mir vorüberzogen, stieg doch ein leiser Zweifel in mir auf, ob nicht
dieser zur Schau getragene Enthusiasmus sehr bald schwinden würde! Mir
wollte es scheinen, als könnten solche Leute nur zum Niederbrennen der
Dörfer, Marodiren etc. gut genug sein, zu einem geordneten Widerstand
gegen einen energischen Feind aber nicht tauglich wären. Meine Leute,
in deren Augen die Atonga namentlich, nicht für voll galten, meinten:
bwana, diese laufen beim ersten Bumbum weg, indes beide Theile hatten
noch kein Pulver im Ernstfall gerochen und es kam erst auf eine Probe
an, ob die Atonga nicht besser seien als ihr Ruf. Ich habe freilich im
Kampfe sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht, in allem Uebrigen
sie aber viel höher schätzen gelernt als jeden anderen Volksstamm. In
ihrer Heimath am Nyassa sind sie ein kleines aber tapferes Volk, das
seine Unabhängigkeit gegenüber mächtigen Stämmen bis heute gewahrt hat.
Vorläufig noch mit dem Schicksal der kleinen englischen Truppe
unbekannt, die allem Anscheine nach auf einen gewissen Sieg rechnend,
so frohgemuth dem Kampf entgegengezogen, war ich in den nächsten Tagen
nur darauf bedacht, durch scharfe Wachsamkeit bei Tag und Nacht jeden
Angriff oder plötzlichen Ueberfall, wie ich einen solchen auf gewisse
Nachrichten hin erwarten konnte, unmöglich zu machen. Aufreibend war
der Wachtdienst, namentlich für uns Europäer, da in jeder Nacht eine
scharfe Kontrole ausgeübt werden mußte; wußten die Posten auch, was
bei einer Sorglosigkeit ihrerseits auf dem Spiele stand, so war doch
die unausgesetzte Gegenwart eines Europäers nöthig, damit jeder seine
Pflicht erfüllte.
Am 10. Februar traf in den Abendstunden die erbetene Verstärkung von
Katunga im Lager ein, es waren drei Europäer, 14 Sudanesen und worauf
ich nicht gerechnet hatte, ein Schnellfeuergeschütz. In Gewaltmärschen
hatte diese Abtheilung die beträchtliche Entfernung von Katunga bis
Mpimbi zurückgelegt und glaubte, nach dem was in Blantyre über den
Aufstand erzählt worden war, hier sofort in den Kampf eintreten zu
müssen, sämmtliche Neuangekommene waren demnach im gewissen Sinne etwas
enttäuscht, alles äußerlich so ruhig zu finden, sie hätten sich dann
nicht so furchtbar beeilen brauchen, um einer Katastrophe vorzubeugen,
die man stündlich in Mpimbi erwartet.
Von den eingetroffenen Handwerkern, als Brückner und Grünhagel, erfuhr
ich unter anderem, daß der ganze Schiffstransport bereits in Katunga
eingetroffen sei und wohl selbst schon die Etappestation um diese Zeit
aufgegeben sei. Die Schwierigkeiten um mit dem Transport zu beginnen,
seien aber noch immer dieselben; wohl sind bereits leichtere Sachen
bis Blantyre befördert worden, jedoch weigern sich die Träger aus der
Umgegend von Katunga weiter als bis dorthin zu gehen und muß daher
mit dem Beginn des ganzen Transports gewartet werden, bis tausende
Wangoni-Träger ins Land gekommen sind, was erst nach der bevorstehenden
Ernte der Fall sein wird.
