Panther, Hyäne, Leopard und selbst die Pantherkatze, die unserm auf

Pfählen erhöhten Hühnerstall vergebliche Besuche abstatteten, waren

beständig unsere nächtlichen Gäste; lautlos schlichen diese Raubthiere

um Hütten und Lager, aber nie wollte es uns gelingen, auch wenn wir

einen Theil der Nachtruhe opferten, einem dieser Besucher einen

Denkzettel aufzubrennen. Nur eines Abends, als um die helllodernden

Feuer die Zimmerleute versammelt lagen, gelang es einem der Kapitao,

einer langsam und vorsichtig heranschleichenden Hyäne eine Kugel

zuzusenden. Aufs Blatt getroffen, brach das Thier unter Feuer zusammen,

schleppte sich aber doch noch eine Strecke weit und war verendet, ehe

wir es erreichten. Sprichwörtlich ist die Feigheit der Hyäne, doch

glaube ich, nach der Größe dieses ausgewachsenen Thieres und nach

dessen furchtbarem Gebiß zu urtheilen, ist es kein zu verachtender

Gegner, wenn es in die Enge getrieben, zur Gegenwehr gezwungen wird.

Im Uebrigen aber verdient es die Nichtachtung als Leichenräuber und

betrachtet man die kräftigen, mit großen Krallen versehenen Pfoten,

nimmt es nicht Wunder, daß es schnell Gräber aufwühlen und tiefe

Höhlen sich graben kann. Ungemein widerlich ist der Anblick solchen

langhaarigen zottigen Thieres, mehr noch der Aasgeruch, der von diesem

ausgeht.

Entfernt genug vom Lager ließ ich das todte Thier wegschleppen, ohne es

zu verscharren. Ich war neugierig, ob nicht andere Hyänen es aus Hunger

anschneiden würden, das war aber nicht der Fall, nur Geier konnte ich

beobachten, die daran ihre ekelhafte Mahlzeit hielten.

Etwas anderes, als mit diesen schon gefährlichen Raubthieren, die doch

eigentlich eine gewisse Scheu vor dem Menschen zeigten, war es mit

dem König der Thiere, dem furchtlosen Löwen; drang dessen Stimme auch

nächtlicher Weile durch den Urwald und machte alles verstummen, wenn

er grollend sein dumpfes Brüllen erschallen ließ, das das Echo des

Waldes weckte, so war es noch unheimlicher, sobald der Beherrscher des

Thierreichs in unsere unmittelbare Nähe kam. Schon in der vierten Nacht

meiner jetzigen Anwesenheit im Urwald, hatte uns die Stimme des Löwen

geschreckt und nur wenige Tage später, in früher Morgenstunde, war

einer im Lager selbst.

In tiefdunkler Nacht, die glimmenden Feuer von der schlafenden Wache

vernachlässigt, schreckte uns plötzlich das mächtige Brüllen des Königs

der Thiere aus tiefem Schlafe empor. Halb betäubt noch, hallte im

ersten Moment seine Stimme wie ein grollendes Brausen uns in die Ohren

und wie ich eigentlich von meinem harten Lager heruntergekommen bin

und dann mit der Waffe schußbereit durch die Oeffnungen in die tiefe

Dunkelheit hinausspähte, wußte ich und die Gefährten kaum; wenigstens

war der erste Impuls, dem Ruhestörer entgegentreten zu müssen.

Totenstill war es ringsumher, als erzitterten Mensch und Thier vor der

Stimme des Gewaltigen, bis alles wieder aufathmete, als erst von ferne

das Brüllen durch den Urwald drang.

Erkennbar war in solcher Dunkelheit nichts, und als ich aus meiner

Hütte in die Nacht hinaustrat und vergeblich mit lauter Stimme nach dem

Posten gerufen hatte, fand ich alle Leute wie eine Heerde Schaafe in

ihren Behausungen zusammengedrängt vor, nicht einer hatte sich getraut,

die Feuer wieder anzufachen. Bald darnach wurde es wieder laut im

Urwald, und, als wäre ein Alp von allen genommen, so munter schrieen

die Nachteulen und viele andere nächtliche Wanderer, als Leopard,

Panther etc., das kreischende Lachen der Hyäne vollendete das Konzert.

