Geraume Zeit noch, als wir das bald nutzlose Feuern schon längst

eingestellt hatten, arbeiteten wir mit den Paddeln vorwärts, um uns

von der Heerde so schnell als möglich zu entfernen; das Brüllen und

Grunzen hinter uns war eine gute Anfeuerung, alle Kräfte einzusetzen

um fortzukommen. Wie gewandt das mächtige Thier auf dem Grunde laufen

kann, dies wußte ein Jeder; es kann sehr schnell verfolgen, und wird

nur dadurch Zeit verlieren, wenn es hoch kommt um Luft zu schnappen,

oder Umschau hält nach dem verloren gegangenen Gegner. Die Dunkelheit

begünstigte in dieser Hinsicht unsere Flucht besonders, aber als wir

eine Stunde später die Schire-Einfahrt gewonnen und bald darauf das

Kanoe bei Werra auf dem Strande laufen ließen, wußten wir alle, was

wir geleistet und wie mit knapper Noth wir dem Tode entronnen waren!

Nach einer guten Mahlzeit, die wir uns am Ufer noch bereiteten, der

Magen wollte trotz aller Abspannung das Mahnen nicht lassen, muß ich

bekennen, daß ich nicht mehr Lust hatte, die Strecke bis zur Station

zu gehen, um in eine der Hütten das Lager für die Nacht herrichten zu

lassen, sondern es vorzog, in ein hoch auf den Sand geholten Kanoe

allein zu schlafen, die Ruhe in der freien, stillen Natur, war auch

verlockend; ebensowenig aber kam mir dabei der Gedanke, daß nächtlicher

Weile Flußpferde ans Ufer steigen und ihre Spaziergänge unternehmen

könnten, viel weniger noch kamen mir die Krokodile in den Sinn.

In tiefem festen Schlaf gefallen, wie solchen körperliche Ermattung

herbeiführt, mochte es wohl bereits in den ersten Morgenstunden sein,

als ich durch ein Geräusch am Kanoe ähnlich einem Hin- und Herscheuern

an der Außenwand, aufgeweckt wurde; halbaufgerichtet und unter der

überhängenden Decke durchschauend, konnte ich aber auf der vom

Mondlicht beschienenen Sandfläche nichts Auffallendes entdecken, und

denkend, mag es sein was es will, ich liege ja sicher genug mit den

Waffen zur Seite, schlief ich wieder ein. Am frühen Morgen aber, der

dämmernde Tag war schon heraufgezogen, kam mir sofort die nächtliche

Störung in den Sinn, und vorsichtig über die Brüstung des Kanoe

hinwegschauend, gewahrte ich auch die Ursache. Nämlich drei mächtige

Krokodile, nur wenige Meter entfernt, lagen, die Köpfe dem Lande

zugekehrt auf dem Strand, und schienen dem Anschein nach die Morgenluft

zu genießen, wenigstens waren ihre Bewegungen recht bedächtig und die

halbgeöffneten mächtigen Rachen mit den furchtbaren Zähnen klappten in

Wohlbehagen auf und zu.

Die Aufmerksamkeit der Thiere schien von mir abgelenkt zu sein,

sie beachteten zum wenigsten das Geräusch nicht, welches ich beim

Ergreifen meiner Büchse verursachte, und in der sichern Voraussicht,

daß ich gewiß einem dieser nächtlicher Wächter einen derben Denkzettel

aufbrennen könnte, war ich etwas langsam. In noch liegender Stellung,

im engen Kanoe war ein Zurechtsetzen so schnell nicht gut möglich,

bemerkte ich, daß irgend etwas die Thiere erschrecken müsse, denn sie

wandten sich und krochen zum ganz nahen Wasser. Schnell warf ich die

Decken ab und aufspringend, suchte ich für meine Kugel ein Ziel ...

schneller aber waren die Krokodile in ihrem Element und nur die Furchen

im Wasser zeigten an, wohin jedes sich gewandt hatte. Erst eine Minute

später zeigte sich der Rücken des einen auf der Oberfläche, der von der

zugesandten Kugel gestreift, das Thier wild aufbäumen machte und einmal

mit dem Schwanze das Wasser peitschend, in die Tiefe verschwand.

