Es war am 2. Dezember 1892, als ich mich zur Abreise von Umpassa, wo

ich so lange unfreiwilligen Aufenthalt gehabt hatte, rüstete. Die

begehrten zehn Mann waren gestellt worden und fast alle männlichen

Einwohner des Dorfes hatten sich um ihren freigegebenen und noch

beschenkten Häuptling versammelt. Alle schienen zufrieden zu sein, daß

nun endlich die weißen Männer sich anschickten, sie zu verlassen; von

denen sie des Guten so viel hätten haben können, wenn sie der Arbeit

weniger abhold und ihr Fumo verständiger gewesen wäre.

Ich trieb zur schleunigen Abfahrt, weil ich den halb zur Mitfahrt

gezwungenen Eingebornen nicht recht traute, wenigstens voraussetzen

konnte, daß sie anfänglich jede Gelegenheit zum Entweichen benutzen

würden, was auch richtig einem der Leute trotz der scharfen Aufsicht

gelungen war. Wohl ließ ich durch den als Aufseher mit vier Soldaten

zurückgelassenen Handwerker Dohmann sogleich nach dem Entlaufen unter

den zahlreichen Zuschauern nachforschen; dies indes nur zum Scheine,

um den anderen zu bedeuten, daß sie im Auge behalten würden und ein

Fluchtversuch ihnen nicht leicht werden sollte.

Die Flußfahrt ging anfänglich wegen des starken Stromes nur langsam

von Statten, obwohl wir mit Einschluß der Lagerbesatzung über zwanzig

Mann in dem Fahrzeug hatten, die mit langen Bambusstangen versehen,

gleichmäßig und unablässig dieses vorwärts schoben. Diese nicht leichte

Arbeit wird erst durch längere Gewohnheit weniger ermüdend; wo es

nothwendig, griffen wir Europäer auch zu, mußten aber uns zugestehen,

daß, wenn man seine ganze Kraft anwendet, nicht allzu lange aushalten

kann.

Besonders Erwähnenswerthes trat uns auf dieser Fahrt nicht in den Weg.

Legten wir Abends am Ufer an, vergnügten wir uns mit Fischfang, der

auch ergiebig genug war; auf kurze Jagdausflüge wollte ich mich nicht

einlassen, zumal die Uferumgebung immer wild und unzugänglich blieb,

sodaß es doch längerer Märsche bedurft hätte, ehe am Waldesrand oder

auf freieren Grasflächen Wild gefunden werden konnte. Wir hatten auch

noch Fleisch genug, da Brückner auf seiner Herunterfahrt hier in der

Umgegend ein großes Zebra erlegt hatte, dessen Fleisch die Leute sich

an Feuer geröstet hatten, so war kein Mangel.

Der Zufall wollte, als wir in einen Creek gerathen waren, aus welchem

ich einen vermuthlichen Ausweg suchte, daß ich, ohne Waffe zur Hand, im

hohen Ufergebüsch die nächste Bekanntschaft mit einer Wildkatze machen

mußte. Als das fauchende, schön gezeichnete Thier keinen Rückzug mehr

sah, machte es ernstliche Miene den unwillkommenen Störer anzugreifen,

und glaube ich, die scharfen Krallen, sowie das nicht zu verachtende

Gebiß waren allem Anschein nach im Stande recht bedenkliche Wunden zu

verursachen. Erst das Erscheinen eines mich begleitenden Mannes machte

das Thier anderen Sinnes, es sprang durch das Blättergewirr in die

Tiefe und suchte unter den Wurzeln der Sträucher über dem Wasser einen

Zufluchtsort.

Vom Glück begünstigt, vorwärts getrieben durch einen starken Wind,

der die Menschenkraft unnöthig machte, erreichten wir schon nach

wenig Tagen Chilomo, woselbst schnell die nothwendige Erleichterung

des Fahrzeuges vorgenommen und dieses nach kurzem Aufenthalt weiter

expedirt wurde, um so weit als möglich von dem anhaltend günstigen

Winde flußaufwärts getrieben zu werden. Unsere Umpassa-Leute zogen es

vor, doch die Fahrt mitzumachen, zumal ihnen reichliche Verpflegung

neben dem Verdienst zugesichert wurde, was sie in ihrem Heimathsdorf

nicht hatten; auch stellte ihnen Brückner, der weiter hinauf auf große

Heerden Flußpferde gestoßen war, bestimmt ein solches Thier, das er den

Leuten zur Nahrung schießen werde, in Aussicht.

