richtete ich den Kurs des Schiffes nun direkt auf die Westküste zu
und im flacheren Wasser, auf eine Seemeile Abstand vom Lande südwärts
laufend, fand ich endlich gegen 1 Uhr Nachmittags einen einigermaßen
guten Ankerplatz. Daß ich mit dem Schiffe nicht eher hatte herankommen
können, lag daran, weil die ganze Strecke, von 5 Meilen unterhalb von
Kota-Kota bis wo die Bentje-Inseln in Südost-Richtung gepeilt wurden,
also 12 Meilen lang, mit tausenden ober- und unterhalb der Wasserfläche
liegenden Rocks und Steinen besäet war und es den Anschein hatte, als
hätte der Zahn der Zeit oder eine andere Naturkraft hier eine einst
kompakte Felsenmasse in Trümmern gelegt. Selbst die Ankerstelle war von
solchen großen Steinen umgeben und nur Raum genug, daß das Schiff vor
seinem Anker schwoien konnte. Sobald eine genügende Zahl der Atonga an
Land gesetzt war, unternahm ich mit den Leuten eine Streife durch die
nähere Umgebung, fand auch an den Ufern eines in der Nähe befindlichen
kleinen Flusses viele Bäume, jedoch zu wenig trockenes Holz. Weiter
landeinwärts, in einem mehrere Acker großen dichten Buschwald fanden
wir zwar mächtige abgestorbene Bäume, allein das Unterholz war zu
dicht, um an ein Fällen geeigneter Stämme denken zu können, auch war
es aus dem Grunde schon nicht rathsam, in diesem zu verweilen, weil
Schlangen und giftiges Ungeziefer den Beinen und nackten Körpern der
Atonga gefährlich werden konnten. Besser gelang es uns außerhalb des
Busches aufgefundene Stämme niederzulegen und zu zersägen, sodaß wir
bis zum Abend einige Boote voll Holz am Strande aufgestapelt hatten.
Während an Ort und Stelle das Zerkleinern des Holzes vorgenommen wurde,
was bei hellen Feuern geschah, die genährt und unterhalten wurden durch
herbeigeschleppte trockene Blätter der Fächerpalme, kam eine Kolonne
von etwa 100 Atonga anmarschirt, die für die Nacht hier rasten wollten.
Es waren Leute, die den weiten Weg von Blantyre zu Fuß zurückgelegt
hatten, um in ihre Heimath zurückzukehren, und uns stolz ihre Schätze
zeigten, den Lohn halbjährlicher Arbeit. Was mir besonders aber
auffiel, war, daß sämmtliche Capitaos mit neuen Vorderlader-Gewehren
abbezahlt waren, somit von den englischen Händlern, für die diese Leute
gearbeitet hatten, das bestehende Verbot, »an keinen Eingeborenen
Waffen zu verkaufen«, wieder einmal umgangen worden war.
Auf meine Erkundigungen hin erfuhr ich auch den Namen dieser Ortschaft:
»Molomba«; es habe hier einst, wie ein Capitao mir versicherte, ein
größeres Dorf gestanden, das von Sklavenhändlern überfallen, die die
Bewohner getödtet oder weggeführt haben, von den Flammen zerstört wurde.
Unsere Feuer, hell in der sternklaren Nacht über die Wasser
aufleuchtend, hatten wohl einige Flußpferde herbeigelockt, die ihr
dumpfes Grunzen ob der Störung in ihrem sonst so stillen Gebiet ertönen
ließen und nicht übel Lust bezeugten, das zwischen Schiff und Land
hin und herfahrende Boot anzugreifen, auch als ich um 9 Uhr Abends an
Bord zurückkehrte, tauchten mit dieser löblichen Absicht zwei Kolosse
neben dem Boote auf und erst einige zugeschickte Kugeln ließen die
aufgeregten Thiere in die Tiefe verschwinden.
