Ein sorgloseres Leben, wie es diese Eingeborenen führen, ist kaum

denkbar, keine Pflicht, keine Arbeit rüttelt sie aus ihrer trägen Ruhe

auf, und während meines Aufenthalts hier konnte ich beobachten, wie sie

sich die Zeit vertrieben. Mit Vorliebe dem Spiel und Tanz ergeben, hat

der Neger eine besondere Zuneigung zu den bunten Karten gefaßt, und

kann er sie von den Europäern erlangen, wird er meistens nach seiner

Kombination ein Spiel veranstalten; hat er aber die Glücksblätter und

ihre Bedeutung noch nicht kennen gelernt, behilft er sich mit anderen

Methoden. In diesem Falle lernte ich eine Art Spiel kennen, das nach

meiner Auffassung dem Damspiel zu vergleichen ist, und zwar: der flache

Erdboden als Brett benutzt, stellten kleine Löcher dicht an dicht

die Felder vor, nur daß das provisorische Brett hier kein Quadrat,

sondern ein großes Parallellogramm war; eine Anzahl kleiner Steine

ersetzten den Spielenden das nöthige Zubehör. Klug bin ich nicht daraus

geworden, da kein geeigneter Erklärer zur Hand war, fand es aber doch

interessant genug und konnte es mir erklären, daß solche Spieltische

eigenartiger Konstruktion vor Beschädigung bewahrt wurden; als nämlich

das Hühnervolk mit Eifer nach Beendigung des Spiels die zahlreichen

gleichmäßigen Löcher aus- und durcheinander zu kratzen begann, wurde

ein Wachtposten in Gestalt eines kleinen Jungen dabeigestellt, der mit

perfekter Sicherheit jedes vorwitzige Huhn ein Steinchen zusandte, das

dieses zur eiligen Flucht veranlaßte.

Die Unterhandlung mit dem alten Häuptling betreffs einiger Führer hatte

dahin geführt, daß er willig mir solche stellen wollte und auch sich

erbot die gesammten männlichen Dorfbewohner mir zu überlassen, wenn

sie beim Fällen der Bäume benöthigt würden; kleine Geschenke nämlich

hatten seine Begierde nach mehr gereizt, und mit kluger Berechnung

sah er voraus, daß kaum jemals wieder eine solch günstige Gelegenheit

sich bieten würde, so leicht und bequem sich zu bereichern, er war

daher auch, als ich seinen Antrag, der mir höchst willkommen, annahm,

von ganz besonderer Liebenswürdigkeit und plapperte mir so viel vor,

als ich nur mit anhören wollte, obgleich ich selbst mit Hilfe eines

Dolmetschers schwer daraus klug werden konnte.

Daraus, daß die bestellten beiden Führer durch eine tüchtige Mahlzeit

sich erst stärkten, konnte ich schon entnehmen, der Weg würde lang und

beschwerlich sein, was sich auch bestätigte, als wir nach halbstündiger

Rast das hinter dem Dorfe ansteigende Gelände betraten und mühsam die

schmalen Fußpfade verfolgten. Bald ging es über durch wildrasende

Waldbäche zerrissenes Terrain, auf- und abwärts durch Schluchten und

über Hügel, bis schließlich in der wegelosen Wildniß unser Wagen durch

die immer dichter zusammenstehenden Sträucher und Bäume nicht mehr

fortzubringen war. Proviant und Handwerkszeug mußte vertheilt werden

und ich bedauerte nur, aus dem Dorfe nicht mehr Leute mitgenommen

zu haben, die die ziemlich stark belasteten Atonga, von denen 6 den

zerlegten Wagen theilweise zu tragen hatten, hätten erleichtern können,

aber zu spät und schon zu weit entfernt, mußte es eben so gut als

möglich vorwärts gehen. Reich an Widerwärtigkeiten war der Weg, bald

durch dichtes Gebüsch, bald an steilen Abhängen hinziehend, zerstachen

und zerrissen Dornhecken uns die Haut und unsere dünnen Kleider;

die nackten Menschen nicht imstande, sich gegen die scharfen Dornen

zu schützen, krochen oftmals mehr als sie aufrecht gingen hindurch.

