Wir mochten aber noch nicht die Hälfte des beschwerlichen Weges

zurückgelegt haben, als das Gewitter mit einer Vehemenz losbrach, die

jeder Beschreibung spottet. Mit dem ersten zuckenden Blitzstrahl,

der über uns das Wolkenmeer zertheilte, dem rollenden Donner, wie

solcher nur in der Gebirgswelt das brausende Echo zu wecken vermag,

war das Signal gegeben die Schleusen des Himmels zu öffnen -- eine

Wasserfluth stürzte hernieder, die in tausend Bächlein Erde und

Steingeröll mit sich führten. In solchem Wetter noch weiter zu gehen

war fast unmöglich, doch nirgends bot sich dem suchenden Blicken der

geringste Schutz, unter Baum oder Busch zu stehen war völlig zwecklos;

bis, nahezu am Fuße des Bergkegels angelangt, der Neubau eines

Pflanzenhauses wenigstens einigermaßen sichere Unterkunft versprach.

Wie festgebannt tobten die Elemente über uns mit ihrer ganzer Kraft,

auch der Regen immerwährend niederstürzend, ließ die Wassermassen als

unversiegbar in der Höhe erscheinen, gerade als sollte der durstigen

Erde das Naß nun im Uebermaß gespendet werden!

Aus Erfahrung wußte ich ja, was es heißt, auf solchen Wegen und in

solchem Wetter im Gebirge marschiren zu müssen, und besorgt sah ich

daher der kommenden Nacht entgegen, die uns auf den einsamen Pfaden

überraschen mußte! Zwar hätte ich warten und schließlich zurückgehen

können, um doch noch durch die Gewalt der Elemente gezwungen, die mir

angebotene Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen -- aber wo blieb dann

der erhoffte Christbaum, dessen Lichterglanz zu schauen mein einziges

Bestreben war! -- Ein Blick auf die auf der nassen Erde hockenden

schwarzen Gestalten, die völlig unbekleidet vor Kälte zitterten,

ließ mich den schon halbgefaßten Entschluß zurückzugehen, verwerfen,

und trotz des Regens folgten die Leute willig der Aufforderung,

weiterzugehen.

Immer bergab, bald auf steilen, bald auf ebener verlaufenden Pfaden,

wollte es mir scheinen, als müßte die Strecke bis zur Ebene schnell

zurückgelegt werden können, allein ein englischer Plantagenaufseher

der von diesem Unwetter auch überrascht seiner Behausung zustrebte,

belehrte mich eines anderen. Es fällt, wie er durch wenige Worte

erläuterte, der Gebirgsstock in drei Terrassen ab, auf der ersten

sind wir jetzt und das Schlimmste liege hinter uns, aber es würde auf

den jetzt äußerst schlechten Pfaden ein schweres Fortkommen sein,

namentlich wenn nach einer Stunde schon die Dunkelheit hereinbricht

und ich dann einzig und allein auf die scharfen Augen meiner Führer

angewiesen sei; vor Mitternacht könne ich sicher nicht Mpimbi

erreichen, außer die beiden Schwarzen mußten ausnahmsweise sehr

tüchtige Kerle sein.

Ein schlechter Trost, eine unangenehme Aussicht -- aber was half

es! Ein kurzer Dank und Händedruck, und zwei Menschen schieden für

immer, die das Schicksal auf eine flüchtige Minute auf einsamen Pfade

zusammengeführt hatte. Es war kaum noch ein Gehen zu nennen, so eilig

und sicher auf dem steinigen und glatten Wege schritten die Leute

dahin, ihnen kümmerte nicht der Regen, der das um die Füße rauschende

Wasser, während mir die triefenden Kleider am Leibe klebten, die

Stiefel voll Wasser das Schritthalten ungemein erschwerten. Keine

Hütte am Wege, kein Dorf in der Nähe, nur Felsen, Busch und Wald,

und schon immer dichter senkten sich die Schatten der Nacht auf

diese wilde Gegend herab, kaum daß ich, als wir den zweiten Abstieg

erreicht, in der schmalen Felsenschlucht noch den Vordermann erkennen

konnte, Stufenweise kletterten wir tiefer und tiefer, mit äußerster

Vorsicht die kurzen aber steilen Abhänge hinab, wo jedesmal zwischen

Bergspalten ein Sturzbach wilddonnernd die schäumenden Wasser über

Felsblöcke hinjagte und nur ein Baumstamm als Brücke hinüberführte.

