Allein am Ufer zurückgeblieben, mit mir nur unser Artist Herr Franke,

dessen Hoffnung, die Expedition begleiten zu können, vereitelt worden

war, wurde in mir nicht minder der Wunsch lebendig, das Schicksal

jener Kameraden theilen zu können, die jetzt wohlgemuth über die

glitzernden Wogen hinzogen und bald auf den Fluthen des Nyassa-Sees

die Herrlichkeiten einer unbekannten Ferne schauen durften. Aber die

ernste Pflicht war ein strenger Mahner, und zurück mußte ich, das mir

anvertraute große Werk zu beginnen und auszuführen, um dessen Willen

diese ganze gewaltige Expedition begonnen und ins Werk gesetzt worden

war. Lange im Zweifel, ob ich über die Tiefenverhältnisse des oberen

Schire, auf welchem der Dampfer später bis zum See geführt werden

mußte, mit voller Ueberzeugung ein günstiges Urtheil abgeben könnte,

da ich für diese Ueberführung ungeheure Schwierigkeiten voraussah,

entschloß ich mich, doch die Möglichkeit dafür einzuräumen, schon aus

dem Grunde, als eine entgegengesetzte Ansicht beim Major wenig Anklang

gefunden hätte, ich auch nicht zum zweiten Male hören mochte, daß es

»keine große Aufgabe und kein Kunststück sei, das Werk auszuführen,

wenn wir alles fänden wie wir es wünschten!« Nun aber die Entscheidung

gefallen, der Auftrag, den Dampfer in Mpimbi zu erbauen, mir als Befehl

mitgetheilt worden war, mußten gehegte Bedenken schwinden; für die

glückliche Ausführung hatte ich fortan die Verantwortung zu tragen und

sollte bald beweisen, daß für mich kein Hinderniß zu groß, keine Mühe

zu schwer, um das auf mein Können gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.

Bis die Mastspitzen des Schiffes hinter Busch und Baum den Blicken

entschwunden, solange schauten wir in ernste Gedanken versunken diesem

nach, dann trat die Pflicht in ihre Rechte und mit der Wirklichkeit

uns abfindend, beschlossen wir zwei nun ebenfalls unsere Abreise zu

beschleunigen. Den freundlichen Vorschlag des Mr. Nikol, uns mit einem

Boote flußabwärts senden zu wollen, wenn wir uns zwei Tage gedulden

wollten, schlug ich aus und wollte, wenn ein Boot nicht zu bekommen

sei, lieber mit einem größeren Kanoe unverzüglich die Reise antreten,

als unthätig hier zu warten, auch konnte mit solchem leichten obschon

unsicheren Fahrzeug der Weg bedeutend schneller zurückgelegt werden.

Nach kurzer Zeit lag denn auch, auf Anordnung des freundlichen

Engländers, ein Kanoe mit fünf Mpondaleuten bemannt zu unserer

Verfügung, und während ich im +store+ (Magazin des Fort's) noch

Einiges, als Kochgeschirr und namentlich Streichhölzer zu kaufen

suchte, besorgte Herr Franke das Einladen unserer Effekten. Unserm

Bedarf entsprechend, konnte ich auch einen passenden Topf auftreiben,

aber von Zündhölzern war auch nicht eines zu bekommen, vielmehr bot

der Manager (Verwalter) für eine einzige Schachtel den enormen Preis

von 3 Penni = 28 Pfennigen, wenn aus den Beständen der Expedition ihm

solche würden abgelassen worden sein, und unter 6 Penni = 50 Pfennig

würde er im glücklichen Besitz von einer Anzahl Schachteln keine wieder

verkaufen. So abgebrannt wie die Engländer waren wir zwar noch nicht,

wir wollten unsern geringen Vorrath nur etwas ergänzen, aber deshalb

auch außer Stande den großen momentanen Mangel an Zündwaare abzuhelfen.

Ehe ich mich den Ereignissen wieder zuwende, welche uns auf der

Rückfahrt nach Mpimbi entgegentraten, will ich zur Erläuterung erst

etwas über die militärische Expedition des Majors von Wißmann anführen,

eine Ergänzung aber gelegentlich später, als ich über deren Verlauf

besser orientirt war, folgen lassen.

