diese Leute mit dem Gewehre hantirten und um Unheil zu verhüten,
ließ ich allen die Waffen, bestehend aus englischen Schneiderbüchsen
und Martini-Henry-Gewehre, abnehmen, nur die Europäer und Sudanesen
feuerten. Zwar hatte das Salvenfeuer aus beiden Booten, die nun
möglichst dicht nebeneinander blieben und der Mitte des Flusses
vorgingen, immer den Erfolg, daß das feindliche Feuer zum Schweigen
gebracht wurde, sobald aber die Vorderlader wieder geladen und sichere
Deckung dem Feinde sich darbot, ward es so heftig, daß wir große
Verluste hätten haben müssen, wenn die Kerle hätten besser schießen
können. Die Kugeln hißten und pfiffen zwar von allen Seiten um uns,
dennoch gingen dieselben meistens zu hoch oder setzten zu kurz auf das
Wasser auf und sausten hinter oder vor den Booten vorüber.
Daß wir im Stande gewesen dem Feinde das Feuern aus einem rechten
Winkel zu verleiden, bewahrte uns vor schweren Verlusten, denn derselbe
konnte nur selten mehr breitseits auf uns schießen, was er anfänglich
hinter dicken Bäumen gedeckt, voll ausgenutzt hatte. Um besser zielen
zu können stand ich die erste Zeit im Boote noch ungedeckt, wurde
indes bald inne, wie die meisten Kugeln auf mich gerichtet waren, und
der Kapitao neben mir klappte jedesmal zusammen, wenn ein pfeifendes
Geschoß in unheimlicher Nähe vorüberflog. Schon um die Leute nicht so
zu gefährden, die, wenn das Feuer heftiger wurde sich niederduckten
und das Boot nicht vorwärts brachten, mußte ich unter das Grasdach
des Bootes zu den anderen treten, damit ich dem Feinde nicht mehr als
direktes Zielobjekt diene; obgleich dadurch nicht viel geändert ward,
denn die Feinde wußten, daß unter dem Sonnendach die Europäer verborgen
waren und richteten nur die Geschosse auf dieses.
Es war ein Glück, daß die Waffen der Feinde so schlecht und sie mit
diesen so wenig ausrichten konnten, sonst hätten sie uns, wenn wir
bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Flusses tieferes
Wasser suchend, den feindlichen Stellungen unheimlich nahe kamen,
schweren Schaden zufügen können; auch schienen sie es nicht zu wissen,
wie leicht man durch Durchlöchern der Boote diese zum Sinken bringen
kann! Nur einige Kugeln, ohne direkte Absicht wohl, streiften mein
Boot. Indes nicht alle Kugeln verfehlten ihr Ziel, manche fand ihren
Weg durch die Grasdächer aufs Geradewohl hingeschickt, Knuth und manch
anderer von uns entging den tödlichen Geschossen nur durch Zufall.
Unendlich langsam kamen wir vorwärts, wie sehr die Leute auch
angetrieben wurden, immer suchten sie sich zu decken und manchmal,
wenn der Feind uns stark beschäftigte, trieben die Boote mit dem
Strom und boten diesem die Breitseite dar; unaufhörlich mußte ich die
Leute anfeuern und aufmuntern und meine Aufmerksamkeit nach allen
Seiten richten. Mehrmals auf Grund gerathen, da wir uns dem rechten
Ufer nicht nähern durften, weil auch von dorther schon auf die Boote
gefeuert worden war, mußte ich stets mit gutem Beispiel vorangehen
und energisch die Besatzung, die kopflos geworden, zur Pflicht
zurückbringen.