Ich hatte nun 6 Europäer und 35 Soldaten und konnte den kommenden
Dingen ruhiger entgegensehen, wäre nur nicht die leidige Frage gewesen,
woher für so viele Menschen, mit Diener, Köchen und den Zimmerleuten
über fünfzig, genügend Proviant zu beschaffen sei! Während wir Deutsche
im Lager nun die Lage von einer besseren Seite betrachteten, ahnte
Niemand in welche äußerst bedrängte Situation die Engländer seit ihrem
Abmarsch gerathen waren -- bis wenige Stunden später, um zwei Uhr,
in dieser selben Nacht ein Abgesandter, der Sergeant Inge, im Lager
eintraf und mit der dringenden Bitte um Unterstützung für die gänzlich
von Feinden umschlossene englische Kolonne, ein Bild entwarf, das auf
eine trostlose Lage schließen ließ. Dieser Bote, der sich beherzt im
Schutze der Nacht von Perisi, wo die Engländer fest umschlossen waren,
in einem Boote flußabwärts geschlichen, erzählte Folgendes: Die Truppe
sei am nächsten Morgen, nachdem sie das Lager von Mpimbi verlassen
hatte, von zahlreichen Feinden angegriffen worden, die gedeckt durch
das hohe Gras sich unbemerkt nähern konnten. Unausgesetzt wären die
feindlichen Kugeln in ihre Reihen eingeschlagen, kein Vorstoß und
kein Feuern hätte genützt -- der unsichtbare Feind wäre unvermuthet
gekommen und wieder verschwunden, ehe daran zu denken gewesen, die
ausgedehnte Kette der eigenen Leute zum ersten Angriff zu formiren.
Die Zahl der Schwerverwundeten sei zwar nicht groß, hätte aber doch
so demoralisirend auf die Atonga und Makua eingewirkt, daß an einen
ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken sei. Die Kolonne wäre
schließlich zum Flusse abgedrängt worden und nun der Weg durch die
verlassenen Dörfer gewählt worden, um allenfalls in diesen Rückhalt zu
gewinnen. Jedes Dorf wurde beim Verlassen den Flammen preisgegeben, was
die Wuth der Feinde, die durch solche Vernichtung ihrer Heimstätten
beraubt wurden, nur noch steigerte, und diese setzten alles daran, ein
weiteres Vordringen zu verhindern.
Nunmehr nur von einer Seite angegriffen, hätten sie am zweiten Tage
Perisi erreicht, wo, wie sie wußten, seit mehreren Tagen schon der
Dampfer »Domira« festsaß. Ein weiteres Vordringen war mit solcher
Mannschaft ausgeschlossen und das Rathsamste, sich an diesem Ort
gegen die Uebermacht der Gegner so gut es ging zu decken, da auch
im schlimmsten Falle das Schiff einen gewissen Rückhalt bot. Bisher
seien außer einer Anzahl Schwarzer auch Mr. Steavenson sehr schwer
verwundet worden und selbst der Kommissar, sowie Kapitän Johnston
nur wie durch Zufall schweren Verletzungen entgangen. Tag und Nacht
greife der Feind an, der durch Baum und Gebüsch gedeckt, ungesehen
heranschleiche und ihre Stellungen beschösse; die unausgesetzte
Wachsamkeit habe die Europäer schon so erschöpft, daß bei einem
energischen Vorstoß der Feinde das Schlimmste zu befürchten stehe.
Selbst vom gegenüberliegenden Ufer würden sie beschossen und wären
zeitweise ohne jeden Schutz dem hartnäckigen Feuer der Feinde
ausgesetzt. Der Kommissar bitte daher dringend um schleunige Hilfe,
und wären es auch nur zehn Sudanesen, die ich abgeben könnte -- diese
Soldaten würden wenigstens Stand halten und er würde sich, selbst mit
so kleiner Zahl Luft zu schaffen suchen. Bisher hätten sie nur aus
Zweigen und Büsche eine leichte Hecke errichten können hinter welcher
sie Deckung gefunden -- die wenigen Hütten, die stehen geblieben
bieten ihnen vor den feindlichen Geschossen auch nur wenig Schutz!
