befriedigen, und soweit ich die Ausdrücke der zuschauenden Männer
beurtheilen konnte, auch diese mit Genugthuung zu erfüllen; sah doch
ein Jeder, daß keiner unter ihnen zu kurz kommen würde, wenn die Frauen
das erhaltene ihnen wieder abgeben würden. Als die Frauen und Fräulein,
halb in Evakostüm, abgefertigt waren, wandte ich mich dem stupide
dreinblickenden Häuptling wieder zu und legte der still zuhörenden
Versammlung meine Wünsche vor. Es schien, daß über das Für und Wieder
meines Anliegens der Sprecher nichts zu erwähnen habe und der Häuptling
stillschweigend zu allem seine Zustimmung gebe, nur als ich noch um
Stellung einer Anzahl Arbeitskräfte antrug, wurde mir dieses mit dem
Bemerken abgeschlagen, die Männer und Frauen sind jetzt in den Matama-
und Maisfeldern beschäftigt.
Das absolute Stillschweigen Tschikusis zu allem Gesagten, der
übrigens keinen besonders imponirenden Eindruck machte und dessen
Kopf vom letzten Rausche noch bedenklich schwer erschien, indem er
sein würdevolles Haupt zeitweilig tief sinken ließ, wollte mir nicht
gefallen und ob auch der Sprecher die Zusicherung gab, der Fumo ist mit
allem einverstanden, so wollte ich doch auch aus diesem schwarzbärtigen
Munde selbst die Bestätigung hören, vorausgesetzt, daß er überhaupt
sprechen wollte, was wie ich gehört, zeitweise ganz vernehmlich und
nachdrücklich geschehen könne. Daher kehrte ich mich nicht weiter an
das plappernde Faktotum sondern rückte Tschikusi direkt zu Leibe, und
siehe da, die stummen Lippen öffneten sich und ich hörte die Zusage
von diesem gefürchteten Häuptling selber -- das genügte mir. --
Eigentlich wider Erwarten rasch war diese Angelegenheit von den
Betheiligten erledigt worden, nur meinerseits hatte ich den bekundeten
guten Willen noch dadurch zu belohnen, daß ich jedem der Männer nun
gleichfalls ein Geschenk überreichen ließ; des Häuptlings und seines
Ministers selbstverständlich ganz besonders gedenkend. Immerhin waren
diese gering anzuschlagen gegenüber der Thatsache, daß hierdurch vielen
Scherereien aus dem Wege gegangen war.
Am andern Morgen, als ich zum zehn Minuten vom Lager entfernten
Bauplatze mit Handwerkzeug und einigen Suaheli auszog, kamen wir den
unter den hohen Bäumen dort Matama stampfenden Weibern etwas ungelegen,
denn widerwillig schienen sie nur weichen zu wollen und uns den Platz,
worauf sie so lange unbeschränkt ihren häuslichen Verrichtungen hatten
nachgehen können, zu überlassen. Unangenehmer noch war es ihnen, von
der so bequem gelegenen Wasserstelle ablassen zu sollen, die unter dem
Schatten zweier mächtiger Bäume an der hier seichten Uferstelle sich
befand; sonst fiel das Ufer überall steil ab und bot sich in der Nähe
kein Zugang weiter zum Flusse.
Als Schöpfapparat bedienen sich die Frauen des weitverbreiteten
Flaschenkürbis, dessen Form und feste Schale sich ganz besonders
dazu eignet; wagen sie es nicht der Krokodile wegen hiermit Wasser
zu schöpfen, so wird in dem ebenfalls hohlen Stengel eine Stange
eingeschoben und sie können nun damit nach Belieben und mit Sicherheit
klares Wasser erlangen; ihre Wasserbehälter sind aus Thon gebrannte
Töpfe und werden stets mit Geschick auf den Köpfen getragen.
