Kommandant von Fort Johnston, Capitän Johnston, flußabwärts kommend,
im Begriff, eine Erholungsreise nach Blantyre zu machen, diese kleine
Expedition am Schireflusse begegnete, daher die Weiterreise aufgab,
um die Führung zu übernehmen. Es gelang dem Kapitän auch, des Arabers
habhaft zu werden, aber, ob mit Recht oder Unrecht, er ließ zur Strafe
das von den Einwohnern verlassene Dorf niederbrennen und die wohl
hierdurch zur Wuth gereizten Eingeborenen eröffneten den Kampf.
Auf dem Rückmarsch im hohen Grase, wo auf schmalem Fußpfad nur Mann
für Mann marschiren konnte, ging der wohlgedeckte, an Ueberzahl viel
stärkere Feind zum Angriff über; im ersten Angriff zersprengte er die
langgezogene Linie, schnitt die Fliehenden von dem Führer ab und die
Nachhut unter Hoarse, ein aufgelöstes Häuflein, rettete sich durch
Schwimmen an das andere Ufer. Nur eine kleine Zahl Makualeute blieb dem
Führer treu, der, seiner Waffen und Patronen durch die Flucht seines
Dieners beraubt, stundenlang die Feinde abwehrte und langsam mit den
Verwundeten vordrang, während die Gefallenen liegen blieben. Die That
und Opfermuth eines Mannes hebt Capitän Johnston besonders hervor.
Umringt von Feinden sieht ein Makua im hohen Grase einen im Anschlag
liegenden Feind, die Gefahr erkennend, in welcher sein Führer schwebt,
springt dieser Mann vor und jagt dem Feinde einen Handspeer in die
Brust, sinkt aber auch, von dessen Kugel getroffen, schwerverwundet
nieder. Seinen braven Retter hatte Capt. Johnston nun auch noch
mitzuschleppen. Dennoch müssen die Verluste der Angreifer durch das
gutgezielte Feuer beträchtlich gewesen sein, denn der Feind zog sich
schließlich langsam zurück und verschaffte dadurch den Bedrängten
wieder Luft. Unzweifelhaft war es eine tüchtige Schlappe, welche den
Engländern beigebracht worden war, es waren weniger die Verluste, die
zu beklagen -- die meisten der anfänglich Vermißten fanden sich wieder
ein -- als daß der zweifelhafte Erfolg nun den Aufstand mit einem
Schlage ausbrechen ließ.
Entblößt von allen Soldaten -- Fort Johnston durfte um keinen Preis
geschwächt werden -- lag es nun nicht mehr in der Macht des Kommissars,
den einmal entfachten Brand zu dämpfen. Ueberraschend schnell waren die
Ereignisse gekommen, unerwünscht für jetzt und unerwartet; die hundert
längst schon erwarteten Soldaten eines indischen Regiments der Sikhs
wollten noch immer nicht eintreffen, daher war es nicht zu verwundern,
daß die schutzlosen Bewohner Blantyres den Maßnahmen des Gouvernements
keine besonderen Sympathien entgegenbrachten.
Von allen Vorgängen unterrichtet, da solche unter meinen Augen sich
abspielten, war es meine Pflicht, auf den Schutz des großen Lagers, das
noch reiche Vorräthe der Vorexpedition enthielt, bedacht zu sein, daher
ließ ich alle Außenarbeiten auf der Werft und im Urbusch aufgeben, im
Lager aber an geeigneten Punkten Erdwälle und Bastionen aufwerfen,
ebenso auch Schußlinien in den dichten Wald hauen, während hinter der
englischen Station das Terrain rasirt wurde, um uns und dieser frei
Feld zu schaffen.
Dem Gebote der Nothwendigkeit folgend, mußte ich auch den Holz und
Bambusrohr aus den Bergen holenden Leuten Waffen mitgeben, hatten
sie doch stundenweit bis zu diesen zu gehen, in deren Walddickicht
und Schluchten sich Aufständige verborgen hielten, um gelegentlich
Leute wegzurauben. Das Schicksal derselben war nächst Mißhandlung die
Sklaverei, und manchem der frei Aufgewachsenen wurde hierdurch ein
trauriges Loos bereitet.
