höchstens ein Lappen Zeug um die Scham zu bedecken, haben die sorglosen
Bewohner auch keinen Sinn, ihre Heimstätte zu schmücken oder auch
nur irgend welche Bequemlichkeit darin anzubringen. Ihr Bett ist
der nackte Erdboden, ihr Kopfkissen, wenn sie sich solchen Luxus
gestatten, ein Holzscheit, und sieht man die schwarzen Gestalten in
den Morgenstunden ihre Behausung verlassen, läßt das schmutziggraue
Aussehen derselben darauf schließen, daß sie sich während der Nacht
in der warmen Asche herumgewälzt haben; namentlich die Kinder machen
den Eindruck, als scheuten sie das Wasser, und in der That kommt es
nicht oft vor, daß sie sich aus eigenem Antriebe einer gründlichen
Reinigung unterziehen. -- Länger als ich erwartet hatte und mir lieb
war, hielt mich der Regen in diesem Thale zurück, und dann, nachdem
die Wolkenmassen die Regenfluth ausgeschüttet, sich erleichtert zur
Höhe gehoben und getheilt hatten, die Sonne schon mit wärmendem Strahl
hindurchbrach, mußte ich doch noch eine Zeit lang warten, bis sich die
Wasser auf den Wegen etwas verlaufen hatten. Als ich endlich die Leute
zum Aufbruch rufen konnte, die sich in den Hütten vertheilt und es sich
an wärmenden Feuern bequem gemacht hatten, bezeugten diese wenig Lust
den unterbrochenen Marsch wieder aufzunehmen, der, wollten wir noch
Blantyre erreichen und nicht während der Nacht am Wege kampieren, ein
sehr beschleunigter sein mußte.
Das langgestreckte Thal nun durcheilend und gleichmäßig auf schmalem
Pfade bergan steigend, wurde meine Aufmerksamkeit durch die triefenden
Grashalme und regenschweren Blätter der Gebüsche, unter welche der
Weg hinführte, die bei jeder Berührung einen wahren Schauer von
Tropfen herabschütteten und abermals die Kleider durchnäßten, von der
Umgebung abgelenkt, aber wo der schlüpfrige Weg weniger Achtsamkeit
erforderte, ließ ich doch rückwärts oder in die Tiefe schauend die
Blicke umherschweifen, um ein Bild festzuhalten, wie es nur die wilde
Gebirgsnatur, nachdem die tobenden Wetter sich verzogen, aufweisen
kann. Fast verlockend, als wäre zwischen Busch und Wald ein Idyll
hingezaubert, lag an der mächtigen Bergwand, vom flüchtigen warmen
Sonnenstrahl überfluthet, der blendende Reflexe über das Blättermeer
hinstreute, das große Dorf, von welchem das Krähen der Hähne laut
herüberschallte, dieses in dieser wilden Einsamkeit als einen Ort des
tiefsten Friedens erscheinen ließ. Mehr und mehr flogen die wogenden
Schatten vor dem allgewaltig siegenden Licht, und wie die ganze Natur
vor den grollenden Elementen eine Zeit lang erzittert, selbst die alten
Felsen gebebt, Donnerwogen wie Posaunenstöße des jüngsten Gerichts
von den Gipfeln der Berge zu Thale rollten -- so erhaben fluthete auf
die athmende Natur das segenspendende Licht aus dem reinen Aether
hernieder. Wie Silberschlangen durch das Grün der Büsche leuchtend,
sprangen von den Berghöhen lustige Bächlein zu Thal, wie kleine
Kobolde über Stein und Abhang hüpfend, um am Rendevousplatz, tief in
der Bergschlucht, das übermüthige Spiel als wildbrausender Sturzbach
fortzusetzen. Der Raubvogel, wie auch der kleine Sänger, ersterer die
breiten Schwingen entfaltet über die Tiefe schwebend, badeten ihr
Gefieder in der goldenen Lichtfluth und, als erwache nach heftigem
Kampfe aufs Neue die Natur, stimmte der Wesen endlose Zahl aufjauchzend
mit ein in das Triumphlied, hinausgeschmettert in die Weite aus der
kleinen Brust des gefiederten Sängers.
