Am zweiten Tage schon zeigte es sich, daß die Ufer ziemlich bewohnt

waren, am dritten aber sahen wir streckenweise Dorf an Dorf sich

reihen, deren Bewohner neugierig von der hohen Uferböschung der

vorüberziehenden Flottille zuschauten oder verstohlen durch die

Büsche ihre braunen Gesichter zeigten. Den 30., Mittags, hatten wie

unterhalb und querab des Dorfes Perisi zwei schlechte Stellen im Fluß

zu passiren, wovon die Erstere eine Stromschnelle war, ein felsiges

Bett mit sehr beengter Durchfahrt, durch welche der Strom wirbelnd

hindurchschoß, die ganze Kraft eines Jeden war erforderlich um

überhaupt nur vorwärts zu kommen und die wilde Strömung zu überwinden;

die zweite, eine Barre aus Steingeröll, mit nur zwei Fuß Wasser darauf,

verursachte ungemein viel Arbeit, ehe die Boote, dicht unter das

rechte Ufer, wo eine etwas tiefere Passage, hinübergebracht waren. So

abgespannt waren alle, daß der Major halten und erst nach längerer Ruhe

die Fahrt wieder aufnehmen ließ.

Wenn ich mir in die Erinnerung zurückrufe wie friedlich das Dorf

Perisi, in dessen unmittelbarer Nähe wir Rast gemacht, unter den

breitästigen Bäumen zu dieser Zeit noch dalag, dazu die Bewohner,

die zwar nicht zuvorkommend waren, aber doch noch keine feindliche

Gesinnung gegen die Europäer hegten, so taucht das Bild der

Verwüstung und des Kampfes wieder vor dem geistigen Auge auf, das nur

Brandstätten, Trümmer und Verwüstung zeigte. Wenige Wochen nur sollten

hingehen und die Heimstätten der in die Berge geflohenen Bewohner

wurden ein Raub der Flammen, die Kriegsfurie hatte die Fackel in das

Land geschleudert, Tod und Verderben im Gefolge durcheilte sie die

Lande; weithin hallte der Ngoma-Schlag -- zur Empörung und blutigen

Aufruhr die Männer rufend ....

Der letzte Tag dieses an Arbeit und Mühen für uns so reichen Jahres

war gekommen -- mühsam gegen Strom und Wind, der bisher unverändert

aus nördlicher Richtung wehte, strebten wir vorwärts. Es mochten die

letzten Jahresstunden wohl in Manchem von uns gerade nicht heitere

Gedanken wecken, die stumme Frage an das Schicksal, was birgt die

kommende Zeit, die dunkle Zukunft in ihrem Schooß, konnte wohl ein

Jeder beinahe selbst beantworten, -- Gefahren und Entbehren war das

Mindeste was das neue Jahr uns bringen würde, dieses wußten wir alle

.... ob auch der Erfolg auf unserer Seite, -- wer konnte das behaupten,

und daß für zweien aus unserer kleinen Zahl die Tage gezählt, der

Lebensfaden bald abgelaufen, die Parze bereit stand, diesen zu

durchschneiden, -- wer ahnte dies! Groß und herrlich hat die ewige

Weisheit es vorbedacht, daß wir den Schleier nicht lüften können, der

das Zukünftige birgt und ein Jeder wie vor dem verhüllten Bilde zu Sais

steht, das hinter dem Vorhang die Wahrheit zeigt!, -- aber auch den

Tod, -- und vor dem Geheimnisvollen scheut der Mensch zurück! --

Früher als wir vermutheten, wurde das große Dorf Lionde erreicht, das

an beiden Ufern des Schire gelegen war, und nach der Zahl der Hütten

zu urtheilen, eine beträchtliche Einwohnerzahl haben mußte. Benannt

sind diese Ortschaften meistens immer nach hervorragenden Häuptlingen,

die, wie es hier der Fall, aus dem Lande der Makua stammend, vor Zeiten

diese Völkerschaften unterjocht, sich zur höchsten Würde aufgeschwungen

und solche behauptet haben.

