ich so lange unfreiwilligen Aufenthalt gehabt hatte, rüstete. Die
begehrten zehn Mann waren gestellt worden und fast alle männlichen
Einwohner des Dorfes hatten sich um ihren freigegebenen und noch
beschenkten Häuptling versammelt. Alle schienen zufrieden zu sein, daß
nun endlich die weißen Männer sich anschickten, sie zu verlassen; von
denen sie des Guten so viel hätten haben können, wenn sie der Arbeit
weniger abhold und ihr Fumo verständiger gewesen wäre.
Ich trieb zur schleunigen Abfahrt, weil ich den halb zur Mitfahrt
gezwungenen Eingebornen nicht recht traute, wenigstens voraussetzen
konnte, daß sie anfänglich jede Gelegenheit zum Entweichen benutzen
würden, was auch richtig einem der Leute trotz der scharfen Aufsicht
gelungen war. Wohl ließ ich durch den als Aufseher mit vier Soldaten
zurückgelassenen Handwerker Dohmann sogleich nach dem Entlaufen unter
den zahlreichen Zuschauern nachforschen; dies indes nur zum Scheine,
um den anderen zu bedeuten, daß sie im Auge behalten würden und ein
Fluchtversuch ihnen nicht leicht werden sollte.
Die Flußfahrt ging anfänglich wegen des starken Stromes nur langsam
von Statten, obwohl wir mit Einschluß der Lagerbesatzung über zwanzig
Mann in dem Fahrzeug hatten, die mit langen Bambusstangen versehen,
gleichmäßig und unablässig dieses vorwärts schoben. Diese nicht leichte
Arbeit wird erst durch längere Gewohnheit weniger ermüdend; wo es
nothwendig, griffen wir Europäer auch zu, mußten aber uns zugestehen,
daß, wenn man seine ganze Kraft anwendet, nicht allzu lange aushalten
kann.
Besonders Erwähnenswerthes trat uns auf dieser Fahrt nicht in den Weg.
Legten wir Abends am Ufer an, vergnügten wir uns mit Fischfang, der
auch ergiebig genug war; auf kurze Jagdausflüge wollte ich mich nicht
einlassen, zumal die Uferumgebung immer wild und unzugänglich blieb,
sodaß es doch längerer Märsche bedurft hätte, ehe am Waldesrand oder
auf freieren Grasflächen Wild gefunden werden konnte. Wir hatten auch
noch Fleisch genug, da Brückner auf seiner Herunterfahrt hier in der
Umgegend ein großes Zebra erlegt hatte, dessen Fleisch die Leute sich
an Feuer geröstet hatten, so war kein Mangel.
Der Zufall wollte, als wir in einen Creek gerathen waren, aus welchem
ich einen vermuthlichen Ausweg suchte, daß ich, ohne Waffe zur Hand, im
hohen Ufergebüsch die nächste Bekanntschaft mit einer Wildkatze machen
mußte. Als das fauchende, schön gezeichnete Thier keinen Rückzug mehr
sah, machte es ernstliche Miene den unwillkommenen Störer anzugreifen,
und glaube ich, die scharfen Krallen, sowie das nicht zu verachtende
Gebiß waren allem Anschein nach im Stande recht bedenkliche Wunden zu
verursachen. Erst das Erscheinen eines mich begleitenden Mannes machte
das Thier anderen Sinnes, es sprang durch das Blättergewirr in die
Tiefe und suchte unter den Wurzeln der Sträucher über dem Wasser einen
Zufluchtsort.
Vom Glück begünstigt, vorwärts getrieben durch einen starken Wind,
der die Menschenkraft unnöthig machte, erreichten wir schon nach
wenig Tagen Chilomo, woselbst schnell die nothwendige Erleichterung
des Fahrzeuges vorgenommen und dieses nach kurzem Aufenthalt weiter
expedirt wurde, um so weit als möglich von dem anhaltend günstigen
Winde flußaufwärts getrieben zu werden. Unsere Umpassa-Leute zogen es
vor, doch die Fahrt mitzumachen, zumal ihnen reichliche Verpflegung
neben dem Verdienst zugesichert wurde, was sie in ihrem Heimathsdorf
nicht hatten; auch stellte ihnen Brückner, der weiter hinauf auf große
Heerden Flußpferde gestoßen war, bestimmt ein solches Thier, das er den
Leuten zur Nahrung schießen werde, in Aussicht.
