den Kommissar im Lager ein, das sich während der Nacht von Mpimbi
flußaufwärts gearbeitet hatte und nach Aussage der Bootsleute wären sie
noch unterhalb Perisi beschossen worden. Dasselbe brachte mir auch eine
Nachricht vom deutschen Lager, wonach dort alles gut stehe, nebenbei
einen Brief, der vergessen worden war an mich abzugeben, denn erst nach
meiner Abfahrt von Mpimbi hatte Brückner sich desselben erinnert. In
diesem theilte mir der Transportführer v. Eltz aus Katunga mit, daß ich
den Engländern in keiner Weise Unterstützung gewähren möchte, vor allem
ihnen das Geschütz nicht überlassen solle. Würde der Fall eintreten und
sollten die Engländer unserer Hilfe bedürfen, wäre Dr. Röver, der von
Blantyre nach Mpimbi unterwegs ist, mit näherer Instruktion versehen
auch über unsere Zwecke unterrichtet.
Dieser Brief, der vom 2. Februar datirt war, hätte meine
Entschließungen in der Nacht zum 11. beeinflussen müssen, wenn mir
derselbe zur rechten Zeit übergeben worden wäre, wenigstens hätte ich
nicht der mündlichen Aufforderung des englischen Abgesandten, Hilfe
zu bringen, so schnell nachgegeben und, wenn ich auch um der eigenen
Sicherheit willen Unterstützung gesandt haben würde, so wäre doch
weder ein Europäer noch das Geschütz mit den zur Verfügung gestellten
Soldaten abgegangen. Der Zufall hat es aber anders gefügt. Die Kenntniß
davon, ich solle keine Hilfe aus mir unbekannten Gründen leisten,
würde mir nur die Entscheidung noch schwerer gemacht haben, und doch
glaube ich, zwischen Pflicht und Selbsterhaltung hätte ich die letztere
gewählt, zumal ich in der schnellen Befreiung der Engländer aus ihrer
Bedrängniß, die Sicherheit der eigenen Lage ersah. Zufrieden mit dem
wie es gekommen, hatte ich nur den Wunsch, nach Mpimbi zurückkehren
zu können. Aber zum Grübeln und Nachdenken blieb mir keine Zeit, die
Kräfte eines Jeden im Lager waren voll in Anspruch genommen und während
andere Europäer starke Verhaue errichteten, oder mit Patrouillen
auszogen, hatte ich den Aufbau einer Pallisadenwand übernommen. Auch
schwand bald die Besorgniß, der Feind, der hier bei Perisi eine
zu starke Macht gefunden, könne sich rückwärts gewandt haben und
vielleicht mit überlegener Zahl mein Lager gefährden. Noch beschäftigt
damit das Lager mit allen Kräften gegen einen feindlichen Ueberfall zu
sichern, wurden wir kurz nach Mittag durch einen plötzlichen Angriff
der Gegner alarmirt; am anderen Ufer nämlich hatte sich der Feind
im dichten Ufergebüsch festgesetzt und die »Domira« beschossen. Wir
erwiderten das Feuer sogleich, indem wir alle schnell mit eingriffen,
auch das Geschütz gebrauchten und eine vom Ufer zurückliegende Hütte,
in welcher der Feind vermuthlich Schutz gesucht hatte, mit Granaten
beschossen, der sich auch bald aus dem Bereich der gefürchteten
Geschosse zurückzog.
