Anfänglich noch schimmerte das Laternensignal durch die Nacht und

ich konnte an der geschätzten Entfernung ermessen, wie weit das Boot

ungefähr vom Lande entfernt sei, hatte an dieses, da vom flachen Lande

absolut nichts zu sehen war, wenigstens einen Anhalt, der es mir

ermöglichte, annähernd die Richtung einzuhalten. Plötzlich verschwand

aber auch dieses Licht, und, da kein Stern durch das tiefschwarze

Gewölk zu dringen vermochte, mußte ich so gut es eben gehen wollte,

das Boot zwischen den Untiefen hindurchzuführen suchen. Endlich, ins

tiefere Wasser gelangt, gab ich drei Signalschüsse ab, um mich, wenn

solche beantwortet würden, über die nun einzuschlagende Richtung zu

orientiren, ehe ich mich auf die weite Wasserfläche hinauswagte. Es

verging eine ganze Zeit bis das Signal beantwortet wurde, und darauf

kräftig die Ruder gebrauchend, flog das Boot durch die Nacht über die

dunklen Fluthen hin. In kürzeren Zwischenräumen feuerte ich immer

wieder mein Gewehr ab, doch keine Antwort erfolgte mehr, sodaß ich

annehmen mußte, Franke habe schon seine letzte Patrone vergossen.

Auch als kein Ruf vernommen wurde, wenn ich zuweilen die Leute mit

dem Rudern aufhören ließ, schien es mir schließlich das Beste, ruhig

zu warten; denn, ist das Canoe noch aktionsfähig, würden die Insassen

jedenfalls versuchen, von den Signalschüssen geleitet, das ihnen zu

Hilfe gekommene Boot zu erreichen.

Ich hatte mich in dieser Voraussicht auch nicht getäuscht; zwar währte

es noch eine beträchtliche Zeit, ehe wir Rufe vernahmen und von diesen

geleitet das Boot dahin lenken konnten, woher das Canoe langsam sich zu

nähern schien, doch hatte ich aber die Genugthuung, nicht vergeblich in

die Nacht hinausgefahren zu sein. Wenigstens konnte ich den wohl aufs

äußerste Erschöpften die erste Unterstützung leisten.

Und endlich lagen bald darauf Boot und Canoe Bord an Bord, worauf

dann unverzüglich, so schnell es in der Dunkelheit eben gehen wollte,

sämmtliche Lasten, die in dem Canoe noch vorhanden und zum Theil

halb verdorben waren, in das Boot übergenommen wurden, und dieses

so erleichtert, hatte uns zu folgen. Während der Rückfahrt konnte

ich aus der Erzählung des Herrn Franke entnehmen, daß er alle Phasen

einer solchen Irrfahrt Kampf, Sturm und vermutheten Untergang hat

durchkosten müssen. Er hatte auch unsere Signalschüsse, deren Echo

vom Winde getragen über den See verhallte, vernommen, jedoch aus

keiner bestimmten Richtung, und daher sei es gekommen, daß das Canoe

dem hohen festen Lande zugelenkt wurde, bis er dadurch wieder irre

wurde, als hinter ihm deutlich vernehmbar plötzlich Schüsse abgegeben

wurden. Dann, fast schon an eine Rettung zweifelnd, da das Canoe

immer tiefer sank und sich mit Wasser füllte, welches er nicht allein

mit seiner Mütze auszuschöpfen im Stande war, sei es ihm wie eine

Erleichterung gewesen, als er durch die immer näher kommenden Signale

die Ueberzeugung gewann, ein Boot sei ausgesandt worden, um ihn zu

suchen. -- Gewiß nicht beneidendenswerth ist die Situation gewesen, in

welcher er sich seit der Stunde befunden, als wir ihn aus den Augen

verloren hatten und konnte von großem Glück sagen, daß das Unwetter so

schnell vorüberzog und der Wind das Canoe nicht weit auf den erregten

See hinausgetrieben hatte, wo in solcher Nacht jede Aussicht auf Hilfe

schwinden mußte.