Zu beiden Seiten des Kanoes fand ich die Abdrücke der Füße der

Krokodile und die glatten Furchen, welche der schwere nachschleppende

Schwanz derselben auf dem Sande zurückgelassen hatte. Es war

zweifellos, die Unholde hatten die Beute gewittert und den Versuch

gemacht, sich derselben zu bemächtigen, daher auch das Geräusch,

welches mich in der Nacht ermuntert hatte. Jedenfalls aber hätte die

unmittelbare Nähe solcher unheimlichen Gesellschaft, wenn mir die

Gefahr zum Bewußtsein gekommen wäre, mich doch nicht wieder in so

sicherer Ruhe einwiegen lassen; konnte mir auch nichts geschehen, so

lange ich nur still liegen blieb, so glaube ich doch, mit dem Schlaf

wäre es wohl vorbei gewesen. --

Beim schnell bereiteten Morgentrunk, der aus einem Becher ungesüßtem

Kakao bestand, wurde der abendlichen Affaire mit den Flußpferden und

dieses nächtlichen Besuches nochmals kurz gedacht, und dann ging es,

sobald die Leute mit dem Einpacken fertig waren, wieder wohlgemuth

flußabwärts, den träge auf Bänken oder am Ufer liegenden Krokodilen

aber, schenkten wir ganz besondere Beachtung, und weckten manches so

unfreundlich aus süßer Ruhe, daß ihm solch warmer Morgengruß Schmerzen

und Tod eintrug.

Für diesen Tag war unser Ziel das Dorf Lionde, wo wir, wenn nicht

die Gastfreundschaft des Arabers Baccari ben Umari in Anspruch

genommen werden konnte, zu rasten gedachten, doch jedenfalls aber

wollten wir diesen aufsuchen, um ihn an sein Versprechen zu mahnen,

damit er uns recht bald Proviant in das Lager zu Mpimbi sende. Es

bedurfte von Seiten der Leute keiner besonderen Anstrengung mehr, die

Fahrt des Kanoe zu beschleunigen, der Strom allein trieb es schon

etwa in der Stunde eine deutsche Meile flußabwärts, sodaß ich einen

Mann zum Auspeilen der Tiefe anstellen und mit Gemüthlichkeit meine

Aufzeichnungen ausführen konnte. So an Dörfern, Wald und Grasebenen

vorüberziehend, war es eine höchst angenehme Fahrt, auch wo wir Einkehr

hielten, wurden wir von den Dorfbewohnern freundlich aufgenommen; war

noch etwas Pombe irgendwo in einer Hütte aufzutreiben, wurde dieses uns

gegen eine angemessene Entschädigung überlassen, denn gewöhnlich geben

sie nicht gerne ihr Bier weg, da sie es in dieser Gegend nicht zum

Verkauf bereiten; wir aber zogen es bei weiten dem warmen Flußwasser

vor.

Gegen Abend, als immer noch nicht das Ziel voraus in Sicht kommen

wollte, beschleunigten wir doch etwas unsere Fahrt, denn fern rollender

Donner und schwarze Gewitterwolken mahnten uns bei Zeiten an eine

sichere Unterkunft zu denken, ehe wir von dem schnell heraufziehenden

Unwetter überrascht werden möchten. Die höchste Zeit war es, daß wir

Schutz und Obdach fanden; denn als das Kanoe an der Landungsstelle

beim Dorfe Lionde am rechten Ufer in das Schilfgras einlief, und wir

das steile Ufer hinaufsprangen und unter der nächsten Hütte zu treten

suchten, deren überhängendes Dach uns Schutz versprach, prasselte der

Regen schon in Strömen hernieder.

