Schiffsmaterial eintrafen, nahmen meine Zeit auch beträchtlich in
Anspruch, zumal eine scharfe Kontrolle geübt werden mußte; ebenso
das Sortiren der vielerlei Sachen, die meistens sofort unter Dach
gebracht und geöffnet werden mußten, da sie vielfach während des
langen Transportes dem Regen ausgesetzt gewesen und nachzusehen
und zu reinigen waren. Spenker mit seinen Arbeitern hatte sich der
Einrichtung der Schmieden und der Werkstätten unterzogen, während
die schon anwesenden Handwerker, soweit sie nicht krank lagen, die
Spanten zusammen nieteten und ich nach vorhandenen Zeichnungen die
Kielplatten nach Nummern aussuchte, reinigen und mit Farbe an solchen
Flächen streichen ließ, wo nach Anlegen derselben später nicht mehr
anzukommen war. Erwähnenswerth ist es, daß auf der Werft in Hamburg
alle Platten und überhaupt jedes Stück mit Nummern versehen wurde,
die auf den Eisentheilen extra noch nachgekörnt und so unverwischbar
gemacht waren, auch wenn die Farbe der Zahl längst verschwunden war,
und trotzdem haben wir oft lange suchen müssen, ehe die Nummer eines
unbekannten Theils gefunden wurde und bis wir wußten, wohin es gehörte.
Nach der Aufrichtung des Hinter- und Vorderstevens, begannen wir mit
dem Anlegen der Kielplatten, die am Kiel mit starken Schrauben fest
angezogen und vermittelst Ueberschienen in sich verbunden wurden. Das
Festnieten der Platten und Schienen sofort ausgeführt, würde uns die
Arbeit wesentlich erleichtert haben, da an vielen Stellen anfangs
bequem anzukommen war, allein das durfte nicht sein, wir hätten, obwohl
jedes Stück passen sollte, beim Weiterbau sicherlich die oberen Platten
nicht in die richtige Lage bringen können; die ganze Masse würde steif
und ungelenkig dadurch geworden und wir schlecht damit gefahren sein.
Vielmehr mußte der ganze Körper so aufgeführt werden, daß er beweglich
blieb und wo Theile nicht passen wollten, wurden sie mit Gewalt in ihre
Lage gebracht. Tausende Heftschrauben, die wir zu diesem Zwecke mit
uns geführt, dienten dazu, alles erst in dieser Weise fest, aber doch
nachgiebig aufzubauen, ehe, mit wenigen Ausnahmen, ein einziger Niet
angezogen wurde.
Allmählich nieteten wir Spant um Spant zusammen, über welchen die
Decksbalken als Verbindung gelegt wurden, wodurch diese den Anschein
langer Rippen erhielten und dann auf den Kielplatten festgeschraubt,
gestützt durch lange Pfähle, sah man schon nach 14 Tagen, welchen
Umfang das Schiff haben würde.
Höchst unlieb war es mir, daß die schwarzen Zimmerleute, nach Ablauf
ihres zweimonatlichen Kontraktes, die Arbeit niederlegten und einen
neuen nur eingehen wollten, wenn ihnen ihr Lohn bedeutend erhöht würde.
Darauf aber wollte ich mich nicht einlassen, weil die Forderung nach
Negerart unverschämt war. So ließ ich sie lieber ihres Weges ziehen,
da doch, wenn ich erst wieder hinaus in den Urwald mußte, um Bäume zu
suchen, diese von den Atongas ebenso schnell gefällt werden würden,
wie von den von der Civilisation beleckten und auf ihr bischen Können
übermäßig eingebildeten Leuten. Freilich hätte ich nicht lange zögern
dürfen, da es mir wohl bekannt war, daß ich die Balken, zur Schlipp
und Schlitten nebst Zubehör noch 360 Fuß, nicht so leicht wie die
ersten 200 Fuß würde herstellen lassen können, sondern sehr weit ins
Land hineinziehen müßte, um passende Bäume dazu zu finden, auch, daß
mit der Entfernung die Schwierigkeiten wachsen würden. Weite Touren
landeinwärts, gelegentlich Sonntags unternommen, hatten mir eine
Wildniß gezeigt, durch die ich kaum hoffen konnte durchzudringen, es
aber doch schließlich versuchen mußte, sobald ich irgend wieder einige
Tage von der Werft abkommen konnte. Die Leute allein auszuschicken war
zwecklos und da auch Ottlich krank war, so hätte ich an seiner Stelle
keinen anderen Handwerker hinaussenden können.
