Mit schlauer Berechnung sind auch hier im Nyassa-See von den Arabern

die flachsten verborgensten Winkel ausgesucht, um das schmähliche

Gewerbe ungehindert betreiben zu können; die Schleichwege über die

Untiefen hinweg sind nur den Führern der Sklavendhaus bekannt, und

gelingt es nicht, auf freiem Wasser die Menschenräuber zu überraschen,

entkommen sie unbelästigt.

Ich sah die Unmöglichkeit ein, mit dem großen Schiffe dem Ufer näher

zu kommen, deshalb suchte ich mir den Weg ins tiefe Wasser zurück und

den felsigen Bentje-Inseln näher gekommen, nahm die eigenthümliche

Beschaffenheit derselben meine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch.

Die Hauptinsel, ein runder 500 Fuß hoher, vollständig kahler Kegel,

scheint nach allen Seiten hin wie abrasirt; am Fuße nur befindet

sich ringsum ein Kranz verkrüppelter Bäume und Sträucher und zeigt

wie wenig die Vegetation hier hat Fuß fassen können. Auch die nach

Südost abliegenden zwei niederen kaum 100 Fuß hohen Massen bilden,

getrennt von einander durch schmale Passagen, ein Conglomerat von

übereinander gethürmten Felsmassen. Was aber das Eigenthümlichste

ist, diese niedrigeren Inseln erscheinen auf jeder Entfernung wie

mit Schnee bedeckt, und Baum und Strauch spärlich vertreten, bieten

das Bild einer eintönigen Winterlandschaft dar. Der Grund dafür

ist der, jedes Felsstück, jeder Baum ist mit einer Guanoschicht

überdeckt und infolgedessen erscheint alles weiß. Tausende Vögel,

als Cormorane, Pelikane, Fischadler, Gänse und Enten etc. haben hier

ihren Aufenthalt und Brutstätte. Keines Menschen Fuß betritt diese

Inseln, kein Geräusch, als die nur oft wild gegen die steilen Felsen

anstürmenden Wogen des Sees, stört die Thiere hier; da Nahrung in

Ueberfluß vorhanden ist, so konnten sich die friedlich bei einander

hausenden Vogelarten keinen gelegeneren Ort auswählen. Aus großer Tiefe

aufstrebend, sind diese Felsen eine starre todte Masse und es war dicht

unter Land kein Ankergrund zu finden; erst später als Forschungsreisen

gemacht wurden, gelang es mir an der Nordseite, geschützt gegen den

südlichen Wind, einen sicheren Zufluchtsort zu finden.

Die Gebirgszüge, die unterhalb Kap Rifu schon weiter zurücktreten

und erst einige Meilen landeinwärts schnell bis 6000 Fuß ansteigen,

lassen infolgedessen die ganze Küste auf eine beträchtliche Strecke

nordwärts flach verlaufen und ebenso verflacht auch der See, obwohl

auf einer Seemeile Abstand immer noch genügend Wassertiefe ist. Von

12 Fuß schnell zunehmend, bis 60, fällt der See bis zu hunderten von

Fuß plötzlich steil ab und meine über 500 Fuß lange Lothleine hat

selten nur den Grund berührt. Da das Wasser klar ist, so läßt sich

jede Veränderung in der Tiefe leicht wahrnehmen, was für mich vorerst

von großem Vortheil war, weil ich auf diesen unbekannten Gewässer

vorsichtig sein mußte.

Schon dunkelte es, als wir uns den weitausliegenden Sandbänken vor

Kota-Kota, die im Laufe der Zeiten niedrige Inseln geworden sind,

näherten, und als diese nach Weisung des Kapitaos Kambajalika, der

mehrmals hier schon gewesen war, umsteuert waren, mußte der geringen

Tiefe wegen, wohl 2 Seemeilen vom Ufer entfernt, geankert werden.

Wie überall im Nyassa-See, der seit seiner Entstehung eine sehr

beträchtliche Tiefe hat, wo solche Verflachungen sich finden, sind

diese Anschwemmungen durch im See mündende Flüsse, die das Material von

den Bergen herabschwemmen, entstanden. Und wie bedeutend die Zufuhr

sein muß erhellt daraus, daß, wo immer sandige Ufer oder sumpfige

Niederungen sich finden, diese im Laufe der Jahrtausende auf dieselbe

Weise gebildet wurden.