Gewohnt, als Europäer von der Hütte eines Eingeborenen nicht

weggewiesen zu werden, solange nicht offene Feindschaft ausgebrochen

und der Neger der Stärkere ist, war der Empfang, den uns ein altes

zeterndes Weib bereitete, etwas überraschend, zumal wir noch keine

Miene gemacht hatten, ihre verräucherte schmutzige Hütte zu betreten,

und uns nur vor dem ersten heftigen Anprall des Gewittersturms zu

decken suchten. Ihr Lamentiren, für uns unverständlich, hatte nur den

Erfolg, daß aus den umliegenden Hütten Männer und Frauen hervorkamen,

die, wie es schien, diese boshafte Alte, nebenbei ein Urbild von

Häßlichkeit, noch mehr aufreizten. Wir ließen uns freilich nicht

stören, hatten aber genügend Grund, über die Ursache solcher scharfen

Abweisung Betrachtungen anzustellen, um so mehr, als einer unserer

Leute das Kauderwelsch der alten Migäre dahin aufklärte, daß wir uns

entfernen sollten, sie wolle keinen weißen Mann unter ihrer Hütte

haben, auch die Reden der anderen Bewohner waren nichts weniger als

freundliche.

Dieser Dolmetscher hatte darauf der Alten zu erklären, daß es von ihr

gescheiter wäre den Mund zu halten, wir wollten von ihr nichts, da wir

aber nun einmal hier seien, so würden wir auch bleiben, woraufhin sie

von der Bildfläche verschwand und in ihren vier Pfälen den angefangenen

Prolog mit etwas gedämpfter Stimme fortsetzte. Der Gedanke, daß etwas

im Werke sein könne, was Europäern zum ernsten Nachdenken Veranlassung

geben könnte, kam uns nicht, so auffällig dieser Vorgang auch war,

stand es doch allein dem Dorfhäuptling nur zu, uns wegzuweisen und, daß

von dieser Seite uns nichts in den Weg gelegt werden würde, nahmen wir

als selbstverständlich an.

Als der erste schwere Regenguß vorüber gezogen war, ließ Herr Franke

unsere Sachen heraufschaffen, während ich einen Abgesandten zum

Häuptling abfertigte, der denselben unsere Ankunft melden und ihn um

Ueberlassung einer Hütte für die Nacht ersuchen sollte.

Die jüngere Generation des Dorfes, die inzwischen sich zu Haufen

angesammelt hatte, starrte neugierig die weißen Ankömmlinge in einer

Weise an, als hätte diese halbwüchsige schwarze Gesellschaft noch

nie Gelegenheit gehabt, einen Europäer zu sehen und müßte sich deren

Gebahren und Handeln fest ins Gedächtniß einprägen; im Hintergrunde

dagegen standen die erwachsenen Männer, fast nicht minder neugierig als

ihre Sprößlinge.

Der zurückkehrende Bote, der sich nur mit Mühe durch die gaffende Menge

Bahn brach, brachte mir die überraschend unwillkommene Nachricht,

daß der Häuptling mir sagen lasse, er habe für uns keine Hütte zum

Nachtquartier und rathe uns sein Dorf lieber zu verlassen! In solch

mißlicher Lage war nun guter Rath theuer. Hätte der persönliche Stolz

uns nicht verboten, den gegebenen Rath nicht zu befolgen, vielmehr

durch unser Bleiben nun zu zeigen, daß wir uns nicht einschüchtern

lassen, so hätten wir vielleicht noch am anderen Ufer bei dem Araber

Baccari Unterkunft finden können, aber einfach abziehen und das Feld

zu räumen, weil die übliche Gastfreundschaft verweigert wurde, hätte

den Schwarzen gegenüber wie eine Art Flucht erscheinen können, und ich

wenigstens war dagegen, der schwarzen Gesellschaft diesen Gefallen zu

thun, wiewohl ich mir den Grund zu einem so unfreundlichen Benehmen,

das einer Drohung nicht unähnlich, absolut nicht erklären konnte.

Entschlossen, auf jede Gefahr hin zu bleiben, nahm ich die Gelegenheit

wahr, der gaffenden Menge eine Probe von der Treffsicherheit

unserer Waffen zu geben; als zufällig inmitten des Flusses auf der

Wasseroberfläche ein Krokodil träge sich vorbeitreiben ließ, schoß

ich auf dieses und ein Ruf der Verwunderung ging durch die Menge, als

das verwundete Tier den mächtigen Rachen weit aufreißend in die Tiefe

sank, darauf ohne das Gewehr abzusetzen gab ich noch zwei Schrotschüsse

nach einem näheren Gegenstand ab und jetzt prägte sich das Erstaunen

der Umstehenden in deren Blicken aus, die sie auf die schnellfeuernde

Waffe gerichtet hielten. Diese kleine Schießprobe sollte nur dazu

dienen, den bewehrten Männern zu zeigen, daß wir nicht wehrlos ihnen

gegenüberstehen und es nicht rathsam sei, uns eventuell zu einem Abzug

zu zwingen.