Mit dem nächsten Wagentransport, der um diese Zeit von Katunga her
eintraf, verstärkte sich meine Mannschaft bedeutend, als neben einer
Anzahl Suaheli auch vier Europäer Zander, Eikershoff, Wedler und
Dohmann ankamen, sodaß außer dem Maschinenkonstrukteur Spenker nun acht
Handwerker auf der Werft waren und nur der zweite Maschinist Engelke
und die beiden Steuerleute Gerloff und Wissemann fehlten.
Leider waren jedesmal nach so anstrengendem Marsche über das Gebirge
und durch die fußhoch mit Wasser überschwemmte Matope-Ebene, alle so
marode, auch theils fieberkrank, daß sie acht Tage und länger erst im
Lager sich erholen mußten, ehe sie die schwere Arbeit auf der Werft
beginnen konnten.
Mit diesem zweiten Transport waren auch die schweren Kesselböden
angekommen, ebenso die zu den beiden Dampfkesseln gehörenden Platten,
16 an der Zahl, die nun zu je acht mit zwei Böden zusammengestellt
werden sollten, was für die vier Kesselschmiede keine leichte Arbeit
war, abgesehen von der viel schwierigeren, das Einziehen der zölligen
Niete, deren zu jedem Kessel annähernd tausend nöthig waren. Die
Kesselböden, jeder fünf Centner schwer, hätten wir unmöglich auf den
Gebirgswegen fortschaffen können, wenn ich nicht schon seinerzeit
in Hamburg darüber ernstlich nachgedacht und auf eine Möglichkeit
gesonnen hätte, wie es wohl am praktischsten wäre, diese, außer unseren
Dampfcylindern, schwersten Eisentheile, bequem und leicht fortbewegen
zu können. Die Idee, solche als komplette Wagen zusammen zu stellen,
war das einzige, und wurde auch vermittelst angeschraubter Lager,
eiserner Achse und Deichsel ausgeführt.
Eifrig bemüht, nach besten Kräften vorwärts zu streben, suchte ich
auch die Europäer, wenn Mißmuth und Unlust sich ihrer bemächtigt,
wenn sie an das Gelingen des großen Werkes zweifelten und ihren
schwachen Kräften es nicht zutrauten, die ungeheure Arbeit glücklich
zu vollenden, mit gutem Beispiel voranzugehen, indem ich immer wieder
darauf hinwies, daß jeder seine Kraft und Können dem nationalen Werk
weihen muß; die kleine Schaar, die wir hier versammelt sind, darf nicht
wanken noch weichen, wir sollen es beweisen, wie deutsche Energie und
deutscher Muth auch vor dem Schwersten nicht zurückschreckt. Viel
Tausende zwar zweifeln in Deutschland an das Gelingen des Werkes --
wir aber dürfen nicht zagen, nicht zurückschrecken und sei es noch so
schwer. Ich konnte den Leuten Muth und Zuversicht zusprechen, als ich
fest davon überzeugt war und nie gezweifelt hatte, daß ein fester,
muthiger Wille alles überwindet -- mehr aber noch suchte ich den
Ehrgeiz zu wecken, jedem es als eine besondere Ehre und Auszeichnung
darstellend, wenn es heißt, auch er gehört zu jener kleinen Zahl, die
unentwegt Großes gewollt und kaum Glaubliches ausgeführt hat.