Solchem unsicheren Steg vertrauten sich selbst die Träger nicht an und

durchschritten, einander helfend, die brausenden Wasser, ich hingegen

versuchte über die ersten zwei hinüberzureiten, was auf den glatten,

schlüpfrigen Stämmen nicht leicht, aber doch auszuführen war.

Und weiter vorwärts ging es in die Dunkelheit hinein, -- durch

hohes Gras, über Steingeröll, durch Bäche und Wasserlachen --,

imstande, den Weg vor mir noch zu erkennen und mußte mich nur auf den

voranschreitenden Führer verlassen.

Die nun inzwischen eingetretene völlige Dunkelheit, durch welche kein

Stern vom Himmelszelt zu dringen vermochte, weil das Wolkenheer wie ein

schwarzer Mantel über die Erde ausgebreitet lag, machte manchmal an

Stellen, wo an den steilen Uferwänden eines Sturzbaches hinabgeklettert

werden mußte und das dichte Gesträuch eine Art Hohlweg nur frei ließ,

die Finsterniß so intensiv, daß nicht die Hand vor Augen zu sehen war,

und ich muß sagen, der Orientirungssinn des voranschreitenden Führers

war bewunderungswerth, in dieser rabenschwarzer Nacht noch den rechten

Weg zu finden. Ein factisches Hinabfühlen, ein Festklammern an Gestrüpp

und Stein oder ein Rutschen auf den Knieen war es, ehe der Fuß an

solcher schon erwähnten provisorischen Brücke wieder Halt gefunden

und der nicht ungefährliche Uebergang über die unterhalb wildtosenden

Gewässer darauf unternommen war.

Keiner, der nicht in ähnlicher Lage gewesen, wird ganz verstehen

können, was es an Selbstüberwindung kostet, immer wieder die müden

schmerzenden Füße vorwärts zu bewegen, gezwungen durch die eiserne

Nothwendigkeit und das »du mußt an das Ziel«.

Wir mußten trotz allem doch schnell marschirt sein, denn etwa nach

acht Uhr erklärten die Leute, wir hätten die Tiefebene nun erreicht

und wenn wir so weiter gingen sei es möglich, nach zwei Stunden in

Mpimbi anzukommen; sechs englische Meilen noch durch Gras und Busch!

Doch vorwärts ging es so gut wie es gehen wollte. Die Nacht, die kurz

nach sechs Uhr Abends in den Tropen hereinbricht, heute aber durch die

schwarzen Wolkenmassen viel dunkler geworden war als sonst, wurde,

nachdem wir eine Strecke zwischen der wassertriefenden Grasfläche

zurückgelegt, wieder klarer, Stern um Stern schimmerte durch das

zerrissene Gewölk, bis der weite Himmelsdom wieder in reiner Klarheit

sich über die Erde wölbte; und die abertausend Sternenkerzen schienen

heller aufzuleuchten, als wären im Weltall die Lichter angezündet, die

in dieser Christnacht freundlicher vom Himmelszelt herniederwinkten.