Die Wege, welche die Führer verfolgten waren nur Wildpfade und ganz

angethan darnach, daß diese der Löwe und Panther, wie mir die Wangoni

versicherten, zur nächtlichen Streife benutzten; war doch die ganze

zerklüftete Umgegend so recht geeignet den gefährlichsten Raubthieren

als sicherer Zufluchtsort zu dienen. Dazu kamen wir durch Dickichte, in

welchen eine bienengroße Fliege förmlich Attacke auf unsere unbedeckten

Körpertheile machte, deren Stich so empfindlich und schmerzhaft war,

daß wir vorwärts eilten, so gut und schlecht es gehen wollte, um nur

diesen Quälergeistern zu entgehen.

Nach mühevollem Wandern am Fuße eines steilen Hügels angelangt, wo

das Terrain wieder in eine Art Lichtung überging, hieß ich den Wagen

hier zusammensetzen, und nun die Mannschaft davor, suchten wir den

bewaldeten Höhenkamm zu erreichen. Oben angelangt und im Schatten

knorriger aber breitästiger Bäume stehend, eröffnete sich vor unsern

Augen eine wilde, doch in ihrer Eigenart herrliche Gegend. Rechts

strebten die Hügel immer höher an, bis zu den fernen Bergen mit

Wald und Busch bestanden. Vor uns in der Tiefe lag eine Grassavanne

ausgebreitet, unterbrochen mit größeren Weideplätzen, auf denen

ungestört in kleineren Trupps verschiedene Antilopenarten, selbst das

Kudu, weideten, und weiter, an deren Grenze, mächtiges Rohrgebüsch, das

den Uferrand des uns schon bekannten Flusses einfaßte. Links von uns

aber, fiel das Terrain in sanfter Wellenlinie ab; es breitete sich ein

Waldidyll vor uns aus, wie ich solches in der afrikanischen Wildniß

noch nie erblickt hatte. Schlank und hoch, gleich einem herrlichen

Dom, unter dessen Schatten grüne Grasmatten ausgebreitet lagen, hoben

Baumfarren und Kaktusbäume ihre stolzen Kronen in die Lüfte und als wir

in diesem lichten prächtigen Wald wandernd, die ganze Herrlichkeit der

jungfräulichen Natur um uns bewundern konnten, war der Wunsch in uns

lebendig, an solcher Stätte verweilen und ruhen zu dürfen.

Von jener Höhe, von der ich herniederschaute auf diese sonnenbeglänzten

Gefilde, erschien die weite Ferne näher gerückt, aber es war nur ein

Trugbild der Reflexion, denn stundenweit dehnte sich das Waldgefilde

aus, ehe wir dieses durchzogen, wieder in die Grassavanne hinaustraten

und in der vollen Sonnengluth durch das mannshohe Gras vorwärts

strebten, die steilen Ufer eines jetzt nur wenig bewässerten Baches

hinab und hinauf, standen wir vor einer undurchdringlichen Mauer jener

Rohrmassen, wie solche hier allerwärts die sumpfigen Niederungen an

den Flüssen ausfüllten; dem Urbusch gleich, verwoben mit Schling- und

Dorngesträuch, war nur das plumpe Flußpferd und das Warzenschwein

fähig, hier hindurch sich Bahn zu brechen; auch die scheue Antilope

folgt in nächtlicher Stunde diesen Spuren, um zum frischen, klaren

Wasser zu gelangen, das sie während der heißen Tagesgluth vielfach

entbehren muß.