So dem Feuer der Feinde in den offenen Booten preisgegeben, der
unsichtbar für uns am Ufer entlang lief und immer wieder Deckung suchte
und fand, wurde uns die Zeit zur Ewigkeit -- die verflossenen zwei
Stunden, seitdem wir dem Feuer so ausgesetzt, waren namentlich für
die zitternden Atongas, die unthätig im Boote wie eine Heerde Schafe
übereinanderlagen, eine physische Qual. Nach einem äußerst heftigen
Angriff, der Feind hatte vorzügliche Deckung gefunden und uns den Weg
verlegt, den wir aber glücklich durch Salvenfeuer abschlugen, machte
ich mich während der darauf folgenden kurzen Gefechtspause daran,
das Geschütz aufzustellen, aber soviel ich mich auch abmühte, es war
nicht möglich dasselbe in dem überfüllten Boote in eine feste Lage zu
bringen; nur für den Feind gut sichtbar, konnte es als Schreckmittel
dienen. Noch damit beschäftigt, erneuerte der Feind den Angriff, und
jetzt von zwei Seiten beschossen, wurde die Situation etwas unheimlich,
zumal auch die Bootsleute den Gehorsam verweigerten. Der Kapitao,
dem ich mich allein nur verständlich machen konnte, war vollständig
gebrochen, sodaß er keine Aufforderung noch Befehl an seine Leute
abzugeben im Stande war und als dazu die Atonga in den Fluß springen
wollten, zweifelte ich fast an ein Weiterkommen; für eine kurze Zeit
schien es, als sollte unser Vordringen ein Ende haben. Wäre es nicht
die Furcht vor den Feinden gewesen, welche die Leute abhielt zu
fliehen, ich glaube wir Europäer und die Sudanesen wären bald allein
gewesen. Ich hatte das linke Ufer dem anderen Boote überlassen und
wandte mich, selbst das Boot lenkend, dem rechten zu, wo ich einen an
Zahl nur schwachen Gegner vermuthete, den ich mit unsern sechs Gewehren
leichter beizukommen gedachte um wenigstens das eine Ufer frei zu haben
und das andere, wenn es nicht anders ging mit Granaten zu säubern.
Zu einer Landung freilich hätte ich mich erst in der äußersten Noth
entschlossen, wenn absolut keine Aussicht mehr vorhanden gewesen wäre,
die Leute vorwärts zu bringen, denn, der Bootsleute und der Atonga
durchaus nicht sicher, wäre es ein gefährliches Wagstück gewesen das
Ufer zu betreten. Je näher wir nun dem Ufer kamen und die Salven
in das dichte Gebüsch hineinsandten, jeden aufblitzenden Schuß mit
einem Kugelhagel beantworteten, desto schwächer wurde das feindliche
Feuer, und wir hatten die Genugthuung von der einen Seite fernerhin
unbelästigt zu bleiben. Mit neuem Muth beseelt nahmen die Bootsleute
wieder ihre Stangen auf und brachten das Fahrzeug vorwärts, woraufhin
das andere Boot auch folgte und ein vereintes Vorgehen möglich wurde.
Die Nothwendigkeit, vorzugehen, überwog alle Bedenken, zurück durften
wir um keinen Preis, sollte nicht das Schicksal der eingeschlossenen
Engländer besiegelt sein, auch unsern Verwundeten mußte schleunige
Hilfe werden, sollten die Armen nicht noch viele Stunden ihrer Qual
ausgesetzt bleiben. -- Vor uns lag die einzige Hilfe für uns alle! denn
wäre es dem Feinde gelungen uns zurückzutreiben, für die schlimmsten
Folgen hätten wir nicht sorgen brauchen.
Wohl unter dem Einfluß übergroßer Furcht und in der Hoffnung
vielleicht, die Boote würden umkehren, wurde mir auf meine Frage,
wie weit ist es noch bis Perisi, die ich des öfteren an den Kapitao
richtete, immer das Gleiche geantwortet »+Mbale sana bwana+«
(sehr weit Herr). Will der Neger einen Abstand zwischen zwei Orten
näher bezeichnen, die beträchtlich weit von einander entfernt liegen,
wird er die Bezeichnung »sehr weit« mit entsprechenden Gesten
begleiten und man kann dann voraussetzen, daß es wirklich eine nicht
unbedeutende Entfernung ist, die er andeutet; hingegen wird man aber
auch getäuscht, wenn er einen Abstand nur als klein bezeichnet; denn
schnell zu Fuß legt der Neger ganz andere Distanzen zurück und ich habe
öfter gefunden, daß ein Weg für mich sehr lang war, der mir als kurz
bezeichnet wurde. Das Sicherste ist sich von einem Eingeborenen, der
keinen Begriff von einer gemessenen Entfernung hat, den Stand der Sonne
beschreiben zu lassen, wie dieser sein wird, wann der betreffende Ort
erreicht ist, darnach läßt sich dann ungefähr eine Distanz abschätzen.