Der durch die Grasebene führende stark gewundene Fußpfad war nichts

weniger als angenehm zu begehen und durch den Regen in eine solche

Verfassung versetzt worden, daß, wollte man nicht mit dem Erdboden

Bekanntschaft machen, wozu der glatte aufgeweichte Thonboden genügend

Veranlassung gab, mußte die ganze Aufmerksamkeit auf diesem gerichtet

bleiben, um so mehr, als ganze Strecken völlig unter Wasser gesetzt

waren, das einfach durchschritten werden mußte, da es seitwärts kein

Ausweichen gab. Von einem großen Wasser, welches wir noch passiren

sollten, hatten mir die Leute etwas erzählt, doch hatte ich nicht

besonders darauf geachtet was damit gemeint sei, daher war ich

einigermaßen überrascht, plötzlich einen hochgeschwollenen, etwa 25

Meter breiten Fluß vor mir zu sehen. Dumpfbrausend und gurgelnd zogen

die Wasser dahin, ihre schmutziggelbe Farbe glaubte ich selbst im

Dunkel der Nacht erkennen zu können, jedoch von einer sicheren Furth,

wie eine solche zu Zeiten hier wohl vorhanden sein mußte, waren keine

Anzeichen aufzufinden. Hindurch mußten wir, da, wie ich recht vermuthet

dieser ein Nebenfluß der Schire; nur das wie, war die Frage, die umso

schwieriger, als schon einer der Leute ohne Besinnen in die Fluthen

gestiegen und durchzuwaten versucht hatte, aber schleunigst umkehrte,

als das Wasser ihm bis über die Schulter gestiegen war.

Nach kurzer Berathung gingen wir dann eine Strecke flußaufwärts, wo von

Neuem ein Versuch gemacht wurde, der auch gelang, und als die Sachen an

das andere Ufer hinübergeschafft waren, nahmen die beiden Träger mich

auf ihre Schultern und durchwateten den hochgeschwollenen Fluß. Nach

einem halbstündigen Marsch weiter durch mannshohes Gras und zum Theil

an den kultivirten Feldern vorüber, mußte an einer langgestreckten

Einengung Halt gemacht werden, -- die Führer wußten nicht weiter, und

nachdem ich vergeblich an dem Hause eines Europäers gepocht hatte, das

ganz nahe dem Ufer des Schireflusses erbaut war, mußten in daneben

liegenden Hütten die Bewohner herausgetrommelt werden, von denen wir

auch genügenden Bescheid erhielten.

Der Weg führte uns durch das in tiefster Ruhe liegende Dorf Mpimbi;

kein Mensch war darin zu sehen, nur die Hunde heulten auf, dann

noch eine lange Strecke durch tiefen Morast, bis aus der Grasfläche

hinaustretend, ein tiefdunkler Wald dem Weiterdringen ein Ziel zu

setzen schien, -- da, ein dumpfes Murmeln vieler Menschenstimmen, ein

Aufflammen der Feuer und fest bannte den Fuß das »Halt, wer da« des

Postens, -- ich hatte das deutsche Lager erreicht! Fast geblendet von

dem hellen Schein ringsum, folgte ich mechanisch der voranschreitenden

Wache, an Zelten, Hütten und Häuser vorbei; plötzlich eine Art Vorhang

zurückgeschlagen, sah ich an langer Tafel eine Reihe bekannter

Gestalten sitzen, -- im Hintergrund aber herrlich geschmückt, im Glanze

vieler Kerzen leuchtend, den ersehnten Christbaum, »~das Symbol der

Christenheit~«!

10. Von Mpimbi nach Fort Johnston am Nyassa-See.

Freundlich im kleinen Kreise willkommen geheißen, mochte wohl ein Jeder

mir die ausgestandenen Strapazen ansehen und war bereit, nach Bedarf

das Möglichste zu thun. Bald, nachdem ich noch für die Unterkunft und

Verpflegung der beiden wackeren Führer Sorge getragen, saß ich im

trauten Kreise der Gefährten und all' die Mühen der vergangenen Tage,

alle Müdigkeit waren vergessen beim köstlichen Mahl und fröhlichen

Becherklang; vor allem war es für mich ein erhebendes Bewußtsein doch

noch, trotz aller Widerwärtigkeiten, mein Ziel und meine Absicht

erreicht zu haben. Von dem Christbaum, den anstatt der deutschen Tanne,

hier eine dicht belaubte Tropenpflanze ersetzt hatte, mochte ich den

Blick nicht wenden, immer wieder fuhr es mir durch den Sinn, wie einsam

es wohl um diese Stunde bei dem freundlichen Wirth in Zomba sein müsse.

