wenig erstaunt, das Lager so kampfbereit zu finden; klärte aber schnell
das Mißverständniß auf, das so leicht sehr üble Folgen hätte haben
können, wenn nicht auf beiden Seiten mit Ueberlegung gehandelt worden
wäre. Es hatten nämlich gegen sein striktes Verbot einzelne Kapitaos
nicht unterlassen können, ihre Vorderlader abzufeuern aus Freude
darüber, endlich am Ziel angelangt zu sein, und um die Wirkung dieser
unzeitig gegebenen Schüsse sofort abzuschwächen, ließ er schnell das
deutsche Signal blasen, was das einzige Mittel noch war, da er nicht
so schnell nach vorne springen und dem Feuern Einhalt gebieten konnte.
Diese Atonga, 275 an Zahl, waren auf Befehl des Major von Wißmann
durch v. Bronsardt in Bandawe angeworben worden, zu der Zeit, als
die Vorexpedition an jenem Orte für einige Tage mit der Domira dort
gerastet hatte, und von hier, vom Westufer des Nyassa-Sees, durch
diesen Offizier bis nach Mpimbi geführt wurden. Der Major, bestrebt,
für seine Expedition möglichst viele Kräfte heranzuziehen, da die
Trägerfrage der Transport-Abtheilung große Schwierigkeiten bereitete,
hatte diese Anwerbung vornehmen lassen, um einen Arbeiterstamm zu
beschaffen, der für die Dauer des Schiffbaus zur Verfügung stehen
würde und erst entlassen werden sollte, wenn das ganze Werk vollendet
wäre. Es war keine kleine Aufgabe und eine nicht zu unterschätzende
Leistung mit nur wenigen Soldaten diese Kolonne den weiten Weg von der
Mitte des Sees, durch Grassavannen und Gebirgsland, durch das Gebiet
unzuverlässiger Häuptlinge, in dieser Zeit des allgemeinen Aufstandes
zu führen und obwohl die feindlichen Stämme verschiedentlich den
Weitermarsch zu verhindern gesucht, einige Male ernste Rekontre auch
stattgefunden hatten, wagten sie doch keinen ernsten Widerstand zu
leisten, da der großen Truppe genügend Gewehre mitgegeben worden waren.
Anders verhielt es sich mit der Verproviantirung so vieler Leute und
es ist sehr erklärlich, daß in den langen Wochen öfters empfindlicher
Mangel an Lebensmitteln vorgeherrscht hat, wenn der Verkauf derselben
verweigert wurde oder tagelang unbewohnte Gegenden zu durchziehen waren.
Ein tüchtiger Jäger, schaffte v. Bronsardt immer Wild herbei, wo
solches zu finden war, und diesem Umstande hatte er es zu danken, daß
er oft der Noth gesteuert und noch so viele Leute hatte mitbringen
können, denn die Aussicht auf frisches Fleisch hielt in Tagen der
Entbehrung die Leute zusammen, die sonst dem Beispiel vieler anderer
gefolgt und desertirt wären, so lange es noch Zeit und nicht feindliche
Stämme dem einzelnen den Rückweg abgeschnitten hatten.
Erwähnen will ich hier gleich, daß die Kultur des Tabakbaues von den
Atongas am Nyasse-See als Spezialität besonders betrieben wird und
sie dadurch ein Mittel in Händen haben, die weite Wanderung von ihrem
Heimathland bis nach Blantyre und weiter unternehmen können, ohne
besonders Mangel zu leiden, denn der in Rollen mitgeführte Tabak, in
kleinen Stücken verkauft, giebt ihnen die Möglichkeit Lebensmittel
einzutauschen, was sonst unmöglich wäre, da sie an anderen Dingen
ebensowenig besitzen wie alle umwohnenden Stämme, auch der Neger gegen
den Angehörigen eines fremden Volkstammes nicht gerade freigiebig sich
erweist, er reicht dem Hungrigen nichts umsonst. Die Atonga, die kurz
nach der Ernte ihre Wanderung nach dem Schirehochland antreten, um bei
den Europäern sich auf den Plantagen oder als Träger zu verdingen,
versuchen es auch häufig gleich Vagabonden sich durchzuschlagen und
wo es angängig aus den Feldern sich Lebensmittel holen, theils um
ihren Vorrat an Tabak zu schonen, theils weil der Hunger sie dazu
treibt. Freilich laufen sie Gefahr, von den wachsamen Besitzern
niedergeschossen zu werden, die diese Selbsthilfe in Anwendung bringen,
ohne je für solche That zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie es
bei Mpimbi vorgekommen und oft geschieht, um die Langfinger, die das
Mausen nicht lassen können, abzuschrecken.
