doch bald viele Hände, noch ein delikates Abendessen herzurichten. --
Der Eine reinigte das benöthigte Fleisch, der Andere klopfte es, der
Dritte übernahm das Schmoren in Butter, die hier immer dünnflüssig
und nur zu solchem Zwecke noch gut genug war. Zwiebeln und Bataten
hatten wir auch und was das Beste, mit Oel und Essig machten wir
uns aus eingehandelten Tomaten einen guten Salat zurecht. In der
afrikanischen Wildniß, wo jeder Comfort als etwas Unerreichbares oft
Unmögliches betrachtet werden muß, gewöhnt ein in die Verhältnisse sich
schickender Mensch, sich sehr bald daran mit dem Wenigsten oft Haus
zu halten und nirgend besser findet das Sprüchwort »Hunger ist der
beste Koch« Anwendung als hier, insofern, als die Noth erfinderisch
macht und Manchem, einst in Ueberfluß schwelgenden, die Kehrseite
des Lebens zeigt. Selbsthilfe gebietet die Nothwendigkeit, und diese
kann auf längerer Dauer für ein verwöhntes Menschenkind recht heilsam
sein, deren Erlernung oft auf Lebenszeit eine nicht zu unterschätzende
Wirkung ausübt.
Die Aussicht, mit unsern Leuten am Ueberfluß theilzunehmen, machte die
Bewohner des kleinen Dorfes sehr dienstwillig; sie nahmen, was sonst
wohl nicht der Fall gewesen wäre, sogar den Leuten das Wasserholen ab,
das bei dunkler Nacht und der Weite des Weges eine große Gefälligkeit
war; darum, wohl wissend, daß der Einzelne nur an sich selbst denkt,
sorgte ich schon bei der Vertheilung für deren Antheil, denn sonst
hätte derselbe nur aus Knochen und mageren Ueberresten bestanden.
In der Voraussetzung, daß der nächste Tag nach zurückgelegtem tüchtigen
Marsch uns an das Ziel, nach Chilomo, bringen würde, wollte ich am
anderen Morgen schon früher als sonst aufbrechen; mußte aber leider
die Wahrnehmung machen, daß mit dem Koch und einem Diener auch noch
zwei Träger während der Nacht das Weite gesucht hatten. Was diese
Leute bewogen hatte sich auf Nimmerwiedersehn zu empfehlen blieb mir
ein Räthsel, in der Behandlung, die eine überaus gute gewesen, war der
Grund dafür wenigstens nicht zu suchen.
Wir kamen natürlich dadurch mit den Lasten in eine arge Verlegenheit,
überdem, da keine Männer mehr im Dorfe anwesend waren, sondern sich
bereits sehr früh alle mit Frau und Kindern nach den entfernt liegenden
Feldern begeben hatten; ich ließ indes nachforschen und schließlich
wurden zwei Männer noch aufgetrieben, die sich erboten, wenigstens bis
zum nächsten Dorfe die Lasten zu tragen. Diese unliebsame Verzögerung
ließ es schon ausgeschlossen sein noch an diesem Tage, den 25., Chilomo
zu erreichen; daher, als wir nach einer guten Stunde, links von uns,
verdeckt durch hohe Bäume ein Dorf passirten, in dem bei Schießen und
Ngomaschlagen allem Anschein nach eine Festlichkeit begangen wurde,
ließ ich im Walde halten und mit 4 Soldaten die deutsche Flagge, wie
immer, vorauf, schritt ich in das Dorf.