Am nächsten Tage, der See war ruhig und die im Sonnenlicht blitzende
Wasserfläche spiegelglatt, dachte ich die Bentje-Inseln zu umlaufen
und direkt nach Monkey-Bai zu fahren, doch da Spenker, der
Maschinenmeister, im Zweifel war, ob unser Holzvorrath ausreichen
würde, so hielt ich auf Leopard-Bai, wo mehr Holz zu finden sein
sollte. Wir ankerten hinter dem Berge Rifu auf 300 Meter Entfernung vom
Lande, auf 12 Fuß Tiefe, weil die langgesteckte kleine Bai versandet
und flach, eine weitere Annäherung für den Dampfer nicht gut gestattete.
Kap Rifu ist durch eine Ebene, etwa 2000 Meter breit, von dem über
2000 Fuß hohen Gebirgsstock Mont Isenga und dessen Ausläufer getrennt
und erhebt sich dicht am See in felsigen Massen; hinter diesem Kap
aber liegt das feindliche Dorf Kuturu, daher war es eigentlich etwas
gewagt, hier zu landen, zumal der Dorfbevölkerung, Freunde und
Verbündete des am andern Seeufer herrschenden mächtigen Häuptlings
Makangila, nicht zu trauen war; denn immer besorgt, ihr Hauptgeschäft,
die Sklavenausfuhr zwischen Kuturu und Losefa, durch die Europäer
gefährdet zu sehen, standen sie gegen die Engländer stets in Waffen.
Waren doch bei Pandimba, wenig unterhalb Losefa, wo früher die Domira
einmal mit Streitkräften landete, um die Macht Makangilas in dem
Sklavenport zu brechen, die Engländer unter Verlusten zurückgeschlagen
worden (Kapitän Maguire wurde hier getödtet). Sobald alle verfügbaren
Leute an Land geschafft und Vorkehrungen getroffen waren, etwaige
feindliche Absichten der Bewohner Kuturus zu verhindern -- die an
Bord befindlichen Suaheli standen Vorposten -- ging ich mit der
Mannschaft, den Gängen der Flußpferde im dichten Rohr und Gebüsch
folgend, vor, bis die vorgelagerte Niederung durchschritten, wir am
Fuße der gewaltigen Felsmassen nach trockenen Bäumen Umschau halten
konnten. Nirgends habe ich solch ein Chaos von Steinmassen gesehen,
wie hier, die zu tausenden dicht am Fuße dieser Felswände zerstreut
lagen. Ueber und nebeneinander gethürmt, schienen diese Granitmassen
wie von Gigantenhänden umhergeworfen zu sein; haushohe Blöcke,
durch die ungeheure Kraft der Sonne in Verbindung mit Feuchtigkeit
senkrecht durchspalten, ließen erkennen, wie allmählig im Laufe der
Zeiten das Zerstörungswerk vorgeschritten ist. In klaffende Spalten
dieser riesigen Steinblöcke zwängte ich mich hinein und konnte dann
sehen, wie schnurgerade diese harte Masse durchspalten war, und kühn
behaupten kann ich, daß kein Sprengstoffe im Stande gewesen wäre, in
gleicher Weise solche gewaltigen Blöcke mitten durch zu sprengen. Dies
Conglomerat von umhergestreuten Felstrümmern, von der 2000 Fuß hohen
steilen Gebirgswand abgesprengt, konnte nicht ein Produkt der alles
zerstörenden Zeit und der einwirkenden Sonnenkraft sein, vielmehr,
worauf ich eingehend zurückkommen werde, hat hier, wie überall an den
Felsmassen, die den See umgeben, in grauer Vorzeit eine ungeheure
Gewalt ihre Kraft erprobt.
Leopard-Bai hat der Forscher diese kleine Bucht benannt und mit Recht,
denn in dieser Steineinöde, in den labyrinthartigen Gängen giebt es für
das gefährliche Raubtier keinen besseren und sicheren Zufluchtsort. Die
Ebene zwischen Rifu und Tsenga, von allerlei Wild belebt, das diesen
einzigen Zugang zum See offen hat, um nächtlicher Weile zur Tränke zu
kommen, ist für den Leoparden und Panther ein ergiebiges Jagdgebiet.
Dumpf hallte in mancher Nacht das zornige Knurren dieser großen Katzen
an der Felswand wieder, und habe ich auch nur einmal hier am Tage den
schleichenden Räuber gesehen, so vernahm ich zu Zeiten, wenn ich hier
vor Anker lag, in den stillen Stunden der Nacht doch immer jene, vom
Echo über das Wasser getragenen Laute.