Höchst überrascht wurde ich eines Morgens durch die Ankunft des Arabers
Beccari ben Umari, der von Lionde kommend bei mir vorsprach, ehe er
weiter nach Zomba und Blantyre marschirte. Mir wollte es scheinen,
als wenn der schlaue Fuchs sich hier nur orientiren, in Zomba nur
seine Ergebenheit bezeigen und den Verdacht ein Sklavenhändler zu
sein von sich abwälzen wollte. Wie dem nun auch sei, er ist mit
seinem Gefolge unbelästigt wieder nach Lionde zurückgekommen, betrat
aber das deutsche Lager nicht wieder, weil ich ihm Vorhaltungen
über seine Wortbrüchigkeit gemacht hatte, erwiederte er doch dreist
darauf, ich hätte ihm Boote oder Kanoes sowie den Kaufpreis schicken
sollen, dann hätte er das Versprochene übersandt, -- ebenso hatte
die nicht besonders höfliche Aufnahme seiner werthen Person es ihm
gerathen erscheinen lassen schleunigst wieder abzuziehen. Am 26.
Januar traf die Nachricht ein, die Aufständigen hätten ein Boot der
African Lakes-Komp. genommen, die Besatzung, die vom Nyassa-See
zurückgekehrt sei aufgegriffen und getödtet worden. Zwei Tage später
kamen zwei arg zugerichtete Leute zu mir ins Lager und baten um
Hilfe, sie gehörten ihrer Aussage nach zu dieser Bootsbesatzung und
berichteten, daß nur einer getödtet sei, ihnen beiden aber es erst
gelungen wäre zu fliehen, nachdem man sie so zugerichtet und halbtodt
hätte liegen lassen. Der eine war sehr schwer am Fuß verletzt, sein
Rücken durch die Mißhandlungen eine offene Wunde, der andere hatte
zwei Speerstiche in der rechten Seite, die Kopfhaut und das rechte
Ohr waren stark verletzt, im übrigen hatte er wie sein Kamerad einen
ebenso zerschlagenen Rücken. Vollständig nackt durch Blutverlust und
Schmerzen aufs Aeußerste erschöpft hatten sich die Kerle zwei Tage lang
in glühender Sonne und gequält von den gierigen Insekten bis hierher
geschleppt. Es scheint fast übermenschlich, was diese Leute haben
aushalten müssen, -- ein Europäer wäre sicherlich mit solchen Wunden
nicht weit gekommen, er hätte erliegen müssen; die Negernatur dagegen
ist anders geartet, das Nervensystem zum mindesten nicht so ausgebildet
und feinfühlend, wie das des weißen Mannes.
Da die englische Station in dieser Zeit tagelang nicht besetzt war,
denn nach dem Kampfe war alles mit den Verwundeten nach Blantyre
marschirt, hatte ich die Sorge für die verstümmelten Leute zu
übernehmen. Aber auf alle Fälle vorbereitet, hatte ich die Mittel zur
Hand, ihre schlimmen Wunden zu reinigen und zu verbinden; in der That
von den schwarzen Körpern blieb nicht mehr viel zu sehen übrig, nachdem
die Prozedur beendet war!
