Eine Landung an dem Orte zu versuchen, an welchem wir uns befanden war

ausgeschlossen, daher ohne einen Versuch zu machen, wurde der Befehl

zur Umkehr gegeben und an der sandigen Uferstelle vor der Station Werra

gelandet, die etwas landeinwärts auf einem erhöhten Punkte, bestanden

mit mächtigen breitästigen Tamarindenbäumen, angelegt ist. Ihren Namen

soll diese von dem eine Strecke flußabwärts liegenden großen Dorfe

Werra erhalten haben; sie ist nur von einigen schwarzen Soldaten und

deren Familien bewohnt und hauptsächlich als eine Uebergangsstation

zu betrachten, denn die kleinen Erdwälle und Gräben ohne jegliches

Verständniß hin und wieder aufgeworfen, verfallen und zur Vertheidigung

ungeeignet, würden einem zahlreichen Feinde schwerlich am Vordringen

abhalten. Eigentlich, wie mir mitgetheilt wurde, ist diese Station

neutrales Gebiet, auf welchem vorkommende Zwistigkeiten zwischen den

umwohnenden Häuptlingen von dem Verwalter der Station Fort Hohnston

geschlichtet werden und die Besatzung vornehmlich die Aufgabe zufällt,

die ausgeschriebenen Kopfsteuern in Landesprodukten einzutreiben.

Den Umständen gemäß hatten wir hier ein bequemes Nachtlager gefunden,

was um so schätzenswerther war, als der nächste Tag voraussichtlich

viel Arbeit bringen würde, da wahrscheinlich kein Landen eher möglich

sein würde, als bis wir den am Nordende des Sees einmündenden Fluß

wieder erreicht hätten, und was das Ungemüthlichste, schwerlich vor

dieser Zeit etwas würden genießen können.

Früher als gewöhnlich blies am Morgen des 3. Januar der Trompeter die

Reveille. Ein Jeder, darauf bedacht, vor der Abfahrt noch einen Becher

voll Kakao oder Kaffee zu erhalten, beeilte sich desto mehr fertig zu

werden, denn Rücksicht wurde auf Keinen genommen. Jeder mußte, sobald

die Musterung der Soldaten vorüber, das Signal zur Abfahrt gegeben,

bereit sein, seinen bestimmten Platz einzunehmen. Laut einer Verfügung

des Majors hatte Leutnant v. Bronsardt, der auf dem Landwege früher in

Fort Johnston eintreffen konnte als wir, von dort nach Werra einige

mit dem Malombwe-See bekannte Leute zu senden, die auch, da selbe sich

sehr beeilt hatten, tagszuvor eingetroffen waren, und nun auf den

Booten als Führer vertheilt, wurden nach ihrer Anweisung die Fahrzeuge

dirigiert. Je näher wir dem See kamen, desto weiter dehnte sich der

Fluß aus und fast gewann es den Anschein, als ergieße sich derselbe

hier in den See -- von einer Strömung war bei der großen Breite und

Tiefe nichts mehr zu bemerken und daher kamen wir auch ziemlich schnell

vorwärts. Eine ganze Strecke bei sich gleichbleibender Tiefe, waren wir

in den spiegelglatten See hineingefahren -- zur Linken, wo das Land im

Halbkreis den See umschließt blieb das Wasser klar und behielt seinen

grünlichen Schimmer, dagegen zur Rechten und Voraus nahm es eine graue

Färbung an aus einem Grunde, der uns noch unbekannt war, bald aber

als ein Hinderniß auftreten sollte, das zu überwinden wir gewaltige

Anstrengungen machen mußten.

