In der Voraussicht, daß die Leute trotz ihrer Zusage sich

nicht eingestellt haben würden, um am 23. Dezember früh wieder

abzumarschieren, hatte man die Auszahlung ihres verdienten Lohnes bis

auf diese Morgenstunde verschoben, auch jedem schon seine Last wieder

zugetheilt.

Alles ging gut, bei der Auszahlung empfing ein jeder stillschweigend

sein abgemessenes Stück Zeug, als es aber hieß die Lasten aufnehmen,

weigerten sich die meisten und behaupteten sie hätten mehr zu

erhalten, ihnen wäre der übliche Lohn verkürzt worden. Nun sollte

den Hauptschreiern das Zeug wieder abgenommen werden, damit es ihnen

nochmals vorgemessen und ihre Ungebührlichkeit, die an Unverschämtheit

grenzte, bewiesen werde, gleicherzeit wurde dem anwesenden

Hauspersonal, etwa zehn Dienern, auch die Anweisung gegeben einen

Fluchtversuch der Träger zu verhindern; indes kaum merkten diese,

daß die Sache für sie schief ablaufen würde, jagte fast die ganze

Gesellschaft davon, mit einer Geschwindigkeit, die einem Schnellläufer

Ehre gemacht hätte, hinter sich her wie weiße und bunte Fahnen ihr

einige Meter langes Zeug mitschleppend. Vergeblich war der Wettlauf

der Diener, es gelang keinen der Ausreißer wieder zurückzubringen, nur

diejenigen, welche wir Europäer den Weg vertreten und zurückgehalten

hatten, mußten bleiben.

Die Vertheilung der Lasten unter den noch vorhandenen vierzehn

Mann, wovon vier als Maschillaträger solche nicht annehmen wollten,

sondern sich erboten mich zeitweise zu tragen, ergab, daß nun die

Munitionskisten und andere Sachen zurückbleiben mußten, auch war es

rathsam, lieber unverzüglich aufzubrechen und den Marsch anzutreten;

denn ist der Träger einmal mit seiner Last in Bewegung, fühlt er sich

gehalten, dieselbe auch am Bestimmungsorte abzuliefern, trotz vieler

Scherereien, die man mit den Leuten sonst hat, wenigstens eine gute

Eigenschaft.

Durch diese unliebsame Verzögerung, es war bereits zehn Uhr geworden,

schwand die Aussicht bis Abend noch Zomba erreichen zu können, betrug

doch die Entfernung einen tüchtigen Tagesmarsch, annähernd etwa

vierzig Kilometer; dazu war die Gewißheit, nun doch unter freien

Himmel kampiren zu müssen, keine besonders angenehme Zugabe, als fast

täglich auf den hohen Bergkuppen Regenschauer niedergingen, deren

nachtheiligen Wirkung ich schon zur Genüge erfahren hatte. Der Weg

führte anfänglich bergauf und ab, über Bäche und blosliegendem Gestein,

oft steilansteigend, um bald darauf wieder abwärts sich zwischen Wald

und Busch hinzuschlengen, die Scenerie in ihrer wilden Schönheit war

großartig; die Luft kühl und angenehm, trotz der Sonnengluth, die alles

mit ihrem blendenden Schein übergoß, belebte die Glieder zum straffen

Marsch und man fühlte sich großen Anstrengung gewachsen.

In einem Thalkessel, auf einer europäischen Ansiedelung, wo an den

Berghängen die jungen Kaffeebäumchen in langen Reihen angepflanzt waren

und noch viel urbar gemachtes Land von regem Fleiße Zeugniß gab, wurde

noch kurze Rast gehalten, um den vor uns liegenden mächtigen Bergkegel

mit frischen Kräften ersteigen zu können; war doch das Emporklimmen

zur Höhe recht ermüdend und ein Jeder froh, wenn der schmale Fußpfad

ebener verlief. In dieser Bergregion trat das Felsengestein mehr zu

Tage, und mächtige Blöcke von den Höhen herabgestürzt, lagen vielfach

am Wege zerstreut. War die Humusschicht auch nicht bedeutend, so hatte

doch eine überreiche Vegetation feste Wurzeln in diese geschlagen und

dem Auge bot sich nichts als Wald dar, von den Thälern aufwärts bis zu

den Höhen, seltener an steilen Abhängen dichtes Gebüsch, oder wo das

Erdreich vielleicht zu arm, hohes wogendes Gras. Jede Kultur hatte hier

aufgehört und ringsum zeigte sich die Natur in ihrer wilden großartigen

Pracht.