Beim Durchwandern des weiten Waldes fanden wir auch eine vereinsamte

im Dickicht verborgene menschliche Wohnstätte; niedergebrannt war das

Dach und rauchgeschwärzt die Lehmwände. Eine aus einem Dorfe verstoßene

Familie, wie mir die Wangoni erklärten, hätte hier eine Zufluchtstätte

gesucht, bei der Abwesenheit des Mannes aber sei einst ein Löwe

eingedrungen und habe ihm sein Weib und seine Kinder getödtet und

geraubt, und nun als ihm sein Alles genommen, habe er Feuer an diese

Hütte gelegt und der friedlichen Stätte den Rücken gekehrt.

Daß der Wald mit seinem vielfach undurchdringlichen Untergebüsch eine

Zufluchtstätte für allerlei Raubgesindel sei, wozu neben anderen

der blutdürstige Panther, Leopard und die mit der Schnauze immer

am Boden umherwitternde Hyäne gerechnet werden muß, erfuhren wir

mehrmals, denn namentlich in den Morgenstunden, wenn ich zu einer

besonderen Arbeit eine Kolonne auf wenig betretenen Wegen, die uns als

Richtsteige dienten, hinausführte, sprang plötzlich über Gras und Busch

hinwegsetzend, ein Leopard vor uns auf und verschwand im dichten Grase;

an den schwankenden Halmen konnten wir dann nur noch erkennen, welchen

Weg, in kurzen Sätzen springend, das Raubthier genommen hatte.

Bevölkert sind die weiten Ebenen mit einem großen Wildstand, als

Kudu, Busch- und Riedbock, Zebra, Büffel, Warzenschwein, Tauben,

Perl- und Waldhühner etc., aber die Dringlichkeit unserer Arbeit

machte es, außer Sonntags, unmöglich, Leute auf die Jagd zu schicken,

um Fleisch herbeizuschaffen, so sehr wir solches auch entbehrten.

Mit unserem Proviant war es übrigens auch nur spärlich bestellt,

ohne Brot, das wir seit langen Monaten nicht mehr gesehen, ohne süße

Kartoffeln, die Zeit der Ernte war noch nicht dafür gekommen, wollten

uns allein mit Tomaten die Hühner nicht schmecken. Meine zum Einkauf

ausgesandten Leute kehrten erst immer nach zwei bis drei Tagen aus den

fernen Angoni-Bergen zurück, oft dann nur für wenige Tage Proviant

mitbringend; weniger schwer war es für die Arbeiter, Matamamehl,

welches durchziehende Wangoni in Körben oder Ziegenfellen zum Kauf

anboten, zu erhalten.

So anregend die Jagd auch war, so war es doch eine zu große Strecke und

ein zu beschwerlicher Weg, ehe das Ende des Urwalds erreicht werden

konnte, wo das Wild in Heerden auf der Savanne gefunden wurde, außer

einem Büffel, übrigens ein nicht zu verachtender Gegner, wenn das

mächtige Thier verwundet den Jäger annimmt, einem Schwein und ein paar

Antilopenarten, wurde nichts geschossen.

Eines Sonntags Morgens ging ich allein, nur begleitet von einem Angoni,

zur Jagd; ich fand auch im mannshohen Grase, durch das ich stundenweit

wanderte, eine große Menge Hühner, die meist unter den Füßen erst

aufflogen, um sofort mit heiserem Geschrei wieder einzufallen. Mir

schien es leicht zu sein eine Ausbeute zu erhalten, aber ich pürschte

auf Großwild und wollte mir durch Schießen solches nicht verjagen.

Am Rande eines Buschwaldes, aufmerksam geworden durch das Wiehern

eines Zebras, überraschten wir drei dieser stattlichen Thiere, die

auf einer Lichtung grasend, uns bald bemerkten und mit den Hufen den

Boden stampfend, abgaloppierten. Angeschossen stürzte eines der Thiere

nieder, sprang aber sofort wieder auf und jagte mit den anderen, die

nicht wußten, was mit ihrem Gefährten passirt war, weiter, vergeblich

folgte ich im hohen Grase der Spur der Fliehenden, aber selbst der

Spürsinn meines Begleiters reichte nicht aus, das schwerverletzte Thier

aufzufinden.