Immer dieselbe Richtung nordwärts einhaltend, glaubte ich anfänglich,

daß wir in gleicher Weise quer durch den See hinfahren könnten,

allein, sobald die genaue Färbung des Wassers als darunterliegender

Schlamm erkannt wurde, mußte der Kurs ostwärts, mit dem rechten Ufer

gleichlaufend, geändert werden, in welcher Richtung, nach Angabe

unserer Lootsen, noch das tiefste Wasser zu finden sei. Der Kiel des

Bootes, da die Wassertiefe nur noch zwei und einen halben Fuß betrug,

wühlte die leicht-bewegliche Masse auf, so, daß in der Kiellinie

ein schmutzig gelber Streifen hinter uns verblieb, der mithin

sichtbar den Weg erkennen ließ, welchen wir genommen. Ebenso wurden

mit jedem Ruderschlage die Schlammmassen aufgewühlt, in denen durch

das klatschende Geräusch erschreckt, fortwährend eine beträchtliche

Anzahl großer und kleinerer Fische vor dem Bug des Bootes hin- und

herschossen; konnten diese nicht ausweichen, weil ihre Bewegungen

ziemlich langsam waren, dann vergruben sie sich plötzlich in die

weiche Masse und entzogen sich dadurch dem vermeintlichen Verfolger.

Ausnahmlos war es eine Art Sumpffisch, ähnlich unserem Wells oder auch

dem sogenannten Katfisch; ein flacher breiter Kopf, die Kinnladen mit

Bartfasern besetzt, der Körper langgestreckt von heller gelblicher

Färbung, konnte man diese zu derselben Gattung zählen, welche ich

früher schon im untern Schire oder später im Nyassa-See zu fangen

Gelegenheit gehabt habe. Höchst verwundert über eine solche Versumpfung

des ganzen Malombwe Sees, äußerte sich Major von Wißmann dahin,

daß eine solche erst im Verlaufe der letzten zehn Jahre allmählich

eingetreten sein kann, denn er habe vor dieser Zeit, als er von der

Westküste kommend und den Kontinent durchquert hatte, diesen See tief

und klar gefunden, und diese Angaben bestätigten sich auch, indem

wir überall eine durchschnittliche Tiefe von zehn Fuß fanden. Es war

nämlich leicht genug eine Bambusstange bis auf den Grund durch den

Schlamm hindurchzustoßen, nur das zurückziehen wurde schwerer, weil

die bindende Masse in der Tiefe durch den Druck der oberen Schichten

fester und zäher geworden war. Uebrigens erwies sie sich als eine

Thonablagerung und es liegt die Vermuthung nahe, daß dieselbe in

ihrem Fortbestand im Laufe der Zeiten diesen großen See schließlich

zum größten Theil in festes Land umwandeln muß, durch welches der

Schirefluß sich eine Straße offen halten wird.

Auf die Ursache dieser ungewöhnlichen Erscheinung werde ich später bei

der Beschreibung des Nyassa Sees eingehend zurückkommen, vorläufig nur

sei erwähnt, daß dieses Material von den zahlreichen Gebirgsbächen

und einiger größerer Flüsse, welche in den Nyassa münden, in diesen

hineingeführt wird und durch Strömungen, zum Abschluß des ungeheuren

Sees, dem Schirefluß, geleitet, hier im ausgedehnten flachen Bette des

Malombwe durch wohl unerklärliche Umstände, jedenfalls durch eine zu

schwache Strömung in diesem See in letzter Zeit abgelagert wurde.

Man hätte meinen sollen, die weiche Masse unter uns könne die Boote

am Fortkommen nicht sonderlich hindern, indes, als wir nach einiger

Zeit nur noch zwei Fuß Wasser fanden, mußten wir die Erfahrung machen,

daß dieselbe sich am Boden festsetzte, sodaß durch Rudern oder

Schieben nicht mehr weiter zukommen war. Stundenlang arbeiteten wir

in heißer Sonnengluth mit aller Anstrengung um hindurchzukommen, aber

es wollte nicht gehen, auch der Wind, der in diesem Fall unser bester

Verbündeter hätte sein können, wehte, als er endlich aufsprang, aus der

entgegengesetzten Richtung und, als schließlich um ein Uhr Nachmittags

an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war, beorderte der Major die

kleineren Boote längsseit, um eine Erleichterung des großen Fahrzeuges

vornehmen zu lassen.

Auch dieses Mittel erwies sich als nutzlos, konnten doch die schon

schwerbeladenen Boote nur noch wenig aufnehmen, selbst das Kanoe wurde

mit Mehlsäcken beladen, um sein Theil zur Erleichterung beizutragen,

-- aber trotzdem blieb ein erneuerter Versuch eine vergebliche Mühe.