Sein Anblick mahnte auch an die ferne Heimath, wo zur selben Stunde

abertausend Bäume im stolzen Schmucke prangten und ungezählte Herzen

des herrlichsten Festes sich freuten, an welchem einst das Hallelujah

der Engelschöre die göttliche Botschaft kundgethan! Das aber ist ein

schönes Symbol des germanischen Volkes, das überall auf der weiten

Erde, wo seine Söhne noch nicht der Heimath vergessen, diese, die

Treu' im Herzen und die deutschen Sitten waren, selbst im kleinsten

Kreise sich zu erheben und zu erfreuen suchen unter dem strahlenden

Christbaum, den sie im einsamen Urwald oder auf der entlegensten

meerumrauschten Koralleninsel im Weltmeer aus der üppig sprießenden

Tropenflora zu finden wissen; und im Rauschen altersgrauer Wipfel, im

Brausen der Meereswogen, klingen die Feiertöne der Lieder aus, welche

einst die Mutter auf der Heimathscholle ihnen an der Wiege gesungen.

Lange saßen wir noch in später Nachtstunde beisammen, gedenkend

vergangener und kommender Zeiten, nachdem noch vorher dem Major

von Wißmann, der unpäßlich einsam in seinem Zelte ruhte, für die

gespendeten Gaben der Dank abgestattet und die Versicherung gegeben

worden war, daß wir alle fest zu ihm stehen werden in Noth und Gefahr

und keiner von seiner Pflicht weichen wird, bis das große Werk

vollendet ist; beisammen waren +Dr.+ Bumiller, +Dr.+ Röver,

Lieutenant Bronsardt v. Schellendorf, de la Fremoire, Illich, Maler

Franke, die Zugführer Bauer, Krause, Eben, die Handwerker Knuth und

Riemer.

Die schweren Regengüsse zu dieser Zeit, wie im vorigen Kapitel

beschrieben, können recht unangenehm werden, und klärt sich der

Himmel für eine Reihe von Tagen auf, muß man auf solcher Expedition

bestrebt sein, Versäumtes nachzuholen, darum auch gab es für uns keine

Feiertage. Am ersten Festtag schon begann das Beladen der Boote, die

zur leichteren Unterscheidung für unsere Leute folgendermaßen benannt

wurden: Crocodil, Reiher, Forelle, Pfeil; und an dem Bug eines jeden

war die betreffende Bezeichnung +en miniature+ von Franke angemalt

worden.

Ehe ich mich als einziger Seemann der Auftakelung dieser Fahrzeuge

unterziehen konnte, hatte ich eine eingehende Untersuchung über die

vom Major in Vorschlag gebrachten Plätze am Schireufer, wo eventl.

eine Werft errichtet werden könnte, vorzunehmen; es lag nämlich die

Absicht vor, vielleicht schon hier den Dampfer erbauen zu können,

sofern die Verhältnisse dies gestatten sollten. Ein großer Vortheil

würde es ohne Frage sein, als nicht von neuem der Transport zu Wasser

weiter geleitet werden brauchte, nachdem die so schwierige Ueberführung

aller Lasten über das Gebirge vollbracht war. Meine Bedenken, daß die

Herbeischaffung des benöthigten Baumaterials hier in dieser waldarmen

Gegend vielleicht eine Unmöglichkeit sein würde, auch ob der vollendete

Dampfer später zum Nyassa-See geschafft werden könne, da der Schirefluß

weiter oberhalb oft nicht tief genug und bedenkliche Stromschnellen

habe, schlug der Major durch die Bemerkung nieder: »Wenn wir alles

was wir wünschen, zur Hand hätten, wäre es kein Kunststück und keine

große Aufgabe, das begonnene Werk zu vollenden, übrigens ich will es

und es muß gehen; was die spätere Weiterführung des Schiffes auf den

Fluß anbetrifft, habe ich mich der Expedition zum See anzuschließen und

eingehend den Fluß zu untersuchen, stellt sich dann die Unmöglichkeit

heraus, den Aufbau hier zu unternehmen, ist es etwas anderes, vorläufig

aber bleibt es bei dem einmal aufgestellten Projekt!«

Daraufhin, nach eingehender Besichtigung der in Frage kommenden zwei

Plätze, der Untersuchung des Flußbettes, das hier 12 bis 14 Fuß tief

war, entschied ich mich, den Platz zu wählen der unmittelbar vor dem

Dorfe Mpimbi lag, -- zwar gänzlich von Hütten umschlossen, aber doch

frei und hoch gelegen war; vor allem standen drei mächtige breitästige

Bäume auf demselben, die weithin Schatten gaben, was bei der späteren

Arbeit nicht zu unterschätzen und in Betracht gezogen werden mußte.