Ich mußte den Gedanken an weitere Verfolgung schließlich aufgeben,

schon darum, weil Gefahr vorlag, uns in dieser endlosen Wildniß zu

verirren, denn nirgends Weg noch Steg, das Gras zu hoch, um eine

Orientirung zuzulassen, gebot schon die Vorsicht den Thieren nicht

weiter zu folgen. Nur um jenen Buschwald wieder zu erreichen, sah ich

mich mehrmals genöthigt, auf die Schultern des Angoni zu klettern,

damit ich über die Grasfläche hinblicken konnte.

Sobald im Urwald einige Balken fertig behauen waren, schafften die

Atonga diese auf dem jetzt in seiner ganzen Länge erweiterten und

ausgehauenen Wege mittelst der Karren, etwa 8 englische Meilen vom

Lager entfernt, zum ersten Abhang. Weiter zu fahren, gestattete ich

nicht, da es die steilen Abhänge hinab mit den 30 bis 40 Centner

schweren Hölzern zu gefährlich war, solche Arbeit von den Leuten allein

ausführen zu lassen. Nur Planken und Klötze (von letzteren gebrauchten

wir eine ganze Anzahl, um sie auf dem Schlitten, als mächtige Keile

verarbeitet, dem Schiffskörper anzupassen), ließ ich bis zum Flusse

gelegentlich durchbringen, mit der Weisung, dabei gleicherzeit den Weg

so viel als möglich bei kleineren Schluchten zu ebnen.

Es wurde immer so eingerichtet, daß die Leute bis zum Abend

zurückkehren konnten, dennoch fanden diese auf solchen Transporten noch

Zeit, gelegentlich mit den ihnen zum Schutze beigegebenen Waffen auf

eigene Faust im Busch und Wald umher zu pürschen und kamen manchmal

mit der Nachricht im Lager an, da und dort auf saftigem Weideplatz

stehe eine Heerde Busch- oder Wasserböcke; sonst war ihre Beute nur

ein Vorder- oder Hinterviertel von einer in der Nacht vorher vom Löwen

oder Panther zerrissenen Antilope. Solche aufgefundenen Ueberreste,

welche das Raubthier sich für eine spätere Mahlzeit aufgespart hatte,

waren mehrmals so frisch und gut, daß wir uns insgesammt das Fleisch

schmecken ließen, selbst die starken Knochen wurden von den Leuten

ihres Markes wegen zerschlagen und ausgekocht.

Ebenso pfiffig waren die Atonga beim Fischfang. Leider etwas spät

erfuhren wir von einigen Wangoni, daß der kleine Fluß weiter unterhalb

sehr fischreiche Bassins habe, was denn auch nach Möglichkeit

ausgenutzt wurde; die Atonga, als geborene Fischer, machten sich diesen

Umstand in der Weise zu Nutze, wie ich es in einem früheren Kapitel,

gelegentlich meiner Rückkehr vom Nyassa-See, beschrieben habe, sodaß

wir fortan fast täglich große schöne Fische zur Verfügung hatten.

Eigenartig und reizvoll, trotz der Entbehrungen und Gefahren ist

doch solch Urwaldleben in dieser freien und ungebundenen Natur, es

gestattet einem viele Einblicke zu thun in das geheimnißvolle Leben und

Weben, auch der kleinsten und größten Geschöpfe und wie flüchtig man

auch darüber hinsieht, so fordert doch der vor Augen liegende Kampf

um das Dasein, den selbst die kleinsten Lebewesen um ihre Existenz

zu unternehmen gezwungen werden, zum Nachdenken auf. Wie viel mehr

würde der ernste Forscher hier finden, der gewohnt ist, mit klarem

Verständniß in die Tiefen der Natur einzudringen, und auch das Kleinste

nicht unbeachtet läßt, so weit Menschenwissen eben dringen darf und

dazu befähigt ist! Der Reichthum der Fauna ist hier ein übergroßer

-- ein solches Leben in so reicher Vielfältigkeit zu betrachten, ist

für den denkenden Menschen schon ein Leben in der freien ungestörten

Gottesnatur werth -- die Natur in ihrem Wirken und Streben betrachten

zu können, wiegt allein schon die Einsamkeit und das Entbehren auf.