Alle Bauten, selbst der große nachträglich noch errichtete
Zimmermannsschuppen, waren bis Ende März aufgeführt und vollendet,
ebenso war die Aufrichtung des Schiffsgerippes nahezu beendet und
mit dem Anlegen der Versteifungen, der vielfachen Verbindungen und
dem Einsetzen der wasserdichten Schotten konnte begonnen werden. Je
weiter der Aufbau aber vorschritt, und mehr und mehr die Arbeiten,
welche bisher im Schatten der Schuppen hatten vorgenommen werden
können, wegfielen, ausschließlich nun am Körper selbst gearbeitet
werden mußte, ergab sich die Nothwendigkeit, um die Leute vor der
Sonnengluth zu schützen, daß Vorkehrungen getroffen werden mußten, ein
Schutzdach über die ganze Länge des Schiffskörpers zu errichten. Ich
trug mich erst mit dem Gedanken, ein mächtiges Grasdach aufzubauen, was
jedem anderen vorzuziehen war, da immer unter solchem eine angenehme
Kühle vorherrschend ist, ich machte auch Anstalten dazu und ließ die
Atonga lange Baumstämme herbeischaffen. Indes bald sah ich ein, daß
solch kolossaler Bau nicht aufzuführen war, schon aus dem Grunde,
als ich dem Dache keine Mittelstützen geben konnte; daher auch nicht
genügende Festigkeit erzielen würde, welche unbedingt nothwendig war,
damit das Dach den starken Gewitterstürmen, die wöchentlich mehrmals
heranbrausten, widerstehen könnte. In anderer Weise nun vorgehend,
errichtete ich einen starken hohen Baumstamm, einige Fuß vor dem
Schiffe und zog von den starken Aesten der beiden hohen Bäume, die
dicht am Ufer standen, eine lange Kette in der Kielrichtung des
Schiffes dorthin, sodaß diese straffgezogen, imstande war, unterstützt
durch einige auf den Decksbalken stehende Stützen, eine beträchtliche
Last zu tragen. Rings um das Schiff wurden dann hohe Stämme errichtet,
auf deren Gabeln dann wieder Verbindungsstangen lagen, die an der Kette
befestigt wurden. Darüber nach beiden Seiten hin Segel oder unsere
getheerten Wagentuche ausgespannt und befestigt, war ein provisorisches
Dach hergestellt, das genügend Schatten gab und selbst den heftigen
Winden widerstand. Wollten wir uns aber noch, was später beim Nieten
nothwendig wurde, gegen die schrägen Sonnenstrahlen schützen, zogen wir
bewegliche Segel zwischen den Baumstämmen auf.
Furchtbare Gewitterregen, wie solche in der gemäßigten Zone fast
unbekannt sind, behinderten in den Monaten März und April nicht selten
die Arbeit, und mancher Nachmittag war für uns verloren, wenn Schauer
auf Schauer folgte und in kurzer Zeit die weite Ebene, Dorf und
Werft, in einen See verwandelt waren. Die Wassermassen, von der Erde
nicht so schnell aufgesogen, setzten sich naturgemäß in Bewegung nach
tiefergelegenen Stellen; aus Rinnen wurden schließlich wilde Bäche,
die alles mit sich rissen, was ihren Lauf hindern wollte. Unmerklich,
aber doch etwas höher als die Werft lag das Dorf und das hinter diesem
liegende Terrain, und so kam es, daß nach jener Rinne hin, die früher
schon vorhanden gewesen, ehe ich mit der Ausschachtung begonnen hatte,
sich die Wassermassen einen Abfluß zum Flusse suchten, mit Gewalt durch
den schwachen Zaun brachen und sich in dieser ergossen. Der anfängliche
Schaden war nicht groß, auch suchte ich das Wasser abzulenken und
einzudämmen, aber als eines Nachmittags in den letzten Tagen des
März ein furchtbares Gewitter sich entlud und ein wolkenbruchartiger
Regen niederstürzte, waren gegen die abfließenden Regenmassen alle
Vorkehrungen Kinderspiel. Immer wilder strömte das Wasser in die
Ausschachtung hinein, riß die feste Erde weg, unterspülte die Balken,
worauf das Schiff erbaut wurde und rief die drohende Gefahr dadurch
hervor, daß der schwere Körper durch das Nachgeben der Balkenlagen
sich neigen und gar umfallen könnte. Die Wasser abzulenken, daran
war nicht mehr zu denken, nur so viel konnte ich mit den eiligst
zusammengetrommelten Leuten, Soldaten und Dienern thun, um einen
Ausstich zu machen, der das Wasser nicht mehr neben die Balken, sondern
seitwärts davon ablenkte. Der entfesselte Sturm peitschte dazu das
ausgespannte Segeltuch und bog die schlanken Stämme, woran dieses
befestigt war, wie Weidenruthen.
