Ich habe mich zwar später in noch schlechteren Situationen befunden,

aber nie wieder wie hier solche Masse von diesen Colossen beisammen

gesehen, die sich in dem Bestreben einig waren, ihren schlimmen

Feinden den Untergang zu bereiten. Es ist auch nur zu erklärlich; das

beständige Jagen macht die Thiere, die sonst friedlich und nur für

die Eingebornen oft eine große Plage sind, bösartig und gefährlich,

ihre Vernichtung wird dann eine Art Nothwendigkeit, und mit der

fortschreitenden Civilisation verschwindet mehr und mehr das Flußpferd,

das in der Urwildniß bisher seine ungestörte Heimath gehabt hat. Je

höher flußaufwärts wir kamen, desto wechselvoller und vielgestaltiger

wurden die Ufer des Schire, bald hoch, bald niedrig mit starkem,

dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen, zwischen denen hindurch die

Dörfer der Eingebornen versteckt hingestreut lagen und aus deren

zunehmender Zahl auf eine ziemlich zahlreiche Bevölkerung zu schließen

war.

Der Fluß selbst ist zuweilen eng und tief, bald breit und dann flach,

sodaß es schwer hält mit dem Boote fortzukommen; viele Flußarme bilden

größere und kleinere Inseln; man sieht aber wie verheerend der starke

Strom bei hohem Wasserstand sein muß, wenn er große Erdmassen abspült

oder gewaltige Bäume mit sich stromabwärts führt.

Auf hochgelegenem Terrain, dort wo der Fluß eine Hügelkette

durchbrochen hat, fanden wir am linken Ufer einige europäische

Ansiedelungen, wo Versuche mit dem Kaffeebau vorgenommen waren

und mühselig ein kleines Terrain dem höchst fruchtbaren Waldgrund

abgewonnen war; freilich ist alles der Natur und den Mitteln die zu

Gebote stehen angepaßt und daher auch nur primitiv, aber die Arbeit

findet doch ihren Lohn, indem der dankbare Boden die aufgewendete Mühe

reichlich vergilt.

Die Gastfreundschaft ist hier allgemein in Gebrauch, darum fällt es

nicht weiter auf, wenn ein von dem abwesenden Besitzer verlassenes Haus

von dem Reisenden für eine Nachtruhe in Beschlag genommen wird, selbst

die schwarzen Diener desselben erheben dem Europäer gegenüber keinen

Einspruch und so ist es eine wohlübliche Einrichtung, daß jedem müden

Unbekannten, der viele Tage durch die Wildniß gezogen, am gastlichen

Herd die hochwillkommene Ruhe gestattet wird.

Kurze Rast hielten wir noch vorübergehend bei der Etappestation wo

der Proviantmeister von Liebermann mit wenigen Soldaten als Aufseher

eingesetzt war, mit der Anweisung ein freundliches Verhältniß mit den

umwohnenden Häuptlingen anzubahnen, um durch deren Willfährigkeit

den großen Mangel an Trägern in etwas abzuhelfen. Weiter hinauf nahm

die Gegend schon einen entschiedenen gebirgigen Charakter an, die

Felsenmassen rückten immer näher zum Flusse, auch an dem starken

Gefälle der zuweilen wirbelnden Strömung, gegen die nur mit aller

Kraft anzukämpfen war, konnte man voraussetzen, daß die Murchison

(Schire)-fälle nicht mehr allzu ferne seien.

Am 14. Dezember, Mittags, nach achttägiger Fahrt, passirten wir

Katunga, Station der African Lakes Co., um etwa zwanzig Minuten

oberhalb derselben in Chukwakwa, der englischen Gouvernementsstation,

neben der das deutsche Lager erbaut war, zu landen.