Freilich würde die hier nöthige Ausschachtung, das Ufer ist über zehn

Fuß hoch, einen enormen Aufwand von Arbeitskräften erfordern, indes,

es war die gesundeste und beste Lage und verdiente gegenüber dem

anderen Platze, der in der Nähe des Lagers gelegen, in einer sumpfigen,

schattenlosen und ungesunden Niederung unbedingt den Vorzug.

Von einem Vertrage mit dem Häuptling Chikuse, der von der Bevölkerung

im weiten Territorium als Erster anerkannt ist, wurde vorläufig Abstand

genommen, dann waren auch die Verhältnisse für den Schiffsbau hier

einigermaßen günstige, mußte doch erst eine eingehende Untersuchung

des Flußbettes vorgenommen werden, ehe weitere Schritte gethan werden

konnten.

Rastloser Arbeit waren wie erwähnt die Festtage geweiht; ein Jeder

hatte seine bestimmte Funktion zu verrichten, und obgleich zwischen

Kisten und Kasten, Munition, Geschütze, Proviant scheinbar Wirrwarr

herrschte, hatte doch jeder Gegenstand seine besondere Bestimmung. Ein

kriegerisches Bild bot das Lagerleben, Musterung und Exerzitien der

Soldaten, Schießübungen mit Gewehr und Geschützen; Signalhörner und

Trommeln ertönten, -- über alles aber wachte das Auge des Führers,

anordnend, tadelnd und befehlend. Einem Ameisenhaufen gleich,

geschäftig und bestimmt, regten sich die vielen Glieder des Ganzen und

nach jedem Tageswerk war ein bedeutender Fortschritt gethan; müde und

abgespannt legte sich Jeder zur Ruhe, bis in früher Morgenstunde die

Trompete wieder zu neuer Arbeit rief.

Der Abmarsch der Kompagnien nach Fort Johnston, unter Lieutenant

Bronsardt, die aus Mangel an Platz in den Booten den weiten Weg zu

Fuß zurücklegen und sich längst dem Schireufer Bahn brechen mußten,

brachte wieder eine Abwechselung; auch die scheu und ängstlich sich

fernhaltenden Eingeborenen wurden dreister, brachten Mehl, Bataten

und auch Pombe, welche Produkte ihnen, da wir sie benöthigten und

solche auch billig waren, gern abgekauft wurden. Namentlich die Weiber

schleppten auf den Köpfen Gefäße mit Mehl, Bananen und Tomaten heran;

im Kreise oder in einer Reihe auf dem Boden hockend, ihre Waaren vor

sich, warteten sie geduldig, bis eine jede je nach dem Werthe derselben

ein buntes oder weißes Stückchen Zeug erhalten hatte, um dann mit ihren

auf dem Rücken gebundenen Säuglingen, die sich meist immer ganz still

verhielten, im Gänsemarsch das Lager zu verlassen.