Ehe ich mich nun entschloß, aufs Geradewohl den dunklen Gängen, deren

mehrere in nächster Umgebung hier ausmündeten, zu folgen, fragte

ich die Führer, welche selbst nicht mehr wußten, wohin sie uns den

Weg zeigen sollten, (da ich solche Bäume, die sie für dick und hoch

bezeichnet hatten, für unbrauchbar erklärte,) ob nicht an dieser Seite

des Flusses irgendwo noch stärkere und geradere Stämme zu finden

seien. Dieses verneinend, wiesen sie in die Ferne nach den Bergen hin

und meinten, dorthin allein könnte es möglich sein, zu finden was

wir suchten. Nun solch einen weiten Weg durch die offene Grassavanne

auf gut Glück in glühender Sonne zu machen, das hielt ich denn doch

für zwecklos, und wie hätten wir wohl allenfalls dort gefundene

Bäume auf solchen Wegen, wie wir sie anfänglich durch Dickicht und

Busch uns gebahnt, zum Schire schaffen sollen? Also vorwärts -- der

Wagen zerlegt, die Leute, wie schon einmal, mit den Lasten bepackt,

ging es in einem der dunklen Gänge hinein. Kühl und feucht, selbst

modrig war die Luft da drinnen, und unwillkürlich schärften sich die

Sinne bei dem Gedanken, daß nächtlicher Weile der König der Wildniß

und der blutgierige Panther hier auch hindurch schlichen, um die

wehrlose Antilope, wenn sie vom Durst geplagt, zum Wasser eilte, nach

Katzenart zu beschleichen. Es war ja nicht das erste Mal, daß ich in

solche Reviere eindrang, wo unumschränkt die Gewaltigen der Thierwelt

herrschten, und an die Einsamkeit sowohl, wie an die Schrecken der

Wildniß gewöhnt, war die Beklemmung, die selbst den Muthigsten erfaßt,

wenn er auf solchen Pfaden geht, längst geschwunden, obgleich man doch

das Herz klopfen fühlt, sobald in der Dämmerung solcher Gänge das

lauschende Ohr irgend ein unerklärliches Geräusch vernimmt.

Nach halbstündigem Hindurchwinden, wobei es mit den Wagentheilen recht

mühsam vorwärts ging, traten wir wieder hinaus in hellen Sonnenschein

und silberglänzend lag der Fluß vor uns. Wissend, daß überall, wo

Flußpferde ihre Ausgänge im Uferdickicht gebrochen haben, sich

tiefes Wasser befindet, wollte ich hier gleich, da eine Messung nur

Mannstiefe ergab, den Uebergang versuchen, dagegen aber erhoben die

Führer Protest, indem sie erklärten nicht folgen zu wollen und dadurch

auch die Atonga zaudern machten. Es seien, wie sie behaupteten, an

solchen Stellen in diesem sonst seichten Flußbett immer Krokodile

gefährlichster Art vorhanden. Ich konnte mich hiervon auch bald

überzeugen, denn nach kurzer Umschau hatten die Leute drei mächtige

Thiere entdeckt, die nur mit dem Oberkörper über Wasser, halb im

Ufergebüsch verborgen lagen. Gleichzeitig feuernd, störten wir sie aus

ihrer behaglichen Ruhe auf, sahen auch dann, wie durch das Echo der

Schüsse erschreckt, eine ganze Anzahl im Wasser verschwand; selbst wie

ein Flußpferd weiter unterhalb den Kopf neugierig über Wasser hob und

dumpf grunzend sein Mißbehagen ausdrückte. Es blieb also nichts anderes

übrig, als nun längs dem Ufer vorzudringen, bis wir das Ende des tiefen

Beckens erreicht, eine seichte Stelle fanden, wo mit Ausnahme einer

tieferen Rinne der Uebergang leicht bewerkstelligt werden konnte.

Hier im Waldesschatten, dessen tiefes Dunkel sich endlos vor uns

auszudehnen schien, veranlaßte mich die überstandene Anstrengung

kurze Rast zu halten, und nun drängte sich mir der Zweifel auf, ob

ein weiteres Vordringen von Nutzen sei, da auch die Führer erklärten,

sie wüßten in dieser Wildniß sich nicht weiter zurecht zu finden;

rings um uns sei undurchdringlicher Urwald -- einen anderen Weg

zurück wären sie nicht imstande anzugeben. Doch bald entschied ich

mich zum Vorwärtsgehen, die Nothwendigkeit war ein Zwang, der alle

Bedenken beseitigte. Und weiter wanderten wir in der Walddämmernng

westwärts durch Urdickicht und lichteren Urwald, bis wir in später

Nachmittagstunde uns schließlich von undurchdringlichem Busch umgeben

fanden.

