wir endlich am Scheidewege und schauten von hier aus in die gewaltige
Niederung des Schireflusses, die von unserm erhöhten Standpunkt
terrassenförmig abfiel. Wie abgeschnitten war der Wald, der das weite
Plateau umsäumte -- vor uns lag die wilde undurchdringliche Ebene,
bestanden mit Busch und Rohr, die allein nur das Flußpferd und der
Büffel zu durchbrechen vermochte. Müde und ermattet vom weiten Marsch,
rastete ich hier im Schatten des Waldes und überlegte, wie ich wohl
später die schwer beladenen Wagen die steilen Abhänge hinabbringen
könnte. Es waren soweit keine unüberwindlichen Schwierigkeiten uns
entgegengetreten, der Weg würde für Wagen nur zu erweitern sein,
ob es aber möglich sein würde, die Abhänge und tiefen Gräben, wie
solche durch abfließende Wasser entstanden, zu passiren, schien eine
fragliche Sache, denn das Erdreich zu ebnen, eventuell abzutragen,
würde eine ungeheure Arbeit kosten, die jedoch ausgeführt werden mußte,
da sich bis jetzt kein anderer Ausweg darbot.
Meine Leute, nicht minder durstig als ich, waren ausgegangen, den
hier nach der Angabe jener am Wege lagernden Wangoni vorhandenen
Wassertümpel aufzusuchen und, allein zurückbleibend, wurde ich
plötzlich von einer Anzahl mit Schildern, Speer und Bogen bewaffneter
Angoni-Krieger überrascht, die aus dem Gebüsch herauskamen und eiligen
Schrittes Mann hinter Mann den Waldpfad betraten. Wie angewurzelt
standen sie, als sie mich erblickten und ihre geschulterten Waffen
senkten sich unwillkürlich, aus Furcht, der ihnen hier unvermuthet
entgegengetretene weiße Mann führe vielleicht Böses im Schilde. Scheu
wichen sie zurück, als ich auf sie zutrat und machten mir Platz, dabei
starr die Augen auf meine Waffe gerichtet, auf der ich mich stützte.
Selbst meine freundliche Anrede verscheuchte ihren Zweifel nicht,
da sie mich nicht verstanden, und wären ihrer so viele nicht dem
einen gegenüber gewesen, sie hätten, glaube ich, am liebsten Reißaus
genommen, zumal ein schriller Pfiff aus meiner Signalpfeife, der meine
Begleiter herbeirufen sollte, sie erst recht erschreckte, soviel
begriffen sie nur, daß ich die Absicht hegte, sie aufzuhalten. Scheu
und Furcht war aber ebenso schnell geschwunden, sobald sie von den
beiden Führern begrüßt und um Auskunft gefragt wurden, welcher von den
drei Wegen hier, anstatt der uns angegebenen zwei, nach Mpimbi führe.
Die Leute erzählten, sie hätten, auf der Jagd begriffen, ein Kudu,
die größte Antilopenart, am Wasser überrascht und schwer verletzt,
es sei ihnen aber, dessen Spur sie sehr weit verfolgt, im Dickicht
abhanden gekommen und von der nutzlosen Verfolgung absehend, wollten
sie sich wieder an einen großen Wassertümpel im Hinterhalt legen, zu
dem nächtlicher Weile das Wild zur Tränke komme. Ich habe später an
jenem Wasser selber gestanden und muß bezeugen, daß der Ort nicht
schlecht gewählt war. Aber da dorthin nicht blos die harmlose Antilope
kam, um ihren Durst zu stillen, sondern ich auch die Panther- und
Löwenspur, des Büffels und Zebras fand, so kann man wohl den beherzten
Jägern persönlichen Muth zutrauen, zumal nur List und Verschlagenheit
einen Erfolg verspricht, die entschieden dazu gehören, um sich an
die vorsichtigen Thiere heranzumachen. Ihre Waffen, im Nahkampf so
gefährlich, waren doch nutzlos, sobald sie solche nicht auf nur ganz
kurze Entfernung schleudern konnten, auch daß sie sich nie damit an
Raubthiere wagen dürften, war selbstverständlich.