Zuerst wurde in Monkeybai, nahe der nördlichen Spitze der Halbinsel

Levingstonia, dem besten Hafen am ganzen See, geankert. Dieser

Hafen von mächtigen Felsenmassen eingefaßt und durch vorgelagerte

Granitinseln geschützt, ist abgesehen von seiner guten Lage der einzige

Punkt im Süden, wo eine größere Menge Brennmaterial für die Schiffe

erhältlich ist, und deshalb ein Anlaufen hier nothwendig, weil auf

eine Strecke von über 150 Seemeilen keine weitere Holzstation angelegt

werden konnte. Von hier über das Vorgebirge Kap Maclair hinaus, in

nordnordwestlicher Richtung, erscheint von diesem etwa 30 Seemeilen

entfernt, der isolirte Bergkegel Rifu, dessen mächtige Felsenmassen die

flache und offene Leopardbai abschließen.

Die Boote im Schlepptau, die nothwendiger Weise stark bemannt wurden,

weil es an Deck des Dampfers für so viele Menschen an Raum gebrach,

war bis hierher die Reise gut verlaufen, denn die Winde, in dieser

Jahreszeit unbeständig, wühlen den See seltener auf, wodurch dieser in

seiner erhabenen Ruhe wie ein ungetrübtes klares Gewässer erscheint,

das den Anschein erweckt, als würden diese Fluthen niemals vom Winde

erregt im wilden Tanze umhergeworfen und gefährlich werden können.

Hinter diesem hohen Bergkegel -- Kap Rifu -- tritt das flache Land,

umkränzt nur von niedrigen Hügeln weit zurück und hinter Busch und Baum

verborgen, vom See aus schwer zugänglich, liegt hier das Dorf Katuru,

von welchem aus nach dem anderen Ufer des Sees, dem Orte Losefa, im

Lande Makangilas, eine arabische Fähre mittelst Dhaus unterhalten wird,

hauptsächlich zum Zwecke im Dorfe Katuru angekommene Sklavenkarawanen

über den See zu führen.

Dem Major war es bekannt, daß sämmtliche arabische Fahrzeuge auf dem

Nyassa-See allein nur dem Zwecke dienen, die aus dem fernen Innern

Afrikas herangeschleppten armen Sklaven meistens in das portugiesische

Gebiet überzuführen, von wo sie dann weiter bis zur Küste des indischen

Ozeans gebracht werden, deshalb griff er, als unvermuthet eine solche

Sklavendhau hinter Kap Rifu in Sicht kam, sofort ein und nahm die

Verfolgung mit seinem großen Boote, in dessen Bug wir noch in Fort

Johnston eine kleine Schnellfeuerkanone angebracht hatten, auf. Die

Besatzung dieser Dhau, unter Land von Windstille befallen, suchte mit

allen Kräften noch zu entrinnen und ihr leichtes Fahrzeug vorwärts

zu bringen, was bei der beträchtlichen Entfernung zwischen Boot und

Dhau auch wohl gelungen wäre, wenn nicht eine vor deren Bug auf dem

Wasser einschlagende Granate, als Warnungsschuß, dem Bestreben ein

Ende gemacht hätte. Wie auf Kommando stürzte die Besatzung vollständig

kopflos sich auf die eine Seite und in das Wasser, wobei durch das

plötzliche Uebergewicht die Dhau zum Kentern gebracht wurde und ihr

Inhalt, von welcher Beschaffenheit auch immer, verloren ging, während

die Leute sich durch Schwimmen an das Ufer zu retten suchten.