Da wir mit Recht vermuthen konnten, die Bewohner des schon am vorigen
Tage mit Granaten überschütteten Dorfes wären über den Fluß gesetzt
und hätten den Angriff unternommen, so wurden schnell sämmtliche
Atonga beordert, einen Ausfall dorthin zu machen, mit der Ordre das
Dorf im ersten Anlauf zu nehmen und in Brand zu setzen. Hierbei war
in erster Linie die Absicht, den festen Halt des Feindes zerstören
zu lassen, maßgebend, sollte es nicht gelingen, dann ließe sich der
Gegner vielleicht verleiten, die Atonga zu verfolgen und würde, ehe
er sich zur Flucht wenden könne, durch das sichere Feuer der Europäer
schwere Verluste erleiden. Ohne jeden Beistand, geführt nur von den
Kapitaos, war es den aufziehenden Atongas überlassen, die Methode ihrer
Kriegsführung in Anwendung zu bringen. Mit begreiflicher Spannung
erwarteten wir Europäer den Ausgang des kommenden Kampfes und, als es
übermäßig lange still blieb, bemächtigte sich unser die Ungeduld. Bis
plötzlich dumpf herüberhallende Schüsse anzeigten, die durch Gras und
Maisfelder schleichenden Atonga hätten den Feind erreicht, der wachsam
und noch zahlreich zu sein schien, den Angriff abzuwehren. Es schien
anfänglich, als hätten sich die Atonga zur Flucht gewandt und würden
verfolgt, was auch der Fall gewesen ist, sie haben sich aber schnell
gesammelt und trieben nun ihrerseits durch ihre bessere Bewaffnung
den Feind zurück in das Dorf, begnügten sich indes eine Zeitlang aus
sicherem Hinterhalt zu schießen, ohne das Dorf zu nehmen. Bald nachdem
das Feuern eingestellt worden war, erscholl ihr Triumphgeschrei, auch
währte es dann nicht mehr lange, bis sie, ihren Kriegsgesang heulend,
in langer Linie anmarschirt kamen.
Als Siegestrophäen überbrachten sie Bogen und Pfeile, sowie das auf
einen Speer gesteckte Ohr eines gefallenen Feindes; diese Beute legten
sie zu Füßen des Kommissars nieder und schickten sich dann an, ihren
Kriegstanz aufzuführen. In langer Linie aufgestellt, von den Kapitaos
schnell geordnet, sprangen einige Vorsänger vor die Front und begannen
unter grotesken Sprüngen, die Waffen schwingend, ihre Kampfweise
aufzuführen, wobei der ganze Chor mit in den Gesang einstimmte. Waren
die Tänzer ermattet, sprangen immer wieder andere vor, die jedes Mal
einen anderen Gesang anstimmten; klang die Melodie auch etwas eintönig,
so lag in manchen Strophen doch ein harmonischer Zusammenhang, der
selbst für das Ohr eines Europäers etwas Angenehmes hatte. Man gewann
aber doch einen Einblick, wie diese Volksstämme, wenn sie zu tausenden
von einem siegreichen Zuge heimkehren, endlos ihre wilden Tänze
aufführen und Siegesfeste feiern. -- Endlich erschöpft, hielten die
Atonga inne und im Bewußtsein, große Krieger zu sein, erzählten sie
sich an ihren Feuern im Lager ihre Heldenthaten.
Der Commissar Mister Johnston, der vorläufig einen größeren Ausfall
nicht beabsichtigte, bevor nicht der Pallisadenbau in einer Weise
fertig gestellt war, daß die aufzuführenden Befestigungen einem kleinen
aber starken Fort entsprächen, hatte, als ich ihm meine Absicht mit der
an diesem Tage freigekommenen »Dormira« abzureisen, mittheilte, nur den
Wunsch, Soldaten und Geschütz für einige Tage noch behalten zu dürfen.
Die Lage habe sich ja auch so weit geklärt, daß der Feind es nicht mehr
wagen werde, gegen seine bedeutend stärkere Position anzustürmen und so
könne er die von Katunga erwartete Verstärkung getrost abwarten.
Am 14. Mittags war die »Dormira« endlich bereit. Die Abfahrt des
Schiffes hatte sich durch Herbeischaffung von Feuerholz, sowie
durch die vorgenommenen Befestigungen an Bord, (namentlich war die
Kommandobrücke mit allem möglichen Material geschützt worden,) sehr
verzögert. Aus dem Grunde, weil im Lager für die Europäer herzlich
wenig zu essen war, hätte ich die Handwerker, die ungern zurückbleiben
wollten, gerne mitgenommen, aber den Engländern Soldaten und Geschütz
ohne spezielle Aufsicht zu überlassen, das ging nicht, darum mußten
diese bleiben.