Gleich nach der Landung am linken Ufer, an einem Orte wo sehr wenig

Schatten war, befahl der Major das Lager aufzuschlagen, mit der

Absicht, nicht weiter an diesem Tage fahren zu wollen, sondern der

Rest sollte den Leuten zur Erholung freigegeben sein, damit mit

frischen Kräften das Werk im neuen Jahre fortgesetzt werden könnte.

Bald waren die Plätze, wo die Zelte stehen sollten, von geschäftigen

Händen gesäubert, und diese aufgerichtet, suchte jeder vor den heißen

Sonnenstrahlen in denselben Schutz; als die Soldaten dann ebenfalls

ihre kleinen Leinwanddächer in Reihen aufgestellt hatten, würde dieses

provisorisch errichtete Feldlager, das Leben und Treiben darin, einem

Beobachter manches Interessante vor Augen geführt haben. Jedenfalls

war es für alle ein behagliches Gefühl, vor den später in Strömen

niederstürzenden Gewitterregen Schutz und Unterkunft zu finden, traten

diese doch jeden Nachmittag auf, zuweilen noch Nachts, und nicht immer

waren wir darauf vorbereitet, uns vor dem schnell heraufziehenden

Unwetter zu schützen. Heute nun hatten wir Zeit gehabt, uns vorzusehen.

Als die frühe Nacht hereinbrach, wurde die Frage der Sylvesterfeier

erörtert, die zu dem Ergebniß führte, daß aus den Beständen von

Weißwein, Cognac und Selter ein leichter Punsch gebraut werden

könnte; sollte ein Uebriges geschehen, müßten aus einer Bootsladung

mitgeführte Raketen hervorgesucht werden, um an der Schwelle des neuen

Jahres ein kleines Feuerwerk abzubrennen.

Nur um die liebgewordene Gewohnheit, diese Feier auch hier zu begehen,

aufrecht zu erhalten und nicht ohne Sang und Klang in das neue Jahr

einzutreten, war ein Jeder bereit, das Seine dazu beizutragen; indes,

als alles vorbereitet, -- Franke und ich hatten die Ausführung

übernommen, -- wurde uns die Zeit doch recht lang, jedes Thema kam

ins Stocken, und bald suchte der eine oder andere die Ruhe auf,

legte sich wenigstens angekleidet nieder und überließ es uns, die

letzte Minute nicht zu versäumen. Der Herr Major betheiligte sich wie

gewöhnlich nicht daran, hatte aber natürlich seine Einwilligung zu den

Vorbereitungen gegeben.

Endlich rückte der Zeiger der Zeit auf die letzte Viertelstunde; die

letzte Minute des entschwundenen Jahres fand alle vor dem Zelt des

Majors versammelt, und als die Zeitsekunde der Uhr hinübersprang ins

neue Jahr, erscholl durch die Stille der Nacht aus deutschen Kehlen

ein fröhliches »Prosit Neujahr« -- im selben Moment flammten die

Windlichter auf und zischend fuhr eine Rakete hoch in die Lüfte, ein

buntstrahlender Kugelregen senkte sich zur Erde nieder. Ehe ich aber

eine zweite entzünden konnte, war der Befehl zum Aufhören gegeben. Der

Major wollte nicht, daß die Bevölkerung durch solche ihnen unbekannte

Erscheinung in Aufregung versetzt würde, was nicht so unwahrscheinlich,

wenigstens hätten wir bald genug Zuschauer gehabt -- so hatte denn das

Feuerwerk mit dieser einen Rakete ihr Bewenden. Nicht lange währte

es, dann war auch der letzte Tropfen ausgetrunken, eine fröhliche

Stimmung aber wollte nicht zum Durchbruch kommen -- als lastete etwas

drückendes auf Jedem. Keiner wußte den rechten Ton anzuschlagen.

