Am dritten Tage endlich näherten wir uns wieder dem Walde und wo

derselbe an seiner Kante licht genug war, so daß wir uns mit der Bahn

zwischen Baum und Buschwerk durchschlängeln konnten, wurde derselbe

schon des Schattens wegen aufgesucht; lagerten wir aber nach des

Tages harter Arbeit im Walde, dann horchte man auf das Lied manches

gefiederten Sängers, der in der erfrischenden Abendkühle jetzt erst

sein Danklied schmetterte; dazu die girrende Taube, das lockende

Perlhuhn -- wären nur die Mosquito barmherziger gewesen, solch ein

Waldkonzert hätte man ungestörter genießen können.

Näherten wir uns hügeligem oder unübersichtlichem Terrain, so war

die Einrichtung getroffen worden, den zu nehmenden Weg durch eine

vorausgehende Kolonne mittelst weißer Fähnchen, welche an langen

Bambusstangen befestigt waren, bezeichnen zu lassen, denn vorspringende

Waldkanten behinderten des öfteren die Fernsicht, auch konnten wir

nicht wissen, ob das wegelose Gebiet vor uns nicht unerwartete

Hindernisse ausweisen würde.

Im Allgemeinen war das Fortschreiten mit der Bahn noch immer ein

befriedigendes zu nennen; auch gab ich mir Mühe begangene Fehler

dadurch auszugleichen, daß ich die Leute nicht mit überstürzender Hast

arbeiten ließ, mehr im Guten sie aufforderte ihre Pflicht zu thun und

ihnen zeigte wie sie sich die Arbeit erleichtern konnten, anstatt sie

durch harte Worte und gar Drohungen abzuschrecken. Ich konnte daher

auch gerne den einen oder anderen, wenn sie sich widerwillig zeigten,

mit der Hand einen Klapps auf das nackte Fell geben, das schadete

nichts, so lange sie nur wußten, daß es nicht ernst gemeint war, und

ich fand die Leute immer willig meinen Anweisungen Folge zu leisten.

Dennoch fehlten jeden Abend, wenn die Leute flüchtig nachgezählt

wurden, einige und in 10 Tagen waren uns 63 Mann desertirt.

Dieses Resultat fanden wir, als wir uns dem Dorfe Umpassa genähert

hatten (also annähernd ein Weg von 30 Kilometer zurückgelegt war) und

hier durch Herrn von Eltz ein Namensaufruf der gesammten Mannschaft

vorgenommen wurde. Nun zeigte es sich erst wie bald wir mit der

Möglichkeit zu rechnen haben würden die Bahn nicht mehr fortbringen

zu können, wenn in gleicher Weise die Leute uns verließen; darum der

Sache herzlich überdrüssig, mit der Ueberzeugung, daß wir doch nicht

Chilomo erreichen würden, wollte Herr von Eltz schon am nächsten Morgen

den Transport verlassen und ich sollte denselben so gut oder schlecht

weiter führen, als es mir möglich wäre. Das Ende aber war näher als wir

dachten.