Sobald wir uns der Barre wieder genähert und flacheres Wasser fanden,

saßen wir mit dem Boote bald auf Grund und es wollte nicht glücken, von

den Untiefen freizukommen; durch Stromversetzung höchst wahrscheinlich,

waren wir auf die südlichen Bänke gerathen. Eine ganze Zeit währte es,

ehe ich darüber im Klaren war, wo wir uns eigentlich befanden, bis das

Hin- und Hersuchen uns schließlich den tiefen Strom ausfinden ließ und

wir glücklich, nachdem noch ein Regenschauer die letzte Strecke höchst

ungemüthlich gemacht hatte, zu Lande kamen. Hier war es inzwischen

doch gelungen, ein spärliches Feuer im Zelte zu unterhalten und nach

abgestatteter Meldung beim Major von Wißmann erwartete uns ein warmer

Trunk, wobei nun die Tagesereignisse im kleinen Kreise noch erörtert

wurden, ehe alle zur kurzen Rast sich zur Ruhe legten, um im festen

Schlummer sich zur neuen Anstrengung zu stärken. Der Befehl, daß am

nächsten Morgen das Sektionsboot und das von mir bei der nächtlichen

Fahrt benutzte Boot zur Abfahrt bereit liegen sollten, wurde, als der

Trompeter die Schläfer weckte, schleunigst ausgeführt, sodaß, als der

Major zur Abfahrt bereit, die Boote segelfertig bereit lagen. Neben

der Mannschaft sollte ich allein den Major auf dieser Fahrt nach dem

verlassenen Boote begleiten, das am vorigen Tage mit seiner ganzen

Besatzung von einigen vierzig Mann hatte im Schlamm zurückgelassen

werden müssen, und das nun durch Entlöschen aus seiner Lage mitten im

See befreit werden sollte. Trübe, nicht wie sonst vom freundlichen

Sonnenstrahl erhellt, war der Morgen angebrochen, das schwere Gewölk

hing noch immer düster drohend über uns; die endlosen Wolkenscharen

ballten sich Unheil verkündend, zusammen, und jene gelbliche Färbung

derselben im Norden war wieder das Zeichen, daß der Sturm heraufgezogen

kam, vor dessen Hauch die Dunstgebilde in die Höhe umherflohen. Ein

Warnungszeichen war uns hierdurch gegeben, -- jedoch mit unseren

guten Booten jedem Unwetter Trotz bietend, erachteten wir es als

einen besonders günstigen Umstand, vor dem Winde laufen zu können

und desto schneller unser Ziel zu erreichen; deshalb traten wir auch

ohne Bedenken die weite Reise an, obgleich der mit dem Sturm zugleich

niederprasselnde Regen uns keine angenehme Fahrt bereiten würde.

Sobald die Barre passirt war, setzten wir Segel und vor dem immer

stärker wehenden Wind flog das Boot mit dem kleineren im Schlepptau

über die schwarzen schnellerregten Wogen hin. Bald war der breite und

tiefe Wassergürtel, der das mächtige Schlammmeer umfaßte, durchquert,

und wir konnten dann auf der gelblich schmutzigen Masse den Weg genau

verfolgen, den wir gekommen waren. Es lag in des Majors Absicht, den

geraden Weg zu nehmen, indem wir voraussetzten, daß der Schlamm für die

leeren Boote kein sonderliches Hinderniß sein würde; demnach lenkte ich

das Boot jener Richtung zu, in welcher das große Fahrzeug liegen mußte,

hoffend, daß es gelingen, und wir Wasser genug unter dem Boote behalten

würden, um dieses manövrirfähig zu erhalten.

Bald wuchs der schon starke Wind zum Sturm, die Luft ebenso gelb wie

die aufgewühlten Wasser unter uns, dazu der niederströmende Regen

machte es unmöglich, auch nur wenige Meter voraus oder um uns irgend

etwas zu unterscheiden; eingehüllt von einem undurchdringlichen

Schleier waren wir völlig den rasenden Elementen preisgegeben. Vor

dichtgerefften Segeln raste das Boot durch die Fluthen, -- trotzdem

aber war die geführte Leinewand noch zu viel, da die Masten den

gewaltigen Druck des wilden entfesselten Sturmes nicht auszuhalten

vermochten, und mit Mühe nur konnten wir diese bergen, sodaß, so

zu sagen vor Topp und Takel laufend, die Gewalt des Sturmes allein

auf die Fahrt des Bootes ihren Einfluß ausübte. Die Schnelligkeit

des Bootes wurde naturgemäß dadurch vermindert, und wir erkannten

nun, da dieses nicht mehr mit Allgewalt durch den Schlamm vorwärts

getrieben wurde, daß wir kaum noch einen halben Fuß Wasser hatten;

