prügeln, die dann ins Freie laufen und vor jeder Hütte durch Weinen
und Heulen jedem der es hören will, ihr Leid klagen; durch die Stille
der Nacht hallt ihr Wuthgeschrei solange bis sie nicht mehr können,
dazu Gezänk, Kindergeschrei, mäckernde Ziegen und aufgescheuchte Hühner
verursachen einen Lärm, vor dem man davonlaufen könnte, und mehrmals
bei solcher Gelegenheit, wenn sie es gar zu toll trieben, schickte ich
den Sudanesen Effendi (Wachtoffizier) hinaus und ließ Ruhe gebieten.
Uebrigens soweit ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, sind die
älteren Frauen den Männern gegenüber nicht blöde, sie ertheilen recht
derbe Lektionen und ihr Redefluß bringt selbst wehrhafte Männer zum
Schweigen. Widerwärtiger ist es, wenn zwei alte Weiber sich zanken;
wie überall, so kehren sie auch hier die Furie heraus und ich glaube,
verstände man ihre Sprache gut genug, würde man finden, sie drücken
sich nicht höflicher aus, als wenn z. B. in Europa Xantippen aneinander
gerathen; eine Vorstellung aber kann ein Laie sich kaum davon machen,
wie solch' ein altes wüthendes Weib in schwarzbrauner Färbung aussieht!
Es war in diesen Tagen auch, als man mir die Mittheilung machte, in
einer der nächsten Hütten liege ein schwerkranker sterbender Mann,
der sehr alt und schwach sei und kaum mehr genesen würde. Ich sah
auch den Medizinmann des Dorfes ein- und ausgehen, der seine Kunst
mit Beschwörungen an dem Kranken versuchte, ihm aber zu helfen doch
nicht imstande war. Die mir gemachte Mittheilung vom Zustand des
Mannes zielte darauf ab, ich sollte mich herbeilassen, mittelst Daua
(Medizin), wie solche nach dem Glauben der Eingebornen der weiße Mann
besitzt, zu helfen, allein ich hütete mich wohl, dem würdigen Dorfarzte
ins Handwerk zu pfuschen, denn das ist bei dem Aberglauben dieser
Bevölkerung ein kritisches Unternehmen, namentlich wenn es nichts mehr
zu helfen und zu verderben giebt. Auch die Hütte betrat ich nicht und
sah mir nur im Vorübergehen den im Todeskampfe liegenden Mann an, davon
überzeugt, es sei bei diesem keine menschliche Hilfe mehr möglich.
Hätte ich hier wirklich, wie sonst bei vielen anderen, helfen wollen
und der Mann wäre, was augenscheinlich war, bald darauf gestorben, so
hätte ich nur dem Ansehen des Europäers geschadet, denn daß die Medizin
des weißen Mannes nicht mehr hätte helfen können würden die Angehörigen
nicht begriffen haben. So war es besser ich hielt die Hände davon und
überließ alles dem Zauberer, der möglicherweise, wenn er seine Kunst
mißachtet sah, durch seinen Einfluß mir hätte schaden können, und wäre
es auch nur dadurch, daß die Arbeiter aus dem Dorfe von der Werft
ferngehalten worden wären.
Schon um Mitternacht des nächsten Tages, während ich noch durch die
Ngoma und das laute Geräusch im Dorfe wachgehalten wurde, hörte ich
wie mehrere Männer und Frauen die Posten baten, sie einzulassen,
sie wollten zu dem weißen Mann, der kommen und helfen solle, der
Kranke sterbe sonst. Die Sudanesen aber öffneten nicht und sagten
ich schliefe; einer aber kam doch und machte mir Mittheilung von dem
Begehren der Leute und fragte an, ob er öffnen solle oder nicht. Ich
war aber schon auf und dachte, wenn es nicht anders sein kann, um
wenigstens den Bittenden den guten Willen zu zeigen, kann ich auch
zusehen wie der Mann stirbt, denn ich war überzeugt, nur der letzte
Kampf, der für den Sterbenden recht schwer sein mochte, hatte sie zu
mir getrieben, und weil sie sich nicht mehr zu helfen wußten.
