drang ich vor, gefolgt von den Soldaten und sah, als das erste mächtige
Rohrfeld durchbrochen war, außer diesen keinen Weißen noch Schwarzen
mehr, alle lagen am Wege im Schatten oder schleppten sich mühsam fort.
Es war eine heiße übermenschliche Arbeit, aber vorwärts mußten wir;
das Einzige was ich thun konnte, wollte ich bis zum Abend den Fluß
erreichen, war, daß ich die Wagen im Dickicht verlassen stehen ließ
und mit abwechselnder Mannschaft, wo die Hindernisse zu groß waren,
vorging. Oft traten Verzögerungen dadurch ein, daß streckenweise die
Dornengesträuche überreich wucherten, die dann für die nackten Beine
und Füße der Leute eine Qual wurden; 5-10 Mann hockten sich oft mit
einem Male hin und ließen sich die eingetretenen Dornen von ihren
Kameraden aus den harten Fußsohlen herausziehen, ging dies nicht, wurde
mit einem scharfen Stückchen Rohr, das mit den Zähnen schnell spitz
gebissen war, so lange die harte Haut erweitert bis der schmerzende
Gegenstand entfernt war.
Schmachtend nach Wasser, wir Europäer nicht minder, als unsere mit
Blümchenkaffee gefüllte Feldflaschen längst leer geworden, konnte
ich den bewunderungswürdigen Instinkt der Atonga daran erkennen, daß
sie selbst in dieser Wildniß in solchem Urgebüsch die Wildpfade der
Antilopen entdeckten und diesen nachgehend auch Wassertümpel fanden,
woraus wir alle unsern brennenden Durst löschten, obwohl das labende
Naß nichts weniger als rein war oder gar angenehm schmeckte. So bahnten
wir uns die Straße zum Schirefluß, und wenn auch todtmüde und matt
hatte ich doch auf fast geradem Wege, noch ehe um 6 Uhr die Sonne
hinter den fernen Bergen zur Rüste ging, das Ufer erreicht. Querüber
dem Lager, nur wenig oberhalb, waren wir herausgekommen gerade wie ich
es gewünscht hatte und so konnte die Mannschaft mit herbeigerufenen
Kanoes übergesetzt werden, während ich mit wenigen Leuten nochmals
den Kampf mit dem Urgebüsch aufnahm und am rechten Ufer flußabwärts
vordrang um mich zu überzeugen, ob es möglich sein werde eventuell die
Wagen solchen Weg zu führen, damit die Balken bis gegenüber der Werft
geschafft würden. Aber nie wieder habe ich solchen Weg in der Dämmerung
unternommen, Wassergräben und Tümpel, Morast und Sumpf, Gestrüpp mit
zolllangen Dornen, die Kleider und Haut zerrissen, mußten übersprungen
und durchwatet werden, bis schließlich die Körperkraft versagte und mir
nichts anderes übrig blieb, als landeinwärts zu dringen. Endlich das
Boot und endlich die Werft erreicht, weckte mich in dieser Nacht kein
Ngnomaschlag, noch Gesang -- Körper und Geist nach solchen Strapazen
aufs Aeßerste ermattet, fand ich auf hartem Lager im festen, tiefen
Schlaf die stärkende Ruhe. --
Für den nächsten Morgen hatte ich die Bestimmung getroffen, daß
alle Leute direkt vom Lager über den Fluß gesetzt würden und auf
dem neuen Wege die verlassenen Wagen erreichen sollten, während ich
mit der Werft-Mannschaft durch die Pflanzungen den Ort erreichen