Aufwärts strebend, folgten wir den Schlangenwindungen des Bergpfades
an steiler Felswand und erreichten vom scharfen Marsche ermattet den
Hauptweg wieder, der jetzt ohne viel Steigung gleichmäßig fortlaufend,
von nun an ein schnelleres Fortschreiten gestattete. Nur einmal
noch, die Sonne senkte sich bereits bedenklich dem Westen zu und
übergoß von hoher Bergkuppe gesehen diese eigenartige Gebirgswelt
mit ihrem goldenen Licht, hatten wir, den Weg uns dadurch kürzend,
einen beschwerlichen Aufstieg zu überwinden. Dann aber schritten
wir thalwärts und bald erschienen in der Ferne einzelne Dörfer und
bebautes Ackerland, dessen weicher Boden die große Fruchtbarkeit dieser
Gebirgsgegend schon verrieth. Nachdem eine zeitlang noch ein scharfer
Abstieg verfolgt worden, standen wir plötzlich an dem Bette eines
donnernd und tosend über zerklüftetes Gestein springenden Wildbaches,
der durch die Regengüsse hochgeschwollen mit wilder Kraft seine Fluthen
im Felsenbett fortwälzte.
Zwei mächtige Tamarindenbäume, die hart am Uferrand standen, fast
von den gurgelnden Wassern bespült, gaben einer aus Baumstämmen
geschlagenen Brücke zweifelhaften Halt, sodaß es eines beherzten Sinnes
bedurfte und sicheren Fußes, um über die glatten ohne jede Verbindung
von Ufer zu Ufer liegenden krummen Stämme den Uebergang zu wagen. Ein
Fehltritt führte unzweifelhaft den Sturz in die Tiefe herbei, der,
abgesehen von dem kalten Wasserbad, noch Schlimmeres im Gefolge haben
könnte, da das Felsenbett in der Tiefe kein sanftes Lager wurde.
Der Sicherheit halber, um die Lasten nicht zu gefährden, ließ ich
eine Fähre aufsuchen, wo die Leute sich einander unterstützend, den
Uebergang wagen konnten, der auch an einer eingeengten Stelle, wo die
Wasser wirbelnd zwischen mächtigen Steinen hindurchschossen, glücklich
vollbracht wurde; ein Jeder mußte aber, bis an den Hals in kaltem
Wasser, einige Schritte machen, ehe er die ausgestreckte helfende Hand
eines Anderen erreichen und das felsige Ufer erklimmen konnte. Ich
indes, vom eiligen Marschiren sehr warm geworden, zog es vor ein kaltes
Bad lieber zu vermeiden und über einen der drei Brückenstämme den
Uebergang zu versuchen, was ich schließlich, da ein Aufrechtgehen zu
unsicher, vermittelst des sogenannten »Hinüberreitens« vollbrachte.
Nach kurzem Ausruhen wieder auf dem breiten im Gestein gehauenen Weg
bergan steigend, fand ich an den Abhängen wunderschöne Gebirgsblumen,
deren einfache Pracht jedem Botaniker entzückt hätte; ich hatte solche
zwar schon vorher, aber nicht in so unmittelbarer Nähe gesehen und
machte dabei die Beobachtung, daß diese Arten nur auf der gelbrothen
Thonerde, die in mächtigen Schichten vielfach auf dem Gebirge
abgelagert war, zu finden sei. Trotz der Eile nahm ich mir doch die
Zeit, diese duftenden Kinder der Natur, erblüht auf einem gesegneten
Fleckchen Erde, näher zu betrachten und nahm manche Blume von dieser
luftigen Höhe mit mir auf die weite Wanderschaft, als eine bleibende
Erinnerung an die Flora des Schire-Hochlandes.
Auf der freiliegenden Ebene, an den Abhängen der Berge, überall
zogen sich wohlbestellte Felder hin, und das Auge erfreute sich an
dem saftigen Grün, das in vielfachen Schattierungen, oft scharf
begrenzt, unter den Strahlen der scheidenden Sonne einen herrlichen
Anblick darbot. Nachdem nun noch eine Art Hohlweg als letzte Strecke
durchschritten war, der aus einer Bergsenkung wieder zu freier Höhe
führte, dehnte sich das weite Thal, von langgestreckten glatten Hügeln
durchzogen, wie ein Phantasiegemälde vor uns aus. Aus dem saftigen Grün
blickten hunderte ringsum zerstreut liegende Hütten hervor, die aus der
Ferne gesehen wie Vogelnester an den Abhängen hingen und in Massen oder
vereinzelt sich von dem dunklen Hintergrund abhoben; zwischendurch nur
vereinzelte größere Bauten, welche europäische Wohnstätten vermuthen
ließen und sich aus dem Gewirr der Hütten deutlich hervorthaten.