in der weichen Masse mußte das Boot sitzen bleiben, wenn der Wind

so plötzlich wie er gekommen, auch wieder aufhörte, denn sehr weit

waren wir vorgedrungen, und rings um uns nur das gelbliche vom Sturm

aufgewühlte Gewässer. Bekannt mit diesen gewaltigen Gewitterböen, deren

Kraft schnell erlahmt sobald der Hauptstoß vorübergezogen, fürchtete

ich sehr, daß die gewöhnlich nachfolgende Stille uns in einer der

peinlichsten Situationen finden würde, aus der wir uns, selbst mit

Hilfe des kleineren Bootes nicht zu retten vermochten, wenn der Wind

uns nun im Stiche ließ; auf die Frage des Majors »was fangen wir nun

an, um hier wieder herauszukommen und das freie Wasser zu gewinnen!«

konnte ich nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Wind lange genug

anhalten möge und seine Kraft uns aus dieser bedenklichen Lage

befreien möchte. In dem Augenblick als die Gefahr erkannt worden war,

wurde das Boot auch sofort nach links soweit aus seinem bisherigen

Kurse abgelenkt, daß dieses vom Sturm nun mehr seitwärts gefaßt,

unter der zulässigen Segellast schneller wieder durch den Schlamm

fortgetrieben wurde. Mit der abnehmenden Stärke des Windes wurde immer

mehr Segeltuch gesetzt, soviel, als das Boot irgend nur tragen konnte

und dadurch dessen Geschwindigkeit gesteigert, die jedoch im Verhältniß

zur anfänglichen nur sehr gering war, weil die Schlammmassen zu großen

Widerstand entgegensetzen. Immer näher an den Wind je schwächer

dieser wurde steuerte ich das Boot so, daß dessen Bug schließlich

ganz dem Lande zugekehrt war, welches uns die mittlerweile darüber

hinweggefegte Dunstmasse wieder erkennen ließ, und konnten nach kurzer

Zeit die erfreuliche Beobachtung machen, daß wir auf etwas tieferes

Wasser gekommen waren. Mit Hilfe der Ruder, an denen die Mannschaft

mit allen Kräften arbeitete, wurde die allmählig erlahmende Kraft des

Windes einigermaßen ersetzt und wir hatten denn alsbald die Freude,

das tiefere Wasser von der graugelben Masse, in der wir so weit und so

lange umhergesegelt, unterscheiden zu können.

Schnell beruhigt waren die Fluthen, nachdem die überaus heftige

Gewitterböe vorübergezogen, auch die durch das düstere Gewölk siegreich

durchdringende Sonne ließ ihr Silberlicht auf die kräuselnden Wogen

tanzen; das Boot aber glitt unter den taktmäßigen Ruderschlägen über

diese hin, dem noch entfernten Ziel entgegen.

Nach zweistündiger Fahrt, etwa gegen 8-1/2 Uhr morgens, hatten wir,

begünstigt durch wieder aufspringenden Wind endlich das Boot erreicht

und fanden die Besatzung dabei, die Spuren zu verwischen, welche

der über dasselbe hingefegte Sturm zurückgelassen hatte. Hatten wir

im Lager schon eine ungemüthliche Nacht gehabt, so war dieselbe für

die Insassen des Bootes, die auf den engsten Raum beschränkt den

Unbillen der Witterung völlig ausgesetzt gewesen, gewiß nicht minder

unangenehm verlaufen, aber ungeachtet dessen wurde die Entlöschung

sofort vorgenommen und bereits nach Verlauf einer Stunde konnte die

Rückfahrt angetreten werden. Die Führung des größten Bootes, das trotz

der bedeutender Erleichterung noch halb beladen geblieben und deshalb

schwerfällig war, hatte ich zu übernehmen, während Major von Wißmann

das zweite führte, und unter diesen Umständen auch schneller vorwärts

kommen konnte als ich. Vergebens sehnten wir einen auffrischenden Wind

herbei, der uns die Arbeit erleichtert und auch die niederglühenden

Sonnenstrahlen etwas gemildert hätte, aber erst nach fünfstündigem

unausgesetzten Rudern kamen wir zur Barre. Häufig genug noch saßen wir

in der schmalen Durchfahrt fest und mußten die Leute in das Wasser

schicken, um das Boot zu erleichtern, bis wir schließlich nach drei

Uhr Nachmittags den Lagerplatz wieder erreichten.