Ehe ich nun die Reinigung des Platzes vornehmen ließ, der übrigens
zum größten Theil mit hohem Grase bestanden war, hatte ich die
Grenzen desselben abzustecken, wobei ich, um Raum zu gewinnen die
Linie so dicht an einzelnen vorstehenden Hütten entlangführte, daß
der projektirte Zaun diese berühren mußte. Zur Linken, dem Flusse
zugekehrt, hätte ich wohl Terrain gewinnen können, da hier die Hütten
weit genug zurück lagen, aber meine Absicht, soviel zu nehmen als nur
möglich, wurde durch den Widerspruch der Dorfbewohner vereitelt, indem
sie eine eingerissene Hütte worunter ein Todter begraben lag, nicht
in der geplanten Umzäunung eingeschlossen wissen wollten. Auch die
Entfernung einiger Hütten, die mir landeinwärts äußerst hinderlich,
konnte ich aus diesem Grunde nicht durchsetzen; sie wollten absolut
nichts davon wissen, obgleich ich strenge Schonung der Grabstätten
zusagte, wenn diese in unserem Bereich verblieben.
Die Länge des Platzes, etwa 150 Fuß hätte mir genügt, nur die Breite
von 85´ nicht, denn die tiefe Rinne welche ich graben lassen mußte
würde 110´ landeinwärts betragen. Vorläufig jedoch ließ ich mir daran
genügen, um Verwickelungen aus dem Wege zu gehen, die sehr leicht
durch ein schroffes Auftreten entstehen konnten, zumal es mir nicht
unbekannt geblieben, daß auch hier die Gesinnung der Bevölkerung gegen
die Engländer keine günstige war, gewährt und hervorgerufen durch die
zwangsweise Eintreibung der ausgeschriebenen Kopfsteuer.
Um die Arbeiten nun nach Möglichkeit zu fördern, namentlich die
Umzäunung vorzunehmen, suchte ich die Dorfbewohner dazu heranzuziehen
in der Weise, daß, wenn sie sich nicht in Tagelohn (d. h. per Woche
bekam hier der Arbeiter zwei Faden = 12 Fuß Zeug) annehmen lassen
wollten, sie mir alltäglich auf ihrem Rückwege von den Feldern
Rohrbündel mitbringen sollten, die ich ihnen à zwanzig Stück, mit
einem Faden Zeug bezahlen wollte; aber aus der beträchtlichen Zahl
Männer und Frauen fanden sich nur wenige, die auf dieses Anerbieten
eingingen, und das Herbeischaffen von Rohr ganz unterließen, als ihnen
der ausbedungene Preis nicht schon bei acht oder zehn Bündel voll
ausgezahlt wurde. In sumpfiger Niederung oder am Flußufer wächst dieses
Rohr in so großer Anzahl, daß es wirklich den Leuten keine Mühe machte
es zu schneiden und mitzubringen, allein, jede unnöthige Arbeit hassen
sie und machten sich daher nichts aus dem Verdienst; ihre Ansprüche so
äußerst gering, -- fühlen sie nicht das Bedürfniß nach mehr.
Eifrig bestrebt nach Möglichkeit die angefangenen Arbeiten zu fördern,
zog ich mit wenigen Leuten öfter in den das Lager umgebenden Wald, um
in diesem passende Hölzer zum Bau der Häuser auszusuchen und zu fällen,
hauptsächlich weil das Herbeischaffen der benöthigten Baumstämme von
den Bergen für meine paar Leute sehr zeitraubend und schwierig war,
konnte ich doch nur des Morgens eine Abtheilung hinaussenden, die um
Mittag zurückgekehrt, dann Ruhe haben mußten, damit die Leute Nachts
den Postendienst versehen konnten. Der das Lager umgebende Wald,
bestand meistens aus hohen Bäumen, jedoch das Untergebüsch war so wild
und dicht, daß man nur mit der Axt einen Weg hindurch bahnen konnte
und fast kein Sonnenstrahl durch die hohen dichten Kronen der Bäume
und diesem Blättermeer zu dringen vermochte, -- die vorherrschende
Dämmerung, die tiefe Einsamkeit in diesem erweckten das Gefühl, als
wäre man entrückt und fern aller menschlichen Wohnstätten, oder
befände sich auf einem Kirchhof, auf welchem die gestürzten modernen
Waldriesen der Natur den Tribut zahlten. Hier war auch die Behausung
der Panther und Hyänen, die nächtlicher Weile das Lager umschlichen;
solche die zwar vor den Menschen flohen und nur selten sich blicken
ließen, dagegen in der Dunkelheit ohne Scheu die hindernden Dornhecken
des Lagers übersprangen um nach Beute Umschau zu halten. Viel Schaden
haben uns die Räuber dadurch zugefügt, daß sie trotz der wachsamen
Posten uns manche Ziege raubten, oder die Wildkatze in den Hühnerstall
eindrang und Verheerungen anrichtete.