Der letzte Gruß der scheidenden Sonne vergoldete noch die Bergspitzen,
Purpurgluth lag über die Abhänge gebreitet, mit ihrem strahlenden
Schimmer die Bergkonturen in scharfer Deutlichkeit zeigend, während
schon aus der Tiefe dunkle Schatten emporwallten, die mit mächtigen
Armen das erhebende Bild zu verwischen trachteten und höher
strebend, mit dem Lichte rangen, das seine ganze Schönheit in diesem
Abschiedskuß, über die Gebirgswelt ausgegossen hatte. Das Ziel,
welchem wir zugestrebt, lag vor uns, ob das Bild aber der Wirklichkeit
entsprach, welches in so überraschenden Formen dem staunenden Auge sich
gezeigt, das sollte nun bald die eigene Anschauung lehren!
9. Von Blantyre nach Mpimbi.
Meinen Weg thalwärts fortsetzend, fand ich, entgegen der Vermuthung,
das Terrain ziemlich schwierig zu begehen, denn die kurzen Abhänge,
auf deren Sohle meistens ein Wildbach seine hochgeschwollenen Gewässer
hinrauschen ließ, sowie der unbequeme Aufstieg wiederum, waren recht
ermüdend. Hätte das Felsenbett der Bäche nicht vom Gegentheil den
Beweis geliefert, so würde man versucht gewesen sein zu glauben,
daß die Formation der Hügel nicht festes Gestein, sondern reiche
hochgelagerte Humuserde sei, denn nirgendwo ließen sich sonst Steine
oder Felsen entdecken.
Auf dem platten Rücken des nächsten Hügels, hart am Wege, lag eine
große vom Zahn der Zeit zerklüftete Felsenmasse, die allen Schmuckes
bar, wohl 30 bis 40 Fuß hoch, ihre kahlen Glieder in die Höhe reckte,
und unwillkürlich drängte sich die Frage auf: wie kam diese hierher an
einem Orte, wo doch die ganze weite Umgebung im Schmucke des frischen
Grün und einer blühenden Vegetation am allerwenigsten solche absorbirte
Granitmasse vermuthen ließ. Zu fern lagen die bewaldeten hohen
Bergkegel, durch Thal und Hügel getrennt, als daß dieser gewaltige
Felsblock von einer Höhe abgestürzt, hier schließlich seinen wilden
Lauf beendet hätte, viel eher würde er in seinem verderblichen Sturze
gehemmt, am Fuße eines der Bergriesen liegen geblieben sein. Es mußte
also eine Gigantenkraft in grauer Vorzeit ihr Spiel damit getrieben
haben, und ist seit undenklichen Zeiten diese einst viel höhere
kompactere Masse als ein Ueberrest zurückgeblieben, während ringsum die
allgewaltige Zeit die Spuren einstigen Kampfes übermächtiger Elemente
verwischt hat. Aber welche Mächte auch um dieses einsame Felsenstück
einst getobt, es hat dem Ansturm getrotzt, bis es, der einwirkenden
Luft und dem Sonnenschein fortdauernd ausgesetzt, wie von Keilen
gespalten seine abstürzenden Trümmer umhergestreut hat, zwischen denen,
an fester Wand gelehnt, heute der Bewohner dieses Landes seine leichte
Hütte erbaut.
Beim letzten Schimmer des scheidenden Tages erreichte ich endlich,
auf dem höchsten der Hügel gelegen, unser Lager, wo ich nach einem
so anstrengenden Marsche die benöthigte Ruhe zu finden hoffte. Wider
Erwarten fand ich nur eine elende Steinhütte, worin nur für den hier
die Aufsicht führenden Kesselschmied Wedler, der nach seiner schweren
Verletzung wieder ziemlich genesen war, Platz genug vorhanden. Selbst
nicht soviel Vorrath an Zeug fand ich vor, um die Träger abbezahlen zu
können, die absolut nicht weiter mitgehen wollten, trotzdem ich ihnen
erhöhte Zahlung versprach, da ich auf einen vom Major hinterlassenen
Befehl unverzüglich weitermarschiren sollte, und mit meinem Diener Mzee
allein diesen ausführen mußte, wenn, wie es meine Erkundigung ergab,
wirklich nicht ein einziger Träger zu erhalten sein sollte.