Zwar verstummte bei meiner Annäherung der betäubende Singsang und
Trommelschlag für einen Augenblick, um dann, als mein Begehren den
Fumo des Dorfes sprechen zu wollen erkundet war, auch ein kleiner
Bube, als Wegweiser zu dienen den Auftrag erhalten hatte, desto toller
wieder loszugehen. Was der Grund für diese auf einer kleinen Anhöhe
ausgeführten Tänze war, habe ich nicht erfahren können, soviel nur
sah ich, daß die Bewohner des ganzen Dorfes, Männer, Frauen, Mädchen
daran theilnahmen und nach der Aufregung zu schließen und den leeren
Pombetöpfen, die in beträchtlicher Anzahl umgestoßen oder leer umher
standen, mußte diese Festlichkeit schon die Nacht hindurch gewährt
haben. Mir kam das unsinnige Abfeuern der Vorderlader, das Schwingen
von Speer und Bogen, nicht besonders anheimelnd vor, dennoch trotz der
herrschenden Erregtheit, welche die schwarzen Gestalten wie eine Anzahl
besessener Teufel tanzen ließ, war durchaus keine Gefahr vorhanden,
obgleich der Neger, wenn er durch eine große Menge Pombe berauscht
geworden, gerade keine sehr umgängliche Person ist.
Auch das überlustige Gebahren der Frauen und Mädchen fiel mir noch
besonders auf, eine solche Ausgelassenheit wie hier hatte ich noch nie
Gelegenheit gehabt zu beobachten; denn immer halten sich diese in ganz
bestimmte Grenzen.
Den Fumo, der von der Anwesenheit eines Weißen in seinem Dorfe
unterrichtet worden war, traf ich, beim Betreten seiner Hütte,
damit beschäftigt, eiligst Ordnung im Vorraume zu schaffen, mit
der löblichen Absicht dem einkehrenden Gaste einen freundlicheren
Anblick zu gewähren. So eigenartig wie die Umgebung, so auffällig
war auch die Persönlichkeit, die mir entgegentrat. Stark und kräftig
gebaut, mit energischen Zügen und schwarzem Vollbart, war diese
Erscheinung ganz darnach angethan einen kleinen Herrscher vorzustellen,
und so auffallend selbstbewußt ist mir selten ein schwarzer Mann
entgegengetreten.
Nach kurzem Austausch über das Woher und Wohin ersuchte ich den Fumo
mir gegen gute Bezahlung (etwa +à+ Mann zwei Ellen Zeug) vier
seiner Leute stellen zu wollen, denn meine Lasten seien zu schwer,
weshalb ich einige Leute bis Chilomo bedürfe. -- Unverzüglich traten
auf Befehl des Fumo vier kräftige junge Männer an und als ich deren
Namen aufgeschrieben hatte, was in ihren Augen ein bindender Akt ist,
erkundigte ich mich noch beim Häuptling über Naturalien, Mais und
Mtamamehl etc.; erfuhr ferner auch, daß die Festlichkeit im Dorfe eine
Hochzeitsfeier sei, wobei er die Bezeichnung machte, es seien alle
Theilnehmer berauscht und viel Pombe getrunken worden; lachend gab ich
ihm die Hand und Kehrt, Marsch ging es aus dem Dorfe hinaus in das
Waldesdunkel hinein.
Nach den unklaren Angaben zu urtheilen, welche die Träger über die
Länge des Weges machten, schien es fast möglich zu sein noch an
diesem Tage Chilomo erreichen zu können, wenn auch gewiß nicht vor
anbrechender Nacht. Indes die Anforderungen, welche an die Träger
gestellt werden mußten, würden große sein, deshalb das Gewisse dem
Ungewissen vorziehend, ließ ich in nicht so eiliger Hast die letzten 25
Kilometer zurücklegen und gemächlicher marschiren, fand daher auch mehr
Zeit und Muße die wilde Natur um mich beobachten zu können.
Neben den schillernden Schmetterlingen und im Sonnenstrahl
goldglänzenden Käfern, sah ich häufig eine ganz kleine Vogelart,
deren Gefieder unauffälliger war als das des schillernden Kolibris,
sonst waren die Thierchen ebenso flink und gewandt, nur nicht mit
so überreicher Farbenpracht ausgestattet, wie die gütige Natur den
kleinsten ihrer gefiederten Geschöpfe bedacht hat. Eine Art Wiedehopf
mit schönem grauen Kleid, sowie Spechte, die geschwind an den hohen
Baumstämmen auf und nieder kletterten, wilde Tauben, deren Gurren
durch die Waldstille klang, Feld- und Perlhühner, führten in dieser
Einsamkeit ein ungestörtes Leben.