Wundervoll und unfaßbar sind die Werke des allmächtigen Schöpfers, der

mit gleicher Liebe auch das Kleinste und uns Unscheinbarste umfaßt! --

War auch das Leben im Urwald besonders durch die Vielfältigkeit

der Fauna recht anregend, so trugen die Atonga, die immer lustig

und zufrieden, solange nur ihren leiblichen Bedürfnissen Rechnung

getragen und sie gut behandelt wurden, auch das Ihre dazu bei, die

Einsamkeit zu beleben. Beim Abgang mit schwer beladenen Wagen oder bei

ihrer Rückkehr, stimmten sie stets den Nationalgesang ihres Stammes

an; wollte es aber mal nicht recht vorwärts gehen, begeisterten sie

sich durch ihre Kriegsgesänge und weithin hallte der Wald wider,

wenn sie ihr »ho, ho, Atonga« erschallen ließen. Diese Atonga, wie

schon mehrfach erwähnt, waren mir die liebsten Arbeiter; man kann

ihnen gewisse Intelligenz nicht absprechen, und schon durch ihr

Wesen und Auftreten stellen sie sich über alle anderen Stämme mit

denen ich im Innern Afrikas bekannt geworden bin. Persönlichen Muth

freilich haben sie in einigen Fällen gerade nicht gezeigt, indes wie

ich sie später in ihrer Heimath am Nyassa-See kennen gelernt habe,

sind sie dem mit gleichen Waffen kämpfenden Gegner immer überlegen,

und unbesiegt bisher, gaben sie noch niemals Fersengeld. Es ist ein

schöner Menschenschlag, mit regelmäßigen Gesichtszügen; sie stechen

gegen andere Stämme auffallend ab, obgleich auch unter ihnen viele

Mißarten vorkommen, da viele die sich Atonga nennen, namentlich in der

Gesichtsbildung eine andere Abstammung vermuthen lassen, was auf die

Unsitte der Sklavenhaltung naturgemäß zurückzuführen ist.

Nur passionirte Schnupfer, sind die Atonga keine starken Raucher;

gelegentlich nur am Feuer, wo sie meist immer eine animirte

Unterhaltung pflegen, kreist die Pfeife, d. h. ein Stückchen Rohr

oder ein abgekörnter Maiskolben, dessen Herz mit einem Stäbchen Holz

ausgestochen und mit Tabak gefüllt wird, dient als Pfeife, die dann

von Hand zu Hand geht und aus der jeder ein paar kräftige Züge thut.

An ihren Schnupftabaksdosen, die meistens aus Bambusrohr gefertigt und

mit Schnitzereien versehen sind, kann man einen gewissen Schönheitssinn

auch erkennen. Der glückliche Besitzer einer Dose aber hat auch, so

weit ich beobachten konnte, die Verpflichtung, dieselbe mit dem starken

Reizmittel zu versehen, das er gewissenhaft in der Ruhepause austheilt.

Mit Vorliebe aber benutzten sie auch dazu unsere abgeschossenen

Metallpatronen; sie waren dadurch des geduldigen Wartens überhoben und

konnten eine frische Priese sich leisten, wann immer es ihnen beliebte.

