herzlich wenig Abwechslung und jeder, dem eine ernste zweckmäßige
Thätigkeit zugewiesen war, konnte sich glücklich schätzen; denn die
Langeweile, ohne geistige Anregung, wie es hier der Fall, mußte zu
einer Plage werden. Auch lag eine Beschränkung gewissermaßen darin, daß
dem Jagdsport, es waren Elephantenspuren und Antilopen gesehen worden,
nicht nachdrücklich gehuldigt werden konnte, da die feindlich gesinnte
Bergbevölkerung dem einzelnen Jäger eine Annäherung zu den nicht
fernen Wildständen unmöglich machte. Nur Sonntags, wenn das einzige
Boot, das wir zur Verfügung hatten, frei war, konnten Jagdausflüge
unternommen werden, wobei es einmal Herrn Wyneken gelang, ein mächtiges
weibliches Flußpferd zu erlegen, das auch, wie gewöhnlich nach drei
Stunden an die Wasseroberfläche gekommen, von den Leuten zur Station
bugsirt wurde, und hier, als selbst mit langen Tauen der Fleischkoloß
nicht aufgeschleppt werden konnte, sämmtliche Atonga und Soldaten bei
Feuerschein und Laternen das Thier langsam strandaufwärts kugelten. Der
Ueberfluß an Fleisch, das in Streifen geschnitten am Feuer oder in der
glühenden Sonne getrocknet wurde, diente, trotzdem über hundertfünfzig
Mann sich in das Thier getheilt, noch als Tauschartikel und die im
Lager verkehrenden Mpondaleute schleppten mächtige Erdtöpfe voll Pombe,
Mehl und andere Erzeugnisse heran, um sich gleichfalls an der selten
gebotenen Delikatesse gütlich thun zu können.
Die Krokodile, die hier in den größten Exemplaren vertreten sind
und niemals gestört werden, waren auf den fischreichen Gründen in
beträchtlicher Zahl vorhanden, und zogen die Eingebornen mit ihren aus
Baumbast gefertigten Netzen zum Fischen aus, mieden sie wohlweislich
Stellen, wo die gepanzerten Unthiere zu vermuthen waren. Nie gejagt und
verfolgt, waren diese Thiere anfänglich sehr dreist, erst als sie vom
Schiffe aus mit heißem Blei recht unangenehme Bekanntschaft gemacht
hatten, hielten sie sich von diesem und dem Ufer etwas fern.
Der See, der überhaupt an seinen Ufern äußerst fischreich ist,
namentlich im Süden beherbergt er neben dem stark vertretenen Pelikan
auch eine ganze Anzahl Fischreiherarten, ebenfalls bemerkten wir
mehrmals am Ausfluß des Sees die äußerst vorsichtige Fischotter; es
gelang, jede Thierart, wenn wir es ernstlich wollten, zu erlegen, nur
das kostbare Fell dieser großen Otternart haben wir nie zu erlangen
vermocht.
Gelegentlich habe ich früher erwähnt, daß unsere Soldatentruppe
aus verschiedenen Völkerstämmen zusammengesetzt war unter denen in
gewisser Beziehung eine strenge Absonderung sich bemerkbar machte, was
namentlich in Bezug auf den Glauben, soweit bei einigen überhaupt von
Religion die Rede sein kann, der Fall war. Abessinier als Christen,
Egypter, Sudanesen und Somali als strenggläubige Mohamedaner, Suaheli
auch zu solchen gerechnet, nur mit dem Unterschied, daß sie die
Lehren ihres Propheten weniger streng beachteten und +last not
least+ Angehörige einiger Stämme Inner-Afrikas, die dem Ahnenkultus
zugethan waren. Selbstverständlich mußten unter so verschiedenen
Typen Gegensätze zu Tage treten, die nur durch strenge Handhabung
der Disziplin in etwas ausgeglichen werden konnten, was auch immer
gelang, nur in einem Falle waren Strenge und selbst Strafen zwecklos.