Die folgenden Thatsachen in Erwägung ziehend, kann ich nicht umhin zu

erwähnen wie leicht abergläubische Furcht den Sinn des Negers verwirren

kann, nämlich die Aufrufung aller Namen machte schon auf die Leute

einen peinlichen Eindruck, um so mehr, als die betreffenden Capitaos

für das Weglaufen der ihnen unterstellten Leute verantwortlich gemacht

und für ihre Achtlosigkeit mit Strafe bedroht wurden, wiewohl diese,

wenn ihr Einfluß nicht groß genug war, keinen der weglaufen wollte,

hätten halten können, ebensowenig wie wir Europäer es im Stande gewesen

wären. Ferner kam dazu, daß am Abend dieses 4. Novembers die noch Tags

vorher im hellen Glanz erscheinende Mondscheibe nicht sichtbar wurde,

sondern bald nach Sonnenuntergang sich tiefe Dunkelheit über die Erde

ausbreitete, und erst später, als der Mond schon einen beträchtlichen

Bogen über den Horizont zurückgelegt hatte, kam allmählich seine

Scheibe wieder zum Vorschein; es war eine totale Mondfinsterniß

eingetreten. Solchen Phänomina legt der Eingeborene nun eine

weittragende Bedeutung bei, aus dem Grunde, weil er sich das Auftreten

derselben nicht erklären kann und schreibt diesen einen großen Einfluß

auf seine Handlungen zu, je nachdem er sie als gutes oder böses Omen

zu betrachten geneigt ist. Mit dem Gesagten wollte ich nur andeuten,

daß diese Vorgänge nicht ganz ohne Einfluß auf die Absicht der Leute,

uns im Stiche zu lassen, geblieben sind und die nur eines Anlasses

bedurfte, um zur Ausführung zu kommen.

Im Uebrigen war dieses Naturereigniß für einen aufmerksamen Beobachter

ein fesselndes Bild. Die klare Atmosphäre durch kein Wölkchen

getrübt, leuchtete der wundervolle Sternenhimmel in hehrster Pracht

-- von welchem herab die fernen Welten ihr Licht in das Weltall

hinaussendeten und dem Menschen auf der kleinen Erde verkündeten, daß

in unendlicher Ferne Millionen Körper um Sonnen kreisen, die viel

gewaltigere Dimensionen haben müssen als die, welche Licht und Leben

spendend unsere Sonne heißt -- dazu die weite Wildniß, unabsehbare

Grasebene und landeinwärts tiefdunkler Wald! Entlang der Wagenreihe

lodern die Wachtfeuer zum nächtlichen Himmel empor, von denen her

dumpfes Gemurmel vieler Menschenstimmen, die sonst herrschende Stille

unterbrach. Im fernen Osten wird nun ein schmaler Streifen goldenen

Lichtes in Form einer Sichel sichtbar -- breiter und breiter wird der

glänzende Rand, man sieht wie sich scheinbar ein dunkler Körper an der

Mondscheibe vorüberschiebt, bald fluthet magisches Licht wieder durch

den Weltenraum auf die dunkle Erde hernieder und bleicht den Glanz der

goldenen Sterne; bis nach Verlauf einer guten Stunde der Vollmond, von

dem schwarzen Schatten der Erde befreit, wieder sein volles Licht über

die wilde Scenerie und den weiten Fluren Afrikas ergießt.

Die ausgesprochene Absicht des Führers, den Transport zu verlassen,

führte noch am selben Abend zu Unterhandlungen mit dem mir bereits

bekannten Häuptling Tengani, der eine Anzahl Träger und Maschillaleute

stellen sollte. Letztere, gewöhnlich 12 bis 16 Mann stark, tragen den

Reisenden in einer Art Hängematte, die mit ihren beiden Enden an einer

starken Bambusstange befestigt ist, schnell vorwärts, indem sich die

Leute fortwährend abwechseln und im kurzen Laufschritt imstande sind,

in einem Tage eine weite Strecke Weges zurückzulegen.

Es ist dieses zeitweise ein angenehmes Reisen, insofern man nicht auf

schlechten Wegen mühselig wandern braucht, und jeder Europäer benutzt

eine Maschilla, wenn ihm die Mittel dazu zur Verfügung stehen; man

hat aber auch darauf zu achten, daß die Leute sicher und zuverlässig

sind, denn es ist nicht so ganz ungefährlich, da das Ausgleiten oder

Stürzen eines Mannes für den Getragenen schlimme Folgen haben kann,

wenn er ebenfalls mit der ganzen Wucht des Körpers auf den Erdboden

oder gar Gestein aufschlägt. Mehrmals habe ich später das Pech gehabt,

durch Ausgleiten eines Mannes auf schlüpfrigem Boden, Bekanntschaft mit

diesem oder einer Wasserpfütze machen zu müssen.