Obgleich es ganz dunkel geworden war, ehe das Schiff sicher zu Anker

lag, wollte ich dennoch für die Landung der schwarzen Polizeisoldaten

nicht den Morgen abwarten, sondern, um Zeit zu gewinnen, ließ ich

sogleich das Boot in Bereitschaft setzen, und geleitet von dem

Wunsch, den berüchtigten und gefürchteten Häuptling Jumbe bei dieser

Gelegenheit auch kennen zu lernen, übernahm ich die Führung des Bootes

selber.

Jumbe's Residenz, sowie das ganze Dorf Kota-Kota ist durch hohe

Bäume und Gebüsch verdeckt und deshalb auch dieser verborgene

Sklaventransport für jeden Unkundigen schwer aufzufinden. Zwischen hier

und dem am anderen Seeufer gerade gegenüberliegenden Orte, Mluluka

wurde seit langer Zeit die Sklavenausfuhr mittelst mehrerer Dhaus

aufrecht erhalten; und ob auch englischerseits das Verbot erlassen

war, der Menschenhandel habe aufzuhören, so waren die Sklavendhaus den

Eigenthümern doch nicht genommen worden, vielmehr setzte Jumbe unter

dem Schutze der englischen Flagge das schmähliche Handwerk fort. Denn

wohl Protektor des weiten Gebiets, waren die Engländer doch nicht

Beherrscher des gewaltigen Sees geworden, einfach aus dem Grunde, weil

es ihnen bisher an Schiffen gefehlt hatte. Meine Unkenntniß des Weges

und die Dunkelheit machten eine genaue Orientirung unmöglich, bald

saßen wir auf Grund, bald befanden wir uns in tiefem Wasser und erst

nach einer Stunde, als die scharfen Augen meiner Leute drei auf den

Strand geholte Dhaus entdeckten mußten wir nahe Kota-Kota sein, wir

hörten auch bald menschliche Stimmen am Strande, die das sich nähernde

Boot anriefen.

Als wir mit dem Boote landeten, war ich sofort von einer Anzahl

schwarzer Gestalten umzingelt, die meine Frage nach der Behausung des

Häuptlings mit der Gegenfrage beantworteten, was das für ein Schiff

sei, was da draußen liege; erst als hinter mir die bewaffneten Soldaten

herangekommen waren, änderte sich das Benehmen der Kerle und mehrere,

jetzt aufgefordert uns den Weg zu weisen, weigerten sich nun nicht

mehr. Das Gerücht von der Ankunft eines weißen Mannes hatte sich mit

Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet und von allen Seiten strömten die

Bewohner herbei. Dem Hause des Häuptlings nahe gekommen, waren vor und

unter der vorgebauten Veranda schon hunderte Eingeborene versammelt,

sodaß ich durch eine Phalanx von Neugierigen mußte, geleitet von

entgegengesandten Boten, die den Weg freihielten. Zum Eingang gelangt,

stand unter dem Vorbau, umgeben von seinem Hofstaat, der Häuptling,

ein alter schwarzbrauner Araber, der meinen Gruß, »Jambo, Fumo«, mit

dem Gegengruß »Jambo sana, bwana« erwiderte und mir die Hand reichend,

lud er mich ein, neben ihm auf ausgebreiteten Matten und schmutzigen

Polstern Platz zu nehmen.

Erst jetzt, beim flackernden Lichte einiger von Sklaven

herbeigebrachten Talgkerzen, konnte ich mir diesen Sultan näher

anschauen, der mit untergeschlagenen Beinen, umgeben von seiner ganzen

Pracht, würdevoll auf seinem Throne saß. Alt und verfallen, das Gesicht

voller Runzeln, der vorstehende Oberkiefer mit den schmutzigen, von

immerwährendem Betelkauen rothen Zähnen, saß die zusammengedrückte

Gestalt, fortwährend von hohlem Husten geplagt, vor mir und suchte sich

einen Anstrich von Würde und Macht zu geben. Nicht die abschreckende

Häßlichkeit, vielmehr der lauernde, trotz des matten Auges noch

grausame Blick war es, der mich abschreckte, und das Vorurtheil,

welches ich gegen diesen Menschenhändler gefaßt hatte, noch bestärkte.