Bedacht darauf, daß die Umgebung eines Lagers, oder wie hier unser
Fort, durch die Exkremente so vieler Menschen nicht verunreinigt würde,
was an und für sich schon unangenehm, mehr aber noch Krankheitsstoffe
hervorbringen konnte, wurden stets zur allgemeinen Benutzung Latrinen
erbaut. Indes wie sehr den Leuten auch die Nothwendigkeit derselben
nahegelegt wurde, sie umgingen doch das strenge Gebot. Da durch Zwang
nun keine allgemeine Benutzung einzuführen war, weil der strenggläubige
Mohamedaner nicht denselben Ort besuchen wollte zusammen mit dem Giaur,
so wurde für jeden Stamm eine besondere Latrine erbaut; diese aber
wurden doch nur so lange benutzt, als scharfe Aufsicht ein Umgehen
unmöglich machte.
Hier in der Umgebung des Forts nun, wo gleichwohl solche Vorkehrungen
getroffen wurden, war es für die Leute leicht sich dem Zwange zu
entziehen, da dichter Busch eine strenge Aufsicht vereitelte, und die
Folge wäre eine Verpestung der Luft gewesen, wenn nicht ein kleiner
Käfer sich der schnellen Beseitigung der Exkremente unterzogen hätte.
Diese äußerst zahlreich hier vertretene Käferart, wühlte nämlich unter
jedem Abfall den Boden fort, sodaß derselbe in eine Höhlung versank,
die wieder mit Erde verschlossen, nun den Thieren als Brutstätte
diente. Aber wie sehr am Lande hierdurch auch einer Verseuchung
vorgebeugt wurde, gegen die Verunreinigung des Wassers war schwerer
anzukämpfen. Ich kann die in den letzten Wochen unseres Aufenthalts
vorgekommenen Fälle schwerer Dyssentrie, die mehrere Europäer, darunter
auch mich befallen, bei einigen Schwarzen sogar tödlich verliefen,
nicht direkt darauf zurückzuführen, als sofort beim Auftreten dieser
gefährlichen Krankheit alle Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden, indes
die Keime mußten doch in dem benutzten Wasser, welches wir nur aus
dem See selbst schöpfen konnten, gelegen haben, und wie nöthig eine
strenge Aufsicht war, erhellt daraus, daß unsere Diener und Köche
aus Faulheit und Bequemlichkeit dicht am Strande Wasser schöpften,
sobald sie sich unbeobachtet glaubten, wurden sie ertappt und es gab
für solche grobe Nachlässigkeit gelegentlich Strafe, kam es ihnen
noch sonderbar vor, daß der weiße Mann sie zwang, möglichst weit vom
Ufer entfernt reines Wasser zu schöpfen. Jedenfalls war es unablässig
nothwendig bei der Zubereitung unserer Speisen den schwarzen Köchen und
ihren Gehülfen scharf auf die Finger zu sehen.
Mittlerweile war unser Dampfer soweit fertiggestellt, daß wir an die
zu unternehmende Probefahrt denken konnten, die gleich bis Monkey-Bai
am Nordende der Halbinsel Livingstonia gelegen, nebenbei der sicherste
Hafen im ganzen Nyassa-See, ausgedehnt werden sollte. Ich stimmte
diesem Plane auch zu, namentlich weil schon wenige Tage später der
größte Theil unserer Handwerker, die doch auch gerne vorher noch eine
kleine Fahrt mit dem Schiffe machen mochten, an dessen Herstellung
sie mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft so brav gearbeitet hatten, zur
Entlassung kommen sollten.
