwecke, in dem hohen Waldbestand, der die steilen

Höhen krönt, einen schönen schlanken Flaggenmast für die Station

auszusuchen, trat uns hier so recht die erhabene, großartige Natur

vor Augen. Die Felsenwand in der Nähe von Langenburg geht mehr zur

abgerundeten Bergform über; durchschnitten vom Rambirathal, erheben

sich die Granitmassen keine tausend Fuß von der Station entfernt,

fast senkrecht bis zu einer bedeutenden Höhe, dicht bestanden mit

Bäumen, zwischen denen grüne Matten sich leuchtend hervorheben, saftige

Weidegründe für das Vieh. Ein grausig-schönes Bild aber ist es, in der

Rambiraschlucht aufwärtssteigend, tief unter sich die braunen Fluthen

des Flusses wilddonnernd von den Bergwänden herabstürzen zu sehen;

mit rapider Schnelligkeit wirbeln sie dahin und färben zur Regenzeit

weit hinaus in den See dessen klare Wasser, daß der meinen könnte, auf

eine Sandbank laufen zu müssen, welchem die Ursache dieser Erscheinung

unbekannt ist.

Die ausgedehnte Landzunge, von der Felswand bis zur äußersten Spitze

ist 1500´ lang und etwa 600´ breit, querdurch bis zum Flusse, ist

sie einzig nur gebildet durch das Material, welches der Fluß aus dem

Gebirge zugeführt und abgelagert hat; es haben Lehm und Thonschichten,

vermengt mit Granitgeröll, allmählich dieses Vorland entstehen lassen.

Die Frage, wieviel Jahrtausende hat wohl der Rambirafluß gebraucht,

diese Erdmassen hier abzusetzen, muß unbeantwortet bleiben, da solche

einen Zeitraum umspannen würden, der für die für die Ewigkeit erbauten

Felsenmassen ein Nichts, für das Fassungsvermögen des Menschen aber ein

ungeheurer sein muß!

Die ganze Fläche, die 6 bis 8 Fuß über dem Niveau des Sees liegt,

bedecken verschiedenartige Bäume und Sträucher, wovon einzelne,

Tamarinde etc. für die Bewohner willkommene Früchte bieten. Der kleine

Bananenwald aber, am Ufer des Flusses auf sehr fruchtbarem Erdreich

angelegt, thut das Seine dazu, das schöne Bild, wie es hier die Urnatur

geschaffen, zu vervollständigen.

Am Strande und weit aufs Land haben Wind und Wogen Sandflächen

gebildet, wo spärlich dürftige Kräuter und Gras nur fortkommen können;

jedoch der Untergrund muß ein kompakter sein, was aus dem hinter der

Station aufgefundenen thon- und lehmhaltigen Erdreich zu schließen ist.

Diese Funde, wovon heute Ziegel gebrannt werden, um die Station und

Wohnungen aus Stein zu erbauen, sind von vorzüglicher Qualität und vor

langer Zeit, als der Fluß noch eine nordwestliche anstatt wie jetzt

südwestliche Richtung gehabt, abgelagert worden.