Uebrigens hat Brückner auf seinen Fahrten eine ganze Anzahl dieser
Thiere erlegt, und mit dem überreichen Fleischvorrath spekulativ
verfahrend, ließ er öfters, wenn er sich festgefahren hatte oder über
eine Sandbank nicht hinweg kommen konnte, die Leute des nächsten Dorfes
zusammen rufen, die dann sein Fahrzeug auch gerne gegen Ueberlassung
eines halben Cibokos aus gefährdeter Lage befreiten und ihn eine
Strecke weit unterstützten, bis er wieder freieres Wasser vor sich sah.
Für die Führer der deutschen Expedition war von Seiten des britischen
Kommandanten der Kanonenboote Kapitän Robertson, das für diesen extra
erbaute Haus in Chilomo zur Verfügung gestellt worden und war dadrinnen
auch nur ein Zimmer und zwei Seitenkabinets vorhanden, so waren ein
Tisch und Stühle doch ein ungewohnter Comfort, wenigstens war es etwas
anderes als das Einerlei des Zeltlebens. Ich fand hier noch Leut.
Bronsart von Schellendorf vor, der auf die angekündigte Auslieferung
eines portugiesischerseits angehaltenen Sudanesen wartete und erst am
7. Dezember seinen Marsch nach Katunga antreten konnte.
Hier in Afrika, wo die Ameise in ungezählten Milliarden vertreten ist,
tritt sie entweder als alles zerstörende Termite auf, oder siedelt sich
in Häusern und Hütten an, wo dann nichts vor diesen kleinen Thierchen,
was Nahrung heißt, zu schützen ist, beobachtet man nicht die Vorsicht,
alles was Süßigkeiten enthält in Wasserbehälter zu stellen, so sucht
sie in wahren Völkerwanderungen sich Zutritt zu verschaffen und durch
die Unzahl der dabei umgekommenen Thiere wird oft die Speise, oder
der Inhalt nicht gut verschlossener Konservenbüchsen ungenießbar
gemacht. Ich erwähne dieses, weil im Lager die Anwesenheit der kleinen
braunen Ameise zur wahren Plage geworden war, vor der absolut nichts
mehr geschützt werden konnte, und die Behauptung des Obersteuermanns
Gerloff, er habe schon das nutzlose Vertilgen aufgegeben und den
Ekel, die Ameise gelegentlich mit den Speisen verzehren zu müssen,
überwunden, konnte ich glaubhaft genug finden, nachdem es mir bei
längerem Aufenthalt nicht besser erging.
Nebenbei zeigte sich noch eine etwa drei Fuß lange Eidechsenart, die
insofern für uns lästig wurde, als sie unseren freilaufenden Hühnern
nachstellte und diese dadurch so scheu wurden, daß sie Nachts nur auf
einem im Lager befindlichen hohen Baum ihr Nachtquartier aufschlugen.
Wohl lauerten wir solcher Eidechse auf, aber es wollte nicht gelingen
das vorsichtige und höchst gewandte Thier habhaft zu werden oder zu
erlegen.
