Bald sah ich auch eine kleine kultivirte Fläche Landes, die darauf

hindeutete, daß in nicht allzu großer Entfernung menschliche Wohnungen

zu finden sein müssen, ich fand auch nach näherer Untersuchung im

Gebüsch verborgen eine kleine Wärterwohnung, die zur Zeit, wenn solche

abgelegenen Felder bestellt werden von einigen Leuten bewohnt wird,

um Nahrung suchende Flußpferde, welche mit Vorliebe solche Aecker

nächtlicher Weile verwüsten, durch Lärm zu verscheuchen, jetzt aber

unbewohnt war. Indessen war ich doch froh die Gewißheit zu haben, nicht

irre gegangen zu sein, und einen in der Nähe stehenden verkrüppelten

Baum erkletternd, gelang es mir über die Gebüsche hinweg Umschau zu

halten. Ich erkannte in einiger Entfernung eine Vorrathskammer der

Eingebornen und strebte derselben zu, hoffend, daß ich die würde

erklimmen können, um mich dann besser zu orientiren, wo ich mich

eigentlich befände. Es sind dieses etwa 15 Fuß hohe aus einfachen

Baumstämmen aufgeführte Gerüste, auf welchen die Bewohner eines Dorfes

in großen runden Korbgeflechten, mit einem ebensolchen Dache versehen,

ihren Vorrath an Getreide, Mtama und Mais aufbewahren; namentlich

in Gegenden, wo es vorkommt, daß der Fluß in der Regenzeit Alles

überschwemmt und die Menschen dann Dörfer und Hütten den Elementen

preisgeben müssen. Durch diese Bauten, die stets in solchem Falle noch

mit Canoes zu erreichen sind, schützen sie sich vor Hunger und Noth.

Das Erklettern des Gerüstes war trotz der körperlichen Abspannnng nicht

so schwer, doch über die vorstehende Plattform konnte ich erst nach

mehreren Versuchen und Aufbietung aller Kraft gelangen; schließlich

oben angelangt, hatte ich die Genugthuung, weite Umschau über den wie

einen Silberstreifen sich hinschlängelnden Fluß und über die wilde

Gegend in ihrer sich gleichbleibenden Monotonie, halten zu können.

In weiter Entfernung flußaufwärts glaubte ich denn auch eine bekannte

Baumgruppe zu erkennen unter welcher ich einst nach mühseligem Marsch

Rast gehalten hatte und die vor dem Dorfe Umpassa liegen mußte. Soweit

nun orientirt, machte sich das Verlangen nach Nahrung geltend, die

unmittelbar neben mir in Mengen lagerte, aber um einen Maiskolben zu

erlangen, hätte ich das Geflecht zerschneiden müssen, ein Versuch, das

Dach zu heben, war mißlungen; dieses jedoch mochte ich nicht thun und

den Besitzer so schädigen, dem sicher an ein Paar Maiskolben nichts

gelegen war, der aber später durch Vögel und namentlich Ratten einen

beträchtlichen Schaden erlitten hätte. Herabgestiegen, nahm ich die

beschwerliche Wanderung durch das wegelose Gras in heißer Sonnengluth

wieder auf, bis ich endlich einen Fußpfad fand, auf welchem ich nach

halbstündigem Wandern das Dorf erreichte.

Recht auffallend war die Ruhe im Dorfe, als sich weder Mann, Weib, noch

Kind sehen ließen; erst nach längerem Suchen kam ein altes Mütterchen

zum Vorschein, das mir auf Verlangen in einer Kürbisschale das

langentbehrte Wasser geben konnte. Nach der Ursache, wo die Einwohner

abgeblieben seien, brauchte ich nicht zu forschen, denn inzwischen

hatte ich vom Lager herübertönend, wildes Geschrei und Halloh

vernommen, welches mich veranlaßte, so schnell als es noch gehen wollte

hinüberzueilen, um die Veranlassung kennen zu lernen.