-- Der Bote nun, dessen Begleiter der Maschinist Fairbrain von der
Domira war, machte nebenbei noch allerlei Versprechungen in Bezug
auf abzusendende Soldaten; ich habe später nie darnach geforscht, ob
derselbe dazu autorisirt gewesen oder nicht, was aber jedenfalls der
Fall, da derselbe als dienstlich Untergebener des Kommissars nicht
aus eigenem Antrieb Handeln und Zusagen machen konnte, sondern gemäß
seiner Instruktion nur den erhaltenen Befehl auszuführen hatte. Ich
muß es heute als eine politische Klugheit ansehen, daß der englische
Kommissar selbst in seiner bedrängten Lage seine Bitte um schleunige
Unterstützung nicht schriftlich aussprach, denn solches Dokument in
meinen Händen würde ihn verpflichtet haben für die gemachten Zusagen
seines Abgesandten einzustehen. Allein in jener Stunde, wo die volle
Verantwortlichkeit der zu treffenden Entscheidung auf mir lag, habe
ich allem Nebensächlichen keine Beachtung weiter geschenkt, sondern
nur die Gefahr erwogen in welcher sich die Engländer befanden und
in welcher ich gerathen mußte, sobald es den Feinden gelänge die
Eingeschlossenen zu vernichten oder sie nur zum Rückzug zu zwingen. Ich
mußte mir sagen, daß in solchem Falle die feindliche Macht riesengroß
anwachsen würde, und hätte ich auch den Ansturm der siegesgewissen und
übermüthigen Feinde widerstehen können, so hätte der Umstand, daß mir
die Lebensmittel abgeschnitten worden wären, meine Leute doch zu einem
längeren Widerstand bald unfähig gemacht.
Es war ein harter Entschluß, meinen Posten zu verlassen, denn da ich
Niemand hatte, der die Sudanesen kommandiren konnte, mußte ich selber
gehen, oder die Bitte abschlagen. Auch erwägend, daß zwei starke
Posten, Perisi und Mpimbi, eine Conzentrierung der feindlichen Macht
unmöglich machen mußten, für die eigene Sicherheit es auch gerathener
war, wenn ich die erbetene Hilfe nicht abschlug, -- so entschloß ich
mich kurz und sagte meinen Beistand zu.
Einmal entschlossen den Weg zu gehen, der in dieser Lage mir der einzig
richtige erschien, theilte ich den inzwischen versammelten Europäern
meinen Entschluß mit und forderte zwei derselben auf, freiwillig mich
zu begleiten. Hatte ich aber auf eine freudige Zustimmung auch nicht
rechnen können, so waren mir die vielen Einwendungen dagegen, daß
ich das Lager verlassen wolle, in Gegenwart der Engländer doch etwas
unangenehm, zumal Fairbrain etwas deutsch verstand, und die Bemerkung
der Handwerker, daß sie sich nicht berufen fühlen, »für die Engländer
sich die Knochen zerschießen zu lassen«, wenigstens dem Sinne nach
verstanden worden war. Die Leute hatten freilich Recht und ich befahl
auch Keinem folgen zu müssen; als ich ihnen aber alle Eventualitäten
klar gelegt hatte, meldeten sich doch zwei gediente Pommern und
erklärten sich zu allem bereit.
Die fünfzehn Sudanesen dagegen, trotzdem sie von dem beschwerlichen
Marsche über das Gebirge noch ermüdet waren, begrüßten die Aussicht
auf einen Kampf mit Freuden und hätten, wenn es angängig gewesen wäre,
sofort den Marsch angetreten.
Versetze ich mich heute zurück in jene Zeit der Kämpfe und Sorgen,
in jene Rohrhütte, deren Dunkelheit nur vom flackernden Kerzenlicht
erhellt, wo ich im Kreise der kleinen Schaar den Entschluß gefaßt,
meinen Posten zu verlassen und diese selbst aufforderte zum ernsten
Kampfe, selbst mit Blut und Leben zu schützen, was uns anvertraut, dann
kommen sie wieder, die quälenden Gedanken jener Nacht und Stunde, in
welcher ich den heißen blutigen Kampf der Ungewißheit vorzog und auf
jede Gefahr hin einer andern Nation Hilfe und Beistand zugesagt hatte,
zur Sicherung der eigenen Lage und für fremde Noth das Blut meiner
Leute opferte!