In den Bergen hatte es in früher Morgenstunde geregnet, und wo der Weg

durch hohes Gras und Gebüsch führte, durchnäßten die schwer an den

Halmen und Blättern hängenden Tropfen die Kleider vollständig, sodaß es

keine besondere Annehmlichkeit war, naß und fröstelnd fortzuschreiten,

zumal ein Kleiderwechsel doch zwecklos, weil die Sonnenstrahlen durch

das Blätterdach der Bäume nicht durchdringen und die Feuchtigkeit

aufsaugen konnten. Hart an steilen Abgründen vorbei, wo in der Tiefe

weiße Nebelschleier wie Dunstgewebe wallten und nichts erkennen ließen,

oder unter einer überhängenden Felswand, kreuz und quer dem Fußpfad

folgend, schritten wir auf einer Durchschnittshöhe von 5000 Fuß rüstig

vorwärts. Obwohl die Leute schon sichtlich ermüdet unter ihrer Last,

den engen Anschluß verloren hatten und auf dem Wege vertheilt, zu

folgen trachteten, mochte ich doch nicht eher Halt machen, als bis die

letzte Höhe erstiegen war, und sollte von dieser der Weg noch zu weit

sein, wollte ich dort eben für die Nacht Quartier machen.

Einige Male, wenn der Weg eben verlief, hatte ich mich in der Maschilla

tragen lassen, theils weil ich ermüdet war, theils um den leicht

nebenher laufenden Trägern, die noch mehr Bezahlung als die Lastträger

erhielten, auch was zu thun zu geben; allein immer nach kurzer Zeit

schon konnten sie nicht mehr recht vorwärts kommen und auch einsehend,

daß für nur vier Mann meine Körperlast zu schwer werden mußte, lief ich

lieber zu Fuß, als mich der Gefahr auszusetzen, durch Stürzen irgend

eines Mannes, auf dem steinigen Boden niedergeworfen zu werden. Aber

auch diese Erfahrung sollte mir nicht erspart bleiben! Unaufgefordert

wollten die Leute ein Uebriges thun und mich auf einer felsigen

Strecke, wo es sich mit müden Füßen schlecht marschiren ließ, tragen;

um den selten guten Willen nicht zurückzuweisen, ließ ich mich herbei

die Maschilla zu besteigen mit der Mahnung, vorsichtig zu gehen, nicht

wie üblich in einen kurzen Trab zu fallen, der auf diesem unebenen Wege

leicht Unangenehmes zur Folge haben könnte.