Beim Abschied versicherte mir der Kommissar noch seiner vollen
Unterstützung in allen Fällen, wo wir solche bei unserm großen
Unternehmen bedürfen würden, sonst aber that er keiner der Zusagen
Erwähnung, die vor wenig Tagen sein Abgesandter im deutschen Lager
gemacht hatte und was erstere anbetrifft, so haben wir späterhin jede
Gefälligkeit überreich vergolten.
Gleich anfänglich, sobald das Schiff die Anker gelichtet hatte und mit
dem Strome flußabwärts glitt, wurde die beträchtliche Anzahl Schwarzer
an Bord in den Vorder- und Hinterräumen untergebracht, damit sie den
feindlichen Kugeln nicht ohne Schutz ausgesetzt wären, während die
Europäer auf der Kommandobrücke mit Waffen bereit standen und scharfe
Ausguck nach den Ufern hielten. Mit Strom und Dampfkraft ist es auf
solchem Fluß ein schlechtes Fahren und große Aufmerksamkeit nöthig,
den vielen Untiefen sicher aus dem Wege zu gehen; läuft das Schiff
aber fest, kostet es viele Mühe es wieder frei zu bekommen. Indes
während der Zeit, daß wir auf feindliche Schüsse gefaßt sein konnten
ging alles gut, auch ließ sich kein Feind blicken und das linke Ufer
schien vollständig verödet zu sein. Erst weit unterhalb Perisi sahen
wir auf dem rechten Ufer wieder Menschen, die jedoch friedlich das
vorbeiziehende Schiff betrachteten und kein Zeichen irgend welcher
feindlichen Gesinnung gaben; nebenbei war unter allen an Bord
ausgemacht, daß, sollten sich Leute am Ufer zeigen, keiner eher Feuer
geben solle, als bis genügende Veranlassung dazu vorhanden sei, es wäre
zum wenigsten nicht hübsch gewesen wehrlose Feinde niederzustrecken.
Etwa eine halbe Stunde oberhalb Mpimbi, liefen wir, da der Führer im
Glauben war, er habe freies Wasser vor sich und deshalb mit voller
Dampfkraft fuhr, plötzlich so fest auf eine Untiefe auf, daß es
stundenlanger Mühe bedurfte, das Schiff wieder frei zu bekommen. Mit
vereinter Dampf- und Menschenkraft, und allen in das Wasser gesandten
Schwarzen, die den Sand unter dem Schiff wegschafften, gelang es denn
doch schließlich, den Dampfer wieder in tieferes Wasser zu bringen,
so daß wir, wozu anfänglich wenig Aussicht vorhanden war, doch noch
gegen Abend Mpimbi erreichten. Ehe wir noch die Insel, auf welcher der
Häuptling Tschikusi seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, etwa eine
Viertelstunde oberhalb Mpimbi gelegen, erreicht hatten, sahen wir
mächtige Rauchwolken hinter dem das Lager verdeckenden Wald aufsteigen,
und unwillkürlich drängte sich mir die Besorgniß auf, das deutsche
Lager müsse in Brand stehen. Diese Annahme, von allen getheilt, da
sich keine andere Erklärung dafür finden ließ, war keine angenehme
Empfindung für mich, meinen Posten als einen Trümmerhaufen wiedersehn
zu sollen und die Befürchtungen, immer von der Hoffnung niedergehalten,
der Feind werde nicht so kühn sein und das Lager angreifen, lebten
doppelt wieder auf. Mit großer Erwartung näherten wir uns endlich
dem Walde -- welch' eine Erleichterung aber war es für mich, als
ich das Lager unversehrt vor mir liegen sah und wir erkannten, daß