wollte. Bei meiner Ankunft fand ich aber niemanden vor, konnte mir
solche Verzögerung auch nicht zu erklären, bis ein Bote die Nachricht
brachte, daß während der Nacht sämmtliche Kanoes von den Eingeborenen
weggenommen wären und nur mit einem kleinen, das nur wenige Mann zur
Zeit zu fassen vermochte, die Uebersetzung ausgeführt würde. Es war
mir nichts Neues zu hören, es haben die Bewohner jener Dörfer, die im
Aufstand zerstört worden waren, die ihnen einst abgenommenen Fahrzeuge
sich heimlich wiedergeholt; waren sie doch so dreist gewesen, selbst
von der Werft ein solches sich anzueignen. Erklärlich ist es ja,
daß die früheren Eigenthümer bestrebt waren durch List die für sie
ungemein werthvollen Kanoes wieder zu erhalten, denn abgesehen von dem
Nutzen hat solch ein ausgehöhlter Baumstamm einen sehr hohen Werth,
erstens, als die Verfertigung nur vorgenommen werden kann an Orten,
wo ein passender Waldbestand vorhanden ist, und zweitens, wenn man
bedenkt, welche Mühe es macht, mit dem primitivsten selbstgefertigten
Handwerkszeug Riesenbäume zu fällen und deren Stämme dann so gut
auszuhöhlen, daß die Wandung 1-1/2-2 Zoll nur beträgt; freilich ist bei
solcher Arbeit das Feuer der beste Helfer, allein es erfordert doch
Geschick und unermüdliche Ausdauer.
Da der Morgen kalt war und wallende Nebel noch über die Wildniß
gebreitet lagen -- Gras und Strauch war vom Thau der Nacht getränkt und
erfrischt, daß jede Berührung einem die Kleider durchnäßte -- war das
unthätige Warten höchst unangenehm und kalte Schauer durchrieselten
den Körper, bis die Gluth der Sonne erwärmend durchdrang. Nach Ankunft
der Mannschaften wurde mit frischer Kraft die am Nachmittage vorher
unterbrochene Arbeit wieder ausgenommen; die Wagen wurden so geführt,
daß sie alles niederfahren mußten, was uns an Rohr und Strauch
entgegenstand. Auf diese Weise bahnten wir uns einen breiten Weg, der
zwar alles zu wünschen übrig ließ, indes wenigstens passirbar war. Am
Ufer des Schire angelangt, wurden die Balken abgeladen, dann kehrte
ich den etwa 12 Kilometer langen Weg sofort zurück, um die beiden
schwersten Hölzer noch so weit zu führen, bis ich den Pfad, den ich
am Morgen gekommen war, wieder erreicht hatte und erst dann ließ
ich die Handwerker von hier aus den Transport weiter führen, da ich
nothgedrungen zur Werft zurück mußte.
Die Ausgrabungen waren nämlich so weit vorgeschritten daß die genaue
Planierung des Bodens vorgenommen werden mußte, sollte nicht die
Arbeit ins Stocken gerathen, auch wollte ich bestimmt am 9. März 1893
den Kiel des Schiffes legen lassen. Uebereiltes Hasten war nicht der
Grund dafür, vielmehr der Umstand, die Arbeiten außerhalb so viel als
möglich zu beschleunigen, da die Handwerker schon mißmuthig geworden
waren, weil sie der glühenden Sonne und dem empfindlichen Regen, der
fast jeden Nachmittag für kurze Zeit aus schweren Gewitterwolken
niederströmte, schutzlos ausgesetzt gewesen und über Fieberanfälle
klagten.