Uebrigens hat Brückner auf seinen Fahrten eine ganze Anzahl dieser

Thiere erlegt, und mit dem überreichen Fleischvorrath spekulativ

verfahrend, ließ er öfters, wenn er sich festgefahren hatte oder über

eine Sandbank nicht hinweg kommen konnte, die Leute des nächsten Dorfes

zusammen rufen, die dann sein Fahrzeug auch gerne gegen Ueberlassung

eines halben Cibokos aus gefährdeter Lage befreiten und ihn eine

Strecke weit unterstützten, bis er wieder freieres Wasser vor sich sah.

Für die Führer der deutschen Expedition war von Seiten des britischen

Kommandanten der Kanonenboote Kapitän Robertson, das für diesen extra

erbaute Haus in Chilomo zur Verfügung gestellt worden und war dadrinnen

auch nur ein Zimmer und zwei Seitenkabinets vorhanden, so waren ein

Tisch und Stühle doch ein ungewohnter Comfort, wenigstens war es etwas

anderes als das Einerlei des Zeltlebens. Ich fand hier noch Leut.

Bronsart von Schellendorf vor, der auf die angekündigte Auslieferung

eines portugiesischerseits angehaltenen Sudanesen wartete und erst am

7. Dezember seinen Marsch nach Katunga antreten konnte.

Hier in Afrika, wo die Ameise in ungezählten Milliarden vertreten ist,

tritt sie entweder als alles zerstörende Termite auf, oder siedelt sich

in Häusern und Hütten an, wo dann nichts vor diesen kleinen Thierchen,

was Nahrung heißt, zu schützen ist, beobachtet man nicht die Vorsicht,

alles was Süßigkeiten enthält in Wasserbehälter zu stellen, so sucht

sie in wahren Völkerwanderungen sich Zutritt zu verschaffen und durch

die Unzahl der dabei umgekommenen Thiere wird oft die Speise, oder

der Inhalt nicht gut verschlossener Konservenbüchsen ungenießbar

gemacht. Ich erwähne dieses, weil im Lager die Anwesenheit der kleinen

braunen Ameise zur wahren Plage geworden war, vor der absolut nichts

mehr geschützt werden konnte, und die Behauptung des Obersteuermanns

Gerloff, er habe schon das nutzlose Vertilgen aufgegeben und den

Ekel, die Ameise gelegentlich mit den Speisen verzehren zu müssen,

überwunden, konnte ich glaubhaft genug finden, nachdem es mir bei

längerem Aufenthalt nicht besser erging.

Nebenbei zeigte sich noch eine etwa drei Fuß lange Eidechsenart, die

insofern für uns lästig wurde, als sie unseren freilaufenden Hühnern

nachstellte und diese dadurch so scheu wurden, daß sie Nachts nur auf

einem im Lager befindlichen hohen Baum ihr Nachtquartier aufschlugen.

Wohl lauerten wir solcher Eidechse auf, aber es wollte nicht gelingen

das vorsichtige und höchst gewandte Thier habhaft zu werden oder zu

erlegen.