hinter demselben die weite trockene Grasebene nur in Flammen stehe,
die wahrscheinlich von Feindeshand angezündet, die Vermuthung erweckt
hatte, alles sei zerstört! --
Im Lager angekommen fand ich daselbst unsern Expeditionsarzt Dr. Röver
schon vor, der wenige Stunden vor mir von Matope eingetroffen war, und
bald von allem unterrichtet, erfuhr ich Folgendes:
Mit der Absicht direkt von Blantyre nach Mpimbi zu marschiren, hatte
Dr. Röver auf die Zusicherung hin, der Weg durch die Ebene sei von
Feinden besetzt, sich genöthigt gesehen nach Matope abzubiegen und
von dort zu versuchen, ob er die Reise zu Wasser fortsetzen könne. An
diesem Orte war es, wo am Nachmittag des 12. Februar der Transport mit
den Schwerverwundeten eintraf und die halbtodten Menschen von Dr. Röver
in Behandlung genommen wurden, der auch eine Ueberführung nach Blantyre
mittelst Maschilla als gefährlich erklärte und das Boot nach Mpimbi
zurückzubringen befahl.
In meinem Hause hatte Mister Steavenson Unterkunft gefunden mit dem ich
das einzig darin vorhandene Zimmer fortan theilte; für die Schwarzen
wurde so gut es ging anderweitig gesorgt bis alle so weit hergestellt
waren, daß sie nach Blantyre geschafft werden konnten.
Weiter erfuhr ich, der nächtliche Alarm am 11. Februar sei dadurch
hervorgerufen, daß die Posten herumschleichende Feinde gesehen hatten,
die gedeckt unter dem Schutze der Dunkelheit wohl einen Handstreich
auszuführen gedachten, aber die Wachsamkeit der Soldaten unterschätzten
und mit Gewehrfeuer begrüßt wurden, ehe sie ihre Absicht ausführen
konnten. Die sofort unter die Waffen getretene Besatzung gab dann
auf solche Punkte Salvenfeuer wo man den Feind vermuthete, der aber,
als er sich entdeckt sah, hatte schleunigst das Weite gesucht. Das
heftige Feuern in der stillen Nacht hatte auch die Bewohner des Dorfes
aufgeschreckt, selbst Herr Scharrer und Berenger, die zufällig die
Nacht in ihrer Station anwesend waren, kamen mit den bewaffneten
Dorfbewohnern herbeigeeilt, um die Gefahr abwenden zu helfen. Diese
Willigkeit von seiten der Einwohner der Aufforderung des Herrn Scharrer
zu folgen und das deutsche Lager zu schützen ist um so auffälliger, als
sich die Bevölkerung bisher zwar neutral verhalten, doch entschieden
mit den Aufständigen harmonirte, und ist es nur dem persönlichen
Einfluß dieses Herrn zuzuschreiben, wenn die schwankenden Bewohner
Mpimbis anderen Sinnes wurden und insofern die Lage änderten, als sie
die Sache des Feindes nicht mehr zu der ihrigen machten. Ihr Häuptling
Tschikusi, freilich ganz anderer Meinung, hatte sich aber bisher ruhig
verhalten, wenigstens deutete nichts daraus hin, daß er seine Leute zu
beeinflußen getrachtet hätte.
Am Abend des 15. Februar kam bei strömenden Regen die vom Commissar
von Katunga herbeigerufene Hilfe unter Führung des Kapitän Car und Dr.
Harper im deutschen Lager an; es war die Besatzung der Kanonenboote
»Herald« und »Mosquito«, 36 Marinesoldaten und 2 Feldgeschütze nebst
einigen in Blantyre ansässigen Händlern und Beamten, sowie 200 Träger.