Zur Bedienung der Boote waren etwa siebenzig Mann Sudanesen, Suaheli

und der Rest nicht desertirter Zulus zurückbehalten worden, die auf den

beiden großen Booten als Ruderer vertheilt wurden, zudem sechs Europäer

mit Bedienung, Köchen, etc., machte ungefähr diese Expedition neunzig

Seelen aus. Zwei Boote des Dampfers, ohne Besatzung, enthielt das

größere das Gepäck, Zelte und Betten, das kleinere nur Pulver und etwas

Munition und diese nur von einem Steurer gelenkt, sollten im Schlepptau

der großen Fahrzeuge verbleiben. Laut Tagesbefehl vom 27. Dezember, an

welchem Tage alle Arbeiten beendet sein mußten, wurde mir der Befehl

über das größte der Boote übertragen, während Proviantmeister Illich

mit de la Fremoir das zweite führten, d. h. Major v. Wißmann behielt

sich die Leitung der ganzen Flottille vor, nur daß Führer ernannt

wurden, welche die Boote leiten und dafür verantwortlich waren. Als

fünftes Fahrzeug war ein mittelgroßes Canoe dem Maler Franke zur

Verfügung gestellt, der dadurch unabhängig in seiner Holzschale, die

von vier Leuten gerudert wurde, sich trotz des etwas sehr beschränkten

Raumes sehr wohl befand.

So war denn der Tag der Abreise gekommen; um 8 Uhr früh, den 28.

Dezember, lösten sich auf Kommando die Boote vom Ufer ab, drei kräftige

Hurrah, beantwortet von den Zurückbleibenden, +Dr.+ Röver, Knuth,

Riemer, sowie 15 maroden Soldaten, die unter Knuth die Besatzung des

Lagers verbleiben sollten, und kräftig tauchten die Ruder in das

Wasser, gegen Sturm und Wind die kleine Flottille vorwärts treibend.

Wie vorauszusehen, ermatteten die Ruderer bald; die ungewohnte Arbeit,

dazu eine Portion Ungeschicklichkeit, wurde durch einen einzigen

Fehlschlag oftmals die ganze Gesellschaft außer Takt gebracht und

erst wieder eine Gleichmäßigkeit erzielt, wenn ich oder ein anderer

den richtigen Schlag angegeben hatte; das Einüben mittelst Zählen

von »eins, zwei« wurde von uns Europäern abwechselnd ausgeführt und

erklärlich war es deshalb, daß wir nur langsam vorwärts kommen konnten.

Aus diesem Grunde und auch um die Leute nicht zu sehr anzustrengen,

denn die niederglühende Sonne machte den Aufenthalt in den offenen

Booten nicht gerade angenehm, ließ der Major schon gegen Mittag an

einem geeigneten Orte Lager schlagen; meistens an Stellen, wo der

Schatten hoher Bäume ausgiebigen Schutz gegen die recht empfindliche

Hitze bot. Uebrigens war die Vegetation hier an den Ufern insofern eine

reichere zu nennen, als überall zwischen den Gebüschen der Baumwuchs

reichlicher vertreten war, sogar stellenweise in der Nähe des Ufers

kleine Waldungen sich zeigten, die in mir den Wunsch erweckten, an

solchen Stellen den Dampfer erbauen zu dürfen, wo dem Anschein nach

so reiches Material vorhanden war. Eine spätere Untersuchung ergab

jedoch nicht das erwartete Resultat, da die meisten Bäume nur wenig

Nutzholz liefern, weil die Stämme krumm und häufig verwachsen sind. Um

ein Beispiel anzuführen, wie dicht und undurchdringlich der Busch, sei

erwähnt, daß wir uns mit Leichtigkeit die schönsten Lauben herstellen

konnten, indem mit Faschinenmessern nach Belieben ein Gang in diesem

geschlagen wurde, worin wir den schattigsten Aufenthalt während der

heißesten Tagesstunden fanden; Feldstühle und provisorische Tische

darin aufgestellt, und unser Speisezimmer war fertig.

Die Formation der Ausläufer des Schiregebirges, die zur unser Rechten

sich dem Ufer auf einige Meilen Abstand nähern, gaben im Verein mit

der ringsum wilden Natur ein imposantes Bild; ununterbrochen bis zu

den Höhen ist der Pflanzenwuchs ein überreicher und ist einst die

Kultur bis hierher vorgedrungen, wird der jungfräuliche Boden jede Mühe

reichlich lohnen; ein Schatz liegt in diesem verborgen, der nur der

Zeit wartet, wann fleißige Hände sich bemühen ihn zu heben!