Bei dem Versuche, aus unsern wasserdichten Decken ein Zelt aufzurichten

kam uns als unwillkommener aber doch bester Helfer der Ausbruch eines

neuen Gewittersturms zu Hilfe; die Wasserfluth machte freilich unser

Vorhaben zu Nichte, vertrieb aber gleichfalls auch die gaffende lästige

Menge und suchten wir wieder unter dem Dach Zuflucht, wo uns der erste

unfreundliche Empfang zu theil geworden war.

Da die Dunkelheit und die Nacht mit diesem Unwetter heraufzog, hatten

wir, durch Decken nothdürftig geschützt, nahe der runden Lehmwand der

Hütte Platz genommen, um die Koffer und Sachen, die frierenden Leute

dazu, nach Möglichkeit der Regenfluth zu entziehen, und mit Geduld uns

in das Unvermeidliche fügend, trafen wir die Vorkehrungen, eine lange

ungemüthliche Nacht hier zu verbringen.

Nicht eher als bis die furchtbar rollenden Donner sich in die Ferne

verloren hatten, die zuckenden Blitze nicht mehr die dunkle Nacht

erhellten, fanden wir erst gegen Mitternacht die ersehnte Ruhe; so

lange währte der Aufruhr der Elemente, deren ganze Gewalt sich über

diese Gegend entladen hatte. Am frühen Morgen des 10. Januar rüsteten

wir uns zur schnellen Abfahrt, mit der Absicht, bis gegen Abend

noch Mpimbi zu erreichen, um die müden Glieder mal wieder auf ein

Feldbett ausstrecken zu können, wurden aber länger aufgehalten, weil

die Regenströme unser Kanoe fast voll Wasser gefüllt hatten, das

die Leute mit den Händen, in Ermangelung eines geeigneten Apparats

erst ausschöpfen mußten, und als wir schließlich von den zahlreich

herbeigeströmten Bewohnern umdrängt, das Ufer verlassen hatten,

stand am andern der Araber Baccari und wollte uns sein Salam sagen.

Genöthigt, nun doch die Abreise etwas zu verzögern, hätte ich gerne

etwas Proviant gleich mitgenommen, zumal ein gewisses Quantum bei

meiner Rückkehr bereit liegen sollte, aber wir erhielten nichts, nur

versprach Baccari uns in den nächsten Tagen einige Kanoes mit Mehl,

Bataten und Ziegen senden zu wollen. Seine Einladung, in seine weit

zurückgelegene Behausung einzutreten, schlug ich aus Mangel an Zeit

ab. Erhalten hätte ich doch nichts, und uns von dem schlauen Patron

ausfragen zu lassen, der, wenn nicht die Seele des ausbrechenden

blutigen Aufstandes, so doch der Berather der Häuptlinge war, dazu

hatten wir keine Veranlassung.

Jetzt, noch vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, von denen uns

von Seiten der Bevölkerung ein kleiner Vorgeschmack gegeben worden,

stand, wie schon früher erwähnt, das Dorf Lionde auf beiden Ufern des

Schire; von den Hütten war die weitaus größere Zahl auf dem rechten

Ufer erbaut worden und nach den dichtgesäten beliebig durcheinander

errichteten Behausungen zu urtheilen, mußte die Eingebornenzahl eine

ganz beträchtliche sein. Darum auf die große Zahl ihrer Krieger

pochend, die theilweise mit Vorderlader bewaffnet waren, mochten doch

die Häuptlinge, unterstützt von der Bevölkerung des ganzen Distrikts,

sich kräftig genug fühlen, den von den Engländern eröffneten Kampf

anzunehmen. Aber an Zahl auch noch so groß und überlegen, fehlt

die einheitliche Leitung, und anstatt dem vordringenden Feinde die

Hauptmacht entgegenzustellen, sucht jeder Fumo allein die geschlossene

Macht der Europäer aufzuhalten, wird natürlich geschlagen und die

Fliehenden, zwar die Zahl der zurückstehenden Haufen vermehrend,

entmuthigen mehr oder weniger die noch kampfbereiten Krieger.