In Gewaltmärschen hatte diese Truppe den weiten Weg in wenigen Tagen
zurückgelegt; unter der Sonnengluth und Regen dazu viel zu leiden
gehabt, sodaß alle aufs Aeußerste erschöpft, froh waren als sie unser
Lager erreicht hatten.
Die weite Ebene am Fuß des Schiregebirges war durch die furchtbaren
Regengüsse in einen See verwandelt worden, daher mußten die Leute viele
Stunden durch fußhohes Wasser waten und dazu die Geschütze auf den
aufgeweichten Boden fortschleppen; der große Nebenfluß des Schire, den
ich in der Weihnachtsnacht durchquerte war jetzt ein reißender Strom
geworden, den zu durchwaten es der größten Anstrengung gekostet hatte.
Mithin war es kein Wunder, daß die Hälfte der Mannschaft zu jeder
weiteren Aktion vorläufig unfähig geworden war und mehrere sich recht
böses Fieber weggeholt hatten.
Wir Deutsche thaten denn auch was in unsern Kräften stand, um der
augenblicklichen Noth zu lindern und halfen mit Zeug und Kleidern nach
Möglichkeit aus, was freilich bei so vielen Bedürftigen nicht viel
sagen wollte. Bei der herrschenden Dunkelheit in dieser so stürmischen
Nacht passirte es dazu einigen Europäern, die zum englischen
Stationshause, worin die Marinesoldaten Unterkunft gefunden, Ordre zu
überbringen hatten, daß sie des schmalen Pfades über dem aufgeworfenen
Schützengraben nicht achteten und seitwärts zu Fall kamen, wobei sie,
wenn sie nicht ein kühles Bad in dem mit schmutzigen Wasser angefüllten
Graben nahmen, so doch sich die Stiefel gehörig vollfüllten; derbe
Ausrufe des Unwillens und höchsten Unbehagens zeigten jedesmal an,
wenn Jemand, der allzueilig dem Regen sich entziehen wollte, dafür ein
nasses Bad eintauschte! Es stellte sich auch als eine Nothwendigkeit
heraus, den erschöpften Leuten möglichste Ruhe zu gönnen, um sie nur
wieder so weit herzustellen, damit sie fähig würden die Strapazen des
Weitermarsches zu ertragen und in den bevorstehenden Kämpfen ihre
Kräfte nicht durch körperliche Ermattung versagten. Somit blieben
die Engländer zwei Tage noch unsere Gäste. Am 17. traf auch unser
Transportführer Herr v. Eltz mit dem Proviantmeister v. Liebermann
und noch vier englischen Marinesoldaten als Begleitung von Katunga
ein, sodaß nun über fünfzig Europäer in Mpimbi versammelt waren, die
sich rüsteten, um die kleine Macht des bei Perisi sich verschanzenden
Kommissar Meister Johnston zu verstärken und von dort aus dann die
Offensive gegen Lionde zu eröffnen. In diesem Theile Afrikas war noch
nie eine so zahlreiche englische Macht versammelt gewesen, zu der
wir Deutsche außer den in Perisi weilenden noch ein Kontingent von
15 Soldaten und 3 Europäern, v. Eltz, Dr. Röver und v. Libermann,
stellten, sodaß ich, nachdem am 19. früh alle abmarschirt waren, zum
Schutze des Lagers nur etwa 20 Mann behielt.