Wenige Minuten später, noch hatte ich das Thor nicht erreicht, tönte
aber schon ein Schuß durch die Nacht und gleicherzeit ein wildes
Klagegeheul, das Gesang und Ngoma übertönte; nun wußte ich, es sei
alles vorbei und hatte, als ich wieder auf meinem Lager lag, nur den
stillen Wunsch, das überlaute Klagen und Weinen der Weiber möchte ein
Ende nehmen. Aber im Gegentheil, der Spektakel ging erst los, als die
schnell versammelten Bewohner sich anschickten, vor jeder Hütte, in
welcher meines Erachtens ein Anverwandter des Verstorbenen wohnte,
eine halbe Stunde lang zu klagen und zu heulen; dazu feuerten dann noch
die glücklichen Besitzer eines Gewehrs fortwährend ihre Donnerbüchsen
ab, daß es wirklich das tollste Beginnen war, welches ich bisher in
Afrika gehört.
Bei solchem Lärm zu schlafen war einfach unmöglich, recht heiter
wurde es aber erst, als in der an meinem Hause anstoßenden Hütte, nur
durch den Rohrzaun von einander getrennt, ein paar kleine Kinder mit
einstimmten, die von den am Umzuge im Dorfe theilnehmenden Eltern
allein gelassen, aus vollen Hälsen brüllten. So ging es mit wenig
Unterbrechung zwei Tage und Nächte hindurch, bis am dritten der
Spektakel einfach übertoll wurde. Wie schon früher erwähnt, glauben
die Eingebornen durch solchen Höllenlärm den Geist des Todten im Grabe
zu bannen, Ngomaschlagen, lauter Gesang, Weinen und Heulen sollen ihn
zurückscheuchen, damit er auch mit in das Grab hinabsteigt und bei dem
Körper verbleibt. Während der ganzen Zeit, in welcher das Grab in der
Hütte noch offen ist, spricht der Medizinmann seine Beschwörungsformeln
oder jagt phantastisch in Affen- und Pantherfellen gekleidet, wie
toll um die Hütte mit dem Rufe +üich, üich+, als habe er den
Geist erblickt und verfolge und jage ihn wieder zum Grabe zurück; hört
er endlich athemlos auf, und erklärt, der Geist sei wieder in den
Körper oder ins Grab gebannt, dann soll durch noch wilderen Lärm sein
Wiederentweichen verhindert werden. Bei alten Leuten bricht gewöhnlich
der Geist drei oder vier Mal aus und macht dem Zauberer, der ihn nur
allein sehen kann, viel zu schaffen, bis er diesen schließlich, wenn
alles bereit ist, zum letzten Mal in das Grab scheucht und dann eilig
zuschütten läßt, damit er nicht mehr entweichen kann.
In kluger Berechnung, nur um sein Ansehen zu fördern, unterzieht sich
der Zauberer gerne solcher Anstrengung, denn von klingendem Lohn
kann überhaupt keine Rede sein; er betreibt den Hokuspokus mit einer
Raffinirtheit, die unglaublich ist, damit alle in ihm den klugen
Mann erblicken, der Geister sehen und mit ihnen verkehren kann, der
einfach Dinge versteht, die für den beschränkten Verstand des Negers
als übernatürliche gelten müssen. Diese Gabe der vorgespiegelten
Hellseherei vererbt sich, indem der Nachfolger immer wieder aus der
Familie des Zauberers hervorgeht und die streng gewahrten Geheimnisse
somit zu keines Fremden Kenntniß gelangen. Der eigentliche Todtengesang
vor und nach dem Begräbniß tönt aus in leiser, harmonischer Klage,
ein Rhythmus, von allen gesungen, kommt die Melodie unsern lieblichen
einfachen Liedern nahe und unwillkürlich lauschte ich, wenn dieser
leise melodische Gesang ertönte, der in all dem tollen Lärm das einzig
Erhebende war.
Nach der Ceremonie beginnt erst das Fest und die zuweilen recht
zahlreiche Verwandtschaft des Verstorbenen singt und tanzt unter
Anleitung des unermüdlichen Medizinmanns, sie trinken solche Mengen von
Pombe bis alle, öfter mitsammt den Weibern, so betrunken sind, daß sie
nach so langem Wachen und so großer körperlicher Anstrengung in einen
festen langen Schlaf verfallen.