Eine zeitlang ging es auch, aber ob den Leuten das langsamere Gehen zu

anstrengend war, sie verfielen bald wieder in das gewohnheitsmäßige

Traben und die Bambusstange im Laufen bald von der einen auf die

andere Schulter werfend, liefen sie schnell vorwärts. Im Begriff

halten zu lassen, weil ich keine Lust hatte mit dem harten Steinboden

Bekanntschaft zu machen, sah ich, daß die Stelle gerade zum Aussteigen

schlecht geeignet war, und bis ein kurzer Abhang mit schlüpfrigem

Gestein überstiegen sei, wollte ich noch warten. Da, plötzlich gleitet

der Hintermann aus, die Stange fliegt ihm von der Schulter und ich

komme mit dem Kopf zuerst auf das harte Gestein zu liegen, während

der Vordermann dieselbe krampfhaft hochhält, sodaß die Beine hoch,

der Körper wie ein Klotz aus der Maschilla, ausgeschüttet wird. Ich

kann nicht behaupten, daß diese etwas unsanftige Bettung zwischen

harten Steinen irgend was Anziehendes gehabt hätte, im Gegentheil,

mit schmerzenden Gliedern und geschundenem Kopf mich aufrichtend, war

der erste Impuls dem Manne für sein Ungeschick einen derben Verweis

zu geben, aber die ängstliche verlegene Miene desselben, sowie die

Verletzungen an den blutenden Knieen dämpften den Groll, waren doch

dessen Wunden schlimmer als meine paar Beulen, obgleich ich noch von

Glück sagen kann, so glimpflich dabei weggekommen zu sein.

Ueber Steine und Felsstücke ging es mühsam weiter und als bald darauf

der Weg thalwärts zu einem zwischen den Bergwänden wild in eine

Felsschlucht abwärtsstürzenden Bache führte, rastete ich an diesen,

um die Träger alle herankommen zu lassen, ehe der Weitermarsch, die

gegenüberliegende wohl achthundert Fuß hohe Felswand hinauf, angetreten

wurde. Hätte ich übrigens geahnt, wie anstrengend der von Anfang an

eingeschlagene Gebirgspfad sein würde, der zwar um ein Beträchtliches

kürzer und auch die ganze Großartigkeit und Schönheit der Gebirgswelt

dem Auge des Wanderers vorführte, so hätte ich doch lieber den direkten

breiten Weg von Blantyre bis Zomba genommen, aus dem Grunde schon,

weil ich mir hätte sagen müssen, daß ein mehrtägiger scharfer Marsch

in solchem zerklüfteten Hochland auf die Dauer ermüdend wirken muß.

Freilich in Betracht ziehend, daß es mir nur einmal vergönnt sein

möchte diese von Europäern so wenig besuchte Gegend zu sehen, hatte ich

einige Strapazen und ein in Aussicht stehendes schlechtes Nachtquartier

wenig geachtet und vorgezogen das Schöne dort zu suchen, wo es zu

finden ist -- Alltägliches liegt genug am breiten Wege, ohne Mühe kein

Verdienst, sollte dieses auch nur als Erinnerung das Herz erfreuen --

aber selbst für das Erhabenste schwindet allmählich das Interesse, wenn

der Körper müde und matt dem festen Willen nicht mehr zu folgen im

Stande ist.

Am Rande des Baches, dessen Fluthen zu Zeiten eine beträchtliche Höhe

erreichen mußten, wovon die Anzeichen durch die Wassermassen selbst in

das harte Gestein gegraben worden, erwartete ich hier die nach und nach

eintreffenden Träger, die nach kurzer Rast, als das »Vorwärts marsch«

wieder gegeben, wenig Lust bezeigten die steile Felswand mit den Lasten

emporzuklimmen und lieber am rauschenden Wildbach Lager gemacht hätten.

Mit großer Anstrengung, am Wege öfter haltend, um an einem Felsblock

gelehnt neue Kräfte zu sammeln, war auch schließlich dieser letzte

beschwerlichste Aufstieg überwunden! Hier oben nun auf diesem platten

langgestreckten Gebirgsrücken würde sich eine wundervolle Fernsicht

geöffnet haben, hätte nicht der dichte Wald, der dieses Hochplateau

krönte, eine solche unmöglich gemacht, und nur über uns erglänzten die

Ränder einer vorüberziehenden Wolke, die kurz vorher zum Ueberfluß noch

eine Regenfluth herabgesandt, im puren Golde, daran mahnend, daß die

Sonne schon tief am Horizonte stehen müsse und auch auf diese tiefe

Einsamkeit sich bald die Schatten der aus den Thälern aufsteigenden

Nacht lagern würde.