Durch solche Vorgänge wurde natürlich die Besorgniß immer mehr
gesteigert; schlimme Gerüchte über die Grausamkeit der Feinde waren
im Umlauf und in Folge dessen wurden auch alle Stationen bis Matope
verlassen, sodaß wir vier Deutsche mit unserer kleinen Anzahl Leute
allein in all dem Aufruhr standen. Ich sandte auch bewaffnete
Abtheilungen bis zu den nächsten Dörfern, theils um Proviant zu kaufen,
theils um Nachrichten zu sammeln, und diese benachrichtigten denn auch,
daß die Sachlage nicht so schlimm sei wie die Gerüchte sie machten;
erst wenn die Bevölkerung hinter uns in den Aufstand mit eingriff
konnte es gefährlich werden, denn dann gänzlich abgeschnitten von allen
Verbindungen, wäre die Proviantirung eine heikle Frage geworden, -- gab
es doch jetzt schon Tage, an welchen ich den Leuten kaum mehr die halbe
Ration austheilen konnte! --
Die Macht im deutschen Lager mußte aber doch auf die nächste
Bevölkerung eine gewisse Wirkung ausüben, denn ungehindert konnte ich
wieder die Suaheli unter Ottlich in den Urbusch senden, wobei täglich
die Eingeborenen sich davon überzeugen konnten, daß wir Waffen genug
haben, uns zu wehren, und obgleich diese nur mehr zur Schau getragen
wurden, da die Nothwendigkeit es einmal bedingte, so sollte doch unter
keinen Umständen davon Gebrauch gemacht werden. Nur ein Mal ist der
Fall eingetreten, daß eine kleine Abtheilung in den Bergschluchten
angegriffen wurde, aber einige aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse
schon genügten die Angreifer zu verscheuchen.
Am 4. Februar kamen in den Nachmittagsstunden gegen 30 Leute in das
Lager und berichteten mir, zwischen Lionde und Perisi sei ein Europäer
ermordet worden, sie, seine Träger und Diener hätten vor den Feinden
fliehen müssen und alle Sachen, Gewehre etc. seien diesen zur Beute
gefallen. Mir fielen die unsicheren Angaben des Kapitaos auf, und
eingehender die Leute examinirend, da es für mich von Wichtigkeit
war, über die Stellung der Aufständigen genaue Auskunft zu erhalten,
wurde es mir klar, daß schon bei den ersten Schüssen die feige
Gesellschaft geflohen und ihren Herrn im Stiche gelassen hatte. Ich
übergab darauf die Kerle, welche steif und fest behaupteten ihr Herr
sei todt, dem Sergeanten der englischen Station, der sie nach Blantyre
expedirte, wo später, nachdem der Todtgeglaubte wiederkam, den Händen
der Feinde glücklich entronnen, der Kapitao und einige andere bestraft
worden sind. Jedenfalls aber setzte diese Nachricht und die Nähe der
Aufständigen alles in Alarm, und als mir gemeldet wurde, die Straße
nach Blantyre sei nicht mehr sicher, ebenso der Weg nach Zomba, auf
ersterer seien schon Träger überfallen worden, durfte ich nicht
länger zögern, sondern fertigte Eilboten nach Katunga ab, die dort um
schleunigste Unterstützung nachsuchen sollten.
Der Sachverhalt dieses Vorganges war folgender: Vor Monaten waren
zwei Sportsleute, englische Offiziere, ein Mister Wetterly und Koe
in dieses Land gekommen, um der Jagd nach unsern größten Vierfüßlern
den Elephanten obzuliegen. Ich kann nicht behaupten, ob sie Erfolg
gehabt, nur soviel ist gewiß, daß sie der mit solcher Jagd verbundenen
Strapazen überdrüssig, sich auf dem Rückmarsch befanden, sich aber
getrennt hatten und Mister Koe, ohne vielleicht eine Ahnung von dem
kürzlich ausgebrochenen Aufstand zu haben, hatte sich sorglos dem
Schirefluß genähert. In dieser heißen Gegend empfindet man es als eine
Wohlthat, wenn nach beschwerlichem Marsche oder der Tagesgluth ein Bad
den erschöpften Körper erfrischen kann, und dieser Gewohnheit gemäß
hatte sich Mister Koe verleiten lassen, am Nachmittag des 2. Februar
im Schirefluß zu baden, ahnungslos, daß verborgene Feinde nur eine
Gelegenheit abwarteten, den Ueberfall in dem Augenblick zu wagen, wenn
der weiße Mann wehrlos sein würde.