Zurückzuführen ist solche Kampfweise auf persönliche Eifersucht unter

den Häuptlingen selbst, da jeder wohl zu kämpfen sich bereit erklärt,

aber keiner dem andern die Leitung überlassen mag.

Ebenso vermeiden diese Krieger möglichst den offenen Kampf, was der

Fall, sobald sie die überlegene Waffe der Weißen zu fürchten haben.

Auch werden sie nie ihre Heimstätten und Dörfer energisch vertheidigen,

sondern, da Weib und Kind und alles Eigenthum meistens vorher in

Sicherheit gebracht worden ist, diese dem vordringenden Feinde

überlassen, der die Grasdächer in Brand setzt und in kurzer Zeit ein

noch so großes Dorf in einen Aschenhaufen verwandelt, obgleich die

labyrinthartigen Wege, gedeckt und geschützt durch den Wirrwarr der

Hütten, dem Vertheidiger ein nicht unwesentliches Uebergewicht, dem

Angreifenden gegenüber, geben würden.

Wie der spätere Kampf zeigen wird, ist Lionde auch auf diese Weise ein

Raub der Flammen geworden und hat das Schicksal aller zwischen hier und

Mpimbi liegenden Dörfer getheilt, so daß, als ich diesen Ort wieder

sah, von dem mir in der Erinnerung haften gebliebenen Bilde auch nicht

das Geringste übrig geblieben war, was an das einstige Lionde erinnert

hätte! Nachdem wir uns von dem geschwätzigen Araber frei gemacht

hatten, setzten wir unsere Fahrt flußabwärts fort und rasteten erst

im Dorfe Perisi; hier mit der gewohnten Freundlichkeit von seiten der

Bewohner aufgenommen, konnte ich eine Art Vertrag mit dem Häuptling

abschließen, der sich auf Lieferung von Naturalien und Vieh beziehend,

wenigstens einige Aussicht bot, von hier unsere Bedürfnisse zu decken.

Auffallend, wie ich bisher noch nirgend bei diesen Völkerstämmen

Gelegenheit gehabt zu beobachten, war hier unter dem Schatten eines

gewaltigen Baobobbaumes einem verstorbenen Häuptling eine Art

Grabmonument errichtet worden, in der Weise, daß über dem flachen

Grabhügel eine viereckige Hütte erbaut worden, deren Dach über der

Grasbedeckung noch verschwenderisch mit blauem und weißem Zeug

bekleidet war und als Zierrath noch Bänder aus diesem und rothem

Zeuge an allen Seiten herniederhingen. Die Verschwendung des für den

Eingebornen besonders werthvollen Stoffes ließ darauf schließen, daß

ein reicher Mann von besonderem Einfluß hier bestattet worden sei,

weil sonst nur auf den Trümmern einer über einem Grabe eingerissenen

Hütte wenige Fähnchen als Schmuck angebracht zu werden pflegen. Später,

nach dem Aufstand, habe ich mich vergebens bemüht, diese Stätte wieder

aufzufinden; die sonst heilige Stätte der Todten war von Feindeshand

beraubt und entweiht worden.

In den Nachmittagsstunden verhinderten recht schwere Regengüsse,

verbunden mit plötzlich hereinbrechenden Sturmböen, verschiedentlich

unsere Weiterfahrt und entweder mußten wir unter dem Dache einer Hütte

Schutz suchen, oder hinter den mächtigen Stämmen altersgrauer Bäume uns

zu decken suchen.

Gegen Abend jedoch passirten wir die eine Strecke oberhalb Mpimbi

liegende große Insel im Schire, auf welcher der Häuptling Tschikusi

seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen im Begriff war; denn selbst

kein Freund der Engländer, verließ er sein Dorf Mpimbi, um hier

unbelästigter seiner üblen Gewohnheit, dem Pombetrinken, fröhnen zu

können, man sagte von ihm, daß er niemals nüchtern anzutreffen sei.