Der Fumo Tengani indes war nicht sonderlich erbaut davon, Träger und

Maschillaleute stellen zu sollen, und die leere Ausflucht, er habe

keine Leute, oder werde erst nach solchen senden, hieß so viel: den ihm

mißliebigen Europäer nicht unterstützen zu wollen. Auch am nächsten

Morgen, als wir mit der Bahn mitten durch sein Dorf hindurchzogen,

blieben erneute Verhandlungen erfolglos, sodaß anzunehmen war, er wolle

nicht helfen, trotzdem ihm ein Geschenk und hohe Bezahlung zugesichert

wurde.

Es hatte an diesem Morgen den Anschein, als arbeiteten unsere Leute

mit größerer Lust; denn anfänglich, und bis wir durch das Dorf Umpassa

hindurch waren, ging alles trotz der geringen Kräfte vorzüglich. Auch

ein hinter dem Dorfe befindliches trockenes Flußbett, durch welches die

Wagen mit voller Fahrgeschwindigkeit geführt werden mußten, um die hohe

Uferböschung hinauf zu kommen, stellte hohe Anforderungen an die Leute;

bis plötzlich beim abermaligen Vortragen des Geleises alle sich an der

Tete sammelten und durch lautes Murren ihre Unzufriedenheit kundgaben.

Dieses auffällige Benehmen und die Weigerung weiter arbeiten zu

wollen, welches ich mir erst nicht erklären konnte, hatte seinen Grund

darin, daß den Leuten verweigert worden war sich Wasser zu holen; so

groß unser Vorrath auch war, in wenig Stunden hatten die Leute alles

ausgetrunken, und so stellte sich nun bei schwerer Arbeit und glühender

Sonne großer Durst ein. Der Führer hatte dazu noch die Kapitaos für

das Murren ihrer Leute verantwortlich gemacht, und die Folge war

Gehorsamsverweigerung.

Das Nutzlose einsehend, die höchst erregten Menschen noch zur weiteren

Arbeit bewegen zu können, mußte früher als sonst Pause gemacht werden;

kaum aber war das Signal »das Ganze halt« geblasen, als alle Arbeiter

in wilder Jagd zum Dorfe Umpassa eilten, mit Mühe nur konnte ich mich

dem Strome entgegenstellen und die Leute veranlassen die Fässer und

Wasserbehälter zum Wiederauffüllen mitzunehmen.

Vier Stunden später riefen Trompete und Trommel vergeblich zur Arbeit,

Niemand folgte dem Rufe mehr, und zweifellos war es, daß unsere

sämmtlichen von Port Herald mitgenommenen Arbeiter desertirt waren.

Ausgesandte Suaheli und Soldaten bestätigten denn auch bald diese

Befürchtung und als ich nach den vermißten Fässern forschen ließ,

wurden diese jenseits des Dorfes unter Bäumen vereinzelt liegend

aufgefunden; mithin hatte sich die Arbeiterkolonne nach beendeter

Arbeit sofort auf den Weg gemacht, um in ihre Dörfer zurückzukehren.

Nicht das war das Schlimmste, daß wir nun weit vom Schirefluß in Busch

und Gras mit 20 Suaheli und wenigen Soldaten saßen, und es ein Unding

war mit dieser Handvoll Leute die Bahn noch weiter zu bringen, sondern

daß die Expedition weit und breit bei den Eingeborenen in Mißkredit

gebracht worden war; und in der Folge, da ich beim Bahntransport

verblieb, konnte ich ein Lied davon singen, wie es thut, wenn man von

aller, auch der geringsten Hilfeleistung abgeschnitten ist.

Das Nächste was in dieser schlimmen Lage nun zu thun, war einen Weg

ausfindig zu machen, auf welchem wir die Bahn zum Flusse schaffen

konnten und dann uns nach Hilfskräften umzusehen, die bereit wären uns

die schwere Arbeit zu erleichtern; nächstdem galt es eine Uferstelle

aufzufinden, wo später die Leichter bequem anlegen und beladen werden

konnten.