Jetzt wo auf der Werft mehr und mehr körperliche Arbeit von den
Europäern verlangt wurde, da ja ausschließlich, was Nieten, Schmieden
etc. anbelangte, solche nur von den Handwerkern ausgeführt werden
konnten, zeigte es sich bald, daß die aus der bisher eigentlich
geringfügigen Arbeit herausgerissenen Leute den Anstrengungen nicht
gewachsen waren. Die Folge war, die jetzt ungewohnte Arbeit verursachte
Störungen im körperlichen Wohlbefinden, die sich in Fiebererscheinungen
und Schwäche äußerten, und von den bis jetzt Anwesenden lag die Hälfte
immer krank im Lager. Ich will gewiß keinem den guten Willen am
endlichen Gelingen des großen Werkes absprechen und bin überzeugt, es
ist keiner ohne Grund von der schweren Arbeit ferngeblieben, nur das
muß ich erwähnen, es wären nicht so viele Krankheitsfälle an Fieber
eingetreten, wenn nicht bei jedem kleinen Anfall schon die Betroffenen
die Arbeit niedergelegt und sich körperlicher Ruhe überlassen hätten,
sondern mit festem Willen dem Fieber entgegen getreten wären.
So kam es dahin, daß ich verschiedene Male, als bereits mit dem
Zusammennieten der Spannten begonnen worden war, mit nur einem
Handwerker auf der Werft diese Arbeiten allein ausführte. Gewiß
bedingte es einer eisenfesten Natur, um ohne Schaden am Körper zu
nehmen, bei einer Hitze von 10° R. am Morgen aufsteigend meistens bis
38° R. um 11 Uhr Vormittags im Schatten, angestrengt zu arbeiten, dabei
häufig der Sonnengluth noch ausgesetzt, die um letztgenannte Zeit 48°
R. betrug und um Mittag in der Sonne so enorm groß war, daß man sich
als Europäer nicht mehr den glühenden Strahlen aussetzen durfte, ohne
Gefahr zu laufen vom Sonnenstich befallen zu werden.
Die Arbeitszeit war so eingetheilt worden: Morgens um 6 Uhr Beginn
der Arbeit, um 8 Uhr bis gewöhnlich 8-3/4 Frühstückszeit, um 11 Uhr
Aufhören. Nachmittags von 2 bis 5 Uhr; dabei ist aber zu erwähnen, daß
während der Zeit von 10 bis 11 und 2 bis 3 Uhr meistens nur leichtere
Arbeiten im Schatten der kühleren Schuppen vorgenommen werden konnten
und seltener nur, wenn kühle Winde von den Bergen herüberwehten eine
Ausnahme gestatteten. Gewaltige Gewitterregen, die in dieser Zeit
häufig auftreten und während ihrer Dauer jede Arbeit unmöglich machten,
kühlten zwar die heiße Luft ein wenig ab, jedoch so unmerklich, daß
sobald die Sonne wieder hinter den Wolken hervortrat, die Hitze eine
empfindlichere Wirkung hatte als vorher.
In den ersten Tagen des Monat März machte mir Ottlich die Mittheilung
er habe annähernd 200 Fuß Balken im Urbusch fertig behauen und glaube
in einer Woche die benöthigten 26 schweren Klötze, die je zwei
übereinander gelegt zur Aufklotzung dienen sollten, fertig stellen
zu können und schlug vor, hierfür von ihm näher dem Schirefluß
aufgefundene Bäume fällen zu dürfen, deren Stämme zwar nur kurz aber
doch die genügende Dicke hätten. Nach persönlicher Ueberzeugung
pflichtete ich diesem Vorschlage auch bei um so eher, als uns die
Arbeit erspart blieb abermals mehrere Baumriesen, die mit ihren
Pfeilerwurzeln 5 Fuß über den Boden noch 16 bis 18 Fuß Umfang hatten,
zu fällen, Bäume die ich ihrer Dicke und krummer Stämme wegen bei der
Durchforschung des weiten Gebiets als ungeeignet übergangen hatte.
Nun hieß es nur noch, ehe ich die gewaltige Arbeit unternahm, um
die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen, die Ankunft
der Wagen abzuwarten, die als ersten Transport, die Kielplatten,
Hintersteven des Schiffes und noch fehlende Theile des Kiels (der im
Ganzen in sechs Theile des leichteren Transport wegen zerlegt worden
war), über das Schiregebirge bringen sollten.