Nun erhielten unter meiner Führung die kleineren Boote den Auftrag,

nach allen Seiten hin die Wassertiefe zu untersuchen, ob nicht doch

noch ein Ausweg zu finden sei; die Behauptung der Lootsen, daß es

zu beiden Seiten noch viel flacher wäre, wollte uns nicht recht

einleuchten, -- doch alles Suchen war Zeitverschwendung, es gab nur die

eine Fahrstraße und diese erwies sich für das große Boot als zu flach!

Thatenlos nach so großer Anstrengung hier mitten im See sitzen zu

bleiben und vielleicht auf günstigen Wind zu warten, der allein im

Stande war, uns aus diesem Dilemna zu befreien, war des Majors Absicht

nicht, auch solches geduldige Abwarten seiner Natur entgegen, darum,

nun einmal nicht weiter zu kommen war, beschloß er, das große Boot

unter Aufsicht von Dr. Bummiller und +de la Fremoire+ sitzen zu

lassen und mit den drei kleineren den Versuch zu wagen, ob nicht Land

zu erreichen sein werde. Schwer war dieses Unternehmen nicht; sobald

einmal der Schlammgürtel hinter uns lag, hatten wir freies Wasser, auch

betrug die Distanz bis zum nächsten Ufer höchstens sechs englische

Meilen, aber der Umstand, daß wir am östlichen Ufer überhaupt nicht

landen durften, war das Mißliche unserer Lage. Die feindlich gesinnte

Bevölkerung dieser Gegend, welche sich bisher unter die Botmäßigkeit

der Engländer nicht hat stellen wollen, verwehrte jeden Durchzug durch

ihr Gebiet und wehrte mit Waffengewalt jedes Unternehmen der Art, sodaß

der Malombwe-See nur an der westlichen Seite von Fußgängern umgangen

werden konnte. Gewiß waren wir stark genug, einen Angriff abzuschlagen

und eine verweigerte Landung zu erzwingen, -- doch nur eine zwingende

Nothlage hätte einen Kampf, wie solcher wahrscheinlich unausbleiblich

gewesen wäre, in den Augen der Herrn Engländer rechtfertigen können;

sie hätten sicherlich die Alarmtrommel gerührt und das anmaßende

Benehmen der Deutschen, auf ihrem Gebiet Kämpfe zu führen, mit echt

englischer Unverfrorenheit gegeißelt.

Alle solche unliebsamen Verwickelungen zu vermeiden, war natürlich des

Majors Bestreben, daher auch von vornherein ausgeschlossen, was solche

herbeiführen konnte. --

Wie immer, so wurden auch jetzt die gegebenen Befehle prompt und

schnell ausgeführt; bald lag das große Boot weit hinter uns und wir

folgten jener Richtung, in welcher ich, auf Rekognoszirung ausgesandt,

das tiefste Wasser gefunden hatte, wobei ich einen hohen Bergrücken

in der Ferne, der die Form eines langgestreckten Sattels hatte, als

Richtobjekt im Auge behielt.