Eine nähere Untersuchung ergab, sobald das kieloben treibende Fahrzeug

erreicht war, daß nichts weiter übrig blieb, als es zum Gebrauch

unschädlich zu machen, es aufzurichten und eventuell mitzuschleppen,

wäre eine unnütze Mühe gewesen; darum, nachdem einige Planken

durchgeschlagen waren, zum Sinken konnte es nicht gebracht werden,

überließ man es dem Spiel der Wogen. Die Zerstörung dieser Dhau vom

Standpunkt des internationalen Vorgehens gegen das schändliche Gewerbe

der Sklaverei betrachtet, müßte man diesen Akt unbedingt billigen,

schon aus dem Grunde, als den verschlagenen Sklavenhändlern sonst

so schwer beizukommen ist; die Vernichtung ihrer Hilfsmittel, wo

immer solche zu erlangen sind, aber als ein Gebot der Nothwendigkeit

ansehen, um ihnen das Handwerk, wenn auch nicht gänzlich zu legen,

so doch nach Möglichkeit zu erschweren. Indes ist die Verurtheilung

der Sklaverei auch im Bund der Völker eine allbekannte Thatsache, und

werden Anstrengungen aller möglichen Art zu deren Unterdrückung ins

Werk gesetzt, so muß man doch sich fragen, ob auch alles Nebeninteresse

dabei ausgeschlossen ist. Daß die Leiter der verbundenen Staaten

mit redlichem Willen das Ihre thun, ist selbstverständlich, nur

wo die Ausführung nicht in bewährte Hände gelegt ist als z. B. im

portugiesischen Gebiet, wird auch die beste Verfügung illusorisch --

was aber weit auffälliger ist, daß die erfahrene und selbstbewußte

englische Verwaltung das Vorgehen des Majors von Wißmann als einen

Eingriff in ihre Rechte auszulegen suchte, ohne jemals vorher die

ernste Absicht und Mittel gehabt zu haben, auf dem weiten Gebiet des

Nyassa-Sees den Sklavenhandel zu steuern.

Freilich das Prinzip auf dem Handelswege möglichst weit die

Vorposten vorzuschieben und dadurch sich das allmählige Uebergewicht

in unbekannten Ländern anzueignen, hat sich als sehr vortheilhaft

bewährt, dabei aber nur auf sehr beträchtlichen Entfernungen einzelne

Militärstationen als Stützpunkte anlegend, mußte die unglaubliche

Gier nach Länderbesitz das Näherliegende außer Acht lassen und wie

weit sich auch im Laufe weniger Jahre das englische Protektorat, was

in den Augen des Engländers gleichbedeutend mit Besitz bezeichnet

werden kann, über ungeheure Ländermassen ausgedehnt, blieben doch

aus Mangel an geeigneten Machtmitteln die bekannten Sklavenausfuhren

eine ungehinderte Thatsache. Und hätte nicht der Neid, mehr noch

die Besorgniß, das Vorgehen der deutschen Expedition und die in

Dienststellung des Dampfers »Herrmann v. Wißmann« könnte dem englischen

Einfluß Abbruch thun zu einem energischen Vorgehen Veranlassung

gegeben, hätte sich in den letzten beiden Jahren die Sachlage wohl

unwesentlich geändert. England, Alleinherrscher auf diesem weiten

Gebiet, Portugal kommt garnicht dabei in Betracht, sieht in dem

Erscheinen der jungen deutschen Macht einen überaus gefährlichen

Konkurrenten und wacht daher um so eifersüchtiger über seine angemaßten

Rechte!

Was nun speziell den erwähnten Vorfall betrifft, der auf dem freien

Gewässer des Nyassa-Sees stattgefunden, so wurde nach Bekanntgabe

des Vorganges darauf von Seiten der englischen Verwaltung Gewicht

gelegt, daß das durch die Verfolgung gekenterte Fahrzeug überhaupt

keine Sklavendhau, vielmehr ein mit werthvollem Elfenbein beladenes

Fahrzeug gewesen sei, und dadurch eine Schädigung englischer Interessen

stattgefunden habe. Diese Behauptung zweifelhaften Ursprungs aber fällt

in sich zusammen sobald man bedenkt, daß weder das Dorf Katuru noch

Losefa in Makangilas Land von einem Engländer betreten werden durfte;