Hatte Mister Johnston auch einmal, als er in große Bedrängniß gerathen,
um deutsche Hilfe gebeten, so war ihm die jetzt freiwillig zugeführte
doch höchst ungelegen, was ich später aus englischem Munde mehrfach
vernommen; es mußte ihm erstens unwillkommen sein, für noch ungebetene
Gäste sorgen zu müssen und zweitens die deutsche Hilfe mit in
Rechnung zu ziehen, deren er nicht mehr bedurfte. Kam doch hierbei der
Nationalstolz in Betracht und fühlte sich verletzt dadurch, daß es nun
den Anschein gewann, als könne auch jetzt noch nicht die englische
Macht die Situation beherrschen und wäre nicht stark genug ohne fremde
Hilfe sich der Feinde zu erwehren. Wie dem nun auch sei, der Kommissar
war höflich genug, diese neue Unterstützung nicht zurückzuweisen; mit
deutscher Hilfe wurde der Vormarsch auf Lionde angetreten und dieses
große Dorf nach kurzem Kampf zerstört. Man war übereingekommen, mit
der deutschen Macht auf dem einen, mit der englischen auf dem anderen
Ufer vorzudringen, damit der Feind, gleichzeitig angegriffen, nur
geringen Widerstand zu leisten im Stande sei; jedoch vertheidigte er
sich aber gegen die deutsche Truppe hartnäckiger und der Verlust betrug
mehrere verwundete und einen gefallenen Atonga. Mit der Zerstörung von
Lionde war auch der Kampf beendet, denn mit dem Verlust des letzten
Haltes waren die Feinde auch zersprengt und flohen auf dem linken Ufer
meistens in die unzugänglichen Berge, auf dem rechten hingegen nach
rückwärts in die längs dem Schire oder landeinwärts unzerstörten Dörfer.
Wohl erforderte es noch manchen starken Druckes, ehe die besiegten
Häuptlinge sich ergaben und zu Friedensverhandlungen sich herbeiließen;
vor allem die unbedingte Auslieferung der Waffen war eine Forderung,
der sie sich nur mit größtem Widerstreben fügten. Auch die geraubten
Waffen und das Eigenthum des Mr. Koe, sowie die des später ebenfalls
überfallenen Mr. Wetterly mußten wieder herbeigeschafft werden. Die
Führer jener Banden aber, welche die Ueberfälle geleitet hatten, büßten
ihr Vergehen mit dem Tode.
Die Engländer hatten durch den heraufbeschworenen Kampf nun ihren
Zweck erreicht, die Widerspenstigkeit der Häuptlinge war gebrochen und
die englische Macht über ein bisher noch freies Land entfaltet. War
der Druck der englischen Herrschaft vorher unangenehm, wurde jetzt
den Unterlegenen der Fuß in den Nacken gesetzt und harte Bedingungen
machten die Macht der Häuptlinge fortan illusorisch.
Auch dem Araber Baccari ben Umari, der seine Hand mit im Spiele gehabt
hatte, aber zu schlau war, um gänzlich überführt werden zu können,
wurde der Prozeß gemacht; als einflußreicher Mann war er gefährlich,
als vermutheter Sklavenhändler wurde er schleunigst des Landes
verwiesen.
14. Die Erbauung der Werft.
Auf wie schwachen Füßen die englische Herrschaft hier in Central-Afrika
steht ist aus der Anstrengung zu ersehen, welche es gekostet hat,
diesen Aufstand niederzuwerfen und hätte nicht die Besatzung der in
Katunga liegenden Kanonenboote herangezogen werden können, denen es
möglich geworden, soweit den unteren Schirefluß hinaufzudampfen,
würde wohl, sofern nicht die gesammte deutsche Macht thatkräftige
Unterstützung geleistet, der Kommissar zum Abschluß eines faulen
Friedens gezwungen gewesen sein, denn den Kampf fortzusetzen, wäre
gegen die zunehmende Siegeszuversicht der Feinde mit so unzureichenden
Kräften eine Thorheit gewesen. Die Folge davon war eine beständige
Unsicherheit auf allen Land- und Wasserwegen; ist doch der Neger ein
unleidliches Subjekt und zeigt seinen Charakter im schlechtesten
Lichte, sobald nur ein Schein von Macht in seinen Händen ist und er
weiß, daß er ungestraft sich frech und ungebührlich betragen darf. Es
wäre auch von englischer Seite zur unbedingten Nothwendigkeit geworden,
die Uebergriffe der Häuptlinge zu strafen und den Kampf abermals zu
eröffnen in dem Augenblick, wenn die sehnsüchtig erwarteten Sikhs in
Blantyre eingetroffen sein würden.