Oft senkte ich das tödtliche Rohr, um nicht diesen Waldfrieden durch
ein weitschallendes Echo zu stören, mehr aber, um die friedlichen
Geschöpfe, die so harmlos und ohne jede Furcht ahnungslos den Tod
empfangen hätten, zu verschonen. Manche schöne, seltene Blume blüht
auch im Gebüsch oder Schatten des lichten Waldes -- aus ihren Kelchen
trinken summende Bienen in Gemeinschaft mit Käfern, denen der tief im
Innern des Kelches verborgene Tautropfen ein Wonnetrank ist; ebenso
würden vielfältige Strauch- und Baumarten einem Botaniker zum Studium
dienen können. Auch eine Kactusart, die nur lange stachlige Blätter
aufwies, fand ich an den Wegen vor, eigentlich an Orten, wo die
Sonnenstrahlen im Walddickicht freieren Zutritt hatten. In Rissen oder
anderen durch das eigenartige Gebilde dieser Pflanze ausgewachsenen
Vertiefungen fanden sich immer kleine von nächtlichem Thau gefüllte
Wasserbehälter vor, und Insekten sowie kleinere Vögel suchten hier
stets ihren kühlen Morgentrunk, von vorsorgender Hand bereitet, zu
erlangen.
Am nächsten Morgen, während wir über Nacht nochmals die
Gastfreundschaft eines Dorfhäuptlings in Anspruch genommen hatten,
kamen wir nach einstündigem Marsche in ein zerrissenes Terrain,
wo unzweifelhaft an den Abhängen des Waldgebiets die Fluthen des
Schireflusses einst vorbeigerauscht sind und ihre Kraft erprobt haben;
denn deutlich war das alte Ufer noch zu erkennen, das steil und hoch
sich gegen die weite tiefliegende Grasebene abhob. Quer durch diese
weite Grassavanne, die recht geeignet ist dem Wilde als Tummelplatz zu
dienen, das sich bei Tage in den Schatten der Wälder zurückzieht und
nur in den Abendstunden oder am frühen Morgen zur Aesung und Tränke
geht, schritten wir hin und suchten uns anfänglich aufs Geradewohl
einen Weg, nur die Richtung hielten wir ein nach welcher hin das
Lager von Chilomo liegen mußte. Erst als befürchtet werden konnte,
daß einige Nachzügler irre gehen würden theilten wir die Leute in
drei Abtheilungen ein, sodaß jeder Europäer einen Zug führte. Darauf
hielten wir uns so, daß möglichst in gleicher Höhe jeder für sich
durch das Grasmeer, in dem nichts als der Himmel über uns zu sehen
war, vorzudringen suchte. Ein Abweichen oder Verirren wurde durch
beständigen Zuruf und Antwort vermieden. Diese Art des Marschirens
wählte ich deshalb, weil es für den Europäer leichter ist die
dichtaufgeschlossen gehenden Träger zu kontrolliren, indem er dann nur
wenige Mann zu überblicken brauchte, soweit dieses in dem wogenden Gras
überhaupt möglich war. Gingen wir hingegen in langer Linie vor, würde
bald der eine oder andere der Träger durch das scharfe Gras oder durch
einen eingetretenen Dorn verletzt aus der Reihe seitwärts treten und
zurückbleiben, während das Gros vorwärts geht und ist man schließlich
aus dem Grase heraus, hat freieres Terrain gewonnen, dann heißt es
auf die Nachzügler lange warten; oft sind auch noch Leute wieder
zurückzusenden, die durch Rufen die im Grase Irrenden den rechten Weg
weisen. Es war gut, daß ich Tags zuvor nicht durch einen forzirten
Marsch das Lager zu erreichen gesucht hatte, denn in der Dunkelheit,
wenn bereits die Grasebene erreicht worden wäre, menschliche Wohnungen
welche weit hinter uns gelegen und wir vorwärts hätten gehen müssen,
würde es uns wohl unendlich schwer geworden sein, in solchem Grase den
rechten Weg zu finden.