Sehr zufrieden, daß uns der richtige Weg bezeichnet worden war --
ich hätte ohne diese Begegnung den falschen gewählt und wir hätten
sicherlich, da der Tag zur Neige ging, in der Wildniß umhergeirrt
-- brachen wir sogleich auf und verfolgten den wenig begangenen
Fußpfad, der uns durch hohes Gras und Gebüsch führte. Drei Terrassen
niedersteigend, erkannte ich erst, wie ungeheuer schwierig es sein
würde, hier die Balken hinabzuschaffen und welche zeitraubende Arbeit
es sein müßte, durch solches Gehege einen Weg zu bahnen.
Schon nahte der Abend, als wir Anpflanzungen und Felder der
Eingeborenen vor uns liegen sahen, und bald darauf ein von einer
Rohrwand umgebenes kleines Dorf betraten. Nur wenige Frauen fanden
wir in der Umzäunung, die eiligst bei unserm Anblick in den Hütten
verschwanden, nur ein altes Mütterchen stand uns Rede und Antwort;
mürrisch zwar, ob der unliebsamen Störung, gab sie uns doch den
Bescheid: wir sollten nur den hinter dem Dorfe zum Flusse führenden
Weg verfolgen, den Fluß durchschreiten, so würden wir in einer
halben Stunde etwa nahe Mpimbi sein. Und wirklich standen wir bald
am hohen Ufer desselben Nebenflusses, den wir meilenweit oberhalb
durchwatet hatten und auch hier, ebenso flach, bot der Uebergang keine
Schwierigkeit. Hätte dieser Fluß nur durchweg einige Fuß Wassertiefe
gehabt, so wäre es trotz allem der bequemste und kürzeste Weg gewesen,
mittelst eines Bootes die Hölzer herunterzuflößen, so aber war dieses
leider unmöglich und nichts anderes blieb übrig, als den erkundeten Weg
für den Transport zu wählen.
In der Dunkelheit durch Gras und Busch folgten wir den einsamen Pfaden,
kamen schließlich zu den Mais- und Mtamafeldern, die die Dörfer jenes
Häuptlings umgaben, der uns einst den Durchzug verwehrt hatte; hier
besser orientirt, drangen wir bis querüber der Werft vor, und bald
scholl aus dem dichten Ufergebüsch in dunkler Abendstunde das »Boot
ahoi!« hinüber.
Höchst zufrieden mit dem schönen Verdienst, welchen ich den beiden
Führern auszahlen ließ, waren sie sehr bereit, mehrere Tage lang als
Boten zwischen dem Lager im Urwald und der Werft zu dienen. Sie hatten
demnach Proviant und Handwerkszeug tragende Atonga, sowie einzelne von
Blantyre neu engagirte Zimmerleute den unbekannten Weg zu führen, auch
die Verbindung mit ihrem Häuptling aufrecht zu erhalten und dafür zu
sorgen, daß die 30 Mann schnell zur Unterstützung abgesandt würden.
Mit der Verproviantirung so vieler Leute, die an und für sich schon
schwierig war, hielt ich es dort im Lager ebenso, wie auf der Werft;
jeder Mann mußte für das ihm ausgezahlte Poscho seinen Bedarf selber
kaufen und, um diesen zu decken, hatten zwei Mann den Einkauf zu
besorgen.