Einen Fall von der Kühnheit eines Panthers will ich hier anführen: Im
Lager, das von Dr. Röver später bedeutend ausgebaut wurde, verblieben
die Soldatenwohnungen an der Waldliesère, wie ich sie hatte aufführen
lassen bestehen. Diese langgestreckten Hütten nach der Innernseite
zu fast ganz offen, im Hintergrund so niedrig aber, daß das Dach
fast den Erdboden berührte, waren für jede Abtheilung in besondere
Räume getheilt und mit den provisorischen Schlafstätten der Soldaten,
selbsterrichtete Kitandas so angefüllt, daß in der That nur schmale
Gänge übrigblieben. So gezwungen immer auf den Kitandas zu sitzen oder
zu liegen, wurden im Vordergrund meistens kleinere Feuer unterhalten,
die während der meisten Nachtstunden, so lange die Leute noch munter
oder sich unterhaltend umherlagen, das dunklere Innere etwas erhellen
sollten. Eines Abends also, alles hatte sich zur Ruhe gelegt, wurden
die mitten im Lager angebundenen Ziegen unruhig und ein Posten, der
es bemerkt, verscheuchte durch seine Annäherung das Raubthier; der
auf dasselbe abgegebene Schuß aber alarmirte sofort das ganze Lager.
Es war ein Panther, der nun, da er nicht im Stande war, den Ausweg zu
ereichen, sich in eine der Soldatenhütten einschlich und unter eine
Kitanda verkroch. Der betreffende Schläfer durch den Alarm ermuntert,
bemerkte, daß unter seiner Schlafstelle etwas nicht in der Ordnung
sein mußte und sich niederbückend, sah er beim Scheine des in der
Nähe glimmenden Feuers vor sich die glühenden Augen des gefährlichen
Raubthiers. Er folgte dem ersten Impulse das Thier zu verscheuchen,
erfaßte einen glimmenden Holzscheit und schlug nach den funkelnden
Katzenaugen.
Der Panther, von dem plötzlich entstandenen Lärm nun wohl schon
ängstlich gemacht, wich dem Schlage aber aus, und die dünne Graswand
durchbrechend, gewann er das Freie. Ein junger Teckel, der einzige den
wir noch besaßen, hatte sich zu nahe gewagt und wurde von dem Panther
erfaßt, während dieser den Gang zwischen Häuser und Hütten durchlief,
hier über die Dornhecke setzte und im Walde verschwand, aus welchem das
ängstliche Geheul des Hundes noch vernehmbar, allen anzeigte, welchen
Weg der Räuber mit seiner auf der Flucht erfaßten Beute eingeschlagen
hatte.
Sehr oft haben auf diese Weise die kühnen Panther uns die Nachtruhe
gestört und meistens immer ein Zicklein oder größere Ziege erbeutet;
weite Streifzüge sind unternommen worden oder den Räubern Hinterhalte
gelegt, nie aber gelang es eines der gewandten Thiere bei der
herrschenden Dunkelheit zu erlegen, höchstens wurde ihnen, die durch
einen Schlag mit der mächtigen Tatze getödtete Ziege wieder abgejagt.
Den Wald, den ich wie gesagt nach passenden Baumstämmen absuchte,
lernte ich auf diesen Streifzügen genügend kennen ohne jedoch
reichliches Material an jungen schlankgewachsenen Stämmen vorzufinden,
im Gegentheil die Ausbeute war nur gering zu nennen, auch fand ich nur
brauchbares Material an den hohen Ufern des jetzt trockenen Wildbaches
vor, der diesen Wald durchschnitt und in der Regenzeit die Bergwasser
dem Schireflusse zuführte.