Auch später, wenn ich durchaus mit diesem Halbaraber verhandeln

mußte, schwächte sich der erste Eindruck nicht ab. Seine geriebene

Pfiffigkeit, mit welcher er mich später bewegen wollte, ihm Zucker,

Mehl und Salz für einen Elfenbeinzahn zu überlassen, als wenn ich den

Werth eines solchen nicht zu schätzen wüßte, wirkte unangenehm. Dieses

Lockmittel, ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Gewünschte ihm als Geschenk

zu überlassen, beachtete ich aber nicht, worauf er mir wüthend sagte:

»Die Engländer geben es mir dafür, warum giebst Du es nicht?«

Peinlich berührt durch die versammelte Menschenmenge, die dicht um uns

zusammengedrängt, jedes Wort auffing und mich neugierig anstarrte,

beeilte ich mich, ohne viel Worte zu machen, dem Häuptling das für ihn

bestimmte Schreiben zu übergeben. Die 15 Minuten, welche vergingen,

ehe von den Schriftkundigen die arabischen Zeichen entziffert

wurden, waren eine Tortur. Während des darauf folgenden Disputs mit

den Polizeisoldaten spielte Jumbe, der alle werthvolleren, ihm von

Europäern gemachten Geschenke neben sich liegen hatte, anhaltend mit

einer Weckeruhr, deren Glocke er erklingen ließ; er setzte diese bald

vor, bald neben sich, und mir wollte es scheinen, als sollte dieses

Hantieren eine Aufforderung für mich sein, auch mit meinem für ihn

bestimmten Geschenk herauszurücken.

Endlich, als nach meiner Ansicht alles was nöthig gesagt war, auch

meine Frage, ob die Soldaten hierbleiben sollten, bejaht wurde, übergab

ich dem Häuptling zwei Maskattücher und empfahl mich, um aus dieser

Gesellschaft fortzukommen. Mit wiederholtem Händedruck begleitete mich

der alte Sünder bis zum Ausgang; die Höflichkeit schien sich nach dem

Werthe des Geschenkes zu richten, denn auch die Vornehmsten streckten

ihre schwarzen Patschen aus und wollten diese gedrückt haben. Sicher

durch das Labyrinth von Hütten zum Strande geleitet, war ich froh, als

ich mit meinem Boote in die Dunkelheit hinaus fahren und den Weg wieder

zu dem fernab ankernden Schiffe suchen konnte.

Am nächsten Morgen setzte ich die Reise fort und folgte nordwärts

steuernd, der niedrigen, landeinwärts mit dichtem Busch und

Gras bestandenen Küste. Die weite tiefe Bucht von Marenga Sanga

abschneidend, war ich gegen 3 Uhr Nachmittags in die Nähe der felsigen,

steil aus dem See aufsteigenden Makusa-Hügel, die isolirt von dem

weit zurückliegenden Gebirge abgetrennt liegen, angelangt und ankerte

hier am Bestimmungsort Bandawe, in der sehr flachen Bucht zwischen

dem Festland und einigen großen Granitblocks. Da diese Bucht offen

und ungeschützt ist, so bieten die vorspringenden Felsen nur Schutz

gegen den südlichen Wind; die westlichen Winde, die seltener und nur

zur Regenzeit zuweilen mit einer Böe auftreten, sind fast immer

schwach. Gefährlich nur wird der zu Zeiten äußerst heftige Südost-Wind.

Fast immer ist eine langgezogene Dünung wahrzunehmen, die schnell zu

hoher See anläuft, sobald aus der genannten Richtung der Wind zu wehen

beginnt, und dann ist es nicht rathsam mehr, in Bandawe zu ankern, da

es auch völlig ausgeschlossen ist, den Versuch zu wagen, hier landen

zu wollen. Zugänglich für Boote ist nur ein schmaler Uferstreifen,

denn große Steinblöcke, die durch das stetig anspülende Wasser stark

zerklüftet sind und am Strande liegende Felsmassen machen bei Seegang

eine Annäherung gefährlich.

Beim Betreten des Strandes fällt es einem auf, daß der freie Sand

vollständig mit Glimmertheilchen durchsetzt ist, und namentlich wenn

die Strahlen der Sonne darauf fallen, sieht es aus, als wären Millionen

Silberstäubchen umhergestreut, die im Sonnenlichte blitzen und funkeln,

ein Zeichen, daß die vom Zahn der Zeit oder anderen Einwirkungen

allmählich zerstörten Felsmassen Glimmer in Mengen enthalten haben.