Da meine Anwesenheit auf der Werft nun für längere Zeit nöthig war,
konnte ich die Arbeiten im Urwald keiner regelmäßigen Kontrolle
unterziehen, höchstens eine Verständigung auf schriftlichem Wege
erzielen, oder jeden Sonnabend, wenn Ottlich zur Werft kam und über
seine Arbeit berichtete. Wohl hatte ich mich anfänglich, wenn die
Nothwendigkeit vorzuliegen schien, auch Sonntags früh aufgemacht und
die weite Wanderung bis zum Lager angetreten; indes einen Weg von
nahezu 45 Kilometern in heißer Sonnengluth an einem Tage zurückzulegen,
um zur rechten Zeit wieder am Platze zu sein, solcher Anstrengung war
der Körper doch nicht recht gewachsen, und schon darum, weil sich
jedesmal nach solchem Marsche Fieber einstellte, das mich für den
nächsten Tag fast zur Arbeit unfähig machte, mußte ich mir an den
Berichten genügen lassen.
Der Monat April, ein wetterwendischer Geselle, wie er mit Recht in
der gemäßigten Zone bezeichnet werden kann, zeigte auch hier kein
allzufreundliches Gesicht. Gewitter, Regengüsse, kalte Nächte und
heftige Winde bildeten den Uebergang zur trockenen Jahreszeit. Solcher
Witterungseinfluß war auf die Gesundheit der Europäer nicht günstig
und ob nach Möglichkeit ein jeder Handwerker sein Theil an der
schweren Arbeit auf der Werft zu thun suchte, war es doch den meisten
nicht möglich; sehr selten nur konnte ich einen Tag bezeichnen, an
welchem alle gesund und ihr Tagewerk zu schaffen im Stande waren. Eine
eigentliche Verzögerung fand aber nur bei dem Aufbau der Dampfkesseln
statt, insofern, als das Einziehen der Niete die Kräfte der Leute bei
dieser schweren Arbeit stark mitnahm, während am Schiffe, wo schon mit
dem Anlegen der Stahlplatten begonnen war, die Schwarzen hilfreiche
Hand leisten konnten, und unter meiner und Zanders Aufsicht, namentlich
die Atonga-Abtheilung, mit Geschick arbeiteten.
Im Anfang Mai, mit dem letzten Wagentransport und den letzten Trägern,
war das ungeheure Schiffsmaterial über das Gebirge geschafft; also
in weniger als drei Monaten annähernd 7000 Lasten, wenn das mit
eingerechnet wird, was die Wagen an Arbeitskräften erspart haben, und
das auf Wegen und zu einer Jahreszeit, die gewiß die ungünstigsten
waren. Kein Stück der tausenden Theile, dank der scharfen Kontrolle,
war verloren gegangen, nichts in der Weise ruinirt, daß es hätte
verworfen werden müssen und was an minderwerthigen Sachen verdorben
war, konnte dem Einfluß der Witterung und den gefährlichen Termiten
zugeschrieben werden. Wie schon erwähnt, waren alle wesentlichen
Holztheile aus Teakholz gefertigt, an das die weiße Ameise nicht
heranging, und waren Beschädigungen, namentlich an den langen
Decksplanken auch vorgekommen, so waren doch so viele in Reserve, daß
der Ausfall uns keinen Abbruch that.
Um diese Zeit nun wurde mir die Aufsicht über alles wesentlich dadurch
erleichtert, daß, nach erfolgter Ankunft in Mpimbi, der Führer der
Transport-Expedition, Herr v. Eltz, den Aufbau unseres Leichters
übernahm und diesen mit den Sudanesen vollendete. Als das Fahrzeug
zu Wasser gebracht war, sollten mit demselben alle Gegenstände,
welche erst später zur Vollendung des Schiffes gebraucht wurden, zum
Nyassa-See geschafft werden, da es nicht rathsam erschien, den Dampfer
mehr als nöthig zu belasten. Doktor Röver, nun auch vom Lagerkommando
entbunden, erhielt den Auftrag, mit Unterstützung von etwa 30 Soldaten
und des Artisten Herrn Franke, am Südende des Sees die Station Port
Maguire anzulegen, damit nach vollendetem Stapellauf des Schiffes und
dessen Ueberführung zum See dort alles vorbereitet wäre. Eile, um diese
gewiß sehr umständlichen Arbeiten auszuführen, war um so mehr geboten,
als es galt, in einem eigentlich feindlichen Lande sich festzusetzen,
und die Schwierigkeiten, welche sich der Gründung einer Station
entgegenstellen konnten, nicht vorher zu beurtheilen waren.
