vom Fuß bis zum Gipfel mit Busch und Baum bestanden; an Stellen,
wo tiefe Bergschluchten sich aufthaten, aus welchen donnernd die
Sturzbäche in Cascaden ihre Wasser über Fels und Stein springen ließen,
konnten wir im Schutze mächtiger Baobab- und Tamarindenbäume auch
Hütten Eingeborner bemerken, die idyllisch am Fuße majestätischer
Bergriesen in einer großartigen erhabenen Natur hingestreut lagen.
Schon war der Nachmittag weit vorgerückt und noch immer wollte die
Station Langenburg nicht in Sicht kommen, bis endlich, als ich noch
im Zweifel war, ob es nicht besser sei mit dem Schiffe weit von Land
abzulaufen und die Nacht auf dem See zu verbringen, öffnete sich,
als wir eine Strecke weiter gelaufen waren, plötzlich eine weite
Thalschlucht; die Gebirgsmassen schienen wie durchgespalten, und mit
Recht vermuthete ich, daß die vorausliegende Landzunge die Mündung
des Rambira-Flusses verdecken könne. Immer weiter öffnete sich das
Thal, ein Wald von mächtigen Bäumen bedeckte die niedrige Landmasse
und bald darauf erblickten wir am Ende derselben das starke Fort
Langenburg. Dicht unter Land auf die jetzt auch offene Mündung des
Rambira-Flusses zusteuernd, fand ich, als überall das Loth keinen Grund
erreichte, daß an der südlichen Seite ein Ankern unmöglich sei und
erst als die Sandspitze passirt war öffnete sich die eigentliche Bai.
Dem Fort gegenüber, das hier dicht am Ufer aufgebaut ist, vermeinte
ich, müsse sich hier auch Ankergrund vorfinden, allein nur noch 120
Fuß vom Strande entfernt, fand ich noch 100 Fuß Wassertiefe vor, so
sah ich mich genöthigt, hier das Anker fallen zu lassen. Dieses konnte
natürlich an dem steilen, gleich dem Abhang eines Berges, abschüssigen
Grund keinen festen Halt finden, und sollte nicht jeder Wind außer dem
Nord-West-Wind das Schiff abtreiben können, mußte es mit starken Leinen
vom Heck aus am Lande festgehalten werden, zu welchem Zwecke auch schon
festeingerammte Pfähle vorhanden waren. Solche Lage, das Schiff hatte
hinten 2 Fuß, vorne 65 Fuß Wasser unter dem Kiel, war nicht angenehm,
und manche schlimme Nacht, wenn aus dem Rambira-Thal stürmische
Ostwinde von den Höhen niederbrausten, oder der Nord-West-Wind das
Schiff auf den Strand drängte und dieses in der aufgewühlten See
stampfte, habe ich hier mit der Mannschaft in Sturm und Unwetter
durchgemacht. Die Behauptung, die gewaltigen Binnenseen Inner-Afrikas
seien flach, wenigstens die Annäherung für Schiffe meistens unmöglich,
ist hier auf dem Nyassa-See völlig unbegründet.
Bald darauf kam auch der derzeitige Kommandant des Fort, der Sergeant
Bauer, an Bord, in dem wir einen Gefährten begrüßen konnten, der über
ein Jahr von uns getrennt, in blutigen Kämpfen am Tanganjika-See
und anderen Orten mit dem Major weite Gebiete durchzogen hatte. Er
benachrichtete mich auch, der Major und sein Adjutant, Dr. Bumiller,
seien nicht allzufern, vielleicht in der neu angelegten deutschen
Missionsstation Ikombi oder in deren Nähe, darum wurde sofort ein Bote
abgesandt, der den Herren die Ankunft des Schiffes melden sollte. Die
Veste Langenburg ist eine Staketenpalisade, ein umfangreiches Viereck
besetzt mit dreifach hintereinander im Boden eingesetzten 20 Fuß
langen Pfählen, von denen 7000 Stück verwendet worden sind. An den
ausliegenden Bastionen, bewehrt mit Schnellfeuer- und Maximgeschützen,
den vielen natürlichen und angebrachten Schießscharten, würde es jedem
Feinde schwer fallen, heranzukommen. Was übrigens die Sicherheit der
Station anbetrifft, so ist, wie ich mich später überzeugen konnte,
bei der geringsten Vorsicht ein Ueberfall ausgeschlossen, die zu der
Landzunge führenden Pässe im Rambira-Thal sind im Nothfalle schon mit
wenigen zuverlässigen Leuten bequem zu halten; ein Angriff auf die
Station selbst, wie sie von Major von Wißmann erbaut worden, würde mit
einer kleinen entschlossenen Schaar stets zurückgewiesen werden können.