Wir waren an einem Wendepunkt gekommen, der glücklich überwunden war,
sobald die Boote wieder vorwärts gingen; und namentlich als die beiden
heftigsten Angriffe des Feindes abgeschlagen waren, der die letzten
Versuche gemacht hatte uns zum Rückzug zu zwingen. Nicht die eigenen
Verluste waren es, die ihn das Feuer allmählich einstellen ließen,
sondern, sobald wir eine Strecke weiter gekommen, traten Baum und
Busch mehr vom Ufer zurück und boten keine genügende Deckung mehr;
auch begünstigte das breiter werdende Fahrwasser unsere Stellung und
ein Boot voraus, das andere dahinter, so folgend, daß freies Schußfeld
gehalten wurde, ließ ich mit unseren weitreichenden Gewehren die
einzelnen Gebüsche unter Feuer nehmen, um ein Ansammeln des Feindes zu
verhindern. Der Erfolg war gut, und nur verhältnißmäßig schwaches Feuer
erhielten wir fortan. Viel haben wir von unsern Gegnern nicht zu sehen
bekommen während des dreistündigen Kampfes; manch ein schwarzer Bursche
aber, der sich aus dem Bereich unser Waffen wähnend, vorwitzig hinter
einem Baumstamm hervortrat oder auslugte ob sein abgefeuerte Kugel das
Ziel getroffen, zahlte theuer für seine Kühnheit, wenn ihn nicht ein
fehlendes Geschoß belehrte, schleunigst sichere Deckung zu suchen und
für die Europäer unsichtbar zu bleiben!
Nun endlich konnten wir freier athmen -- uns kümmerten nicht mehr die
vereinzelt aus größerer Entfernung zugesandten Geschosse, wenn sie
hinter uns her auf dem Wasser tanzten -- und vorwärts ging es mit
allen Kräften; die Leute, die wie umgewandelt waren, trieben sich
gegenseitig an, ein Kontrast wie ihn nur eine Negernatur aufweisen
kann; »Verzweifelnd in Momenten der Gefahr, ist aber die Noth vorüber,
wieder die Sorglosigkeit selbst.«
War das Terrain, das von den flacheren Ufern jetzt in eine weite
Grassavanne überging, dem Feinde nicht mehr günstig und hatte ihn
zum Aufgeben des nutzlosen Kampfes gezwungen, so war die Nähe des
englischen Lagers wohl die Ursache, daß er sich nicht eine Strecke
weiter flußaufwärts festsetzte, wo wiederum dichtes Gebüsch einen
vorzüglichen Hinterhalt geboten hätte, und hier wo der Fluß nur 80
Meter breit, auch die Stromschnelle zu passiren war, auf welcher die
Domira sich festgerannt, aufs Neue und gewiß mit besserem Erfolge
den Kampf eröffnet haben würde. Eine Viertelstunde später, nachdem
der letzte Schuß gefallen, um 4-1/2 Uhr Nachmittags, sahen wir über
die Büsche vor uns die Masten der Domira. Waren die Boote noch nicht
eilig durchs Wasser getrieben worden, so begann jetzt eine tolle
Wettfahrt um zuerst an das Ziel zu gelangen und man hätte nicht meinen
sollen, daß vor Schmerzen stöhnende Leute in den Booten gelegen wären
-- mit solchem Halloh trieben die Bootsleute, die kurz vorher nicht
aufzubringen gewesen, die Fahrzeuge dem Ziel entgegen.