Alle Wagen bis auf zwei, seinerzeit in Hamburg hergestellt, waren
mit ihrer eisernen Unterlage so eingerichtet, daß bequem darauf die
Schiffsplatten befestigt werden konnten, die zwei mit geraden Achsen,
aber ohne Unterlage und 6 Fuß hohen Rädern, sollten die unhandlichsten
Theile des Schiffes, als Hintersteven und Ruder befördern. Es wäre
jetzt ohne diese Karren ein furchtbares Stück Arbeit gewesen, die
Schiffsplatten, Cylinder und andere Maschinentheile über das hohe
Gebirge zu schaffen; an Trägerkräften hätte solcher Transport eine
enorm größere Zahl bedurft, da schon jede Platte mit weniger als 8
Mann, die sich auf so weitem Wege abwechseln konnten, nicht gut hätte
befördert werden können.
In den späteren Nachmittagstunden des vierten März vernahmen wir auf
der Werft laut tönenden Gesang vieler Menschen und konnten bald das
Halloh der heranziehenden Atonga unterscheiden. Eine Wagenkarawane von
10 Karren, schwer beladen mit Platten, Kesseltheilen etc., begleitet
von Soldaten und geführt von zwei Handwerkern, Eikershoff und Dohmann,
kam darauf durch das Dorf gezogen, zu der sich eine große Schaar
Eingeborener gesellt hatte und einschwenkend zur Werft fuhren sie mit
wildem Gesang in Reihen auf. Sobald der letzte Wagen zum Stillstehen
gekommen war, schaarten sich die Atonga zusammen und stimmten einen
dreimaligen Ruf an, daß einem die Ohren gellen wurden, dann erst
begann die Begrüßung und die auf der Werft arbeitenden Stammesgenossen
hatten einen wahren Sturm auszuhalten, so drängten sich alle heran und
bekundeten ihre Freude ob des Wiedersehns.
Nur ein armer Teufel lag auf einem der Wagen, zur Sicherheit noch
festgebunden, dieser allein konnte nicht an der Freude aller
theilnehmen, denn mit zerquetschten Beinen war er unfähig sich zu
rühren. Wie mir die Europäer mittheilten, war er von einem der schweren
Wagen überfahren worden; und sobald die Atonga sahen, daß ich mich dem
Verletzten zuwandte, erklärten sehr viele, mit solchen ungeschickten
Dingern, die von selber laufen, wollten sie nicht mehr nach Katunga
zurückkehren, lieber die schweren Eisentheile tragen. Jedoch
besänftigte ich sie bald, indem ich ihnen ein Poscho versprach, wofür
sie sich Mais kaufen sollten, und stellte alle zufrieden, als mein
Diener einige Faden Zeug unter die Kapitaos vertheilte; bald konnte ich
sie danach zum Lager absenden, wo sie Verpflegung und einen Ruhetag
nach so großer Anstrengung finden sollten.