Ein Aufschieben war also nicht gut mehr möglich und am 10. August,
einem gerade sehr unfreundlichen Morgen, als mit Sonnenaufgang schon
ein äußerst heftiger Nord-Ostwind eingesetzt hatte, lichteten wir die
Anker. So lange wir noch im Schutze der Ufer uns befanden, wo der
starke, halb von vorne wehende Wind die Fluthen des Sees noch nicht
aufzuwühlen im Stande war, ging es auch einige Meilen mit halber
Dampfkraft gut vorwärts, aber als wir erst freies Wasser gewonnen und
uns den felsigen Boazuru-Inseln genähert hatten, rollten die Wogen
so mächtig gegen den Bug und die Seite des Schiffes, daß das Wasser
gleich Sprühregen über die hohe Kommandobrücke gefegt und dieses, so
leicht wie es noch war, ein Spiel der Wellen wurde. Es rollte und
stampfte in die aufgeregte See, daß Jeden, der nicht ganz taktfest war,
die Seekrankheit heimsuchte. Die anfänglich fröhlichen Gesichter der
meisten wurden blaß und bleich und Gott Neptun forderte unerbittlich
den ihm schuldigen Tribut. Hätte nur mit dem schlechten Feuerholz eine
größere Dampfspannung erreicht werden können, Wind und Wellen hätten
uns nicht abgehalten, doch noch Monkey-Bai zu erreichen; aber je weiter
wir kamen, desto schwerer wurde die See und hemmte die an und für sich
nur mittelmäßige Geschwindigkeit des Schiffes so, daß, wollten wir die
36 Meilen lange Distanz zurücklegen, wir bei solchem Wetter erst am
späten Nachmittag den Hafen hätten erreichen können.
Ungünstig zwar, unter solchen Witterungsverhältnissen, und keineswegs
zufriedenstellend war, als wir gegen 2 Uhr Nachmittags die Station
wieder erreicht, die Probefahrt verlaufen; ein jeder aber war doch
davon überzeugt, daß der Nyassa-See, wenn der Sturm seine Fluthen
aufgewühlt hat, kein ganz ungefährliches Gewässer sein müsse. Nach dem
zu urtheilen, was er uns in dem langgestreckten Golf gezeigt, mußte
inmitten des Sees selbst, bei südlichem Sturm, eine wilde gefährliche
See laufen. Die englischen Kanonenboote haben denn auch, da sie nur
darauf berechnet waren, auf wenig bewegtem Wasser zu laufen, nie sich
hinauswagen dürfen, um mit Wind und Wellen den Kampf aufzunehmen; in
der Periode der heftigen Winde, die vor und nach der großen Regenzeit
auftreten, mußten sie immer erst ruhiges Wetter abwarten, ehe sie
eine Fahrt unternehmen konnten, denn in bewegter See rollten sie so
heftig, daß es nicht rathsam war, mit ihnen irgend welches Risiko zu
unternehmen; war doch selbst der »H. v. Wißmann« oft nicht im Stande,
gegen die hohe See anzudampfen.
18. Die Fahrten auf dem See und die Ankunft in Langenburg.
Auf dem Nyassa-See nun, bereit dessen weitgezogene Grenzen zu
erforschen, stark und bewehrt jedem Feind zu trotzen und den Kampf
aufzunehmen mit den Elementen, lag das schöne Schiff und harrte der
Stunde, wo es die Fluthen durcheilen und die entfaltete deutsche
Flagge zu fernen Küsten und zu unbekannten Volksstämmen tragen sollte.
Das große Werk, unternommen und vollbracht von einer kleinen Schaar
deutscher Männer, die keine Gefahren und Entbehrungen scheuend, ihr
ganzes Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt, war
vollendet. Das größte Schiff auf den Binnengewässern des gewaltigen
Kontinents lag im Sonnenglanz auf der silberglänzenden Fluth und stolz
wehte im Sturm, wie im Hauch des Zephyr-Windes, von seinen Masten nun
die stolze deutsche Flagge, die unüberwunden vor keinem Feinde je sich
senken möge!