So erreichten wir denn nach fünfzehntägiger Abwesenheit, nach mancher

Fährlichkeit und Strapazen, glücklich das deutsche Lager wieder, wo ich

nun das Hauptwerk beginnen, und die deutsche Thatkraft beweisen sollte,

daß auch ihr nichts unmöglich ist.

12. Der Aufstand.

Das deutsche Lager, das etwa vier Minuten vom Flusse entfernt war,

hatte eine so versteckte Lage, daß es, von zwei Seiten, links und

geradezu, von dichtem Wald umgeben, in der Front und rechts, lichter

Busch, erst bemerkt werden konnte, wenn man vor der aufgethürmten

Dornhecke stand. Als ein trockener und vorzüglicher Lagerplatz hätte

in ruhigen Zeiten dieser geschützte Ort nicht besser gewählt werden

können. Aber wie es sich in Folge der Ereignisse auswies, die nicht

erwartet und nicht vorhergesehen werden konnten, war die Wahl dieses

Ortes in Bezug auf Vertheidigung keine glückliche gewesen, obgleich de

la Fremoire und Illich, die den Auftrag zur Auswahl gehabt, den besten

und einzigen Ort gewählt hatten, der nahe Mpimbi überhaupt gefunden

werden konnte.

Betreffs des Platzes, welcher zur Anlage der Werft in Aussicht

genommen war, hatte bereits Herr von Eltz von Katunga aus sich mit

dem Kommissar Mr. Johnston in Zomba in Verbindung gesetzt, um dessen

Genehmigung zum Aufbau einer solchen zu erhalten; ich erfuhr aber von

einem Deutsch-Engländer, Mr. Berenger, der, als Manager die Plantage

unterhalb des Dorfes Mpimbi, für die Firma Scharrer & Co. verwaltete,

daß die ganze Uferstrecke einschließlich dieses Dorfes dem in Blantyre

ansässigen Herrn Scharrer gehöre und diesem allein das Verfügungsrecht

über dieses Terrain zustehe, und würde blos die Genehmigung des

Häuptlings Tschikusi darüber einzuholen sein, ob wir auch sein Dorf

ungehindert passiren könnten.

Hatte ich mir damals auch noch keine rechte Vorstellung machen können

wie die Verhältnisse in Mpimbi lagen, so war mir jetzt die Erklärung

dieses Vertreters -- es würde kein Anstand genommen werden, uns den

Platz für die Zeit des Schiffsbaus unentgeltlich zu überlassen -- eine

hochwillkommene, auch Schwierigkeiten, die der Häuptling allenfalls

machen könnte, würden von dieser Seite beigelegt werden; ich hätte nur

die Eitelkeit des Fumo durch einige Geschenke zu schmeicheln und der

sofortigen Inangriffnahme des Werftbaues stände nichts mehr im Wege.