Er hatte sich weiter vom Ufer entfernt als es nöthig, und der Krokodile
wegen wohl rathsam gewesen wäre, da plötzlich umsausten ihn die Kugeln
und das Ufer von Feinden besetzt, blieb ihm nichts anderes übrig als
durch Tauchen den feindlichen Geschossen zu entgehen. Lieber wollte er
dem gefräßigen Krokodil zur Beute fallen, als wehrlos und verwundet den
martervollen Tod von den Händen unbarmherziger Menschen sterben. So
nackend wie er war mußte er nun am rechten Ufer seinen Verfolgern zu
entgehen suchen; durch Gras und Busch, zerschnitten von dem scharfen
Schilf und geschunden von Dornen und Hecken in wegloser Oede wandte er
sich landeinwärts.
Was die Kälte der Nacht für einen Europäer in solchem Zustand auf sich
hat, ist wohl kaum zu beschreiben, noch weniger die glühende Hitze am
Tage, die blutgierigen Mosquito und andere Insekten hatten ihn dazu
furchtbar geplagt. Wollte er nicht elend verkommen, mußte er am anderen
Morgen in der Sonnengluth vorwärts und auf unbetretenen Wegen mühsam
sich auf gut Glück weiterschleppen, bis er schließlich vollständig
erschöpft an einem Fußpfad niedersank und seine eventuelle Rettung
aus dieser qualvollen Lage dem Schicksal anheimstellte. Halb schon
bewußtlos schreckte ihn das Geschrei einiger wasserholenden Weiber der
Angoni, an deren Landesgrenze er angelangt, aus seiner Apathie auf,
wohl flohen diese, als sie den weißen Mann im elenden Zustande liegen
sahen, brachten aber doch ihrem Häuptling Nachricht, und dieser, so
gut er es vermochte, hat ihn gekleidet und gepflegt bis ein Bote von
Mpimbi schleunige Hilfe herbeigebracht hatte. Was für Strapazen, welche
Empfindungen dieser Mann durchgemacht, kann wohl keiner nachfühlen, er
weiß es nur allein, was es heißt nackend in kalter Nacht, in glühender
Sonne, geschunden, bis zum Tode matt vor einem grausamen Feinde fliehen
zu müssen; bleich und still verblieb er tagelang auf der Station, ehe
er transportfähig war, und ich habe von den verschlossenen Lippen nur
wenig vernommen. --
Dieser Vorfall nun, der keineswegs die Gefährlichkeit des Aufstandes
mehr unterschätzen ließ, brachte Leben und Bewegung in die englische
Verwaltung, vor allem, da es sich noch um das unbekannte Schicksal
des Mister Weterly handelte, der ebenso abgeschnitten und vielleicht
getödtet werden konnte. Alles was an Makua, Suaheli und Atongaleuten
aufzutreiben war, etwa 200 Mann, wurde bewaffnet nach Mpimbi geführt
und hier vor dem deutschen Lager unter Kommando von Kapitän Jonston
und von anderen, als Mister Sharp, Steavenson und Hoarse gedrillt. Es
war eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft, von der etwa 30 Makua
das beste Material, mit der ein Kriegszug eröffnet und der Aufstand
niedergeworfen werden sollte.
Die Feinde, deren Zahl nach den Nachrichten zu urtheilen beständig
anwuchs, hätten leicht, wenn eine einheitliche Führung vorhanden
gewesen wäre, alles überlaufen können, und ich bezweifle, ob ich mit
meiner kleinen Schaar gegen solche Uebermacht, abgeschnitten von
aller Hilfe, hätte Stand halten können, sobald die Bewohner Mpimbis
mit ihren Freunden gemeinsame Sache gemacht hätten. Mir wäre nichts
anderes übrig geblieben, als bis zum Letzten zu kämpfen und mich unter
den Trümmern des Lagers begraben zu lassen. Aber wie ich schon früher
erwähnt, liegt die Schwäche dieser zahlreichen feindlichen Krieger in
der Uneinigkeit ihrer Häuptlinge, ihre Macht und Stärke kennen sie eben
nicht und lassen durch unnütze tagelange Schauri die günstigste Zeit
verstreichen. Schon ein kleiner Erfolg versetzt alle in Extase, und ob
sie auch nicht feige, werden sie doch, durch Uneinigkeit getrennt, von
dem sehr viel schwächeren Gegner geworfen.