Zum englischen Lager gekommen, bot sich uns ein interessantes Bild dar,
und wären nicht die vielen Wachtposten, die in Pyramiden aufgestellten
Gewehre dem Beobachter sofort aufgefallen, hätte es scheinen können,
die hunderte Menschen seien hier nur zu dem Zwecke versammelt, das
festgelaufene Schiff wieder frei zu machen. Es wimmelte im Wasser von
auf- und niedertauchenden Gestalten, die ringsum das Schiff vertheilt,
den Sand unter dasselbe wegzuschaffen versuchten, während an Deck
etwa fünfzig Mann von Bord zu Bord liefen und den Schiffskörper in
Bewegung brachten, und zu gleicher Zeit mit der Ankerwinde die nach
vorne ausgebrachten Taue, aufs Aeußerste straffgespannt, einzuhieven
versuchten. Zehn Tage befand sich das Schiff in solcher kritischen
Lage und alle Anstrengungen waren bisher vergeblich gewesen; obgleich
über sechzig Mann sich an Bord befanden, meistens für die Plantagen
angeworbene Atongas, war es den vereinten Kräften doch nicht gelungen,
den schweren Körper freizumachen.
Nachdem wir ans Land gekommen waren, wurden wir von dem Kommissar
Mister Johnston und den anwesenden Europäern freundlichst begrüßt.
Man sah es ihnen an, wie jedem die Hilfe gelegen kam, stand doch die
körperliche Abspannung allen auf der Stirn geschrieben; was nicht
zu verwundern, da sie während dreier Tage und Nächte kaum die Augen
geschlossen, sondern unausgesetzt den Feind abgewehrt hatten, der nur
zu gut durch Busch und Baum gedeckt, die tödlichen Kugeln in das fast
offene Lager hineingeschickt hatte und niemand die ersehnte Ruhe finden
ließ. Ich glaubte es den Engländern gern, was mir im Vertrauen erzählt
wurde, daß sie nicht mehr lange hätten Stand halten können: nicht der
Feind, gegen diesen hätten sie sich bis zuletzt gewehrt, würde sie zum
Nachgeben gezwungen haben, vielmehr der physischen Ermattung hätte
jeder schließlich erliegen müssen.
Als ich kurz berichtete, wie heiß der Feind uns zugesetzt, wie schwer
es gehalten hatte, die ersehnte Hilfe zu bringen, wurde die Anerkennung
dadurch bethätigt, daß den Verwundeten sofort Hilfe gebracht und
alle in das provisorische Lazareth geschafft wurden, wo sie neben
anderen Leidensgefährten gebettet, von dem Kommissar in Person, der
gleicherweise als Arzt fungirte, verbunden und gepflegt werden konnten.
Hatte unsere Ankunft allen schon neuen Muth eingeflößt, war es doch
vornehmlich das Geschütz auf welches aller Augen mit Spannung gerichtet
waren und von dem man sich den besten Erfolg versprach. Schnell war
auch eine Position für dasselbe gefunden, indem wir es auf die stumpfe,
eilig abgeflachte Spitze eines Termitenhügels hinaufschafften, und
dort versicherten, hier konnte es die ganze Gegend beherrschen, die
todtbringenden Granaten in die Reihen der Feinde senden, wenn diese
noch kühn genug sein sollten den Kampf wieder aufzunehmen.