-- Darum herrschte auch kurz darauf die frühere Stille wieder und

nur, als ich auf meinem harten Lager auf kalter Erde gebettet, den

Schlummer suchte, hörte ich den gleichmäßigen Schritt der Wachtposten

noch, bis der Traumgott auch mir die müden Augen schloß. Ein tiefer

Schlaf mußte mich doch umfangen gehalten haben, denn ich war durch den

niederstürzenden schweren Regen, sowie von dem Geräusch, welches Franke

im Kampfe mit den Ameisen im Zelt verursachte, nicht erwacht, auch

davon, daß die kleinen gereizten Thiere ihn in das Freie und zur Flucht

getrieben hatten, war mir nichts bewußt; umso überraschter aber war

ich, als am Morgen, vom Trompetensignal ermuntert, der Boden um mich

von schwarzen, einen Centimeter langen Ameisen wimmelte, die nach allen

Richtungen hin und wieder liefen und in Schaaren aus einem dicht an

der Wand errichteten kleinen Erdhügel aus- und einströmten. Ich kannte

diese Sorte zu gut, darum vorsichtig die über mich hinwegwandernden

Züge eine andere Richtung zu geben suchend, wollte ich mich erst

nothdürftig ankleiden und dann die Decken aufraffen und ins Freie zu

kommen versuchen.

Allein, schon meine Bewegungen hatten die Thierchen stutzig gemacht --

wild durcheinander im Kreise herum liefen sie und schienen eine Gefahr

zu fürchten, als wollten sie dieser Uebermacht entgegentreten, kamen

tausende aus dem Bau wie auf Kommando hervor .... Sehr beeilen mußte

ich mich, wollte ich nicht meine Sachen von den nun wüthenden Thieren

überlaufen sehen, daher erst halb bekleidet, trat ich entschlossen

mitten hinein, raffte alles auf und warf das große Bündel aus dem Zelt;

war mein Thun aber auch mit Gedankenschnelle vollführt, hatten doch die

Ameisen Zeit gefunden, am Körper hochzulaufen, wovon eine Anzahl den

Weg zur blossen Haut gefunden, die nun, als ich mich durch schnelle

Flucht den Schaaren entzogen und im Freien sie abzusuchen begann, ein

solch höllisches Kneifen auf dem ganzen Körper unternahmen, daß ich

umhersprang als würden mir hundert glühende Nadeln zugleich in die

Haut getrieben; wäre es angängig gewesen, hätte ich mich am liebsten

in den nahen Fluß gestürzt, um diese Quälgeister loszuwerden. Es war

eine entsetzliche Tortur und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich von

den festgebissenen Thieren befreien konnte, d. h. jedes Stückchen Zeug

mußte ich ausziehen und die Ameisen aus dem Wollstoff absuchen oder

tödten.