Einen freundlichen Anblick gewährten die hier in den Sträuchern sich

aufhaltenden Chamäleons; tagsüber saßen sie ruhig auf einem Ast und

schnellten gelegentlich die klebrige Zunge aus, um ein Insekt zu

erhaschen, dabei boten sie dem stillen Beobachter ein wechselvolles

Farbenspiel dar. Gewöhnlich grün oder oder blaugrau, wechselte

die Farbe ihres Körpers im Sonnenstrahl allmählich und ging in

bronzefarbener Schattirung untermischt mit goldgrün über; erregt

oder gestört wechselten die Farben schneller, sodaß man versucht war

anzunehmen, das Chamäleon könne je nach Belieben die verschiedensten

Farbentöne annehmen, von grün, blau, bronze in grau, selbst schwarz und

weiß. Verfolgt man das sonst träge Thier, muß dieses selbst genau im

Auge behalten werden, denn im Blättergewirr, wo es die gleiche Farbe

annimmt, entgeht es sonst unfehlbar. Sieht es sich irgendwie bedrängt,

zischt es seinen Gegner an und versucht mit seinen unförmlichen großen

Kinnladen zu beißen, weicht aber doch immer wieder zurück, dabei

geschickt solche Schlupfwinkel wählend, die ihm einen Ausweg gestatten,

bis man ermüdet die Nutzlosigkeit das Thier zu erfassen einsieht, und

will man das harmlose Thier nicht gerade tödten, von der Verfolgung

abstehen muß.

In der hohen steilen Uferwand, die hier an der Mündung des Ruoflusses

in den Schire, gebildet ist, haben sich tausende hochrothe

langgeschwänzte Vögel tief in das Erdreich ihre Nester gegraben und

wenn diese in Schaaren über Land oder Wasser eilig hinfliegen, in

wirren Massen sich in den Lüften zusammenhaltend wie die Tauben, dann

lassen sich diese mit einer Wolke vergleichen. Mir blieb leider nicht

die Zeit, diese interessante Vogelart eingehender zu studiren, über

ihr Leben und Treiben Näheres zu erfahren, aber immer boten sie ein

anziehendes Bild, wenn sie geschäftig mit Futter im Schnabel zu ihren

Nestern zurückkehrten, um schnell wieder über das Wasser hinzuschweben

und unermüdlich dem Nahrungsfang oblagen. Unter den ungezählten

Erdlöchern, die alle von ganz gleicher Form und Größe, findet jeder

Vogel ohne Weiteres seine Wohnstätte, ein Drängen und kreischendes

Schreien habe ich nur bemerkt, wenn eine größere Anzahl zu den Nestern

sich herandrängte und alle an die Uferwand sich klammernd nicht

sogleich Einlaß fanden, welcher aber seinen Eingang gewonnen hatte,

vertheidigte diesen sofort gegen einen vermutheten Eindringling.

Chilomo als bedeutender Ansiedelungsort bietet vorläufig nur wenig

Anziehendes, wiewohl es am ganzen Zambesi und Schire der einzige Platz

ist, wo man mit einem regelmäßigen Aufbau vorgegangen ist und geht man

längs der einzigen Häuserreihe die an der Ruoseite erbaut ist, gaben

die zur Linken abgesteckten Straßen und Quadrate einen Anhaltspunkt, in

welcher Weise sich der spätere Ort entwickeln soll.

Häufig genug hatte ich hier Gelegenheit, in diesem einzig größeren

Settlement der Engländer am unteren Schire mit diesen zusammen zu

kommen und wie ich schon früher mich bemüht habe auszuführen, zeigt

der Egoismus der englischen Nation hier in ihren Vertretern kein sehr

anmuthendes Bild, indem nichts Gleichberechtigtes an die Beherrscherin

der Meere und Völker gleichen Anspruch erheben darf; allgewaltig

herrschend, will es scheinen, als gehöre mit Fug und Recht die Erde

nur ihr und der Schwächere muß weichen, will er nicht den Zorn des

mächtigen Albion auf sich lenken, um schließlich zu unterliegen; dem

gefährlichen Gegner ist im Konkurrenzkampf schwerlich eine andere

Nation auf diesem Gebiete gewachsen! --

Das schwache Portugal, heute ohnmächtig, sieht durch das eigennützige

aber zielbewußte Vorgehen der Engländer sich hart bedrängt, es fand

nicht die Kraft dem Andringenden einen Damm entgegen zu setzen, und man

könnte sagen: giebst du ihm die Hand, nimmt er dir den Schopf; aber die

große Schuld liegt darin, daß die Portugiesen in diesem jahrhunderte

langem Besitz sich nicht über die Bevölkerung empor geschwungen und sie

mit sich gezogen haben, um das reiche Erbtheil zur Blüthe zu führen,

sondern was sich in dieser Kolonie als lebenskräftig bewährt hat, ist

zu ihr hinabgestiegen, das Interesse für das Mutterland ging unter in

dem Bestreben der Selbstsucht zu fröhnen.