Zum Ufer gekommen, bot sich mir an der Stelle, wo gewöhnlich die Frauen

vom Dorfe Wasser schöpften, etwas unterhalb des Lagers, ein Anblick

dar, der würdig gewesen wäre von der Hand eines Malers aufgenommen zu

werden. Ich traute meinen Augen kaum; auf einem gewaltigen, noch halb

im Wasser liegenden Flußpferde tanzten die schwarzen Gestalten herum,

während einige meiner Leute mit langen Buschmessern die Hinterschenkel

des Kolosses abzutrennen suchten; die Eingebornen aber, in Ermangelung

solcher Instrumente, mit ihren Speeren die dicke Haut aufzuschneiden

und Fleisch zu erlangen sich bemühten. Bald erfuhr ich auch, daß es dem

Zimmermann Ottlich gelungen war einem mitten im Flusse auftauchenden

Flußpferd einen tödtlichen Schuß beizubringen und, ehe das Thier in

die Tiefe sinken konnte, von kühnen Eingebornen, die sich mit einem

Canoe herangewagt hatten, mit einem starken Tau ans Land geholt worden

war. Fünfzig Mann waren aber nicht imstande gewesen den gewaltigen

Fleischklumpen höher das Ufer hinauf zu schaffen, sodaß mit der

Zerlegung in der erwähnten Weise begonnen werden mußte, und, da die

Europäer nach dem Fleische eines Cibokos kein Verlangen trugen, hatten

sie es außer dem bereits abgetrennten Kopf den Leuten und Eingebornen

überlassen.

Der Stärkung vor allem bedürftig, glich eine Mahlzeit, bestehend aus

Biscuits und Sardinen, das zehnstündige Fasten wieder aus, und nachdem

einige Leute nach der im Walde erlegten Antilope ausgesandt waren,

denen ich noch möglichst genaue Weisung gab, wo das Thier zu finden

sein würde -- ich hatte nämlich bis zu jenem Orte, am zurückgelegten

Wege, wo Büsche standen, hin und wieder kleine Zweige als Merkzeichen

niedergebrochen, die einmal aufgefunden, den Leuten nicht entgehen

und sie zur betreffenden Stelle hinführen würden -- beschloß ich dem

Streite ein Ende zu machen.

Ich sagte dem Fumo Tengani, der nicht minder eifrig wie alle Uebrigen

bestrebt war sich einen Antheil am Fleisch des Thieres zu sichern,

er und seine Leute würden alles unter sich theilen dürfen, wenn er

mir dafür zusichert, sobald der erste Leichter ankommt, ein Dutzend

Arbeiter gegen Bezahlung zu stellen, die nöthigenfalls wenigstens bis

Chilomo mitgehen müßten; auch gelegentlich Boten geben wolle, welche

ich nach dorthin oder Port Herald zu senden haben würde. Billig genug

war das Verlangen, auch in Anbetracht der großen Gabe, von welcher zu

eigenem Gebrauch verhältnißmäßig wenig genommen wurde, nicht zu viel

verlangt. Ich ersah auch aus der hier versammelten Anzahl Dorfbewohner,

daß die bisherige Ausflucht des Häuptlings »er habe keine Mannschaft«

leere Redensart gewesen war.

Besonders hierauf hinweisend, ging er denn auch auf die gestellte

Bedingung ein und überzeugt, daß im Lager überreichlich Fleisch

vorhanden war, überließ ich bis auf die werthvolle Haut, die sauber

dem glücklichen Schützen abgeliefert werden mußte, den Eingebornen

das Thier. War aber vorher schon Zank und Streit bei der Zerlegung

gewesen, war das Kämpfen um Mein und Dein bald nachher nicht mehr

hübsch anzusehen; eine Begierde die an Habsucht grenzte, machte jeden

auf den andern neidisch, dem es gelungen war ein besseres Stück Fleisch

zu erlangen. Toll war es, wenn die Weiber sich die von den Männern

zugetragenen Eingeweide gegenseitig entrissen, sie kämpften darum bis

die Siegerin mit der Beute entfloh, um sobald diese in Sicherheit

gebracht war, sogleich wieder auf dem Schauplatz zu erscheinen, damit

sie sich einen neuen Antheil sichern konnte. Bis weit in die Nacht

hinein -- das frische Fleisch wurde sogleich an hellen Feuern gebacken

-- schallte das Lärmen zum Lager herüber; man hätte meinen können, die

Theilnehmer am Gelage lägen sich fortwährend in den Haaren. Am anderen

Morgen war aber auch nicht das Geringste von dem mächtigen Thiere übrig

geblieben, nur vereinzelte Knochen und die sauber ausgeschrapte Haut.