diese kriegerischen feindlich gesinnten Volksstämme hatten bisher jeden

Eingriff blutig abgewiesen, und, als im Jahre 1894 die englische Flotte

aus drei Schiffen bestand, da erst wurde vorgegangen und am selben

Orte, wo Major Wißmann die Dhau zerstören ließ, wurden zwei andere voll

Sklaven und vielem Elfenbein abgefangen. Dieser große Erfolg schwellte

natürlich den englischen Stolz, -- aber, als sie noch machtlos waren,

solche Dhaus abzufangen, da mußten sie ein gleiches Vorgehen von

deutscher Seite einer abfälligen Kritik unterziehen, -- würden wir in

den Herzen unser uns äußerlich freundlich gesinnten Vettern schauen

können, würden wir auf tiefem Grunde wohl herzlich wenig Wohlwollen für

uns entdecken können, -- dieses ist die ausgesprochene Meinung aller,

welche in der weiten Welt auf gleichem Terrain mit den Engländern den

Kampf um die Güter der Erde aufgenommen haben. Der englische Leu fühlt

die Krallen des deutschen Adlers und sucht ihn vergeblich von sich

abzuschütteln, -- nicht mehr blos mit dem Volke der Denker, das seinen

Idealen nachgestrebt, hat er es heute zu thun, die geistige Erstarkung,

verbunden mit der erwachten selbstbewußten Kraft des deutschen Volkes

tritt ihm hindernd auf allen Gebieten entgegen, er wehrt sich, aber

seine Klauen sind stumpf geworden.

Im weiteren Verlauf der Reise machte zwischen den Bentje-Inseln und

Kota-Kota die Expedition auch die Erfahrung, daß der Nyassa-See auch

ein anderes Gesicht zeigen kann, wenigstens gab er eine kleine Probe

wie ungemüthlich seine Gewässer gelegentlich werden können. Von Bandawe

der schottischen Missionsstation, nach Deep-Bai (Pankanga) und von dort

querüber nach Amelia-Bai, heute Wind-Hafen, wo anfänglich der Major

beabsichtigte, eine Station anzulegen, wurde über Karonga der einzig

günstige Platz im Norden des Sees, die Landzunge Kambira, nach großen

Schwierigkeiten erreicht. Hier wurde dann die Station Langenburg vom

Major v. Wißmann errichtet, die für die weiteren Unternehmungen der

Stütz- und Ausgangspunkt sein sollte, später als dann unter diesem

Schutz die etwa sechs englische Meilen nördlicher gelegene deutsche

Missionsstation Ikombe erbaut war, wurde auch das friedliche Werk der

bis hierher vorgedrungenen Missionare gefördert.

Lange Monate später erst gelangten diese erwähnten Vorgänge zu meiner

Kenntniß, nachdem ich schon selbst Gelegenheit gehabt hatte, mit dem

See und dessen Umgebung mich etwas vertraut zu machen, und werde ich

weiterhin bei der Beschreibung des Sees und der Bevölkerung eingehender

auf die einzelnen Punkte, sowie auf den weiteren Verlauf der vom Major

von Wißmann geleiteten Expedition zurückzukommen suchen.

Indem also nun im Moment der Abfahrt von Fort Johnston die große

Expedition thatsächlich getheilt worden, war es der wegen des

gewaltigen Materials nur langsam vordringenden Transportexpedition

überlassen, die Verfügungen und Befehle des Majors, der von allen

Vorgängen nach Möglichkeit unterrichtet werden mußte, nach bestem

Können und Wissen auszuführen.

Zwölf Uhr Mittags mochte es geworden sein, als wir das zur Abfahrt

bereitliegende Kanoe betraten, um die Rückfahrt zu beginnen. Da mir die

nähere Untersuchung des ganzen Flußbettes zur Aufgabe gemacht war, war

ich bestrebt, die Tiefenverhältnisse eingehender zu untersuchen, als

wie es auf der Fahrt zum See hatte geschehen können, und gleicherzeit

möglichst genaue Karten und Entwürfe vom ganzen Flußgebiet anfertigend,

brachte mich diese Beschäftigung über das Beschwerliche dieser Reise

hin; namentlich bestand das Letztere darin, daß man in solchem

schmalen, ausgehöhlten Baumstamm viele Stunden lang ganz still sitzen

mußte, höchstens den Oberkörper und die Arme bewegen konnte.

Unkenntniß in der Handhabung eines Kanoe oder Unvorsichtigkeit nur,

bringen Gefahr, leicht mit solchem runden Stamm umzukippen, jedoch hat

eine Kanoefahrt in den Händen bewährter Leute nichts Besonderes auf

sich; wir freilich mit unserer tiefbeladenen Nußschale mußten etwas

vorsichtiger sein.