Uebrigens erging es mehreren Herren, die ihre Zelte ganz in der Nähe

aufgeschlagen hatten, nicht besser; noch nie war ein solch Hasten

und Jagen vorgekommen -- der Europäer tanzte und schimpfte, die

schwarzen Diener sprangen wie besessen umher und alle suchten die

Boote zu erreichen. Das Beste aber kam, als die zum Zelteaufrollen

abkommandirten Soldaten diese niederlegten -- zu Hunderten liefen die

Ameisen an den nackten Beinen und Armen hinauf, plagten und bissen

die Leute fürchterlich; grotesk waren die Sprünge, welche die armen

Kerle aufführten, um nur aus dem Bereich der wüthenden Thiere zu

kommen. Obgleich nicht minder geplagt gewesen, konnte man sich doch

bei solchem Anblick nicht des Lachens erwehren, es war wirklich über

die Maßen possirlich, welche Stellungen die Leute einnahmen, wenn die

scharfen Zangen der kleinen Missethäter allerwärts die Haut zwickten

und sie sich, gleich wie bei ihren Feinden, darin festbissen. Wenn Volk

gegen Volk zum Kampfe auszieht, vieltausend Soldaten im Nahkampf gegen

einander wüthen, dann muß solche Ameisenschlacht, sofern die Thiere

empfindliche Gliedmaßen besitzen, etwas furchtbares sein, denn die

Natur hat sie mit Waffen ausgestattet, vor welchen selbst der Mensch

die Flucht ergreift! Was nun die Anwesenheit dieser ungezählten Ameisen

in den Zelten anbetrifft, so liegt die einzige Erklärung dafür darin,

daß die Thiere während der Nacht, als der starke Regen sie aus den

Bauten heraustrieb, auswanderten und natürlicher Weise Schutz suchten,

wo sie ihn fanden. Kennt man die Regsamkeit der Ameise, nimmt es kein

Wunder, daß bereits am Morgen, also nach wenigen Stunden, ein neuer

provisorischer Bau hergestellt war und das erwähnte Umherwandern im

Zelte nur den Zweck hatte, Material herbeizuschaffen, um die in Eile

geretteten Eier und Jungen wieder in warmen Zellen unterzubringen.

Die eigentliche Ursache dazu hatten wir natürlich gegeben, indem durch

das Säubern von Gras und Busch die Hügel der Ameisenhaufen blosgelegt

wurden und, wo solche hinderlich, dem Erdboden gleich gemacht wurden;

selbstverständlich unternahmen die in ihren Bauten verborgenen Thiere

nichts, solange es Tag war, zur Nachtzeit aber suchten sie den Schaden

wieder zu repariren, wobei nun der heftige Regen, der ungehindert

in Gänge und Zellen eindringen konnte, die Arbeiten unterbrach. Aus

der drohenden Ueberschwemmung galt es nun zu retten, was noch zu

retten war, und so ist es erklärlich, daß die klugen Thierchen den

nächstliegenden Schutz wählten, wo die gerettete Nachkommenschaft,

der in solchen Fällen all ihre Sorgfalt zugewendet wird, eine sichere

Unterkunft fand. Dieser Ameise gleich, die wüthend den Störer ihrer

Ruhe anfällt und Mensch und Thier zum Abzug zwingt, ist die in den

Urwäldern hausende Biene, die nur insofern schlimmer ist als man

sich der verfolgenden Schaaren nicht entziehen kann und in kurzer

Zeit furchtbar zugerichtet wird, wenn es nicht gelingt, durch rasch

entzündete Feuerbündel diese Insekten fern zuhalten.

Nicht immer ist es gesagt, daß die Bienen nur angreifen, wenn man

versucht, ihnen den aufgespeicherten Honig zu nehmen! Ein starkes

Geräusch, z. B. ein Schuß genügt, um sie zur äußersten Wuth zu

reizen und wehe dann dem Menschenkinde, das wehrlos ihren Stacheln

preisgegeben ist, -- sie sind im Stande, es vor Schmerzen wahnsinnig

zu machen, selbst es dem Tode zu überliefern --! Will der Eingeborene

einen entdeckten Bienenstock ausrauben, nähert er sich so vermummt

als möglich dem Baume in welchem der süße Schatz verborgen, setzt

ein fortwährend schwelendes Feuer daran nach der üblichen Methode[A]

und zwingt die Bienen dadurch zum Verlassen des Stockes; nach Tagen

vielleicht erst, wenn keine Gefahr mehr vorhanden ist, kann er sich

ungehindert der Arbeit unterziehen und häufig wird seine Mühe durch

eine reiche Ausbeute belohnt.

A: Siehe bei Umpassa.

Erwähnenswerth während unseres kurzen Aufenthalts in Lionde wäre noch

der Besuch des hier ansässigen Arabers Baccari ben Umari; dieser

Vertreter des Islams, der dienstwillig dem Major seine Aufwartung

machte, konnte, sofern er für unsere Sache gewonnen wurde, uns große

Dienste leisten, und wäre es auch nur dadurch, daß er hauptsächlich die

Verproviantirung des bei Mpimbi errichteten Lagers übernahm.