Obgleich die Lage in diesen Tagen bedenklich genug war, kann ich doch
ohne Rühmen behaupten, daß die deutsche Vorhut, deren Macht der Feind
zum Glück sehr überschätzte, das einzige Bollwerk gewesen ist an
welchem der Aufstand sich brach, insofern als die Bevölkerung diesen
Vorposten zu sehr gefürchtet hat; sonst, da der Aufstand lawinengleich
anwuchs, hätten, die Völker zu den Waffen gerufen, ob uneinig oder
nicht, solche Schaaren die wenigen Engländer erdrücken müssen!
In dieser Zeit war ich gezwungen alle meine Leute im Lager zu
behalten und alle Arbeiten außerhalb aufzugeben, es wurden nur noch
Proviantpatrouillen ausgesandt sonst aber tüchtig exerzirt. In dunkler
Nacht, worauf es hauptsächlich ankam, ließ ich durch Schüsse öfter das
ganze Lager alarmiren, und fand ich jeden Mann auf seinem Posten, dann
rief die Trompete auch wohl zum Rückzug oder schnellem Avanciren --
so übte und drillte ich mir die Leute, um allen Eventualitäten nach
Möglichkeit gewachsen zu sein. Ottlich zwar, der nun einige Zimmerleute
zur Verfügung hatte, Eingeborene dieses Distrikts, ließ ich immer
noch in den Urbusch hinausziehen und das Behauen der gefällten Bäume
fortsetzen. Diese Leute, die bei freier Station gut bezahlt wurden, 15
bis 20 Rupien den Monat pro Mann, dazu für längere Zeit engagirt waren,
konnte ich nicht unthätig im Lager behalten, auch lag mir viel daran
der Dorfbevölkerung zu zeigen, daß wir unbeachtet aller Vorgänge weiter
oberhalb des Flusses, uns nicht abhalten lassen friedlicher Arbeit
nachzugehen.
Mehrmals berichteten mir die Zimmerleute und namentlich Ottlich, der
es vorzog öfters im Urbusch Streifzüge zu unternehmen, unter anderen
verfolgte er jenen von uns früher begangenen Fußpfad und fand an dessem
Ende ein Wangonidorf, auch überschritt er den Nebenfluß des Schire
und untersuchte jenen schönen Waldbestand, den wir früher gesehen und
der herrliche Bäume aufzuweisen hatte aber eine Begräbnißstätte war,
daß sie nebst anderen wilden Thieren Löwen gesehen hätten, auch einst
den Thieren unvermuthet nahe gekommen wären und nur durch schnelle
Flucht sich ihnen entzogen hätten. Mir war es nichts Neues das zu
hören, machte ich doch später selber in jener Gegend die unliebsame
Bekanntschaft mit dem König der Thiere, aber die Besorgniß wollte mir
etwas übertrieben erscheinen, ich beschwichtigte diese jedoch indem ich
einige Leute mehr und alle gut bewaffnet, mit hinausziehen ließ.