8. Von Katunga bis Blantyre.

Die deutsche Station, unmittelbar am Ufer des Schire gelegen und etwa

einen Kilometer vom Fuße der steilansteigenden Gebirgskette entfernt,

bestand aus zwei Wohnhäusern für Europäer, den Soldatenhütten und einem

Proviantschuppen; während den ganzen Lagerplatz eine undurchdringliche

Dornhecke umschloß. Was aber das Vortheilhafteste, es waren mehrere

gewaltige Tamarindenbäume im Lager, deren weites dichtbelaubtes Geäst

gegen die heiße Sonnengluth kühlen Schatten spendete, auch dadurch den

Aufenthalt in den Häusern, während der heißen Tagesstunden, angenehmer

machte.

Landschaftlich war es ein ganz anderes Bild, welches den Beobachter

hier umgab; umschlossen zur Rechten, wenn man den Blick flußaufwärts

nach den Schirefällen richtete, von immer höher ansteigenden

Bergmassen, die in dunkler Bläue sich verloren und vom Fuße bis zu

den höchsten Kuppen von einem zusammenhängenden Gebirgswald bestanden

sind, hob sich das Terrain zur Linken mehr hügelförmig aus der

Flußniederung aufwärts, um in der Ferne zur Gebirgsform übergehend,

das Flußbett wie ein weites tiefliegendes Thal erscheinen zu lassen.

Und trägt die Gesammtheit auch den Charakter einer ungebundenen freien

Wildniß, ist dieses wechselvolle Bild der Gebirgsnatur im Gegensatz

zur undurchdringlichen Wildniß der Urwälder in der Tiefebene, ein

erhebendes. Selbst unter der Gluth der sengenden Sonnenstrahlen weht

hier ein frischerer Odem und freier athmet die Brust, fast scheint

es als wäre das Gefühl eines auf ihr lastenden Druckes weggenommen,

auch die physische Kraft erstarkt, belebt den sinkenden Muth und die

Thatkraft und Schaffensfreudigkeit kehrt wieder.

Mein Aufenthalt im Lager sollte nur von kurzer Dauer sein, da ich laut

erhaltener Ordre, so schnell als möglich vorwärts gehen und den Major

vor seiner Abreise nach dem Nyassa-See noch erreichen mußte; ich setzte

mich deshalb auch unverzüglich mit dem englischen Beamten Mr. Bowhill

in Verbindung, um mit dessen Unterstützung die benöthigten Träger,

etwa 40 Mann, zu erhalten, und dies aus dem Grunde, weil mir der die

Aufsicht im Lager führende Maschinist Engelke mitgetheilt hatte,

daß ohne Genehmigung des englischen Beamten kaum Träger zu erhalten

sein werden. Was nun das persönliche Entgegenkommen des Mr. Bowhill

betraf, konnte ich als Unterstützungsuchender mich nicht beklagen,

aber die entgegengebrachte Freundlichkeit hatte doch etwas Gezwungenes

und, als er mir sein Herz ausgeschüttet, Klage über Klage gegen das

eigenmächtige Vorgehen der Deutschen angehört hatte, die darauf

hinausliefen, daß man seine gute Absicht und Hilfsbereitschaft so

wenig gewürdigt, schließlich ihn zurückgewiesen habe, war es mir bald

klar, er wolle nur gegen Jemand, der ihn vollständig verstehen konnte,

sich reinwaschen, wenigstens stellte er noch an mich die Zumuthung, da

er deutscherseits wegen seiner Handlungsweise höheren Orts angeklagt

worden war und die Folgen fürchtete, für ihn, wenn sich die Gelegenheit

bieten würde, in Blantyre einzutreten, in dem Sinne, daß er entschieden

verkannt worden sei. Anstatt der Zusicherung, mein Ersuchen um Leute

nach Kräften zu unterstützen, wäre es mir lieber gewesen, er hätte

rundweg erklärt, er wolle oder könne nicht helfen, denn dann hätte

ich mir selber helfen müssen und nicht einen Augenblick gezögert mit

anderen wegen Träger in Unterhandlung zu treten.