Zur Zeit als der Leichter nach seinem Bestimmungsort abgesandt wurde,
waren auch alle Arbeiten am Schiffskörper soweit vollendet, daß mit dem
Nieten begonnen werden konnte und jeder Europäer wurde herangezogen,
um mit tausenden von Nieten die Schiffsplatten in sich und an den
Spanten zu befestigen. Lustig klangen auf der Werft Hammer und Ambos,
loderten die Feuer der Schmieden, und viel fleißige Hände regten sich,
das große Werk der Vollendung näher zu bringen. Ging aber auf der
Werft auch alles mit regem Eifer vorwärts, so wollte es mir scheinen,
daß im Urwald das Fällen der Bäume, das Behauen derselben, nicht so
rüstig gefördert würde, denn wiederholt lauteten die Berichte sehr
unklar, so daß ich zweifeln mußte, ob die Arbeit auch zur rechten Zeit
würde beendet werden. Auch zeigte Ottlich, des einsamen Lebens im
Urwald überdrüssig, nicht mehr so viel Eifer für die Sache, da ihm ein
Gefährte nicht beigegeben werden konnte.
So war ich denn gezwungen, sollte nicht eine unliebsame Verzögerung
eintreten, die Aufsicht der Werft an Herrn v. Eltz abzutreten, was um
so eher angängig war, als beim Nieten des Schiffes keine speziellen
Anordnungen getroffen werden brauchten. Dringender noch wurde meine
Anwesenheit im Urwald, als mir die Nachricht zu Ohren kam, daß der
Zimmermann, aus Furcht vor einem Ueberfall von Seiten der Wangoni,
wohl mehr noch vor den dreister werdenden wilden Thieren, zu dem
uns bekannten Wangoni-Häuptling geflohen sei und das Lager während
verschiedener Nächte schon preisgegeben habe; darum zögerte ich nicht
mehr und siedelte mit dem zweiten Steuermann über, um für Wochen im
Urwald ein einsames, abgeschlossenes Leben zu führen.
Da die Regenzeit vorüber war, deren Dauer die Natur verjüngt hatte,
machte die glühende Sonne, von keinem Wölkchen mehr getrübt, nun ihren
ganzen Einfluß geltend, und was ihr heißer Strahl aus der vom vielen
Regen getränkten Erde zum Leben geweckt, das versengte sie jetzt wieder
mit ihrer Gluth. Das mannshohe Gras in der Savanne war gereift;
trocken und gelb hingen die Blüthenähren und die weiten Massen, wie ein
ungeheures Kornfeld anzusehen, harrten nur des Feuerfunken, um sie zu
vernichten. Auch Baum und Strauch, versengt, ließen die fahlen Blätter
hängen. Wie ein Herbstgemälde war das Waldrevier anzuschauen, als wäre
nicht mehr fern die Zeit, wann alles Leben unter dem Gluthhauch der
Tropensonne ersterben würde, nur die Schmarotzer und Lianen prangten
noch im frischen Grün und ließen mit ihrem Blüthen- und Blätterschmuck
den Baumriesen, den sie umschlungen hielten, voll von Kraft strotzend
erscheinen, während ihm doch schon der Lebenssaft zu schwinden begann.
Das Unangenehmste aber war der befiederte Grassame; federleicht, vom
Windhauch hinweggeführt, setzte sich derselbe in den Kleidern fest,
und, nadelscharf, zu hunderten das dünne Zeug durchdringend und die
Haut spickend, verursachten die Körnchen eine höchst unangenehme Pein.