In rastloser Arbeit waren nahezu 3 Wochen hingegangen und nur das

letzte Auftrennen zweier 28 Fuß langer Balken hielt mich noch zurück,

da ich nicht zum zweiten Male so mühsam hergestellte Hölzer ruiniren

lassen wollte. Als aber auch dieses Werk beendet war, nahm ich Abschied

von der Stätte, wohin mein Fuß nie wieder zurückkehren sollte; der

letzte wilde Gesang der Atonga, die unter den Wipfeln uralter Bäume

noch ihren Kriegstanz aufführten, hallte durch die Stille des Waldes,

wo fortan Axt und Hammerschlag verklungen waren. So schwer es aber auch

alles gewesen, es hat doch einen eigenen Reiz, in dieser Einsamkeit

zu leben, die Natur in ihrer wilden Schönheit zu beobachten und das

Bewußtsein, fern aller zivilisirten Stätten, in einem jungfräulichen

Urwald zu streifen, wo kaum je eines Menschen Fuß gewesen, lockt

zu einem weiteren Forschen, auch die Jahrhunderte alten Riesen des

Urwaldes zu schlagen und mit donnerndem Krachen stürzen zu sehen,

gefällt von schwacher Menschenhand, ist auch eine eigene Lust. --

Welchen Kontrast bilden doch die stolzen Paläste der Heimath und aller

Comfort gegen die elende Grashütte im Urwald und gegen die Entbehrungen

und Gefahren! -- Unsere Hütten werden noch eine zeitlang den wandernden

Wangoni eine Rast- und Zufluchtstätte bieten, bis sie zerfallen; bald

werden die gewaltigen Gänge und Wege, die wir gehauen, von sprießendem

Gras und Strauch verdeckt und unkenntlich werden, und wo deutscher

Fleiß rastlos geschafft, um ein großes Werk zu fördern, rastet wieder

des Waldes und der Thiere König, wenn er sein weites Gebiet, Beute

jagend, durchzieht. -- --

17. Der Stapellauf des »H. v. Wißmann« und dessen Vollendung.

Unbehindert noch durch andere Arbeiten, da das Nieten am Schiff noch

nicht ganz beendet war, begann ich den Transport der an dem ersten

Abhang lagernden Balken und nachdem die Kronen der Abhänge etwas

geebnet waren, wodurch der Steilheit derselben ein wenig abgeholfen

wurde und auch das dichte Gebüsch für den Fahrweg niedergehauen war,

konnte der erste Versuch gewagt werden. Der Balken wurde auf die

Achse des Wagens so festgebunden, daß er mit seinem Hauptgewicht

am Boden schleifen mußte, dann zwei gewandte, flinke Leute an die

Deichsel postirt, die ein Ablenken verhindern sollten, fuhr der Wagen

in wilder Hast in die Tiefe; wurde jedoch durch die Steilheit des

Weges die Schwere des Balkens hinten aufgehoben, lief der Wagen mit

solcher Gewalt in das dichte Gebüsch, daß es viel Mühe machte, ihn

wieder herauszubringen. Tiefe Gräben auf unserem Wege wurden meistens

in vollem Laufe genommen; es zogen oft dreißig Mann, um den Wagen

nicht zum Stillstand kommen zu lassen. So ging alles gut, und nur der

Durchzug durch das Flußbett, das Hinaufschaffen der steilen sandigen

Ufer hinan, wohinein die Räder bis an die Achsen versanken, erforderte

ungemein viel Arbeit, selbst 50 Mann schleppten den Wagen nicht

hindurch, und erst auf herbeigeschaffte Planken war es möglich, die

schweren Lasten durch- und hinaufzubringen.

Eine beträchtliche Zeit, bis zum Anfang Juni, erforderte es, diese

Arbeit zu vollenden und mit den verfügbaren Kräften die Hölzer über

den Schirefluß und zur Werft zu schaffen. Hier nun wurden die Balken

und Bohlen von allen Handwerkern, die irgend ein Verständniß dafür

zeigten, bearbeitet und beputzt; darauf legte ich, gut und fest im

Erdboden versichert, die Bahn, auf welcher mittelst des Schlittens das

Schiff zu Wasser laufen sollte. Nichts was irgendwie zur Sicherheit

dienen konnte, unterließ ich, mit eisernen Bolzen, Schienen und

Klammer wurde alles so in sich, namentlich der Schlitten verbunden,

daß nach menschlicher Berechnung ein Nichtgelingen unmöglich schien.

Und doch, nicht an dem Gelingen des Werkes, welches ich vor Augen

hatte, zweifelte ich, vielmehr erfüllte mich ein Umstand mit geheimer

Sorge, gegen den ich völlig machtlos war. Ich hatte nämlich lange

vorher, bald nachdem der Fluß wieder auf sein gewöhnliches Niveau

zurückgegangen war, durch Auspeilen gefunden, daß sich langsam zwar,

aber doch beständig, gerade vor der Werft eine Sandbank zu bilden

beginne, die während dreier Monate die Tiefe von 12 Fuß bis auf 9

bereits vermindert hatte. Es war deshalb beim Stapellauf zu befürchten,

der Hintersteven des Schiffes könnte sich eventuell festlaufen,

bevor dieses soweit von der Schlipp abgeglitten, daß das Wasser es

hinten hochheben konnte; somit halb im Wasser, halb auf Land in eine

schwierige Lage gerathen mußte. Auch konnte die Schlipp nur bis zum

Wasser gelegt werden und nicht wie üblich, in dasselbe noch hinein, da

gleich am Ufer eine beträchtliche Tiefe dies nicht gestattete. Ebenso

konnte, wenn wirklich wider Erwarten etwas verkehrt gehen sollte, auch

der starke Strom, der den Schiffskörper sofort abdrängen mußte, recht

bedenkliche Folgen haben.