Nach längerem Suchen fanden wir in genügender Zahl trockene Bäume, nur
Schwierigkeit machte es, das Holz von der Höhe herab und zwischen die
Steinmassen hindurch zum Strande zu schaffen, aber viele Hände machen
der Arbeit bald ein Ende -- so war auch bis zum Abend unser Bedarf
reichlich gedeckt.
Die Methode der Atonga, im freien Wasser Fische zu fangen, lernte ich
hier auch kennen; erblickten sie einen Schwarm abertausend kleiner
Fische im flachen Wasser, die vor dem Boote herflohen, sprangen sie,
wenn zahlreich genug, in das Wasser und sich schnell im Halbkreis
vertheilend, trieben sie solche vor sich her, indem sie gleicherzeit
ihre Lendentücher als eine Art Netz benutzten, sie fingen auf diese
Weise eine beträchtliche Zahl fingerlanger Fische. Primitiv, oder gar
nicht gereinigt, wurden die getödteten Thiere dann auf dünnen Stäben
aufgespießt und meistens sofort an Feuern geröstet. Die Eingeborenen
sind stets sehr begierig nach Zündhölzern, die ihnen die Mühe
ersparen, auf ihre Weise Feuer zu machen, darum bieten sie auch für
eine Schachtel einen beträchtlichen Gegenwerth; haben sie aber keine
Zündhölzer, wird auf einem weichen Stückchen Holz ein zugespitzter
Stab von hartem Holz senkrecht aufgesetzt und dieser dann zwischen den
flachen Händen schnell gequirlt, es erzeugt die rasche Reibung Rauch
und Feuer auf dem weichen Holz und eine Hand voll trockenes Gras ist
schnell in Flammen gesetzt. Auf dem Marsche haben sie meist immer
einen glimmenden Holzscheit, der zum Bedarf mitgeführt, die Mühe des
Feuermachens ihnen erspart, droht die schwache Gluth zu erlöschen,
schwingt der Träger das Holz durch die Luft und facht es so von neuem
an.
Da unsere Expedition von Kolonialfreunden mit manchem Gegenstand
bedacht worden war, worunter auch große Fischnetze, so habe ich später
solche häufig benutzt, um, wo es angängig, prachtvolle Fische uns zu
fangen. Karpfen, Bleie und andere, unsern besten Fischen in der Heimath
zu vergleichen, wählten wir am liebsten aus der großen Zahl aus, was
nicht verzehrt werden konnte wurde geräuchert; nur darauf mußten wir
achten, ehe jede Art uns bekannt war, daß wir keine giftigen Fische
wählten. Waren es auch nur wenige Arten, so war es doch rathsam bei der
Auswahl jedesmal einen Eingeborenen hinzuzuziehen. Einst vom Norden des
Sees zurückkommend, hatte ich fast 200 Eingeborne verschiedener Stämme
an Bord, für die ich nirgends genügend Proviant hatte aufkaufen können,
auch wider Erwarten durch Wind und Seegang aufgehalten, erreichte ich
erst Leopard-Bai, als ich mit dem Schiffe schon vor Port Maguire sein
sollte. Da die Leute hungrig waren (seit zwei Tagen hatten sie nichts
mehr zu essen gehabt) äußerten sie den Wunsch an Land gehen zu dürfen,
sie wollten versuchen sich Fische zu fangen. Ich hatte kaum Zeit und
Gelegenheit gehabt, in dieser Bai fischen zu können, daher glaubte ich,
ein Versuch würde nicht schaden und mit 26 Mann im Boot begann ich
unser Netz im weiten Bogen auszustellen. Darauf wurden alle Leute ins
Wasser geschickt, damit sie an den Flügeln des Netzes aufgeschlossen,
dieses an Leinen strandaufwärts ziehen sollten, und bald sah ich, daß
eine Unmasse Fische gefangen waren.
Eitel Jubel und Freude war es, solch einen Reichthum durch einen
einzigen Zug erhalten zu haben; bei der Vertheilung an Bord ergab eine
flüchtige Zählung 530 Fische, die zum größten Theil noch am selben
Abend verzehrt wurden.