Den Glauben an die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung bemühte er sich aber

schnell zu zerstören, indem er am nächsten Abend mit zwei Anliegen zu

mir kam, die schwere Beschuldigungen gegen unsere wenigen im Lager

anwesenden Leute enthielten. Darnach sei ihm von dem Häuptling eines in

der Umgegend liegenden Dorfes folgende Beschwerde zugegangen: es seien

in der vergangenen Nacht drei Leute aus dem deutschen Lager in dem

Dorfe gewesen und hätten nach dem Fumo verlangt, als dieser aber vor

Furcht sich verkrochen hätte, soll einer der Bewaffneten einen Schuß

abgegeben haben und schließlich nach Verübung allerlei Unfugs hätten

die Ruhestörer sich entfernt.

So unwahrscheinlich mir diese Anklage auch erschien, fühlte ich mich

doch verpflichtet, eine strenge Untersuchung anzuordnen; wie ich aber

voraussetzen konnte, war unter unsern sechs Leuten keiner, dem ein

solches Vergehen nachzuweisen gewesen wäre, denn die von uns Europäern

stets ausgeführten nächtlichen Rundgänge hatten ergeben, daß jeder

der Leute im Lager anwesend gewesen war. Auch der Sudanesenposten

konnte keine Angaben machen, was sicherlich geschehen wäre, wenn ein

Suaheli sich entfernt hätte, da der pflichtgetreue Soldat mit dem etwas

leichtsinnigen Suaheli nichts zu thun haben mag, und so konnte ich nur

annehmen, daß die Beschuldigung auf eine Verleumdung hinauslaufen müsse.

Der zweite Fall, wonach am selben Abend zwei von der Etappestation

zurückgekehrte Sudanesen in ein Zuckerrohrfeld Verwüstungen

angerichtet haben sollten, war ernster. Eine Anzahl Eingeborner

war sofort nach dieser Entdeckung zu dem Gouvernementsbeamten

gekommen und hatten bittere Beschwerde geführt, der die Zeugen auch

mitgebracht hatte und die aus den aufgestellten Soldaten einen Schauß

(Sudanesen-Unteroffizier) dieses Vergehens beschuldigten. Der schwarze

Unteroffizier, den ich selbst als einen unserer tüchtigsten Soldaten

kannte, leugnete entschieden und bezeichnete die Aussagen der Natives

als Lügen; die Ankläger nun ins Verhör genommen, stellte es sich

heraus, daß sie wohl zwei Soldaten gesehen hätten auf dem Wege zwischen

den Feldern, auch annähmen, diese hätten das Zuckerrohr geraubt, sonst

aber nicht beweisen konnten, gerade diese beiden hätten es gethan! --

Solcher Nichtswürdigkeit, die einen schlimmen Verdacht auf

unbescholtene Leute warf, war ich daraufhin entschlossen mit aller

Energie auf den Grund zu gehen; konnte ich auch eine Bestrafung der

Ankläger nicht herbeiführen, wenigstens sollte dann der englische

Beamte einsehen, daß er als bestellter Anwalt der Eingebornen, nicht so

obenhin diesen glauben und vielleicht durch ungerechte Beschuldigung

Unschuldige in Verdacht und harte Strafe bringen könne. Zur Aufklärung

der Sache bestand ich nun entschieden darauf, daß die Ankläger nicht

entlassen, sondern bis zum nächsten Morgen unter irgend einem Vorwand

in Gewahrsam gehalten würden, dann sollten, geführt von einem Europäer

die beiden Soldaten zum Thatort geführt werden und aus den Fußspuren,

die im weichen Boden nicht verwischt sein würden, festgestellt werden,

ob diese Anschuldigungen grundlos seien oder nicht, was sehr leicht

bewiesen werden konnte, da unsere Soldaten auf allen Märschen und

überhaupt stets Stiefel an den Füßen trugen.