Auch liegt eine Gefahr vor den im Gebirge und am See wohnenden Wakinga
und Wakissi nicht vor, viel zu armselig und nicht sehr zahlreich sind
diese kleinen Stämme, als daß sie je an einen ernstlichen Widerstand
denken könnten.
Eine prächtige Lage hat die Station auch in sofern, als zwei mächtige
breitästige Tamarindenbäume sehr viel Schatten spenden durch deren
dichtes Gezweig die glühenden Pfeile der Sonne nicht hindurchdringen;
in der Messe oder im Hause des Majors war immer ein kühler und
angenehmer Aufenthalt. Uebrigens sind nach der Methode der Wakonde alle
Häuser erbaut, die Wände bestehen nicht aus Gras oder Rohr, sondern
zwischen horizontal gelegtes Bambusrohr, sind breite Bananenblätter
eingezogen wodurch dem Aeußeren der Bauten ein gefälliges Aussehen
gegeben wird. Auffällig war, alle Soldaten mit verbundenen Füßen
umhergehen zu sehen, und erfuhr ich durch Nachfrage bald, daß hier der
gefährliche Sandfloh stark vertreten sei, dessen Eindringen in die Haut
nur durch eine dichte Umhüllung verhindert werden kann. Kein Schuhzeug
sei dicht genug; das mit bloßem Auge nicht sichtbare Thier, setze sich
mit Vorliebe unter den Zehen fest, und wird nach Eintreten des anfangs
geringen Schmerzes dieses nicht sofort entfernt, vermehrt sich unter
der Haut das Thierchen derartig schnell, daß häufig der Verlust eines
Zehen, selbst des Fusses die Folge der Vernachlässigung ist. Ohne
Ausnahme, trotz großer Vorsicht und Reinlichkeit, haben wir Europäer
alle daran zu leiden gehabt; mit Sicherheit konnte man nur über den
Sand gehen, wenn derselbe naß oder feucht war, und jeden Morgen wurde
im Fort gesprengt. Ein schöner Anblick war es, die stattliche Heerde
Kühe, Ziegen und Schaafe aus den Bergen herabkommen zu sehen, zum
großen Theile Geschenke der Wakonde Häuptlinge an den Major. Frische
Milch, die reichlich vorhanden, war ein köstlicher Labetrunk, der nach
so langer Zeit uns gespendet wurde.
Um Mittag des nächsten Tages den 22. September 1893 traf Major
von Wißmann auf der Station ein und sah hier zum ersten Male sein
Schiff, das nach Jahr und Tag nun doch vollendet, nach so vielen
Widerwärtigkeiten und Hindernissen sich stolz auf den Fluthen des
Nyassa-Sees wiegte. Die Hauptaufgabe der großen Expedition war glänzend
gelöst, eiserner Wille und und unermüdliche Thatkraft bezeugten an
diesem Werk wiederum mit wie weitschauendem Blick der beste Kenner
Afrikas die Aufgaben einer nationalen Kolonialpolitik aufzufassen und
auszuführen verstand! Mit berechtigtem Stolze konnte unser Führer
auf den Abschluß seines großen Unternehmens schauen und, um seiner
Freude den würdigsten Ausdruck zu geben, befahl er das Schiff im
Schmucke seiner Flaggen und in duftiges Grün zu kleiden, die glückliche
Vollendung und die Ankunft des H. v. Wißmann sollte gebührend gefeiert
werden.