Nachdem Monkey-Bai am nächsten Tage erreicht worden war, wurde dort so
viel Feuerholz als möglich aufgekauft, auch überzeugte ich mich auf
welche Weise die Eingebornen so viel trockenes Holz gewinnen können,
da in so wenig Tagen eine beträchtliche Masse herangeschafft worden
war. Ihre Methode ist einfach genug. Sie wissen nämlich, daß grünes
Holz ihnen nicht abgenommen wird, deshalb lösen sie die Borke von
vielhundert Bäumen und lassen diese absterben und dann erst, wenn die
Stämme ausgetrocknet sind, werden sie gefällt. Zurückgekehrt nach Port
Maguire, warteten wir unthätig auf die Ankunft des Majors von Wißmann,
der nach den letzten Nachrichten bestimmt mit der Domira eintreffen
wollte. Indes als am 15. September die Domira zurückkam war der Major
nicht an Bord, vielmehr nur der Befehl, der »H. v. Wißmann« sollte so
viel als möglich von den Beständen des Lagers an Bord nehmen und dann
die Reise nordwärts nach der Station Langenburg antreten.
Zwei Tage später, am 17. September, mit mehreren Passagieren an
Bord, unter denen ein deutscher Missionar, Herr Wolf, der für die
Missionsstation Wangemannshöhe bestimmt war, verließ ich die Station
und über Monkey-Bai direkt weiter, fuhr ich unter der hohen steilen
Felsenküste an der Ostseite des Sees entlang, der größten Insel im
Nyassa-See Likoma zu. Die ganze Küstenstrecke von Malambe Point 13°
25´ S. Br. bis Cap Mala 12° 12´ S. Br. erscheint, wenn man geraden
Weges, ohne den Einbuchtungen zu folgen, auf einige Meilen Abstand
vorbeifährt, als eine mächtige Gebirgskette, die immer höher nach dem
Innern zu ansteigt, bis solche zu dem 6-7000 Fuß hohen Plateau übergeht.
Einen reizvollen Anblick gewährt es im hellen Sonnenlicht über die
tiefblaue unergründete Fluth hinsegeln zu können; der See, vom frischen
Ostwinde leicht bewegt, der die schneeweißen Segel des Schiffes straff
aufbläht, war es gewiß nicht zu verwundern, wenn, wo immer wir dem
Lande nahe kamen, die Eingebornen in hellen Haufen herbeiströmten, um
dieses noch nie gesehene Schauspiel näher zu betrachten. Auch auf den
Beobachter macht die wechselvolle großartige Scenerie einen erhebenden
Eindruck; gleich einem gewaltigen Meerbusen liegt der See ausgebreitet
da, Nord und Süd eine unbegrenzte Wasserfläche und nur nach Westen
heben sich die Bergmassen des Angoni-Hochlandes in schwarzblauer
Färbung über dem Horizont empor.
Da auch ich noch ebenso unbekannt war mit der ganzen Küste wie der
Kapitao Kambajalika, der mir nur den Hafen von Likoma 12° 7´ S. Br.
und 34° 45´ O. Lg. näher zu bezeichnen wußte, so mußte ich in der
Dunkelheit, 6-1/2 Uhr Abends über Cap Mala hinaus weiter dampfen und
versuchen, die von diesem Punkte aus erst sichtbare Insel Likoma
noch zu erreichen. Tiefe Nacht war es, als das Schiff zwischen Rocks
und vorliegende Felseninseln hindurch langsam in die ziemlich offene
Bai einfuhr, und erst dicht unter Land fiel der Anker auf 30 Fuß
Wassertiefe.
Im Sonnenlichte des neuen Morgens aber zeigte sich dem erstaunten Blick
ein neues Bild voll eigenartiger Gestaltung; nicht hohe aber desto
zerrissenere Felsmassen, bestreut mit bröckelndem Gestein, kegelförmige
Hügel, deren Kronen abgerundet, die alle ein gleichmäßiges Aussehen
hatten, ließen die Inseln fern und nah wie ein großes Trümmerfeld
erscheinen. Jahrtausende haben hier wenig Einfluß geübt, als auf den
kahlen Felsen nur eine kümmerliche Vegetation Fuß gefaßt und ein
spärlicher Baumwuchs seine Wurzeln im harten Gestein geschlagen hat.