Auf den Fluthen des in trügerischer Ruhe schlummernden Sees, dessen
Grenzen in unabsehbare Ferne gerückt erscheinen, wiegt sich das
schöne Schiff, bestimmt, ein Schrecken zu sein dem gewissenlosen
Sklavenräuber, den unter dem harten Joche aber seufzenden Völkern
ein starker Schirm und Schutz; es soll die Fesseln zerreißen, in die
Willkür und Despotenmacht der Araber die wehrlosen Stämme zum Hohn und
Schmach der Menschheit geschmiedet haben. Ein Träger der Zivilisation,
soll es den in tiefster Lethargie versunkenen Völkern eine neue Aera
und einen Morgen goldener Freiheit verkünden! Groß zwar werden auch
hier noch die Opfer sein und gewaltig der Kampf, aber auch die Zeit
wird kommen, wo in den fruchtbaren Thälern der mächtigen Gebirge und an
den sanften Abhängen bewaldeter Höhen friedlich und ohne Furcht auf
saftigen Gründen der schwarze Hirte sein Vieh wird weiden können, nicht
mehr sorgend, daß er einem heimtückischen Ueberfall erliegen kann und
Weib und Kind dem harten Sklavenloos verfallen weiß.
Alle Europäer nun, zu deren beschleunigten Abreise zur Heimat eilige
Vorbereitungen getroffen wurden und die am 13. August mit unserem
Leichter abreisen sollten, waren bitter enttäuscht, als mit der am
11. eingelaufenen »Domira« Major von Wißmann nicht ankam. Die meisten
hatten ihren Führer seit Beginn der Expedition nicht wieder gesehen
und gewiß verständlich war es, daß jeder gerne für sein Streben und
seine Mühen ein Wort der Anerkennung mit auf den Weg genommen hätte;
manches wäre geklärt und manch bitteres Empfinden wäre zerstreut
worden. Nach den Nachrichten zu urtheilen, die vom Norden des Sees, wo
Leutnant Bronsart von Schellendorf als derzeitiger Chef der Station
Langenbuch fungirte, sollte Major von Wißmann sich auf dem Rückmarsch
vom Tanganjika-See befinden; laut einer schriftlichen Ordre hatte der
Major auch die bestimmte Absicht, selbst zu kommen, denn der Befehl,
keine Fahrt mit dem Schiffe zu unternehmen, bevor er nicht eingetroffen
sein würde, bestätigte dies.
Die Abreise der Steuerleute und der Handwerker, sowie einige unserer
Soldaten, die gleichfalls mit entlassen wurden, erfolgte am bestimmten
Tage unter Leitung von Dr. Röver, der den Transport übernommen und
gleichfalls die Heimreise angetreten hatte. Zurückgeblieben und in
Gouvernementsdiensten übergetreten waren von Eltz, als Stationschef,
die beiden Maschinisten Spenker und Engelke, ebenso Zander und ich als
Führer des »H. v. Wißmann«. Also aufs Aeußerste eingeschränkt und nur
das absolut nothwendige Personal zurückbehalten, war nach der Abreise
der Herren Wyncken und Prince mit der »Domira«, die entschlossen waren
auf der Steavenson-road, die Straße zum Tanganjika-See, dem Major
entgegen zu gehen, unser Fort »Port Maguire«, im Gegensatz zu der
früher vorherrschenden Lebendigkeit, todt und still, vor allem, als ich
erst mit der Schiffsbesatzung mich an Bord heimisch eingerichtet hatte.
Eine wenige Tage später unternommene zweite Probefahrt, ergab ein
ganz anderes Resultat, als die erste, unter ungünstigen Verhältnissen
ausgeführte. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Schiffes betrug 9
Seemeilen die Stunde, keines der englischen Schiffe hat diese Fahrt
erreicht, sodaß der »H. v. Wißmann« nicht nur der größte, sondern auch
an Schnelligkeit unerreicht geblieben ist. Der Befehl des Majors, der
Dampfer habe seine Ankunft abzuwarten und soll keine Fahrt vorher
unternommen werden, gab mir nach so langer schwerer Arbeit nun Muße,
das Schiff erst recht in Stand zu setzen, vor allem strebte Spenker
dahin, unsere elektrische Maschine in Betrieb zu bringen und alle
Räume mit Glühlampen zu versehen.