Wie überall, wo der »H. v. Wißmann« zuerst erschien, erregte das Schiff

das Staunen der Eingeborenen und was Beine hatte, war am Strande

versammelt. Fast mehr noch stieg die Verwunderung, als die gelandeten

Atonga, mit reichen Schätzen heimgekehrt, ihren Landsleuten erzählten,

woher das große Schiff gekommen sei und wie sie dieses hätten mit

erbauen helfen. Umlagert von der Menschenmenge konnte ich mich am

Strande kaum derer erwehren, die Lust bezeugten, an Bord zu arbeiten,

und nur, wenn ich ihnen bedeutete, daß sie mitkommen könnten, wenn

sie für die Engländer arbeiten wollten, dämpften die meisten ihre

Neugierde, das wollten sie doch nicht. Hauptsächlich um Feuerholz zu

erhalten, welches an Bord stark abgenommen hatte und womit ich nicht

nach Monkey-Bay zurückkommen würde, war ich schon mit einem der ersten

Boote an Land gegangen, um mit den Eingeborenen zu unterhandeln, damit

sie mir solches in genügender Menge beschafften. »Kumi, Kumi« (Holz,

Holz), hallte der Ruf, und bald stürzten Frauen und Kinder fort, aus

dem Dorfe Holz herbeizuschleppen. Meine Andeutung, sie möchten die

Knüppel, denn anderes Holz brachten sie nicht, nur aufzustapeln, ich

würde ihnen dann am andern Tage mit Zeug bezahlen, war ihnen neu. Bald

sah ich ein, daß solche Art Bezahlung hier nicht angebracht sei und so

mußte ich mich bequemen, jedem Einzelnen sein bischen Holz mit Salz

abzukaufen.

Wäre mir die Methode, für Salz oder Perlen Holz aufkaufen zu können,

bekannt gewesen, hätte ich mir von ersterem einen Vorrath mitgenommen,

und zwar nicht unser gutes Kochsalz, sondern von dem Erdsalze, wie

es im Süden die Mpondaleute aus einer salzhaltigen Erde zu gewinnen

wissen, das sie verhältnißmäßig billig verkaufen. So aber war ich nun

gezwungen, für jedes Stückchen Holz eine Prise Salz zu bezahlen, das

alle Weiber und Kinder gleich Zucker aufleckten. Raffinirt aber gingen

sie dabei doch noch zu Werke; denn anstatt für ein ganzes Bündel Holz

dem entsprechend eine Quantität Salz zu empfangen, mußte für jedes

einzelne Stückchen ihnen eine Prise bezahlt werden, und meistens, da

meine Leute es nicht so genau nahmen, kamen sie besser dabei weg.

Für zehn Pfund Salz kaum drei Boote voll schlechtes Holz zu erhalten,

das war mir denn doch ein Bischen zu wenig, und hier wenigstens habe

ich nie wieder mich zum Ankauf von Feuerholz verleiten lassen. Die drei

Tage, welche ich hier in Bandawe bleiben mußte, um die Anwerbung neuer

Atonga abzuwarten, die von schwarzen Kommissionären für das englische

Gouvernement ausgeführt werden sollte, benutzte ich dazu, um der

schottischen Mission, oben auf den Makusa-Hügeln erbaut, einen Besuch

abzustatten. Von einem Führer geleitet, stiegen wir anfänglich durch

verkrüppeltes Gebüsch auf schmalen Fußpfaden aufwärts und kamen bald

zu einem langen regelrechten Weg, der zur Höhe des Bergkammes führte.

Das erste, was sich hier den Augen darbot, war eine lange Reihe nach

europäischer Art ausgeführter Häuser.

Etwa 400 Fuß auf dem zur Straße erweiterten Weg fortgeschritten, stand

ich vor dem gefälligen Wohnhause des Leiters der Mission, Dr. Elmslie,

einer netten schottischen Cottage, wie die Engländer ihre Landhäuser zu

bezeichnen pflegen. Aufs Freundlichste von dem Doktor und dessen Gattin

begrüßt, erkannte ich bald, wie die Nachfolger Livingstons unermüdlich

und muthig vorwärts schreiten auf der Bahn, die der große Forscher sie

gewiesen, das Wort des Heils verkündend den Völkern, die, in Nacht und

Unglauben befangen, so schwer Christi Wort und Lehre begreifen können.