Die Masten und Raaen mit Grün geschmückt, darüber im Sonnenlichte die
Flaggen, Deck und Kommandobrücke ein einziger Laubwald, nahm sich das
Schiff in solchem Schmucke ungemein prächtig aus. Lichtkronen aus
Laub gewunden erhellten die auf der Brücke errichtete Tafel und was
an Vorräthen noch vorhanden war wurde herbeigeschafft, selbst die
Restbestände an Cognac und Wein wurden nicht geschont und davon eine
duftende Annanasbowle gebraut. Eine kleine Zahl aus den Mitgliedern
der Expedition war es nur, die sich hier um ihren Führer versammeln
konnte, eine kleine Schaar Deutscher lauschte im Sternenschimmer der
Tropennacht den Worten und dem Dank, welchen Major v. Wißmann allen,
die treu in jeder Lage ihm zur Seite gestanden, aussprach, er schloß
mit einem Hoch auf den Schutz- und Schirmherrn der Deutschen im In-
und Auslande und jubelnd hallte unter dem Hurrah, der Donner der
Geschütze, das Hoch auf den deutschen Kaiser an den Felsenwänden des
Livingstone-Gebirges wieder, ein mächtiges Echo weckend, wie solches
über die Fluthen des Nyassa-Sees noch nie zuvor gebraust! --
14. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See.
In Verbindung mit den nach wenigen Tagen schon aufgenommenen
Entdeckungsfahrten längs der ganzen Küste des deutschen Gebietes, will
ich versuchen alles zusammenzufassen, was mir über Land und Völker
bekannt geworden und was ich aus eigener Erfahrung während der Zeit
kennen gelernt und beobachtet habe, während welcher ich den »H. v.
Wißmann« auf dem Nyassa-See führte. Die gewaltige, großartige Natur,
hier in hehrer Majestät entfaltet, birgt soviel des Unbekannten, daß
man mit vollem Interesse den Schöpfungen einer vorweltlichen Periode
nachzuforschen bestrebt ist; nicht die unerforschten Tiefen des
mächtigen Sees, die noch kein Senkblei ergründete, in dessen klarem
Gewässer sich das Azurblau des wolkenlosen Tropenhimmels widerspiegelt,
nicht die senkrecht aufstrebenden Felsenwände, die gigantisch in
kolossalen Massen aufgethürmt, sich in die weite Ferne verlieren,
allein sind es, welche Bewunderung und Staunen hervorrufen, vielmehr,
da viele Jahrtausende noch nicht die Spuren einer einst gewaltigen
Umwälzung, wie wir solche wohl ahnen, aber nicht erfassen können,
verwischt haben, bieten sich dem Auge des Beobachters Räthsel auf
Räthsel dar, zu deren Lösung darum die rechte Handhabe fehlt, weil alle
Behauptungen auf ungewisse Vermuthungen aufgebaut sind und mit Recht
kann in wissenschaftlicher Beziehung Afrika noch immer als der dunkle
Erdtheil bezeichnet werden. Ehe ich mich aber auf das Feld ungewisser
und unbewiesener Thatsachen begebe, eine bloße Theorie aufstelle, will
ich vorerst die Wirklichkeit zu schildern suchen.
In südwestlicher Richtung von Langenburg in 10° 0´ S. Br. liegt am
Westufer des Sees der Haupt-Handels- und Stapelplatz Karonga; eine
einfache Niederlassung, wie alle in das Innere Afrikas vorgeschobene
Posten, von gewöhnlich nur zwei Europäern ohne sonstigen militärischen
Schutz besetzt. Am Strande erbaut, ist die Anlage und Wahl des Ortes
keine glückliche zu nennen, schon deshalb nicht, weil die Annäherung zu
Wasser für Schiffe und Boote eine schwierige und zu Zeiten unmögliche
ist; weitabliegende Riffe, mit nur wenigen Ausläufern, auf denen ein
Schiff ankern kann, findet es nirgends vor der von heftigen Süd-
und Südost-Winden aufgewühlten gefährlichen See hier Schutz, und
das Sicherste ist es, wenn keine zwingende Nothwendigkeit vorliegt,
in der Periode der Passatwinde lieber die offene See während einer
stürmischen Nacht zu halten, als vor Anker einen plötzlich auftretenden
Sturm auszureiten. Zweimal war ich gezwungen es thun zu müssen, solche
Situation ist aber in dunkler Nacht, wenn die schwere See über das
Schiff hinwegbrüllt, die Ankerketten aufs Aeußerste durch den Anprall
der Wogen straff gespannt werden und der Bug des Schiffes in die
schäumenden Wellen unablässig eintaucht, keine angenehme.
