Zwei Tage lang währte dieser Aufzug. Am dritten versammelten sich alle

Weiber des Dorfes am Ufer und stimmten ein unglaubliches Klagegeschrei

an, das anfänglich noch in Bitten und Anerbietungen bestand, als alles

aber vergeblich war, gaben sie dem Krokodil unter Verwünschungen die

denkbar schlechtesten Namen, welche ihre Sprache besitzt und, dann

heiser und müde genug vom anhaltenden Schreien kehrten sie in ihr Dorf

zurück; den Eltern des Kindes es überlassend, sich so gut es geht über

den Verlust zu trösten. Solche Auftritte kommen zu häufig vor, als daß

man sie als einen Ausnahmefall betrachten könnte, die Sorglosigkeit der

Eingebornen, sowie die Schlauheit der Krokodile führen nur zu oft diese

immer wieder herbei.

Jetzt wo allmählich die Regenzeit herannahte, kamen fast alle 8 Tage

schwere Gewitter heraufgezogen, die um so heftiger sind, als die

Atmosphäre mit Elektrizität geschwängert ist; furchtbar rollt der

Donner durch die tiefhängenden schweren Wolkenmassen, der Blitz, gleich

glühenden Schlangen, durcheilt das Himmelsgewölbe, einer flammenden

Lohe gleich sind ringsum die zuckenden Feuergarben. Die Elemente,

welche hier mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch kommen, werden meistens

nach kurzer Zeit durch einen heranbrausenden Wirbelsturm, der die

gleicherzeit niederströmenden Wassermassen vor sich her über die

durstige Erde peitscht, zerstreut. Schnell bilden sich Seen und Teiche

an tieferliegenden Orten, auch im ausgetrockneten Flußbett geben schon

die fluthenden Wasser eine kleine Idee von dem, was sie sein werden,

wenn erst die Regenzeit eintritt und die Schleusen des Himmels sich

öffnen.

Mensch und Thier sucht Schutz vor diesen plötzlich hereinbrechenden

Gewalten, wo immer ein Zufluchtsort sich bieten mag, und eigenthümlich,

im Aufruhr der Elemente zeigen sonst scheue und furchtsame Thiere

wenig Furcht vor den Menschen, suchen instinktmäßig vielmehr dessen

Nähe. So machte ich jedesmal bei solcher Gelegenheit, abgesehen von

anderen Thieren, in meinem Zelte die Bekanntschaft äußerst gefährlicher

Schlangen, die das heraufziehende Wetter ahnend, aus dem hohen

Grase flüchteten, um im Zelte sich einen sichern Platz aufzusuchen.

Das erste Mal, vom Regen überrascht, suchte ich bei den Leuten ein

Unterkommen, doch das Wasser strömte in solchen Massen vom Himmel,

daß ich befürchtete der Boden im Zelt würde überfluthet werden; ich

eilte durch den Regen hin und fand meine Annahme auch bestätigt. Um

nun zunächst dem Wasser einen Abfluß zu schaffen, grub ich mit einer

Säbelschneide kleine Furchen im Erdboden und ohne meiner näheren

Umgebung weitere Beachtung zu schenken, setzte ich mich in aller

Gemüthsruhe auf das Feldbett um Schuhe und andere Sachen, die unter

dem Bette lagen, auf dasselbe niederzulegen. Ich war gerade im Begriff

eine Patronentasche noch darauf hinzuwerfen, als dabei mein Blick auf

das Kopfende des Bettes fiel und hier sah ich aufgeringelt eine etwa

einen Meter lange ganz grüne Schlange liegen, deren Kopf etwas erhoben,

sich hin und her bewegte, wobei die schmale spitze Zunge aus dem

geschlossenen Rachen schnell aus- und einfuhr.

Das Thier zeigte scheinbar keine Gereiztheit, war höchstens

durch die unwillkommene Störung nur etwas aufgebracht; sonst im

Vertheidigungszustand hätte es eine drohendere Haltung angenommen. Ich

überlegte nicht lange was thun -- ließ langsam die Tasche zur Erde

gleiten und die Bewegung der Schlange fest im Auge behaltend, ergriff

ich einen neben mir an der Zeltwand lehnenden Stock, aus der Haut des

Flußpferdes gefertigt, dann hob ich leise diese gefährliche Waffe und

ließ sie plötzlich mit aller Wucht auf dies drei Fuß von mir entfernt

liegende Reptil niedersausen.