Einen freundlichen Anblick gewährten die hier in den Sträuchern sich
aufhaltenden Chamäleons; tagsüber saßen sie ruhig auf einem Ast und
schnellten gelegentlich die klebrige Zunge aus, um ein Insekt zu
erhaschen, dabei boten sie dem stillen Beobachter ein wechselvolles
Farbenspiel dar. Gewöhnlich grün oder oder blaugrau, wechselte
die Farbe ihres Körpers im Sonnenstrahl allmählich und ging in
bronzefarbener Schattirung untermischt mit goldgrün über; erregt
oder gestört wechselten die Farben schneller, sodaß man versucht war
anzunehmen, das Chamäleon könne je nach Belieben die verschiedensten
Farbentöne annehmen, von grün, blau, bronze in grau, selbst schwarz und
weiß. Verfolgt man das sonst träge Thier, muß dieses selbst genau im
Auge behalten werden, denn im Blättergewirr, wo es die gleiche Farbe
annimmt, entgeht es sonst unfehlbar. Sieht es sich irgendwie bedrängt,
zischt es seinen Gegner an und versucht mit seinen unförmlichen großen
Kinnladen zu beißen, weicht aber doch immer wieder zurück, dabei
geschickt solche Schlupfwinkel wählend, die ihm einen Ausweg gestatten,
bis man ermüdet die Nutzlosigkeit das Thier zu erfassen einsieht, und
will man das harmlose Thier nicht gerade tödten, von der Verfolgung
abstehen muß.
In der hohen steilen Uferwand, die hier an der Mündung des Ruoflusses
in den Schire, gebildet ist, haben sich tausende hochrothe
langgeschwänzte Vögel tief in das Erdreich ihre Nester gegraben und
wenn diese in Schaaren über Land oder Wasser eilig hinfliegen, in
wirren Massen sich in den Lüften zusammenhaltend wie die Tauben, dann
lassen sich diese mit einer Wolke vergleichen. Mir blieb leider nicht
die Zeit, diese interessante Vogelart eingehender zu studiren, über
ihr Leben und Treiben Näheres zu erfahren, aber immer boten sie ein
anziehendes Bild, wenn sie geschäftig mit Futter im Schnabel zu ihren
Nestern zurückkehrten, um schnell wieder über das Wasser hinzuschweben
und unermüdlich dem Nahrungsfang oblagen. Unter den ungezählten
Erdlöchern, die alle von ganz gleicher Form und Größe, findet jeder
Vogel ohne Weiteres seine Wohnstätte, ein Drängen und kreischendes
Schreien habe ich nur bemerkt, wenn eine größere Anzahl zu den Nestern
sich herandrängte und alle an die Uferwand sich klammernd nicht
sogleich Einlaß fanden, welcher aber seinen Eingang gewonnen hatte,
vertheidigte diesen sofort gegen einen vermutheten Eindringling.
Chilomo als bedeutender Ansiedelungsort bietet vorläufig nur wenig
Anziehendes, wiewohl es am ganzen Zambesi und Schire der einzige Platz
ist, wo man mit einem regelmäßigen Aufbau vorgegangen ist und geht man
längs der einzigen Häuserreihe die an der Ruoseite erbaut ist, gaben
die zur Linken abgesteckten Straßen und Quadrate einen Anhaltspunkt, in
welcher Weise sich der spätere Ort entwickeln soll.
Häufig genug hatte ich hier Gelegenheit, in diesem einzig größeren
Settlement der Engländer am unteren Schire mit diesen zusammen zu
kommen und wie ich schon früher mich bemüht habe auszuführen, zeigt
der Egoismus der englischen Nation hier in ihren Vertretern kein sehr
anmuthendes Bild, indem nichts Gleichberechtigtes an die Beherrscherin
der Meere und Völker gleichen Anspruch erheben darf; allgewaltig
herrschend, will es scheinen, als gehöre mit Fug und Recht die Erde
nur ihr und der Schwächere muß weichen, will er nicht den Zorn des
mächtigen Albion auf sich lenken, um schließlich zu unterliegen; dem
gefährlichen Gegner ist im Konkurrenzkampf schwerlich eine andere
Nation auf diesem Gebiete gewachsen! --
Das schwache Portugal, heute ohnmächtig, sieht durch das eigennützige
aber zielbewußte Vorgehen der Engländer sich hart bedrängt, es fand
nicht die Kraft dem Andringenden einen Damm entgegen zu setzen, und man
könnte sagen: giebst du ihm die Hand, nimmt er dir den Schopf; aber die
große Schuld liegt darin, daß die Portugiesen in diesem jahrhunderte
langem Besitz sich nicht über die Bevölkerung empor geschwungen und sie
mit sich gezogen haben, um das reiche Erbtheil zur Blüthe zu führen,
sondern was sich in dieser Kolonie als lebenskräftig bewährt hat, ist
zu ihr hinabgestiegen, das Interesse für das Mutterland ging unter in
dem Bestreben der Selbstsucht zu fröhnen.