Der »Domira« erging es hier einst bei heftigem Südwind sehr schlecht;
nachdem die Ankerketten gebrochen waren, wurde das Schiff aufs Riff
geworfen und wochenlanger Arbeit mit hunderten von Schwarzen bedurfte
es, das gänzlich leere Schiff, zum Glück nicht schwer beschädigt,
wieder abzubringen. Die ganze nördliche Küste des Sees, von der
Pankanga-Bucht bis herum nach Langenburg bietet gegen die einzig zu
fürchtenden Südwinde keinen Schutz. Die Wogen des tiefen, über 325
Seemeilen von Nord nach Süd sich erstreckenden Sees, brüllen, vom
Sturme aufgewühlt, mit furchtbarer Gewalt gegen das nördliche Ufer
und schützten nicht hohe natürliche Dämme die weite mit dem Niveau
des Sees gleichliegende Konde-Ebene, die Wellen müßten sich über
das fruchtbare Land ergießen. Cap Mshewere, 10° 30´ S. Br., der
letzte nördliche Felsvorsprung des Angoni-Hochlandes, das oberhalb
Pankanga-Bucht steil aus dem See aufstrebt, bildet den Abschluß der am
See vorgelagerten Felskette dieses Gebirgsstocks. Nördlich von diesem
Cap tritt es weiter und weiter zurück und vom Ufer des Sees bis zum
Fuße der Berge erstreckt sich eine wellenförmige hügelige mit dichtem
Busch bestandene Ebene. Gleichwie überall an der Westküste des Sees, wo
die Gebirgsmassen zurückliegen, die verflachenden Ufer eine Annäherung
nur auf 2 bis 500 Meter gestatten, so sind auch hier von der oberhalb
Cap Mshewere liegenden Mdoka-Bucht nordwärts bis zum Kiwira-Fluß, auf
dieser Küstenstrecke mehr oder weniger Sandanhäufungen vorgelagert,
entstanden und gebildet durch das Material, welches die Flüsse und
Bäche aus den Bergen herabschwemmen. Die bedeutendsten befinden
sich bei Kaiguni, Karonga und an der Mündung des Saisi-Flusses. Das
landschaftliche Bild dieser wilden, pitoresken Gegend, von den armen
Wakamanga bewohnt, deren Dörfer vereinzelt am Seeufer oder im dichten
Busch versteckt liegen, bietet als Urwildniß nichts erfreuliches für
das Auge, zumal von einer Kultur noch keine Rede sein kann, wiewohl
die ziemlich gut bewässerte Ebene und die Abhänge der Berge einen
ertragreichen Boden vermuthen lassen.
Erst unterhalb Karonga, einige Kilometer von der englischen Station,
finden sich von Arabern angelegte Schambas, namentlich eine ausgedehnte
Pflanzung dem uns befreundeten Araber Mirambo gehörend, von welcher
wir, wenn Zeit und Umstände es gestatteten, unsern Bedarf an
Zwiebeln, Salat etc. deckten. Major von Wißmann hatte Mirambo als
Dolmetscher und Führer in seine Dienste genommen und soweit ich diesen
Araber beurtheilen kann, konnte ein begrenztes Vertrauen in dessen
Gesinnung uns Deutschen gegenüber gesetzt werden, besonders da er
den Major schon früher und nicht nur von Hören-Sagen kennen gelernt
hatte. Uebrigens sind die Araber seit Jahrzehnten hier ansässig und
haben sich etwa 8 Kilometer hinter Karonga einen festen Stützpunkt
errichtet, der im Jahre 1880-81 von den vordringenden Engländern
vergeblich berannt wurde; war auch nach dem Friedensschluß die Macht
derselben gebrochen und die Sklavenausfuhr von dem westlichen Ufer,
von Pankanga aus nach Amelia-Bai unterbrochen, so leiteten sie nun
die Karawanen doch ungehindert durchs Gebiet der Wakonde, am Fuße des
Livingstone-Gebirges entlang, dann im Rambirathal aufwärtssteigend,
gewannen sie portugiesisches Territorium, in welchem sie eine noch
heute mit ihnen sympathisirende Bevölkerung und Schutz und Beistand bis
zur fernen Küste am indischen Ocean finden. Die Engländer, ohnmächtig
dem schändlichen Gewerbe zu wehren, auch als Händler nur darauf
bedacht ihre Stationen soweit als möglich nordwärts den Tanganjika
hinauf vorzuschieben, um den Elfenbeinhandel möglichst nach Karonga
abzulenken, haben erst vor Kurzem, seitdem ihre Kanonenboote den
Nyassa-See befahren, mit der unbequemen Nachbarschaft hinter Karonga
aufgeräumt und den Arabern wenigstens den Sklavenhandel auf dem See
selbst verleidet.