Auch unsere Atonga, soweit sie noch in einer Stärke von annähernd 100
Mann im Fort beschäftigt worden waren, drängten nun, da ihre Zeit
abgelaufen war, immer entschiedener in ihre Heimath zurückbefördert
zu werden, was eines Theils nicht möglich, als ich keine Fahrt machen
durfte, anderen Theils weil für ihre Abbezahlung nicht genügend Zeug
und andere Stoffe vorhanden waren und damit erst begonnen werden
konnte, nachdem von Blantyre das Bestellte eingetroffen war. Die Leute,
die nun schon ein halbes Jahr lang brav für uns gearbeitet hatten,
nun noch länger zu halten, dafür lag kein Grund vor, und so wurde
beschlossen, die 500 Mark Passagegeld, die eine Beförderung der Leute
mit der »Domira« gekostet hätte, unser Schiff verdienen zu lassen.
Am 29. August lichteten wir die Anker, um die erste längere Tour bis
zur Mitte des Nyassa-Sees anzutreten. Erst nachdem die niedrigen, eng
aneinander liegenden Felsenmassen der Boazuru-Inseln passirt waren,
die, kahl und unfruchtbar, nur Seevögeln und zeitweilig Fischern
zum Aufenthalt dienten, war es möglich, einen Ueberblick über die
zum Theil dicht an den See herantretenden Bergmassen zu gewinnen.
Die vorspringenden Bergkegel, als Satobe, Mwmama, im Norden von
Livingstonia, die nur durch sehr enge Passagen vom Festlande getrennten
Inseln Mbibue, Domwe, 2000 Fuß hoch, fallen besonders auf. Das Innere
der Halbinsel, von Höhenzügen durchzogen, die vielfach durchbrochen
sind und dadurch den Anschein erwecken, als wären es verschiedene
Bergketten, zeigt von der Tiefe der langgestreckten Thäler bis zu
den Höhen der höchsten Berge überall eine üppige, wilde Vegetation,
selbst die Niederungen am See, als die ausgedehnte Malabwe-Bai etc,
umschließen dichter Urbusch. Rechts erscheinen die Ufer flacher, sind
aber in ihrer ganzen Länge von ansteigenden Hügelketten eingefaßt,
die landeinwärts höher und höher aufstreben, bis sie als mächtiger
Gebirgskamm sich dem Ufer des Sees allmählich wieder nähern.
Näher zur Nordspitze von Livingstonia gekommen, erscheinen hier die
steil aus dem See aufstrebenden Felsenmassen eng zusammengedrängt ein
kompaktes Ganzes zu bilden von 1500 bis über 2000 Fuß Höhe, selbst die
vorgelagerten Felseninseln, 200 bis 300 Fuß hoch, scheinen auf geringe
Entfernung noch mit den waldgekrönten Höhen verbunden zu sein, so dicht
liegen diese unter Land. Die Wassertiefe inmitten des Golfs ist eine
beträchtliche und nimmt von den Boazuru-Inseln, wo diese 60 bis 100 Fuß
beträgt, schnell zu, schon an der Nordspitze der Domwe-Insel ist sie
150 bis 200 und über Kap Maclair hinaus 300 bis 600 Fuß.
Wie ein ausgesprengter schmaler Durchstich, der die hohen Bergmassen
von einander trennt, in welchem Felstrümmer umhergestreut liegen,
erscheint die tiefe Einfahrt zur Monkey-Bai; sie öffnet sich erst
sobald man die vorgelagerte Insel Pundsi querab peilt und man sich
inmitten der etwa 150 +m+ breiten Oeffnung befindet. Die
Kursänderung von West nach Süden läßt dann das Schiff in der etwa 60
+m+ breiten Einfahrt zwischen Land und der Insel Pundsi gelangen,
und die vielleicht 600 +m+ tiefe Bai, rechts von einer 1500 Fuß
hohen steilen Bergwand eingefaßt, liegt wie ein herrliches Bassin vor
dem erstaunten Auge offen da. Die Wassertiefe von 60 Fuß vermindert
sich erst, wenn man dicht unter dem flacheren Strand, der nach Süden
zu den Ausblick auf eine sich ausbreitende dicht mit Baum und Busch
bestandene Ebene freigiebt, angelangt ist, der Anker fällt dann auf
eine Tiefe von 24-30 Fuß.