Fast unerträglich wurden sie aber dann, wenn man gezwungen war, durch
das Grasfeld selbst zu marschiren, jede Berührung schon schüttelte den
Samen ab, und hätte ich es wagen dürfen, ich hätte mich gleich dem
Neger aller Kleidung entblößt, um nur solcher Qual zu entgehen.
Sobald der Waldbestand auf dem Plateau erreicht war, fand ich hier,
soweit es nöthig gewesen, überall solche Bäume aus dem Wege geräumt,
die dem Wagentransport hätten hinderlich sein können, ebenso die
zwischen den Waldflächen liegenden Grasmassen waren vom Feuer zerstört.
Die Wangoni, um sich die Arbeit zu erleichtern, hatten alles was
brennen wollte, in Flammen gesetzt, und im weiten Umkreis, wohin man
sonst nicht wegen der wogenden Grasmassen hatte blicken können, war
alles vernichtet und viele tausend Baumstämme standen geschwärzt bei
einander, um welche die Feuersgluth getobt hatte.
Der gerade Weg, der auf diese Weise bis zum dichten Urwald geführt
worden war, zeigte erst hier, welch eine Arbeit Axt und Buschmesser
verrichtet hatten. In dem undurchdringlichen Gebüsch, das geradezu wie
eine Mauer von Luftwurzeln und Schlingpflanzen verwachsen war, waren
über 30 Meter lange Gänge geschlagen worden, in denen bei hellem Tage
Dämmerung herrschte, und modernde Stämme gestürzter Baumriesen waren
weggeräumt, um einen Weg für die Wagen zu schaffen. Breite, lange Wege,
wie ich es angeordnet, waren von dem Lagerplatz aus nach den gefällten
Bäumen geführt, und hatten solche auch nicht der dichtstehenden Bäume
wegen in gerader Linie geschlagen werden können, so waren sie doch
wenigstens so beschaffen, daß ein beladener Wagen passiren konnte.
Vier lange Wochen hatten 30 Wangoni tagein und -aus gearbeitet, um
solches Werk zu vollbringen und nur wer sich einen Begriff von der
Beschaffenheit eines afrikanischen Urwaldes machen kann, wird eine
solche Arbeit beurtheilen können, wie sie hier ausgeführt worden war.
Indes war nun auch alles Mögliche geschehen, geeignete Verbindungswege
herzustellen, so war doch die Arbeit, worauf es hauptsächlich ankam,
das Behauen der bereits gefällten Bäume, sehr vernachlässigt und
thatsächlich fand ich von den benöthigten 400 Fuß Balken kaum 40
fertiggestellt vor. Die schwarzen Zimmerleute, in letzter Zeit sich
selber überlassen, hatten ohne genügende Aufsicht nach Gutdüncken
gearbeitet und wenn auch die Stämme durchschnittlich 3-4 Fuß
Durchmesser hatten, aus denen Balken von einem Quadratfuß behauen
werden sollten, so war doch bei weitem während so langer Zeit nicht
genug geschaffen worden. Auf solche Weise konnte es nicht weitergehen
und unbedingt nothwendig wurde es, daß ich selber die Leitung der
Arbeiten in die Hand nahm, denn sonst wäre der Schiffskörper viel eher
fertiggestellt gewesen, ehe noch an das Legen der Schlipp gedacht
werden konnte.
Die Furcht vor den Wangoni, die zwar jetzt oft in das Lager kamen, um
Lebensmittel zu verkaufen, war grundlos, wahrscheinlich, was ich nicht
recht erfahren konnte, hatten die Zimmerleute Streit mit den Verkäufern
gehabt, der zu einer Drohung von Seiten der Wangoni die Veranlassung
gewesen, dagegen war die Furcht vor den dreister gewordenen wilden
Thieren wohl berechtigt, allen eine gewisse Scheu einzuflößen; hatte
ich doch vorher schon oft genug Nächte im Urwald verlebt, um genügend
bekannt zu sein mit den nächtlichen Stimmen, die bald fern bald nah
ertönen, die Anwesenheit unheimlicher Gäste zur Gewißheit machten,
abgesehen von denen, die bei Tage aufgejagt, vor den Menschen scheu
schnell im Dickicht und Gras verschwanden.