Auffällig waren nur nahe dem Strande einige mächtige Baobab-Bäume,
Zeugen grauer Vorzeit, die ihre viele Jahrhunderte alten Kronen in den
Lüften wiegten.
Vom Ufer aufwärts führte ein primitiver Weg zu der nach Norden von
hohen Felsen geschützten Mission »Universities Mission«. Der flache
große Platz ist von einer Felssteinmauer umgeben; hin und wieder nur
einige Büsche und niedrige Bäume, bietet er dennoch dem Besucher einen
überraschenden Anblick dar, ganz anders als wie man sich die Anlage
einer großen langjährigen Missionsstation denken würde. Vollständig
unregelmäßig, ohne jeglichen Plan oder Symmetrie, liegen die aus
Baumstämmen mit Rohrwänden und Grasdächern kunstvoll errichteten Häuser
der Missionare zerstreut umher, jedes Haus, mit Absicht getrennt, für
sich allein, ebenso das Schulhaus, die Zimmer- und Schmiedewerkstatt,
die Druckerei und ganz zurück die große, aus Steinen aufgeführte
Kirche mit einem mächtigen Grasdach über die starken, aber primitiven
Mauern. Die ganze Anlage wird auf Jeden anfänglich einen unschönen
Eindruck machen, aber bedenkt man, daß auf der Insel kein anderes
Material vorhanden ist, vor allem, wie in Bandawe kein Lehm- und
Thonlager, so muß man doch zugeben, es ist mit großem Geschick und
Benutzung der gebotenen Mittel viel gethan worden. Seit Begründung
der Mission im Jahre 1876 war die Lage der Häuser von vornherein eine
andere gewesen, aber seitdem im Jahre 1892 eine Feuersbrunst die ganze
Station, einschließlich der Kirche bis auf den Grund zerstört hatte,
hat namentlich der Archdiakon Mapple eine möglichst getrennte Lage
aller Bauten eingeführt, um so dem verheerenden Element nicht wie
früher ein schnelles Umsichgreifen zu ermöglichen. Jeder Tropfen Wasser
muß durch die weiblichen Zöglinge vom See heraufgeholt werden, die mit
Gefäßen auf den Köpfen, das köstliche Naß, wie es klarer und reiner
kein Brunnen liefern könnte, aus der Fluth schöpfen, und so ist es wohl
erklärlich, daß aus Mangel an Wasser ein einmal ausgebrochenes Feuer
nicht mehr eingedämmt werden kann.
Aufs Freundlichste jetzt und zu jeder Zeit, so oft auch der »H. v.
Wißmann« in Likoma zu Anker lag, von den Missionaren begrüßt, war es
mir ein um so lieber Aufenthalt, als eine gewisse Herzlichkeit und
gegenseitiges Wohlwollen uns Deutsche mit den englischen Missionaren
verband. Wochenlang haben später der Bischof Hornby, Dr. Robinson und
andere mit dem deutschen Schiffe Erholungsreisen auf dem See gemacht,
und dem uneigennützigen Streben, der für das Christenthum hier in
so weltentlegener ferner Gegend wirkenden Männer kann man nur alle
Hochachtung zollen.