Wildromantisch war die nächste Umgebung, die dichte lebende Wand,

von Luftwurzeln und Lianen gebildet, die tausendfältig durcheinander

gewoben, jedes Eindringen gewehrt hätten, erschien wie eine Mauer,

durch die hindurch noch nie eines Menschen Hand Bahn gebrochen hat.

Und wo niemals vorher der müde Fuß eines Europäers Rast gehalten,

schleichend nur der Panther auf Beute ging, die Hyäne das sterbende

Wild zu finden weiß, das in tiefster Waldeinsamkeit sein letztes Lager

bettet, der Ruf der Nachteule die Stille unterbricht, rasteten wir, um

nach einem langen ermüdenden Marsche auszuruhen.

Recht lang schon wurden die Schatten der Bäume, wenn die scheidenden

Sonnenstrahlen vereinzelt durch das dichte Laub zu dringen vermochten,

als wir längs diesem Dickicht nach einer Stelle suchten, wo es weniger

schwierig war, durchzukommen, und die westliche Richtung wieder

eingeschlagen werden konnte. Nicht möglich war es, auch nur auf kurze

Distanz etwas genau zu unterscheiden, bis es zwischen den Bäumen nach

längerer Zeit plötzlich heller wurde, und eine Lichtung sich vor uns

aufthat, die zu einem ehemaligen breiten, jetzt aber trockenen Flußbett

führte. In diesem der Richtung folgend, wohin einst die Wassermassen

geflossen sein mußten, verengte sich das Bett mehr und mehr, bis wir

vor einer wildverwachsenen Schlucht weiteres Vordringen aufzugeben

gezwungen waren. Erst als wir links über die einstigen hohen Ufer einen

Weg uns suchten, kamen wir unverhofft zum Laufe eines kleinen Flusses

mit kaltem kristallhellem Wasser, und hier sahen wir zu unserer Freude

über den etwas niederen Urwald die Kronen riesenhafter Bäume hoch in

die Lüfte emporragen.

Zu spät, um mich noch von der Beschaffenheit jener Waldriesen zu

überzeugen, da mit der scheidenden Sonne zugleich sich tiefe Dunkelheit

über diesen endlosen Urwald lagerte, beschloß ich hier Halt zu machen

und auf einem freien Platze für die Nacht Lager zu schlagen, d. h.,

wir hatten nämlich nichts weiter zu thun, als das gesammelte Holz zu

entzünden und im Scheine der Feuer zu lagern, denn ohne jeden anderen

Schutz, als die Gipfel der Bäume über uns, mußten wir uns eben damit

begnügen. Nach einem über fünfzehn englische Meilen langen Weg, auf

einem Terrain, wie es schwieriger kaum gedacht werden konnte, sehnten

wir uns alle nach Ruhe, und bis auf den Posten, der die leuchtenden

Feuer der wilden Thiere wegen zu unterhalten hatte, lagen bald alle

nach einer frugalen Mahlzeit im tiefen Schlafe. Schlummernd in süßer

Ruh auf harter Erde, entrückt der Wirklichkeit, hallte plötzlich

die leise Stimme des Postens, der, mich rüttelnd, die Worte zurief:

+bwana, simba+ (Herr, ein Löwe), mir wie ein Donnerwort ins

Ohr! Die Waffe ergreifen und aufspringen, konnte ich kaum, vom Frost

geschüttelt, die Frage »wo ist er« hervorbringen und fast athemlos

starrte ich in die tiefe Finsterniß hinein. Erst nach einigen Minuten

war in der angegebenen Richtung wirklich ein dumpfes Brummen, mehr

grollendes Knurren, zu vernehmen, jedoch entfernt genug, um noch

eine böse Absicht des hier herumschleichenden Panthers, denn solch

ein Raubthier war es, nur voraussetzen zu können, obgleich ich der

Versicherung des Postens wohl Glauben schenken konnte, daß er das Thier

ganz nahe gehört habe.

Eine angenehme Ueberraschung hatte mir der Mann gerade nicht bereitet,

dennoch war ich zufrieden, daß er mich aus tiefem Schlaf geweckt

hatte, da ich, naß vom nächtlichen Thau, der gleich Regentropfen auf

der dünnen Kleidung lag, bei längerem Liegen auf der jetzt kalten und

nassen Erde, sicherlich mir ein schweres Fieber zugezogen hätte.