Politische Klugheit und die Einsicht, selbst mit der momentan starken
Macht den Kampf nicht lange fortsetzen zu können, bewogen den
Kommissar auch nach dem letzten Schlage Unterhandlungen mit dem Feinde
anzuknüpfen, der, eingeschüchtert, sich nun zu solchen herbeiließ
und willig das Joch der englischen Herrschaft auf sich nahm. Der
Feind, wäre er einig gewesen, hätte durch seine Stärke die Kräfte
der Engländer schließlich aufgerieben, und daher mußte der Friede
geschlossen werden so lange noch die imposante versammelte Macht
beisammen und dem Gegner imponirte.
Es ist ein Glück, daß die Bewohner des schwarzen Erdtheils die Macht
des Europäers als eine unbegrenzte noch ansehen und solche leicht
anerkennen, sobald sie im Guten oder Bösen eine Probe davon erhalten
haben, ist aber dieser Nimbus einmal zerstört, dann wehe der kleinen
Schaar, die sich in ihrer Mitte wagt, nur ein Aufgebot starker Macht
zwingt dann den grollenden Gegner wieder zur Unterwerfung.
Während nun die geschilderten Vorgänge bei Lionde sich abspielten, die
Feinde vor der eilig vordringenden Macht in die Berge oder rückwärts
flohen, wurde meine Stellung in dem schwachbesetzten Lager gefährlicher
als früher insofern, als ich mich viel eher auf einen ernsten Kampf
gefaßt machen konnte und gezwungen war, namentlich Nachts die größte
Wachsamkeit zu üben. Nach den gemeldeten Nachrichten, es haben sich
auf beiden Ufern des Schire Feinde um Mpimbi gesammelt, konnte ich
einen Angriff auf meine schwache Stellung erwarten, sobald irgend eine
Kunde vom Kampfplatz eintraf, die geeignet war, die im Rücken der
Engländer versammelten Haufen mit neuem Muth zu beleben. Ich exerzirte
daher meine paar Leute täglich ein, um auf alle Eventualitäten diese
möglichst sicher zu haben, ohne jedoch irgend jemand von meiner
Voraussetzung auch nur etwas mitzutheilen, denn was so den Anschein
einer Uebung hatte, wäre, wenn alle die Besorgniß erfüllt hätte,
plötzlich überfallen zu werden, bei den maroden Abessiniern und zu
Soldaten untauglichen Suaheli nur von nachtheiliger Wirkung gewesen.
Um die Mittagsstunde des 21. Februar, ein jeder hatte, sofern er nicht
durch Ausübung seiner Pflicht davon abgehalten wurde, in Hütte und Haus
vor den glühenden Strahlen der Sonne Schutz gesucht und sich im kühlen
Schatten der Ruhe hingegeben, ertönten plötzlich in dem das Lager
umschließenden Buschwald dumpfe Schüsse aus Vorderladern abgefeuert und
so nahe, daß es schien, als habe der unsichtbare Feind die Absicht,
aus dem deckenden Dickicht hervorzubrechen. Im Moment war das Lager
alarmirt, jeder Mann auf seinen Posten und den Heranziehenden wäre
ein schlimmer Empfang bereitet worden, wenn ich nicht jedes voreilige
Schießen verboten hätte und keiner eher Feuer geben sollte bis es von
einem Europäer befohlen worden war. Diese Instruktion verhinderte zum
Glück sofortiges Schießen, auch war ich schnell genug herausgesprungen
um noch ein voreilig gegebenes Kommando an der Ausführung zu hindern;
kurz nach den Schüssen erschallte auch das deutsche Hornsignal, woraus
ich entnahm, daß kein Feind im Anzug war. Gleich daraus erschienen vor
der verschanzten Waldpforte die erste Kolonne Atonga, denen in langer
Linie viele andere folgten, die Einlaß begehrten.