Für die Bewohner Inner-Afrikas ist ein Wagen auf welchem man mit
Leichtigkeit Lasten transportiren kann, die sonst keine 40 Mann
tragen würden, ein kurioses Ding; überaus viel Spaß macht es ihnen
anfangs damit herum zu fahren und ausgelassen wie Kinder haben sie
ihre helle Freude daran. Nur wie mit allem womit der Europäer sie
beglückt, außer Waffen, verlieren sie, wenn die Sache ihnen über
den Spaß geht, sehr leicht die Lust daran und der Gegenstand wird
ihnen gleichgültig, sobald sie sich ihr Urtheil gebildet haben, das
meistens sehr oberflächlich ist und bei unverständlichen Dingen auf
die geheimen Kräfte, die der Europäer ihrer Meinung nach besitzen
muß, zurückgeführt wird. So lange auf ebenen glatten Wegen mit einer
Last von durchschnittlich 12 Zentnern gefahren wurde, waren auch die
Atonga frohen Muthes, da von den je 16 bis 24 Mann, die jedem Wagen
zugetheilt waren die Hälfte gemüthlich nebenher gehen konnte; anders
aber kam es sobald sie auf den ausgewaschenen Gebirgswegen alle Kräfte
anspannen mußten um die Wagen in die Höhe zu bringen und den Führern
des Transportes glaubte ich es gerne, daß sie an steilen tiefen
Abgründen ihre ganze Kraft zusammen nehmen mußten, um einen Absturz
zu verhindern; namentlich, wo an gefährlichen Stellen der Weg etwas
abfiel und die Wagen durch ihre Last von selbst in Bewegung gesetzt
sehr leicht abweichen konnten, da die Leute es nicht begreifen wollten
wie ein solcher durch Gegenstemmen gehemmt werden kann. Konnte ein
Wagen auch nicht, wegen der vielen Bäume und Sträucher in einen Abgrund
stürzen, wäre solcher doch sicherlich mit seiner Last zerschellt,
wie es mit einem geschah, der mit den langen schweren Schiffsmasten
beladen, auf scharfen Krümmungen des Weges nicht zu halten gewesen
war und abstürzte; die Masten mußten liegen bleiben, den zerbrochenen
Wagen aber brachten sie mit. Von Blantyre bergabwärts, hatten sie den
Weg über Matope genommen, der recht beträchtliches Gefälle hat, hier
aber wußten die Atonga sich nicht zu helfen, anstatt zu halten ließen
sie die Wagen laufen und wer dann, wenn an ein Aufhalten nicht mehr zu
denken, nicht flink genug beiseite sprang, der Wagen ihm auf den Fersen
saß, konnte schweren Schaden erleiden. Keine Tour ist ohne Unfall
vorüber gegangen, bei der zweiten sogar wurde ein Atonga todtgefahren.
Ich weiß aus Erfahrung, welche Mühe es dem Europäer kostet den Leuten
es beizubringen, damit sie vorsichtig handeln, denn als ich später
40 Zentner schwere Balken steile Abhänge hinabfahren mußte war meine
Gegenwart unerläßlich, um nur ein Unglück zu verhüten.
15. Der Aufbau des Dampfers »Hermann v. Wißmann«.
Wieder im Besitze unseres Stahlbootes gelangt, das die Engländer nicht
mehr zum Provianttransport benöthigten, beschloß ich nun mit der ganzen
verfügbaren Mannschaft aufzubrechen, und vorerst querüber der Werft
einen Weg durch das Dickicht zu hauen, der, wenn es möglich wäre, in
gerader Richtung bis zu einem Hügelplateau führen sollte, nach welchem
ich zuerst die Balken aus dem Urdickicht heraus, hinzuschaffen gedachte.
Mit 60 Mann, 2 Europäern und vorläufig einem Wagen, setzte ich über
den Fluß und suchte, da es unmöglich war, direkt durch das Gebüsch
vorzudringen, längs dem Ufer im hohen Schilf und Rohr einen Weg zu
bahnen. Aber ob auch mit langen Buschmessern alles niedergemäht wurde,
war es in der immer heißer brennenden Sonne doch eine beschwerliche
Arbeit; dazu kam das messerscharfe Schilfgras, das die nackten Leute
an den Beinen und am Körper verletzte, auch traten sich viele die
scharfen Dornen dazwischen wuchernder Sträucher in das Sohlleder ihrer
Füße ein und erst nach Stunden angestrengter Mühe waren wir etwa 100
Meter vorwärts gekommen. Daß es so nicht weiter gehen konnte, wenn das
Dickicht so überaus dicht bleiben würde, sah ich bald ein und gab es
daher auf, einen breiten Weg zu schlagen, der uns als Straße dienen
sollte. Einzeln, Mann hinter Mann ließ ich die Leute Bahn brechen und
auf diesem schmalen Pfade dann den Wagen mit Gewalt hinterher ziehen,
höchstens räumten wir noch Hindernisse weg, wo es absolut nicht anders
gehen wollte.