In mancher finsterer Nacht auch heulte der Wind, strömte der Regen und
die angesammelte Elektrizität entlud sich mit furchtbarer Gewalt --
dann stand ich wohl stundenlang und schaute besorgten Blickes hinüber
zum Schiff, prüfte, vor Kälte bebend, die Stützen, ob diese sich nicht
gelöst oder nachgegeben hätten, denn die Erschütterungen des Körpers
waren stark genug, solche in dem aufgeweichten Erdboden weichen zu
lassen. Ein Glück ist es oft, das die entfesselten Naturgewalten, je
heftiger sie auftreten, von nur kurzer Dauer sind, sonst würde die
schwache Menschenhand wohl nicht im Stande sein, ein zerbrechliches
Werk zu schützen; im Aufruhr der Elemente erst erkennt der Mensch, daß
es doch noch Gewaltigeres giebt, als sein Wollen und sein Wille.
Einen nicht minder gefährlichen Feind, als die zeitweiligen Fluthen,
fand ich in einem unsicht- und unscheinbaren Thierchen, das vieltausend
an der Zahl sich in die noch kaum ausgedörrten Balken eingenistet und
sein Zerstörungswerk begonnen hatte. Jeden Morgen war die Erde längs
den Hölzern mit Häufchen Holzmull bestreut, die von den scharfen
Zangen der kleinen Käfer herausgestoßen waren, kleine, oft noch wieder
verkittete Löcher zeigten an, wo sie sich ein Luftloch geschaffen
hatten. Wer die Wuth kennen gelernt hat, mit welcher die weißen Ameisen
und auch die Käfer die verschiedensten Holzarten in unglaublich
kurzer Zeit zerstören, wird sich erklären können, daß ich dem Treiben
dieser kleinen Nager mit Besorgniß zusah, ohne ein Mittel zur Hand zu
haben solcher Zerstörung Einhalt zu thun; diese konnte nach Monaten
soweit vorgeschritten sein, daß ich mit Bestimmtheit die vollständige
Werthlosigkeit der Balken voraussetzen mußte. Zwar schaute ich diesem
Werke der allmählichen Zerstörung nicht unthätig zu, und den Beweis
zur Hand habend, das solche Nager saures oder bitteres Holz, wie unser
Teakholz, nicht angehen, machte ich freilich zu spät einen Anstrich
mit schwedischem Theer, verdünnt mit Petroleum, erreichte aber damit
nur das Eine, nicht mehr sehen zu müssen wie auch äußerlich das Holz
zerfressen wurde.
Woher diese Thierchen kommen und wie zahllos sie sich vermehren können
blieb mir ein Räthsel; so viel nur beobachtete ich, daß, wo durchaus
keine Anzeichen von der Anwesenheit dieser Nager in der Erde vorhanden
waren, sie sofort in Thätigkeit traten, sobald ein Stück Holz in ihrem
Bereiche kam. Der Erdboden in meinem Hause, gewiß hart und trocken,
barg diese gefährlichen Thierchen aber doch in solcher Menge, daß ich
nie auch nur für eine Nacht eine Kiste auf der Erde stehen lassen
durfte, wollte ich nicht am Morgen den Boden halb zerstört vorfinden.
Vollständig feucht und klebrich war der Fleck, wo eine solche Kiste
gestanden hatte und abertausend weißer Thierchen eilten beim Tageslicht
besehen ängstlich hin und her, wenn sie plötzlich gestört und ihre in
Bildung begriffenen Gänge freigelegt wurden.