Im tiefsten Walddunkel, wo das Unterholz weniger dicht und nur Farne
unter den hohen Bäumen wucherten, fand ich auch unvermuthet eine
Grabstätte, etwa fünfzig Gräber dicht an dicht gereiht. Kein Fuß eines
Eingeborenen verirrte sich je hierher -- selbst meine Leute vermieden
diese Stätte zu betreten, wenn ich den einen oder anderen der kürzeren
Entfernung wegen von dem Wildbache aus zum Lager sandte, und machten
lieber einen Umweg. Einladendes hatte diese Grabesstille gerade nicht,
so versteckt lag der Ort und so düster war die ganze Umgebung; jedes
Grab war mit Topfscherben übersät, die den einzigen Schmuck der Hügel
bildeten, soweit solche noch zwischen Gras und Kräuter erkennbar waren,
sonst zeigte nichts an wer wohl unter einem der Hügel die Ruhe gefunden
hatte. Genöthigt beständig zwei Leute, die der Sprache der Eingeborenen
mächtig waren, zum Einkauf von Proviant auszusenden, -- den Einkauf
besorgte der Suaheli Hamissi, -- sandte ich diese vorerst immer nach
Perisi in welchem Dorfe mir die Zusage gegeben worden war meinen Boten
Proviant verkaufen zu wollen. Durch diese Leute nun, die meistens auf
solcher Tour zwei Tage ausblieben und Gelegenheit hatten Verschiedenes
zu hören und zu sehen war ich einigermaßen von der Gesinnung der
Bevölkerung unterrichtet und konnte aus den gemachten Mittheilungen
entnehmen, daß die überall verbreitete Unzufriedenheit einen schlimmen
Ausgang nehmen würde.
Am 21. Januar wieder nach Perisi zurückgekehrt, berichtete Hamissi,
er sei durch zugezogene Leute im Dorfe während der Nacht überfallen
worden und hätte nur dadurch die Angreifer von sich abgehalten,
weil er gedroht habe zu schießen, am Morgen hätte er dann eiligst
den Rückmarsch antreten müssen und von den eingekauften Vorräthen
wenig mitnehmen können. Dieser Vorfall war um so bedenklicher, als
die beste Quelle, woher ich Lebensmittel erhalten konnte, fortan für
uns verschlossen war; es blieb mir daher nichts anderes übrig, als
die Leute nun in die flußabwärts liegenden Dörfer zu senden, die
weit zerstreut und wenig bevölkert, nur in geringem Maaße Naturalien
abzugeben vermochten. Im Dorfe Mpimbi selbst war nichts zu erhalten
waren auch Ziegen, Schafe und Hühner reichlich vorhanden, so weigerten
sich die Bewohner doch, uns das Geringste abzulassen.
Die im Umlauf befindlichen Gerüchte ließen auf eine immer mehr
wachsende Erregung schließen, nur wußte man nicht, woher solche kamen,
auch fehlte dafür ein bestimmter Anhaltspunkt; so hatte ich auch
persönlich das Gefühl, wenn ich auf dem Wege zur Werft oder im Dorf
einem Trupp Männer begegnete, daß die schwarzen Gestalten sicher nichts
Gutes im Schilde führten und diesen gegenüber Vorsicht geboten wäre.
Etwas freie Hand bekam ich erst durch die Ankunft eines Transportes von
Katunga, der mir unter Führung des Maschinenmeisters Spenker und des
Zimmermanns Ottlich Schiffsmaterial brachte, allein auch die Sorge für
die Verpflegung erhöhte, denn ich hatte eine Verstärkung der Besatzung
nicht gewünscht, schon aus dem Grunde nicht, weil es so schwierig
war, genügende Lebensmittel zu erhalten; das nur war mir lieb, einen
Vertreter jetzt im Lager zu haben, denn nun konnte ich daran denken, am
anderen Schireufer eine Exkursion zu unternehmen, um im dichten Urbusch
einige Bäume auszusuchen, die gefällt, zu Balken behauen werden mußten.