Die Atonga behandeln auf folgende Weise den Tabak: die stattliche
Pflanze, wie schon früher erwähnt, erreicht oft die Höhe von fünf Fuß
und darüber, die Blätter, die lang und breit sind, werden, sobald
die Zeit der Blühte vorbei ist, noch grün abgepflückt, um sogleich,
ohne eine Art von Fermentierung vorzunehmen, in dicken Strähnen
aufgeflochten zu werden, dann in Rollen, die oft von 30 bis 50 Pfund
schwer, gewickelt und in Bananenbast gut verpackt, lassen sie den Tabak
allmählich trocknen, der aber in sich selbst Feuchtigkeit genug enthält
und nicht, wie wohl anzunehmen, von den heißen Sonnenstrahlen ganz
ausgetrocknet wird. Gewiß ist solches Kraut etwas kräftiger Natur und
erfordert, wenn man dieses zu rauchen sich gewöhnen will, einen gerade
nicht empfindlichen Magen, giebt aber in Ermangelung von etwas Besserem
doch eine leidlich schmeckende Pfeife Tabak.
Auch starke Schnupfer sind diese Atonga und würde manchem
Gewohnheitsmenschen in Europa, für dessen Riechorgan kein genügend
kräftiges Fabrikat mehr gefunden werden kann, das noch zum Niesen
reizt, der von den Atonga bereitete Schnupftabak als ein Mittel dazu
zu empfehlen sein. Sie bereiten sich denselben aus den Blättern ihres
Tabaks, indem kleine Stücken desselben gewöhnlich auf einem Stückchen
Blech überm Feuer geröstet und durch die Hitze pulverisirt werden, und
gerade diese feinen Körnchen, von der Schärfe des Pfeffers, bewirken,
wenn sie sich in den Schleimhäuten der Nase festgesetzt haben, ein
urkräftiges Niesen, derart, daß der Körper durch diesen übermächtigen
Reiz gewaltig durchgeschüttelt wird und ein Nichtschnupfer sobald nach
einer zweiten Dosis kein Verlangen trägt.
An den beiden folgenden Tagen, den 22. und 23. Februar kehrten v. Eltz
und Dr. Röver mit den Soldaten zum Lager zurück und wurde nun, was mir
sehr lieb, das Kommando des Lagers Dr. Röver übertragen. Die soweit
getrennt liegenden Orte, Lager und Werft hätten sich doch nur schlecht
unter ein Kommando vereinigen lassen, da jedes für sich eine gesonderte
Leitung nöthig machte, weil an beiden vorläufig große Arbeiten
ausgeführt werden mußten. Entlastet war ich insofern, als die gesammte
Verpflegung laut Befehl des Majors, der Kommandant das Lager zu
übernehmen hatte, ich mich mit dieser leidigen Angelegenheit fernerhin
nicht mehr zu befassen brauchte.