Die Verbindung mit der sehr reichen Konde-Ebene, die meistens mit

den Booten oder Kanoes hergestellt wurde, hat es bis jetzt noch

nicht nothwendig erscheinen lassen, nur auf den Ertrag des Landes

angewiesen zu sein, gleichwohl sind bereits Anpflanzungen und Gärten

angelegt worden, doch an eine Ernte ist wegen der alles zerstörenden

Heuschreckenschwärme, die das ganze Central-Afrika überfluthet

haben, in diesem Jahre (1894) nicht zu denken, nur die wenigen auf

Rambira ansässigen Wakissi gewinnen ihre geringen Bedürfnisse dem

zum Theil spärlichen Boden ab. Ich hatte hier auch Gelegenheit, die

Geschicklichkeit der Wakissi-Frauen zu beobachten, wie sie kunstgerecht

aus freier Hand ihre großen Vorrathtöpfe aus Thon formen, und nach dem

dazu verwendeten Material zu urtheilen, mußten ihnen Thonlager von

überaus guter Qualität bekannt sein, die sie uns aber weder zeigen,

noch deren Lage angeben wollten. Obgleich die Station Langenburg

zwar geschützt gelegen ist, haben doch die Winde freien Zutritt, ihr

kühlerer Hauch lindert die erdrückende Hitze und während der Nächte

weht häufig ein kalter Luftstrom von den hohen Bergen herab, zuweilen

brechen auch sturmartige Böen aus dem Rambirathal hervor. Das Klima ist

als ein mittelmäßig gutes zu betrachten, obwohl Fiebererscheinungen

nicht ausgeschlossen sind; zwar starben hier in 1-1/2 Jahren zwei

Mitglieder der Expedition, Eben und Zander, beide aber nur infolge

geschwächter Gesundheit und weil sie den ärztlichen Rath, Afrika zu

verlassen, nicht befolgt hatten. Die günstige Lage der Station, am Fuße

des Gebirges, würde es gesundheitlich sehr empfehlenswerth erscheinen

lassen, wenn auf den hohen Bergabhängen, wegen der freieren und

frischen Luft dort oben, Wohnstätten für Europäer errichtet würden; ist

das Felsenterrain auch sehr zerrissen und schwierig zu begehen, so sind

die Vortheile doch nicht zu unterschätzen! --

Bald nach unserer Rückkehr von der ersten Forschungstour beabsichtigte

Major von Wißmann mit dem Schiffe eine Reise südwärts anzutreten, und

so lichteten wir am 26. September die Anker.

Von Rambira südwärts, heben sich die Felsenwände wieder steil aus

dem See empor und man kann auf einen Abstand von weniger als hundert

Fuß ungehindert mit jedem Schiffe längs der Küste entlang fahren;

nur an Stellen, wo Sturzbäche, Kies und Erde im Laufe der Zeiten

angesammelt oder kleinere Schluchten solchen freieren Spielraum zur

Ablagerung dieses Materials gelassen haben, wird durch das so gebildete

Vorland ein größerer Abstand nöthig. An solchen Orten hat aber auch

die Vegetation zur freien Entwicklung genügend Raum gefunden und

hauptsächlich an solchen Stellen haben sich Wakissi ihre Wohnstätten

errichtet. Schutz- und rechtlos, bisher von ihren Feinden hart

bedrängt, lebt dieser Volksstamm zum großen Theil nur von Fischfang;

sie bestellen aber auch an lohnenden Orten, wo sich die Felsabhänge

zur Anlage eignen ihre Felder, in denen als eine Art Wachtposten immer

einzelne Hütten errichtet sind, zum Schutz gegen die räuberischen

Wagwangwara, die das Hochplateau und die Thäler des Gebirges bewohnen.

Häufig genug nehmen diese den armen Wakissi ihre Ernte weg, dazu

zerstören Schaaren großer Affen, welche wir häufig genug auf den Höhen

und am Strande zu sehen bekamen, gelegentlich die Felder. Ueberall an

der Küste, wo abgelagertes Vorland die Anlage größerer und kleinerer

Dörfer gestattet, sowie in zurückliegenden Buchten, haben sich die

Wakissi niedergelassen, sie treten einzig nur mit ihren Nachbarn,

den höher im Gebirge wohnenden Wakinga und Wagogo in Verkehr, die

sich zur Sicherheit und Schutz meistens an isolirt stehende Bergkegel

angebaut haben, um im Fall der Noth auf schwer zugängliche Abhänge sich

zurückzuziehen, sobald die raublustigen Wagwangwara sie heimsuchen,

gegen die sie machtlos sind. Wohl zahlreich genug, sammeln sie sich

doch zur Abwehr der Feinde nur selten, auch meistens erst, wenn den

Wegelagerern ein Ueberfall gelungen ist und solche mit ihrer Beute

längst entkommen sind.

Als die hauptsächlichsten Ortschaften der Wakissi wären Mbimbi,

Waboja, Bifungo (Busse-Hafen), Pamboeja und Bopingo (Kroyser-Bucht)

zu erwähnen, letztere ein tiefer Landeinschnitt von bedeutender

Ausdehnung. Die mächtigen Felsenmassen erscheinen hier getrennt und

weit ins Land erst, über abgerundete hohe Hügel hinweg, steigt das

Gebirge wieder in massiven Massen auf. Eine ruhige stille Bucht, offen

nur gegen westlichen Wind, würde hier ein guter Hafen sein, wenn nicht

die Wassertiefe, 950 Fuß und mehr, bis dicht unter Land 40 bis 50

Meter vom Ufer, so enorm wäre; steil gleich den Felsenwänden fällt das

Ufer ab und ein Anker findet nirgends festen Halt; die Nächte, welche

ich in dieser Bucht gezwungen war zu verbringen, kann ich mit zu den

ungemüthlichsten rechnen.