Von unsern vier Transportleichtern hatten schon im September 1892
die Engländer zwei davon als eine Art Abschlagszahlung für die der
deutschen Expedition geleisteten Dienste erhalten, über die uns
verbliebenen zwei sollte laut Bestimmung des Majors von Wißmann, nach
Beendigung des ganzen Transportes, so verfügt werden, daß einer auf
dem unteren Schire verblieb, der andere aber zerlegt über das Gebirge
geschafft und in Mpimbi wieder zusammengesetzt werde. Demgemäß trafen
dann auch nach und nach die Leichtertheile auf der Werft ein und mir
fiel auch die Aufgabe zu, die Zusammensetzung derselben in die Wege zu
leiten. Die Hauptfrage aber war, wo einen Platz zum Aufbau finden; das
zehn Fuß hohe steil zum Fluß abfallende Ufer nochmals an einer anderen
Stelle abtragen zu lassen, war schier unmöglich; querüber dem Lager, wo
das Ufer flach, eine provisorische Schlipp herzustellen, war deshalb
ungünstig, weil eine solche so weit von der Werft entfernt und auch in
der Grasebene ohne jeglichen Schutz gelegen sein würde. Schließlich
fand ich etwa 100 Meter oberhalb der Werft einen vollständig mit
Gebüsch und Bäumen ausgefüllten Graben, der vor langer Zeit den
Dorfbewohnern als Vertheidigungslinie gedient hatte, geschützt durch
einen vorgelagerten Erdwall. Lange bevor die Europäer sich in diese
Gegenden festgesetzt hatten und naturgemäß die Volksstämme zu schützen
suchten, mit denen sie in Verbindung getreten waren, ist hier oft hart
und heiß gekämpft worden; die Wangoni, ein mächtiges Volk, suchten
sich der Ufer des Schire zu bemächtigen, hatten auch schon durch ihre
Ueberzahl manches Dorf genommen; ehe sie aber in jahrelangen Kämpfen
Herr des weiten Gebietes werden konnten wurden sie mit europäischer
Hilfe und Waffen zurückgetrieben, sodaß sie heute nicht mehr wagen, den
ungleichen Kampf zu eröffnen. Man kann sich jetzt von dem wilden Leben
keine Vorstellung mehr machen; plötzliche Ueberfälle, gegenseitiges
Rauben, Zerstören der Felder und Dörfer, war viele Jahre lang der Ruin
der Eingeborenen, und ihre Zahl schmolz sichtlich zusammen, mehr durch
die Zahl derer, die geraubt und in die Sklaverei geführt, als durch
die, die im Kampfe erschlagen wurden. Die heutige Generation wächst in
Frieden heran, es kann von einem Kampfe nur noch die Rede sein, wenn
die Häuptlinge sich nicht fügen und im Vertrauen auf ihre Macht gegen
die immer zahlreicher eindringenden Europäer die Waffen erheben, wie es
der kürzlich niedergeschlagene Aufstand gezeigt hat. -- So recht für
meine Zwecke passend, war dieser Graben angelegt worden, da ich ihn
nur zum Theil vom Gebüsch reinigen, ebenen und etwas erweitern lassen
brauchte. Hätte ich von dessen Vorhandensein im Anfang unserer Arbeit
Kenntniß gehabt, würde ich entschieden hier die Werft angelegt haben
und mit Benutzung mancher natürlichen Vortheile mir viel Arbeit erspart
haben können.
Nach Einverständniß mit den Dorfältesten, Tschikusi selbst ließ
sich nicht sehen, nahm ich unverzüglich die Arbeit in Angriff und
in Ermangelung geeigneter Vorkehrungen, auf welchen der Aufbau des
Leichters sich hätte bewerkstelligen lassen, hatte ich mich aufs
Erfinden zu verlegen, insofern, als eine erhöhte Stellage hergestellt
werden mußte, damit man unter dem Boden des Fahrzeuges auch arbeiten
konnte, denn der ganze Leichter in seinen einzelnen Theilen nur mit
Schrauben verbunden, mußte vor allem darauf Bedacht genommen werden,
daß dieselben auch fest und wasserdicht eingesetzt würden. Der Mensch
muß sich zu helfen wissen, heißt es, und in diesem Falle machte ich
es so: eine ganze Anzahl parallel sich gegenüberstehende Hölzer, oben
mit Gabeln versehen und in gleicher Höhe fest in die Erde gesetzt,
sollten mit starken Winkeleisen, welche in Reserve für das Schiff
mitgeführt waren, verbunden und so auf diesen eisernen Balken der Boden
des Fahrzeuges zusammengesetzt werden. Zum späteren Ablaufen hatte ich
die beiden langen Schiffsmasten inmitten der Stellage legen lassen;
der Leichter nach seiner Vollendung darauf niedergeführt, konnte somit
leicht auf Rollen ablaufen.