Eine Einwendung von Seiten des Mr. Bowhill, diesen Fall nicht auf

die Spitze zu treiben, da wenige Kupfermünzen die Geschädigten schon

zufrieden stellen würden, konnte mich nicht bestimmen das Gesagte

zurückzunehmen, auch die Prophezeihung, wir Deutsche schädigen uns nur

durch solches Vorgehen gegen die Eingebornen, da diese uns boykotieren

könnten und hinfort kein Proviant mehr verkaufen möchten, wir also in

Noth gerathen würden, war nutzlos, und wohl oder übel, sollten nicht

die Folgen auf ihn selbst zurückfallen, mußte er sich fügen.

Als der Morgen kam sandte ich den Zimmermann Ottlich und den

Schiffsbauer Zander unter militärischer Bedeckung mit genauer

Instruktion versehen zu den weit entfernt liegenden Zuckerrohrfeldern,

um an Ort und Stelle die eingehendsten Nachforschungen anzustellen;

wie das Ergebniß aber auch ausfallen möge, die Hauptankläger sollten

unter allen Umständen wieder zurückgebracht werden. Mit begreiflicher

Spannung sah ich der Rückkehr der Abgesandten entgegen und hatte

mich auf eine harte Auseinandersetzung mit dem englischen Beamten

gefaßt gemacht, indem ich nicht gesonnen war, wenn die Unschuld

der Beschuldigten erwiesen würde, die mir unterstellten Leute von

nichtsnutzigen Eingebornen beleidigen zu lassen.

Am Nachmittage kamen denn auch alle nach einem ermüdenden Marsch in das

Lager zurück, mit dem Bericht, daß sie von den Anklägern kreuz und quer

geführt worden seien und schließlich an verschiedenen Punkten nur je

eine abgebrochene Zuckerrohrstaude gefunden hätten; ferner sei nur die

Fußspur eines Natives bemerkt worden, von Stiefelabdrücken im weichen

Boden oder gar einer muthwilligen Zerstörung war überhaupt keine Rede.

Nach einer solchen offenbar schimpflichen Handlungsweise, als welche

diese grundlose Anschuldigung sich herausgestellt, hatte ich nicht übel

Lust, zwei der Hauptankläger solch' einen Denkzettel zuzudiktiren, daß

ihnen für die Folge ähnliche Handlungen verleidet würden, jedoch war

dieses nicht rathsam und auch nicht möglich, da meine Befugniß nicht

so weit ging eigenmächtige Entscheidungen zu treffen und diese dem

die Gerichtsbarkeit ausführenden englischen Beamten nur zustanden,

der aber auf meine Frage, was er nun zu thun gedenke, die Uebelthäter

nur mit einem strengen Verweis bedachte und sie dann laufen ließ. Mir

mußte es genügen, daß er mit Beschämung einsah, wie unüberlegt er eine

ungerechte Sache zu vertreten sich bemüht hatte und die Nachgiebigkeit

seinerseits diesen Vorfall als beendet zu betrachten, ließ mich um des

Friedens Willen berechtigte Vorwürfe zurückhalten.