Uebrigens labten wir Europäer uns nicht minder an einem Wildbraten,

wozu der von den ausgesandten Leuten glücklich aufgefundene Buschbock

das Nöthige lieferte; ich glaube das Flußpferdfleisch hätte im anderen

Falle uns schadlos halten müssen! --

Wenige Tage später traf Brückner mit seinem Leichter beim Lager ein,

hatte aber so wenig Leute bei sich, daß ich mich genöthigt sah ihm

Ersatz zu verschaffen, damit es ihm möglich werde gegen den Strom

fortzukommen. Gleicherzeit brachte er die Nachricht, der Major sei

schon von Katunga aufgebrochen und habe wahrscheinlich mit seinen

Lasten bereits das Schiregebirge überschritten, aber auch die traurige

Kunde, daß der Kesselschmied Wedler, bisher sein Assistent, durch den

heftigen Anprall seines Fahrzeuges gegen das Ufer sehr schwer verletzt

sei; derselbe habe sofort von seinen Leuten nach Blantyre gebracht

werden müssen, wo vermuthlich noch unser Expeditionsarzt Dr. Röver

anzutreffen war, wenn nicht, ein englischer Missionsarzt sich des

Verletzten annehmen könnte.

Es muß jedoch für den Verunglückten eine Höllenqual gewesen sein vier

Tage lang in einer Maschilla zu liegen, ehe ihm Linderung und Hilfe zu

Theil wurde.

Die Ankunft des Leichters gab mir Veranlassung, den Fumo Tengani laut

getroffener Verabredung um Stellung einer Anzahl Leute anzugehen,

aber ich sollte abermals die Erfahrung machen, daß Zusagen und

Versprechungen bei den Eingebornen wenig Geltung haben und erst nach

langen Verhandlungen bewog die Drohung, er würde im Weigerungsfalle bei

dem englischen Administrator Mr. Hiller in Chilomo angezeigt werden,

ihn, mir zehn Mann zu stellen, zu mehr wollte er sich nicht bewegen

lassen; ich war aber auch mit dieser Zahl zufrieden, wenigstens konnte

der Leichter expedirt werden.

Ein ähnlicher Fall trat eine Woche später ein. Wißmann war nämlich mit

seinem Fahrzeug in Chilomo eingetroffen, und wie jedesmal, seine Leute

desertirt, er hatte nur noch vier Suaheli Bacharias bei sich mit denen

es unmöglich war die Fahrt fortzusetzen. Da in Chilomo absolut keine

Leute zu bekommen waren, hatte ich nun auch Ersatz zu schaffen, war

vielmehr dazu verpflichtet, als mir mit einem Eilboten von Katunga aus

die Nachricht von v. Eltz zugegangen war, daß mir vorläufig der Befehl

über die ganze Transportexpedition übertragen sei.

Ich wandte mich nun zunächst nach Port Herald und bat um einige

zwanzig Mann; der Bescheid aber, den ich erhielt, ließ mich erkennen

wie aussichtslos eine solche Bitte gewesen und wie wenig geneigt man

dort war uns noch zu unterstützen, was selbstverständlich nur darauf

zurückzuführen war, daß die früher gestellten und desertirten Leute

sich bitter über uns beschwert hatten. Es spielt das Schicksal aber

doch oft wunderbar im Menschenleben! -- Hätte jener Mr. Steavenson,

an den ich mich gewandt hatte, wohl ahnen können, daß ein Deutscher

ihm später das Leben erhalten sollte, zu einer Zeit, als er schwer

verwundet in meiner Hütte lag! überhaupt meine Unterstützung ihn und

seine Gefährten aus höchst bedrängter Lage erst befreite, jedenfalls

würden dann seine Entschließungen anders ausgefallen sein.