Da die Weiterfahrt auf den nächsten Morgen in aller Frühe festgesetzt

worden war, gab es nun Arbeit vollauf, doch ehe die Nacht hereinbrach,

war auch diese beendet, und beim Scheine der Lagerfeuer, wozu von einer

bewaffneten Abtheilung, von den nächsten Hügeln an der anderen Seite

des Flusses das Material inzwischen herbeigeschafft worden war, konnten

wir uns eines herrlichen Abends und einer friedevollen Nacht erfreuen.

Wie erwähnt, war die Stelle wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten,

nur wenig höher gelegen, als das Niveau des Wasserspiegels, und

dieselbe Beschaffenheit zeigte mit wenigen Erhöhungen auch das ganze

umliegende Terrain, das dicht mit hohem Rohr und Gras bewachsen, aus

einer allmählichen Anschwemmung entstanden war. Diese weite Fläche

nun, mußte, sobald der Schirefluß im Steigen begriffen war, zu

gewissen Zeiten fast ganz unter Wasser gesetzt sein, was der Fall,

wenn die ungeheure Wasserfläche des Nyassa-Sees plötzlich durch

große Regenmassen, welche aus den diesen See umgebenden Gebirgszügen

zuströmten, um ein weniges erhöht wurde. Zwar steht das Steigen des

Flusses hier, gegen seinen Unterlauf, wo er oft bis 10 Fuß Höhe

sich anstaut, in gar keinem Verhältniß; einen Fuß oder noch etwas

mehr über den gewöhnlichen Wasserstand, ist hier schon ein hoher zu

nennen, und einzig davon abhängig, ob dem See während der Regenzeit

große Wassermassen zugeführt werden oder nicht. Diese zeitweiligen

Ueberschwemmungen machen das erwähnte Terrain für eine Ansiedelung

völlig ungeeignet, obgleich der Boden als ertragreich bezeichnet

werden kann, denn dessen Zusammensetzung aus Thon, Sand und Erde

versprechen mancher Kulturpflanze ein gedeihliches Fortkommen. Aber

der Eingeborne braucht ja nicht zu kargen, er hat Land im Ueberfluß

und aus diesem Grunde wohl war in weiter Runde von einer menschlichen

Ansiedelung auch nichts zu sehen. Desto reicher war diese Niederung von

Wasservögeln bevölkert, wenn hier auch nicht so zahlreich und vielartig

vertreten, wie auf den Bänken des unteren Zambesiflusses, so konnten

doch neben dem schwerfälligen Pelikan, verschiedene Reiherarten, wilde

Enten und Gänse etc. bemerkt werden, die in ungestörter Ruhe hier ein

beschauliches Leben führten.

Das Gesammtbild der weiten Umgebung trägt den Charakter der Urwildniß

mit dem Unterschied nur, daß rechts und links die Gebirgszüge den im

Sonnenlicht blitzenden Malombwe-See umziehen; nach Norden hin streben

die Felsenmassen höher und kompakter auf, die somit einen anderen

Eindruck hervorbringen, als wenn einzig die üppige Vegetation dieser

Scenerie ihren Stempel aufgedrückt hätte.

Zur festgesetzten Stunde, am 5. Januar, sagten wir dem Malombwe-See

Valet; die nächste Krümmung des Flusses benahm bald die freundliche

Aussicht auf diesen und zwischen den Ufern des tiefen Stromes

hinziehend, die zur Rechten höher und stark bewaldet sind, wurde

manchem Krokodil, das zu spät erwacht oder durch unsere Annäherung sich

nicht hatte stören lassen, die tödtliche Kugel zugeschickt. Längere

Zeit blieb das Ufer zur Linken so niedrig, wie es am See gewesen, auch

dieselbe Eintönigkeit blieb vorherrschend, bis mit einem Male, als

wir die Mündung eines Nebenflusses des Schire passirten, der stark

strömend, sich in diesen ergoß, die Gestaltung der Ufer eine ganz

andere Form bekam, denn fortan blieb dieses steil und hoch, oft 15-20

Fuß, sodaß jeder Einblick in das hinterliegende Gelände benommen wurde.

Die Gewißheit an diesem Tage noch Fort Johnston erreichen zu können,

aber über die eigentliche Entfernung im Zweifel, hielten wir bei jeder

Biegung des Flusses scharfe Ausschau, ob über Busch und Bäumen nicht

irgend etwas zu entdecken sei.