Eine melkende Kuh ist der weite Besitz geblieben, dessen Hilfsquellen
nun nahezu erschöpft sind und kein Versuch wurde gemacht, dessen
verborgene Reichthümer zu erschließen, durch Arbeit das Land reich
und durch ihr seine Völker frei zu machen; Druck und geduldete
Knechtschaft führten Zustände herbei, die heute diesen großen Besitz
als eine Illusion erscheinen lassen und dem Kolonisationstalent der
portugiesischen Nation, (dies als Resultat betrachtet) kein gutes
Zeugniß ausstellt.
Zu spät, nachdem andere Nationen im thatkräftigen Aufschwung durch
die Macht geistiger Größe die Saat auszustreuen beginnen und die
Früchte ihrer Arbeit zu ernten sich anschicken, sieht Portugal sein
Eigenthum gefährdet, aber schon zu tief in Lethargie versunken findet
es nicht mehr die Kraft einen neuen Anlauf zu nehmen und mit den
Konkurrenten in den Wettkampf einzutreten. Was Wunder also, wenn die
Herren Engländer für die unfähigen Portugiesen nur Verachtung übrig
haben, die auch unverhohlen zum Ausdruck kommt, weil der kleine
schwache Gegner, den der mächtige zertreten möchte, einen Rückhalt an
anderen Nationen findet, die der zügellosen Ländergier Englands ein:
bis hierher und nicht weiter zurufen! Es spielt sich hier allmählich
ein Vorgang ab, der zu einem Abwirthschaften der Portugiesen führen
muß und Deutschlands Kolonialpolitik, die mit junger frischer Kraft
in den Kampf eingetreten ist, sollte gerade auf diesem Gebiete, wo
der verschlagene rücksichtslose Engländer der einzige Gegner ist, mit
der Autorität des deutschen Namens der verhängnißvollen Umschließung
durch die Engländer entgegentreten. Zu Englands Ungunsten wirft der
Portugiese seinen Haß gegen dieses in die Wagschale -- und kommt einst
die Entscheidung, sollten wir vorbereitet sein, eine Umarmung England
durch Besitznahme der portugiesischen Kolonie zur Unmöglichkeit zu
machen! --
Acht Tage war ich in Chilomo anwesend, als am 8. Dezbr. Abends von Eltz
unerwartet mit dem Leichter Wissemanns eintraf, mit der Nachricht, daß
über den Aufbau des Dampfers die endgültige Entscheidung getroffen sei
und dieser nun an den Ufern des Nyassa-Sees erbaut werden sollte; zu
diesem Zwecke sollte ich nun unverzüglich mich aufmachen und den Major,
ehe er seine Weiterfahrt nach diesem See antrete, noch in Mpimbi am
oberen Schire zu erreichen suchen.
Auf diesen Befehl hin rüstete ich mich, nach Uebergabe des Kommandos,
zur eiligen Abfahrt nach Katunga, nachdem das benöthigte Handwerkszeug
noch zusammengestellt und der Zimmermann Ottlich als mein Begleiter
ausgewählt worden war. Am 10. schon konnten wir mit einem gecharterten
Boote der Afr. Lakes-Co., wie solche zur Beförderung von Reisenden und
Lasten benutzt wurden, flußaufwärts abfahren. Beim Abschied von Chilomo
ließ sich das freudige Gefühl, daß nun die Zeit thatkräftigen Handelns
ist, nicht unterdrücken. Zwar was im Schooße der Zukunft verborgen --
wäre das uns zu schauen vergönnt gewesen -- hätte das düstere Bild
voll Gefahren und Entbehren wohl die Freude, nun gehe es endlich
vorwärts, dämpfen können; obgleich ich wohl wußte, welche ungeheuren
Anforderungen noch an den persönlichen Muth und an die Thatkraft jedes
Einzelnen gestellt werden würden! Aber es ist der höchsten Weisheit
Vorbedacht, daß selbst die nächste Stunde in Dunkel gehüllt vor uns
liegt und wir nicht Herr unseres Geschickes sind.