Diese Arbeit ging natürlich nicht leicht von Statten, da der Werft
selbst kein Abbruch an Kräften gethan wurde, und ich nur solche Leute,
namentlich Suaheli, hier anstellte, die sonst zu anderem wenig nützlich
waren; gleicherweise konnte der Aufbau auch erst dann begonnen werden,
sobald Brückner sich wieder so weit hergestellt fühlte, daß er,
vertraut mit dem Bau der Leichter, die Aufsicht übernehmen konnte.
Zurückgreifend auf jene Zeit, als die deutsche Seen-Expedition ins
Werk gesetzt wurde, haben auch die Engländer, eifersüchtig auf das
deutsche Unternehmen und besorgt, ihre Weltherrschaft in Central-Afrika
könne gefährdet werden, sogleich den Plan gefaßt, in derselben Weise
vorzugehen und dem deutschen Machtobjekt ein Aequivalent zur Seite
zu stellen, und zwar nicht blos mit einem, sondern gleich mit zwei
Kanonenbooten und einem Flußdampfer. Ihr Streben ging dahin, wenn
irgend angängig, ihre Schiffe mit den deutschen zu gleicher Zeit in
Dienst zu stellen, und sie setzten demnach alles daran, mit uns Schritt
zu halten. Allein war der Transport ihres Schiffsmaterials gegen dem
unsrigen auch ein Kinderspiel zu nennen, als alles so fein und dünn, z.
B. die Platten nur 1-1/4 +mm+ stark, so konnten sie den Transport
über das Gebirge doch nicht eher unternehmen, d. h. der schwereren
Schiffs- und Maschinentheile, bis ihnen unsere Wagen zur Verfügung
gestellt wurden. Ebenso große Verlegenheit bereitete ihnen die Wahl
eines praktischen Bauplatzes, und nichts konnte dem Leiter dieser
englischen Expedition, Kapt. Robertson, willkommener sein, als die
Ueberlassung jenes Werftplatzes, den ich für den Bau unseres Leichters
hatte herrichten lassen und der für den Aufbau der kleinen englischen
Schiffe wie geschaffen war.
16. Im Urwald.
Die tägliche Arbeit auf der Werft, die meine ganze Zeit und Kraft in
Anspruch nahm, nicht nur soweit die Aufsicht und Leitung des Ganzen es
erforderte, sondern auch das Mithandanlegen ans Werk, war es schwer,
mich einige Tage freizumachen, um endlich die nunmehr anfangs April
unaufschiebbare Expedition ins Innere des Wangoni-Landes vorzunehmen,
denn zur Herstellung der noch benöthigten Balken und anderer Hölzer
konnte ich mindestens zwei Monate rechnen. Leicht würde es nicht sein,
passende Bäume zu finden, das hatten von mir unternommene Streifereien
in die Wildniß schon erkennen lassen, und recht verlangende Blicke
warf ich jedesmal nach jenem herrlichen Waldbestand, der von den
Eingeborenen zum Begräbnißplatz auserwählt war und der dadurch für uns
unnahbar geworden, als ich strikte die eingegangene Verpflichtung,
den Ruheplatz ihrer Todten nicht zu betreten, einhalten mußte;
folglicherweise hieß es die Hände davon lassen! So war ich denn darauf
angewiesen aufs Neue in der weg- und steglosen Wildniß vorzudringen,
und vielleicht viele Meilen weit zu wandern, ehe ein Terrain gefunden,
worauf die Jahrhunderte alten Waldriesen in genügender Anzahl vorhanden
waren.
Zur Genüge bekannt mit dem Leben und den Mühsalen in der afrikanischen
Wildniß, mußte ich auch darauf bedacht sein, daß nunmehr die Leute
viele Wochen lang, abgeschlossen von allem Verkehr in einer Gegend
leben sollten, wohin sich keines Menschen Fuß je verirrt hatte.