Wie ertragreich und lohnend der Handel mit Elfenbein ist, der neben
anderen Produkten meistens am Westufer des Tanganjika-Sees, ja selbst
von der Ostseite aus deutschem Gebiet, von den vereinzelt auf der
weiten Strecke vertheilten Händlern eingetauscht wird, erhellt daraus,
daß ich selbst 1893 theils in Karonga, theils in Fort Johnston, nach
meiner Schätzung 15 Tons = 300 Centner prachtvoller Elfenbeinzähne
habe zur Verschiffung gelangen sehen und kann nicht umhin darauf
hinzuweisen, mit welchem Vortheil das englische Kapital auch in den
entlegentsten Theilen Afrikas zu arbeiten versteht. Es ist die deutsche
Bedächtigkeit, die ein langsames aber sicheres Vorgehen empfiehlt, und
man will nicht erkennen, daß, wo andere Nationen mit Riesenschritten
vorwärts dringen, wir auch gleichberechtigt eintreten können und
theilnehmen müßten an den Früchten, die jene ernten. Wie ganz anders,
mit wie viel großartigerem Erfolge würde die koloniale Bestrebung, die
Länder im Innern Afrikas uns zu erschließen, gefördert worden sein,
wenn der geniale Gedanke des Majors von Wißmann, auf den gewaltigen
Binnenseen Afrikas die deutsche Macht durch starke Schiffe vertreten
zu sehen, die allmählich dem aufblühenden Handel bahnbrechen und
schirmen sollten, nicht durch zagende Bedächtigkeit fast illusorisch
geworden wäre; die Wege hat er wohl gewiesen und gezeigt, daß es
vollbracht werden kann. Da der deutsche Besitz ein werthvolles Objekt
ist, worauf so oft und leider so vergeblich die besten Kenner Afrikas
hingewiesen haben, so ist es gewiß an der Zeit uns der Erkenntniß,
das Versäumte doppelt eifrig nachzuholen, nicht mehr zu verschließen.
Durch bedächtige Zögerung finden wir auf allen Wegen erstarkte Gegner
vor, die sich das Errungene nicht leicht streitig machen lassen; aber
vielleicht ist dieses erst nöthig, um für die deutsche Energie ein
Sporn zu sein auch hier thatkräftig einzutreten in den Kampf mit der
Konkurrenz, und es erkannt wird, daß sich auch hier im Ringen und
Streben für des deutschen Volkes Wohl ein weites Feld eröffnet.
Die Thatsache, daß ein deutsches Schiff auf den Seen Inner-Afrikas
vielen nur als ein geringes Werthobjekt bis jetzt erscheint, da wir
leider unsere Handelsbeziehungen mit den Völkern des inneren Afrika
noch nicht eröffnet haben sondern anstandslos den Engländern freies
Feld lassen, Handel und Macht ihrerseits immer weiter auszudehnen, so
ist es wenigstens ein Machtobjekt, das schirmen und schützen kann, was
wir besitzen, und würdig die Flagge des deutschen Reiches, die über
weite ausgedehnte Gebiete entfaltet ist, repräsentirt. Bezeugt die
deutsche Energie aber auch hier einst, wie sie es im Dienste fremder
Völker und Nationen so oft glänzend bewiesen, daß der befähigste
Kulturmensch der Deutsche ist, dann, und die Zeit liegt nicht so
fern, wird das Hochplateau des Central-Afrikas, die Gebirge, Thäler
und Höhen, dem deutschen Fleiße ihre Schätze erschließen, eine Kultur
entfalten, wie wir solche uns nicht haben träumen lassen.