Erwähnenswerthe Abwechselungen bietet weiter südlich die steile Küste

nicht, außer der wechselvollen Scenerie der Bergformationen, Zeugen

einer vieltausend Jahre zurückliegenden Zeitperiode, der zersetzenden

Kraft der Wasser, die das harte Gestein allmählig tief durchfurcht

haben, wäre nur noch der in Felsschluchten und an den Abhängen wild

und üppig sprießenden Vegetation Erwähnung zu thun. Mit Kap Bango

auf 10° 27´ S. Br. als letzten Felsenpfeiler, schließt die kompakte

Gebirgsmasse des Livingstone-Gebirges plötzlich ab; von hier auf eine

Strecke von 37 Seemeilen südwärts, sind dem (Amelia-Bai Windhafen)

wieder zurückfallendem Hochgebirge, das seine Ausläufer auf 11° 3´

S. Br. erst zum See vorschiebt, zerrissene Hügelketten und Flachland

vorgelagert.

Man muß, wie ich im nächsten Kapitel zeigen werde, auf die Vermuthung

kommen, daß dieses plötzliche Abbrechen der soliden Granitmassen nicht

auf ursprüngliche Bildung zurückzuführen ist, vielmehr ein Ausgleich

zerstörender Kräfte stattgefunden hat, da auch das gegenüberliegende

Kap Mschewere -- der See ist hier am schmalsten, nur 22 Seemeilen breit

-- ebenso abbricht; während von diesem Kap nordwärts Hügel und flaches

Land das Ufer des Sees bilden, ist solches von Kap Bango südwärts der

Fall.

Am Morgen des 28. September, mit dem Schiffe dicht unter die massiven

steilen Felsen hinziehend, das Wasser des Sees hier tiefblau und ruhig,

konnten wir weitab von der Küste die vom heftigen Ostwinde stark

aufgewühlten Fluthen beobachten, während am Kap Bango selbst aus der

tiefen Amelia-Bai ein stürmischer Wind herausfegte, sodaß, als wir auf

keine hundert Fuß Abstand um dieses herumsteuerten, wir plötzlich von

der Gewalt des Windes erfaßt, mit Mühe nur unsere Sonnensegel zu bergen

imstande waren. Stoßweise mit furchtbarer Gewalt gleich Wirbelböen

faßte der Wind das Schiff und erst weit in die tiefe Bucht hinein

wurden die Windstöße minder heftig.

Zur Linken die starren Felsenmassen, lag vor uns ein öder Sandstrand,

der aus zermalmten Granit, Gneis und Feldspat bestand, während halb

zur Rechten, einen Vorsprung in die Bai bildend, hohe abgerundete,

isolirt liegende Bergkegel vorgeschoben waren, die im Gegensatz zu den

zerrissenen Felsenthürmen des Gebirges die Vermuthung erwecken können,

als wären sie hier aufgethürmt worden, oder ihre solide Granitmasse

habe den Ansturm einer verheerenden Gewalt, welcher minderhartes

Gestein hat weichen müssen, erfolgreich widerstanden.

Als wir uns dem Sandstrand näherten, wollte es scheinen, als erstrecke

sich von diesem in die Bai hinein ein flacherer Grund, der auf

genügendem Abstand vom Lande dem Schiffe guten Ankergrund bieten

würde, allein näher und näher gekommen berührte das Loth erst ganz

nahe dem Lande auf 120 Fuß Tiefe den Grund; dicht am Strande noch 6

Fuß Wasser, fiel auch hier das Ufer wie überall bisher, gleich einer

steilen Bergwand ab. Wohl ankerten wir hier, da Major v. Wißmann mit

der Bevölkerung sich in Verbindung setzen wollte, aber nur durch ein

am Strande eingesetztes Warpanker war es möglich das Schiff vor dem

Abtreiben zu bewahren; hätte ein anderer als der starke östliche

Wind geweht, wäre es unmöglich gewesen hier zu verbleiben. So Schutz

verheißend und ruhig die weite Bai auch erschien, nirgendswo in

derselben fanden wir, außer in gefährlicher Nähe des Landes, Ankergrund

und es für rathsam haltend lieber nochmals einen Versuch zu machen, ob

nicht unter dem flach und weit in den See sich erstreckenden Südufer

solcher zu finden sei, lichteten wir nach mehrstündigen Aufenthalt

wieder Anker d. h. nachdem der Halt am Lande dem Schiffe genommen war,

trieb dieses mit 100 Fuß Kette, einfach ab, da das Anker ohne zu fassen

abrutschte.

Günstiger gestaltete sich die Lage unter dem flacher verlaufenden

Südufer der Bai insofern, als Tiefen von 18-45 Fuß auf eine Entfernung

von 100 Meter vom Strande gefunden wurden und darüber hinaus erst das

Loth kein Grund mehr fand, indes für diesmal und später war es nöthig

ein Anker auf flacherem, das andere auf tieferem Wasser fallen zu

lassen, um sowohl gegen südlichen als nordwestlichen Wind gesichert zu

liegen.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 43 / 51 段