Darum entschlossen, auf keinen Fall zwecklos zurückzukehren und vor
keinem Hinderniß zurückzuschrecken, ließ ich gleich die nöthigen
Vorbereitungen treffen, allenfalls Tage lang abwesend sein und meine
Begleiter zurücklassen zu können. Der Mannschaft, bestehend aus 10
Atonga und Ottlich, hatte ich, um sie auf dem höchst wahrscheinlich
sehr beschwerlichen Marsche zu entlasten, den auf der Werft vorhandenen
Wagen, worauf das nöthige Handwerkszeug geladen werden sollte,
mitgegeben, und zur frühen Morgenstunde uns einschiffend, wollte ich
auf den früher von uns geschlagenen Wegen vordringen. Langsam zwar,
aber durch nichts behindert, erreichten wir jenes mir noch unbekannte
Wangonidorf mit dessen Häuptling sich Ottlich schon bekannt gemacht,
als er noch vor dem Aufstand die Aufsicht über die im Urbusch gefällten
Bäume führte.
Heiß und glühend brannte die Sonne auf die weite baumlose Grassavanne
nieder und herzlich froh war jeder, als wir nach dreistündigem,
gewiß nicht einen Spaziergang zu nennenden Marsch, im Schatten des
gewaltigen Baobabbaumes in mitten des kleinen Dorfes ausruhen konnten.
Idyllisch im Urbusch versteckt, umgeben von kleinen Schambas mit
Mais, Mtama und Bataten bepflanzt, lagen hier etwa 15 elende Hütten;
rauchgeschwärzt, vom Wetter zerzaust, paßten sie so recht zu dieser
wilden Umgebung. Gewiß hatte sich bis hierher selten der Fuß eines
Europäers verirrt, und neugierig, halb furchtsam, lugten Frauen und
Kinder aus den niedrigen Eingängen ihrer Hütten, während die Männer
um ihren Häuptling, einem weißköpfigen Greise, versammelt, aufmerksam
den Verhandlungen folgten, welche ich mit diesem angeknüpft hatte.
Bald wurden auch die Kinder zutraulicher, aus respektvoller Entfernung
starrten sie die ihnen fremden Erscheinungen an, und was sie am
meisten, namentlich an meine Person, bewunderten, war der lange blonde
Vollbart, wenigstens war aus den Zeichen, die sie sich machten zu
entnehmen, daß sie Vergleiche zwischen mir und Ottlich anstellten, der
einen solchen in den Tropen lästigen Gesichtschmuck nicht besaß.
Erwähnenswerth ist der Haarschmuck der Wangoni, es kann dieser als
besonderes Merkzeichen des ganzen Volksstammes betrachtet werden; ein
leichtes Unterscheidungsmal jedenfalls, nämlich: sie tragen auf dem
Kopfe 4-6 festgewickelte, gerade abstehende Strähnen; die 3-4 +cm+
lang am Ende mit einem kleinen erbsgroßen Erdkügelchen abschließen. Die
krausen Haare werden so um ein kleines Stäbchen oder Stückchen Rohr
festgewickelt und durch die klebrige Thonkugel am Ende festgehalten,
daß sie in dieser Lage bleiben müssen, und dienen wie erwähnt als
besonderer Schmuck und Kennzeichen. Ob solche Haarfrisur für lange
Zeit nicht erneuert wird, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen,
denn ich habe nur sehr selten Gelegenheit gehabt solcher Toilette
beizuwohnen und kann nur so viel behaupten, daß, nach dem schmutzigen
Aussehen des Kopfhaares zu urtheilen, höchst selten eine neue Frisirung
vorgenommen wird. Ihre primitive Kleidung, die meistens nur aus einem
3-4zölligen Zeugstreifen besteht, dient noch dazu ihre Habseligkeiten,
eine Schnupftabakdose und ein kleines selbstgefertigtes Messer zu
bergen, indem diese Gegenstände an einem Ende dieses Bekleidungsstückes
eingewickelt werden und handgerecht vorne am Bauch herunterhängen,
jedoch wird letzteres auch am linken Oberarm in einer aus Ziegenhaut
gefertigten Scheide getragen, dieses Messer, eine äußerst rohe
Zusammensetzung aus Eisenstücken, ist ihnen so handgerechter.