Jedoch schneller als ich, war die Schlange; die Gefahr wohl ahnend,

zischte sie im Augenblick, als die Waffe niederfiel blitzschnell auf

und entging dem tödtlichen Streich, den ich auf ihren Kopf gerichtet

hatte, dafür aber traf ich den aufgeringelten Körper so, daß das

Rückgrat an verschiedenen Stellen gebrochen wurde und dem Thiere

die Kraft genommen war noch aufzuschnellen und den beabsichtigten

tödtlichen Biß mir beizubringen.

Sofort sprang ich auf, führte schnell den zweiten Schlag, der nun

unterhalb des Kopfes traf und das Thier wehrlos zusammenbrechen

ließ. Vorläufig mich mit dieser Schlange begnügend, verließ ich

vorsichtshalber doch das Zelt, denn hatte ich recht gehört, befand

sich noch eine darin, deren Aufenthalt zu entdecken ich keine Lust

verspürte, da mit solchen erregten Thieren kein Spaßen mehr ist. --

Sobald das Unwetter vorübergezogen war, die Sonne wieder mit gedämpfter

Gluth aus dem blauen Aether herniederschien und die durstige Erde die

gespendete Wasserfluth aufgesogen hatte, machten wir uns daran, die

Seitenwände des Zeltes zu lösen, dann alle Leute im Kreise um dieses

aufgestellt, sollte verhindert werden, daß nichts ungesehen hindurch

kommen konnte. Bei der darauf erfolgten Durchsuchung kamen noch zwei

dieser giftigen Reptile zum Vorschein, die gewandt und flink aus dem

Kreise zu entweichen suchten, sie wurden aber von Europäern, welche

mit hohen Stiefeln an den Füßen einen etwaigen Biß nicht sehr zu

fürchten brauchten, schnell getödtet. In Folge waren wir vorsichtiger,

zumal schon am nächsten Tage in den Blättern eines Bananenbaumes eine

ebensolche Schlange entdeckt wurde, die aufgeschreckt, zu entkommen

suchte, wobei sie sich an den Blüthenkolben der Bananenfrucht mit dem

Schwanze hängend, von dort zur Erde gleiten lassen wollte; schnell

umstellt, wagte sie wohl nicht den Sprung, konnte auch scheinbar sich

nicht wieder in die Höhe rollen, sodaß es mir dadurch möglich wurde,

dem hin und her sich schwingenden Reptil durch einen tüchtigen Hieb den

Kopf zu zerschlagen und es gänzlich zu tödten.

Auch in den trockenen Blättern am Fuße der Bananenbäume wurden öfters

Schlangen bemerkt; wußten wir eine solche darin verborgen, ließ ich den

Baum umstellen und die Blätter in Brand setzen, woraus denn bald das

Thier aufschnellte und vernichtet werden konnte.

Oft war es im Zelte wegen der brütenden Hitze in den ersten

Nachmittagsstunden nicht auszuhalten, deshalb suchte ich gewöhnlich

unter den breiten Bananenblättern, auf einem Feldbett liegend,

den kühleren Schatten auf. Hierbei passirte es mir ebenfalls, daß

über meine fast unbedeckte Brust eine Schlange derselben Art sich

hinwegschnellte, die ich, sofort aufspringend, noch im nahen Grase

verschwinden sah. Ein eigenes Gefühl durchzuckt einem bei solcher

unerwarteten Berührung, und der Gedanke, an solchem Ort einer Gefahr

eigener Art ausgesetzt gewesen zu sein, verleidet den Aufenthalt an dem

einzigen schattigen Platz den wir hatten.