Längst ermuntert, kauerten nun auch die schwarzbraunen nackten

Gestalten, zitternd wie Espenlaub, um die halberloschenen Feuer.

Die Kälte der Nacht, dazu ein befürchtetes Renkontre mit solcher

gefährlichen Katze, hatte alle aus der Ruhe aufgeschreckt, und ich

glaube, wäre das Raubthier kühn genug gewesen, einen der Schläfer zu

überfallen, mit seiner Beute wäre es wahrscheinlich im Dunkel des

Waldes entkommen; die aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse hätten den

Panther schwerlich daran gehindert.

Als nun zunächst die Feuer wieder angefacht worden, war über deren

Schein hinaus nichts zu unterscheiden, gelblich hell nur schimmerte

es im Kreise, und feuchtkalt wehte es vom Flusse herüber; ein weißer,

dichter Nebelschleier hatte sich über die weiten Gefilde ausgebreitet,

der selbst, als nach wenigen Stunden der junge Morgen anbrach, uns

verhinderte, unsere nächste Umgebung zu erkennen.

Erst als wieder goldenes Sonnenlicht durch das Dunkel des Waldes brach,

die wärmenden Strahlen die Nebel hob und zugleich den Körper neu

belebte, machte ich mich trotz des nassen Grases auf, um die nächste

Umgebung zu besichtigen. Ueber den Fluß hinweg, der in den am Tage

vorher durchschrittenen Nebenfluß des Schire münden sollte, erkannte

ich auf einige Kilometer Entfernung ebenfalls hohe, passende Bäume in

genügender Zahl, aber bis dorthin vorzudringen, da das tiefer liegende

Terrain ein einziger dichter Rohrbusch war, hätte enorme Anstrengung

gekostet; auch wollte ich höchst ungern den Fluß wieder verlassen, da

wir hier so bequem das benöthigte Wasser zur Hand hatten. Aus diesem

Grunde schon zog ich es vor, am rechten Ufer des Flusses zu bleiben,

selbst wenn sich hier noch größere Schwierigkeiten uns entgegenstellen

sollten.

Glück muß der Mensch haben, das hätte ich sagen können, als wir kaum

200 Fuß vom Flusse entfernt, rings umgeben vom mächtigen Wald, eine

kleine, mit nur wenigen Bäumen bestandene Lichtung fanden, und dazu,

wie der nähere Augenschein ergab, in der Nähe vier jener Baumriesen,

wie solche unserm Zwecke nicht besser entsprechen konnten. Ohne langes

Zaudern, beschloß ich hier das Lager zu erbauen, denn schwerlich hätte

sich ein gleich günstig gelegener Ort im Urwald gefunden, der nicht

erst von Menschenhand mit Axt und Messer gesäubert werden brauchte.

Zwar blieb die Frage betreffs eines geeigneten Rückweges noch offen,

aber ich dachte, auch hier wird sich ein Ausweg finden müssen, da

niemals daran gedacht werden konnte, die Balken auf dem Wege zum Schire

zu schaffen, auf welchem wir bis hierher vorgedrungen waren.

Passende dünne Baumstämme fanden sich zum sofortigen Aufbau der

Hütten nicht vor und mußte sich Ottlich solche später erst, wenn

er genügende Kräfte zur Hand habe, beschaffen; vorläufig mußte ein

provisorisches Unterkommen genügen, sowohl für die Schwarzen als auch

für den Europäer, und ein schnell gefällter Baum, dessen Aeste dem

Zwecke entsprachen, gab uns das nöthige Bauholz dazu. Man lernt es

in der Wildniß, sich mit den geringsten Mitteln zu behelfen. Auch

in diesem Falle waren von Zweigen, die mit bindfadengleichen Lianen

zusammengehalten wurden, mit Gras und Strauchwerk, bald von den

Atongas das Nothwendigste geschaffen. Schon vorher hatte ich unsere

Wangoni-Führer nach ihrem Dorfe zurückgesandt, mit der Weisung,

möglichst schnell Mehl, Bataten und Hühner herbeizuschaffen, und auch

ihrem Häuptling zu sagen, er möchte mir die angebotenen männlichen

Einwohner nun senden, je mehr desto besser.