Hinziehend auf den im Sonnenlichte glitzernden Fluthen des Schire, den

vielen Windungen des Flusses folgend, die des öfteren so scharf, daß

weit voraus der Wasserweg völlig abgeschnitten erschien, bis eine neue

Biegung wiederum die Aussicht auf den Fluß eröffnete, war es uns nur

an wenigen Stellen möglich, einen freieren Ausblick auf das Land zu

gewinnen, sonst benahmen das dichte Ufergebüsch, zahlreiche Baumgruppen

jeglicher Aussicht. Dahinterliegende ausgedehnte Grasflächen und

lichter Wald ließen die Vermuthung aufkommen, daß, wie am unteren

Schire, auch hier zahlreiche Wildheerden ständigen Aufenthalt hätten,

allein der Umstand, daß eine weit zahlreichere Bevölkerung in der

ganzen Gegend des Stromgebietes ansässig ist, hält das Erscheinen der

Thiere zurück, mithin hätte man weit wandern müssen, ehe ein Jagdzug

lohnenden Erfolg gehabt. Dahingegen boten sich auf diesem fischreichen

Gewässer genügende Zielobjekte, als vorüberziehende Züge wilder Enten

und Gänse, gewandt im Wasser auf- und niedertauchende Kormorane und

der weißköpfige Fischadler, der scharfen Auges, in scheinbar träger

Ruhe auf den Zweigen dicht am Wasser stehender Bäume, der in klarer

Fluth spielenden Beute geduldig harrte. Aber höchstens den genießbaren

Vogelarten, als Enten etc. wurde gelegentlich, wenn sie im Bereich der

Waffen kamen, eine Schrotladung zugesandt, andere Thiere wurden nicht

gestört, vielmehr machte es Spaß, den schnell schwimmenden und höchst

gefräßigen Kormoranen zuzuschauen, wie diese auftauchend einen großen

Fisch im Schnabel sich mit der um sich schlagenden Beute abquälten, ehe

kunstgerecht der Kopf des Fisches im weiten Schlund verschwand, -- eine

kräftige Anstrengung und das lebende Thier war heil und ganz verspeißt.

Man sollte nicht meinen, wie gefährlich dieser Vogel den Fischen wird,

nicht durch seine Gewandtheit im Tauchen und Schwimmen, sondern durch

seine Unersättlichkeit verursacht er großen Schaden; seine Verdauung

ist so enorm, daß man sagen kann, er ist immer hungrig, ein Nimmersatt.

Eine kleine Schar Kormorane, angenommen 20-30, auf eine nicht lange

Flußstrecke vertheilt, wie ich solche häufig genug habe zählen können,

fängt täglich hunderte Fische weg, daneben nun noch die anderen

Vogelarten gestellt, die ebenfalls ausschließlich vom Fischfang

leben, wird es Jedem erklärlich erscheinen, wenn ich sage, daß der

Fluß ungemein fischreich ist; dazu ist noch nicht mal des schlimmsten

Räubers, des Krokodils, gedacht, welches, wenn es, wie doch meistens

der Fall, auf Fischfang angewiesen ist, sicher ein bedeutendes Quantum

braucht, um sich zu sättigen und die Anzahl dieser mächtigen Thiere

ist gewiß keine geringe in diesem Theil des Schireflusses.

In gleicher Weise wie anfänglich brachen wir jeden Morgen in früher

Stunde das Lager ab und nach der dann schnell erfolgten Einschiffung,

die immer beendet sein mußte, wenn der Major das Boot betrat, ging es

im gewohnten Tempo vorwärts. Die Führung hatte immer das größte Boot,

kein anderes durfte vorbeifahren (es hatte sich nämlich herausgestellt,

daß die kleineren im Schlepptau zu hinderlich waren, darum wurden diese

auch bemannt und folgten hinterher); so sehr wir aber auch darauf

bedacht waren nach Möglichkeit tiefes Wasser aufzusuchen, geschah es

doch mitunter, daß das Boot auf Grund lief, und fand sich keine tiefere

Durchfahrt, was durch in das Wasser gesandte Leute festgestellt wurde,

dann sprangen auf Kommando sämmtliche Ruderer ins nasse Element, um mit

Halloh das schwere Fahrzeug über die Untiefe hinwegzuziehen.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 19 / 51 段