Schon nach halbstündigem kräftigen Rudern hatten wir uns

durchgearbeitet und vor uns lag ein tiefer, breiter Wassergürtel, der

nordwärts, wohin unser Weg lag, kein Hinderniß aufwies, ebenso nach dem

Lande zu in gleicher Weise sich ausbreitete, nur, wie es den Anschein

hatte, waren dort die Ufer niedrig und flach, sodaß an den meisten

Punkten ein Landen wohl mit einigen Schwierigkeiten verknüpft gewesen

wäre. Mit der Kursänderung, von Ost nach Nord, hatte ich gehofft,

würde sich Gelegenheit bieten, eine weite Strecke segeln zu können,

aber der frisch wehende Wind änderte seine Richtung nach +NNO+

und durch den schnell aufgewühlten Seegang wurde uns das Fortkommen

sehr erschwert. Die kleinen, tiefbeladenen Boote, die im aufgeregten

Wasser auf- und niederstampften, konnten bald nicht mehr folgen, -- das

Kanoe hatte sich schon dem Lande zugewandt und suchte unter dem Schutz

des Ufers besser fortzukommen, -- da, als die Boote immer mehr Wasser

schöpften und ein Sinken nicht unmöglich schien, weil wir dasselbe

nicht so schnell ausschöpfen konnten, gab ich dem großen Boote, worauf

sich der Major befand, das Nothzeichen, und bald darauf längsseit

gekommen, wurden diese nach Möglichkeit entlastet. Auch dem Kanoe,

das zu tiefbeladen war, sollte Unterstützung werden, allein, dieses

beachtete die abgegebenen Signale nicht, strebte vielmehr nach dem

Lande zu, bis der Major des Wartens überdrüssig, die Fahrt fortzusetzen

befahl. Leider wußten wir es nicht, daß das Kanoe, als es hinter eine

vorspringende Landzunge verschwunden war und im flachen Wasser vorwärts

zu kommen versuchte, von den am Ufer sich sammelnden Eingebornen

angegriffen wurde, die dieses zwangen, aus dem Bereich der feindlichen

Schußwaffen zu bleiben, wodurch es genöthigt wurde, das tiefe Wasser

wieder aufzusuchen und hier selbstverständlich gegen Wind und See nur

äußerst langsam weiterkommen konnte. Die abgegebenen Nothsignale hatten

wir der großen Entfernung wegen nicht gehört, waren daher auch in

völliger Unkenntniß von der Gefahr geblieben, welcher sich unser Artist

Herr Franke ausgesetzt hatte. Nach vierstündiger mühevoller Fahrt

näherten wir uns endlich dem Nordende des Sees und je näher wir der

Einmündung des Schire kamen, die wie ein schmaler blauer Wasserstreifen

von uns sichtbar wurde, desto ruhiger wurden die bewegten Wellen, sodaß

die Boote schneller vorwärts kamen und die ermatteten Leute nicht mehr

so angestrengt zu rudern brauchten. Indeß beim Näherkommen bemerkten

wir erst die im weiten Kreise vorgelagerten Grasinseln, zwischen

denen hindurch zukommen, da sie auf einer vorgelagerten flachen Barre

festlagen, uns nicht gelingen wollte. Um das große Boot zu entlasten,

wurde jeder Mann in das Wasser geschickt, aber ob wir auch mit aller

Anstrengung schoben, selbst den Sand unter dem Boote wegzuschaffen

suchten, mißlang es doch. An jeder freien Stelle, wo Aussicht vorhanden

schien, noch durchzukommen, wurde der Versuch erneuert, jedoch immer

wieder mußten wir zurück. --

Gleich anfangs hatte ich den Auftrag erhalten, die Wassertiefe überall

zu untersuchen, aber mir wollte es auch nicht gelingen, irgendwo

eine Passage aufzufinden, die tief genug gewesen wäre für das große

Boot, bis ich schließlich, innerhalb des weiten Beckens, wo bedeutend

tieferes Wasser, so weit nach Westen zu mit einem der kleinen Boote

vorgedrungen war, daß ich es kaum noch für möglich hielt, hier einen

Ausweg zu finden. Ein abgegebenes Signal hieß mich zum außerhalb der

Barre umhersuchenden Boote zurückkehren und deshalb, die weitere

Untersuchung aufgebend, glaubte ich schon einen Mißerfolg melden

zu müssen, als ich doch noch auf dem Rückwege unter den äußersten

Grasinseln einen schmalen Kanal entdeckte, der sich als tief genug

auswies, hier das Boot hindurchzubringen. Vorher, als alles Suchen und

Mühen vergeblich gewesen war, drängte sich in mir die Ueberzeugung

auf, daß der projektirte Bau des Schiffes in Mpimbi an ein solches

Hinderniß scheitern müsse, -- wie wollten wir wohl das wahrscheinlich

noch tiefer gehende Schiff über solche Barre hinwegbringen, da uns

doch keine Mittel zu Gebote standen, nöthigenfalls einen Kanal durch

diese Barriere graben zu können. Mit der Auffindung einer Fahrrinne

schwand nun diese Besorgniß und zum Boote zurückgekehrt, konnte ich die

Mittheilung machen, daß ein Ausweg gefunden sei.