Mühselig und langsam, auf dem primitivsten aller Wege, ging die
Fortschaffung der schweren Hölzer vor sich; zu jedem der weit zerstreut
liegenden Baumstämme mußten neue Wege gebahnt werden. Und nicht immer
war es die heiße Sonne, welche uns die Arbeit so erschwerte, auch
die in dieser Jahreszeit häufiger auftretenden Gewitterstürme thaten
das ihre. Urplötzlich wälzten sich schwarze Wolkenmassen am Horizont
herauf, die, erst von der graugelben Dunstmasse, welche der Sturm
vor sich herfegt, verdeckt, sich über das ganze Himmelsgewölbe mit
unglaublicher Geschwindigkeit ausdehnen. Schlangen gleich zuckten die
Blitze aus den tiefhängenden Massen hernieder. Als schaute man in eine
Gluth von zuckendem Feuer, so erhellt erschienen momentan die Wolken
und mit einer Gewalt rollte der Donner durch die Lüfte, wie wenn das
Firmament zerspringen sollte. Nur die Tropenwelt erzeugt solchen
Aufruhr in der Natur, den man im fernen Norden kaum zu beurtheilen
vermag. Kurz darauf strömt dann eine Regenmasse hernieder, als würden
in der That Eimer Wasser auf die Erde ausgegossen, die alle Wege in
Bäche verwandeln, Ebenen in große Wasserteiche.
Empfindlich kalt ist die Nässe, im Gegensatz zu der kurz vorher
glühenden Luft und vor ihr sucht alles Schutz und Deckung, wenn es
irgend möglich ist. Von solchen Ungewittern wurden wir mehrmals
in der freien Wildniß überrascht und waren aller Unbill schutzlos
preisgegeben; ich versuchte zwar anfänglich, da es doch nutzlos war,
unthätig die Kälte auf sich einwirken zu lassen, die Leute zu einer
energischen Thätigkeit anzuspornen, jedoch mein »Vorwärts, Atonga«
hatte bei den frierenden Leuten wenig Erfolg. Es ist mit dem Neger,
wenn er naß und kalt geworden ist, namentlich im Regen absolut
nichts anzufangen; kann er keinen Schutz finden, dann löst er sein
Lendentuch, wenn er eins besitzt, hängt es über Kopf und Schultern und
wartet vor Kälte zitternd, bis die warme Sonne wieder hervorbricht
und ihn trocknet und erwärmt; ist er nackend, kreuzt er die Arme
über der Brust, sodaß die Hände auf den Schultern ruhen, hockt sich
nieder und den Kopf zwischen die Knie gesenkt, ergiebt er sich in das
Unvermeidliche.
Schlimmer war es für uns Europäer, so durchnäßt und kalt unthätig
zu warten, da jedes Mal ein Fieber hiernach zum Ausbruch kam; wenn
solches auch durch Chinin beschränkt werden konnte, so war es doch
höchst unangenehm, denn es bricht gar zu leicht die Willenskraft und
Energie, wie ich es so oft bei den Handwerkern Gelegenheit gehabt habe
zu beobachten. Zweimal ließ ich, als keine Aussicht vorhanden war, daß
der Regen schnell vorübergehen würde, die Wagen auf dem Wege verlassen
stehen, und kaum war der Befehl zum Aufbruch gegeben, als gleich
gehetztem Wilde die Leute davon eilten, um unter irgend einem dichten
Strauch oder Baum einigermaßen Schutz zu suchen, zum Theil aber auch
mit wildem Halloh zum Flusse liefen.
Als die Balken alle zum Fluß geschafft worden waren, mußte ich an der
Abladestelle das Ufer vom dichten Gebüsch erst säubern lassen, auch
die hindernden Wasserpflanzen möglichst entfernen, ehe das Boot nahe
genug herankommen konnte. In der Meinung, die Hölzer würden sicherlich
im Wasser schwimmen, ließ ich eines der längsten vom steilen Ufer
abrollen und ohne Befestigung in die Strömung fallen; aber der Balken
rollte wie ein Stein in die Tiefe und hätte nicht Wurzelwerk diesen
aufgehalten, der starke Strom würde ihn aus unserem Bereiche bald
entführt haben; so aber gelang es doch noch nach vieler Mühe ihn wieder
aus zehn Fuß Wassertiefe empor zu bringen.