Die Absicht, an diesem Tage nur bis zum Malombwe-See zu fahren,

ließ uns Zeit finden, unter dem Berathungsbaum, einer mächtigen

Tamarinde, inmitten des Dorfes Towowo (Fumo Towowo) längere Rast zu

halten, eigentlich nur aus dem Grunde, eine Zeit lang den glühenden

Sonnenstrahlen zu entrinnen. Die Scheu, welche sonst die Eingebornen

Europäern gegenüber an den Tag legen, war bald überwunden und dem

Beispiel des weißhaarigen Fumo folgend, der neugierig allerlei zu

wissen begehrte, kamen selbst Frauen und Mädchen und boten bescheiden

ihre geringen Landprodukte an, von denen wir um ein Geringes auch

unsern kleinen Vorrath ergänzten; wir stellten auch die schwarzen

Schönen durch den Ankauf zufrieden, was hingegen bei den Männern

weniger der Fall, als diese von uns Pulver begehrten, welches wir nicht

besaßen, auch nicht als Tauschartikel hätten benutzen dürfen.

Späterhin dem Malombwe-See näher gekommen und bis zur Mündung des

bereits erwähnten Nebenflusses angelangt, nahm ich mir die Mühe,

denselben näher zu untersuchen, war es doch gleichgültig, wo wir zur

Nacht unser Quartier aufschlugen, jeder trockene Platz eignete sich

dazu, sofern ein solcher nur frei gelegen war und nicht allzu viele

blutdürstige Mosquitos uns lästig wurden. Gegen den starken Strom

trieben wir also das Kanoe vorwärts und sahen zur Linken bald eine

üppige Bananenpflanzung vor uns, hinter welcher, wie wir aus Erfahrung

wußten, meistens immer ein Dorf, zum Mindesten einige Hütten verborgen

liegen. Bedacht darauf, die in Aussicht stehende Annehmlichkeit,

anstatt unter freiem Himmel, die Nacht in einer selbst räuchrigen Hütte

verbringen zu können, uns zu Nutze zu machen, suchten wir das kleine

verborgen gelegene Dorf auf und hatten auch wirklich den Erfolg, die

Gastfreundschaft über Erwarten ausgeübt zu sehen, indem uns die beste

Hütte mit zwei Kitanden darin, zur Verfügung gestellt wurde.

Da es noch nicht allzu spät am Nachmittage war, lenkte ich

meine Schritte zum Flusse zurück, um hier die mir aufgefallene

Fischfangvorrichtung der Eingebornen, wie mir ähnliche schon begegnet

waren, näher in Augenschein zu nehmen. Da ich nämlich in dieser

Erzählung später auf solche Einrichtungen hinweisen muß, wenn vom

Fischfang im Urwald die Rede sein wird, so erachte ich eine kurze

Beschreibung hier am Platze....

Fast alle Flüsse, klein oder groß, haben in diesem Theile Afrikas

ein starkes Gefälle, was eine rasche, zum Theil wirbelnde Strömung

verursacht, die zu Zeiten so stark sein kann, daß die flinken Fische

diese selbst nicht überwinden können, auf der Oberfläche aber selbst

die leichten Kanoes nur mit größter Mühe und unter dem Schutze der Ufer

fortzubringen sind. Diese Strömung nun ist auch die Ursache, daß nach

jedem Hochwasser, d. h. der Regenzeit, ein Flußbett anders gestaltet

ist, als es vor demselben war, eine Verschiebung der Sandbänke oder

Anhäufung solcher, sowie ein Auswühlen tiefer Rinnen sich in solcher

Periode beständig vollzieht. Wollen nun die Eingebornen, besser

die Uferbewohner, die von dem Zuzug vieler Fische zur Laichzeit

unterrichtet sind, ohne Netze und ohne viele Mühe reichen Fang machen,

so suchen sie den möglichst weit flußaufwärts gezogenen Schaaren den

Rückweg zu verlegen. Zu diesem Zwecke stecken sie an Stellen, wo die

Strömung recht stark über flacheren Grund hinzieht mit gespaltenen

Bambusstäben den Fluß von Ufer zu Ufer ab, oder auch in einem Bogen,

sobald eine vorhandene Rinne dies nicht zuläßt. Die Stäbe, die fest in

den Sand eingedrückt und untereinander verbunden werden, widerstehen

dem Anprall der Wasser, weil sie dem Durchfluß derselben genügend

Spielraum lassen, aber einen größeren Fisch verhindern, zu entweichen.