Die Erkenntniß, von dem guten Willen des Gouvernementsbeamten abhängig

zu sein und die Thatsache, daß derselbe täglich eine Anzahl Träger über

das Gebirge sandte, für mich aber nicht so viel Leute beschaffen konnte

oder wollte, als ich für meine nothwendigsten Lasten gebrauchte, ließ

mich erkennen, nutzloses Warten sei verschwendete Zeit, und zunächst

darauf die englischen Händler in Katunga, dann einige Häuptlinge um

Ueberlassung einiger Mannschaften ersuchend -- mußte ich doch bald

mich davon überzeugen, wie nutzlos meine Bemühungen waren -- die Zeit

drängte zwar und doch war ich machtlos den Verhältnissen gegenüber! --

Eifrig damit beschäftigt aus den hier lagernden geringen Beständen

meine Lasten zu vervollständigen, mußte ich die Entdeckung machen,

daß der Inhalt mehrerer Kisten, die Hobeln, Beile und anderes

Handwerkszeug enthielten, durch die weiße Ameise zum Theil zerstört

und unbrauchbar geworden waren. Solches Ueberhandnehmen der kleinen

unscheinbaren Thiere konnte aber nur durch die Unachtsamkeit einzelner

Europäer entstehen, die nicht durch zeitgemäßes Umpacken der Kisten

der enormen Beschädigung vorzubeugen gesucht hatten, sondern an

verschiedenen Orten mehrere Wochen lang die Kisten ohne Unterlage auf

dem Erdboden stehen ließen und dadurch den kleinen Nagern Zeit gaben,

ihre Erdgänge in das Innere aufzubauen, somit in aller Ruhe ihre

Zerstörungswuth ausführen konnten.

Uebrigens wimmelte es geradezu von großen und kleinen Ameisen im Lager

zu Chukwakwa, in einer Weise, daß man sich gegen die lästigen Thierchen

nicht zu schützen imstande war. Saß man bei brennender Kerze Abends in

der einsamen Hütte, ein Kistenbrett als Tisch, ein Koffer als Stuhl und

versuchte die Gedanken zu sammeln, um einen längst schuldigen Brief

für die Angehörigen endlich zu beendigen, da sobald eine Mußestunde

nicht wieder kommen würde, dann dauerte es nicht lange, bis eine

Anzahl schwarzer Ameisen durch die Kleider ihren Weg bis zur bloßen

Haut gefunden hatten und an den Beinen hinauf oder im Genick ihren

Spaziergang unternahmen.

So lange nun das eigentliche Prickeln und Krabbeln nicht überlästig

wurde und man Ausdauer genug besaß, die Ameisen nicht zu stören,

verhielten sich die kleinen Quälgeister auch einigermaßen anständig,

aber fuhr man wüthend nach einer Stelle hin mit der Hand, wo ein

Schalk, aus Aerger vielleicht weil ihm auf seinem Wege ein Hinderniß

entgegenstand, die scharfen Kneifzangen in die Haut eingegraben hatte,

um diesen zu tödten, faßten, durch die Bewegung erschreckt, gleich eine

ganze Anzahl Zangen die empfindliche Haut und kniffen, als würden an

jeder Stelle glühende Nadeln eingeführt. Sprang man aber auf, war es

für alle anderen am Körper befindlichen Ameisen das Signal, herzhaft

zuzufassen, suchte man dann vielleicht an den Beinen die Thierchen

abzusuchen, zwickten andere tief im Genick, wo man nicht hinreichen

konnte, oder im Ohr etc., bis man sich mit starker Willenskraft den

Plagegeistern übergab und geduldig den Schmerz ertrug oder genöthigt

war, sich auszuziehen um dann den Ameisen beizukommen suchte.

Weniger belästigend, aber auch höchst unangenehm wurden Tausende

kleiner Insekten, die nach dem Lichte zustrebten und durch die Flamme

verbrannt bald den provisorischen Tisch mit ihren zuckenden kleinen

Körpern bedeckten, vom Papier mußten sie fortwährend abgeschüttelt oder

weggepustet werden -- es war geradezu ein Wettfliegen um den Tod. Ich

glaube manch' unbekanntes Insekt, Fliege, Motte und auch Käfer wäre

aus der großen Anzahl herausgefunden worden, wenn ein Spezialist der

Insektenlehre an Ort und Stelle solchen Vorrath an Nachtschwärmern

hätte untersuchen können. Die Gesellschaft vollzählig zu machen,

huschten lautlosen Fluges, nur zuweilen einen gespenstigen Schatten

auf die erleuchtete Wand werfend, beutejagende Fledermäuse vorüber,

sich an der menschlichen Gestalt nicht kehrend, die den Kopf in die

Hand gestützt, eilige Buchstaben auf das Papier niederkritzelte,

oder unbeweglich eine Zeitlang nachdenkend, dem Hasten und Jagen der

Insekten zusah, welche sich nicht eilig genug ihre zarten Flügel

verbrennen konnten.