Dem einen Mangel war schnell abgeholfen, indem der deutschen Expedition
Kredit genug gewährt wurde, die Trägerfrage aber hoffte ich dadurch
zu lösen, daß ich den Mr. Johns aufsuchte, welchen ich einst, als er
im Lager von Ntoloa in großer Verlegenheit zu mir kam, ihm und seinen
Begleiter bei Kapitän Robertson eine freie Mitfahrt bis Port Herald
verschafft hatte, und durch seinen Einfluß vielleicht erreichte, die
benöthigten Träger zu erhalten. Vorerst jedoch, aller Eile ungeachtet,
mußte dem knurrenden Magen sein Recht werden, um so eher, als die
verlockende Aussicht, frische Kartoffeln, Salat und Gurken hier
erhalten zu können, eine zu verführerische war. Verdiente dieses
gesegnete Hochland nicht schon in anderer Weise seinen guten Ruf, die
Erzeugung dieser Genußmittel würde solchen ihm bei Allen eingetragen
haben, die an Entbehrungen gewöhnt, hier zu Gast sich einfinden.
Neben dem erwähnten kleinen Häuschen stand zwar noch das
aufgeschlagene Zelt unseres Expeditionsarztes Dr. Röver, und hätte
ich hierin für die Nacht wohl nothgedrungen eine Unterkunft finden
können, allein in diesem mit Medizinkisten und ärztlichen Utensilien
vollgepackten Zelte erst Raum zu schaffen und vielleicht Unordnung
anzurichten, zog ich es doch vor, bei der Firma Scharre & Co., dessen
Chef mir wohlbekannt, den Mr. Johns aufzusuchen, wo ich jedenfalls eine
Freistätte hätte finden können. Ohne noch einen in dieser Hinsicht
gehegten Wunsch aussprechen zu brauchen, wurde mir nicht allein ein
Zimmer angeboten, sondern auch, was mir viel werthvoller, ohne weiteres
die Unterstützung zugesagt, Träger für mich besorgen zu wollen, sofern
ich mich einen Tag nur gedulden könne. Es schien mir unter diesen
Verhältnissen natürlich geboten, das gemachte Anerbieten dankend
anzunehmen, und dies um so eher, als mit völliger Bestimmtheit die
Ankunft von einigen zwanzig Trägern, worunter acht Maschilla-Leute,
gegen Abend des nächsten Tages erwartet wurde.
Diesen Tag der Ruhe nun benutzte ich, um in diesem vielgepriesenen
Blantyre flüchtige Umschau zu halten, und das Nächstliegende war,
der Aufforderung meines freundlichen Wirthes, des Mr. Scharre, eines
Deutschen, Folge zu leisten, um sein großartiges Etablissement in
Augenschein zu nehmen. Vor allen war es, neben den mit europäischen
Erzeugnissen wohlgefüllten Häusern, dessen stattliche Viehherde,
die ganz besondere Aufmerksamkeit verdiente, insofern als schon die
Herbeischaffung lebenden Viehs mit sehr großer Schwierigkeit verbunden
war, weil im ganzen weiten Umkreis der bewaldeten Höhen die Zetsefliege
hauste, deren Stich für Rindvieh, Pferde und Esel fast immer tödtlich
ist. Daher verdient die aufgewendete Mühe und angewandte Sorgfalt, die
Zucht in diesem von dem gefährlichen Insekt freien Distrikt zu fördern,
auch besondere Anerkennung, und neben der schottischen Mission, deren
Gründung hier Blantyre sein anfängliches Aufblühen verdankt, ist es ein
löbliches Bemühen die Kultur dieses vielversprechenden Hochlandes nach
Möglichkeit zu heben.
Besonders interessant war für mich noch die Anlage verschiedener
Sägewerke, nach dem System eingerichtet, wie man noch in Europa
durch Menschenhände Balken zu Bretter etc. verarbeitet, nur mit
dem Unterschiede, daß hier nicht auf hohen Böcken das Zerschneiden
vorgenommen wurde, sondern die Balken über tiefe Gräben gelegt, von
schwarzen Zimmerleuten zertrennt wurden.