Jetzt, wo im Lager wenig zu thun war, ich stündlich auf einen Leichter

wartete, der mich von hier nach Chilomo bringen sollte, suche ich

die freie Zeit, wenn nicht mit astronomischen Beobachtungen, mit der

Erforschung der mich umgebenden Natur auszunutzen, wobei ich das

Nützliche mit dem Angenehmen verband und gelegentlich der Jagd obliege,

da die Waffe in diesem Lande des Europäers stetiger Begleiter sein muß.

In früher Morgenstunde, wenn noch glitzernder Thau an Gräsern und

Büschen hängt, der die erschlaffte Natur während der Nacht erquickt

hat, folge ich meistens dem ausgetrockneten Flußbett, um wie ehedem ein

Verirren im Urwald zu vermeiden. Oft sah ich auch Affen und Wildkatzen

über den Weg springen, die gewandt die steilen Uferwände hinaufeilten

und im dichten Gebüsch verschwunden waren, ehe noch die Büchse zum

tödtlichen Schuß in Anschlag gebracht werden kann.

Weiter hinauf, zwischen hügeligem Terrain, haben sich Wildbäche von

den Port Herald-Bergen kommend, ihr enges Bette gegraben und geht man

auf dem sandigen oft steinigen Grund entlang, sieht man erst, mit wie

gewaltiger Kraft die schäumenden Fluthen hier zur Regenzeit gewüthet

haben müssen! Baumriesen, deren Halt im Erdreich unterwaschen und

herabgestürzt sind, liegen von den Fluthen festgekeilt in das enge

Bett und über den Stamm des Baumes oder durch sein Gezweig führt nur

der Weg weiter. Solche Hemmnisse zwingen die tosenden Fluthen seitwärts

einen Ausweg zu suchen, wodurch das Erdreich höhlenartig unterspült

und zum Einsturz gebracht wird. Die Wurzeln vieler dieser Waldriesen,

welche die hohe Böschung krönen, sind freigelegt und es bedarf

keines sehr heftigen Windes, um sie niederzulegen; auch die kommende

Regenzeit, wenn die gurgelnden Wasser die Arbeit wieder beginnen, wird

manchen Baum zum Stürzen bringen, der anfänglich noch von Ufer zu Ufer

eine Brücke bildet, später dann im trockenen Bette unter den glühenden

Sonnenstrahlen bleichen muß. --

Ausnahmslos sind beide Ufer mit dichtem Busch und Bäumen bestanden,

das dazwischen wuchernde Gebüsch ist fast undurchdringlich, vor

allem, Sträucher mit vielen scharfen Stacheln, sind ein großes

Hinderniß und will oder muß man absolut hindurch, kann man darauf

rechnen, Haut und Kleider lassen zu müssen. Die Großartigkeit dieser

Urnatur, die erhabene Einsamkeit in dieser Wildniß, hinterlassen

bei dem aufmerksamen Beobachter einen nachhaltigen Eindruck, der

unauslöschlich bleiben muß, wenn man dazu die vielartige Thierwelt in

goldener Freiheit gesehen hat. Ein reiner Gottesodem weht durch diese

lichtumflutheten Waldgefilde, Herz und Sinn erfreuend, ganz anders als

in jener kalten emfindungslosen Menschenwelt, aus der die Freiheit

verdrängt und nur die Selbstsucht herrschen mag. Am unentweihten

Altar der Natur fallen die selbstgeschmiedeten Fesseln unfreien

Geisteslebens, das Große, Wahre, ein versöhnender Geist, tritt heran,

vor dessen reiner Lichtgestalt sich tief die empfindende Seele neigt. --

Schon jetzt, nachdem mehrfach recht reichlicher Regen gefallen, treibt

die Vegetation, aufs Neue geweckt, überall frische Triebe; Stellen

am Ufer oder im Walde, die man längere Zeit nicht gesehen, erkennt

man kaum wieder. In wenigen Tagen hat die Natur fast ein neues Kleid

angezogen -- bald kommt das Blühen und Sprießen allerwegen, vom

goldenen Sonnenstrahl geweckt -- und der Frühling naht. Viele Stauden

mit goldgelben Doldenblüthen, ähnlich unserer Moosblume, sowie eine

Epheuart mit Blüthen wie Rittersporn, blaßblau und schön gezeichnet,

haben frühzeitig den Schlaf abgeschüttelt und mit den immer blühenden

Lianen am Flußufer sich vermischend, stellen sie ein wundervolles

Blumengewinde dar.