Schließlich auf freies Feld gekommen, das mit unzähligen Erdhaufen und
Löchern bedeckt war, sah ich erst recht ein, daß wir niemals im Stande
sein würden, über diese brachliegende Fläche einen schwerbeladenen
Wagen zu schaffen. Die Nothwendigkeit, die Felder uneben zu machen,
bedingt darauf gepflanzter Mais und Mtama, weil diese mächtigen Stauden
zur Zeit der Blüthe gehäuft werden müssen, nach Art, wie in Europa
die Kartoffel etc. und da jede Staude 5-6 Pflanzen zusammenfaßt,
die mehrere Fuß voneinander entfernt sind, nach Belieben hier und da
gesät, wird zur angegebenen Zeit mit der denkbar primitivsten Hacke
so hoch als möglich gehäuft, was äußerst praktisch ist, weil dann das
Regenwasser nirgends abfließen kann, auch sehr leicht die Wurzeln
der Pflanzen erreicht und diese trotz der glühenden Sonne frisch und
fruchtbar macht.
In der Weise, wie wir unsere Spargel, werden auch die Bataten
gepflanzt. Die oft 1-1/2-2 Fuß langen Wurzeln erhalten so nur genügend
Feuchtigkeit zum Gedeihen. Verliert der Erdboden, der niemals gedüngt
oder umgearbeitet wird, schließlich seine Kraft, dann sucht sich der
Neger ein neues Feld, das Feuer und Hacke urbar macht und läßt das
verlassene einige Jahre unbebaut liegen, bis Gras und Gebüsch, sowie
verwesende Pflanzen den Boden neugestärkt haben. Ein solches war es,
worauf wir jetzt hinschritten, stolperten und fielen, weil hohes Gras
und Strauch alle Unebenheiten verdeckten. Bemüht, nicht zu weit aus
der Richtung zu kommen, mußten wir bald rechts bald links kleinere
Schambas ausweichen, doch sah ich mich schließlich genöthigt, die
weit ausgedehnten vor uns liegenden Maisfelder zu durchqueren, wenn
ich nicht einen gewaltigen Umweg machen und in glühender Sonne längs
denselben vordringen wollte. Um nun nicht viele Pflanzen mit dem Wagen
zu knicken und nieder zu brechen, ließ ich diesen auseinander nehmen
und hindurch tragen; auch um den Eingebornen keinen Anlaß zur Klage zu
geben, wenn, was nicht zu vermeiden war, doch einzelne Beschädigungen
vorkommen sollten, fertigte ich einen Boten zum Häuptling ab, der
diesem die Mittheilung machen sollte, daß ich mit vielen Leuten nur
dies eine Mal durch die Schambas ziehe.
Erfrischend ist der Aufenthalt in solchem grünen Hain, kühlen
Schatten spendet das Blättermeer, das über einem wie ein Baldachin
ausgebreitet ist und seltsame Melodien hervorbringt, wenn leise der
Wind hinüberweht, die schlanken biegsamen Rohre niederbeugt, sonst
aber ist das Wandern des unebenen Bodens wegen ein äußerst mühevolles.
Als endlich die weite Grassavanne wieder vor uns lag, suchte ich links
ab, Rohr und Busch so viel als möglich meidend, den bekannten Fußpfad
zu erreichen, auf welchem wir ungehinderter vorwärts kommen konnten;
war es im Grunde genommen auch eigentlich eine Thorheit gewesen, einen
neuen Weg mit so großer Mühe zu suchen und theilweise zu schlagen, da
mir der bequeme Weg durch das Dorf offen gestanden hat und eigentlich
die Leute nutzlos angestrengt worden waren, so hatte ich mich doch
orientirt und wußte nun, welche Schwierigkeiten überwunden werden
mußten und welche Richtung ich einzuschlagen hatte, um eine möglichst
gerade Straße bis zum Schirefluß durchzubrechen, die oberhalb an den
Maispflanzungen vorbei, an dem Ufer des Flusses ausmündete.
Sobald die Hütte erreicht war, die Ottlich sich am Rande des
Urdickicht, worin die mächtigen Bäume gefällt und zu Balken behauen
lagen, sich errichtet hatte, traf ich erst die nöthigen Vorkehrungen
zum Lagerplatz, nach der Vertheilung der Posten aber sorgte ich dafür,
daß genügend Proviant, Mais, Mehl und Bataten für die Leute in dem
weiter landeinwärts liegenden Wangoni-Dorfe aufgekauft wurde, denn
jeden Tag zur Werft zurückmarschiren und dann mit abgespannten Leuten
an die schwierige Arbeit zu gehen, das wäre zwecklos gewesen. Ich
wollte auch nicht eher wieder aufbrechen, als bis die Balken aus dem
tiefen Gelände und aus dem Dickicht, das wie eine lebende Mauer jedes
Eindringen wehrte, zur freieren Höhe, wo wir rasteten, geschafft worden
wären.