Wie mir indes versichert worden, ist das Herbeischaffen der eigentlich
kurzen aber recht schweren Balken die Hauptarbeit mit, da man sich
wegen des zerklüfteten Terrains keiner Handwagen bedienen kann und
diese nur durch Menschenkraft herbeigeschleift werden müssen. Das
rothbraune feste Holz, von großem Nutzwerth, dient zur Herstellung
aller möglichen Utensilien, und neben Hausgeräth wird solches auch zu
Bootsplanken etc. verwendet.
Gleicherweise hatte der Besitzer neben seinem stattlichen Wohnhause
auf einem kleinen Bergabhang eine Versuchsstation für Kaffee angelegt,
die vorzüglich gedeiht, was die beträchtliche Anzahl Bohnen an den
erst drei- bis vierjährigen Pflanzen zur Genüge bewies; übrigens ist
das Klima und der vortreffliche Boden dieses Gebirgslandes vornehmlich
geeignet, das Wachsthum der Kaffee- und Tabakspflanzen zu fördern,
und sehr ausgedehnte Anlagen mit Millionen dieser so werthvollen
Pflanzen bestanden, sind heute schon unter Kultur. Ein Kaffeefeld
mit gleichjährigen Bäumchen, deren tiefdunkle grüne Blätter einen
eigenartigen Anblick gewähren, bleibt immer eine imposante Erscheinung;
man wird stets ein solches mit besonderem Vergnügen betrachten können,
zumal, wenn die angewandte Mühe und besondere Pflege, welche die jungen
Pflanzen beanspruchen, in Betracht gezogen wird.
Die hohen Bergkegel, die Blantyre wie ein Kranz umschließen, fordern
auch ganz besonders die Aufmerksamkeit heraus, und würde man sich
auf die Spitze eines dieser trotzigen Bergriesen versetzt denken,
den Blick ungehindert in die Weite schweifen lassend, müßte es von
solcher luftigen Höhe ein herrlicher Ausblick in die weiten Lande sein
-- von dort auswärts schauend, lägen Thal und Hügel wie ein grüner
Teppich weithin ausgebreitet. Die höchsten der Berge, in ungleicher
Entfernung von einander, dem Beobachter aber erscheinend, als verliefe
das Fundament, auf welchem sie aufgethürmt, in einer Kreislinie, sind
folgende: Pingwe, Bangwe, Malavi, Fotje, der hohe Bergrücken Durandi
und Mathiro.
Von dem Wunsche begleitet, nun auch noch die Dörfer in der nächsten
Umgebung in Augenschein zu nehmen, fand ich, was aus der Ferne gesehen
wie ein Idyll erschienen, doch nichts Besonderes vor; wie überall,
lagen auch hier die Hütten bunt durcheinander und verirrte man sich
zwischen denselben, hatte man Mühe, aus dem Wirrwar der Wege sich
wieder zurechtzufinden. Ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten nur
die unansehnlichen Hunde einem Fremden, sodaß man zufrieden war, das
Gekläffe der Meute hinter sich zu haben. -- Die Sitte, ihre Todten
in den Hütten zu begraben und diese dann über das Grab einzureißen,
üben die Eingeborenen auch hier aus, einem Häuptling hingegen bereitet
man die Grabstätte an dem Orte, wo dieser seinen Reichthum, Ziegen,
Schafe etc. zu stehen gehabt, also an einer Stelle, welche gerade
nicht als sehr ehrenvoll bezeichnet werden könnte -- indes kann ich
dieses nicht verbürgen, obgleich es nicht unwahrscheinlich ist, da
ich verschiedene Begräbnißmethoden gesehen habe, die auf krassen
Aberglauben zurückzuführen und je nach der religiösen Anschauung der
einzelnen Volksstämme auch verschieden sind.