Der Zweck ist, die Fische aufzuhalten, die sich beständig gegen die

starke Strömung wenden müssen und auf flacheres Wasser gerathen, immer

wieder versuchen durch die Barriere zu entkommen.

Dieses Aufhalten der Fische würde nun eigentlich wenig Zweck haben,

wenn nicht innerhalb und zum größeren Theil außerhalb der Barriere

aus dünnen Zweigen geflochtene Reusen ausgelegt wären, die ähnlich

der in Europa verwendeten, das Herauskommen des eingelaufenen Fisches

verhindern können. Die äußeren liegen so versenkt, daß die kleine

Oeffnung mit der in der Barriere belassenen zusammenfällt, und der

solche entdeckende Fisch wird, vermeinend frei zu kommen, sicher darin

gefangen. Auf eines aber wird noch Bedacht genommen, die Fischer

nämlich achten stets darauf, immer einen Fisch in jeder Reusen zu

belassen, der als eine Art Lockvogel dienen muß; das Wegtreiben der

Reusen verhindern sie, indem einzelne Stäbe oder Gabeln durch das

Geflecht in den Grund getrieben werden.

Obgleich die Flüsse alle sehr fischreich sind, so ist es doch

erstaunlich, welche Anzahl großer schöner Fische auf diese Weise

zuweilen gefangen werden und fast immer, wo ich gelegentlich Zeuge

gewesen bin, war die Ausbeute eine ergiebige zu nennen.

Noch lagen wallende weiße Nebel, durch das tiefe Sinken der Temperatur

während der Nacht erzeugt, über die seitwärts des Dorfes liegende

große Grasfläche und über den Schirefluß gebreitet, als ich mit dem

ersten Tagesgrauen schon zur Weiterfahrt rüsten ließ. Waren bei

unserer Ankunft die wenigen Bewohner des Dorfes versammelt gewesen,

um die seltene Erscheinung weißer Männer mit Muße betrachten zu

können, so hielten sich am frühen Morgen, der Kälte wegen, alle zum

größten Theil noch in ihren Hütten auf, außer einigen alten Frauen,

die wohl Stammmütter, die geringsten Dienste verrichten mußten, und

unserm freundlichen Wirthe, der auch nicht mit leeren Händen ausgehen

wollte. Ein weiter Weg war es den wir zurückzulegen hatten, ehe der

Malombwe-See durchschifft und wir den Schirefluß wieder erreichen

konnten, darum beschleunigte ich auch die Abfahrt nach Möglichkeit,

sodaß wir schon die Barre passirt hatten, als siegend die warmen

Sonnenstrahlen die kalten Nebel verscheucht hatten.

In Silberfluth gebadet lag die ruhige spiegelglatte Fluth vor uns,

durch die das Kanoe von kräftigen Armen getrieben leicht hindurchschoß.

Sechszehn englische Meilen hatten wir bis Mittag zurückgelegt und

ungefähr noch zehn vor uns bis zur Station Werra; indes wie flott

die Fahrt auch Anfangs über das tiefe Wasser gegangen, als höher und

höher der Sonnenball stieg und immer heißere Strahlen niedersandte,

die Atmosphäre ein Gluthhauch, der Aether eine blendende Lichtfluth

war, da erlahmten auch allmählich die Kräfte der Leute. Denn auf dem

Schlammmeer kreuz und quer fahrend, theils um die tiefste Wasserrinne

aufzufinden, theils um vermittelst eines Taschenkompaßes die

verschiedenen Punkte zur späteren Orientirung festzulegen, geriethen

wir öfter in so flaches Wasser, daß es Mühe und viel Zeitverlust

erforderte, um wieder frei zu kommen. Meine Ansicht, daß dicht

unter Land tiefes Wasser sein müsse, was die Anwesenheit einzelner

Flußpferdfamilien unzweifelhaft machten, wurde von Seiten der Leute,

die die einzige Fahrstraße kennen wollten mit der Behauptung widerlegt:

es gäbe nur den einen eingeschlagenen Weg! Ich hätte mich jedoch

schwerlich davon abbringen lassen, wenn die Entfernung nicht so

bedeutend gewesen und die Aussicht, dann die Nacht im Kanoe verbringen

zu müssen nicht zur Gewißheit geworden wäre.