Auch die kegelförmige Blüthenkrone, der über fünf Fuß hohen

Tabakspflanze, die an geeigneten Stellen von den Eingeborenen gepflanzt

worden, vollendet das harmonisch Ganze. Den Mangel an rauchbarem Kraut

mußte uns diese ersetzen, indem die rothbraunen trockenen Blätter

gesammelt und zerschnitten wurden. Ueberhaupt ist der Tabaksbau für

einige Völkerschaften hier ein lohnendes Geschäft; das Produkt wird

vielfach als Tauschartikel benutzt, worauf ich später eingehender

zurückkommen werde, nachdem ich die Art der Zubereitung von den Völkern

am Nyassa-See hatte kennen gelernt.

Besondere Methoden haben die Einwohner, sich auf primitivem Wege ihre

Pfeifen herzustellen; z. B., das Horn einer Gabelantilope wird unten

mit Holz oder auch Thon verschlossen, seitwärts in dem hohlen Theil

dann eine Oeffnung für den Mund und im rechten Winkel hierzu noch eine

für den Pfeifenkopf gebohrt, der meistens, wenn nicht aus Holz, aus

einem kleinen Kirbis besteht, dessen unteres Ende durch ein kurzes

Rohr mit dem Horn verbunden ist. Man könnte sich berathende Indianer

im großen Kreise um ihre Feuer sitzend und die Friedenspfeife kreisen

lassend vorstellen, in derselben Weise geht dies Unikum von Pfeife auch

bei den Bewohnern dieses Landes von Hand zu Hand und Mund zu Mund, ein

Jeder thut ein oder zwei tüchtige Züge, dann giebt er sie weiter.

Uebrigens habe ich auch bei anderen Stämmen kunstvoll gearbeitete

Pfeifen gesehen, die mühsam geschnitzt, große Geduld und Ausdauer

erfordert haben, dafür dann auch als ein Schmuckstück betrachtet

werden, das dem Verfertiger nicht feil ist, wenigstens verlangt er für

solch' ein Stückchen Holz einen erheblichen Preis.

Spät Abends, am 24. November, traf per Eilbote, durch Leutnant Bronsart

von Schellendorf von Chilomo gesandt, die Nachricht im Lager ein, daß

meine Anwesenheit dort unbedingt erforderlich sei, woraufhin ich mit

zwei Eingebornen in einem kleinen Kanoe die Fahrt flußaufwärts in

aller Frühe des nächsten Morgens unternahm. Man muß in einem solchen

schmalen ausgehöhlten Baumstamm, ohne jedwede Stützen (Ausleger), die

hier nicht gebräuchlich sind, worin man nur sitzen, sonst sich nicht

weiter bewegen kann, und ausgesetzt der glühenden Sonne, solche Tour

unternommen haben, um annähernd beurtheilen zu können, was es heißt,

elf Stunden lang in einem solchen Fahrzeug zuzubringen. Gewandt und

sicher aber sind diese Fährleute, sie stehen in dem schwankenden Kanoe

und bewegen bei der unausgesetzten Arbeit nur ihren Oberkörper, wodurch

ein Umschlagen desselben, was bei unsicherer Hantirung unausbleiblich

wäre, vermieden wird.

In Chilomo angekommen, lag wider Erwarten nichts von Bedeutung vor,

nur einige desertirte Sudanesen, welche von Katunga aus mit ihren

Waffen das Weite gesucht hatten, sollten verfolgt werden, wozu die

Hilfe des portugiesischen Stationschefs am Ruofluß in Anspruch genommen

und der Telegraph zu deren Ergreifung in Thätigkeit gesetzt wurde.

Ich persönlich konnte dabei nicht viel thun, und die eilige Fahrt

nach Chilomo war eigentlich eine nutzlose gewesen. Ich orientirte

mich noch über den Zustand des Lagers und die Beschaffenheit des hier

aufgestapelten Materials und trat schon am nächsten Tage bei guter

Zeit, um noch vor Dunkelwerden das Lager wieder zu erreichen, die

Rückfahrt an.