Auf dem linken Ufer fand ich solche hohen und geraden Bäume die dem
Zweck entsprochen hätten nicht, waren doch zur Kielunterlage 200 Fuß
Balken nöthig, welche das Gewicht des eisernen Körpers zu tragen
hatten, auch mußte jeder Balken möglichst lang sein, um ein Einsinken
in dem theils vom Flußwasser, theils vom Regen aufgeweichten Grund zu
verhindern. Lange Wochen würde diese Arbeit in Anspruch nehmen und
hatte ich mir deren Beendigung mit der Fertigstellung der Ausgrabung
auf der Werft zusammenfallend gedacht, sofern das drohende Unwetter
sich verziehen würde und ich in Ruhe meinen Plan zur Ausführung bringen
könnte, der darin bestand, mit allen verfügbaren Kräften vorzugehen,
sobald die nothwendigsten Arbeiten im Lager beendet sein würden. Es
sollte freilich ganz anders kommen. --
Ich hatte den Abmarsch zum anderen Ufer nun einmal geplant, deshalb
führte ich diesen am Morgen des 24. mit einer kleinen wohlausgerüsteten
Truppe auch aus. Hätte mir ein Boot oder Kanoe zur Verfügung gestanden,
würde der Marsch sehr verkürzt worden sein, indem ich dann direkt
über den Fluß gesetzt wäre und versucht haben würde, durch das hohe
Ufergebüsch einen Weg in das hinterliegende Terrain zu bahnen, so aber
waren wir gezwungen, weit unterhalb Mpimbi die einzige Kanoefähre zu
benutzen, welche von dem der Station Scharrer gegenüberliegenden Dorfe
unterhalten wurde. Gegen eine Bezahlung in Zeug setzte uns auch der
schwarze Fährmann mit seiner Nußschale hier über den stark strömenden
Fluß, dann durch die Irrwege dieses ausgedehnten Dorfes, angekläfft
von den höchst unansehnlichen Hunden, folgten wir einer bestimmten
Richtung, bis wir schließlich, weithin sich erstreckende Maisfelder
hinter uns lassend, an das hohe Ufer eines Nebenflusses des Schire
gelangten und hier auf einem schmalen Fußpfad, durch Büsche und hohes
Gras, vordrangen.
Rasch marschirend, hatten wir bald ein welliges Terrain erreicht
und konnten von freier gelegenen Punkten bessere Umschau halten,
jedoch vergeblich suchten wir auf der weiten Fläche nach passenden
Bäumen. Nur zur Linken, wo das tieferliegende Gelände weithin mit
undurchdringlichem Gebüsch und Rohr längs dem ganzen Flußufer bedeckt
war, ragten die Kronen hundertjähriger Baumriesen empor, deren Stämme
schlank in die Lüfte strebten.
Vereinzelt freilich standen diese Bäume inmitten einer Wildniß,
wie solche nicht großartiger gedacht werden kann; ein fester Wall,
eine lebende Mauer schien hier aufgethürmt zu sein, die sich kein
Menschenkind unterfangen konnte zu durchbrechen. Meilenweit schon
hatten wir den einzigen Pfad verfolgt, der zu einer bewohnten Stätte
führen mußte, aber auch vergeblich versucht, links durch das Dickicht
zu dringen, immer wieder mußten wir zurückweichen. Endlich, in einer
Senkung sahen wir eine Lücke, wo das Dickicht zurücktretend, einer
ausgedehnten saftigen Wiese Raum gelassen hatte und hier gelang es erst
einem der mächtigen Bäume nahezukommen. In 50 Fuß Höhe begannen die
fast wagerechten Aeste sich erst auszubreiten, die Krone des Baumes war
gewaltig, der Stamm wohl zwölf Fuß im Umfang und fast wollte es mir
als zu schwer erscheinen, aus solchem Riesen einen passenden Balken zu
behauen, aber waren alle anderen im dichten Gebüsch nur annähernd so,
dann blieb nichts anderes übrig, als rüstig an die Arbeit zu gehen.