Bereitwillig und mit berechtigtem Stolz konnte Dr. Elmslie mir sein

seit etwa zehn Jahren begonnenes Werk zeigen und erklären; gab die

beträchtliche Anzahl der Missionszöglinge schon Zeugniß von seinem

Wirken auf geistlichem Gebiet, so erregte seine Vielseitigkeit, als

Lehrer, Arzt und Bauleiter, ebensoviel Bewunderung. Alles was man sah,

nur aus den Mitteln hergestellt, die das Land bot, war hier mit großem

Verständniß eine kleine Industrie geschaffen worden. Jeder Ziegel

ist selbst gebrannt, jedes Fenster (außer Scheiben), Thür, Tisch und

Schulbänke ist aus dem Holze gefertigt, das vom Gebirge herbeigeschafft

und in der Säge- und Tischlerwerkstatt bearbeitet worden war; alle

Bücher, Lehr- und Schulhefte, sowie Bibel und Gesangbücher sind in

der Sprache der Atonga gesetzt und gedruckt, und das alles ist unter

Aufsicht weniger Europäer von den Zöglingen der Mission ausgeführt

worden; man muß zugeben, daß der Leiter solcher Anstalt wirklich

Großes gewollt und geschaffen hat. Aber nicht auf Bandawe allein, der

Zentrale, ist das Wirken beschränkt, sondern weit landeinwärts im

Gebirge liegen die kleineren Stationen zerstreut. Ausgebildete Lehrer

und Prediger lehren in den Dörfern ihren schwarz-braunen Brüdern, was

sie von den weißen Männern gelernt und begriffen haben. Langsam zwar,

aber mit nie erschlaffender Energie, wird das Christenthum eingeführt

und verbreitet.

Mit ganz besonderem Geschick weiß Dr. Elmslie das Interesse der

Eingeborenen auch dadurch zu wecken, daß er alljährlich eine

Ausstellung im Schulgebäude veranstaltet, zu der ein Jeder berechtigt

ist beizusteuern, und zwar alles was von den Händen der Eingebornen

selbst gefertigt ist, als Bogen, Pfeile, Speere, Pfeifen, Thongefäße,

Messer etc. wird geordnet und wer seine Sachen verkaufen will, dem

steht es frei. Die besten Arbeiten aber werden prämiirt, und mit wie

großem Interesse die Bevölkerung sich solch nützlicher Beschäftigung

hingiebt, wie jeder bestrebt ist, mit Geschick etwas Originelles und

Schönes anzufertigen, das habe ich später selbst auf einer solchen

Ausstellung gesehen und beurtheilen können. Ein wahres Museum von

hunderterlei Dingen, lernt man erst hierdurch die Kulturstufe, auf

welcher die Bevölkerung steht, recht beurtheilen.

Die Atonga, die ebenso wie alle anderen Stämme am Nyassa-See dem

Ahnenkultus huldigen, haben vielfach die Gewohnheit, in ihren im Urwald

angelegten Totenhainen, die Verstorbenen fest in Matten genäht, im

Gezweige mächtiger Baumriesen aufzuhängen, und abergläubisch, glauben

sie, daß die Grabstätten von den Geistern der Todten belebt werden,

daher ist das Betreten derselben nur den Medizinmännern und Zauberern

gestattet, die auch nur allein es wissen, wo solche Leichen verbleiben;

kann freilich die Hyäne, die die frischen Gräber aufzuscharren liebt,

nicht herankommen, so sind es die Raubvögel, die ihre scharfen Schnäbel

daran versuchen.

Am Fuße der Berge, die etwa acht Seemeilen nördlich von Bandawe zum

See herantreten und von Cap Chirambo in Gebirgsformation übergehend,

eine hohe ununterbrochene Felsenkette bis Cap Mschewere 10° 25´ S. Br.

bilden, haben die Atonga auf fruchtbarem Boden ihre Tabakpflanzungen

angelegt, deren Erträge es ihnen gestattet, wie früher erwähnt, so

weite Wanderungen bis nach Blantyre zu unternehmen, wo sie sich als

Arbeiter und Träger verdingen; auf dem ganzen langen Wege also nur

durch Austausch gegen Tabak sich ihren Lebensunterhalt erwerben können.

In der Nacht vom 2. zum 3. September unternahm ich die Einschiffung der

neu angeworbenen Atonga, 176 Mann, verließ mit Tagesanbruch Bandawe

und wollte noch am selben Tage Kota-Kota, von wo die dort gelandeten

Polizeisoldaten wieder abgeholt werden mußten, erreichen. Der südliche

Wind, der während der letzten Tage frisch geweht, hatte aber den See

ziemlich unruhig gemacht, sodaß das Schiff gegen Wind und Wellen

nur mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts kam und wir daher zu der 65

Seemeilen langen Strecke nahezu 11 Stunden gebrauchten. Soviel ich noch

am selben Abend vom Ankerplatz aus erkennen konnte und was mir die

von Kota-Kota zurückkehrenden Bootsleute bestätigten, lagen anstatt 3

Dhaus deren 2 nur noch vor dem Dorfe und so war ich etwas überrascht,

am anderen Morgen etwa zwei Meilen nördlich vom Schiffe, die dritte

Dhau vor Anker liegen zu sehen. Nun wurden mir die unauffälligen

aber eingehenden Erkundigungen, welche Jumbe an jenem Abend an mich,

mehr noch an die Polizeisoldaten gerichtet hatte, klar, denn ihm

schien besonders daran gelegen zu sein, genau zu erforschen, wann ich

wohl zurückkommen würde und wann wohl die »Domira« passiren könnte.