Durch die herrschende Ruhe im halbdunklen Raume kühn gemacht, raschelte

auch vorsichtig eine Ratte in der Rohrwand, um nach und nach auf dem

Boden der Koffer einen Entdeckungszug nach Genießbarem zu unternehmen,

bis sie einem plötzlich mit Wucht zugeschleuderten Schuh oder anderem

Gegenstand auszuweichen suchte und mit Schrecken einsah, daß zum

nächtlichen Rekognosziren die Zeit noch nicht gekommen sei. Dies

sind neben sonstigen Annehmlichkeiten eines Lagerlebens mehr oder

weniger unliebsame Zugaben, die aber sofort vergessen sind, sobald

die kühle Nachtluft im Freien die heiße Stirne kühlt und das Auge

sich in die wundervolle Sternenwelt des tropischen Himmelsgewölbes

versenkt, oder dem phosphorartigen elektrischen Lichte des kleinen

Leuchtkäfers zuschaut, der sich auf der Stiefelspitze oder den Kleidern

zum Ausruhen hingesetzt hat, während hunderte Seinesgleichen in Busch

und Gras umherfliegen, sich selbst und anderen den Weg erleuchtend --

unergründliche Wunderwelt der Schöpfung, wer ermißt die strahlende

Flammengluth jener unendlich fernen Welten im ungemessenen Aether,

oder ergründet die Leuchtkraft, welche die fürsorgliche Natur diesen

kleinen Lebewesen auf ihren kurzen Lebensweg mitgegeben! Der Mensch

mit seinem stolzen Wissen und Können muß vor dem Erhabensten und dem

Geringsten in der Natur bekennen, daß alles Stückwerk ist, er im kühnen

Wissensdrang wohl in die Geheimnisse der Natur einzudringen sucht, aber

Räthsel auf Räthsel sein ernstes Forschen hemmt, die er nicht zu lösen

vermag; indes wo nur ein leiser Schimmer der Erkenntniß das Dunkel des

Geheimnißvollen erhellt, da muß der forschende Geist das urewige Walten

der Gottheit anerkennen.

Drei Tage nutzlosen Bemühens für meinen Weitermarsch Träger zu

erhalten, waren hingegangen und am Sonntag den 18. Dezember hatte

ich mich schon gerüstet am anderen Schireufer in weit landeinwärts

liegenden Dörfern mein Heil zu versuchen, als in den Morgenstunden

dieses Tages der nunmehrige Chef der Transportexpedition, von Eltz, von

Chilomo per Boot im Lager eintraf um fortan hier, wo voraussichtlich

erst nach Monaten die Arbeiten beginnen und Träger zu bekommen waren,

sein Domizil aufzuschlagen.

Nach mehrstündiger Verzögerung konnte ich erst am Nachmittage die

beabsichtigte Tour unternehmen, mithin wurde der in heißer Sonne

begonnene Marsch etwas strapaziös. Zwischen ausgedehnten, zum Theil

bepflanzten Feldern führte ein Fußpfad schließlich zu einem zwischen

welliges Waldterrain an steilen Abhängen des Schireufers erbauten

Dorfe, dessen Häuptling mit großer Bereitwilligkeit auf mein Ersuchen,

mir eine Anzahl Leute zu geben, einging, nur hob er hervor, er könne

höchsten 10 Mann stellen -- sein kleines Dorf habe nur wenig Bewohner

und davon seien die meisten jungen Leute für die Engländer thätig.

Die Ueberreichung eines kleinen Geschenkes meinerseits besiegelte den

Vertrag, wenn irgend angängig, sollten am nächsten Morgen bestimmt die

Leute im Lager eintreffen.