Da die 30 Mann starke Hilfstruppe der Wangoni-Arbeiter nun entbehrlich
war, ließ ich die Leute mit schönem Verdienst wieder in ihr
Heimathsdorf abziehen; dafür aber soviel Atonga von der Werft kommen,
als zum Fällen noch benöthigter Bäume und zum Anschlagen derselben
gebraucht wurden. Auch mehr Zimmerleute und Brettschneider mußten von
Blantyre herbeigeschafft werden. Jeder der eine Axt nur zu handhaben
verstand (und wer es nicht konnte, dem wurde es dutzend Mal gezeigt)
fand als Vorschläger eine Anstellung d. h. die Leute mußten die Stämme
nach vorgezeichneter Linie so einkerben, daß die Zimmerleute mit
Leichtigkeit das überflüssige Holz abschlagen konnten und eigentlich
nur das Beputzen auszuführen hatten. Weithin hallte der Urwald wieder
von den Axtschlägen, die auf 6-7 Stellen zugleich ertönten, und die
sonst hier herrschende feierliche Stille wurde von dem Gesang der immer
lustigen Atonga unterbrochen.
Tagsüber hatte ich unablässig zu kontrolliren und anzuordnen, damit
nur die Balken nicht verhauen wurden, kam es doch den Atonga garnicht
darauf an, oft viel tiefere Kerben einzuhauen, als sie sollten; warum
ihnen eigentlich der Strich vorgezeichnet war konnten einige absolut
nicht begreifen. Ebenso hatte Ottlich genug zu thun Axtenstiele zu
verfertigen oder Sägen zu schärfen; wurde am Abend das Handwerkszeug
abgeliefert und überzählt, fanden sich jedes Mal verschiedene Beile und
Äxte die unbrauchbar waren.
Mit allen Kräften ging es nun an das Behauen der bereits vorher
gefällten Bäume. Auch eine Abtheilung Atonga, 8 Mann stark, mußte
die aufs Neue ausgesuchten Bäume fällen und, da eigenthümlicher
Weise solche Riesen nur im dichtesten Gebüsch aufgewachsen waren,
galt es erst, um solchen mächtigen Stamm Raum zu schaffen, was
nicht so leicht war, als ein Netz von Luftwurzeln und Lianen eine
Annäherung verhinderte. Von den oft 40-50 Fuß wagerecht nach allen
Seiten vom Stamme abstehenden Aesten, in deren dichtem Laubwerk viel
andere minder hohe Bäume verwachsen, waren die das ganze wie eine
wirre Masse verbindenden Schmarotzerpflanzen nicht herabzureißen,
und nur in Mannshöhe zu entfernen. Armdicke Pflanzen, die den Stamm
schlangengleich umwunden und bis zur Krone hinauf ihre endlosen Fühler
ausgebreitet hatten waren oft so mit dem Holz verwachsen, daß nach
ihrer Entfernung, solcher Baumstamm von tiefen Furchen durchzogen
war; übrigens im unglaublich dichten Dickicht konnte nur so weit Raum
geschaffen werden, daß mit Aexten und Sägen ein freies Hantiren möglich
wurde.
Die 4-6fach vom Stamme abstehenden, oberhalb des Erdbodens befindlichen
Stützwurzeln eines solchen, oft über 12 Fuß Umfang haltenden Baumes,
machten uns viel Arbeit; sie behinderten sehr das Durchschlagen des
Baumes, dem nur wenige Fuß über der Erde anzukommen war. Zäh und fest
gleich Eichenholz, konnte mit unsern Baumsägen wenig erreicht werden,
und war nach 3-4tägiger schwerer Arbeit der Baum wirklich durchhauen,
wollte einige Male, gehalten durch andere Baumkronen, solch Riese
nicht stürzen; bei zweien gab ich den Versuch schließlich auf sie
herunterzubringen, da sie sich in den Zweigen ebenso mächtiger Bäume
verwickelt hatten und vom Stumpf abgleitend, aufrecht stehen blieben.