Wahrscheinlich also wollte der alte Fuchs sich vor Ueberraschung

sichern, was ihm leider auch gelungen ist, da sicherlich die Fracht,

welche er nach Mluluka mit seinem Fahrzeug befördern wollte, gewiß

nicht zollfreie Waare gewesen sein mag.

So oft ich auch den Nyassa-See kreuz und quer durchfahren, wie scharfe

Ausguck ich auch nach Sklavendhaus gehalten habe, niemals gelang es mir

oder einem anderen Schiffe eine solche aufzubringen, immer fand ich die

Dhaus wohl geborgen am Strande liegen und keine Handhabe war gegeben,

dieselben wegzunehmen oder zu zerstören.

Mein erster Impuls war, die zwar auf neutralem Gebiet liegende

Dhau Jumbes einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen und sie

wegzunehmen, wenn sich irgend ein Anhalt dafür bieten sollte, daß mit

derselben Sklaven befördert worden wären. Allein als ich den Kurs des

Schiffes auf diese richtete und meine Absicht erkannt war, ging die

englische Flagge hoch, und mir bekannt, daß Jumbes Fahrzeuge unter

solchen Schutz gestellt waren, durfte ich nicht fremdes Eigenthum

anrühren. -- Welchen Lärm hätten wohl die Engländer geschlagen, wenn

ihre selbst auf einem Sklavenschiff geführte Flagge, als was ich diese

Dhau wohl mit Recht ansehen mußte, niedergeholt worden wäre; zu sehr

unliebsamen Erörterungen mindestens hätte solcher Gewaltakt geführt.

Diese Bedenken, mehr noch, daß eine Untersuchung der Dhau jedenfalls

resultatlos verlaufen würde und namentlich der große Holzmangel an Bord

ließen mich davon abstehen.

Als der Kurs wieder südwärts gegen die hohe See gerichtet war, mußte

ich nun mit der Thatsache rechnen, daß in wenig Stunden unser Holz

verbrannt sein würde und unbedingt ein Ort gefunden werden mußte,

wo es möglich war, solches zu schlagen, betrug doch die Distanz bis

Monkey-Bai noch 75 Seemeilen und gegen Wind und See lief das Schiff,

ohne genügend Ballast, kaum 5 Knoten Fahrt.

Einige meiner Leute, die den See schon befahren hatten, bestätigten

mir, daß an den steilen Bergabhängen der Ostküste, deren Conturen am

fernen Horizont sich abhoben, viel Holz zu finden sei, aber keiner

wußte einen einzigen Ort anzugeben, wo mit Sicherheit könnte geankert

werden. Soviel nur wußten sie, daß am Fuße der Felsenmassen kein Grund

zu finden sei, kein Schiff, weder die »Domira« noch »Ilala«, jenes

kleine Dampfboot, welches noch Livingston selbst zum See gebracht

hat, liefe jene Gebiete an, und niemals hätte mit dem feindlichen

Volksstamm der Yao, der die ganze weite Küstenstrecke und Gebirge

bewohne, eine Verbindung stattgefunden. Auch ein Heizer, ein gepackter

strammer Neger, ein Yao, Katiolola mit Namen, konnte mir keine Auskunft

geben, und bestätigte nur die Angaben des Kapitao Kambajalika, daß mit

seinen Landsleuten im Guten und Bösen nicht viel anzufangen sei, wir

jedenfalls mit einem feindlichen Empfang zu rechnen hätten.

Schon weit in den See hineingesteuert mit der festen Absicht auf gut

Glück die Ostküste anzulaufen, machten mich die Aussagen der Leute

doch stutzig, und obwohl ich nichts zu fürchten hatte, da hinlängliche

Vertheidigungsmittel, Geschütz und Gewehre an Bord waren, so war das

Risiko doch zu groß, denn vorläufig wußte ich nur, daß die Wassertiefe

dicht unter Land 180-600 Fuß betrug.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 40 / 51 段