Nunmehr darauf bedacht einen geeigneten Platz zu finden, wo vielleicht

etwas Schutz gegen die hier oben herrschende kalte Luft gewesen wäre,

setzte ich die Wanderung noch bis 6 Uhr fort, um doch schließlich

unter den Bäumen im nassen Grase Halt zu machen. Anstatt nun aber

daran zu denken, nach so anstrengendem Marsche es sich in ihrer

Weise bequem zu machen und höchstens noch Feuerholz zu sammeln,

legten die Träger, welche bei mir geblieben, schleunigst die Lasten

nieder und verschwanden, als ob ihnen von Müdigkeit nichts bewußt

sei, schnellen Laufes in den Wald. Dieses Gebahren machte mich auch

neugierig, umsomehr als herankommende Leute gleichfalls die Lasten

am Wege niederlegten und hinterherliefen, doch bald schwand die in

mir aufgestiegene Befürchtung, die Leute könnten etwas Unrechtes im

Schilde führen, nachdem einer derselben zurückgekehrt war und mir eine

Baumfrucht überbrachte, die ähnlich unserer Eierpflaume aussah. Diese

Frucht, von angenehmen aber wiederum herben, beißenden Geschmack,

sobald man die äußere Schale mit in den Mund führte und nicht das

Fleisch allein nur herausschälte, wurde mir als Masuka-Nuß bezeichnet,

welche an etwa acht Meter hohen Bäumen wachsend, zu bestimmten Zeiten

in großer Anzahl hier zu finden ist.

Die schnell hereinbrechende Dunkelheit mochte es den Leuten schwer

machen, die Nüsse im hohen Grase noch aufzufinden, denn nach nicht

allzu langer Zeit kehrten die meisten mit trockenen Zweigen oder

Baumstämmen zurück, und ehe noch die letzten Träger angelangt waren,

außer meinem Diener Mzee, auf Suaheli »alter Mann«, der ziemlich

schlecht auf den Beinen war, loderten helle Feuer auf, um welche auf

Grashaufen sitzend, die als Nachtlager zusammengetragen, die nackten

Gestalten sich wärmten oder auch ihre Maiskörner rösteten, die sie

mit wahrer Gier, so heiß sie waren, in den Mund hineinwarfen und

damit sich sättigten. Schlechter dagegen war es mit meinem Abendessen

bestellt. Würde ich, wie ich es am frühen Morgen noch gedacht, bis

Abend Zanba erreichen, war das Mitnehmen von ausreichendem Proviant

eine unnöthige Last, und später in all dem Trubel, als ich nur bestrebt

war fortzukommen, hatte ich nicht mehr daran gedacht; so mußte denn

als Hauptmahlzeit ein kleines Stückchen Brot, einige Sardinen und

ein wenig Cacao dem hungrigen Magen genügen, und wollte ich für den

nächsten Morgen von Letzterem noch etwas behalten, mußte, da wir kein

Wasser hatten mitführen können, mit diesem haushälterisch verfahren

werden. So unangenehm zuweilen auch ein unbefriedigter Magen sein mag

-- und ich kann sagen der Hunger ist ein schlimmer Gast, wo er sich

ungebeten einstellt -- kann man es nicht immer auf solchen Expeditionen

damit sehr genau nehmen, es muß dann eben den Verhältnissen Rechnung

getragen werden, und findet man immer noch so viel, die Kräfte sich zu

erhalten, ist es noch nicht schlimm bestellt.

Am nächsten Morgen aus erquickendem Schlummer zeitig erwacht, aber

von der empfindlichen Kühle durchschauert, eilte ich, die zitternd

um die Feuer hockenden nackten Menschen auf die Beine zu bringen;