Die wenigen Stunden bis zum frühen Morgen vergingen mit Anordnungen
und Vorbereitungen sehr schnell, während dessen die Engländer ein
von Matope gekommenes Boot mit welchem der Sergeant Inge von Perisi
gekommen, in Stand setzten. Unser Schiffsboot, das mit der am Abend
vorher eingetroffenen Abtheilung zerlegt mitgebracht worden war, konnte
ich nicht so schnell zusammensetzen lassen, um die anderen Boote, die
durch eine während der Nacht noch von Blantyre angekommene Kolonne von
40 Atonga stark besetzt werden mußten, zu entlasten. Den Wasserweg
zu nehmen, war ich mit den Engländern nach eingehender Berathung
übereingekommen, da es das Sicherste schien, diesen zu wählen, denn
zu Lande hätten wir uns Perisi, ohne vorher die feindliche Linie zu
durchbrechen, schwerlich ohne heftigen Kampf nähern können, was zu
Wasser jedenfalls leichter möglich war.
Nachdem nun noch zum Zweck etwaiger Vertheidigung die Aufwerfung
eines Schützengrabens im Lager angeordnet war, der sofort durch die
zurückbleibende Besatzung der englischen Station in Angriff genommen
wurde, die werthvollen Instrumente, die ich zurückließ, sicherer Obhut
anvertraut waren, ließ ich zum Apell blasen. Das Kommando übergab ich
dem ersten Maschinisten Herrn Spenker und ermahnte die zurückbleibenden
Soldaten den striktesten Gehorsam zu leisten, auch in einem Kampfe
nicht feige von der Seite der Europäer zu weichen, ihre Pflicht sei
es, als Soldaten des Majors von Wißmann zu stehen oder zu fallen. Die
Europäer aber mahnte ich nochmals, unter allen Umständen das Lager zu
halten, ein Rückzug, wenn es wirklich zu einem Angriff kommen sollte,
könnte allen nur verderblich werden. Ich sah zwar keine unmittelbare
Gefahr, dennoch wollte mir scheinen, als wäre die Kampflust, nachdem
es nun bitterer Ernst geworden, nicht allzu groß, und nicht gerade
leichten Herzens schied ich von meiner Station, vielleicht alles für
eine fremde Sache aufs Spiel setzend. Viel schwerer aber wäre es mir
geworden meine Zusage einzulösen, hätte ich ahnen können, daß schon in
der nächsten Nacht der Muth der Besatzung auf die Probe gestellt werden
sollte, die aber von allen, sobald die ersten Schüsse der wachsamen
Posten das Lager alarmirt hatten, glänzend bestanden wurde.
Gegen 8 Uhr früh am 11. Februar, nachdem Geschütz, Soldaten und die
Atonga eingeschifft waren, konnte endlich der Befehl zur Abfahrt
gegeben werden, und fort ging es einem gewissen Kampf entgegen. Die
Führung des größten Bootes, das außer der Mannschaft mit 35 Atonga,
vier Sudanesen, dem Geschütz und zwei Europäern, Ottlich und Fairbrain,
besetzt war, hatte ich übernommen, das kleinere mit 10 Sudanesen,
15 Schwarzen, Knuth und Mister Comaran besetzt, führte der Sergeant
Inge. Gegen Wind und Strom die schwerbeladeten Boote mittelst langer
Bambusstangen vorwärts zu bringen war für die Besatzung keine leichte
Arbeit, dazu thaten die glühenden Sonnenstrahlen das Ihrige. So viel
als möglich hielten wir die Mitte des Flusses, wenn nicht Untiefen
uns zwangen, den Ufern näher zu gehen, beobachteten auch namentlich
die linke Uferseite, da gedeckt durch dichtes Gebüsch die Feinde
ungesehen uns folgen und bei gezwungener Annäherung an diese, leicht
in die Boote hineinfeuern konnten. Es war aber nichts zu sehen; wo
sonst eine friedliche Bevölkerung am Flußufer ein sorgloses Dasein
geführt und durch freundliche Zurufe ein vorüberziehendes Boot begrüßt
hatten, herrschte jetzt tiefes Schweigen, die Hütten und Dörfer waren
rauchgeschwärzte Trümmer -- kein menschliches Wesen weilte mehr in den
Ruinen, kein Hahn rief mit lauter Stimme sein Volk zusammen und am
steilen Uferrand suchte keine Ziege sich saftige Kräuter -- todtenstill
war es ringsumher, selbst am rechten Ufer, wo die Kriegsfurie noch
nicht gewüthet und die Dörfer unversehrt geblieben, war alles in tiefes
Schweigen gehüllt.