Unterrichtet nun, in welcher Weise ich mit dem Häuptling Tschikusi

zu verfahren hatte, schickte ich zu diesem einige Abgesandte mit dem

Ersuchen, bald möglichst zu mir ins Lager zu kommen und, da dessen

Willfährigkeit von dem Werthe des überbrachten Geschenkes abhängig

war, so hatte ich ein ganzes Stück weißes Zeug als vorläufige Gabe

überreichen lassen. Etwas erstaunt und verlegen war ich aber doch, als

mir die Boten die Meldung brachten, daß der Fumo sie mit dem Geschenke

zurückgewiesen, mit dem Bemerken, weißes Zeug sei für einen großen

Häuptling keine würdige Gabe, verlegen insofern, als mein Vorrath

überhaupt nur sehr gering war, denn bunte Tücher und Taschentücher

wollte ich eigentlich erst nach dem Schauri herausrücken. Ein

Nichtwillfahren hieß jede Verhandlung abbrechen und die Konsequenzen

tragen, die in endlosen Weitläufigkeiten und Hinderung meiner Absichten

bestehen würden, darum meinen ganzen Reichthum überschlagend, wählte

ich ein halbes Stück blaues Zeug, einige bunte große Tücher, eine Decke

und eine Anzahl recht grell gefärbte zusammenhängende Taschentücher

und sandte die Boten sofort zurück mit der Anweisung, dem Häuptling

verstehen zu geben, er würde noch ein ähnliches Geschenk erhalten,

wenn er zugestehen würde, was ich von ihm wünsche. Diese ganze Gabe,

deren Werth in Europa nur gering, muß hier, wo dieselbe einige hundert

Prozent mehr gilt, doch als eine recht werthvolle angesehen werden,

zumal in den Augen des Schwarzen das Bunte immer den Vorzug erhält;

die Güte der Waare kommt dabei weniger in Betracht, obwohl er auch

hier schon durch die herrschende Konkurrenz gewitzigt, einen kleinen

Unterschied zu machen weiß.

Nun dieses Mal hatte ich mit den Geschenken Erfolg, und die überbrachte

Botschaft, der Fumo würde am nächsten Morgen zur Verhandlung in das

Lager kommen, ließ mich wenigstens einen günstigen Ausgang erhoffen;

weniger angenehm war die Mittheilung für mich, daß Tschikusi wieder

vollständig betrunken sei und seine Umgebung eigentlich die Zustimmung

gegeben habe! Daher sah ich denn auch dessen Ankunft mit begreiflicher

Spannung entgegen, namentlich in welcher Verfassung der Fumo sich

präsentiren würde! --

Am 14. Januar im Laufe des Vormittags meldete der Wachposten die

Ankunft einer Anzahl Kanoes, und bald darauf, die Insassen seien

Tschikusi und sein Gefolge, vom hochgelegenen Lager den Weg zum Flusse

überschauend. Nicht wenig erstaunt war ich, eine ganze Kalwakade

bedächtigen Schrittes sich nähern zu sehen, mehr noch, als fast

ebensoviel Weiber folgten, von denen jedes bis auf eine, vor der

her ein Ziegenbock getrieben wurde, eine große Schale voll Mehl,

Bataten, Bananen oder Tomaten auf dem Kopfe trug. Solch einen Aufzug,

dessen Bedeutung mir zwar nicht fremd, als damit eine besondere Ehre

erzeigt werden sollte, hatte ich doch nicht erwartet und bekannt

mit dem üblichen Gebrauch, daß keine Person leer ausgehen durfte,

überschlug ich in Gedanken was mir diese zum größten Theil unnöthige

Gesellschaft kosten würde. Nachdem die allseitige Begrüßung vorüber

war, während welcher die Frauen im Halbkreise sich auf den Erdboden

niederhockten, die vornehmste in Front, die Ziege zur Seite, geleitete

ich den Häuptling, für den ein Sprecher alles nöthige sagte, in meine

Behausung, wo derselbe sich ohne weiteres in eine Ecke niederhockte

und stumm wie ein Fisch seinem Gefolge alles weitere überließ. Die

Verhandlung von meiner Seite sodann durch einen Dollmetscher eröffnend,

wurde mir erst, ehe irgend eine Erwiderung erfolgte, bekannt gegeben,

daß unter den nun vor dem Eingang meines Hauses wieder im Halbkreis

sitzenden Frauen die Gattin des Häuptlings sich befinde, die als

besonderes Geschenk für mich die mitgebrachte Ziege überreichen wolle.

Natürlich erforderte es nun die Höflichkeit, diese schwarze Dame

auch zu begrüßen und die Gabe von derselben in Empfang zu nehmen,

auch die nun angebotenen Naturalien des Gefolges durften ebensowenig

zurückgewiesen werden. Daraufhin bestimmte ich die auszutheilenden

Gegengeschenke und ließ durch Knuth einer jeden ein ganz gleiches Stück

Zeug verabfolgen, einerlei, ob das Ueberbrachte gering oder werthvoller

war, nur mit der Häuptlingsfrau machte ich eine Ausnahme, indem ich den

Werth der Ziege mit sechs Faden weißes Zeug und einem größeren bunten

Tuch bezahlte.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 24 / 51 段