rasche Bewegung allein konnte das Blut auf dieser luftigen Höhe wieder

schneller kreisen machen. So naß vom nächtlichen Thau auch Gras und

Halm war, dessen wurde nicht geachtet -- im Sturmschritt ging es

vorwärts, um nur das Schauergefühl, das jede Fiber zittern machte,

durch körperliche Anstrengung los zu werden. Geradeaus ohne Steigung

verlief der Weg und, als erst die Lichtfluth der über die Berge

scheinenden Sonne auf das weite Waldgebiet ausgegossen war, der Thau

wie Millionen Diamanten an Blatt und Gräser blitzte, fühlte sich auch

der Geist in dieser morgenfrischen herrlichen Natur wie neu belebt! Die

Gewißheit, heute noch am Weihnachts-Heiligabend unter dem Christbaum,

vereint mit den Gefährten, stehen zu sollen, -- wo das »Stille Nacht,

o heilige Nacht« von deutscher Zunge in einem fremden fernen Lande

erklingt und die kleine Schaar deutscher Pioniere unter dem Sinnbild

der Christenheit den Treuschwur erneut -- festzuhalten an das heilige

Wort -- festzustehen im Tode und Gefahr, wie es deutscher Männer Art,

bis das große Werk vollendet, wozu unser kühner Führer uns alle berufen

-- diese Gewißheit beflügelte meine Schritte und fast wie Sehnsucht zog

es mich zum Ziele!

Der bisher lichte Wald ging, als das Steingebilde in schroffen

Bergspaltungen wieder mehr zu Tage trat, in einen dichten Busch über;

wildromantisch wucherte Strauch und Baum auf diesem Felsengeröll --

zwischen den Senkungen der Abhänge aber sprudelte das klare Bergwasser

über das Gestein, und in kleinen Mulden angesammelt, bot es dem

Wanderer einen kühlen erfrischenden Trunk dar. In dieser Felspartie

fand ich zuerst wieder die Spuren der fortschreitenden Kultur, denn in

Umzäunungen, auf langgestreckten Beeten, diese gegen die Sonnenstrahlen

mit Gestrüpp bedeckt, waren tausende junger Kaffeepflänzchen gezogen,

die, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, auf freies Feld

verpflanzt werden. Allmählich senkte sich der Weg; der Baumbestand,

hier gänzlich von Menschenhand vernichtet, ließ den Ausblick über eine

gewaltige Thalmulde frei, die fast ganz unter Kultur genommen, mit

abertausenden jungen Kaffeebäumchen bestanden war, und im Gegensatz

zu den bewaldeten Berghöhen, die wie ein mächtiger Kranz diese

umschlossen, wie ein ungeheures Ackerland sich ausmachen.

Blickte man über das nach allen Seiten sanft ansteigende Land,

fielen sofort die darauf gezogenen geraden Linien auf, die meistens

rechtwinklich wieder von anderen durchschnitten wurden; man möchte

sagen die weite Fläche war wie mit einem Zirkel in Parallelogramme

oder Quadrate abgetheilt, so auffallend genau war die Eintheilung

vorgenommen worden. Zu welchem Zwecke dieses geschehen, wurde dem

Beobachter sogleich klar -- ließen doch die breiten Wassergräben zu

denen all diese Furchen hinführten keinen Zweifel, daß hier eine

Berieselung der bebauten Flächen im großen Maßstabe ausgeführt war.

Guter Boden, Wasser und milde Luft sind die Bedingungen, welche

der Kaffeebaum zu seiner Existenz gebraucht, und um dem Boden die

genügende Feuchtigkeit, der Pflanze den Nährstoff zu geben, mußte

dieses künstlich herbeigeführt werden, da in der trockenen Jahreszeit,

unter der auch hier oben noch heißbrennenden Sonne, der Boden ausdörrt

und die jungen Bäume im lockernen Erdreich verwelken müßten. Der

starke nächtliche Thau zwar erfrischt die Natur beständig, ist aber,

für die empfindlichere Kaffeepflanze nicht genügend, und doch würden

wiederum ohne diesen, trotz der herbeigeleiteten Wassermengen,

tausende Pflanzen zu Grunde gehen; mit überaus hoher Weisheit hat

die Natur dafür gesorgt, daß die meisten Tropengewächse, wenn sie

den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt sein müssen, die nächtlicher