Während der Transportführer flußaufwärts durch Gras und Gebüsch einen

Weg zum Flusse suchen ging, wandte ich mich dem Dorfe Umpassa zu und

erkundete hier von einigen Bewohnern bald, welches der nächste und

beste Weg zum Flusse sei. Geführt von Eingebornen, stand ich schon nach

etwa 15 Minuten am Ufer des Schire und fand hier, verdeckt durch eine

kleine Bananenanpflanzung, sowohl einen guten Lagerplatz, als auch eine

bequeme Anlegestelle. Darauf zum Dorfe zurückgekehrt, unterhandelte ich

mit Häuptling Tengani wegen Leute, die uns behülflich sein sollten die

Bahn fortzuschaffen.

Wider Erwarten zeigte sich der Fumo bereitwilliger, als nach der am

vorhergehenden Tage bekundeten Weigerung uns Leute zu geben, hätte

erwartet werden können und nach Uebereinkunft stellte der Fuma dann

auch 42 Mann. Zur Feldbahn zurückgekehrt war Herr v. Eltz, der keinen

bequemen Weg durch Gebüsch und Gras gefunden hatte, mit den vorläufigen

Abmachungen einverstanden und nach längerem Schauri begannen wir rechts

abbiegend mit den Leuten die Bahn fortzuschaffen.

Am Nachmittage des nächsten Tages, Sonntag den 6. November, waren wir

nach angestrengter Arbeit denn endlich so weit, den Wagenzug in drei

Reihen nahe dem Flusse auffahren zu können und uns so gut es ging

dazwischen ein Lager einzurichten. Die Umpassa-Leute waren nun aber

mit ihrer Ablöhnung nicht zufrieden, da, anstatt wie es richtiger

gewesen wäre jedem einzelnen den Lohn auszuzahlen, dem Fumo der ganze

Betrag überreicht wurde, der je nach Belieben seinen Leuten für ihre

Arbeit entweder nichts oder nur wenig abgab. So war die Folge, daß

wir es nun auch mit diesen gänzlich verdorben hatten und die vorher

schon getroffene Verabredung, daß am selben Abend noch 20 Mann mit

Herrn v. Eltz nach Chilomo abgehen sollten, wurde nun ihrerseits nicht

eingehalten, so mußte derselbe, nur begleitet von einigen Suaheli, ohne

Träger und Maschilla-Leute aufbrechen.

Die Feldbahn, als praktisches Transportmittel, steht ihre

Verwendbarkeit außer Frage, selbst auf solchem Terrain, wie wir es zu

durchziehen hatten; können nur die Bedingungen -- annähernd genügende

Menschenkraft, dazu der benöthigte Proviant -- erfüllt werden, ist

viel damit zu erreichen, der Führer nicht an die Zeit gebunden, kann

dann die Kräfte seiner Mannschaft schonen, und langsam zwar, aber

sicher zum Ziel gelangen. Verurtheilt, für voraussichtlich längere

Zeit ein einsames Lagerleben hier zu führen, mußte ich zunächst darauf

bedacht sein, für die Europäer eine einigermaßen sichere Unterkunft

zu beschaffen, was in gänzlicher Ermangelung von Zelten -- für mich

war nur ein kleines vorhanden -- nicht so leicht war, da wir an einen

Aufbau von Hütten nicht denken konnten, weil der Wald zu weit und auch

Arbeitskräfte fehlten. Man lernt aber in Afrika den Umständen Rechnung

tragen und Noth macht erfinderisch, dazu, gewöhnt ein schützendes

Dach schon als einen Vorzug zu betrachten, ist man in der Wahl eines

solchen nicht gerade sehr penibel, sondern begnügt sich mit dem denkbar

einfachsten, sofern es nur Schutz gegen Sonnengluth und Regen bietet.

In dieser Hinsicht mußten wir uns denn auch zu helfen suchen so gut es

gehen wollte.