Das nächste war, die bereits im Dickicht geschlagenen direkten Pfade
nun zu breiten Wegen zu erweitern und zwar zunächst bis zum ersten
Balken, unter dessen Last die Räder alles zermalmen sollten, was die
Menschenhand verschont hatte. Wo nun ein Baumriese gefällt lag, hatte
dieser im Sturze alles mit sich gerissen, Baum, Busch und Rohr mit
seiner Wucht zerschmettert und so den Zimmerleuten viel Arbeit erspart,
da sie nur aufräumen brauchten und nicht genöthigt wurden, sich erst
Platz zu schaffen, um den Riesenleib zu zersägen und mit Aexten zu
bearbeiten.
Glaubte ich genügende Kräfte zu haben, die über 30 Fuß langen Balken
hantiren und heben zu können, sah ich mich denn doch getäuscht; das
Holz war so fest und schwer, wie das unserer Eichen, dazu bei weitem
noch nicht so behauen, wie es hätte sein müssen. Deshalb kostete es
sehr großer Anstrengung, solchen Balken auf sehr beschränktem Raum
erst handgerecht hinzubringen, ehe er auf den Wagen gehoben und an
Achse und Deichsel befestigt werden konnte um ihn dann bergaufwärts
zu ziehen, auf einem Grund, worin die Räder unter der schweren
Last tief einsanken; das war in der sengenden Sonnengluth über 45°
+R.+ eine Arbeit, wie solche selten wohl ausgeführt worden ist.
Nimmermehr hätten wir solches vollbringen können, wenn wir nicht unsere
vorzüglichen Karren gehabt hätten, nicht hundert Leute wären im Stande
gewesen, auf solchen Wegen diese Balken zu transportiren; freilich,
dann hätte ich mich auch nie an solche Arbeit wagen dürfen! Wenn auch
noch viel schwierigere Aufgaben vor uns lagen, so sah ich bei dieser
schon ein, daß nur unbeugsame Energie das Werk vollenden konnte. Die
Anforderungen, welche ich an meine Leute stellen mußte, waren große,
den sinkenden Muth suchte ich aber stets durch das eigene Vorgehen
aufzurichten.
Nur vier lange Balken waren es, die wir aus dem Dickicht
herauszuschaffen hatten, aber je weiter wir in dieses hineindrangen
und Bahn brachen, desto schwieriger gestaltete sich der Transport
derselben. Nach Mühen und schwerer Tagesarbeit geschah es oft
genug, daß wir kaum halb gesättigt und allem Comforts bar, in der
luftigen offenen Grashütte uns zum Schlummern niederlegten, geplagt
von den blutdürstigen Mosquitos, wachgehalten von dem Lachen der
umherschleichenden Hyäne, dem lauten Knurren der Panther und dem
Brüllen des Löwen, dessen Stimme grollend durch die Stille der Nacht
herübertönte und Ruhe gebietend, in seinem Reiche die nächtlichen
Räuber zum Schweigen brachte.
Zwei Tage genügten diese schwere Arbeit in der glühenden Sonne zu
vollenden, dann aber galt es durch die Grassavanne, durch Dorngebüsch
und Busch, durch Niederungen mit mächtigem Sumpfrohr bestanden,
über ein welliges Terrain, aufs Neue in solchem Urgebüsch einen Weg
zu finden und zu bahnen. Die ganze Kolonne von 60 Mann theilte ich
deshalb so, daß, wo nicht Aexte und Buschmesser voraus, mußten die
Soldaten mit breitgelegten Gewehren Rohr und Gras Schritt für Schritt
niederdrücken, das hinter denselben möglichst niedergehauen und von
den schwerbeladenen Karren, unter Aufsicht von zwei Europäern, Ottlich
und Knuth, niedergefahren wurde. Kilometer weit sahen wir uns von
solcher Wand umgeben, die nur einen Ausblick zum Himmel gestattete, der
im bläulich weißen blendenden Glanze strahlte so, daß das den Aether
durchfluthende Licht die Augen schmerzen machte.