Gegen elf Uhr Morgens, querab vom Dorfe Towowo, glaubte ich wider

Erwarten die englische Flagge voraus zu erkennen und als etwas später

auch die Masten des Dampfers »Domira« über die Büsche zu erkennen

waren, wußten wir, daß das Endziel dieser langen beschwerlichen Reise

nun nicht mehr allzu weit entfernt sei. Bald tauchten, als auch Busch

und Wald zurücktraten, rechts von uns eine weite Grasebene freie

Umschau gestattete, die langgestreckten Bauten der Garnisongebäude auf,

denselben gegenüber aber viel hundert Hütten der Eingebornen, sodaß

beide Ufer aus der Ferne gesehen, wie ein einziges mächtiges Dorf sich

ausnahmen, über welches vom Fort Johnston die buntgestreifte englische

Flagge zu wehen schien. Näher und näher gekommen, zu guterletzt noch

von einem günstigen Wind getrieben, landeten wir endlich am Fuße dieser

kleinen Festung; wonach wir aber vergeblich Ausschau gehalten -- uns am

Anblick des gewaltigen Nyassa-See zu erfreuen, das sollte uns vorläufig

verwehrt bleiben. --

10. Von Fort Johnston nach Mpimbi.

Fort Johnston, unter dessen Wällen Major Wißmann vom Kommandanten

Kapitän Johnston, einigen Zivilpersonen, unter denen vornehmlich Mr.

Nikol, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf und einer militärischen

Ehrenwache empfangen wurde, entsprach bei Weitem nicht der Vorsetzung,

welche wir uns von einer so isolirt liegenden Festung gemacht hatten,

wenigstens konnte es dem Beobachter erscheinen, als mußten diese

niedrigen Sandwälle, nur von einem nicht tiefen, etwa sechs Fuß breiten

Graben getrennt, von einem energischen Feind im ersten Anlauf genommen

werden können. Aber so beschränkt auch der Raum, der geringen Zahl der

Besatzung angemessen, mußte doch dieser Vorposten der englischen Macht,

inmitten einer unruhigen und zweifellos feindlich gesinnten Bevölkerung

den Anforderungen genügen, da bisher jeder Ansturm abgeschlagen werden

konnte und die Feinde sich solche Lektionen geholt hatten, daß sie es

nicht mehr wagten, gegen die Verderben speienden Wälle vorzugehen.

Eine günstige Lage hat dieses Fort insofern, als es, am Ufer des

Flusses erbaut, die weite Ebene, nur hin und wieder von einigen

Gebüschen bestanden, beherrschen kann, also ungesehen ein zahlreicher

Feind sich nicht nähern könnte, was aber besonders beachtenswerth,

ist das hohe, aus den faserigen Stämmen der Fächerpalme erbaute

Gerüst, von welchem aus der Wachtposten im Stande ist, die Ankunft

eines jeden Bootes, sowie eines jeden Dampfers auf dem Nyassa-See zu

bemerken, nebenbei kann ihm in der Ebene keine auffallende Bewegung

entgehen. Ein Maximgeschütz ist auf diesem Wartthurm aufgestellt und

würde einer feindlichen Kolonne jedenfalls einen recht warmen Empfang

bereiten. Unmittelbar am anderen Ufer, unter den Kanonen des Fort

und beherrscht von der so hoch postirten Kugelspritze, liegt das

gewaltige Dorf Mponda, dessen Einwohner, etwa 20000 an Zahl, die größte

Bevölkerung ausmachten, die wir auf unserem weiten Wege, an einem Orte

zusammengedrängt, angetroffen haben.

Nicht immer so friedlich, wie zur Zeit unserer Ankunft haben sich

die Bewohner dieses Dorfes verhalten, denn die jeder Zeit 5000

kampfbereiten Krieger sind eine Macht, mit der die vordringenden

Engländer zu rechnen hatten; erst allmählich konnten sie Herr einer

Bewegung werden, die mit allen Kräften sich gegen die aufgenöthigte

Protektion sträubte und die unwillkommenen Eindringlinge aus dem

Lande zu jagen versuchte. Anlaß zu verschiedenen Empörungen gab

auch die Eintreibung der ausgeschriebenen Steuern, die jedesmal

niedergeschlagen, den Eingebornen Freiheit, Rechte und Besitz gekostet

hat, und heute ruht die Verwaltung und Gerichtsbarkeit in den Händen

der Engländer.