Weile reichlich gespendeten Thautropfen in Blatt und Blüthe aufnehmen

können und dadurch befähigt werden, der auf sie niederbrennenden Gluth

zu wiederstehen. Man hat, wie erfahrene Pflanzer zugeben, hier bei

der Kultivirung einen großen Fehler begangen, indem durch gänzliche

Rasirung einer zu bauenden Fläche, dieser dadurch alle Beschattung

entzogen wurde, daß darauf kein Strauch noch Baum stehen geblieben

ist, die von den jungen Kaffeepflanzen die direkte Sonnengluth hätten

abhalten können; nicht, wie irrthümlich angenommen, entzieht der

Baum dem Boden große Mengen Feuchtigkeit, sondern viel mehr, soweit

die obere Bodenschicht in Betracht kommt, wird diese durch denselben

darin erhalten! Geiz ist auch hier die Wurzel des Uebels, indem, wo

tausend Bäume hätten stehen bleiben sollen, an ihrer Stelle nun tausend

Kaffebäumchen mehr gepflanzt worden sind, die nun mühsam im Erdreich

Wurzel fassen und eine unendliche Mühe und Pflege bedürfen. Haben

hingegen die Bäume einmal kräftige Wurzeln getrieben dann bedürfen

sie solchen Schutzes nicht mehr, und wie schon früher gesagt, ist

der Anblick einer gedeihenden Kaffeepflanzung großartig, auch der

Ertrag wird ein überaus lohnender; namentlich die Qualität des auf dem

Schirehochland gewonnenen Kaffees soll eine besonders gute sein. Wir

zahlten z. B. am Orte das Pfund mit eine Mark, während der Marktpreis

in London dafür zwei und darüber beträgt.

Ganz zur Linken von uns, während der Hauptweg, den wir verfolgten

mitten durch die Felder führte und man so eine Uebersicht gewinnen

konnte in wie ausgedehntem Maße die Kaffeekultur hier betrieben wurde,

lag das Haus des Pflanzers, das von weitem gesehen mit der Umzäunung

und Nebengebäuden wie ein einfaches Bauernhaus aussah, über welches

weithin Schatten spendend gewaltige Bäume ihre Aeste ausbreiteten.

Hätte nicht die ganze weite Umgebung den Anblick einer Tropenlandschaft

getragen, man hätte meinen können ein einfaches Gehöft des nordischen

Landmannes vor sich zu sehen.

Es mochte etwa zehn Uhr Morgens sein, als ich mit den ersten Trägern

die Einfriedigung erreichte und an dieser schon von dem Herrn des

Hauses begrüßt wurde, der Empfang war um so freundlicher, als ich ihm

sehnsüchtig erwartete Briefe aus seiner englischen Heimath übergeben

konnte und die als eine Weihnachtsspende angesehen hätte sein können.

Obgleich bereit, mir nach besten Kräften zu helfen, auch meine Leute

auf Kredit auszuzahlen, war der Pflanzer doch höchst überrascht, als

ich ihn ersuchte, durch seine Vermittelung mir neue Leute anzuschaffen,

da ich so schnell als möglich weiter müsse, um noch bis Abend Mpimbi zu

erreichen. Er hatte es nämlich als selbstverständlich angesehen, daß

ich wenigstens für eine Nacht seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen

würde und sich schon darauf gefreut das »+holly Christmas+«,

Weihnachtsfest nicht so ganz allein verbringen zu müssen; alle

Einwendungen, mich wankend zu machen, blieben fruchtlos, so gerne ich

auch seinen Bitten bei ihm zu bleiben, unter anderen Verhältnissen

nachgegeben hätte, aber die Aussicht, das heilige Fest mit den

Gefährten verleben zu können, war mir denn doch lieber. So gab er denn

schließlich nach und sandte mehrere Diener zu verschiedenen Häuptlingen

der umliegenden Dörfer, dieselben ersuchend, umgehend einige Träger zu

stellen. Allein, nach zwei Stunden kamen die Diener mit der Meldung

zurück, sie hätten keine Träger auftreiben können und auch die

Häuptlinge ließen sagen, die Bewohner trinken Pombe, keiner würde daher

bereit sein, vor dem nächsten Morgen irgend welche Arbeit zu verrichten.