Die Steavenson-road, die alte vom Nyassa- bis zum Tanganjika-See
führende 225 englische Meilen lange Karawanenstraße, windet sich, etwa
5 Meilen hinter Karonga, auf heute bequemeren Pfaden zum Hochplateau,
das zwischen diesen Seen gelagert liegt, hinan, und soll der einzige
gangbare Weg sein, da vom deutschen Gebiete aus, durch die am Fuße des
Gebirgsstocks zerstreut liegenden Felsentrümmer, kein geeigneter Pfad
zur Höhe führt. Indes es würde sich wohl doch von der Konde-Ebene aus
ein Weg finden lassen, längs den, von demselben Plateau entspringenden
Flüssen Songwe, Saisi und Kiwira, die sich durch die Felsenmassen einen
Weg gebahnt haben. Es kommen vorläufig nur Träger in Frage -- also
ein deutsches Handelsunternehmen würde unabhängig von den Engländern
und wahrscheinlich unter viel besseren Bedingungen ins Leben treten
können, wenn, was die erste Vorbedingung ist, eine sichere Straße vom
Nyassa-See bis zur Küste am indischen Ozean eröffnet sein wird. Die
gut bewässerte Ebene oberhalb Karonga, welche von den Flüssen Kukuru,
Lufira, Kaporra durchzogen wird, zeigt schon bei flüchtiger Beobachtung
eine äußerst reiche Vegetation, welche einestheils auf den fruchtbaren
Boden zurückzuführen ist, anderntheils darauf, daß hier die Unsitte,
Grasflächen durch Feuer zu zerstören, wie es sonst überall üblich und
wodurch weite Waldbestände mit vernichtet werden, nicht gebräuchlich
ist.
Die englische Missionsstation Njerenya, auf einem dem weit
zurückliegenden Gebirge vorgelagerten hohen Hügelrücken erbaut,
zeugt als Kulturstation auch in agrikultureller Hinsicht von der
bedeutenden Ertragfähigkeit des Bodens, und ohne Frage eignen sich die
Gebirgsabhänge zur Anlage von tropischen Pflanzungen und Plantagen,
zumal auch auf den Höhen ein für den Europäer leidlich gutes Klima
gefunden wird. Eine Gebirgswelt voll wilder Schönheit ist es, die der
Fluß Songwe, der als deutsche Grenze festgesetzt ist, durchzieht;
durch die granitenen mit Feldspat stark durchsetzten Felsenmassen
sich hindurchwindend, ist er gleichfalls eine Scheidegrenze der
hier in der Ebene vorhandenen Volksstämme. Während die an seinen
Ufern zahlreiche Bevölkerung durch den Ansturm der verwüstenden
Araberhorden auf beständige Abwehr bedacht sein mußte, ist diese in
den Gebieten der heutigen Häuptlinge Makirime, Makjembe, Makinsa
weniger der völkervernichtenden Plage ausgesetzt gewesen. Auch
haben die eingewanderten kriegerischen Zulustämme nach allmählicher
Eroberung des Nyassa-Hochlandes vor dieser Barriere Halt gemacht, und
die Urbevölkerung, ein muskelöser schlanker Volksstamm von dunklerer
Hautfarbe als die Zulu, hat die reiche Ebene behaupten können und ist
nicht durch scheußliche Sklavenjagden dezimirt worden.
Was im Allgemeinen von den Wakonde gesagt werden kann, so haben sie
neben der markanten kriegerischen Eigenschaft einen hervorragenden Sinn
für Ackerbau; der fruchtbare Boden lohnt hundertfach die geringe Mühe
und Arbeit, welche seine Bearbeitung erfordert. Die Gärten in schöner
Gleichmäßigkeit angelegt, zeugen von Kunstsinn und Fleiß, der darauf
verwendet ist. So auch sind die Hütten, eigentlich kleine, bunt bemalte
Häuser, von angenehmen Aeußern und peinlicher Reinlichkeit im Innern,
was man sonst in den Negerhütten nirgendswo findet. Mit Vorliebe in
einem Bananenwald erbaut, bieten die Häuschen ein idyllisches Bild und
dort wo die Bevölkerung eine dichtere, an den Ufern der Flüsse, reiht
sich Haus an Haus zu beiden Seiten, und auffällig ist die Symmetrie,
die in der Anlage langer Straßen vorherrscht. Das Weib steht auch
bei den Wakonde auf einer höheren Stufe, es ist nicht wie bei den
übrigen Volksstämmen die Sklavin und Arbeiterin des Mannes, sondern
nimmt hier einen gleichberechtigten Platz ein und theilt die meisten
legalen Rechte des Mannes, vor Allem steht die Frau eines herrschenden
Häuptlings, »Mwehe« genannt, in hohem Ansehn und besitzt einen
beträchtlich ausgedehnten Einfluß.