Längst schon war hinter dem dicht an den See herantretenden Höhenzug,

dessen zerklüftete Gipfel gleich einer starren Felsenmasse kahl in

die Lüfte hineinragten, die Sonne verschwunden, ihre letzten Strahlen

umspielten mit schwachem Scheine nur noch die höchsten Spitzen,

und bald mußte die frühe Nacht hereinbrechen; über uns aber stand

schwarzes Gewölk, das am Horizont graugelb gefärbt dem Kundigen den

heraufziehenden Sturm anzeigte. -- Ueberraschte uns das Unwetter

noch auf dem Wasser mußte die Situation höchst ungemüthlich werden,

wozu alle Aussicht vorhanden, als wegen der schnell hereinbrechenden

Dunkelheit die zahlreichen Untiefen innerhalb der Barre nicht mehr zu

erkennen waren und wir alle Augenblick mit dem großen Boot festsaßen.

Schließlich aber kamen wir doch hindurch, und uns plötzlich in der

tiefen Schiremündung befindend, strebten wir dem rechten Ufer zu,

um auf der äußersten, ganz flachen, mit Rohr und Gras bewachsenen

Landspitze zu landen. Wohl hätte das gegenüberliegende Ufer unserem

Zwecke viel besser entsprochen, weil es bedeutend höher und

trockener war, Baum und Strauch auch Schutz geboten hätten, indeß

die Vorsicht gebot eine Landung hier zu unterlassen, da es immerhin

nicht ausgeschlossen war, daß unter dem Schutze der Dunkelheit von

feindlicher Seite ein nächtlicher Ueberfall ins Werk gesetzt werden

könnte, der uns freilich nicht überrascht, aber doch eine unliebsame

Störung verursacht hätte.

Sofort nach der Landung war die Aufrichtung der Zelte das nächste und

Jeder griff zu, die schützende Leinwand am Erdboden mittelst Pflöcke zu

befestigen, während Soldaten und Diener unter Aufsicht eines Europäers

Kisten und Kasten nach der trockensten Stelle hinschleppten und

aufstapelten, denn laut Befehl des Majors sollten alle Boote möglichst

schnell entlöscht und zu der am nächsten Morgen beabsichtigten Aktion,

dem verlassenen Boote Hilfe zu bringen, bereit gehalten werden.

Schneller aber brach das Unwetter über uns herein! Mit dem ersten

gewaltigen Windstoß, der die erst halb aufgerichteten Zelte wieder

niederriß, stürzte die Regenfluth derartig hernieder, daß wir im

Augenblick vollständig durchnäßt waren und gegen den heulenden Wind die

flatternde Leinewand zu bergen suchten; auch glich der Erdboden um uns

bald einem Teich, es hatte den Anschein, als wäre der Fluß ausgetreten,

weil das mit dem Niveau des Flusses fast gleich hoch liegende Land

schon vollständig durchtränkt, kein Wasser mehr aufnehmen konnte.

Zu all den Widerwärtigkeiten, welche uns dieser Tag schon gebracht

hatte, kam nun noch das Schlimmste, daß wir kein Feuer anzünden

noch irgendwie Aussicht hatten, etwas Warmes genießen zu können,

denn Brennholz hatten wir nicht und schwerlich war auf dieser öden

Landspitze solches zu finden, -- trockenes Rohr und Gras zwar

hätte schon genügt, aber auch dieses war nun durch den heftigen

Regen unbrauchbar gemacht. Endlich, als das Mannschaftszelt wieder

aufgerichtet war, neben das des Majors vorläufig das Einzige, und die

nothwendigsten Arbeiten beendet waren, konnten wir daran denken, dem

knurrenden Magen, der den ganzen Tag gefastet, zu befriedigen; trockene

Bisquits zwar und kalte Konserven, wozu ein gespendeter Cognac kam,

mußten genügen, aber es war doch wenigstens etwas, um die Lebensgeister

wieder anzuregen.