Mit je zwei Balken, die an den Seiten befestigt wurden, trieb ich dann
stromabwärts und hatte, bei der Werft angekommen, nur aufzupassen, daß
der Strom das nun ungelenke Boot nicht vorbeiriß; mit aller Kraft
strebten die Ruderer um die vorstehende Schilfwand herum zu kommen und
das Ufer zu gewinnen, wo mit bereit gehaltenen Leinen die Werftleute
aufzupassen hatten. Einmal nur schlug der Versuch fehl; Boot und
Balken vom Strom breitseits gefaßt, trieben wirbelnd vorbei, kein
Mann war fähig, so weit sie auch am Ufer mitliefen und Taue zu werfen
versuchten, wegen des hohen Ufergebüsches das Boot zu erreichen, bis
ich mich mit aller Anstrengung unter Land gearbeitet hatte und einen
guten Schwimmer aufforderte, eine Leine zwischen die Zähne zu nehmen
und solche an irgend einem Strauch zu befestigen. Gefährlich war das
Unternehmen schon der Krokodile wegen, doch der muthige Atonga schwamm
aus Leibeskräften und brachte das Boot zum Stehen. Stundenlang in
heißer Mittagsgluth, fast betäubt von der furchtbaren Hitze, arbeiteten
wir uns mühsam wieder aufwärts; es gelang aber erst vollständig, als
ich die Ordre zur Werft geschickt hatte, es solle irgendwo ein Kanoe
aufgetrieben und solches mit langen Leinen abgeschickt werden. Ich
hätte um keinen Preis die werthvollen Balken mögen fahren lassen, die
dann unfehlbar verloren gewesen wären; hatte es doch wochenlanger Mühen
bedurft, vieler Arbeit und Entbehrung, um solche fertig zu stellen.
Am 8. März hatte ich endlich alles glücklich ohne besonderen Schaden
zur Werft geschafft, höchstens ein oder zwei der schweren Klötze waren
verloren gegangen, die nun eiligst von den Zimmerleuten aus noch im
Urbusch liegenden Stämmen ersetzt werden mußten; schlimmer war, daß
mir Ottlich als einziger Zimmermann abging, weil ihn und Knuth das
Fieber gepackt hatte und ich nun gezwungen war, mit den Blantyre-Leuten
die noch rückständigen Holzarbeiten allein anzufertigen. Der
Schiffszimmermann Riemer war längst schon krankheitshalber nach Europa
zurückgesandt worden und die beste Kraft zum Aufbau der Schlipp etc.
war durch ihn verloren.
Die Erdarbeiten waren inzwischen soweit ausgeführt, daß in der ganzen
Länge des Grabens, 110 Fuß, eine glatte Fläche von 15 Fuß Breite
hergestellt war, ich ließ die steilen Erdwände nur noch an einer Seite,
links, vom Fluß aus gesehen, abtragen, um dort einen stufenweisen
Abstieg herzustellen, der es ermöglichte leichter hinabzukommen,
ich begnügte mich also mit der hergestellten Basis, da solche nach
Bedürfniß immer noch erweitert werden konnte. Nur ein Umstand gab
zu Bedenken Anlaß: nämlich das Steigen und Fallen des Flusses, der
in dieser Regenzeit, um einige Fuß gestiegen, seine Wasser über 20
Fuß in die Ausschachtung hineindrängte und nicht allein den Boden
durchweichte, sondern mich zwang noch 10 Fuß weiter vorzugehen. Es
mußte deshalb der Zaun wieder eingerissen und der Steven des Schiffes
dicht an das Grab aufgestellt werden, das sich rechts hinter meiner
Wohnung befand und welches die Bewohner Mpimbis sich standhaft
geweigert hatten, an mich abzutreten, jetzt aber weiter keinen
Einspruch erhoben, als ich nun den Zaun einfach vorrücken ließ.