In dieser Voraussetzung wohl, und um zunächst nähere Erkundigungen von

dem wohlunterrichteten Manne einzuziehen, empfing der Major diesen

Araber freundlich; derselbe, ein unabhängiger Handelsmann, der, wie

sich später auswies, nichts besseres als ein Sclavenhändler war, ließ

sich auch gewinnen und mit der Unterwürfigkeit der Araber, welche zur

Schau getragen wird, wenn sie einem mächtigen einflußreichen Manne

gegenüberstehen, wußte auch Baccari den Major für sich einzunehmen,

sodaß selbst unser mit den arabischen Schlichen wohlvertraute Führer

über dessen wahren Charakter im Zweifel blieb.

Von nun an, nachdem in früher Morgenstunde die Reise flußaufwärts,

am 1. Januar 1893 wieder angetreten worden war, sollte es schneller

vorwärts gehen, und nicht mehr wie öfter geschehen, schon frühzeitig

Lager geschlagen werden, sondern nach kurzer Mittagsrast die Fahrt

wieder aufgenommen und möglichst bis zum Abend ausgedehnt werden; waren

doch die Ruderer nun eingeübt, -- auch versprach der umspringende Wind

uns die Arbeit zu erleichtern. Um Mittag dieses Tages, als wir am

rechten Ufer im dichten schattigen Busch zur kurzen Rast uns gelagert

und nach alter Gewohnheit unsere Mahlzeit eingenommen hatten, wurden

wir vom anderen Ufer aus angerufen; ein Boot darauf hinübergesandt, um

die Ankömmlinge abzuholen, hatten wir die Freude, Baccari ben Umari

wieder bei uns zu sehen. Bei der später dann erfolgten Vorstellung,

als ich Gelegenheit hatte, diesem alten Araber ins Auge zu sehen,

konnte ich mir einer Antipathie gegen denselben nicht erwehren und die

Zusicherung, welche er abgab, mir immer, wenn ich erst wieder in Mpimbi

eingetroffen sein werde, Naturprodukte und Vieh, nach Bedarf senden zu

wollen, worüber der Major ein festes Abkommen mit ihm getroffen, wollte

mir als eine Heuchelei erscheinen. Das schlummernde Vorurtheil gegen

diese Menschenrace war es gewiß nicht, was mein Urtheil beeinflußte!

Indeß, die Zukunft mußte es ja ausweisen, -- vorläufig empfing der

Heuchler reiche Geschenke, als einen arabischen Kaftan etc. und nahm

Abschied mit der Würde eines Mannes, dem sein gegebenes Versprechen

unter allen Umständen heilig ist; man hätte meinen können, daß

dieser Mohamendaner dem Giaur (Ungläubigen) gegenüber wirklich sich

verpflichtet fühlte, das gegebene Wort einzulösen!

Das abwechselnd bald weite, bald eingeengte Flußbett, zeigte sich von

nun an je nachdem flach oder tief; die Ufer namentlich das Linke, waren

flacher und niedriger und ließen den Blick über weite Grassavannen,

mit nur vereinzelten Fächerpalmen oder anderen Bäumen bestanden,

darüber hinschweifen, seltener waren Bananen-Anpflanzungen; wo sich

aber solche zeigten, war immer ein kleines oder größeres Dorf dahinter

erbaut. Hingegen das rechte Ufer, meistens hoch und steil, bot ein Bild

üppigster Vegetation, oft war daher von einem verdeckt liegenden Dorfe

nicht eher was zu sehen, als bis wir querab waren, oder die neugierigen

Eingebornen sich am Ufer zeigten.

Die Gefahr auf Sandbänke oder verdeckte Untiefen zu laufen verminderte

sich ebenfalls, und zeitweise mit leichtem günstigen Wind, der unsere

Segel schwellte, kamen wir ungehindert vorwärts. Am Abend dieses ersten

Januars lagerten wir am linken Ufer in der Nähe eines kleinen Dorfes;