Als die Sonne im Westen niedersank, die fernen Bergkuppen noch im

flüssigen Golde getaucht vor uns lagen, während hinter uns auf dem

weiten See schon die Nacht heraufgezogen kam, hatten wir endlich

nach vielen Mühen wieder tieferes Wasser unter uns und konnten nach

Schätzung vielleicht um 8 Uhr Abends Land erreichen. Die eingetretene

Kühle erfrischte die Glieder, das köstlich klare Wasser, nicht mehr

lauwarm und widerlich wie am Tage, war zu der trockenen Kost ein

Labetrunk, und so in der Hoffnung, das Schlimmste hinter uns zu haben,

strengten wir uns alle an, im gleichmäßigen Takte mit den kurzen

Paddeln das Kanoe durchs Wasser zu treiben.

Arglos, ohne an Gefahr zu denken, hing jeder seinen Gedanken nach,

höchstens ein Ruf des Kapitaos, der die Leute zu größerer Thätigkeit

anspornte unterbrach die Stille, bis plötzlich, Keiner von Allen

hatte das Geringste bemerkt, neben dem Kanoe das dumpfe Brüllen einer

Anzahl Flußpferde vernommen wurde, und in der Dunkelheit neben und vor

uns die mächtigen Thiere auftauchten, die wuthschnaubend zum Angriff

übergingen. Diese große unvermuthete Gefahr lähmte für einen Moment

alle unsere Energie, bis mein Ruf »vorwärts, vorwärts« die Arme der

Leute wieder in Bewegung brachte und das Kanoe mit äußerster Kraft

durchs Wasser getrieben wurde.

Es war die höchste Zeit, fünf oder sechs der mächtigen Köpfe, soweit im

Dunkeln zu unterscheiden, waren schon so nahe, daß es sich nur noch um

Sekunden gehandelt hätte, bis sie heran waren, und ein einziger Stoß

unser leichtes Fahrzeug dann umgeworfen hätte und dieses mit allen

Insassen der Wuth der Thiere preisgegeben wäre.

Gleich im selben Augenblick als die Thiere so erschreckend nahe den

Angriff unternahmen, hatten Franke und ich zu den Waffen gegriffen und

mit dem Rufe »Vorwärts« krachten auch die Schüsse den Kibokos entgegen.

Die Waffen auf die nächsten Köpfe gerichtet, war ein Fehlgehen der

Kugeln trotz der herrschenden Dunkelheit und der wohl nicht sehr

sicheren Hände, ausgeschlossen. Ich nahm mir nicht die Zeit, die

abgeschossene Kugel zu ersetzen, sondern den beiden nächsten Thieren,

die halb von vorne herankamen, die Schrotläufe entgegenfeuernd,

bezeugte ihr Aufbrüllen, daß, selbst die kleinen Kugeln auf den harten

massiven Schädeln nicht ohne Wirkung geblieben waren, untertauchen und

verschwinden war eins.

Dieses Schnellfeuer, freilich nur fortgesetzt, hätte uns aber nicht

vor dem Verderben bewahren können, wenn das Kanoe nicht so schnell

fortbewegt worden wäre wie es geschehen, denn nur dadurch entgingen wir

der Gefahr, auf dem breiten Rücken eines der Kolosse festzukommen; wäre

es geschehen, keinen von uns hätten die verwundeten Thiere, da jede

andere Hilfe ausgeschlossen war, verschont, auch schwerlich wäre jemals

bekannt geworden, wo und wie wir geendet, die Krokodile, noch weit

zahlreicher hier vertreten, hätten bald jede Spur verwischt. --

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 23 / 51 段