Wollte ich nun ein Urtheil über den zurückgelegten Weg abgeben, so
kann ich behaupten, daß derselbe für unsere Feldbahn befahrbar ist,
da nicht sonderlich große Hindernisse wegzuräumen sind, allerdings
würde sich der Zug an der Waldlisière halten, auch einige Waldpartien
durchschnitten werden müssen, um nicht zu große Umwege zu machen,
ebenso würden hin und wieder Bäume zu fällen sein; diese Arbeit wäre
indes von geringerer Bedeutung, eher wäre zu befürchten, daß Mangel
an Trinkwasser uns zwingen wird, dem Flußufer nahe zu bleiben. Trifft
dieses zu, dann sind wir den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt und
die Arbeit muß uns doppelt schwer werden. Der letzte Theil des Weges,
der weniger eben, mehr wellenförmig ist, würde etwas schwieriger zu
befahren sein, indes glaube ich, daß dieses hügelige Terrain sich
umgehen ließe, wo nicht, bietet der Rand der Grasfläche immer noch ein
passables Fortkommen.
Sollte es übrigens Wirklichkeit werden und die Feldbahn in Anwendung
kommen, auch die erwartete Hilfe in Chilomo eintreffen, würden die
Unebenheiten des zu nehmenden Weges mit so großer Anzahl Menschen
leicht zu überwinden sein, um so eher als für das Legen des
Schienengeleises kein geebneter Boden erforderlich ist.
Im Lager angekommen, das an einer flachliegenden Stelle dicht am
Flusse angelegt worden war und insofern ungünstig lag, als bei starkem
Regenfall dasselbe unter Wasser stand, fand ich mich in der Erwartung,
die angekündigten Leute hier anzutreffen, getäuscht, auffälliger noch
fand ich es, daß von einem Anmarsch der 500 Mann keinem etwas bekannt
geworden war. Somit hatte ich bis zum Eintreffen weiterer Ordre hier
geduldig zu warten, und trat zunächst, um einen anderen Auftrag zu
erledigen, mit dem englischen Gouvernementsbeamten Mr. Hiller in
Verbindung. Es handelte sich nämlich um die Verlegung unseres Lagers
nach der anderen Flußseite, wo das Ufer hoch und steil war, demnach
auch ein besserer und trockenerer Platz gefunden werden konnte. Die
Wohnhäuser und Schuppen lagen hier etwa 100 Meter zurück und würden
durch die Aufstapelung unserer Lasten nicht behindert werden, sollte
es aber wirklich den Engländern nicht genehm sein, die deutsche
Expedition in unmittelbarer Nähe zu haben, war immer noch die von der
Mündung des Rnoflusses und dem Schire gebildete Landspitze frei, wo
reichlicher Platz vorhanden. Nur insoweit war die Lage ungünstig,
als hier am senkrecht steilen Ufer ein Aus- und Einladen unserer
schweren Eisentheile äußerst schwierig wurde. Ich fand nun zwar nach
eingehender Erörterung ein williges Gehör und ein Entgegenkommen
insoweit, als ich zwischen der erwähnten Landspitze und eines weiter
flußaufwärts liegenden Platzes, der aber fast schlechter war als der
alte Lagerplatz, zu wählen hatte. Meine Entgegnung, daß der erste
überhaupt nur in Frage kommen könne und dann für uns auch nur von
Werth sein würde, wenn ich die Erlaubniß erhielte, einen Einschnitt
in das hohe Ufer machen zu dürfen, wo hinauf wir, gleich wie an
anderen Anlegestellen, unsere Lasten bringen könnten, wurde mit der
Erwiderung zurückgewiesen -- solche Demolirung des Flusses werde nicht
gestattet! Alles, was ich daraufhin noch erlangte, war, daß ich an
dem Orte, wo Major von Wißmann schon Militär-Effekten und Proviant
gelagert hatte, noch mehr Lasten hinschaffen lassen konnte. Mit dieser
Arbeit ließ ich denn auch sofort beginnen und mittelst unseres hier
befindlichen kleinen Stahlbootes und einiger Canoes gefährdete Sachen
zum anderen Ufer, wo der erste Maschinist Spenker die Aufsicht führte,
hinüberschaffen.