Sobald die Atonga nun abgetheilt waren, von denen ich 30 als beständige
Werftarbeiter behielt, wurde die ganze Schaar möglichst schnell nach
Katunga geführt, um von dort mittelst der Karren unsere schwersten
Lasten über das Gebirge nach Mpimbi zu schaffen; und schwerlich hätten
wir für diese mühselige und zum Theil auf den in der Regenzeit sehr
schlechten Gebirgswegen bessere und willigere Leute finden können wie
es diese Atonga waren. Der übliche Lohn für jeden Arbeiter beträgt
hier zu Lande monatlich 6 Faden gleich 36 Fuß Calico (weißes Zeug)
geringerer Qualität, im Werthe von 4 Mk. 80 Pf. Ortspreis, dazu
wöchentlich zur Verpflegung noch 3 Fuß Zeug gleich 40 Pf. mithin würde
der Monatslohn für einen guten Arbeiter 6 Mk. 40 Pf. betragen. Bedenkt
man, daß den englischen Firmen die Yard gleich 3 Fuß, direkt von Bombay
bezogen, mit Fracht und Trägerkosten, selbst Schädigung eingerechnet,
auf 18-20 Pf. zu stehen kommt, wird man zugeben müssen, daß die Arbeit
doch noch recht billig ist. Die Träger, sofern sie nicht im Monatslohn
stehen, erhalten zwar mehr z. B. für die Tour von Katunga-Blantyre
einen Faden, Katunga-Mpimbi zwei Faden Zeug, gemeinhin dann aber
keine Poscho, d. h. Verpflegung. In Fort Johnston stellt sich der
Preis einer Yard auf 6 Pence, etwas mehr als 50 Pfg., aber im Norden
des Nyassa-Sees schon auf 8 Pence gleich 80 Pf., am Tanganjika-See
auf einen Schilling gleich 1 Mk. Diese Vertheuerung des gangbarsten
Artikels hat seinen Grund darin, daß die African-Lakes-Comp. das
Privilegium des ganzen Transportes bis in letzter Zeit ausschließlich
in Händen gehabt hat und für jede Tonne Güter gleich 20 Centner, von
Chinde bis Blantyre 20 Lstr. gleich 400 Mk. forderte; den gleichen
Preis für einen Reisenden und dessen Handgepäck. Im Jahre 1892 noch
kostete jedem Reisenden, der kein Abkommen mit der Compagnie getroffen
hatte, eine Tour Chinde-Karonga (Nordende des Nyassa-Sees) etwa 1200
Mk. Jetzt jedoch zahlt man nur etwa noch die Hälfte dieser Summe,
weil die Konkurrenz der Gesellschaft das Monopol durchbrochen hat.
Alle andern Artikel wie bunte Zeuge, Seife, Taschentücher etc. stehen
entsprechend der Grundtaxe dann auch in einem viel höheren Preise und
nimmt ein Arbeiter nach sechsmonatlicher Dienstzeit seinen Verdienst in
diesen verschiedenen Artikeln, kann er bequem die Auszahlung unterm Arm
nehmen und den Heimweg antreten.
In Gegenden, wo die Europäer sich festgesetzt haben, ist es nur
naturgemäß, daß auch der Neger seine Produkte vertheuert, er merkt
es sich sehr schnell, wenn ihn jemand besser bezahlt und wird den
erhaltenen Preis alsbald am zweiten Orte fordern und erhält er ihn
nicht, seine Hühner, Ziegen, Bataten, etc. ruhig wieder mit nach Hause
nehmen; es sind also die Europäer sich nicht einig, sie vertheuern
sich selbst die täglichen Bedürfnisse. Gewöhnlich zahlte ich in Mpimbi
für eine ausgewachsene Ziege oder Schaaf an Zeugwerth Mark 3.20 bis
4.80, für ein großes Huhn 20 bis 30 Pfennige. Ziegen und Hühner sind
das einzige Fleisch was man erhalten kann, Wild wird je weiter man
vordringt an den Ufern des Schire immer seltener, am Nyassa schon eine
Delikatesse, weil natürliche Hindernisse es zu schwer machen an die
sonst zahlreichen Thiere heranzukommen.
Mein Wunsch war es nach Uebergabe des Lagers sobald als möglich
gänzlich zur Werft überzusiedeln und mit den mir vorläufig zur
Verfügung stehenden Leuten 30 Atonga, 14 Bacharias (Suaheli) und 12
Sudanesen, letztere als Posten, die Arbeiten zu fördern. Nöthig war
es vor allem, mein Wohnhaus zuerst zu beenden, das ich gleicherzeit
als Bureau benutzen wollte und deshalb ein Schlaf- und ein Vorzimmer
herstellen ließ. Als Beispiel für alle weiteren Bauten, die nur für
die Zeit unseres Aufenthalts und unserer Arbeit berechnet waren, will
ich hier den Aufbau eines Hauses beschreiben. Je nach der Länge des
Gebäudes wurden 4 oder mehr Mittelträger von 14 bis 16 Fuß Länge, jeder
oben mit einer Astgabel versehen, etwa 2 Fuß tief in die Erde gesetzt,
die Träger für die Seitenwände aus ebensolchen Stämmen bestehend,
aber nur 7 bis 8 Fuß über dem Erdboden, und je nach der geplanten
Breite des Hauses etwa 6 bis 8 Fuß von den großen Stämmen entfernt,
wurden gewöhnlich in einem Abstand von 6 Fuß von einander aufgestellt.