Die bereits erwähnte längs dem Ufer liegende Bananenanpflanzung war das

einzige schattenspendende Objekt weit und breit, und dieses benutzend,

wurden einige entleerte Wagen in dieselbe hineingeschoben, darüber von

Seitenwänden provisorische Dächer errichtet, diese mit wasserdichtem

Tuch überdeckt, war unter den breiten Blättern der köstlichen

Bananenpflanzen ein idyllischer Aufenthalt fertig gestellt.

Anfänglich war auch die Jagd noch ergiebig und mancher Busch- oder

Wasserbock wurde in das Lager gebracht, sodaß zeitweise Ueberfluß an

Fleisch im Lager vorhanden war. War aber mal ein Warzenschwein erlegt

worden, überließ ich die Beute, bis auf die besten Stücke, dem Fumo

Tengani, weil die Suaheli und Bacharias als Muhamedaner solches nicht

essen, hoffend dadurch ein besseres Verhältniß zwischen uns und den

Bewohnern wieder herstellen zu können. Allein es ist sehr schwer das

einmal verlorene Zutrauen dieser einfachen Menschen wieder zu gewinnen.

Es wollte sich trotzdem keiner bewegen lassen auch nur für kurze Zeit

bei uns zu arbeiten; gleichen Mißerfolg fand ich überall, so weit ich

auch meine Leute in die näheren oder entfernteren Dörfer senden mochte.

Später wurde unsere Lage bedenklicher, als Mangel an Proviant,

Mtamamehl und Bataten eintrat, und tagtäglich 4 bis 6 Mann ausziehen

mußten, um aus weitentlegenen Dörfern das Nöthigste für die noch über

zwanzig Köpfe zählende Mannschaft heranzuschaffen. Dazu kam auch noch

das Fleisch in Fortfall, weil das Wild schließlich scheu geworden und

demselben nicht mehr so leicht beizukommen war. Es hatten sich auch,

durch erlegtes Wild angelockt, Hyänen und Leoparden eingefunden, die

nächtlicher Weile das Lager absuchten und uns freihängendes Fleisch

verschiedene Male raubten.

Das Jui-i -- Jui-i der Hyänen, welches man als das Lachen dieses

widerlichen Thieres bezeichnet, ist in stiller Nacht keine angenehme

Musik, dabei aber so durchdringend, daß man stets davon aus dem Schlafe

auffährt und sich versucht fühlt dem nächtlichen Störenfried, der

unheimlich leise zu schleichen versteht, eine Kugel auf das Fell zu

brennen -- wenn sie sich nur beikommen ließe -- was uns später nur ein

einziges Mal gelang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, es sei nicht

immer wohlgethan mit mehreren Begleitern auf Jagd zu gehen, weil beim

Erscheinen Mehrerer das Wild stutzig wurde und abging; man nahm die

Leute auch nur darum mit sich, um etwa erlegte Thiere fortzubringen,

da es schwer hält im wegelosen Wald einen bestimmten Ort wieder zu

finden. Aus diesem Grunde machte ich mich eines Sonntag Morgen sehr

früh auf den Weg mit dem festen Vorsatz Wild zu schießen, es sei was

es sei; denn der Mangel im Lager war recht fühlbar geworden, da seit

nahezu einer Woche kein frisches Fleisch mehr zu erhalten gewesen war

und selbst die ausgesandten Leute nur wenige Hühner hatten aufkaufen

können. Ehe im Urwald der Tag noch recht zum Durchbruch gekommen, war

ich schon sehr weit vorgedrungen, indes alles vorsichtige Spähen war

nutzlos, wo sonst auf den rasengleichen Grasflächen im weiten Walde

meistens immer Riedböcke etc. zu finden waren wollte heute kein Thier

sich zeigen, nur wilde Tauben und Perlhühner, oft genug schußgerecht,

lenkten durch ihr Locken und Schreien die Aufmerksamkeit auf sich. Aber

ich wollte mir nicht voreilig Großwild, das noch ungesehen auf irgend

einer nahen Lichtung stehen konnte, verscheuchen, war solches doch

stets zu finden, wenn auch nicht immer zu erlegen gewesen.