So sah ich mich denn genöthigt nochmals den Häuptling Tengani dringend

um Unterstützung zu ersuchen, obgleich ich voraussetzen mußte, daß im

Nothfalle erst Zwangsmittel in Anwendung kommen würden, ehe er sich

dazu verstehen würde; ich bekam aber im Dorfe solchen Bescheid, wie ich

ihn nicht erwartet hatte. Kurzweg abgewiesen, ließ mir der Fumo sagen:

sind die Leute, welche er mir bereits gegeben erst wieder in ihrem

Dorfe angelangt, und nicht wie er vermuthe, gezwungen worden weiter

zu gehen, dann wolle er wieder mit dem weißen Manne verhandeln. Eine

gewisse Berechtigung hatten die vorgebrachten Gründe, als ich selbst

voraussetzen mußte, die zehn Mann seien mit Brückner weiter gegangen,

daß dieses indes freiwillig geschehen, wußte ich ebenso gut. Ich hatte

nämlich Anweisung gegeben, die Leute wegen ihrer Ablöhnung zu mir zu

schicken, auch hätte es diesen jederzeit frei gestanden zu gehen, wenn

sie gewollt hätten.

Auf gütige Einigung war also nach einer solchen Abweisung nicht mehr

zu rechnen; daher wandte ich mich nothgedrungen an den englischen

Administrator in Chilomo und bat nach Klarlegung der Verhältnisse, dem

Fumo Tengani die Anweisung zu geben, mir die benöthigte Anzahl Leute

zu stellen, denn der nebenbei gemachte Vorwand, die Bewohner müssen

jetzt ihre Aecker bestellen, war nichtig, insofern, als die Frauen

diese Arbeit verrichteten und die Männer nur höchst selten zu einer

Handreichung sich bequemten.

Die wenige Tage später eingetroffene Antwort, von zwei Askaris

(Soldaten) überbracht, informirte mich dahin, daß die als Polizei

fungirenden Leute sich mit dem Häuptling in Verbindung zu setzen haben

und diesen verlassen werden, da er als widersetzlich bekannt war, aus

seinem oder den nächstliegenden Dörfern mir Leute zu geben, andernfalls

haben die Soldaten Auftrag, den Fumo mit nach Chilomo zu führen, was

er aber umsomehr vermeiden wird, als es ihm bekannt ist, daß er dann

nicht straflos ausgeht. Ich glaubte daraufhin nun ein leichtes Spiel

zu haben, da ich durch die englisch sprechenden Leute meine Wünsche

übermitteln lassen, also kein Mißverständniß entstehen konnte.

Es war indes mit dem alten Fuchs nichts anzufangen; er sagte wohl

nach langem nichtssagenden Verhandeln zu, Leute zu bringen, sandte

auch einige Mann in das Lager, wurde aber dann darauf gedrungen, die

bestimmte Anzahl endlich zu senden, machte er allerlei Einwendungen

und Ausflüchte, so daß es wirklich eine Geduldsprobe war, diese mit

anzuhören, und wollte man sich nicht selber schädigen, indem durch

seine Abführung jede weitere Verhandlung aufhörte, mußte gewartet

werden. Am zweiten Tage, Sonntag den 20 Nov., der Leichter war zur

Abfahrt bereit, ging ich gegen 9 Uhr Morgens in das Dorf mit dem festen

Vorsatz der Sache nun ein Ende zu machen, entweder der Häuptling gab

die versprochenen Leute oder die Soldaten sollten ihn ohne weiteres

nach Chilomo bringen. Von nichts unterrichtet, (die Askaris hatten mir

nur die Mittheilung gemacht, es seien die Eingebornen zu einem großen

Schauri versammelt) fand ich im Dorfe eine unerwartet große Anzahl

Männer vor, zusammengerufen von dem Fumo, die wie aus dem Verlauf der

Verhandlung ersichtlich wurde, sich zu einem großen Protest gegen

das Vorgehen der Europäer hier eingefunden hatten. In die Mitte der

Männer tretend, die alle im weiten Kreise am Boden hockten, wandte

ich mich der Berathungshütte und den Aeltesten zu, dabei wollte es

mir scheinen, als würden unter dem lauten Gemurmel so vieler Stimmen

drohende Zurufe ausgestoßen, das erst auf das Geheiß der an meine Seite

getretenen bewaffneten Askaris verstummte. Mir that es fast leid allein

und waffenlos gekommen zu sein, durfte nun aber durchaus nicht zeigen,

daß ich irgend welche Besorgniß hegte, mußte vielmehr dem Kommenden

furchtlos entgegentreten, um Herr der Situation zu bleiben.