Anders hingegen verhält es sich mit den Volksstämmen hinter Fort

Johnston, die sich in die schwer zugänglichen Gebirge zurückgezogen

haben, hier hat englischer Einfluß und Macht ein Ende gefunden, denn

die noch unbezwungenen Stämme haben sich ihre Freiheit bewahrt,

benutzen aber jede Gelegenheit, durch kleine Einfälle die Garnison

in Aufregung zu erhalten. Einen Unterschied zu machen sind sie

freilich wenig fähig, denn es gilt ihnen gleich, gegen wen sie die

Angriffe richten; den Unterschied der Nationalitäten vermögen sie

nicht zu fassen, der weiße Mann ist ihr Feind und wo sie diesem

Schaden zufügen können, versuchen sie es. So waren auch später bei

Anlegung der deutschen Station »Port Maguire«, die ersten Ankömmlinge

gezwungen, solche Ueberfälle blutig zurückzuweisen, ehe sie vor den

umherstreifenden Banden endlich Ruhe fanden.

Das kameradschaftlich-freundliche Entgegenkommen des Kommandanten

Kapitän Johnston gegen Major v. Wißmann und Dr. Bumiller erleichterte

nicht unwesentlich unsere Aufgabe; dazu konnte es auch als ein

glücklicher Umstand betrachtet werden, daß wir zur rechten Zeit

hier eintrafen, um mit der Unterstützung des englischen Dampfers

»Domira« die Reise nach dem Norden des Nyassa-Sees fortsetzen zu

können. Die anfängliche Absicht des Majors, die Reise mit den offenen

schwerbeladenen Booten zu unternehmen, kam zum Glück durch das

Entgegenkommen des Führers dieses Schiffes nicht zur Ausführung,

denn gänzlich unbekannt mit diesem unruhigen, zu Zeiten gefährlichen

Gewässer, würde es eine unglaubliche Leistung gewesen sein, die Boote

zum Ziele zu bringen; viel eher würden diese durch die Wogen an den

felsigen Küsten zerschellt worden sein und die Vorexpedition hätte

aufgegeben werden müssen oder ihren Untergang gefunden.

Einmal nun entschlossen mit Hilfe der Domira die Reise fortzusetzen,

wurden die dahinziehenden Anordnungen des Majors schleunigst

ausgeführt, und der nächste Tag fand Europäer und Soldaten in vollster

Thätigkeit, die nothwendigen Vorkehrungen zur schleunigen Abreise zu

treffen.

Viele fleißige Hände regten sich, die Einschiffung der Geschütze,

Munition und sonstige Bestände der Expedition auszuführen, der

Befehl, daß am Nachmittage des 6. Januar alles beendet sein mußte,

gestattete auch kein langes Besinnen. Eine Revue, verbunden mit einer

militärischen Uebung, über die gesammte Streitmacht, welche der Major

noch abnahm, zeigte, daß unsere Soldaten noch nichts von der Exaktheit

im Dienst verloren hatten, und im Vergleich zu den englischen Soldaten,

angeworbenen Makua-Leuten, in jeder Weise diesen überlegen waren. Die

strenge Disziplin, der Drill, welcher den Leuten beigebracht worden,

erweckten die Ueberzeugung, daß in jeder Lage auf eine solche Truppe

unbedingter Verlaß ist, was sie später in so manchem heißen Kampf

bewiesen, -- eine Söldnertruppe zwar, bluteten und starben sie, und

ließen niemals ihre Führer oder die deutsche Fahne im Stich. Wie viele

ihrer auch die kühle Erde im Herzen Afrikas decken sollten, immer waren

sie bereit, ihrem Führer willig zu folgen, und keine Noth, Gefahr noch

Entbehrung konnte sie in der Ausübung ihrer Pflicht wankend machen.

Klar und schön, nach einer stürmischen Gewitternacht, brach der Morgen

des 7. Januar 1893 an, mit dem ersten Strahlengruß der über die

Berge emporsteigenden Sonne schmetterten auch die Trompetensignale,

alle mahnend, daß die Stunde gekommen, in welcher die schwankenden

Planken des Schiffes betreten und von diesem in die weite Ferne einem

unbestimmten Schicksal entgegengeführt werden sollten. Kompagnieweise

ging die Einschiffung der Soldaten mit unsern Booten gemäß der

Bestimmung vor sich; um zehn Uhr war alles beendet, zum letzten

Abschied schüttelten sich brave Deutsche und Engländer die Hände, unter

einem brausenden Hurrah stießen darauf die Boote ab und wandten sich

dem seeklar liegenden Schiffe zu.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 22 / 51 段