Das Legen der beiden Balkenreihen war in sofern mühevoll und schwierig,
als erstens der Grund nicht so genau geebnet, zweitens die Hölzer auch
ungleich behauen waren, so daß bald ein Balken etwas versenkt, der
andere erhöht werden mußte und dabei war Bedacht darauf zu nehmen, daß
die Balken fest und sicher lagerten; genaue Ausrichtung mit Leinen und
Pfählen, namentlich die von mir aus Vorsorge mitgeführten Wasserwagen,
erleichterten aber die Arbeit wesentlich. Schwieriger noch war es die
Aufklotzung und die Keillagen auszurichten, da die Klötze, worauf der
Kiel gelegt werden sollte (der mithin 3-1/2 Fuß über den Erdboden zu
liegen kam, um auch unter dem Schiffe später nieten zu können) von
den schwarzen Zimmerleuten nicht so genau gearbeitet werden konnten,
denn jeder derselben mußte eine ganz bestimmte Höhe haben; es war
deshalb so schwierig, als der aus 4 Theilen bestehende eigentliche
Kiel, zusammengestellt und aufgerichtet, durchaus nicht die geringste
Biegung haben durfte, sondern schnurgerade in seiner ganzen Länge
verlaufen mußte. Viel Geduld und Umsicht war dabei erforderlich, um bei
Zeiten alles zu bedenken, denn später, wenn erst der eiserne Körper
aufgestellt sein würde, hätte ein Versehen oder begangener Fehler sich
schwer gerächt. Trotz allem aber wurde es doch erreicht, daß am Abend
des 9. März 1893 der Kiel des »Hermann von Wißmann« gelegt werden
konnte! --
Wie erwähnt, war der Fluß beträchtlich gestiegen, überfluthete sogar
den unteren Theil der Balkenlage und das Wasser durchweichte den Boden
derartig, daß es mir sehr bedenklich scheinen wollte, den Hintersteven
eher aufzurichten, als bis fester sicherer Halt gefunden war. Leicht
könnte die schwere Last später die Balken wegdrücken, und wäre es
auch nur um ein sehr Geringes, so würden die oberen Platten bei der
Zusammenstellung nicht genau passen können. Den Gedanken, das Wasser
durch einen Erdwall abzudämmen, der mir das Praktischste schien,
mußte ich wieder aufgeben, da das Untergrundwasser doch durchdringen
würde, ein Feststampfen des Bodens hätte auch wenig genutzt; darum die
doppelte Arbeit zu vermeiden, riß ich lieber die letzten Balken auf
und rammte, um eine feste Unterlage zu gewinnen, starke Pfähle in den
Grund auf welchen wieder Querhölzer gelegt wurden, bis schließlich nach
tagelangen Mühen ein fester Halt gefunden war.
Nun ich die gesammte Mannschaft wieder auf der Werft zur Verfügung
hatte, vertheilte ich diese so, daß ein Stamm Atonga bei der
Aufstellung des Schiffskörpers beständig verblieb, die übrigen, etwa
15, tagtäglich aber in die Berge gesandt wurden, um passende Stämme
herbeizuschaffen, von denen wir nach und nach eine große Anzahl und von
jeder Größe benöthigten, um das Gerippe des Schiffes zu stützen. Die
Suaheli hingegen mußten die Feldschmieden bedienen und den Handwerkern
nach Möglichkeit beim Nieten der Spannten zur Hand gehen. Ich hatte es
zwar mehrfach versucht das Nieten einfacherer Stücke von den Suaheli
ausführen zu lassen, indes, nicht intelligent genug, war ihnen die
Handhabung eines Niethammers nicht beizubringen. Uebrigens von Natur
träge, häufig widerspenstigen Charakters und eigenwillig, habe ich
diese Suaheli oft mit Strenge behandeln und im Gegensatz zu den Atonga,
Masaua und Wangoni haben sie häufig bestraft werden müssen, wo hingegen
bei den letzteren, wenn Ungehörigkeiten vorkamen, eine einfache Rüge