Bis auf 1500 Meter etwa schätzten wir die Distanz zum nächsten Dorfe,
dessen einzelne Hütten über die niedrigen Büsche hinweg sichtbar waren
und nachdem ich das Geschütz geladen und gerichtet hatte, hallte der
Geschützdonner, hundertfaches Echo weckend, über Fluß und Wald. Die
erste Granate schlug mitten in das Dorf hinein. Das krepirende Geschoß
mußte die Feinde schnell allarmirt haben, denn diese, die noch nie ein
solches Geräusch gehört, wie es eine platzende Granate verursacht,
müssen sich sehr gewundert haben, wie der weiße Mann auf so große
Entfernung solche gefährlichen Kugeln schießen kann. Die Wirkung des
Schusses konnten wir mit unsern Gläsern genau unterscheiden, denn
die Dächer der Hütten belebten sich mit Menschen, die neugierig nach
dem Lager hinüberschauten. Eine solche Gelegenheit, den Feinden eine
derbe Lektion zu ertheilen, ließen wir uns nicht entgehen und da
ich die genaue Distanz nun kannte, schickte ich die zweite Granate
hinein. Der aufsteigende Pulverdampf bewies uns, das Geschoß sei im
Dache der ersten besetzten Hütte geplatzt und ein einstimmiger Ruf von
allen Umstehenden erschallte, als die Kerle wie die Fliegen von ihrer
luftigen Stellung herunterpurzelten; kaum wohl weil einzelne getroffen
waren, sondern mehr aus Furcht und Schreck. Wissen sie auch des weißen
Mannes Donnerbüchsen sind gefährliche Dinger, vor denen sie heillosen
Respekt haben, so konnten sie nun ein Lied davon singen, und daß es
nicht wohlgethan ist im Bereiche der weitfliegenden Kugeln zu bleiben.
Noch mehrere Geschoße hineinzuschicken war zwecklos, mußten wir doch
mit unserer werthvollen Munition haushälterisch umgehen, auch lag uns
nur daran dem Feinde zu zeigen, daß wir im Stande sind auf großer
Entfernung ihn zu beschießen.
Das Lager befand sich noch im primitivsten Zustande und war nur durch
eine aus Dorngebüsche und Baumzweigen eilig aufgeworfene Barriere
geschützt; einzig um das Zelt des Kommissars hatte man einen stärkeren
Verhau aus eingegrabenen Pfählen errichtet, der im Nothfall etwa
fünfzig Mann als letzten Zufluchtsort hätte dienen können, aber auch
noch nicht vollendet war. Der Feind hatte es immer verhindert Holz
herbeizuschaffen, und weiter nichts war erreicht worden als, daß das
Terrain auf etwa hundert Schritt im Umkreis von Busch und Gras geklärt
war und diese Arbeit hatte erst am Tage unserer Ankunft geschehen
können, da aus irgend einem Grunde der Feind seit diesem Morgen den
Angriff nicht erneuert hatte.
Die Vorbereitungen zur Nacht, um einen plötzlichen Angriff erfolgreich
abzuschlagen, die Vertheilung der Postenkette etc. nahmen die kurze
Zeit bis zur völligen Dunkelheit vollständig in Anspruch, und da es
beschlossen war, unter dem Schutze der Dunkelheit die Schwerverwundeten
flußabwärts nach Matope zu senden, wurden ganz unauffällig die nöthigen
Vorkehrungen für deren Transport getroffen, denn einzelne, namentlich
der Engländer Steavenson und mein Sudanese, lagen so schwer danieder,
daß unter allen Umständen ihnen ärztliche Hilfe zu theil werden mußte.
Der Transport wurde auch um 11 Uhr Nachts unter sicherer Bedeckung
ausgeführt und im Schutze der Nacht glitt das Boot flußabwärts,
begleitet von den Wünschen aller, es möge unangefochten durch das
feindliche Gebiet hindurchkommen. --
Verstärkt durch sechs Europäer und der Kerntruppe von Sudanesen,
auf deren Zuverlässigkeit unbedingt gebaut werden konnte, war die
Lage der Engländer jetzt eine bedeutend bessere und, als alle an der
provisorischen Tafel, aus Feldtischen und Kisten aufgebaut, versammelt
waren, konnte man wahrnehmen, wie die Stimmung jedes einzelnen eine
gehobene war. Jeder blickte auf das weiße Tischtuch so vergnügt,
als erwartete er hier in der Wildniß die Freuden eines lukullischen
Mahles und knabberte an den herumgereichten Bisquits und einem harten
Stückchen Käse mit einem Wohlbehagen, das die Leere der Tafel, die
Armseligkeit dieser Hauptmahlzeit nicht zu beachten schien. Von
Sattwerden konnte überhaupt keine Rede sein -- interessante Themata
nur vorübergehend die Gedanken von dem Empfinden ablenken, welches
ein knurrender Magen verursacht -- ich wenigstens und die mit mir im
Boot gewesen, waren sehr enttäuscht, so wenig Eßbares vorzufinden,
jeder mußte darauf bedacht sein, auch seinem Nachbar noch etwas übrig
zu lassen und man begnügte sich aus diesem Grunde schon mit Wenigem.