Langsam durch den Wald dahingehend, achtete ich nur darauf, daß ich

die einmal eingeschlagene Richtung auch innehielt und hatte ich fast

den eigentlichen Zweck vergessen, denn bald hier, bald dort unter den

gewaltigen Bäumen, Nüsse oder sonstige Früchte sammelnd, zogen die

mächtigen vereinzelt stehenden Schirmakazien und andere unbekannte

Arten, sowie der reiche Pflanzenwuchs meine Aufmerksamkeit von der

Thierwelt ab, bis ich plötzlich zwischen den lichteren Bäumen Wild

sich bewegen sah. Es war ein stattlicher Wasserbock, der auf Vorposten

äsend, meine Annäherung noch nicht bemerkt hatte, und wohl wissend,

wie schwer es ist, gerade solchem Thiere beizukommen, schlich ich mich

vorsichtig von Baum zu Baum, bis auf etwa 100 Meter heran. Im selben

Moment aber, als das laute Echo des Schusses durch den Wald hallte,

brachen dicht bei mir zur Linken aus einem weiten Grasgebüsch mehr als

30 Stück Wild heraus, die auf kurzer Distanz verdutzt stehen blieben

und mich anäugten; erst der zweite Schuß brachte sie in Bewegung, und

im Nu waren sie fort.

Das zweite Thier, das schnell verendete, ließ ich liegen -- an ein

Fortschaffen war ja nicht zu denken -- und folgte dem ersten, aber

trotz der Blutspur bemühte ich mich vergeblich die Beute zu erreichen.

So weit ich auch durch Dick und Dünn dem Thiere nacheilte, hatte

doch die schnellfüßige Antilope einen zu großen Vorsprung gewonnen;

schließlich als ich die Verfolgung aufgab und mich recht besann, war

ich in ein solches Urdickicht gerathen, wo jede Orientierung aufhörte.

Ich fand jedoch bald einen Wildpfad, verfolgte diesen bis ich eine

Grasfläche erreichte, wo es möglich war die Sonne zu sehen, um nach

ihrem Stande die annähernd rechte Richtung zu wählen, welche zum

Schirefluß zurückführen könnte.

Jede Lust zum Jagen war mir vergangen, obgleich ich eine Wildkatze,

auch einzelne Kudus, die größte Antilopenart, und eine kleine

Büffelheerde zu Gesicht bekam. Erst als ein Volk Perlhühner, etwa 40

Stück mir vor die Flinte kam, schoß ich wieder, fand aber im hohen

Grase und dichten Unterholz keins der Thiere, weil sie gar zu flink im

Gebüsch verschwanden, wohin ich nicht folgen konnte; sie sind nur zu

erlangen, wenn sie unter Feuer liegen bleiben.

Sieben Stunden schon wanderte ich ohne Wasser und Proviant, der Wald

wollte mir endlos scheinen und wäre ich nicht überzeugt gewesen, daß

ich recht gegangen war, der aufsteigende Zweifel hätte mich leicht

irreleiten können. Endlich aber sah ich doch durch die Walddämmeruug,

rechts voraus einen hellen Schimmer, der ein Ende dieses mächtigen

Reviers anzudeuten schien und vorwärts strebend, fand ich mich bald am

Rande einer scheinbar endlosen Grasebene. Rechts oder links nun wenden,

das war die nächste Frage -- doch die weite Einsamkeit gab hierüber

keinen Aufschluß, darum auf gut Glück die bisherige Richtung inne

haltend, bahnte ich mir einen Weg durch das übermannshohe Schilfgras,

das gleich einer lebenden Mauer mich umschloß, keine Fernsicht noch

Ausblick weiter gestattete, als nur das blauweißlich schimmernde

Himmelszelt, wo die Lichtfluth das Auge blendete.