Bestrebt, nun das weite Revier kennen zu lernen, namentlich einen

besseren Rückweg zu finden und nach mehr Bäume Umschau zu halten,

brach ich, begleitet von dem Zimmermann und einigen Leuten, bald

darnach auf, um im weiten Umkreis, so gut als dies möglich, den Wald

abzusuchen. Unglaublich schwierig aber ist ein Marsch in solchem

Urdickicht, tausend Hindernisse stellen sich einem entgegen. Besser

vorwärts ging es nur, wenn wir den Wildpfaden folgten, führten solche

aber entgegen unserer Richtung, dann waren die Schwierigkeiten wieder

da und die Faschinenmesser bahnten uns Wege durch Dornhecken und mit

Schlingpflanzen unzerreißbar durchwobene Luftwurzeln der Bäume.

Anfänglich westlich, nachher südlich vordringend, mochten wir wohl eine

halbe deutsche Meile vom Lagerplatz entfernt sein, als plötzlich ein

ausgetretener Fußpfad, nordwestlich nach den fernen Bergen führend,

vor uns lag. Es war keine Frage, durch den Urwald führte dieser Weg zu

menschlichen Wohnungen, aber rück- oder vorwärts, das war schwierig zu

sagen. Indes verfolgten wir diesen in der angegebenen Richtung eine

Strecke weit und kamen bald auf freieres Terrain mit zwischenliegenden

Grasebenen, durch welche aber der Weg wieder nach Südwesten abschwenkte

und uns in Zweifel ließ, ob dieser, der sich bald wieder im Dickicht

und Urwald verlief, uns nicht gerade in die entgegengesetzte Richtung

führte, da, soweit ich mich orientiren konnte, der Schirefluß

südöstlich von hier liegen mußte. Sehr schwer ist es, auf Vermuthungen

hin die Richtung eines gewundenen Negerpfades zu bestimmen, als nicht

selten, nur um Hindernisse zu umgehen, ein solcher rechtwinklig abbiegt

und man leicht auf die Idee verfällt, derselbe führe ganz wo anders

hin. Aus freien Stücken wird der Schwarze nie einen anderen Weg wählen,

als den ihm bekannten, selbst gewaltige Umwege ändern daran nichts.

Freilich ein tüchtiger Fußgänger ist der Neger, er liebt glatte Wege,

auf denen er ungehindert schnell fortschreiten kann und wird solche

auf jeden Fall eher vorziehen, als daß er bedeutend kürzere benutzen

sollte, auf welchen er Dornen und Gesträuch vorfinden könnte, die ihm

seiner nackten Füße und Körpers wegen unangenehm sein würden, ihn auch

zwingen vorsichtiger zu sein, welche Eigenschaft, wenn sie nöthig und

überflüssig erscheint, gerade nicht seine Passion ist.