Aber ein Schelm, der mehr giebt als er hat. Was sonst auf Streifzügen
der Fall, daß Ziegen und Hühner erbeutet, Bataten und andere Erdfrüchte
vorgefunden wurden, dies fiel alles bei den eingeschlossenen Engländern
fort; der Feind hatte sein ganzes Hab und Gut in die sicheren Berge
entführt, und nur die fast reife Ernte, Mais und Mtama, preisgeben
müssen. Haufen dieses Getreides lagen im Lager aufgestapelt an welches
die Leute sich gütlich thaten, Noth brauchten die nicht zu leiden, mit
den Vorräthen für Europäer dagegen sah es aber sehr traurig aus, was an
Konserven vorhanden war, damit mußte sehr sparsam umgegangen werden.
Indes so lange nur noch Genießbares vorhanden, wird der Mangel nicht
allzusehr empfunden; in der afrikanischen Wildniß darf man es nicht
so genau nehmen. Zu Zeiten lebt man im Ueberfluß d. h. an Wild und
einheimischen Naturalien, zuweilen muß aber auch der Leibgurt fester
geschnürt werden, nach der Methode wie es der Neger macht, der sich den
Magen zusammenpreßt, um den Hunger weniger zu empfinden.
Außer der zum Lazarett eingerichteten Hütte waren nur noch zwei
vorhanden, in denen die Europäer so gut es ging Unterkunft gesucht
hatten, aber für die Hinzugekommenen mußte nun noch Platz geschafft
werden, deshalb, wer es sich leisten konnte, schlug seine Lagerstätte
außerhalb unter den überhängenden Dächern auf, was entschieden
vorzuziehen war, da in den rauchgeschwärzten Hütten der Aufenthalt
für Europäer durchaus kein angenehmer war. Nicht allein die widrige
Luft war belästigend, vielmehr machten die ungezählten Ratten ihr
Recht geltend und suchten die ungebetenen Eindringlinge zu vertreiben.
In dem Erntevorrath, Matamabüscheln in Schaaren hausend, war es
ein Jagen, Quieken und Rascheln und man mußte gute Nerven haben,
um dabei Ruhe zu finden; doch nicht genug damit, im Uebermuth oder
gegenseitigem Verfolgen sprangen die Nager auf die Schläfer herab und
nahmen im tollen Spiel ihren Weg über Gesicht und Hände. Im Besitze
einiger schön weichgekochter Maiskolben, die mir der Sudanesenschausch
(Unteroffizier) als Nachkost gebracht hatte, legte ich mir den
Ueberrest am Kopfende mit der Absicht, am Morgen daran noch ein
Frühstück zu haben; jedoch hatte ich nicht die ungenierten Gäste in
Betracht gezogen, die im Eifer, von der köstlichen Frucht zu naschen,
mein Gesicht als Tummelplatz erwählten und, als ich den Schaden recht
besah, mich um meinen kleinen Vorrath gebracht hatten. Es wimmelt in
jeder Hütte von diesem Ungeziefer und hätte man sich von dieser Plage
befreien wollen, wäre nichts anderes übrig geblieben, als solche
Behausung niederzubrennen!