kaum jedoch hatten wir notdürftig unsere Zelte aufgeschlagen, als ein

ausbrechendes Gewitter eine solche Regenfluth auf uns niedersandte,

daß in kurzer Zeit alles unter Wasser gesetzt wurde, und wir uns aus

dieser Ueberschwemmung nur zu retten wußten, indem schnell Abzugsgräben

aufgeworfen wurden, in welchen das Wasser ablaufen konnte. Eigentlich

hatten wir das Lager auf einem verfallenen Kirchhof aufgeschlagen, denn

obwohl umgeben von Hütten, zeigten sich beim Niederschlagen des hohen

Grases doch vereinzelte Gräber; auffällig aber war, daß wir hier ein

arabisches Grabmal fanden, dessen flache gemauerte Platte mit erhöhten

Seitenrändern, am Kopf und Fußende hochgewölbt, noch ziemlich gut

erhalten schien. Solche Nachbarschaft kümmerte uns indes wenig, ein

Jeder war nur zufrieden es sich in seinem Zelte für die Nacht so bequem

als möglich zu machen.

Hatten wir bisher auch nur vereinzelte Crocodile bemerken können, weil

diese im dichten Ufergebüsch verborgen lagen, so zeigte es sich am

nächsten Tage, daß sie doch zahlreich hier vertreten waren. Wie wenig

Scheu die Thiere vor den Menschen haben bewies der Umstand, daß wir sie

häufig kaum zwanzig Meter vom Ufer entfernt, einem Dorfe gegenüber,

in aller Ruhe liegen sahen und gemüthlich in heißer Sonnengluth dem

Schlafe sich überließen. Was will der Eingeborne dagegen thun! er muß

die Unholde, die ihm Weiber und Kinder gelegentlich wegrauben, ruhig

gewähren lassen; seine Waffen, welche er besitzt, schaden dem Thiere

absolut nichts, auf der Panzerhaut prallt jeder Pfeil machtlos ab,

selbst sein Speer, wenn er es damit erreichen könnte, wäre nur ein

Objekt mit dem er es verscheuchen würde, dieser ist ihm aber ein zu

werthvoller Gegenstand, als daß er solchen aufs Ungewisse verwerfen

sollte. Den einzigen Schutz, wie wir von nun an häufiger bemerken

konnten, hat er sich gegen die Räuber dadurch geschaffen, daß er ein

mehr oder weniger festes Gehege aus eingerammten Stützen, verbunden mit

Rohr oder dünnen Zweigen, hergestellt hat, durch welches es dem Thiere

nicht leicht wird, hineinzukommen.

Solche abgegrenzte kleine Wasserfläche dient dann als Badeplatz etc.

und verhältnißmäßig sicher kann sich der Eingeborne dem Wasser nähern

und nach Belieben schöpfen, baden und spielen; ihre Sorglosigkeit

aber geht zuweilen doch soweit, daß sie nicht darauf achten, ob

auch nach langer Zeit das Geflecht unter Wasser noch immer fest und

sicher ist, und es dem wachsamen Crocodil nicht doch möglich gewesen

ist hineinzukommen, -- bis unerwartet Einer der Ihrigen verschwindet

auf Nimmerwiedersehn, -- dann ist das Lamentiren groß und dann erst

bequemen sie sich den Schaden auszubessern.

Ein Mittel, wie mir mitgetheilt wurde, giebt es selbst in höchster Noth

noch dem Rachen des Crocodils zu entfliehen, wenn nämlich der Erfaßte

tief im Wasser noch Geistesgegenwart genug besitzt, es anzuwenden,

was bei gefaßten Frauen und Kindern indes ausgeschlossen ist; da in

den meisten Fällen der Räuber sein Opfer an den Beinen wegzureißen

oder auch bei gebückter Stellung einen Arm zu fassen sucht, so kann

namentlich im letzten Falle, wenn dem Verunglückten nicht vor Schreck

die Besinnung verläßt, es diesem gelingen mit der noch freien Hand die

Augen des Unthieres zu suchen, und fest die Finger in eines derselben

hineinbohrend, wird das Crocodil vom Schmerz geplagt den Rachen öffnen

und sein Opfer freigeben. Jedoch nur in den seltensten Fällen wird dem

Kühnen seine Verzweiflungsthat das Leben retten, es sei denn, daß es

ihm gelingt, den Räuber auf beiden Augen zu blenden; aber ob auch dies

einzige Mittel den Eingebornen bekannt ist, habe ich doch nirgendwo

gehört, daß einem Unglücklichen es gelungen sei, auf diese Weise dem

furchtbaren Crocodil zu entrinnen.