Den Windungen des Flusses folgend, zwischen den vielen Sandbänken
uns den Weg suchend, bot nach mehrstündiger Fahrt schon die Scenerie
einen ganz anderen Anblick, insofern, als Wald und Busch zurücktrat
und zu beiden Seiten und so weit das Auge sehen konnte nur hohes
Elephantengras untermischt mit Rohr sichtbar blieb. Am ersten Abend
schon, am Rande der Graswüste angelangt, die wie der Moramballamarsch,
hier den Namen Elephantenmarsch führt, geriethen wir in Verlegenheit
wegen Feuerholz; es war nicht genügend Bedacht darauf genommen worden,
weil bisher fast überall solches noch aufzufinden gewesen war, hier
aber nun gänzlicher Mangel eintrat, sodaß wir uns mit mühselig
zusammengesuchtem Rohr behelfen mußten um nothdürftig einen Topf Kaffee
zu unserer frugalen Mahlzeit bereiten zu können.
Mit Recht führte diese Gegend ihren Namen, in der ungeheuren Ebene
sind nicht allein Heerden von Elephanten, sondern der ganze Thierpark
Central-Afrika in allen Gattungen vertreten. Daß hier Wild im
Ueberfluß, wie so viele Augenzeugen bestätigt und kühne Jäger erfahren,
ließ sich wohl nach der Gegend zu urtheilen, voraussetzen, aber
trotzdem war es nicht verlockend, in diese Grasebene einzudringen,
worin absolut nichts zu sehen war und nur die Wildpfade, die zum Wasser
führten, ein Fortkommen gestattet hätten.
Auf Abrathen unserer Bootsleute wurde ein beabsichtigter Ausflug
aufgegeben, so sehr allen auch ein Stück Wild willkommen gewesen wäre,
indes die feste Behauptung, der Löwe hause zahlreich in diesem weiten
Revier, machte es bedenklich, vielleicht dem König der Thiere auf so
ungünstigem Terrain gegenüber treten zu müssen. Wir sollten auch nicht
lange im Zweifel darüber sein, denn als die Nacht herabgesunken und die
Stimmen der Natur in dieser tagsüber fast feierlichen Stille erwachten,
einstimmend in den Accord, den der quakende Frosch und die zirpende
Grille angestimmt, dröhnte, wenn auch ferne, das Brüllen des Löwen zu
uns herüber.
Während der zwei Tage, die wir in dieser öden sich immer gleich
bleibenden Wildniß zubrachten, hatte ich gehofft gelegentlich mehr
Wild zu sehen und schußgerecht zu bekommen, allein entgegen der
Gewißheit, daß ringsum zahlreiche Thierarten sich aufhalten müßten,
zeigte sich sehr wenig am Ufer, dafür aber am Abend des zweiten Tages
eine gefährlichere Art, die uns wider unseren Willen zur ernsten
Vertheidigung zwang. Wir waren zu den Stellen gekommen, wo nach
Brückners Mittheilung ganze Heerden gewaltiger Flußpferde den Fluß
versperren sollten und wo es ihm verschiedentlich gelungen war, einige
zu tödten; es aber auch gefährlich sei, mit einem Kanoe (hier wurde
Bronsart v. Schellendorf mit einem solchen umgeworfen) oder kleinen
Boot durchzukommen.
Es war am Rande der Grassavanne, der Fluß schmal und tief, die Ufer
wieder mit Busch und Baum bestanden, das Hinterland reicher an saftigem
Grün, als in einer schmalen Biegung des Flußbettes eine Heerde von etwa
50 Cibokos beim Erblicken des Bootes wuthschnaubend im Wasser auf- und
niedertauchten, was auf eine große Erregtheit dieser Thiere, die hier
schon oft Wunden empfangen hatten, und dadurch bösartig geworden waren,
schließen ließ. Wir hielten uns beim Anblick einer so großen Zahl auch
vorsichtshalber unter dem linken Ufer im tiefen Wasser und suchten
so etwaigen Angriffen auszuweichen. Um die Thiere fern zu halten,
damit sie nicht unter das Boot kommen und einen Versuch zum Umwerfen
desselben machten, gaben wir wenige, aber wohlgezielte Schüsse auf die
nur eben über Wasser auftauchenden Köpfe ab, es war dies die einzige
Möglichkeit, die wuthschnaubenden Thiere von einem verhängnißvollen
Angriff abzuhalten.