Allein nur mit dieser voraussichtlichen Gefahr bekannt, von deren

Vorhandensein Niemand sonst eine Ahnung hatte, überdachte ich in

manchen schlaflosen Stunden, wie dem Uebelstand abzuhelfen sei. Wohl

gab es Mittel, aber solche hatte ich nicht zur Hand; so mußte ich

es denn eben auf gut Glück ankommen lassen, mehr als gethan worden

war, konnte nicht geschehen. Am Sonnabend den 10. Juni 1893 war alles

vorbereitet, sodaß das Schiff nur auf der seitlichen Keilklotzung

des Schlittens ruhte; von dem Gerüst und Stützen befreit, war es

fertig zum Stapellauf. Wohl wäre es angängig gewesen, in den späteren

Nachmittagsstunden dieses Tages das Schiff noch laufen zu lassen,

allein ich widerstand der Versuchung und geduldete mich, beherzigend,

daß der Wahrspruch: +procautia mater sapientiae est+ (Vorsicht ist

die Mutter der Weisheit) sicherer ist, als eine unzeitige Ueberhastung;

ein kleines Versehen nur konnte hierbei schlimme Folgen haben.

Der 12. Juni also wurde für den Stapellauf des »Hermann Wißmann«

festgesetzt, und würdig einer solchen Feier, die den ersten Abschluß

für ein deutsch-nationales Werk bilden würde, woran eine kleine Zahl

Männer ihr ganzes Können und Wollen gesetzt, sollte auch die Umgebung

dieser entsprechen. Zum letzten Male sandte ich die Atonga hinaus in

die Berge, mit der Weisung, hoch in den Schluchten und Thälern des

Schiregebirges das längste Bambusrohr zu schlagen, welches zu finden

sei. Zweierlei Zweck war damit verbunden, erstens sollten die über 30

Fuß langen Stangen vorerst als Flaggenstangen, dann aber zum Staken

dienen, um, wo nöthig, mittelst diesen das Schiff bei der Ueberführung

zum Nyassa-See gegen den Strom den Schire hinauf vorwärts bringen zu

können.

Der Morgen des 12. Juni tagte. Ein viel regeres Leben als sonst

entfaltete sich auf Werft, wollte doch keiner fern bleiben und sich

ein Schauspiel entgehen lassen, wie solches hier nie zuvor gesehen

worden war. Was die Umgegend an Eingebornen aufweisen konnte, war am

Ufer des Flusses oder an der Umzäunung der Werft zu Haufen versammelt.

Schon die Aufrichtung der vielen Flaggenstangen, an denen die bunten

Signalwimpel wehten, die Ansammlung aller in Mpimbi anwesenden

Europäer, erregte die Neugierde der Bevölkerung auch ohne daß sie

gewußt hätte, welcher Vorgang sich hier in Kürze abspielen sollte.

Die letzte Inspizirung war beendet, jede Klammer nachgetrieben,

die Bahn mit grüner Seife und Talg gut geschmiert, unsere starken

Daumkräfte zum sofortigen Gebrauch fest am Schlitten angesetzt, konnte

in Gegenwart aller Europäer, Deutsche wie Engländer, zum Taufakt, den

Herr von Eltz als Vertreter des Majors von Wißmann vornehmen wollte,

geschritten werden. »Zur Ehre des deutschen Namens führe stolzes Schiff

allezeit in Ehren die deutsche Flagge auf den Fluthen des Nyassa-Sees,

sei es im Krieg, sei es im Frieden, zeige dich würdig des Namens, den

du trägst immerdar -- fahre hin in dein Element« -- und schallend

zerschellte am Bug die Champagnerflasche, ein edles schäumendes Naß

netzte die Stahlplatten, die später in manchem wilden Sturm durch die

aufgeregten Wogen des gewaltigen Sees sich Bahn brechen sollten.