Eine melkende Kuh ist der weite Besitz geblieben, dessen Hilfsquellen

nun nahezu erschöpft sind und kein Versuch wurde gemacht, dessen

verborgene Reichthümer zu erschließen, durch Arbeit das Land reich

und durch ihr seine Völker frei zu machen; Druck und geduldete

Knechtschaft führten Zustände herbei, die heute diesen großen Besitz

als eine Illusion erscheinen lassen und dem Kolonisationstalent der

portugiesischen Nation, (dies als Resultat betrachtet) kein gutes

Zeugniß ausstellt.

Zu spät, nachdem andere Nationen im thatkräftigen Aufschwung durch

die Macht geistiger Größe die Saat auszustreuen beginnen und die

Früchte ihrer Arbeit zu ernten sich anschicken, sieht Portugal sein

Eigenthum gefährdet, aber schon zu tief in Lethargie versunken findet

es nicht mehr die Kraft einen neuen Anlauf zu nehmen und mit den

Konkurrenten in den Wettkampf einzutreten. Was Wunder also, wenn die

Herren Engländer für die unfähigen Portugiesen nur Verachtung übrig

haben, die auch unverhohlen zum Ausdruck kommt, weil der kleine

schwache Gegner, den der mächtige zertreten möchte, einen Rückhalt an

anderen Nationen findet, die der zügellosen Ländergier Englands ein:

bis hierher und nicht weiter zurufen! Es spielt sich hier allmählich

ein Vorgang ab, der zu einem Abwirthschaften der Portugiesen führen

muß und Deutschlands Kolonialpolitik, die mit junger frischer Kraft

in den Kampf eingetreten ist, sollte gerade auf diesem Gebiete, wo

der verschlagene rücksichtslose Engländer der einzige Gegner ist, mit

der Autorität des deutschen Namens der verhängnißvollen Umschließung

durch die Engländer entgegentreten. Zu Englands Ungunsten wirft der

Portugiese seinen Haß gegen dieses in die Wagschale -- und kommt einst

die Entscheidung, sollten wir vorbereitet sein, eine Umarmung England

durch Besitznahme der portugiesischen Kolonie zur Unmöglichkeit zu

machen! --

Acht Tage war ich in Chilomo anwesend, als am 8. Dezbr. Abends von Eltz

unerwartet mit dem Leichter Wissemanns eintraf, mit der Nachricht, daß

über den Aufbau des Dampfers die endgültige Entscheidung getroffen sei

und dieser nun an den Ufern des Nyassa-Sees erbaut werden sollte; zu

diesem Zwecke sollte ich nun unverzüglich mich aufmachen und den Major,

ehe er seine Weiterfahrt nach diesem See antrete, noch in Mpimbi am

oberen Schire zu erreichen suchen.

Auf diesen Befehl hin rüstete ich mich, nach Uebergabe des Kommandos,

zur eiligen Abfahrt nach Katunga, nachdem das benöthigte Handwerkszeug

noch zusammengestellt und der Zimmermann Ottlich als mein Begleiter

ausgewählt worden war. Am 10. schon konnten wir mit einem gecharterten

Boote der Afr. Lakes-Co., wie solche zur Beförderung von Reisenden und

Lasten benutzt wurden, flußaufwärts abfahren. Beim Abschied von Chilomo

ließ sich das freudige Gefühl, daß nun die Zeit thatkräftigen Handelns

ist, nicht unterdrücken. Zwar was im Schooße der Zukunft verborgen --

wäre das uns zu schauen vergönnt gewesen -- hätte das düstere Bild

voll Gefahren und Entbehren wohl die Freude, nun gehe es endlich

vorwärts, dämpfen können; obgleich ich wohl wußte, welche ungeheuren

Anforderungen noch an den persönlichen Muth und an die Thatkraft jedes

Einzelnen gestellt werden würden! Aber es ist der höchsten Weisheit

Vorbedacht, daß selbst die nächste Stunde in Dunkel gehüllt vor uns

liegt und wir nicht Herr unseres Geschickes sind.