Die Zwischenräume dann ringsum mit schlankem Rohr ausgefüllt, das
im Erdboden dicht an dicht eingegraben und zwischen den Pfeilern,
um solcher Wand Halt und Festigkeit zu geben, durch querliegende
Rohrsparren verbunden wurde, ergab eine genügend feste und luftige
Einfassung. Auf den Gabeln der Mittel- und Seitenpfeiler ruhten
passend lange Stämme, die mit Bambusrohr als Dachsparren verbunden auf
diesen wieder querliegende Streifen gespaltenen Rohrs festgemacht,
vervollständigten das Dach; die Bedachung selbst bestand aus langem
Gras, das in Bündeln, von unten angefangen, schichtweise aufeinander
gelegt und an den Sparren mit auf diesem gelegten Flußrohr befestigt
wurde. Oben am Giebel wurden über dem Längsbalken feste Graskappen
gelegt, die über die an diesem heranreichende Grasschicht so über
faßte, daß kein Wasser hindurch dringen konnte.
Die Schräge des Daches gestattet dem Regenwasser schnellen Abfluß
und solch ein gut gearbeitetes Dach widersteht lange Zeit d. h. hat
solch ein Dach zwei Regenperioden überdauert, legt man um eine weitere
Verwitterung vorzubeugen, wieder eine neue Grasschicht oben auf bis es
nach Jahr und Tag schließlich nöthig wird die Bedachung gänzlich zu
erneuern. Als Bindemittel diente uns der Bast verschiedener Baumarten
und gewöhnlich brachten schon die Leute solche Stämme aus den Bergen
herunter, deren zähe Borke das gewünschte Mittel abgaben; war solches
aber schwerer zu erhalten, dann sandte ich einige Leute aus, um die
Blätter der astlosen hohen Fächerpalme herbeizuschaffen, diese für eine
Nacht in Wasser gelegt und dann gespalten wurden, ersetzten uns den
Bindfaden.
Der vorläufig abgeschlossene Waffenstillstand, der auch zum Frieden
führte, sowie die Niederwerfung der Aufständigen, hatte auch die
Gemüther der um Mpimbi wohnenden Eingeborenen etwas beruhigt, deshalb
konnte ich es wagen die im Urbusch aufgegebene Arbeit, das Fällen und
Behauen der Baumstämme, wieder fortsetzen zu lassen. Der Sicherheit
halber ging ich selbst mit einer starken Bedeckung hinaus, um mich von
allem erst persönlich zu überzeugen und die nöthigen Anordnungen zu
treffen, namentlich wie für die nächste Zeit die Aufstellung der Posten
gehandhabt werden sollte, da es nicht ausgeschlossen war, daß die von
Lionde bis hierher geflohene Bevölkerung doch wider Erwarten einen
Ueberfall ins Werk setzen konnte; deshalb schon war es meine Pflicht,
die im unzugänglichen Gebüsch Arbeitenden vor einer Ueberrumpelung nach
Möglichkeit zu schützen. Daraufhin überzeugt, es sei keine direkte
Gefahr vorhanden, ließ ich denn auch die Zimmerleute unter anfänglich
starker Bedeckung ihre Arbeiten wieder aufnehmen und sie täglich in
den Urbusch und Wald hinauswandern. Auf der Werft, wo inzwischen mit
allen verfügbaren Kräften an die Ausschachtung des langen Grabens
herangegangen wurde, gelang es mir neben den Atonga und Suaheli
auch andere Arbeiter aus dem Dorfe heranzuziehen, wenn auch vorerst
nur Weiber und größere Kinder, und rüstig konnte die Abgrabung der
Erdmassen, die flüchtig geschätzt, viele tausend Centner betrugen,
gefördert werden. Vom Ufer ab, wo eine Wand von 8 Fuß Höhe abzutragen
war, die auf 120 Fuß Länge bis auf 4 Fuß abnahm, bei einer Grundbreite
von 20 Fuß, sollte diese so gebildete schräge Fläche der Schlipp als
feste Lage dienen, zu welcher bereits im Urbusch die Balken behauen
wurden.