Eine Lust war es, im kühlen Schatten des hohen Ufergebüsches und

unter den weit über das Wasser hinwegragenden Zweigen dichtbelaubter

Bäume hinziehen zu können, dazu der günstige Wind, der unsere Segel

füllte und gleichfalls erfrischende Kühle spendete, sodaß wir, da die

Sonnengluth weniger lästig, dies herrliche Bild einer wilden Natur

in seiner ganzen Schönheit aufzufassen vermochten, umsomehr, als

die Aufmerksamkeit nicht durch vorausliegende Untiefen oder anderen

Hindernissen abgelenkt wurde und man den Zauber dieser wilden Urnatur

ganz auf sich einwirken lassen konnte. Herrliche Uferpartien, dicht

verschlungene Gebüsche und Bäume, die wie ein Netz ihre Luftwurzeln

zur Erde senkten, die Maschen von blühenden Lianen gewoben und bis in

die Kronen hinauf gleich lebenden Fäden alles umwunden, zogen vorüber;

selbst idyllische Waldpartien, über die sie umwogende Grasmassen hoch

emporragend, boten viel Anziehendes, sodaß man ungern den Blick davon

abwendete.

Aber bei näherer Anschauung oder einem Versuch durch diese Wildniß

vordringen zu wollen, würde sich die Poesie des schönen Bildes bald

verlieren, die Anstrengungen und Mühen, welche solch Unternehmen

kosten, würden sehr bald dieses des äußeren Reizes entkleiden und

die anfängliche Begeisterung in das Gegentheil umwandeln. Dieses zu

erfahren hatten wir Gelegenheit, als eine kleine Heerde stattlicher

Antilopen (Kudus) zwischen den Waldlichtungen sichtbar wurde, der

nahe zu kommen alle Theilnehmer, des vom Major sofort eröffneten

Jagdzuges, sich vergeblich bemühten; Sümpfe und undurchdringlicher

Busch verhinderten, der sich langsam zurückziehenden Heerde zu folgen;

auch eine von de la Fremoire und anderen unternommene Umgehung erwies

sich als nutzlos; zerrissenes Zeug, voll Wasser gefüllte Stiefel war

das ganze Ergebniß des kurzen aber anstrengenden Jagens.

Ueber die zurückgelegte Distanz im Ungewissen, erwarteten wir bei

jeder Biegung des Flusses die weite Wasserfläche des Malombwe-Sees

vor uns liegen zu sehen, aber ob auch der Eine oder Andere die Masten

hinauf kletterte um Umschau zu halten, wollte doch nicht das gesteckte

Ziel dieses Tages in Sicht kommen, selbst nach der im schattigen

Buschwald verbrachten Mittagspause verging Stunde um Stunde, bis

endlich gegen Abend die Ufer weit zurücktraten, die niedrig und mit

hohem Schilf bewachsen, das bis weit in das Wasser hineinreichend

sumpfige Niederungen vor diesen vermuthen und ein Landen schier

unmöglich erscheinen ließ. Die Station Werra hatten wir schon passirt

-- nun noch eine kleine Flußbiegung und vor uns lag die ruhige Fläche

des Malombwe-Sees! Da aber seine Ausdehnung zu groß ist, um die Ufer

erkennen zu können, so schienen die fast den ganzen See umschließenden

Bergketten direkt aus dem Wasser emporzustreben, deren vielfach

gestalteten Kuppeln auf eine ununterbrochene Felsenmasse angethürmt,

erst in weiter Ferne, wo sie sich senkte, vermuthen ließ, das der

Schire dort vielleicht seine Fortsetzung haben werde.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 20 / 51 段