Bevor ich von dem freundlichen alten Fumo Abschied nahm, wollte er

mir auch noch ein Gegengeschenk verabreichen lassen und zwar, da

sein Besitzthum höchst gering, sollte dieses in einem lebenden Huhn

bestehen; es hatte aber seine Schwierigkeit mit den wenigen im Dorfe

anwesenden Frauen und Kindern die halbwilden Hühner einzufangen,

die auf Hütten und Bäumen flogen und nur mittelst Wurfgeschosse

wieder herabzubringen waren; die wilde Jagd blieb schließlich doch

resultatlos, bis ich dieser dadurch ein Ende machte, daß ich einen

bezeichneten stattlichen Hahn niederschoß. Die Neugierde des Fumo

war nun freilich geweckt und wollte er, ich solle mehrere Hühner

abschießen, welchen Gefallen ich ihm aber nicht that, weil es mir

unnütz erschien, aus reinem Vergnügen die ängstlichen Thiere zu

tödten, stillschweigend jedoch ließ ich von einem meiner Leute an

einem entfernteren Baumstamm ein handgroßes Blatt Papier befestigen

und darauf mehrere Schüsse abgebend, wurde dessen Verwunderung über

die Treffsicherheit der Waffe noch gesteigert, er schrieb dieser die

Eigenschaft zu, unfehlbar sicher zu sein, sobald der weiße Mann sie

benutze. Man gewinnt übrigens eine gewisse Sicherheit in der Handhabung

der Waffen, wenn, wie in diesem Lande, die Schieß- und Jagdfreiheit

eine ungebundene ist.

Der praktische Engländer, nicht allein daß er die Eingebornen zu

gewissen Abgaben verpflichtet, hat die Jagdgerechtsame insofern

heutigen Tages beschränkt, als je nach der Thiergattung, d. h. der

verwendbaren, eine Taxe erhoben wird, die z. B. auf Elephanten 15 Lstr.

= 300 Mk. beträgt. Es finden sich aber nicht viele passionirte Jäger,

die unabhängig, speziell der Nachstellung unseres größten Vierfüßlers

obliegen, denn dieses ist leichter gesagt als gethan, indem der Muth

und die Ausdauer eines Jägers hierbei auf keine geringe Probe gestellt

wird, wenn er die mächtigen Thiere auf ihren Wandergängen verfolgen

will, die imstande sind ihren Standort derartig zu wechseln, daß

zwischen heut' und morgen ein Abstand liegt, der fünfzig und mehr

Kilometer beträgt und für dies scheinbar plumpe Thier nicht mal

eine allzugroße Leistung ist; bieten doch Wald und Sumpf, Thal und

Hügel diesem kein besonderes Hinderniß, auch die Eigenschaft eines

vorzüglichen Steigers im gebirgigen Terrain besitzt der Elephant in

hohem Grade.

Möge hier gleicherzeit die Aussage eines eingebornen Jägers, der

vielfach mit unermüdlicher Ausdauer den Elephanten gefolgt ist und um

der theuren Zähne willen ihnen nachgestellt hat, Platz finden. Nebenbei

bemerkt steht mein Gewährsmann bei Seinesgleichen um der Erfolge willen

im hohen Ansehen und rühmt sich derselben nach Gebühr -- er sagt: hatte

ich mit meinen Leuten irgendwo den Standort einer Edelelephantenheerde

ermittelt, wo noch Voraussetzung dieselbe sich wegen reichlicher

Ernährung längere Zeit aufhalten würde, suchten wir unbemerkt diese zu

beobachten und den benutzten Pfad zur Tränke aufzufinden. Die Thiere,

meistens sicher, da sie von keiner Gefahr bedroht sind, wechseln nicht

oft und wo im dichten Gebüsch ein Abweichen nicht leicht vorauszusetzen

war, gruben wir möglichst schnell tiefe Fallgruben, die so bedeckt

wurden, daß selbst der vorsichtige Führer der Heerde nicht stutzig

werden konnte.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 15 / 51 段