Ausgerüstet mit reichlichem Handwerkzeug, als Spaten und Pickaxten,
nebenbei war der schwere Boden sehr fest und lehmhaltig, war es
verhältnißmäßig noch ein leichtes Arbeiten und nur das Wegschaffen
der Erde vermittelst flacher Körbe war schwieriger, zumal diese etwas
unterhalb der Werft am hohen Uferabhang ausgeschüttet werden mußte.
Neben dieser Arbeit konnten indes andere aber auch nicht vernachläßigt
werden, namentlich war die Vollendung des schon vor dem Aufstand
begonnenen Zaunes, der im ganzen Umkreis über 320 Fuß lang war,
dringend geboten; ebenso ein Wachhaus für die Posten am Haupteingang
und ein großes geräumiges Magazin.
Hunderte Hände hätte ich anstellen können, um nur genügend Baumaterial
aus den Bergen und der Ebene herbeizuschaffen und dann wäre doch noch
alles langsam fortgeschritten, das aber lag daran, daß der Weg bis zu
den Bergen so weit war und konnte höchstens zweimal am Tage eine Tour
dorthin gemacht werden; sollte aber Bambusrohr geholt werden, kehrten
die Leute fast immer erst am späten Nachmittage wieder zurück. Anstatt
nun aber die Arbeitskräfte zu haben, die zu einer schnellen Förderung
nöthig gewesen wären, hatte ich nur die aus dem Lager zur Arbeit auf
der Werft abkommandirten Soldaten, deren Zahl nie 20 überstieg, und was
die Abessinier anbelangte, dazu eine faule Gesellschaft.
Im Lager, das Dr. Röver nach den Entwürfen unseres Artisten, Herrn
Franke, ausbauen ließ, hatte man mit der Zeit auch eine beträchtliche
Zahl Arbeiter angestellt, die Häuser und Pavillons aufführten, daß es
eine Lust war; zu solcher bequemen Arbeit ließen sich die Bewohner
Mpimpis herbei, auf der Werft aber mit schweren Eisenstücken zu
hantiren, davor scheuten sie zurück.
Das rege Leben auf der Werft entfaltete sich mehr und mehr -- die
Erde schleppenden Frauen und Kinder, die mit Spaten und Äxten
hantirenden Männer, die Gras- und Rohrbündel, sowie Baumstämme
herbeischleppenden Soldaten, dazu von Katunga ankommende Träger der
Wangoni, die Handwerkzeug, Feldschmieden, den Kiel des Schiffes und
die eisernen Rippen desselben auf Kopf und Schultern über das Gebirge
getragen, gaben ein buntbewegtes Bild. Jeder Europäer fand reichliche
Beschäftigung, der eine beaufsichtigte den Häuserbau, der andere die
Ausschachtung, ein dritter sollte beim Lager nochmals einen Hochofen
aufstellen etc., denn ehe noch nicht der Kiel des Schiffes gelegt und
ein Mittel gefunden worden war, auf welche Art wir schnell Kohlen
brennen konnten, war es zwecklos, die wenigen bisher eingetroffenen
Spanten mit den drei Handwerkern zusammenzunieten.