Stürzte aber solch ein Riese, dann war es wie das Rauschen eines
Wirbelwindes und mit furchtbaren Krachen Bäume, Aeste und Sträucher
niederreißend im Fallen, war es für die Arbeiter rathsam sich eiligst
aus der näheren Umgebung zu entfernen.
Zwei am Rande steiler Abhänge gefällte Baumriesen stürzten trotz
angewandter Vorsicht doch in die Tiefe und mußten, so wie sie
niedergestürzt waren, behauen werden, da keine Menschenkraft im
Stande war, die mächtigen Stämme in eine andere Lage zu bringen. Den
einen dieser Balken gelang es uns mit vieler Mühe mit 50 Mann und
einem Wagen doch noch zur Höhe zu schaffen, den zweiten aber mußte
ich liegen lassen, weil wir ihn nicht regieren konnten. Um nun aber
die langwierige Arbeit nicht vergeblich gethan zu haben, wollte ich
den noch 2-1/2 Fuß im Quadrat haltenden Koloß an Ort und Stelle zu
Planken zersägen lassen. Zu diesem Zwecke wurde dicht daneben ein
mannstiefer Graben aufgeworfen, dann der Balken auf starke Unterlagen
gewälzt, mit dem Auftrennen begonnen. Diese Arbeit wurde den von
Blantyre beorderten Brettschneidern übertragen und freute ich mich,
daß aus einem einzigen Stamm fast der ganze Bedarf an Planken gedeckt
werden konnte, auch achtete ich besonders darauf, daß die Schnitte
möglichst gerade ausgeführt wurden. Als bis auf 2/3 der Länge jede
Planke aufgetrennt war, glaubte ich nun getrost die weitere Aufsicht
andern überlassen zu können, aber von der Werft zurückgekehrt, wohin
eine nothwendige Anordnung mich gerufen hatte, auch dort zwei Tage
vom Fieber festgehalten wurde, fand ich die ganze Arbeit verdorben
vor. Nämlich: es nicht für nöthig haltend, die Leute anzuleiten und
zu kontroliren, hatte der mit der Aufsicht beauftragte Europäer
dieselben nach Gutdünken lustig darauf los schneiden lassen, sodaß
die Säge in jedem Schnitt nicht mehr senkrecht, sondern unter einem
Winkel von schließlich 20 Grad geführt worden war, und in Folge dessen
sämmtliche Planken auf ein Drittel ihrer Länge fast unbrauchbar
wurden. Den Leuten, die zwar auch ihre Arbeit verstehen sollten,
konnte ich eigentlich weniger Vorwürfe machen, weil sie gewohnt
sind, unter Anleitung und Aufsicht zu arbeiten, sie hatten aber auf
meine Hinweisung, daß sie doch gar zu dumm wären, nur die lakonische
Ausrede: wir machen es in Blantyre immer so! Es ist schwer, die vielen
Widerwärtigkeiten, die ich mit den Blantyre-Leuten hatte, zu schildern,
vor allem war ihre angeborene Trägheit und Gleichgültigkeit schwer
zu überwinden; ich kann sagen, wenn ich mich nicht auf Ueberraschung
verlegte, fand ich jeden Mann sehr eifrig bei der Arbeit, vorher aber,
wenn sie mich weit entfernt wußten, hatten sie herzlich wenig gethan.
Dennoch zwang ich sie ein bestimmtes Pensum fertig zu machen, das mir
als Tagesarbeit genügend schien; hatten sie es vollendet, waren sie
frei, wenn nicht, mußten sie bis zur Dunkelheit arbeiten. Dieses Mittel
einige Male angewendet, half, sie wußten sich dann schon für die Folge
einzurichten.