Wie schon beim ersten Anblick Felsen und Felstrümmer ins Auge fallen,
so bleibt diese Erscheinung auf der ganzen großen Insel sich überall
gleich. Der wenig fruchtbare Boden verspricht nur einen mäßigen
Ertrag, und etwas erstaunt war ich, zu hören, daß diese doch über
2500 Einwohner zählt; freilich, ein großer Theil der Bedürfnisse
wird mittelst Canoes von dem 6 Seemeilen entfernten Festlande
herübergebracht und zu Zeiten, wenn die Ernte kümmerlich ausgefallen
ist, soll sich ein enger Handelsverkehr zwischen Insel und Land
entwickeln. Auch mächtige Häuptlinge am Festlande üben eine gewisse
Oberhoheit noch über die Bevölkerung aus und öfter haben die Missionare
unerhörte Ansprüche derselben ernstlich zurückzuweisen. Schlimm für die
Bewohner der Insel ist es, daß eine Unmenge giftiger Schlangen, denen
im Felsgestein nicht beizukommen ist, hier sich aufhalten, und keine
Woche soll vergehen, in welcher nicht mehrere gebissen werden. Das Gift
der Schlangen ist unbedingt tödtlich, dennoch werden viele von den
Missionaren gerettet, wenn sie sich sofort zur Mission bringen lassen;
vernachlässigte Fälle ziehen manchen, sobald sie zu spät einsehen, daß
die Kunst ihrer Zauberer sie nicht retten kann, ein langes Siechthum
zu. Zum Beispiel, wenn Giftzähne in der Wunde geblieben, versucht der
Medizinmann solche auf folgende Weise zu entfernen: zuerst nimmt er
von vier verschiedenen Wurzelarten kleine Stückchen, kaut diese mit
etwas Holzkohle und Salz zu einem Brei und saugt dann, die Mischung im
Munde behaltend, so lange an der bezeichneten Stelle, wo die Giftzähne
sitzen sollen, bis durch Beißen und Quetschen mit den Zähnen diese
herausgedrückt sind. Die Giftzähne hebt der Medizinmann sorgsam auf,
um sie mit irgend einer Daua (Medizin) zu vermischen, die als ein
Mittel gegen den Schlangenbiß betrachtet wird. Die Thätigkeit der
Missionare beschränkt sich nicht auf Likoma allein, vielmehr an der
portugiesischen Küste, den Orten Kaango, Utonga, Umba, Panzo, Pachia,
Msomba und andere sind Kirchen und Schulen errichtet, wo Zöglinge als
Lehrer und Prediger schon fungiren. Die nothwendige Verbindung mit der
Hauptstation unterhält der kleine Missionsdampfer »Charles Janson«, ein
flinkes Fahrzeug, mit dem der Prediger, Mr. Johnson, immerwährend von
Station zu Station unterwegs ist.
Mit der ganzen Küste weiter nordwärts völlig unbekannt, konnten mir
auch die Missionare keine nähere Auskunft geben, als nur den Rath,
da ihres Wissens nirgendwo Feuerholz zu erlangen sei, das Schiff mit
solchem genügend zu versehen. Den mir in Vorschlag gemachten Plan,
lieber einen Tag zu versäumen und nach dem Festlande, dem Orte Kaango
hinüber zu laufen (12° 5´ S. Br. 34° 51´ 45´´ O. Lg.) und dort gegen
Salz und Perlen Holz einzutauschen, acceptirte ich um so lieber, als
dort der Bedarf reichlich gedeckt werden würde und wir dem aus dem Wege
gingen, vielleicht irgendwo an der Küste Holz suchen zu müssen.