Zum Glück zog mit dem heftigen Wind auch die Regenfluth bald

vorüber, -- und es konnte nun an die Aufrichtung einer Signallaterne

gedacht werden, die dem einsam in dunkler Nacht auf dem weiten

See umherirrenden Canoe als Wegweiser dienen sollte, aber ob auch

Minutenlang das flackernde Licht im Winde aufblitzte, wollte es doch

nicht gelingen, die Laterne brennend zu erhalten, soviel Vorsicht auch

dagegen angewendet wurde, -- unsere Zeltlaternen waren eben nicht dazu

eingerichtet, im Winde zu brennen. Große Besorgniß um das Schicksal der

Insassen des Canoes, von denen immer noch kein Lebenszeichen bemerkt

werden konnte und die unzweifelhaft vom Sturm und Regen überrascht

worden waren, erfüllte Jeden; verschiedentlich patroullirte ich am

Seeufer hin und her, in die Nacht und Dunkelheit hinaus horchend, ob

nicht ein Ruf oder Schuß zu hören sei, -- war es doch kein Kinderspiel,

in einem ausgehöhlten Baumstamm ohne jegliche Seitenstützen auf dem

wildbewegten See umherzuirren. Und wenn ich meiner Befürchtung hätte

Worte leihen sollen, würde ich wenig Hoffnung haben geben können, daß

die Vermißten solches Unwetter glücklich überstehen würden, zumal das

Canoe mit etwa dreißig Säcke Ugali (Maismehl) beladen worden war, fast

unser ganzer Vorrath, auch mußte die Ladung dieses ungelenkig und

ungeeignet machen, Sturm und Seegang zu überdauern.

Stunden voll ängstlicher Spannung gingen hin, jedes entfernte Geräusch

ließ uns auffahren, wenn aber die ausgestellten Posten befragt wurden,

hieß es immer wieder, es ist nichts zu hören, und jeder Rapport, der

dem Major abgestattet wurde, mußte verneinend lauten. Hätte ich nicht

die Nutzlosigkeit, in dieser rabenschwarzen Nacht mit einem Boote auf

den See hinauszufahren, eingesehen, würde ich längst einen Versuch

unternommen haben, -- aber leider war die Aussicht vorhanden, selbst

irre zu fahren, -- in welcher Richtung auch sollte ich die schon halb

Aufgegebenen suchen. Auch Signalschüsse wurden in Zwischenräumen

abgegeben, da wir vergebens bemüht gewesen, Haufen von Rohr zu

entzünden, um Leitfeuer am Seeufer aufflammen zu lassen, -- alles

vergeblich, keine Antwort kam; nur der wieder beginnende Regen war wie

ein leises Rauschen vernehmbar, sonst drang kein Ton durch die tiefe

Stille zu uns herüber.

Es verursacht ein eigenes peinliches Gefühl, solch' unbestimmtes

Warten -- zumal, wenn man mit dem Tode, als einen Faktor zu rechnen

hat, der einmal da ist und sich durch keine findige Klügelei aus

der Lebensrechnnng wegstreichen läßt, und in diesem Falle stand ein

Gefährte zwischen den Faktoren Leben und Tod -- nach welcher Seite

hatte das Zünglein der Wage sich geneigt? Das war eine stumme Frage an

das Schicksal, die die nächste Stunde beantworten mußte; denn entweder

bald oder niemals sahen wir die Vermißten wieder. So floh die flüchtige

Zeit dahin -- im ängstlichen Harren für uns eine Qual -- für die

draußen auf dem weiten See mit der tiefen Dunkelheit noch Kämpfenden

eine Ewigkeit....

Wie eine Erlösung klang endlich der Ruf des äußersten Postens »es seien

drei Schüsse gefallen« zu uns herüber, und zum Ufer eilend, horchten

wir in die Nacht hinaus, konnten aber nichts mehr vernehmen; hätte der

Posten nicht so fest an seine Behauptung gehalten, wir würden geneigt

gewesen sein, es als eine Täuschung anzusehen, die aber hinfällig

werden mußte, wenn man in Betracht zog, daß das Gehör eines Schwarzen,

der Posten war ein Zuluneger, viel feiner ausgebildet ist als das

unsrige, wenigstens durch ein freies Leben in der Natur die schwachen

Laute viel besser unterscheiden konnte wie wir. Zweifellos mußte der

Mann etwas vernommen haben, das nur als ein Nothsignal aufzufassen war,

und von unserer Seite nun drei Schüsse abfeuernd, war es nach einiger

Zeit wieder derselbe Posten, der eine Antwort vernommen haben wollte;

während andere nur ein sehr schwaches Geräusch wie aus weiter Ferne

gehört hatten.