Zwei der kühnsten Bullen, mittlerweile verwundet, konnten wir nur durch
schnelles Vorwärtsrudern deren Absicht, das Boot zu kentern, entgehen;
den neben uns auftauchenden Thieren sandten wir zwar aus nächster Nähe
Kugeln zu, aber auf ihrer Panzerhaut haben sich die Bleigeschosse wohl
breit geschlagen ohne durchzudringen. Ehe darauf die Thiere einen neuen
Versuch machen konnten, war das Boot in den Strom gelenkt und auf
flacheres Wasser in Sicherheit.
Geräth das Flußpferd in Wuth, wird sein weitschallendes Grunzen
zum dumpfen Gebrüll und aus den Nasenlöchern spritzt es das Wasser
fontänenartig in die Luft; ist Gefahr vorhanden, hebt es den Kopf nur
so weit über Wasser, daß es mit den Augen frei Umschau halten kann, um
sofort wieder untertauchend, dann unvermuthet an einer näheren oder
entfernteren Stelle wieder hochzukommen.
Dem Anschein nach hatten in diesem entlegenen Flußgebiet die Flußpferde
hier ihr Domizil aufgeschlagen, wo sie bisher kaum gestört, ein
beschauliches Leben haben führen können; eine geeignete Gegend haben
sie sich aber auch ausgesucht, denn wildromantischeres habe ich an
den Ufern des unteren Schire kaum gefunden. Durch das Gebüsch zu
dringen, war nur auf solchen Gängen möglich, die das Flußpferd sich
darin gebrochen hatte, wenn es nächtlicher Weile weit landeinwärts
sein Futter sucht. Hatte man sich auf diesen tunnelartigen Wegen durch
Busch und Dorn gewunden, fand man auf ansteigendem Terrain Gras- und
Waldflächen, die wohl kaum je von eines Europäers Fuß betreten worden
sind, denn einladend ist diese Wildniß nicht, auch nicht eines Jeden
Sache, auf schlüpfrigen Pfaden vorzudringen, um die Großartigkeit
einer jungfräulichen unberührten Natur zu bewundern und in solcher
Abgeschlossenheit das Werden und Sein, das Sterben und Vergehen zu
betrachten.
Eine solche Exkursion am anderen Tage, Morgens in aller Frühe
unternommen, führte mich schließlich zu einem Nebenfluß des Schire,
der aber zur Zeit so flach war, daß vielfach Wassertümpel gebildet
waren, die nur Zu- und Abfluß hatten durch schmale Wasserrinnen; aber
ansehnliche flachgebaute Fische waren in beträchtlicher Anzahl doch
in diesem klaren Gewässer und bedauernd, daß ich diese nicht erlangen
konnte, verfiel ich darauf sie von den Leuten nach dem Ausfluß jagen zu
lassen, und wenn sie auf Grund geriethen, mit Schrotschüssen zu tödten;
alle die getroffen waren kamen hoch und nach zwei Schüssen hatten wir
eine reichliche Mahlzeit.
Unter der Beachtung aller Vorsicht, suchten wir an diesem Morgen einer
zweiten Heerde Flußpferde, die sich an einer Stelle, wo der Fluß zwei
auffällige rechte Winkel gebildet hatte aufhielten, zu entgehen. Alles
Geräusch vermeidend, schlichen wir mit dem Boote unter die Ufergebüsche
entlang und ob manches Thier auch keine fünfzehn Meter entfernt
auftauchte, griff es doch nicht an, wir vermieden aber kluger Weise
durch Schüsse die Kolosse erst zu reizen, dazu war das Wasser nicht
tief genug, um unnütz sich der Gefahr auszusetzen, umgeworfen zu werden
und alles zu verlieren.