Eingeleitet wurde sodann das Schauri mit der Verlesung jener Verfügung,

die Bezug hatte auf die Stellung von Leuten, und im Weigerungsfalle

auf die Abführung des Fumo. Darauf ließ ich erklären, daß keiner

glauben solle, er müsse umsonst arbeiten oder werde gezwungen weiter

mitzugehen als er sich verpflichtet habe; ein Jeder erhalte den

ausbedungenen Lohn, sobald er zurückkehre. Nachdem nun noch lange hin

und her gesprochen worden war, wovon ich so gut wie nichts verstand,

nur den Sinn des langen Geredes durch die verhandelnden Askaris

erfahren konnte, erhob sich plötzlich aus der Mitte der Vornehmen und

Häuptlinge ein mir bereits bekannter Sprecher und legte mit lauter

Stimme seine Ansichten dar; doch schließlich hatte er sich so in Extase

geredet, daß sein Sprechen nur noch ein Schreien war, erst als er sich

beruhigte, erfuhr ich, um was es sich eigentlich gehandelt hatte.

Solche Redner, meistens Medizinmänner, üben einen großen Einfluß aus,

deren Rathschläge gewöhnlich befolgt werden und manche unheilvolle

That wird daraufhin ausgeführt. Sie versetzen ihre Zuhörer in Wuth der

Begeisterung, die dann den Worten unmittelbar die That folgen lassen,

ob diese verhängnißvoll ist oder nicht; Ueberlegung kennt der Neger in

solchen Momenten nicht mehr.

Gutes war es sicherlich nicht, was dieser Medizinmann seinen

aufmerksamen Zuhörern verkündigte, und wer hätte die Folgen absehen

können, wenn sein Einfluß die volle Wirkung erlangt hätte! Es war

für mich vielleicht ein Glück, daß die Askaris den Ausführungen des

wüthenden Redners energisch Einhalt geboten hatten, sogar die Waffen

erhoben, als er nicht Folge leistete, woraus ich schließen konnte, die

Situation sei schon recht bedenklich geworden. Als er aber zur Ruhe

gewiesen wurde, erhob sich ringsum ein drohendes Gemurre, welches die

Soldaten anfänglich Mühe hatten zu beschwichtigen.

Darauf erfuhr ich in kurzen Worten den Sinn der langen Rede, nämlich:

die weißen Männer kommen in das Land und nehmen was ihnen beliebt,

führen große Kriegsschiffe und Boote auf den Fluß, haben viele schwere

Lasten, welche die Bewohner müssen transportiren helfen; dazu wird

der schwarze Mann dann noch gezwungen sein Dorf zu verlassen und weit

mit dem Europäer zu gehen, der ihn noch obenein schlecht bezahlt und

behandelt!

Es ist nicht schwer sich hierzu die weiteren Ausführungen des erregten

Mannes, der seine Erfahrung aus dem Vorgehen der Portugiesen und

Engländer geschöpft, auch nicht so Unrecht hatte, denken zu können, wie

immer aber, so war es auch hier der Fall, der Bewohner dieses Landes

kann sich keine Vorstellung davon machen, daß die wenigen in sein Land

gekommenen Weißen verschiedenen Nationen angehören sollten; sieht er

doch bei allen das gleiche Bestreben, daß diese auf seine Kosten sich

Vortheile verschaffen, ihm seinen ungeheuren Besitz nehmen und in

seiner Freiheit beschränken. Er dehnt also seinen Haß und Abneigung auf

alles aus was fremd heißt, indem er es nicht begreift und versteht, wie

eine Handvoll weißer Männer verschiedenen Völkern angehören kann, da

jeder Portugiese und Engländer, gleichviel, ihm klar zu machen sucht,

daß hinter jedem ein mächtiges Volk steht, in dessen Namen er Besitz

ergreift und das ihn schützt.

Sogleich ließ ich der Versammlung durch den Dolmetscher erklären, daß

wir Deutsche nicht mit unsern Lasten hierher gekommen sind, um ein

Schiff zu bauen oder gar hier im Lande zu bleiben, sondern wir gingen

weit von hier zu dem großen Nyassa-See und kommen nie mehr zurück, alle

aber wüßten auch, daß wir viele und schwere Lasten haben, welche wir

nicht tragen können, darum sollen sie uns nur kurze Zeit helfen um von

hier fortzukommen, und wer es thut, wird gut bezahlt.