Nach längerer Zeit traf ich unerwartet auf einen Wildpfad, der Spuren

vorübergegangener Zebras aufwies und da diese noch frisch, verfolgte

ich sie in entgegengesetzter Richtung in der Voraussetzung, daß die

Thiere von der Tränke gekommen sein mußten. Ich hatte mich auch nicht

getäuscht, denn bald traf ich auf diesem Pfade dichtes Ufergebüsch an,

daß sich erst lichtete, als ich eine Art Graben erreicht hatte, der

aber so überwuchert war, daß es einzig nur für Thiere möglich schien,

hindurchzudringen.

Wohl hätte ich am Ende des dunklen Ganges leicht Wasser finden können,

wenn ich mich hindurch hätte winden wollen, aber ohne ein Mittel

dieses zu schöpfen, scheute ich mich auch dort Wasser zu trinken, wo

allnächtlich der Panther, Hyäne und andere Thiere zur Tränke kamen;

mehr noch ließ mich die Unheimlichkeit des Ortes davor zurückschrecken,

da unvorbereitet, eine Begegnung mit einer gefährlichen Katze keine

besondere Annehmlichkeit ist, wie ich es im Somali-Land bei Kismaju

erfahren mußte, wo ich mit einem Begleiter, anstatt Menschen zu finden,

die uns und die Gefährten in bitterer Noth helfen sollten, im dichten

Gebüsch einen sprungbereiten Panther antraf, und hätte nicht ein

glücklicher Zufall das blutdürstige Raubthier verscheucht, würde ein

Angriff dieser Katze doch wohl einen bedenklichen Ausgang genommen

haben.

Den quälenden Durst bezwingend, wandte ich mich zunächst flußaufwärts

und erkämpfte mir sozusagen Schritt vor Schritt einen Weg durch das

dornige Dickicht, um zum Flusse zu gelangen, hoffend, daß es mir

gelingen würde irgendwo doch noch Wasser zu erreichen; aber wie

unglaublich schwierig es ist im glühenden Sonnenbrand durch solches

Gestrüpp sich zu winden, kann man nur nach persönlicher Erfahrung

beurtheilen. Endlich stand ich am Ufer, das aber überall steil abfiel

und nirgends einen Zugang zum Flusse bot; ich sah unter mir nur Rohr

und dichtes Schilfgras, welches die Wasserfläche weithin bedeckte, so

daß, hätte ich auch herankommen können, dieses dem Fuße keinen Halt

geboten haben würde, um zum fließenden Wasser zu gelangen.

Vergeblich also war alles Mühen gewesen -- so nahe dem erquickenden

Naß und doch so unerreichbar -- da entschloß ich mich, um die Qual zu

lindern, eine im Urwald gefundene Frucht, von breitästigen gewaltigen

Bäumen, ähnlich einer Citrone, goldgelb und saftig, anzuschneiden und

diese zu versuchen; allein kaum hatte der Saft die Lippen berührt,

als sie, wie mit einer ätzenden Flüssigkeit besprengt, sofort

entsetzlich an zu brennen fingen und zu dem qualvollen Durst kam noch

der entsetzliche Schmerz! Nun fast völlig ermattet, suchte ich am

Rande der Grasebene fortzukommen, in der Voraussetzung, daß das Lager

flußaufwärts liegen müsse. Doch nach einiger Zeit kamen mir ernste

Zweifel, ob ich wohl die rechte Richtung eingeschlagen hätte, da in

dieser Wildniß nichts einen Anhaltepunkt abgab, und die schwerwiegende

Frage war, flußaufwärts- oder -abwärtsgehen. Ein langes Besinnen in

solcher Lage konnte nur von Nachtheil sein und Wankelmuth irreleiten,

darum, ob falsch oder recht, weiter ging ich, das Gewehr als Stütze

benutzend, denn die sonst leichte Last lag wie ein Centnergewicht schon

auf den Schultern.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 11 / 51 段