Ein solcher Bescheid ist übrigens nichts Seltenes, auch der Pflanzer

beklagte sich bitter über die Unverfrorenheit, mit welcher die

Dorfbewohner ihn öfters im Stiche ließen, namentlich in der Zeit,

wenn die Auspflanzung der jungen Kaffeebäumchen beginnen muß und er

allein auf den guten Willen dieser Leute angewiesen sei; später,

wenn die Wangoni und Atonga kommen, hat es keine Noth, solange aber

zu warten, sei eine Unmöglichkeit. Etwas Fataleres als diese Absage

konnte mir kaum in den Weg treten, nach entfernteren Dörfern noch zu

senden war Zeitverschwendung auch wohl ebenso erfolglos und nun doch

noch bleiben zu müssen, wozu zwar Mr. White entschieden rieth, das

wollte mir absolut nicht in den Sinn! Mit meinem halblahmen Diener

allein zu gehen, und alles zurückzulassen ging nicht, weil keiner von

uns den Weg kannte; da erzählte nach einer nochmaligen Ausfrage einer

der Abgesandten, daß in dem Dorfe, wohin er geschickt worden sei,

sich zwei Männer erboten hätten mit ihm zu gehen, aber da er mehr

habe bringen sollen und nicht bekommen hätte, so habe er auch diese

beiden nicht weiter zum Mitkommen aufgefordert. Das war, da ich nun

doch einmal entschlossen war unter allen Umständen abzumarschieren,

wenigstens eine kleine Aussicht fortzukommen und unverzüglich mußte der

Mann zurück, um die beiden Träger herbeizuschaffen.

Ein »warum so spät« schwebte mir auf der Zunge, als die Leute endlich

eintrafen, allein bedenkend, daß der Neger es doch nicht begreift wie

ein Europäer es eilig haben kann, verschluckte ich die Worte und hastig

die Instrumente, ein kleines Bündel Wäsche, Gewehr und Jagdtasche den

Leuten gebend, war ich bereit den Marsch anzutreten. Ein kräftiger

Händedruck noch, ein flüchtiger Dank, ein herzliches »+good-by+«

an der Pforte und das gastliche Haus, unter dessen Schutz ich alles

andere zurückgelassen hatte lag hinter mir! -- Es war schon gegen drei

Uhr Nachmittags, als ich etwa zwei Kilometer von der Pflanzung erst

entfernt, den stark aufsteigenden Felspfad betrat, der zur Höhe hinauf

führte, wo um die Bergkuppen tiefhängende drohende Gewitterwolken sich

gesammelt hatten, die, wenn sie ihre Schleusen erst geöffnet, eine

wahre Regenfluth ausgießen würden und mich leicht auf meinen eiligen

Marsch aufhalten konnten.

Wie es vorauszusehen empfingen uns, auf der Höhe angelangt, dichte

Wolkenschichten, deren feuchtkalter Hauch die darin aufgespeicherten

Wassertheilchen an unsern Körpern ablagerte und ohne daß es schon

geregnet hätte trieften wir vor Nässe, ein Zeichen in wie großen Massen

die Wasseratome um diese Bergkegel schweben mußten! Dieser Umstand

nun trieb uns schon zur möglichsten Eile an, theils, um den Körper

durch Anstrengung zu erwärmen, theils, um aus dieser hohen Region, wo

die wogenden Gebilde jede Fernsicht benommen hatten, herauszukommen.

An einem Abstieg angelangt, der so steil in die Tiefe führte, daß es

großer Vorsicht bedurfte, auf dem glatten Gestein nicht auszugleiten

oder gar durch die Neigung des Körpers nach hinten ins Laufen zu kommen

und dann zu stürzen, mußte dieser wohl 800 Fuß tiefe Abhang recht

langsam betreten werden.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 18 / 51 段