Nach dieser Verkündigung herrschte momentan tiefes Schweigen -- dann

aber erhoben sich wieder viele Stimmen, die im wirren Durcheinander das

Gehörte diskutirten. Mir indes wurde die Sache schließlich zu bunt,

und so erklärte ich dem Häuptling rundweg, wenn er mir bis die Sonne

am höchsten stehe keine Leute gegeben habe, gehe er unbarmherzig nach

Chilomo. Dieser gab denn auch, nachdem er den Ernst dieser Erklärung

und jede fernere Weigerung als nutzlos eingesehen hatte, eine bestimmte

Zusage; ich aber verließ unbehelligt die Versammlung, um im Lager das

Weitere abzuwarten.

Um 3 Uhr Nachmittags kam der Fumo mit 9 Mann und versicherte, daß am

Wege nach Chilomo weitere acht zu diesen stoßen würden; er gab auch den

Soldaten genau Anweisung an welchem Orte dies geschehen würde. Nachdem

ich noch die Askaris für ihre Mühe belohnt hatte, versprachen sie die

Kolonne sicher im Lager von Chilomo abzuliefern.

Die Veranlassung zur Uebergabe des Kommandos an mich war dadurch

gegeben, daß von Eltz nach Blantyre zum Major gerufen wurde. Der

Grund dazu war, eine endgültige Entscheidung über die hochwichtige

Frage zu treffen, ob es noch möglich sein würde die Expedition, wie

vorerst geplant, noch nach dem Tanganjika-See zu führen, oder den

Nyassa-See als Endziel zu betrachten; hatten sich doch bisher uns

solche Schwierigkeiten in den Weg gestellt, daß zu befürchten war, das

Schiffsmaterial, namentlich die werthvollen Maschinentheile, würden

einen vermuthlich noch über ein Jahr währenden Transport nicht mehr

aushalten, wenigstens durch den Einfluß der Witterung, die Eisen

in den Tropen rasch angreift, beträchtlich geschädigt werden. Ein

Gutachten hierüber und über die Möglichkeit eines längeren Transportes

von mir eingefordert, konnte ich dieses nach bestem Wissen nur

dahin beantworten, daß es, nach der Beschaffenheit des Materials zu

urtheilen, wünschenswerth erscheine, den Dampfer schon am Nyassa-See

zu erbauen; ein Durchführen der Expedition aber bis zum Tanganjika

schließlich das Ergebniß haben könnte, aus stark mitgenommenen

Beständen das Schiff erbauen zu müssen.

Bedenkt man, mit welchen Schwierigkeiten wir bisher schon zu kämpfen

gehabt hatten, wie überaus gegen alle Erwartung langsam die Expedition

hatte vordringen können, so mußte die Voraussetzung, die Hindernisse

könnten noch viel größer werden, volle Berechtigung finden, und nach

dem Vergangenen zu urtheilen, das Endziel, der Tanganjika, in weiter

Ferne gerückt erscheinen.

Es scheint, daß Major von Wißmann seinen anfänglichen Plan die

Expedition über die Schirefälle zu führen nach näherer Erkundigung über

den Weg, den einst Livingstone genommen, hat aufgeben müssen und den

vielleicht schwierigeren über das Gebirge deshalb gewählt hat, weil die

Trägerfrage in dieser Zeit eine heikle geworden war. Blantyre freilich

war ein starker Stützpunkt, als Uebergangstation gedacht, allein eine

gewisse Abhängigkeit von den Engländern damit auch verbunden, insofern

als das Trägermaterial zum großen Theil ihnen zur Verfügung stand,

wodurch den Unterhändlern ein großer materieller Vortheil erwachsen

mußte.

Aus unserer Verlegenheit Nutzen zu ziehen, waren die Herren Engländer

gern bereit, hatten doch schon vorher ein Portugiese und auch ein

einflußreicher Händler in Chilomo sich erboten, hunderte von Leute zu

stellen, aber die überaus hochgeschraubten Bedingungen waren für die

Kasse der Expedition denn doch ein wenig zu weit gegriffen. --

7. Im Lager von Umpassa bis Katunga.

Die geschilderten Vorgänge brachten in der Einförmigkeit des Lagerleben

immerhin eine, wenn auch nicht gerade angenehme Abwechslung, die in

gewisser Beziehung etwas anregend wirkte, zumal das lange Warten auf

die Leichter, welche uns von hier erlösen sollten, auf die Dauer doch

langweilig wurde. Für eine tägliche Beschäftigung sorgte ich zwar schon

aus dem Grunde, damit die Unthätigkeit nicht eine üble Angewohnheit

würde, zu welcher die menschliche Natur in dieser heißen Gegend

große Neigung zeigte; die große Hitze bedingt schon an und für sich

eine körperliche und geistige Erschlaffung, gegen welche das Muß ein

vorzügliches Radikalmittel ist.