Den Windungen des Flusses folgend, zwischen den vielen Sandbänken

uns den Weg suchend, bot nach mehrstündiger Fahrt schon die Scenerie

einen ganz anderen Anblick, insofern, als Wald und Busch zurücktrat

und zu beiden Seiten und so weit das Auge sehen konnte nur hohes

Elephantengras untermischt mit Rohr sichtbar blieb. Am ersten Abend

schon, am Rande der Graswüste angelangt, die wie der Moramballamarsch,

hier den Namen Elephantenmarsch führt, geriethen wir in Verlegenheit

wegen Feuerholz; es war nicht genügend Bedacht darauf genommen worden,

weil bisher fast überall solches noch aufzufinden gewesen war, hier

aber nun gänzlicher Mangel eintrat, sodaß wir uns mit mühselig

zusammengesuchtem Rohr behelfen mußten um nothdürftig einen Topf Kaffee

zu unserer frugalen Mahlzeit bereiten zu können.

Mit Recht führte diese Gegend ihren Namen, in der ungeheuren Ebene

sind nicht allein Heerden von Elephanten, sondern der ganze Thierpark

Central-Afrika in allen Gattungen vertreten. Daß hier Wild im

Ueberfluß, wie so viele Augenzeugen bestätigt und kühne Jäger erfahren,

ließ sich wohl nach der Gegend zu urtheilen, voraussetzen, aber

trotzdem war es nicht verlockend, in diese Grasebene einzudringen,

worin absolut nichts zu sehen war und nur die Wildpfade, die zum Wasser

führten, ein Fortkommen gestattet hätten.

Auf Abrathen unserer Bootsleute wurde ein beabsichtigter Ausflug

aufgegeben, so sehr allen auch ein Stück Wild willkommen gewesen wäre,

indes die feste Behauptung, der Löwe hause zahlreich in diesem weiten

Revier, machte es bedenklich, vielleicht dem König der Thiere auf so

ungünstigem Terrain gegenüber treten zu müssen. Wir sollten auch nicht

lange im Zweifel darüber sein, denn als die Nacht herabgesunken und die

Stimmen der Natur in dieser tagsüber fast feierlichen Stille erwachten,

einstimmend in den Accord, den der quakende Frosch und die zirpende

Grille angestimmt, dröhnte, wenn auch ferne, das Brüllen des Löwen zu

uns herüber.

Während der zwei Tage, die wir in dieser öden sich immer gleich

bleibenden Wildniß zubrachten, hatte ich gehofft gelegentlich mehr

Wild zu sehen und schußgerecht zu bekommen, allein entgegen der

Gewißheit, daß ringsum zahlreiche Thierarten sich aufhalten müßten,

zeigte sich sehr wenig am Ufer, dafür aber am Abend des zweiten Tages

eine gefährlichere Art, die uns wider unseren Willen zur ernsten

Vertheidigung zwang. Wir waren zu den Stellen gekommen, wo nach

Brückners Mittheilung ganze Heerden gewaltiger Flußpferde den Fluß

versperren sollten und wo es ihm verschiedentlich gelungen war, einige

zu tödten; es aber auch gefährlich sei, mit einem Kanoe (hier wurde

Bronsart v. Schellendorf mit einem solchen umgeworfen) oder kleinen

Boot durchzukommen.