Die vielen kurzen Windungen des Schireflusses verhinderten jede
Aussicht vor und zurück, daher war es mir nicht besonders auffällig,
daß ich das zweite Boot aus Sicht verlor und in der Meinung, dasselbe
könne nur eine kleine Distanz hinter uns sein, fuhr ich bis Mittag
ruhig weiter. Schließlich als die Bootsleute durch die Sonnengluth und
angestrengte Arbeit ermattet waren, gab ich dem wiederholten Dringen
des Kapitaos nach und landete am rechten Ufer an einer Stelle wo ein
Flußpferdpfad durch das dornige Gestrüpp führte, mit der Absicht, hier
die Ankunft des zweiten Bootes abzuwarten. Den ausgetretenen sumpfigen
Pfad, der in der Regenzeit den Wassern als Abfluß dienen mochte,
durch das Dorngebüsch folgend, öffnete sich hinter diesem eine weite
Grassavanne ohne Baum noch Strauch in der Nähe, worunter wir gegen die
glühenden Sonnenstrahlen hätten Schutz finden können. Wollten wir eine
kurze Erholungspause machen, war dieser Ort zufällig am ungeeignetsten
dazu, und als das Boot immer noch nicht kam, ließ ich wieder
einschiffen, um einen besseren zu suchen. Ich wollte eigentlich ungern
am linken Ufer landen, sah mich aber doch dazu genöthigt, wenn ich im
Schatten hoher Bäume den Leuten kurze Ruhe gönnen wollte; deshalb,
als weiter flußaufwärts an steiler Uferwand einige niedergebrannte
Hütten in Sicht kamen, wo das Ufer frei von Gebüsch erschien und eine
freie Aussicht auf den Fluß vorhanden war, ließ ich das Boot an einer
Stelle, die vom Flußschilf nicht bedeckt wurde anlegen. Wohl war es ein
schattiger Ort von breitästigen Bäumen bestanden, den wir betraten,
auch genügend Aussicht vorhanden, so gut wie man sie an solchen Ufern
eben finden konnte, allein landeinwärts rings um uns, was ich erst
zu spät erkannte, war ein hohes mächtiges Maisfeld, bereits soweit
ausgewachsen, daß in kurzer Zeit die Ernte hätte beginnen können.
Alles schien ruhig und die Gegend verlassen zu sein, selbst eine
ausgesandte Patrouille von zwei Mann, welche die nähere Umgegend
absuchte, hatte nichts bemerkt. Die Atonga nun, deren Sprache leider
keiner verstand, konnten trotz einem Verbot das Marodieren nicht
lassen, der Reiz war zu groß, als daß sie die schönen reifen Maiskolben
in unmittelbarer Nähe hätten ungebrochen gelassen. Sie widerstanden
nicht der Versuchung, die begehrliche Frucht, wonach sie nur die Hände
auszustrecken brauchten, zu pflücken und einzelne, die sich ins Feld
geschlichen, kehrten nach wenig Minuten mit Beute beladen zurück. Bald
loderte ein lustiges Feuer, an den halbverkohlten Ueberresten einer
Hütte entzündet, empor, in welches die Kolben zum Rösten gelegt und
dann so heiß wie sie waren von den Leuten verzehrt wurden. Den Gewehr
bei Fuß stehenden Sudanesen, die ebensowenig etwas zu beißen hatten,
da der geringe Proviant, den wir überhaupt besaßen im anderen Boot
sich befand, ließ ich denn auch durch einen der Ihrigen einige Kolben
rösten, sonst aber die zuverlässigen Leute nicht von ihren Posten
weichen.