Am 20. früh setzten wir die Reise fort und fuhren unter der hohen
steilen Felsenküste auf einen Abstand von etwa 5 Meilen entlang,
möglichst direkt von Cap zu Cap, wie ich die vorspringenden Bergmassen
bezeichnen kann. Einen schönen Anblick gewährten die Conturen der über
7000 Fuß hohen Gebirge, tiefe Schluchten und Thäler öffneten sich, von
steilen Felswänden stürzten aus gewaltiger Höhe Wasserfälle herab,
die im Sonnenlichte gleich Silberfäden erglänzten, durch den Sturz in
die Tiefe aber Wasserdämpfe erzeugten, in denen sich die Farben des
Regenbogens in reinster Klarheit spiegelten. Zwar Berg und Höhen mit
dichtem Busch und Baumwuchs bestanden, zeugte dennoch die Oberfläche
der Felsen von der gewaltigen Zerstörung der Wassermassen; die
reißenden Sturzbäche, die im wilden Laufe alles mit sich nehmen, haben
tiefe Furchen in die ursprünglichen Formen gegraben und nur die Spitzen
der Granitmassen zeigen noch die uralte Formation. Bis zum Abend
hatten wir 90 Seemeilen zurückgelegt und auf 10° 50´ S. Br. angelangt,
suchte ich an verschiedenen Stellen, wo eine kleine oder größere Bucht
einigen Schutz versprach, einen Ankerplatz, allein meistens auf ein
bis zwei Schiffslängen dem Ufer nahe gekommen, lotheten wir noch 25,
20, 15 Faden Wassertiefe (1 Faden = 6 Fuß) und völlige Dunkelheit
war eingetreten, ehe an einem ungeschützten Platz weniger Wasser
gefunden wurde. Wo immer das Schiff so nahe dem Ufer kam, liefen die
Eingebornen, die furchtsamen Wampotto, mit ihrem geringen Hab und Gut
in die Berge und verbargen sich hinter Felsblöcke; sie haben wohl noch
nie einen weißen Mann, noch nie vorher ein Schiff gekannt, das gleich
einem grauen Ungethüm so schnell daher kam, darum scheuchte der erste
Anruf auch die waffenführenden Männer hinweg und alles Winken und Rufen
war vergeblich. Von Furcht und Schrecken aber wurden sie erst erfaßt,
als ich einsehend, alle Liebesmüh sei vergeblich, die dumpfheulende
Dampfpeife zog, deren mächtiger Ton ein hundertfaches Echo an den
Felsen weckte. Auch aus dem Dorfe, vor welchem wir schließlich
Ankergrund gefunden hatten, flohen die Bewohner.
Hier zuerst zogen die Pfahlbauten, von denen viele Ueberreste im
nördlichen Theil des Sees noch vorhanden sind, die Aufmerksamkeit auf
sich; viele im Wasser eingebohrte lange Pfähle dienten früher dazu,
die Hütten der Eingebornen zu tragen, die dicht aneinander gedrängt,
ein ganzes Dorf ausmachten. Ein solches war für die von ihren Feinden
hart bedrängten Küstenbewohner dann eine sichere Zufluchtsstätte, da
der herankommende Gegner im Wasser ungeschützt, den Pfeilen und Speeren
der Vertheidiger ausgesetzt, sich nicht weiter vorwagen durfte und sich
mit dem aufgegriffenen Vieh, einigen Gefangenen, die in die Sklaverei
geschleppt wurden, begnügen mußte.
Seit der Zeit, daß die mächtigen Wagwangwara, die armen Wakissi und
Wampotto tributpflichtig gemacht haben, sind die Pfahlbauten in Verfall
gekommen, wenigstens selten nur findet man noch eine Hütte auf solchen
erbaut. Um die aberhundert Pfähle, die zu einem Dorf benöthigt wurden,
im harten Grunde fest einzubohren, bedienten sich die Eingebornen
folgender Methode: der oft nicht gerade Baumstamm wurde nach unten
zu angeschärft, dann fest aufgesetzt und mit primitiv an diesem
befestigten Hebeln fortwährend gedreht, bis der Pfahl fest und sicher
stand.
In der Voraussetzung, daß der nächste Tag uns bei guter Zeit nach
der Rambira-Bai, Station Langenburg bringen würde, die Distanz von
annähernd 70 Seemeilen glaubte ich bequem zurücklegen zu können,
eilte ich am nächsten Morgen nicht zu sehr, sondern, nicht allzu weit
von Amelia Bai, heute Wiedhafen, suchte ich, vorsichtiger unter Land
laufend, die große Bai und ihre Umgebung näher in Augenschein zu
nehmen, zumal ich ohne Karten, ohne jeglichen Anhalt mich vorläufig auf
flüchtig, im Vorüberfahren aufgenommene Skizzen zu orientiren suchen
mußte. Von Cap Bango tritt das hohe Livingstone Gebirge unmittelbar zum
See heran und von hier in ununterbrochener Linie heben sich die 2 bis
3000 Fuß hohen Felsmassen steil und direkt aus dem See empor. Manche
Bucht und mancher Felsvorsprung unterbricht die Küstenlinie, aber
nirgends findet sich ein geschützter Punkt, außer in der Kaiser Bai,
wo ein Schiff mit Sicherheit ankern könnte, wenn die Wassertiefe unter
Land nicht zu groß wäre.