Aus Katunga, wohin der Transportführer Herr von Eltz gleich nach
Abmarsch der Atonga zurückgekehrt war und von wo der Transport des
gewaltigen Materials über das Gebirge geleitet wurde, trafen immer
zuerst nur solche Sachen ein, die auf der Werft nach meinen Angaben
benöthigt wurden, und dort von Sachverständigen, als der Schiffbauer
Zander und Maschinist Engelke, zusammengestellt wurden; hingegen
verpackte der erste Steuermann Gerloff mit anderen wieder die kleineren
Sachen, da sich die Träger entschieden weigerten, das Material in der
ursprünglichen Verpackung anzunehmen. In Blantyre, als Zwischenstation,
leitete erst Wedler, später der zweite Steuermann Wissemann, die
Beförderung und diese wurde mit solcher Genauigkeit ausgeführt, daß
ich jeder Zeit darüber orientirt war, welche Gegenstände auf der Werft
eingetroffen und welche noch unterwegs waren. Kein Kapitao der Träger,
wie es doch mehrmals vorgekommen, erhielt seine Bescheinigung von mir
eher, als bis die ihm anvertraut gewesene Stückzahl zur Stelle war.
Diese strenge Aufsicht war nöthig, einestheils, weil ein verlorenes
Stück schwerlich zu ersetzen wäre, anderntheils, weil die englische
African Lakes Comp., die 2000 Lasten zur Beförderung übernommen hatte,
nicht für Verluste hätte haftbar gemacht werden können.
Hatte ich geglaubt, daß wir, so lange noch unser Stahlboot von den
Engländern nicht zurückgegeben worden war, unbehelligt die Canoefähre
unterhalb Mpimbi würden benutzen können und der Häuptling die
getroffenen Abmachungen respektieren würde, so sollte ich eines schönen
Tages nun eines anderen belehrt werden. Schon um das Uebersetzen zu
ermöglichen, mußte den Fuhrleuten ein Gratisgeschenk verabfolgt werden,
welches in einem Stückchen bunten Zeug bestand und zu geringfügigen
Werth hatte, um dieserhalb die Leute widerwillig zu machen; aber der
Neger, sobald er sieht, seine Forderungen werden durch eine gewisse
Nachgiebigkeit erfüllt, wird er diese bald derart hoch schrauben,
daß sein Benehmen an Unverschämtheit grenzt. Verschiedentlich waren
schon Verzögerungen eingetreten und, wenn ich die Zimmerleute längst
schon am anderen Ufer wähnte, saßen sie noch wohlgemuth auf der linken
Flußseite und warteten geduldig, bis es den Fährleuten gefällig war,
sie überzusetzen; kam ich dann selbst, von Ottlich benachrichtigt,
zeigten diese noch ein unwilliges Nachgeben und kehrten sich an die
Vorhaltungen durchaus nicht.
Wenige Tage später kehrte des Morgens die ganze Abtheilung zurück mit
der Nachricht, ihr sei der Durchgang durch das Dorf von mit Speeren
und Flinten Bewaffneten verlegt und sie ernstlich bedroht worden, als
der führende Europäer ohne weiteres sich nicht fügen wollte. Klug
war es von Ottlich gehandelt, in solcher Lage scheinbar nachzugeben,
denn ein Konflikt von unabsehbaren Folgen wäre durch irgend eine
Gewaltthat sofort heraufbeschworen worden und dadurch zum Mindesten
unsere Arbeit in jenem Gebiet für lange Zeit in Frage gestellt
gewesen. Die Eingeborenen sympathisierten nur zu sehr mit ihren im
Aufstand unterlegenen Freunden, von denen sehr viele in diesen vom
Schauplatz entfernt gelegenen Dörfern Schutz und Zuflucht gefunden
hatten, und fühlten sich scheinbar stark genug, dem einzelnen Europäer
gegenüberzutreten.
Auf solche ernste Nachricht hin mußte etwas Entscheidendes geschehen
und zwar bald, denn nur zu leicht giebt sich der Neger einem
momentanen Erfolge hin und triumphiert, läßt sich dadurch verleiten,
oft Thorheiten zu begehen, deren Folgen er nicht im Entferntesten zu
beurtheilen vermag.
Schnell entschlossen brach ich daher mit wenigen Soldaten und einem
Dolmetscher auf, um nun allen Ernstes mit dem Häuptling ein Wort
deutsch zu reden, nicht etwa, daß ich Gewalt anzuwenden gedachte, was
doch nur zu sehr unliebsamen Verwickelungen geführt hätte, so lange
noch irgend eine Aussicht zu einem gütigen Ausgleich vorhanden war,
sondern vielmehr sollte er mir die Motive erklären, die ihn und seine
Leute bewogen hätten, eine friedliche Kolonne aufzuhalten, der laut
früherer Abmachungen freier Durchzug durch sein Dorf zu gewähren sei.