So unbehelligt aber sollten wir doch nicht wegkommen. Es mochte
gegen Mittag sein, als an der Mündung eines Nebenflusses, wo durch
angeschwemmte Sandbänke das Flußbett sehr verengt worden war und nur
eine zwanzig Meter breite Rinne der stark strömenden Fluth offen blieb,
eine große Heerde, nach Schätzung über hundert Thiere, thatsächlich
die Durchfahrt sperrten. Sie ließen auch beim Erblicken des Bootes
uns keinen Zweifel, daß sie gesonnen wären uns nicht so ohne Weiteres
passiren zu lassen, denn brüllend gingen die Bullen zum Angriff auf
uns über ohne daß sie von uns gereizt waren, während die Weibchen sich
weiter zurückzogen und mit den auf ihren Rücken hockenden Jungen außer
Schußweite blieben.
Das Wasser war klar genug, um die auf dem Grunde laufenden unförmlichen
Massen erkennen zu können, wir bemerkten auch einige Male einen
schwachen Ruck, bis wir wohl auf eine flachere Stelle gerathen,
plötzlich hochgehoben wurden und wäre das Boot nicht so schwer
beladen gewesen, unfehlbar hätte der mächtige Bulle, der den Angriff
unternommen hatte, uns ein gefährliches Wasserbad bereitet. Schlimmer
als dieses wäre in der starken Strömung der Verlust aller Sachen
gewesen und wiewohl das Boot ganz nahe dem Ufer, mehr als das Leben
hätten wir nicht retten können.
Selbstverständlich gaben wir nun Feuer und geriethen im Eifer mitten
in diese große Heerde hinein, kamen aber nicht hindurch, sondern
waren gezwungen zu landen und uns durch Gestrüpp und Gras einen Weg
zu bahnen, um oberhalb der Heerde zu gelangen. Hier auf die Weibchen
feuernd, von denen bald zwei tödtlich getroffen sich im Flusse hin und
her wälzten erreichten wir, daß die Bullen die Passage frei gaben und
nach einstündigem Schießen, in welcher Zeit noch eine ganze Anzahl
verwundet worden war, hatten sich die Thiere in einen tiefen Seitenarm
verzogen.
Mit äußerster Anstrengung suchten wir nun das andere Ufer zu erreichen
und hatten bald die Heerde hinter uns, die, als das Boot ihnen
entgangen war, wüthend hinterher stürmte; brüllend den Oberleib über
Wasser hebend, rissen einzelne den gewaltigen blutrothen Rachen auf,
dessen Kinnladen wohl alles zu zermalmen imstande wären, wenn die Natur
das Thier nicht zum Wiederkäuer, sondern zum Raubthier bestimmt hätte.
Einige zugeschickte Kugeln, welche einigen wohl noch recht schmerzhafte
Zahnschmerzen verursacht haben mögen bewirkten, daß das Schauspiel ein
Ende hatte, worauf wir unsere Reise unbelästigt fortsetzen konnten.
Kurz darauf überholten wir ein anderes Boot mit zwei englischen
Gouvernementsbeamten, mit denen wir fortan gemeinschaftlich die Fahrt
fortsetzten, auch der Einfachheit halber, gemeinschaftliche Küche
machten; in solcher Wildniß findet man sich schnell zu einander,
theilt auch gerne und macht sich solche Reise so angenehm wie es
die Umstände eben gestatten. Unter anderem erfuhr ich, daß diese
beiden jungen Leute am selben Morgen auch ein Renkontre mit jener
Flußpferdheerde gehabt und mehrere Thiere verwundet hätten, sonst aber
direkt nicht angegriffen worden wären; so erklärte es sich, daß die
Cibokos noch höchst gereizt und wüthend, sich ohne Weiteres auf das
nächste Boot warfen, mit der ernsten Absicht Revanche zu nehmen für die
Schmerzen und der gestörten Ruhe.