Es war am Rande der Grassavanne, der Fluß schmal und tief, die Ufer

wieder mit Busch und Baum bestanden, das Hinterland reicher an saftigem

Grün, als in einer schmalen Biegung des Flußbettes eine Heerde von etwa

50 Cibokos beim Erblicken des Bootes wuthschnaubend im Wasser auf- und

niedertauchten, was auf eine große Erregtheit dieser Thiere, die hier

schon oft Wunden empfangen hatten, und dadurch bösartig geworden waren,

schließen ließ. Wir hielten uns beim Anblick einer so großen Zahl auch

vorsichtshalber unter dem linken Ufer im tiefen Wasser und suchten

so etwaigen Angriffen auszuweichen. Um die Thiere fern zu halten,

damit sie nicht unter das Boot kommen und einen Versuch zum Umwerfen

desselben machten, gaben wir wenige, aber wohlgezielte Schüsse auf die

nur eben über Wasser auftauchenden Köpfe ab, es war dies die einzige

Möglichkeit, die wuthschnaubenden Thiere von einem verhängnißvollen

Angriff abzuhalten.

Zwei der kühnsten Bullen, mittlerweile verwundet, konnten wir nur durch

schnelles Vorwärtsrudern deren Absicht, das Boot zu kentern, entgehen;

den neben uns auftauchenden Thieren sandten wir zwar aus nächster Nähe

Kugeln zu, aber auf ihrer Panzerhaut haben sich die Bleigeschosse wohl

breit geschlagen ohne durchzudringen. Ehe darauf die Thiere einen neuen

Versuch machen konnten, war das Boot in den Strom gelenkt und auf

flacheres Wasser in Sicherheit.

Geräth das Flußpferd in Wuth, wird sein weitschallendes Grunzen

zum dumpfen Gebrüll und aus den Nasenlöchern spritzt es das Wasser

fontänenartig in die Luft; ist Gefahr vorhanden, hebt es den Kopf nur

so weit über Wasser, daß es mit den Augen frei Umschau halten kann, um

sofort wieder untertauchend, dann unvermuthet an einer näheren oder

entfernteren Stelle wieder hochzukommen.

Dem Anschein nach hatten in diesem entlegenen Flußgebiet die Flußpferde

hier ihr Domizil aufgeschlagen, wo sie bisher kaum gestört, ein

beschauliches Leben haben führen können; eine geeignete Gegend haben

sie sich aber auch ausgesucht, denn wildromantischeres habe ich an

den Ufern des unteren Schire kaum gefunden. Durch das Gebüsch zu

dringen, war nur auf solchen Gängen möglich, die das Flußpferd sich

darin gebrochen hatte, wenn es nächtlicher Weile weit landeinwärts

sein Futter sucht. Hatte man sich auf diesen tunnelartigen Wegen durch

Busch und Dorn gewunden, fand man auf ansteigendem Terrain Gras- und

Waldflächen, die wohl kaum je von eines Europäers Fuß betreten worden

sind, denn einladend ist diese Wildniß nicht, auch nicht eines Jeden

Sache, auf schlüpfrigen Pfaden vorzudringen, um die Großartigkeit

einer jungfräulichen unberührten Natur zu bewundern und in solcher

Abgeschlossenheit das Werden und Sein, das Sterben und Vergehen zu

betrachten.

Eine solche Exkursion am anderen Tage, Morgens in aller Frühe

unternommen, führte mich schließlich zu einem Nebenfluß des Schire,

der aber zur Zeit so flach war, daß vielfach Wassertümpel gebildet

waren, die nur Zu- und Abfluß hatten durch schmale Wasserrinnen; aber

ansehnliche flachgebaute Fische waren in beträchtlicher Anzahl doch

in diesem klaren Gewässer und bedauernd, daß ich diese nicht erlangen

konnte, verfiel ich darauf sie von den Leuten nach dem Ausfluß jagen zu

lassen, und wenn sie auf Grund geriethen, mit Schrotschüssen zu tödten;

alle die getroffen waren kamen hoch und nach zwei Schüssen hatten wir

eine reichliche Mahlzeit.

Unter der Beachtung aller Vorsicht, suchten wir an diesem Morgen einer

zweiten Heerde Flußpferde, die sich an einer Stelle, wo der Fluß zwei

auffällige rechte Winkel gebildet hatte aufhielten, zu entgehen. Alles

Geräusch vermeidend, schlichen wir mit dem Boote unter die Ufergebüsche

entlang und ob manches Thier auch keine fünfzehn Meter entfernt

auftauchte, griff es doch nicht an, wir vermieden aber kluger Weise

durch Schüsse die Kolosse erst zu reizen, dazu war das Wasser nicht

tief genug, um unnütz sich der Gefahr auszusetzen, umgeworfen zu werden

und alles zu verlieren.