Auf Grund solcher gesitteten Anschauungen fällt dem männlichen Theil
denn auch eine beträchtliche Arbeit zu; als besondere Spezialität
mag die Verfertigung von Waffen erwähnt werden, die, neben anderen
hervorragenden Eigenschaften dieses Volkes, von künstlerischer
Fertigkeit Zeugniß geben. Die Nkonde-Speere sind berühmt und mehr
als 20 verschiedene Arten von auffallend schöner Arbeit in Gebrauch.
Schon bei flüchtiger Untersuchung findet man, daß die Gebirgsmassen
sehr eisenhaltig sind, es liegt so zu sagen auf der Oberfläche und
mit leichter Mühe sammeln es die Bewohner, denn eisenhaltige Steine,
wie ich mich selbst habe überzeugen können, liegen in großer Zahl
an den Abhängen des Livingstone-Gebirges zerstreut umher. Einfache
Hochöfen sind es, die zur Gewinnung von reinem Eisen zur Anwendung
kommen. Aus Thon fest aufgeführte Röhren, die mit einem starken Mantel
umgeben sind, werden solche zum Theil mit zerkleinertem Eisenstein,
zum Theil mit Holzkohle angefüllt; am Boden befinden sich meistens
drei Feueröffnungen, die die Luftzirkulation ermöglichen. Die in Gluth
gerathene Kohle entwickelt solche enorme Hitze, daß in verhältnißmäßig
kurzer Zeit das flüssig gewordene Eisen abfließt. Erkaltet, muß der
Ofen meistens niedergebrochen werden; die Ausbeute an Eisen aber, wenn
auch nicht groß, verlohnt doch die gehabte Mühe.
So primitiv wie diese Prozedur, ist auch die Bearbeitung des Eisens;
zum Schmiedehammer dient ein Stein, zum Ambos ebenfalls, der Blasebalg
aber ist ein Ziegenfell. Einer getödteten Ziege wird das ganze Fell
so abgezogen, daß nur die Hals- und Beinöffnungen vorhanden sind; in
eine der letzteren wird dann ein kurzes Bambusrohr befestigt und damit
dieses an der Feuergluth nicht so leicht verbrennt mit Eisen umgeben,
alle anderen aber werden fest zugebunden. Die Halsöffnung nimmt der
Bläser so in die Hand, daß er die Luft nach Belieben eintreten lassen
kann und zwar, wenn geschmiedet wird, drückt er mit Knie und Armen den
Balg zusammen, wodurch die Luft schnell durch das Bambusrohr austritt
und das Feuer schnell anfacht. Geschick und Uebung mit Ausdauer,
machen es möglich das zähe Material selbst auf so einfache Weise zu
bearbeiten. Man sollte meinen ein aus weichem Eisen hergestellter
Gegenstand, Speer oder Messer, könne keine scharfe Schneide erhalten,
jedoch durch das unausgesetzte Hämmern der so kleinen aneinander
geschweißten Eisentheilchen wird doch eine beträchtliche Härte erzielt,
obschon die Methode, auf einfachere Art Eisen zu härten, den Bewohnern
dieser Gegend noch unbekannt ist.
Weiter nördlich, in das Gebiet des Kiwira und Mbaka-Flusses steigt die
tiefliegende Konde-Ebene allmählich an und man gelangt in die Region
der Krater, die amphitheatralisch sich über die ganze weite Strecke von
der Felsenwand des Livingstone-Gebirges bis zu den genannten Flüssen
erstrecken; hier hat die zersetzte Lava einen überaus ertragfähigen
Boden hinterlassen und die denkbar reichste Vegetation blüht auf dem
Trümmerfeld erloschener Vulkane. Zudem fördert reichlicher Regen selbst
in der eigentlichen Trockenperiode das Wachsthum der Flora ungemein,
Bananen, Palmen (Fächerpalme), Bamboo, Schlingpflanzen etc. bedecken
überall den Boden. Durchfurcht von langgestreckten Thälern, die sich
zum Nyassa-See erweitern, hebt sich zu einer Höhe von 4000´, vielfach
in Kegelform und umgeben von zerklüfteten Massen, das vulkanische
Plateau über die Konde-Ebene empor; Lavaströme, Aschenfelder, heiße in
Thätigkeit befindliche Schwefelquellen geben der ganzen, im Schmucke
überreicher Vegetation erscheinenden Gegend einen ausgesprochenen
plutonischen Charakter.