Beim Durchstreifen eines Dorfes, dem Schlage der Ngoma folgend, fand
ich mich plötzlich einer zahlreichen Gesellschaft gegenüber, die
um einen mit bunten Bändern (Zeugstreifen) geschmückten Grabhügel
eine Art Todtenfest feierten, und die grotesken Aufführungen des
Medizinmannes mit Gesang, Händeklatschen und der unerlässigen Ngoma
begleiteten. Sämmtliche Theilnehmer waren schon in das Stadium völliger
Trunkenheit eingetreten, trotzdem aber tanzten und sprangen die
taumelnden Gestalten noch um das Grab und leierten mit widerlichen
Stimmen die eintönigen Gesänge her, einige schwankten auch, als
ich vorüberging, auf mich zu und vertraten mir den Weg, dabei wie
Blödsinnige mich anstierend, und soviel ich aus den lallenden Stimmen
entnehmen konnte, waren die mir unverständlichen Worte wohl keine
Schmeichelei gewesen.
Solche Sitten und Gewohnheiten sind an der Stätte, wo das Christentum
Verbreitung gefunden immer noch eine Erscheinung, gegen die Aufklärung
und christlicher Glaubensmuth geduldig ankämpfen müssen, und hat die
Kirche auch hier eine reiche Saat ausgestreut, widersteht im Einzelnen
das Phlegma des Negers doch ihrer edlen Bestrebung, diesen leicht für
die neue Glaubenslehre gewinnen zu können. Es liegt wahrlich nicht
an dem Bestreben opfermütiger Männer und Frauen, die ihrem Beruf mit
ganzer Liebe zugethan sind, daß unter der erwachsenen Bevölkerung
nur verhältnismäßig geringe Erfolge zu verzeichnen sind, sondern der
ungebundene Sinn des Negers fügt sich zu schwer, vor allem, da er jedem
Zwange abhold, einen solchen in dem Bekenntnisse sehen wird, sich in
der Gemeinschaft der Christenheit aufnehmen zu lassen. Dahingegen ist
das kindliche Gemüth empfänglicher für das Evangelium, wenn von früh
auf Geist und Sinn darauf hingewiesen werden kann, und die großen
Erfolge der Mission bauen sich auf die erzogene Jugend auf, die
mit Geduld und von treuer Sorgfalt behütet, zu nützlichen Menschen
herangebildet wird.
Mag es nun aber sein, daß die Beständigkeit des Negers von äußern
Eindrücken untergraben wird und er leicht der Anfechtung, wenn er
selbstständig und auf eigenen Füßen gestellt, unterliegt. Thatsache
ist, daß an einer ganzen Anzahl jahrelange Mühe, viel Geduld und
Liebe verschwendet worden ist und diese zuletzt als räudige Schafe
aus der Heerde ausgestoßen werden müssen, weil sie, man möchte sagen
zum Aergerniß geworden sind, und ihr Lebenswandel der Erziehung nicht
entspricht. Solche, zum Glück nicht viele, entfalten dann die ganze
Verschlagenheit der Negernatur, und auf dem Standpunkt stehend, durch
ihr bischen mangelhaftes Wissen und Können, dem Europäer nun nahezu
gleichgestellt zu sein, werden diese Kreaturen, wenn ihnen für ihren
Eigendünkel empfindliche Strafe trifft, arge Hetzer. Gegner des
Missionswesens, die eine Aufklärung der Bevölkerung, als ein unzeitiges
Uebel betrachten, führen diese Erscheinungen darauf zurück, daß dem
Neger, dessen Erziehung als vollendet gilt, gelehrt wird, er stehe,
nachdem derselbe in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen ist,
dem weißen Manne völlig gleich; sie wollen darin eine Entwürdigung
sehen, da bei weitem der Neger noch nicht reif genug, und eine absolute
Gleichstellung bei so unselbstständigen Charakteren ein Irrthum ist.