So unbehelligt aber sollten wir doch nicht wegkommen. Es mochte

gegen Mittag sein, als an der Mündung eines Nebenflusses, wo durch

angeschwemmte Sandbänke das Flußbett sehr verengt worden war und nur

eine zwanzig Meter breite Rinne der stark strömenden Fluth offen blieb,

eine große Heerde, nach Schätzung über hundert Thiere, thatsächlich

die Durchfahrt sperrten. Sie ließen auch beim Erblicken des Bootes

uns keinen Zweifel, daß sie gesonnen wären uns nicht so ohne Weiteres

passiren zu lassen, denn brüllend gingen die Bullen zum Angriff auf

uns über ohne daß sie von uns gereizt waren, während die Weibchen sich

weiter zurückzogen und mit den auf ihren Rücken hockenden Jungen außer

Schußweite blieben.

Das Wasser war klar genug, um die auf dem Grunde laufenden unförmlichen

Massen erkennen zu können, wir bemerkten auch einige Male einen

schwachen Ruck, bis wir wohl auf eine flachere Stelle gerathen,

plötzlich hochgehoben wurden und wäre das Boot nicht so schwer

beladen gewesen, unfehlbar hätte der mächtige Bulle, der den Angriff

unternommen hatte, uns ein gefährliches Wasserbad bereitet. Schlimmer

als dieses wäre in der starken Strömung der Verlust aller Sachen

gewesen und wiewohl das Boot ganz nahe dem Ufer, mehr als das Leben

hätten wir nicht retten können.

Selbstverständlich gaben wir nun Feuer und geriethen im Eifer mitten

in diese große Heerde hinein, kamen aber nicht hindurch, sondern

waren gezwungen zu landen und uns durch Gestrüpp und Gras einen Weg

zu bahnen, um oberhalb der Heerde zu gelangen. Hier auf die Weibchen

feuernd, von denen bald zwei tödtlich getroffen sich im Flusse hin und

her wälzten erreichten wir, daß die Bullen die Passage frei gaben und

nach einstündigem Schießen, in welcher Zeit noch eine ganze Anzahl

verwundet worden war, hatten sich die Thiere in einen tiefen Seitenarm

verzogen.

Mit äußerster Anstrengung suchten wir nun das andere Ufer zu erreichen

und hatten bald die Heerde hinter uns, die, als das Boot ihnen

entgangen war, wüthend hinterher stürmte; brüllend den Oberleib über

Wasser hebend, rissen einzelne den gewaltigen blutrothen Rachen auf,

dessen Kinnladen wohl alles zu zermalmen imstande wären, wenn die Natur

das Thier nicht zum Wiederkäuer, sondern zum Raubthier bestimmt hätte.

Einige zugeschickte Kugeln, welche einigen wohl noch recht schmerzhafte

Zahnschmerzen verursacht haben mögen bewirkten, daß das Schauspiel ein

Ende hatte, worauf wir unsere Reise unbelästigt fortsetzen konnten.

Kurz darauf überholten wir ein anderes Boot mit zwei englischen

Gouvernementsbeamten, mit denen wir fortan gemeinschaftlich die Fahrt

fortsetzten, auch der Einfachheit halber, gemeinschaftliche Küche

machten; in solcher Wildniß findet man sich schnell zu einander,

theilt auch gerne und macht sich solche Reise so angenehm wie es

die Umstände eben gestatten. Unter anderem erfuhr ich, daß diese

beiden jungen Leute am selben Morgen auch ein Renkontre mit jener

Flußpferdheerde gehabt und mehrere Thiere verwundet hätten, sonst aber

direkt nicht angegriffen worden wären; so erklärte es sich, daß die

Cibokos noch höchst gereizt und wüthend, sich ohne Weiteres auf das

nächste Boot warfen, mit der ernsten Absicht Revanche zu nehmen für die

Schmerzen und der gestörten Ruhe.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 14 / 51 段