schon genügte. Namentlich hielt ich streng darauf, daß die Suaheli,
welche die anderen Arbeiter als Sklaven betrachteten und deshalb
verachteten, nicht, wie sie es beliebten, den Herrn herauskehrten, ich
nahm ihnen den thörigten Glauben, daß sie mehr seien wie diese freien
unabhängigen Menschen. Kamen mir Klagen zu Ohren, oder sah ich eine
unwürdige Behandlung eines Eingeborenen Inner-Afrikas von seiten der
Suaheli, die jedem mit den verachteten Namen »Waschensi« bezeichneten,
dann entging der Attentäter seiner Strafe nicht, und sie hüteten sich
in Folge, als einige Male Strafen in Gegenwart der Beleidigten sofort
verhängt wurden, ihrer Mißachtung und Herrschsucht die Zügel schießen
zu lassen; an den Beschützten aber hatte ich treue und ergebene
Arbeiter, die sich willig jeder Mühe unterzogen und zum nicht kleinen
Theil habe ich die schnelle Ausführung der schwierigsten Arbeiten,
dieser Bereitwilligkeit und der gerechten Behandlung zu verdanken. Rief
um 6 Uhr Morgens die Trompete zur Arbeit, wurden durch das gegebene
Signal die noch auf der Werft beschäftigten Dorfbewohner, sowie
die in der Nähe angesiedelten Wangoni und Masaua zusammen gerufen;
die Leute kamen dann meistens zitternd vor Kälte in kleineren oder
größeren Trupps an und standen in Reih und Glied bis ich alle gezählt
und ihnen die Tagesarbeit zugewiesen hatte. Auch mit den Atonga mußte
ich gleicherweise verfahren, da einzelne sich gelegentlich zu drücken
gesucht hatten, sie merkten aber bald was die Glocke geschlagen, wenn
durch Namensausruf die Fehlenden leicht herausgefunden wurden und ein
abgesandter Wachtposten sie herbeischaffte. Zweimal aber kamen sie mit
tiefbetrübten Mienen und erklärten, nachdem der Fehlende herausgefunden
war, daß eine Mal Gabbujab, ein andermal Tasikana, beim Wasserschöpfen
von einem Krokodile weggeraubt sei. Es war hier seltener der Fall,
daß solche Unglücksfälle vorkamen, da wegen der belebteren Ufer diese
Untiere sich nicht recht sicher fühlten, mehr aber, da keine Sandbänke
vorhanden waren, worauf sie in träger Ruhe sich sonnen konnten. Manch
einen auf der Oberfläche des Wassers schwimmenden Räuber habe ich, wenn
er arglos mit dem Strome sich treiben ließ, vom Ufer aus die tödtliche
Kugel zugesandt, wollten wir aber mal auf Krokodiljagd gehen, dann
fuhren wir Sonntags gelegentlich flußabwärts und verleideten den
gefährlichen Thieren die süße Ruhe auf den von zwei Nebenflüssen des
Schire gebildeten Bänken.
Das Erste war von seiten der Atonga, ehe sie zur Arbeit antraten,
sofort nach Ankunft auf der Werft ein Feuer irgendwo anzufachen, um
welches sie sich niederhockten und die nackten Glieder zu erwärmen
suchten, und hatte ich allen die Arbeit zugewiesen, so war ich sicher,
daß solche, welche über den Fluß oder in die Berge gesandt wurden,
nicht allzuweit gingen, sondern sobald sie sich im hohen Grase oder
Busch befanden, sich gemüthlich um warme Feuer niederließen, und nicht
eher an ihre Arbeit gingen, als bis die Sonne ihre heißen Strahlen
niedersandte und die Luft durchwärmt hatte. Mehrmals, wenn sie
glaubten, daß ich ihnen nicht folgen würde, um die Arbeiten zu leiten,
und sie sicher vor Ueberraschung ein Stündchen am Feuer verplaudern
konnten, dabei die primitivste aller Pfeifen im Kreise umgehen ließen
oder schnupften, versetzte sie mein unerwartetes Erscheinen in nicht
geringe Verlegenheit und aufspringend jagten sie in wilder Hast davon.