Solche Gleichstellung würde aber doch nur in religiösem Sinne
aufzufassen sein. Ein Fehler der Erziehung wäre es, würde man die
Zöglinge darauf hinweisen wollen, sie ständen im späteren Leben
gleichberechtigt da, das möchte der Kulturaufgabe, welche sich die
Missionare vornehmlich unterziehen, doch nicht entsprechen, und ist
auch nicht der Fall! Freilich übereifrige Glaubensapostel giebt es
wohl genug, die ganz in ihrem schweren Berufe aufgehend, der eigenen
Würde als Belehrender nicht genug Beachtung schenken und als verirrten
Bruder jedes Menschenkind ansehen, das halb willig, halb neugierig
der nie vernommenen Botschaft sein Ohr leiht, ohne dabei genugsam zu
bedenken wie eine Hinweisung auf Gleichberechtigung gar leicht eine
falsche Auffassung in solchen unklaren Köpfen hervorbringt. Mir sind
im Gebiet des oberen Schire und Nyassa-See verschiedene Male später
solche Existenzen entgegengetreten, die zunächst auf ihre geringe
Schreibkunst pochend, (als sie nicht die gebührende Beachtung fanden,
ungezogen wurden) die Dreistigkeit besaßen mir zu erklären »sie sind
ganz dasselbe wie der weiße Mann«! Nun das sind wie überall auf dem
Missionsgebiete Schattenseiten, die das hochherzige Streben der
Gesammtheit nicht beeinträchtigen können, nur das darf nicht unerwähnt
bleiben, daß das Festhalten an Anschauungen in der auszuübenden Lehre,
hier zwischen der herwachsenden christlichen Bevölkerung, nicht zu
Spaltungen führen muß, die, wenn das Heidenthum den Kampf aufnehmen
wird, die kleine Schaar getrennt findet und den endlichen Sieg der
Christenheit dadurch sehr erschwert! Auf die Erziehungsmethoden der am
Nyassa-See ansessigen Missionsstationen werde ich später zurückkommen
und deren Thätigkeit eingehender veranschaulichen.
Neben der Entwickelung, welche das Gemeinwesen in Blantyre genommen und
dank der vorzüglichen Lage, der aufblühenden Kultur, sich in ungeahnter
Weise entfaltet, wurde es zur Nothwendigkeit, die benöthigten
europäischen und ausländischen Handelsartikel auf eine bequemere Art
auf und über das Gebirge zu schaffen, zumal schwere Lasten einen
großen Aufwand an Menschenkraft erforderten und die auch nur zu
Zeiten ausreichend zur Verfügung steht. Darum unternahm das englische
Gouvernement die Herstellung des bereits früher erwähnten Weges, mit
der Absicht, darauf große Lastwagen mit Ochsengespann zu befördern,
wie es in Transvaal und Südafrika geschieht, wo sich diese Art der
Beförderung namentlich im gebirgigen Terrain, als die einzig mögliche
erwiesen hat.
Mit großen Kosten und nach jahrelanger schwerer Arbeit ist eine
Straße nun hergestellt, die in der trockenen Jahreszeit nicht viel zu
wünschen übrig läßt, allein, da die Existenz der Zugochsen in gewissen
Distrikten durch die Zetsefliege sehr gefährdet ist, und die Ochsen
durch diese getödtet wurden, mußte davon Abstand genommen werden. Nach
wie vor wandern nun tausende Wangoni-Träger thalwärts und schleppen auf
ihren Köpfen die Lasten zur Höhe, wodurch sie sich einen beträchtlichen
Verdienst erwerben, da meistens Zeug oder Perlen bevorzugt, in ihrer
fernen Heimath beträchtlich noch im Werthe steigen. Obwohl mir bekannt
war, daß die erwarteten Träger meine Sachen nur bis Lomba bringen
würden, gab ich mich doch der Hoffnung hin dieselben allenfalls durch
eine Lohnzugabe bewegen zu können, den besseren und auch kürzeren Weg
über Matope, direkt nach Mpimbi zu nehmen; fand mich aber, als nach
deren Ankunft darüber verhandelt wurde, getäuscht. Es machte sogar noch
Mühe, die Leute zu einem frühen Abmarsch zu bereden, da sie wenig Lust
zeigten, den sonst üblichen Ruhetag aufzugeben. Wie mir Mr. Scharre
versicherte, sollten die Leute mich zu seiner bei Zomba angelegten
großen Kaffeeplantage bringen, wo der Pflanzer Mr. White für neue
Träger Sorge tragen würde, und von wo ich auch Mpimbi in etwa 7 Stunden
würde erreichen können.
Froh nur, daß mein Wunsch, noch am Weihnachts-Heiligabend das deutsche
Lager zu erreichen, sich erfüllen sollte, beeilte ich mich auch am
nächsten Morgen meine Sachen zu denen, da Träger genug vorhanden,
einige vom Major zurückgelassene Munitionskisten hinzugefügt wurden,
nach meinem Absteigequartier hinüberzuschaffen.