Zur Fähre gekommen, fand ich am diesseitigen Ufer mehrere Abgesandte
des Häuptlings im Hause des Herrn Scharrer versammelt, die dessen
angezeigte Ankunft abwarten und demselben ihre Beschwerden
verschiedener Art vorlegen sollten. Dieser Umstand bewog mich, nun
auch meinerseits zu warten und erst die Ansicht des mit den Sitten
und Gebräuchen der Eingeborenen wohlvertrauten Herrn anzuhören, ehe
ich kurzer Hand den Häuptling selbst zur Rede stellte. Eine schnelle
friedliche Lösung konnte durch die Vermittelung dieses Herrn, der als
Besitzer weiter Länderstrecken in diesem Gebiet allen wohlbekannt und
vielfach als Schiedsrichter angerufen wurde, viel eher herbeigeführt
werden, als wie ich es durch lange Schauris und Geschenke hätte
fertig bringen können, um so mehr, als ich sicher war, daß mir ein
solcher Gefallen sehr gerne erwiesen werden würde, da gegenseitige
Gefälligkeiten schon früher uns einander gut bekannt gemacht hatten.
Bald nach erfolgter Ankunft desselben und der allseitigen Begrüßung
wurde nach dem Begehren der am Boden hockenden Abgesandten, meistens
ältere Männer, die ihre Vorderlader zwischen die nackten Beine
gestemmt, in stoischer Ruhe auf eine Anrede warteten, gefragt.
Unwesentliche Beschwerden, bei welchen es mehr darauf ankam, die
Meinung des weißen Mannes zu hören, als der Wunsch, diese durch
denselben beseitigt zu sehen, waren es nur, welche der Sprecher
vorzubringen hatte und fanden nach vielem Hin und Her ihre Erledigung.
Hierauf ließ ich die Abgesandten fragen, welche Gründe den Häuptling
bewogen hätten, die Verträge zu brechen und in so drohender Weise gegen
eine von mir abgesandte Arbeitskolonne aufzutreten, hätte ich doch für
die Benutzung der Fähre und für die Freigabe der Wege durch ihr Dorf
reichlich Zahlung geleistet.
Nie indes wird der Neger zu bewegen sein, eine direkte Frage kurz und
bündig zu beantworten, so lange ihm noch ein Ausweg offen bleibt, und
weitschweifig, indem er immer neue Argumente hervorsucht, antwortet
er stets ausweichend. Dadurch erfordern die Schauri von Seiten eines
Europäers auch eine gute Portion Geduld und nur zu oft muß er sich in
die Weitschweifigkeiten einer Verhandlung fügen, will er seine Absicht
nicht vereitelt sehen, namentlich wenn keine Macht ihm zur Seite steht,
die von vornherein seinen Wünschen Nachdruck giebt.
In diesem Falle wich der Sprecher auch den direkten Fragen gewandt
aus, sodaß es Herrn Scharre schließlich überdrüssig wurde, noch länger
mit diesen Querköpfen zu verhandeln, die dadurch nach ihrer Meinung
dem Europäer zu imponiren glauben, wenn sie ihre fade Weisheit in
recht viele nichtssagende Worte kleiden oder in Vergleichen und halben
Räthseln stundenlang sprechen. Es wurde ihnen noch nahegelegt, das
Benehmen der Dorfbevölkerung den Europäern gegenüber könne schlimme
Folgen haben und solches möchten sie ihrem Fumo mittheilen, wenn
derselbe es nicht vorziehen sollte, sich mit mir ins Einvernehmen zu
setzen. Auf jeden Fall aber würden sie klug thun, am folgenden Tage
eine entscheidende Antwort mir zu überbringen, wenn sie unangenehmen
Folgen wollten aus dem Wege gehen; ich aber befolgte den Rath, geduldig
die Entscheidung des Häuptlings abzuwarten, ehe ich weitere Schritte in
dieser Angelegenheit unternahm.