Beim weiteren Suchen fanden wir auch einen Flußpferdpfad, und da
dieser sicherlich zum Wasser führt, bot sich die einzige Möglichkeit
in das Dickicht vorzudringen; schnell entschlossen folgte ich diesem,
hoffend, jenen Bäumen näher zu kommen, die für uns sonst unreichbar
waren. Auf ausgetretenem schlammigen Grund, den die Füße der mächtigen
Thiere zerstampft hatten, schritten wir fort, über uns Strauch, Busch
und Rohr, gleich einer festverbundenen Decke und im Gange selbst tiefe
Dämmerung, nur zuweilen brach ein schwacher Lichtstrahl durch die grüne
Wölbung. Ueber Wurzeln und wie Hanftaue starke Schlingpflanzen zu
stolpern, war kein angenehmes Wandern, Zweige, die einem Kiboko nicht
hinderten, sperrten uns den Weg und mancher empfindliche Schlag traf
dazu das Gesicht. Indes nach längerem Vordringen kamen auch freiere
Stellen, wo man sich besser bewegen konnte und weniger dichtes Gebüsch
eine Umschau gestattete. Es gelang auch mit Buschmessern eine Bahn zu
hauen und zu mehreren Bäumen heranzukommen, jedoch wider Erwarten waren
deren Stämme zu krumm, oder ihr Umfang zu gewaltig und nur zwei hätte
ich als brauchbar bezeichnen können.
Da nun der Zweck erreicht war, so folgten wir den Spuren der
Flußpferde, nur um unsern Durst am frischen Wasser zu löschen und
standen endlich nach vielen Mühen am Ufer des Flusses, den wir am
frühen Morgen nahe seiner Einmündung in den Schire bereits gesehen
hatten. Das Flußbett schien an dieser Stelle eine Strecke auf- und
abwärts tief zu sein, was in mir den Wunsch erweckte, dasselbe genauer
zu untersuchen, denn vielleicht wäre es möglich, die Balken später
flußabwärts zu flößen, das einfachste und bequemste Mittel, uns die
schwere Arbeit zu erleichtern. Gesagt, gethan -- an der Uferböschung
entlang ging es vorwärts, nicht achtend der spitzen Stacheln, des
messerscharfen Schilfgrases und der Stiche blutdürstiger Insekten und
möglichst mit dem Flusse Fühlung haltend, bemerkten wir bald flacheres
Wasser und indem wir nun den strapaziösen Weg im Gebüsch aufgaben,
schritten wir auf dem Flußgrunde und über freiliegende Sandbänke fort.
Der Ausdehnung nach zu urtheilen, welche das größtentheils jetzt
trockene Flußbett hatte, mußten hier zeitweise gewaltige Wassermassen
dem Schire zugeführt werden und wo wir jetzt trockenen Fußes gingen,
sich wilde Wogen wälzen, was aus dem starken Gefälle zu schließen war.
Ich hatte mich auch bald überzeugt, daß es eine Unmöglichkeit war, zur
Zeit diesen Fluß zu benutzen, selbst sein seichtes Bette bot nicht mal
einen bequemeren Weg; darum, sobald das dichte Ufergebüsch hinter uns
lag, kletterten wir die steilen Uferwände wieder hinauf und setzten
unsern Weg quer landeinwärts fort.
Zwar hatten wir am anderen Ufer eine Strecke ins Land hinein, wo ein
unabsehbarer Urwald sich ausdehnte, hunderte der schönsten Bäume
erkennen können, doch nahm ich vorläufig davon Abstand, dieses näher
zu untersuchen, einestheils weil der Fluß zu überschreiten war,
anderntheils auch der Weg dorthin noch schwieriger erschien. Keinen
Augenblick im Zweifel, wie groß die Schwierigkeiten sein würden, welche
das Schlagen breiter Wege in solchem Terrain verursachen mußten, war
mir das Eine klar, daß dieses Werk nur mit Energie begonnen und mit
festem Willen zu Ende geführt werden könne. Major von Wißmann selber,
in dessen Lexikon das Wort »Unmöglich« nicht verzeichnet steht, würde
solcher Aufgabe seine Anerkennung nicht versagt haben, hätte er
persönlich sich von den Mühen und Fährlichkeiten überzeugen können; so
schwierig wenigstens hätte sich der große Kenner Afrikas diese Arbeit
auch nicht vorgestellt. Und doch war es nur erst der Anfang!