Ein stillerer abgeschlossener Ankerplatz, wie diese kleine Bai läßt
sich kaum denken. Umschlossen von Felsen, ist fast allen Winden der
Zutritt verwährt, höchstens bei starkem Südwind fegt derselbe stoßweise
von den Bergen herab und kräuselt die sonst immer ruhige Fluth. Am
aufsteigenden Strande und zum Theil dicht unter die kahlen Felsmassen
liegen die zerstreuten Hütten der Eingebornen, die um nichts besser
oder schlechter wie alle anderen Behausungen der Einwohner dieses
Landes sind, trotzdem hier die Bewohner als reich gelten müssen. Sie
haben, seitdem überhaupt die Schifffahrt auf dem Nyassa-See eröffnet
und als Feuerungsmaterial Holz benöthigt wurde, hier eine Holzstation
errichtet und betreiben den Verkauf der aufgestapelten Holzmassen an
die einlaufenden Schiffe; nebenbei sind sie noch gute Seeleute und
jedes Schiff, das eingeborene Besatzung braucht, rekrutirt solche in
dieser Bai.
Das Erscheinen eines so großen neuen Schiffes rief nicht geringe
Verwunderung bei den Eingebornen hervor. Ein förmlicher Ansturm
erfolgte aber, als ich den von hier stammenden Kapitao Kambajalika
mit dem Auftrage an Land sandte, er solle einige tüchtige Leute,
namentlich Heizer (Leute die schon mit der »Domira« gefahren hätten)
aussuchen und an Bord bringen. Viele nun, zum größten Theil aus
Neugierde, wollten sich anwerben lassen und immer mehr kamen, so viel
ihrer auch abgewiesen wurden. Die zwei vorhandenen Kanoes reichten
nicht aus, die Stellung suchenden zwischen Land und Schiff hin- und
herzubefördern, und mehrere, kurz entschlossen, schwammen einfach an
Bord; namentlich 8-10jährige Jungens, wenn sie mit Mühe das hohe Schiff
erklommen hatten, präsentirten sich, pudelnaß und die scharzbraune Haut
von Wasser triefend, in Adamskostüm und baten darum als Boy (Diener)
angenommen zu werden, und nicht eher gab sich die kleine Gesellschaft
zufrieden, bis sie Gelegenheit fanden ihr Anliegen mir vorzubringen,
erst wenn ich ihnen gesagt, ich brauche keinen Boy, waren sie
befriedigt und verschwanden.
Ich war einzig zu dem Zwecke nur in Monkey-Bai angelaufen, um für die
Reise Brennholz anzukaufen, fand aber wider Erwarten nicht genügend
Holz am Strande vor und mußte mir an sieben Bootsladungen, für die ich
70 Yard Zeug bezahlte, genügen lassen. Es ist nur ein Tauschhandel, der
Besitzer eines Holzstapels erhält stets so viel Zeug als dieser Stapel
lang ist, und von Rechtswegen muß das Holz so hoch aufgeschichtet
sein, als das Zeug breit ist. Der Bequemlichkeit halber hatte ich den
Atongas erlaubt, für die Nacht an Land zu logiren. Um uns nun am Abend
das Treiben am Strande etwas näher zu besehen, ließ ich ganz plötzlich
den elektrischen Scheinwerfer auf die zerstreut umherliegenden Gruppen
richten. Das helle Licht, das blitzschnell erstrahlte, erleuchtete die
dunklen Hütten, aus denen Weiber aufkreischten und Kinder schrien,
selbst die Ziegen und Hühner vom blendenden Strahl getroffen,
schreckten aus ihrer Ruhe auf. Furcht war das erste Empfinden, das
diese noch nie gesehene Erscheinung auf Mensch und Thier hervorbrachte,
und hätten die Atonga die Einwohner nicht beruhigt, diese hätten der
Ursache dieses Lichtes irgend welche dämonischen Kräfte zugeschrieben;
so aber bald aufgeklärt darüber, daß nur der weiße Mann solches Licht
erzeuge, blieb wohl nicht ein Bewohner in den Hütten; mit staunender
Bewunderung sahen sie sich vom Licht umstrahlt, das im nächsten Moment
wieder einen anderen Gegenstand taghell erleuchtete. Das Licht vom
Dorfe fort zu den Berghöhen geleitet, wo jeder Baum zu unterscheiden
war, über Wasser und an den Ufern lang huschend, und wieder
blitzschnell über die erstaunten Gesichter fliegend, machte auf diese
unwissenden Naturkinder einen nachhaltigen Eindruck.