Unterwegs hatten wir über tiefes Wasser hingleitend, ein kleines

Rekontre mit einem Flußpferd zu bestehen, das von mir verwundet,

wüthend auf das Kanoe losging; aber da der Fluß an jener Stelle zu

tief, war dasselbe nicht imstande das Kanoe umzuwerfen, sonst hätte es

uns übel ergehen können. Weniger glücklich war einst Leutnant Bronsart

in einem ähnlichen Falle. (Ein wüthendes Thier griff sein leichtes

Kanoe an und warf es um, nur der Umstand, daß er sich, die Gefahr

erkennend, ganz nahe dem Ufer gehalten hatte, verdankte er das Leben.)

Am Abend des 30. November kam Brückner mit seinem leeren Fahrzeug

in Umpassa an, aber ohne genügend Leute, was ich von den tags zuvor

schon eingetroffenen Bewohnern Umpassas, die bereits in Chilomo den

Leichter verlassen hatten und von mir ausbezahlt worden waren, erfahren

hatte. Auch von Wissemanns Leuten waren einige darunter, die sich

wegen der Behandlung beklagten und wegen der rückständigen Löhnung

Schwierigkeiten machten. Es wollte mir nicht recht einleuchten, daß

diese Leute erst vor wenig Tagen den vermuthlich zur Zeit bei der

Etappestation befindlichen Leichter verlassen haben sollten, sie waren

vielmehr längst vorher desertirt und hatten sich nur nicht gemeldet,

weil sie glaubten, mit den Angekommenen nun gleichen Verdienst

ausbezahlt zu erhalten. Nachdem ich aber ihre Namen festgestellt

hatte und ihnen vorrechnete, daß sie mir etwas weiß machen wollten,

was aber hier nicht angebracht sei und sie nun dafür von Rechts wegen

eigentlich nichts haben müßten, schränkten sie ihre Forderungen auf ein

bescheidenes Maaß ein.

Solche Versuche, den Europäer anzuführen, sind nichts Seltenes unter

dieser Menschenrace, was namentlich von solchen Leuten gilt, die

längere Zeit bei einem Weißen bedienstet waren. Nie wird sich der Neger

die Tugenden des Europäers aneignen, vielmehr zu seinen Untugenden

dessen üble Gewohnheiten hinzufügen und diese mit Vorliebe nachzuahmen

suchen, wird deshalb auch unter Seinesgleichen bald ein Muster von

Geriebenheit. Mir lag daran, auf gütigem Wege mich mit dem Häuptling

Tengani zu einigen, da nun doch nochmals die Verhältnisse mich zwangen,

seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, insofern als ich ihn abermals um

Stellung von zehn Leuten ersuchen mußte.

Während der Leichter beladen wurde, leitete ich die Unterhandlung mit

dem Fumo ein, ihm noch bevor ich Umpassa verlassen würde, ein Geschenk

versprechend, wenn er willig, mir die benöthigten Leute geben wolle.

Allein hatte er früher schon seine Abgeneigtheit gegen die Europäer

deutlich genug gezeigt, machte er jetzt kein Hehl daraus und wurde

unverschämt, verstieg sich sogar zu nutzlosen Drohungen. Daraufhin nun

erklärte ich ihm das Ultimatum: er stelle bis zum Abend die gewünschten

zehn Mann, oder ich hole ihn am nächsten Morgen mit Soldaten aus seinem

eigenen Dorfe heraus und bringe ihn nach Chilomo, dies sei mein letztes

Wort, Verhandlungen gebe es nun nicht mehr.