Mit dem festen Vorsatze, an diesem Tage noch, wenn die Führer

zurückgekehrt sein werden, auszuforschen, wohin dieser Weg führe,

traten wir den weiten Rückweg wieder an an der Stelle, wo wir

vorsichtshalber den Austritt aus dem Dickicht mit unsern Handbeilen an

Baumstämmen gekennzeichnet hatten, indes wir merkten uns nur solche

Bäume, die schlank und hoch, zu schönen Balken sich am besten eigneten,

da hiervon gerade keine große Auswahl vorhanden war. An einer Stelle,

zu der wir mühsam uns durchgerungen, fanden wir ein paar prächtige

Stämme, gleich zwei Zwillingen, die ihre prächtigen Kronen hoch in die

Lüfte wiegten. Ihr Anblick erweckte in mir den Wunsch, diese beiden

zum Ersatz unserer durch das lange Liegen und den Transport reduzirten

Schiffsmasten zu verwenden; aber als die Zeit dazu gekommen und ich

nach Wochen ausging, sie wieder aufzusuchen, war es mir nicht möglich,

sie wieder aufzufinden. Wie manches Mal ich Leute darum aussandte,

wie oft ich auch selber zum Suchen ausging, es war vergeblich, jede

Spur verwischt, konnte im dichten Urwald, der sich überall gleich

blieb, jene Stelle nicht wieder aufgefunden werden, und die Folge war,

da keine gleich passenden Bäume aufzufinden waren, daß das Schiff

keine neuen Masten erhielt. Großer Achtsamkeit bedurfte es übrigens,

um in einem solchen Walde sich wieder zurechtzufinden, war doch das

Untergebüsch und zum Teil auch das Gras so dicht, daß es jede Aussicht

benahm und sehr aufmerksam mußte auf die Zeichen geachtet werden,

welche wir uns durch Knicken von Zweigen, Anhauen der Stämme, oder

Wegschlagen den Weg sperrender Luftwurzeln gemacht hatten. Die Zahl der

brauchbaren Bäume, welche ich auf dieser Streife gefunden hatte, war

noch unzureichend, doch hoffte ich, wenn Ottlich erst näher mit der

Umgebung bekannt sei, würde er dann noch einige finden; obwohl manch

anderer Baum sich wohl geeignet hätte, so waren doch die meisten nur

von kurzem Stamm und ergaben von den untersten Aesten ab, selten mehr

brauchbares Kernholz. Die größte Zahl der ungezählten Tausenden aber

war verkrüppelt, d. h. der Stamm kurz und gedrungen, meistens krumm

dazu, was erklärlich, da es dem jungen Bäumchen an Platz, Luft und

Licht zur Entwickelung gefehlt hat.

Zum Lagerplatz zurückgekommen, trafen bald darauf die sehnlichst

erwarteten Wangoni mit dem Proviant ein; sie hatten in 7 Stunden den

weiten Weg hin und zurück gemacht und waren doch noch bereit, gegen

eine Entschädigung sofort mit mir aufzubrechen, um den gefundenen Weg

zu erforschen, der nach ihrer Ansicht ein aus den fernen Bergen nach

Matope führender Angoni-Pfad sein müsse.

Den zurückbleibenden Leuten, unter Ottlichs Aufsicht, gab ich den

Auftrag, vorerst möglichst gerade Wege nach den aufgefundenen Bäumen

durch Dick und Dünn zu schlagen; solche hätten strahlenförmig vom

Lager auszugehen und könnten später, wenn die Bäume gefällt wären, von

den Wangoni nach Bedarf erweitert werden. Ich würde auch unverzüglich

Nachricht senden und fehlendes Handwerkzeug, sobald ein besserer Weg

und vielleicht eine nähere Verbindung zwischen hier und der Werft

gefunden sei.

Als das Nothwendigste geordnet war, brach ich mit den Führern,

einem Diener und einem Atonga auf, um den gefundenen Weg nun in der

entgegengesetzten Richtung zu verfolgen, mit der stillen Hoffnung, daß

derselbe durch ein weniger schwieriges Terrain führen werde, wie wir es

Tags zuvor durchwandert hatten. Und es war wirklich so, der Weg führte

Anfangs etwas bergauf, dann aber, nachdem der dichte Urwald hinter uns

lag, schlängelte er sich bald von durch Busch umsäumte Grasebenen, bald

durch lichten Waldbestand hin, auf einem gleichmäßigen Plateau. Hin und

wieder nur wurde der Weg schlechter und, zerrissen durch abgeflossene

Wassermassen, unebener.

Ueberraschend war es weiter, daß wir in später Nachmittagsstunde unter

schattigen Bäumen und provisorisch am Wege hergerichtetem Grasdach,

am lustig flackernden Feuer, eine Truppe Angoni, Männer und Frauen,

letztere selbst mit kleinen Säuglingen auf dem Rücken, antrafen, die

erschreckt und verwundert zugleich die Erscheinung des weißen Mannes

anstarrten, der unverhofft ihnen hier entgegentrat. Schnell orientirt

über das Wohin und Woher, erhielten wir von den Führern der Truppe den

Bescheid, diesen jetzt westlich laufenden Weg nur zu verfolgen, bis

sich ein Arm nach Süden, der andere flußaufwärts abzweigen würde, der

letztere führe uns am diesseitigen Ufer des Schire nach Mpimbi.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 35 / 51 段