Zunächst nun wurde nochmals der Versuch gemacht, an unserer längsten

Stange die Laterne wieder aufzurichten, hatten auch die Genugthuung,

wenigstens eine Zeitlang dieselbe brennen zu sehen, obgleich das stark

flackernde Licht blos einen unsicheren Schein abgab -- wir thaten

wenigstens, was wir thun konnten, um den Verirrten einen Anhaltepunkt

zu geben, wohin sie, wenn überhaupt das schwache Licht sichtbar für sie

sein sollte, ihr Fahrzeug lenken konnten.

Das unthätige zweifelhafte Warten wollte mir nicht recht in den Sinn

und trotzdem ich nicht gewußt, wohin in solcher Dunkelheit ich mein

Boot hätte lenken sollen, kam doch immer wieder das innere Drängen,

hinausfahren zu müssen und sei es aufs Geradewohl; auch konnte ich

mir es wohl am besten vorstellen, in welcher Verfassung sich die fünf

Menschenkinder befinden mußten, waren es doch bereits fünfzehn Stunden,

daß sie in solcher engen Nußschale Sonne, Sturm und Regen ausgesetzt

gewesen.

Einmal entschlossen, Hilfe zu bringen, wenn es mir gelingen sollte das

Canoe aufzufinden, hatte ich die Erlaubniß dazu vom Major einzuholen;

eine solche wurde mir auch sofort gegeben mit der Bemerkung: Sie wollen

wirklich in dieser Nacht hinaus, -- nun das ist recht, -- aber vor

allen Dingen seien Sie vorsichtig.

Mit dem Boote, mit welchem ich die Fahrt unternehmen wollte, hatte es

übrigens keine Noth; mit Luftkästen versehen, konnte ich in demselben

jedem Unwetter trotzen. In der Voraussicht, daß die gewaltigen Seen

Inner-Afrikas nicht die ruhigen Wasserflächen sind, wie sie nach

Ansicht von Laien aufgefaßt werden, hatte ich neben der Zerlegbarkeit

auf die Sicherheit der Schiffsboote bei der Herstellung derselben

Bedacht genommen, und deshalb alle drei so konstruiren lassen, daß

eine Gefahr des Untersinkens bei gewöhnlicher Belastung so lange

ausgeschlossen war, als die luftdichten Behälter intakt blieben.

Da wie immer bei dieser Expedition alles bereit war, bedurfte

es nur eines Kommandos und in wenigen Minuten schon schwamm ich

auf der dunklen Fluth. Meine Aufgabe war es ja, speziell den

Wasserverhältnissen des Schireflusses genaueste Beachtung zu schenken,

deshalb bei der schwierigen Durchfahrt am Abend, hatte ich mir

verschiedene Objekte, als festliegende Grasinseln, zwischen denen ich

die tiefste Wasserrinne wieder aufzufinden im Stande sein würde, genau

bemerkt. Demnach suchte ich auch in dieser Dunkelheit mich darnach zu

orientiren, wobei die Falkenaugen der Bacharias, von denen ich fünf

Mann mitgenommen hatte, mir wesentliche Dienste leisteten. Ich war

bestrebt nach Süden zu die Barre mit dem Boot zu passiren, indem ich

nach dieser Richtung hin am ersten das Canoe zu finden vermeinte,

allein ein gefallener Schuß, der hier auf dem freien Wasser deutlich

vernommen wurde und ganz von der rechten Seite, also westwärts,

herübertönte, ließ mich diese Absicht aufgeben, obgleich es mir nicht

recht einleuchten wollte, wie das Canoe soweit nach jener Richtung

hin hätte fahren können; es war demnach an der Barre vorbei dem hohen

Gebirgszug, der die westliche Seite des Sees begrenzte, zugesteuert.

Zweifeln konnte ich aber nicht, denn der leichte Wind, der von den

Bergen herüberwehte, hatte mir den scharfen Knall eines Mausergewehres

zugetragen, ich wußte mithin, daß nach jener Seite das Canoe oder

wenigstens die Vermißten zu suchen seien.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 21 / 51 段