Fataler war ein Vorfall der am 6. Februar passirte: Ottlich war wie
gewöhnlich am frühen Morgen mit seinen Leuten ausgezogen, und bereits
an das andere Ufer des Schire mit der Kanoefähre gesetzt worden, als
ihm beim Durchmarsch durch das Dorf von den Bewohnern der Weg verlegt
wurde, die drohend die Waffen schwangen und denen er schließlich
weichen mußte ohne sich erklären zu können aus welcher Ursache diese
feindliche Haltung hervorgegangen war. Er verstand leider kein Wort
der Landessprache ebensowenig Suaheli und brachte daher diese Haltung
der Dorfbewohner in Zusammenhang mit dem Aufstand, die Zimmerleute
indes, die den Sachverhalt erkannten, suchten auf gütlichem Wege den
Streit beizulegen und brachten es dahin, daß zwei Abgesandte mit zum
Lager gesandt wurden, die mir ihre Beschwerden vorbringen sollten. Als
diese ins Lager gekommen waren beklagten sie sich darüber, daß der
weiße Mann ihren geheiligten Todtenhain betreten hätte mit der Absicht
Bäume zu fällen, worunter ihre Todten begraben liegen, dieses aber
würden sie nicht dulden, und voraussetzend meine Leute wollten nochmals
dorthingehen, haben sie es verhindert. Obwohl ich wußte, daß Ottlich
ohne Auftrag gehabt zu haben jenen Hain betreten hatte, stellte ich
mich doch so, als wenn mir dieses neu wäre, konnte aber den Abgesandten
die Versicherung geben, daß kein Baum angerührt noch irgend ein Grab
beschädigt worden sei, in Zukunft auch Niemand mehr jenen Waldtheil
betreten werde. Ein kleines Geschenk stellte sie denn ganz zufrieden.
Die Abtheilung aber ließ ich sofort wieder mit ihnen gehen, indem ich
die Abgesandten aufforderte sich von jenen Orten zu überzeugen, wo
wirklich Bäume gefällt sind und gearbeitet wurde.
Dieser Vorfall bewog mich indes, da ich in dieser Zeit der Aufregung
dem geschlossenen Frieden nicht mehr recht traute, an diesem Tage
die Leute zum letzten Male hinauszusenden, denn ich konnte mir nicht
verhehlen, daß die Abtheilung im Urbusch gelegentlich mal leicht
gefährdet sein könne. Auch durch die jetzt schnell heranstürmenden
Ereignisse wurden wir verhindert vorerst daran denken zu können diese
Arbeit wieder aufzunehmen. --
Eigenthümliche fast kuriose Anschauungen fördert der Ahnenkultus
zu Tage, der von allen diesen Völkern geübt wird. Der krasse tief
eingewurzelte Aberglaube ist es, der fast immer die Handlungen der
Einzelnen sowie der Gesammtheit leitet, auch zu bestimmten Gebräuchen
hat dieser die Veranlassung gegeben, namentlich bei den Todtenfesten.
Der Medizinmann (Zauberer), die geachteste Persönlichkeit in jedem
Dorfe, ist sozusagen die Verkörperung des Unbegreifbaren für Jedem, und
achtungsvoll lauscht Jung und Alt seinen Worten, wenn er gelegentlich
seine prophetische Gabe zum besten giebt oder Beschwörungen vornimmt.
So bannt z. B. dreitägiger toller Lärm den Geist eines Verstorbenen
in der Hütte, die über dessen Grab eingerissen wurde; Grabstätten
vornehmerer Todten aber, die an einsamen Orten unter den schönsten
Bäumen errichtet wurden, dürfen nie zerstört werden damit die dort
weilenden Geister nicht vertrieben und umherwandernd Unheil anrichten,
namentlich an dem Lebenden sich rächen können, die diesen einst Uebels
gethan. Solcher Aberglaube hat mir später noch genug Scherereien und
manche schlaflose Nacht bereitet -- doch ich will nicht vorgreifen,
sondern die Ereignisse wie sie auf einander folgten, aufzählen.