Es war ja natürlich, daß ich solche Schwänzereien nicht dulden durfte,
zumal die Leute oft einen weiten Weg zurückzulegen hatten, aber ich
begnügte mich auch nur damit sie aufzutreiben, denn trotz warmer
Kleidung fror ich selbst, und durchnäßt vom kalten Thau, konnte ich
es wohl begreifen wie empfindlich die Kälte auf den nackten Körper
einwirken mußte.
Wir empfinden es in Europa als unangenehm, wenn die Temperatur bis auf
+ 5.7 und 8° R. herabsinkt und hüllen uns in warme Kleidung ein, wie
viel mehr aber muß der Unterschied empfunden werden, wenn Morgens um 7
Uhr die Luft nur 8° Wärme hat und erst rapide steigt, sobald die Sonne
die kalte Luftschicht durchwärmt und bis Mittag eine Gluth erzeugt hat
die unerträglich wird, im Schatten 38° R., in der Sonne weit über 50°
R. Solche große Abkühlung während der Nacht, im Gegensatz zur Hitze
des Tages, bedingt es auch, daß die Wassertheilchen in der Atmosphäre
sich zu Tropfen verdichten und gleich Regen niederfallen und die
ganze Natur erfrischen. Erde und Wasser noch von den Sonnenstrahlen
erwärmt, erzeugen, sobald die kalte Luftschicht auf sie herabsinkt,
ein gewaltiges Nebelmeer so, daß über die weiten Ebenen, in einer
Höhe von ungefähr 15 Fuß, -- nach Mitternacht bis zum Morgen, selbst
oft bis nach 7-1/2 Uhr früh, -- alles wie ein weißes wallendes Meer
erscheint und vom Fluß und Grassavanne, vom niedrigen Gesträuch und
Busch absolut nichts zu erkennen ist; nur in der Ferne ragen die blauen
Spitzen der Berge in die klare Luft, deren Fuß von weißen Dunstgebilden
umhüllt ist, auch jedes Thal noch so hoch gelegen wird mit solcher
Nebelschicht überdeckt. Nicht eher, als bis die Sonne etwa 25° über
dem Horizont gestiegen und ihr Strahl die kalte Luft durchwärmt,
wichen gleich Gespenster die Nebel und hoben sich zusehends, bis sie in
beträchtlicher Höhe in ein Nichts verschwanden.
Erklärlich ist es, wie solch' ein Temperaturwechsel auf die weniger
widerstandsfähigen Europäer einwirken muß; die Naturen, solchen Wechsel
nicht gewöhnt, bieten dem Fieberbacillus, der in den aufsteigenden
Miasmen enthalten ist und sich verbreitet, (wie es namentlich in den
sumpfigen Niederungen um Matope und Mpimbi der Fall) keinen genügenden
Widerstand, häufige Anfälle von minderer oder heftigerer Art sind die
Folge; selbst die Eingebornen werden nicht verschont und vielfach
habe ich solche Krankheitserscheinungen bei diesen beobachten können.
Empfindlich ist die Kälte namentlich in den ersten Morgenstunden,
und die oben angeführten Temperaturen habe ich durchschnittlich in
den Monaten März und April verzeichnen können; wußte man bei Tage
sich nicht vor der Hitze zu retten, fand man in den luftigen Häusern
wiederum nicht genügend Schutz vor der nächtlichen Abkühlung. Sogar
zwischen 6 und 7 Uhr Morgens waren mir öfters die Finger noch so steif,
daß ich mit Mühe nur schreiben konnte. Natürlich war es deshalb, daß
morgens in der ersten Arbeitsstunde nicht viel gefordert wurde, da
sowohl Weiße wie Schwarze erst das unbehagliche Gefühl, verursacht
durch die feuchte Kühle der Luft, von sich abschütteln mußten.