Nach des Tages Gluth waren die kühleren Abendstunden eine wahre

Erholung, gewöhnlich saßen wir am Ufer unter den breitblättrigen

Bananen und schauten in die vorüber rauschenden Fluthen des Schire

oder sahen dem Leben und Treiben der Negerkinder zu, die entweder

Fische fingen oder mit wildem Geschrei sich auf flacheren Stellen

im Wasser tummelten, gerade als wäre bei solchem übermüthigem Spiel

durchaus keine Gefahr vorhanden. Verschiedentlich hatte ich die kleine

Gesellschaft schon fortgewiesen, auch die älteren auf die mögliche

Anwesenheit eines +mamba+ (Krokodils) aufmerksam gemacht, indes,

dann suchten sie sich einen anderen Tummelplatz in der Nähe aus, um

bald wieder, wenn die Luft rein war, zurückzukehren.

Wir hatten während der ganzen Zeit unsers Hierseins selten nur ein

vorüberschwimmendes Krokodil bemerkt, und zeigte sich mal eins

schußgerecht, wurde dem Thier das Wiederkommen verleidet; doch

ausgeschlossen war es nicht, daß sich solch' ein Räuber im Schilfgrase

verborgen hielt, um eine günstige Gelegenheit mit Geduld abzuwarten,

und mit einer köstlichen Beute das Weite zu suchen.

Am Abend des 17. November, ich war von einem kurzen Jagdausflug

zurückgekehrt, suchte ich wie gewöhnlich unter den Bananenbäumen

einen Ruheplatz und sah von hier dem lustigen Treiben der schwarzen

Kinderschaar ein Weilchen zu, die ausgelassen sich im Wasser

herumbalgten, Knaben und Mädchen durcheinander. Plötzlich ertönte

aus dem Munde eines kleinen Mädchens ein verzweiflungsvoller Schrei,

welcher alle anderen Kinder entsetzt auseinanderfahren und zum Ufer

fliehen ließ. Sofort aufspringend sah ich noch, wie die in die Höhe

geworfenen Arme des Kindes unter dem Wasser verschwanden. Wieder also

war durch Unvorsichtigkeit dem tückischen Feinde ein junges Leben

zum Opfer gefallen, der, am Strande des Schilfes wohlgeborgen, die

Annäherung seiner Beute abgewartet hatte und schnell mit derselben in

die Tiefe verschwand.

Das Gerücht, ein Krokodil habe ein Kind geraubt, verbreitete sich

unglaublich schnell bis zum Dorfe, von wo sofort lautklagende Weiber

und Männer mit Speeren, auch alten Donnerbüchsen bewaffnet, zum Flusse

eilten, die dann schreiend und wehklagend am Ufer lange Zeit hin und

her wanderten, bis die dunkle Nacht solchem Beginnen ein Ziel setzte.

Das Klagen und Weinen konnte man später vom Dorfe her durch die Stille

herüberschallen hören, als sollte des Jammerns kein Ende sein.

Am nächsten Morgen wanderten der Vater des geraubten Kindes mit einer

alten Feuerschloßbüchse bewaffnet, ebenso die Mutter, die einen Speer

mit Leine, ein Wassergefäß, sowie einen grünen Bananenbündel auf dem

Kopfe trug, am Ufer auf und ab. Soviel sie aber auch lamentiren und

bitten mochten, ihr Kind kam doch nicht wieder, auch der Räuber ließ

sich nicht wieder sehen. Uebrigens wird das Unthier nach solcher Beute

immer lüsterner, ihm auch durch die Unvorsichtigkeit der Eingebornen

der Fang sehr erleichtert, bis die sichere Kugel eines Europäers diesem

Räuberleben endlich ein Ende macht.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 12 / 51 段