Die Fallreep aufenternd, gefolgt nur von wenigen Atonga, die den

Anker zu bedienen hatten, gab ich den Befehl zum Laufen -- rasselnd

fielen die Ketten, die das Schiff gehalten, zitternd rückte es durch

den schweren Körper, als die starken Schrauben angedreht wurden und

langsam, wie wenn es sich zum Anlauf rüsten wollte, glitt es wenige

Fuß auf der glatten Bahn herunter, aber ehe es im Laufen kam, scholl

mein Kommando »hol Atonga« und an beiden Seiten legten sich wohl 50

Mann mit aller Kraft in die am Schlitten befestigten Taue. Schnell und

schneller die steile Bahn hinab, das Heck tief in das aufschäumende

Element drückend, das brausend um die Seiten des Schiffes aufwallte,

glitt der »Hermann v. Wißmann« hinab, umbraust von dem Hurrah viel

hunderter Kehlen. Rasselnd fiel der Anker in die Tiefe und auf den

Strom schwingend, lag das Schiff nahe dem Ufer vor seinem ersten festen

Halt.

Der kritische Moment bei dieser rapiden Fahrt abwärts war, als der

Hintersteven des Schiffes im Sande der angeschwemmten Bank sich

durchwühlte, mehr noch, als der mit Ketten am Schiffe aufgefangene

Schlitten den Grund berührte und mit Krachen die Ketten entzwei

sprangen. Aber zu gewaltig war der Andrang des schweren Körpers, um

durch diesen Widerstand aufgehalten werden zu können; nur so viel

geschah, die schwere am Grunde liegende Holzmasse hemmte den starken

Rücklauf des Schiffes und brachte es, mit dem Vordersteven keine 15 Fuß

vom Ufer entfernt, zum Stehen, der Anker fiel zwischen die Hölzer des

gesunkenen Schlittens, sonst, von den schweren Hölzern befreit, hätte

das Schiff weit in den Fluß hinein laufen müssen.

Sekunden nur waren es, doch dünkten mir solche lang, und erst mein

Kommando, »fallen Anker« löste die spannnende Erwartung! In diesem

Augenblick, als der Stapellauf nun so glücklich beendet war, wollte mir

alles Kommende nichtig und gering erscheinen gegenüber dem was hinter

mir lag, was auch die Zukunft bringen mochte an Mühen und Arbeit, die

Krönung des Werkes sah ich mit diesem glücklichen Ausgang als vollendet

an. -- --

Schon bald nach dem Osterfeste hatten die Engländer, mit aller

Kraft den Bau ihrer kleinen Schiffe fördernd, mit der Aufstellung

des Flußdampfers »Dove« begonnen, der auch zu dieser Zeit soweit

fertiggestellt worden war, daß die Probefahrt abgehalten werden konnte;

der Bau eines ihrer Kanonenboote war auf unserer Leichterwerft erst

soweit vorgeschritten, daß sie uns nicht gut mehr überholen würden,

obgleich ihre Arbeiten im Vergleich zu unseren eine Kleinigkeit genannt

werden konnte.

Die nicht zur Ausführung gekommene Absicht des Majors von Wißmann, sein

Schiff, am Tanganjika-See zu erbauen, ließ dem Leiter des englischen

Unternehmens, Kapt. Robertson, nun seinerseits den Entschluß fassen,

mit dem zweiten Kanonenboote dieses Projekt zur Ausführung zu bringen,

welches, wenn es vonseiten der englischen Regierung genehmigt worden

wäre, für die an diesem See längst eröffneten Handelsbeziehungen

Englands ein starker Stützpunkt sein mußte, und der zu dieser Zeit

schon stark in Vorbereitung befindliche Plan, den englischen Einfluß in

der Längsaxe Afrikas zu entfalten, würde durch die Stationirung eines

solchen Machtobjekts auf dem Tanganjika-See nur gefördert worden sein.

Aber aus politischen Gründen wohl wurde die Ausführung dieses Planes

vereitelt und es mußte auch das zweite Fahrzeug in Mpimbi erbaut werden.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 37 / 51 段