Da der Feind allnächtlich die Belagerten in Aufregung erhalten hatte
und vorausgesetzt werden konnte, derselbe würde im Schutze der
Nacht seine Angriffe erneuern, so gebot schon die Vorsicht äußerste
Wachsamkeit; deshalb kontrolirten die Europäer unausgesetzt die lange
Postenkette und führten Patrouillen bis außerhalb des Lagers, wo auf
einem hohen Termitenhügel, der von den Ameisen um den Stamm eines
mächtigen Baumes aufgebaut worden, eine Art Verhau errichtet war,
besetzt von einer starken Wache. Eine Nothwendigkeit, wie solche bei
dem unzuverlässigen Neger angewendet werden muß, denn mag der Posten,
zu dessen Schutze er aufgestellt ist, noch so gefährdet sein, er wird
es nicht begreifen, warum er nicht schlafen soll, wenn er müde ist!
Die Folge war, daß jeden Morgen eine Anzahl Atonga und Makua bestraft
werden mußte, um es den Leuten begreiflich zu machen, daß sie auf
Posten die Augen aufzuhalten hätten. Am nächsten Morgen, Sonntag den
12. Februar, zogen schon in aller Frühe starke Patrouillen aus, die
das waldige Terrain zu sondiren hatten, eventuell auch, wie es Tags
zuvor dem Mister Sharp, Sekretär des Kommissars, bei einem Ausfall
gelungen, im Hinterhalt liegende Feinde zu überraschen. Diesen wieder
folgten starke Arbeiterkolonnen unter Aufsicht von Sudanesen, die
das vorliegende Terrain zu säubern und Material zum Palisadenbau
heranzuschaffen hatten; weiter vorgeschobene Piquets sicherten diesen
Abtheilungen einen allenfalls nöthig werdenden Rückzug.
Zurückkehrende Leute brachten unter anderem in verlassenen Hütten
gefundene Holztafeln mit, auf denen in kunstloser Schrift arabische
Coransprüche gemalt waren, die als ein Glaubensbekenntniß solcher
Einwohner anzusehen sind, die sich zu Mohamed bekennen, obwohl sie von
dessen Lehren herzlich wenig verstehen. Die meisten dieser Bekenner des
Islams sind entlaufene Sklaven, die bei fremden Stämmen eine Zuflucht
gefunden haben, sie werden, da sie intelligenter und gewitzter sind, im
gewissen Sinne die Träger dieser in Afrika so weit verbreiteten Lehre.
Mit den Gewohnheiten ihrer ehemaligen Herrn vertraut und nun bestrebt
in der wiedergewonnenen Freiheit selbst die Herren zu spielen, ist ihr
Einfluß auf niederer Kulturstufe stehenden Bewohner dieser Distrikte,
nicht zu verkennen; leider aber sind es meistens solche Charaktere,
die rücksichtslos gewonnene Vortheile ausnützen und nur zu oft die
harmlosen Bewohner in Schwierigkeiten verwickeln, die dann dafür büßen
müssen. Der Suaheli z. B. blickt mit tiefer Verachtung auf diese
Volksstämme herab, wird aber stets eine dominirende Stellung unter
ihnen einnehmen, sobald er gezwungen oder freiwillig seinen Aufenthalt
hier im Lande wählt. Deserteure dieser Art hatten wir unter unsern
Suahelis ebenfalls; bei den mächtigen Häuptlingen am Nyassa willkommen
geheißen, zogen sie ein Herrenleben im fremden Lande der Abhängigkeit
vor!
Im Vergleich zu den in das Lager gebrachten Tafeln habe
ich verschiedentlich in Dörfern, Häuser mit arabischen und
Suaheli-Schriftzeichen verziert gefunden, die den Namen des Besitzers
oder Sinnsprüche darstellten, dagegen auch wiederum Hütten, deren
Lehmwände mit Arabesken beschmiert waren, denn anders kann man die
darstellenden Gebilde von Crocodilen, Vögeln und Menschen nicht
bezeichnen. Unschwer läßt sich zwar erkennen, was diese Zeichnungen
darstellen sollen, allein sie genügen nicht Mal den bescheidensten
Anforderungen als solche, auch einen Sinn oder Zusammenhang habe ich
nicht ermitteln können, wenn sie nicht als Sinnbilder heidnischen
Aberglaubens zu deuten sind; übrigens muß man nach solchen Anzeichen
suchen, einem flüchtigen Beobachter fallen sie nicht auf.