In Ermangelung von etwas Besserem suchten wir Europäer schließlich
auch den knurrenden Magen mit frischen Maiskörnern zu befriedigen bis
Fairbrain mit einigen Bisquits und einer Dose Jam, die er unter seinen
Sachen vermuthete, aufwarten konnte. Während wir nun auf der Erde saßen
und die frugale Mahlzeit uns schmecken ließen, dabei erörternd aus
welchem Grunde wohl das zweite Boot noch immer nicht sichtbar wäre,
das wir doch nicht allzuweit hinter uns vermuthet hatten -- stieg in
mir plötzlich das Gefühl einer drohenden Gefahr auf und der Gedanke
an einen Ueberfall wurde so lebendig, daß ich besorgt die Augen im
Kreise herumlaufen ließ und hinter der grünen Wand, die uns umgab, fast
mit Gewißheit heranschleichende Feinde vermuthete. Wie durch einen
übermächtigen Impuls gezwungen sprang ich auf, ehe ich aber den Befehl
geben konnte die Gewehre zu ergreifen, sausten im selben Moment die
feindlichen Geschosse auf uns.
Als wenn ein geistiges Empfinden vor einer unmittelbaren Gefahr warnen
will, so urplötzlich stellt sich die Gewißheit vom Vorhandensein einer
solchen dem Geiste vor; es ist als ob das seelische Leben fähig ist,
bei abnormen Fällen eine große Gefahr zu erkennen und zum Bewußtsein
bringen kann d. h. mit einem für uns unbegreifbaren äußeren Empfinden
in Verbindung tritt. Es scheint mir, als wenn diese unmittelbar
gegebenen Warnungen zur Erhaltung des Lebens dienen sollen und dem
Seelenleben die Möglichkeit gegeben ist, selbst die Fessel, welche die
Seele bindet, zu erhalten. Dieses Unfaßbare, das in ungewöhnlichen
Momenten nur zum Bewußtsein kommt, muß zur Erkenntniß führen, daß
wir ein Theil des gewaltigen Urgeistes sind, mit dem der unsrige,
obgleich nur im beschränktesten Maße, zuweilen in Verbindung treten
kann. Ich vermag außer diesem noch auf zwei Fälle hinzuweisen, wo in
gefährlicherer Lage zwar, doch in gleicher Weise solche Vorwarnung, wie
ich das Empfinden nennen möchte, mir das Leben gerettet hat.
In diesem Falle entging ich der tödtlichen Kugel, indem ich aufsprang
und dadurch einen neben mir stehenden Sudanesen veranlaßte einen
Schritt vorzutreten, dem im selben Moment das auf mich gerichtete
Geschoß auch traf, dessen rechte Hand zerschmetterte sowie durch den
rechten Oberschenkel noch hindurch fuhr. Der Feind hatte sich tollkühn
von einer Seite herangeschlichen von der wir ihn nicht erwarten konnten
und trotz der Wachposten ungesehen aus sicherem Hinterhalt feuerte.
Dem dumpfen Schall nach zu urtheilen war die Salve mit Vorderlader
abgegeben worden, und da nun ein schnelles Laden dem Feinde nicht
möglich war, so mußte sich dieser zurückziehen, während wir sofort ein
Schnellfeuer nach jener Richtung hin von welcher die Schüsse gefallen
waren eröffneten.
Eine große Verwirrung herrschte im ersten Moment, verursacht durch die
wilde Flucht der Atonga, die Ottlich und Fairbrain mit sich reißend,
vom Ufer in den Fluß sprangen und zum größten Theil hinter dem hohem
Schilf Deckung suchten; erst von dort aus feuerten sie ihre Gewehre ab
und gefährdeten die unvernünftigen Kerle, denen ich mich vergeblich
entgegengestellt hatte, die Zurückgebliebenen derartig, daß ich mit den
Sudanesen weichen mußte, wollten wir nicht von den um uns pfeifenden
Kugeln der Atonga getroffen werden. Diese zügellosen Kerle, auf keinen
Zuruf achtend, feuern blind drauf los, und ehe sie abdrücken wenden sie
den Kopf weg oder machen die Augen zu.
Die Absicht der in das Boot geflüchteten Atonga, die dasselbe vom Ufer
abzustoßen suchten, veranlaßte mich, wenn ich nicht mit den Sudanesen
abgeschnitten werden wollte, ebenfalls hineinzuspringen und die
vergeblich gegen das kopflose Hantiren der Atonga ankämpfenden Europäer
zu unterstützen. Sofort entriß ich den Atongas die Waffen, trieb die
im Boot zusammenhockende Besatzung auf und ließ, nachdem Fairbrain den
Schwerverwundeten hineingeholfen hatte, dasselbe abstoßen.