In später Nachmittagstunde den Weg wieder kreuzend, den wir am Morgen
verfolgt, nahm ich mir einen Mann mit und schritt rüstig dem Schire
zu, um mit dem Häuptling jenes Dorfes nähere Vereinbarung zu treffen,
uns die Fähre und Wege durch sein Dorf benutzen zu lassen, während
Ottlich mit den Leuten weiter vordringen sollte, theils das Terrain zu
erkundigen, theils Bäume noch auszuwählen, damit der vorläufige Bedarf
an Balken gedeckt würde.
Um das einmal begonnene Werk nun auch fortzusetzen, da es das
schwierigste war, welches vorläufig unternommen werden mußte, so
suchte ich mir die besten Leute aus, die eine eigene Kolonne bilden
und beständig für die Arbeiten im Urbusch verwendet werden sollten,
wenigstens so lange, bis die erbetenen schwarzen Zimmerleute,
ausgebildete Missionszöglinge, von Blantyre durch Dr. Röver
übersandt werden konnten. Zunächst jedoch führte ich noch selber
diese Abtheilung, bis im Dickicht gangbare Wege zu jenen Baumriesen
geschlagen waren, dann überließ ich das weitere Ottlich, der nach
Bedarf die Leute vertheilen und anstellen konnte. Wäre nicht die
schwierige Frage der Proviantirung gewesen, hätte ich den Leuten in der
Wildniß Hütten bauen lassen, um diesen den beschwerlichen Marsch von
zehn englischen Meilen täglich zu ersparen und durch so verlorene Zeit
die Arbeit zu fördern gesucht.
Die deutsche Expedition, in friedlicher Arbeit auf englischem Gebiet,
hätte keine Ursache haben sollen, die Verwicklungen weiter zu beachten,
welche den Engländern mit den Eingeborenen dadurch entstanden, daß
sie deren Häuptlinge zur Botmäßigkeit zwingen wollten, die Ausdehnung
der englischen Macht sollte mit dem Wunsche nach Landbesitz gleichen
Schritt halten.
So war es möglich, daß zwischen Zomba und Fort Johnston der Aufstand
ungehindert ausbrechen konnte, selbst wir Deutsche uns selber schützen
mußten, ja mehr, die völlig unzureichende Macht mit allen Kräften zu
unterstützen hatten, um von ihr und uns großes Unheil abzuwenden. Die
Ursachen zu der allmählich sich entwickelnden großen Unzufriedenheit
in der Bevölkerung liegen unzweifelhaft tiefer; zieht man aber die
Methode der Engländer in Betracht, wie sie ihren Kolonialbesitz zu
mehren suchen, geht man nicht fehl, zu behaupten, daß oft absichtlich
der böse Same ausgestreut wird, der aufschließend die Empörung bringt,
dann aber den Engländern nach der Niederwerfung eines Aufstandes auch
das gewünschte Recht giebt, um den Empörern alles zu nehmen. Was nicht
kaufmännische List und diplomatische Kunst fertig gebracht, vollbringt
die Gewalt!
Ich greife zurück auf die unter der Asche glimmende Gährung in der
Bevölkerung, die nur eines Anstoßes bedurfte, um blutig aufzuflammen;
vielleicht war dieser zu früh gegeben, vielleicht auch nicht.
Einzugreifen sah sich der englische Kommissar Mister Johnston
genöthigt, als Sklavenjäger vom portugiesischen Territorium einfallend,
selbst bei Zomba, dem Sitze der Regierung, einen Mann wegraubten, und
später, oberhalb des Flusses bei Lionde mit der Bevölkerung gemeinsame
Sache gemacht hatten. Unter dem Vorwande nun, daß ein Halbaraber
in einem Dorfe am rechten Ufer einen Knaben als Sklaven erstanden
habe, dieser wenigstens mit Wissen des Dorfhäuptlings verkauft
sei, sandte der Kommissar eine kleine Abtheilung unter Befehl des
Sergeanten Hoarse aus, den Sklavenhändler festzunehmen. Hoarse, der
während unserer Anwesenheit in Mpimbi bisher die neben unserem Lager
befindliche Station vorgestanden und eigentlich nur als Expedient für
die mit offenen Booten nach Fort Johnston zu schaffenden Briefschaften
und Regierungswaaren fungirt hatte, gleichwohl aber auch in Mpimbi
Steuererheber etc. war, brach am 23. Januar auf.