13. Der Kampf.
In Mpimbi also wurden nun die in größter Eile von den Plantagen
zusammengerafften Leute von den Engländern einexerzirt so gut es
eben gehen wollte. Einem Offizier, wie Kapitän Johnston, konnte es
natürlich nicht zweifelhaft sein, daß mit solchem Menschenmaterial
so gut wie nichts anzufangen sei, vielmehr im ersten Kampf schon die
Gefahr nahe lag, es würde die größte Unordnung vorherrschen, war doch
zu befürchten, daß Leute, die nie an Ordnung gewöhnt, nie ein Gewehr
in Händen gehabt, mit den Waffen Freund und Feind leicht verletzen
konnten. Die Exerzitien liefen denn auch nur darauf hinaus, den
Abtheilungen beizubringen, auf das Kommandowort ihres Führers zu hören,
den Gebrauch der Gewehre zu erklären und Zielübungen vorzunehmen.
Damit auch Freund und Feind zu unterscheiden sei, wurden den Atonga
rothe Turbans und Armbinden, den Makua und Suaheli aber gleiche weiße
Abzeichen gegeben; die Kapitaos der Atonga, von denen jeder 10-20
Mann hatte, trugen dazu als Abzeichen hinten herabfallende Decken,
in allen Farben schillernd, und bunten Federschmuck in den wolligen
Haaren. Uebereifrig und kampfbegierig wie diese Leute waren, machte es
einen imposanten Eindruck, die so geschmückten Krieger vor der Front
hin und her springen zu sehen; führten sie aber ihre Kriegstänze auf,
bot die bunt durcheinander, bald im langsamen Tempo, bald im wilden
Ansturm tanzende und laufende Menge ein groteskes Bild. Angefeuert
durch einen wilden, unharmonischen Gesang, konnten die Leute sich bis
zur Wuth dadurch aufreizen lassen -- die Wildheit ihrer Bewegungen, das
Geheul und Waffenschwingen, wenn sie urplötzlich gegen die Zuschauer
anstürmten und kaum einige Zoll vor den Europäern dieselben parirten
und zurücksprangen, mußte in Jedem, der nicht mit solchem Waffentanz
vertraut war, ein etwas unbehagliches Gefühl erwecken.
Am 8. Februar, Nachmittags, kaum daß etwas Disziplin in die
ungeordneten Haufen gebracht war, brach der Kommissar Mr. Johnston
mit seiner Kolonne auf und in langen Zügen, voran die Krieger, denen
die Träger-Abtheilung folgte, marschirten alle durch unser Lager, um
durch den Wald den freien Fußpfad nach Perisi zu gewinnen. Man kann
sich kaum denken, wie stolz und selbstbewußt der Neger einherschreitet,
sobald sein Lieblingswunsch erfüllt ist, ein Gewehr zu besitzen,
unüberwindlich dünkt er sich -- obwohl er die Waffe kaum zu hantiren
versteht -- Pfeil und Speer in seiner Hand sind viel gefährlichere
Dinge als das beste Gewehr. Gebräuchlich ist es heute bei den
kriegführenden Parteien, die Macht nach der Anzahl vorhandener
Gewehre abzuschätzen; der Kampf wird dadurch weniger blutig, weil sie
mit diesen Waffen noch nicht recht umzugehen verstehen, allein das
Bewußtsein schon, dem gleichartigen Gegner überlegen zu sein, verbürgt
oft den Sieg. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr aber erwächst den
Europäern, sofern nicht der Gewehrhandel, der im Geheimen trotz aller
Verbote schwungvoll betrieben wird, nach Möglichkeit unterbleibt --
der Neger lernt schließlich auch das Schießen -- und wo heute noch
eine Handvoll Europäer gefürchtet wird, ist diese späterhin nicht
mehr zureichend, schreitet auch die Kultur unaufhaltsam vorwärts,
wird doch der Kampf immer heftiger entbrennen! Ich kenne Volksstämme,
deren Unterwerfung sehr viel Blut gekostet hat, ehe die Schuld Weniger
ausgetilgt wurde; sicherer noch im Gebrauch der Waffen wie der
Europäer, waren die Eingeborenen furchtbare Gegner, -- ich will hier
nur der Anstrengung Erwähnung thun, welche es den Spaniern gekostet
hat, die Carolinen-Inseln zu unterwerfen.