Unser nächstes Ziel, welches ich am anderen Tage zu erreichen hoffte,
war Kota-Kota, wo einige Polizeisoldaten des englischen Gouvernement
abgesetzt werden sollten, die die Eintreibung der fälligen Steuern
bis zu meiner Rückkehr vorzunehmen hatten. Da nämlich das weit
ausgedehnte Gebiet des mächtigen Häuptlings Jumbe unter englischen
Protektorat gestellt ist, war auch hier schon eine Art Abgabe
eingeführt worden, die wie überall nicht gutwillig gezahlt wurde,
sondern erst eingetrieben werden mußte, deshalb hatte die Bevölkerung
als Kopfsteuer, ein gewisses Quantum Reis, der in den sumpfigen
Niederungen am Fuße der Berge in vorzüglicher Qualität kultivirt wurde,
zu entrichten.
Monkey-Bai (14° 4´ S. Br., 35° 4´ 0´´ Öst. Länge) verließ ich am
nächsten Morgen und dicht unter den steil aus dem Wasser aufstrebenden
Felsmassen hinfahrend, erweiterte sich bald, als Kap Maclair passirt
war, der mächtige See und der Livingstonia-Golf mit den vereinzelt
umhergestreuten Inseln, als Elephanten-Island, Tumbi, Malere,
Mamkowa-Inseln, lag vor uns offen. Von hier setzten wir den Kurs
auf den weithin erkennbaren Berg Risu, ein vereinzelter Bergkegel,
der scheinbar wie abgetrennt von der kompaktem Gebirgsmasse, am See
lagerte und erreichten jenen Ort, wo Major v. Wißmann seiner Zeit die
Verfolgung einer Dhau aufgenommen hatte, welche durch ihre Besatzung
in dem Augenblick zum Kentern gebracht, als ein Warnungsschuß die
Fliehenden zum Streichen des Segels aufforderte. Kap Rifu, so kann
ich den Felsvorsprung nennen, lag bald hinter uns und direkt auf die
Bentje-Inseln steuernd, sahen wir plötzlich im klaren Wasser Grund
unter dem Kiel; die Tiefe von 90-24 Fuß abnehmend, zeigte es sich, daß
die weit zurückliegende Kuturu-Bai sehr schnell abflachte. Ich hätte
mich zu einer näheren Untersuchung wohl nicht sogleich eingelassen,
wenn nicht weit in die Bucht hinein eine Dhau in Sicht gekommen wäre,
die offenbar mit dem leichten Winde das Ufer zu erreichen suchte und
zu entkommen strebte. Leider unbekannt mit den Tiefenverhältnissen,
mußte ich, als immer flacheres Wasser gelothet wurde, vorsichtshalber
die Fahrt des Schiffes mindern und sah mich schließlich genöthigt,
da ich mit dem Geschütz die Dhau noch nicht erreichen konnte, die
Verfolgung aufzugeben. Das Fahrzeug, unzweifelhaft mit einer lebenden
Fracht nach Losefa, dem Sklavenhafen am gegenüberliegenden Seeufer,
bestimmt, entkam und lag wohlgeborgen in einem der sumpfigen Creeks,
ehe ich mich mit langsamer Fahrt dem Ufer beträchtlich genähert hatte.
Zwischen Kuturu und Losefa befindet sich eine bekannte Araberfähre; vom
ersteren Ort werden die weit aus dem Innern herbeigeschleppten Sklaven
nach Losefa übergeführt und von dort durch portugiesisches Territorium
weiter bis zur Küste.