Nach den Schwierigkeiten zu urtheilen, welche der Fumo jedesmal

gemacht hatte, konnte ich voraussetzen, daß er auch diesmal sich nicht

gutwillig fügen werde, und wie ich es erwartet, kamen keine Leute; am

nächsten Morgen aber, als ich meine Ankündigung wahr machen wollte,

fand ich im Dorfe weder den Häuptling noch irgend welche Leute vor,

konnte auch nicht erfahren, wohin er sich begeben hatte und erst

am nächsten Tage, als ich sehr früh zum Dorfe ging, fand ich einen

jungen Menschen, der mir die gewünschte Auskunft gab, auch den Weg zu

des Häuptlings Schamba (Anpflanzung) mir zeigte, wohin dieser sich

zurückgezogen hatte, um der angekündigten Festnahme zu entgehen.

Nach langem Marsch durch Urbusch und Gehölz fand ich denn schließlich

den Fumo auf seiner Besitzung, wo er mit seiner Frau in aller Ruhe das

Feld umhackte.

Zu ihm herangetreten, forderte ich ihn auf sich zu entscheiden, ob er

mir die Leute geben wolle, andernfalls ich ihn jetzt abführen lasse.

Seine gereizte Antwort war: er habe überhaupt keine Leute, und erging

sich gegen die ausgesprochene Absicht ihn mitzunehmen, in Drohungen, in

welche sein Weib durch lautes Lamentiren wacker mit einstimmte. Er sah

aber doch ein, daß Widerstand nutzlos war und von den beiden Soldaten,

die ich bei mir hatte, in die Mitte genommen, folgte er willig zum

Lager.

Noch war es nicht Mittag geworden, als auch schon die Aeltesten des

Dorfes im Lager erschienen und höchst erregt, die Freigabe ihres

Häuptlings forderten, als ich ihnen die Bedingung genannt, unter

welche diese jetzt nur noch geschehen könnte, zogen sie wuthentbrannt

ab, sodaß ich voraussetzen mußte, sie würden irgend eine Dummheit

begehen und gar wegen ihrer großen Ueberzahl Gewalt anwenden. Indes am

Nachmittag kamen sie wieder und besprachen sich mit ihrem Häuptling,

worauf mir denn die Zusicherung gegeben wurde, es sollten die

gewünschten zehn Mann am frühen Morgen zur Stelle sein, dafür aber die

Freilassung des Fumo forderten.

Das Resultat, wenn ich dieser Forderung gewillfahrt hätte, wäre

gewesen, daß ich mit dem Leichter nicht hätte abfahren können und das

Nachsehen gehabt hätte, denn solcher Zusage konnte ich nicht mehr

vertrauen; daher bedeutete ich ihnen, ihr Fumo solle sofort frei

sein, sobald mir die Leute übergeben werden. Einen Zwang hatte ich

dem Häuptling nicht weiter auferlegt, er konnte sich im Lager frei

bewegen, stand nur unter Aufsicht des täglich aufgestellten Postens und

durfte sich nicht entfernen. Am Abend, um ein Feuer unter den Bananen

gelagert, hatte der Fumo dort auch, in ihm gegebenen Decken gehüllt,

sein Nachtquartier aufgeschlagen, welches sein Weib mit ihm zu theilen

sich entschlossen hatte, wenigstens wollte sie nicht ihren Eheherrn in

solcher Lage im Stiche lassen. -- Sein Groll schien sich mit der Zeit

gelegt zu haben. Ich fand ihn in angelegentlicher Unterhaltung mit den

Leuten, als ich einen mit dem Leichter angekommenen Suaheli-Bacharia,

der von rheumatischen Schmerzen arg geplagt wurde, durch Elektrisiren

einige Linderung zu verschaffen suchte.

Nachdem die Prozedur beendet war, fragte ich auch den Häuptling,

ob er nicht anfassen wolle -- es geschähe ihm nichts dabei --; die

Neugierde bewog ihn schließlich die Griffe anzunehmen, um selbst sich

zu überzeugen, ob in der kleinen selbstthätigen surrenden Maschine ein

böser oder guter Geist sitze, der solches Geräusch verursache. Der

Strom, noch anfangs schwach, schien ihm das prickelnde Gefühl in den

Händen und Armen zu behagen, als ich aber stärkeren Strom spielen ließ,

so daß er die Hände nicht mehr öffnen konnte, schnitt er doch gewaltige

Grimassen und sein Weib, ängstlich geworden, faßte mit beiden Händen

zu, um die Griffe wegzureißen, fuhr aber entsetzt zurück, als nun auch

der Strom sofort durch ihren Körper ging.