Während nun das Boot langsam abtrieb kamen die im Wasser und Schilf
sitzenden Atonga, die ich erst mit drohend erhobener Waffe zum Gehorsam
zwingen konnte, heran, klammerten sich fest und ließen sich mit in die
Tiefe des Wassers reißen. Es währte wohl acht Minuten, ehe der Kapitao
alle über das Heck ins Boot geschafft hatte; ich lud sie zwar auch
nicht mit sanften Worten ein sich zu beeilen, denn aufgebracht durch
solche Feigheit, dazu behindert das wieder eröffnete feindliche Feuer
erfolgreich zu erwiedern, half ich den Zögernden handgreiflich nach.
Sobald wir indes aus dem Bereich der feindlichen Geschosse gekommen
waren, die meistens über das Boot hinweg sausten, brachte ich erst
wieder unter die von der Panik erfaßten Leuten Ordnung, dann aber hieß
es abermals vorwärts. Möglichst schnell suchte ich mich alsdann, da mir
zwei Gewehre als verloren gemeldet wurden, darüber zu vergewissern,
ob die Waffen am Lande zurückgelassen seien, weil ich den Angaben der
Leute, sie hätten solche schwimmend fallen lassen müssen, nicht recht
glaubte, so beschloß ich denn an derselben Stelle nochmals zu landen.
Das zweite Boot, wie ich bald erfahren sollte, hatte nicht allzuweit
von uns entfernt ebenfalls Station gemacht und die Insassen sich an
dem mitgeführten Proviant gütlich gethan, ohne weiter daran zu denken,
daß im ersten absolut nichts zu beißen sei; sie wurden durch das nahe
heftige Gewehrfeuer aus ihrer Mittagsruhe dann plötzlich aufgeschreckt
und so sah ich dasselbe um die nächste Flußbiegung herumkommen, als
ich gerade im Begriff war wiederum zu landen. Als dann beherzte Leute,
gedeckt durch schußbereite Waffen, auf den Kampfplatz zurückgesandt
waren, brachten diese nichts weiter als einen vergessenen Riemen mit;
daraus wollte ich im Wasser weitersuchen lassen, konnte aber keinen
rechten Erfolg erzielen und mußte, um nicht zu viel Zeit zu verlieren,
das Suchen nach den Waffen aufgeben.
Die nächste Sorge war den Schwerverwundeten zu verbinden, der leise
stöhnend auf meinen Sachen niedergelegt worden war; der Mann ertrug
die großen Schmerzen wie ein echter Soldat und hatte während der Zeit,
wo sich niemand um ihn kümmern konnte kaum einen Schmerzenslaut hören
lassen, nur ein leises Klagen, vom Gewehrfeuer übertönt, konnte ich
mitunter vernehmen. Aus Vorsicht genügend mit Verbandstoffen versehen,
hatte ich die Hand, die in ihrer ganzen Breite durchschossen war, bald
verbunden und sah dann erst, als der Mann sich nicht erheben konnte,
daß die Kugel durch das dicke Fleisch des Oberschenkels gegangen war;
konnte aber anfänglich nicht verstehen wie eine Bleikugel so glatt
durch diese Körpertheile hindurchgehen konnte -- eine solche hätte eine
viel schwerere Wunde am Ausgangspunkt verursachen müssen -- bis mir die
Gewohnheit der Eingeborenen, mit eisernen Kugeln zu schießen, einfiel.
Noch mit dem Sudanesen beschäftigt, der so gut als es der Raum im
Boote gestattete gebettet wurde, hatte der Feind, unsichtbar für uns,
vom hohen Busch und Gras gedeckt, das Feuer wieder eröffnet und den
Kampf aufs Neue begonnen. An Zahl uns bedeutend überlegen, was aus den
zahlreich auf uns abgegebenen Schüssen zu vermuthen war, in sicherem
Hinterhalt hinter Baum und Strauch wohl geborgen, blieb uns nur übrig
auf solche Punkte zu zielen, wo der Pulverdampf aufstieg, und unsere
sicheren Kugeln belehrten dem Gegner bald, daß es nicht rathsam sei
sich bis zum Uferrande vorzuwagen.