Als darauf die Maschine außer Thätigkeit gesetzt war, wollten beide

doch nichts mehr damit zu thun haben, betrachteten vielmehr den

unscheinbaren Kasten mit argwöhnischen Blicken und sind wohl heute noch

davon überzeugt, daß es in der Macht des weißen Mannes liege, Geister

zu bannen und zu beherrschen. --

Betrachtet man im Allgemeinen die Lebensweise dieses umwohnenden

Volksstammes, findet man in den Bezirken, wie solchen ein jedes größere

Dorf vorstellt, patriarchalische Zustände; der Häuptling, als das

Oberhaupt, übt im Verein mit den Angesehensten die Gerichtsbarkeit

aus und schlichtet etwa vorkommende Streitigkeiten; sonstige

Angelegenheiten werden in öffentlicher Versammlung durchberathen,

in welcher das Wort des Medizinmannes und dessen Ansichten meistens

ausschlaggebend sind, um so mehr, je fester dieser sich in die Gunst

der Dorfbewohner zu setzen verstanden hat. Uebt doch das Geheimnißvolle

und Unerklärliche auf die Gemüther dieser einfachen Naturkinder, die

dem Aberglauben stark verfallen sind, einen allzu großen Einfluß aus.

Bei Ceremonien und anderen für sie höchst wichtigen Vorkommnissen

lauschen sie achtungsvoll den Worten des weisen Mannes oder machen ihre

Entscheidung über irgend eine wichtige Unternehmung von dem guten oder

bösen Omen, welches der Medizinmann durch geheime Manipulationen ihnen

prophezeit, abhängig.

Oefter beherrscht ein mächtiger Häuptling auch mehrere Dörfer, jedoch

muß man das Gemeindewesen als mehr republikanisch bezeichnen, denn

nach der fortschreitenden Macht der Europäer, die in den Augen der

Eingebornen eine viel größere ist, hat der Nimbus der Häuptlinge viel

verloren und ihre Alleinherrschaft, die oft zu großer Willkür und

Ungerechtigkeit geführt, ist heute gebrochen; behaupten kann sich

und bedeutenden Einfluß besitzt nur der noch, dessen Persönlichkeit

Achtung zu erzwingen weiß und der in seinem Urtheil gerecht und maßvoll

bleibt. Mag auch der weiße Mann noch immer als Eindringling betrachtet

werden und der von diesem ausgeübte Druck dem freien Neger als ein nur

widerwillig getragenes Joch erscheinen, so ist dieser doch für ihn

die höchste Instanz, an die er sich wendet, sobald Streitigkeiten zu

schlichten sind, die früher oft zu blutigen Fehden Veranlassung gaben

in welchen der Stärkere auch das Recht auf seiner Seite behielt.

Das Familienleben des Eingebornen kann als ein zufriedenes angesehen

werden, man findet wenigstens, daß der Hausherr sich öfters auch um

die noch kleinen Kinder bekümmert und so der Frau, auf welcher alle

Arbeiten des Hauses und des Feldes ruhen, in etwas unterstützt, sonst

aber träge seine Tage verbringt, wenn ihn nicht die Noth oder Gewinn

veranlassen für den Europäer zu arbeiten.

Mehrfach beobachtet man hier bei den Frauen die unschöne Sitte,

in dem dicken Fleisch der Oberlippe einen Ring zu tragen, wodurch

diese sehr entstellt wird, namentlich bei alten Frauen wird dem

verfallenen Gesicht -- schon ein Urbild der Häßlichkeit -- dadurch

etwas abschreckendes gegeben. In jeder Beziehung lästig muß dieses

eigenthümliche Schmuckstück sein, und gehörte es nicht zum guten Ton,

denn auch die schwarzen Frauen sind eitel nach ihrer Art, wie alle

Evastöchter, so würde die schmerzhafte Operation und das hinderliche

Anhängsel wohl bald in Fortfall kommen.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 13 / 51 段