Am dritten Tage traf ein flußaufwärts kommender Leichter in Chilomo
ein, der so weit vorgedrungen war, als es die Wasserverhältnisse irgend
gestattet hatten und, wenn auch Katunga nicht erreicht worden war,
nochmals eine Zwischenstation hatte errichtet werden müssen, so war
ein Theil des Transportes wenigstens eine beträchtliche Strecke weiter
vorgeschoben worden. Kurz darauf traf auch der zweite Leichter, von
Port Herald kommend, hier ein, so daß ich beide noch nach schnellem
Um- und Beladen flußaufwärts nach der Etappen-Station expediren
konnte, ehe ich mich zur Abreise fertig machte, um den laut Nachricht
bereits aufgebrochenen Eisenbahntransport aufzusuchen. Ein längeres
Warten auf die Ankunft der 500 Leute oder auf bestimmte Nachricht war
zwecklos, allem Anschein nach auch vergeblich, sofern bei Katunga die
Arbeiterverhältnisse nicht ganz entgegengesetzte wären wie hier, wo
nicht mal Leute aufzutreiben waren, um die Besatzung der Leichter zu
vervollständigen.
Gleichzeitig sei hier erwähnt, daß die Führung der Leichter auf
dem Schireflusse keine Kleinigkeit war und dies um so mehr, als
häufig unzureichende Kräfte vorhanden gewesen sind, um solch großes
Fahrzeug zu ent- und beladen. Die größte Kunst aber lag darin, einmal
angeworbene Leute auch festhalten zu können, die, eingearbeitet, von
großem Nutzen sein konnten, wohingegen eine stets nach jeder Tour
wechselnde Mannschaft dem Europäer die Arbeit gewiß nicht erleichterte.
Alles lag an die Behandlung der Leute. Ausnahmsweise gut verstand der
Schmidt »Brückner« die Eingeborenen zu nehmen, gerecht und gütig gegen
dieselben, konnte er Erfolge aufweisen, die ich mit meiner Erfahrung
ihm schwerlich hätte nachgemacht; lag es auch zum Theil daran, daß er
ein guter Schütze war und möglichst für Fleisch für seine Leute sorgte,
so war doch die Aufmunterung und verständige Behandlung die Hauptsache
dabei.
Engelke und Riemer, die mit mir den Marsch nach Chilomo gemacht hatten,
wurden auch weiter nach Katunga und Etappe kommandirt, um auf diesen
Stationen die Aufsicht zu führen.
Am nächsten Tage traf de la Fremoire, von Katunga kommend, in Chilomo
ein mit der halb schon vermutheten Nachricht, daß nicht ein Mann zur
Unterstützung der Transportexpedition hat gesandt werden können,
der Major sei vielmehr gezwungen, mit seinen Soldaten die in Stücke
zerlegte Sektionsboote über das Schiregebirge schaffen zu lassen, da
auch dort keine Träger zu bekommen seien. de la Fremoire, mit Ordre für
von Eltz versehen, mußte schnell weiter und, da doch nun das kleine
Stahlboot benutzt werden mußte, so beschloß ich, die Fahrt mitzumachen.
In kühler Abendstunde auf den ruhigen Fluthen der Schire hinziehend,
war es eine Wohlthat, die frischen Lüfte einathmen zu können, die aus
den Grassavannen und Wäldern herüberwehten und den Körper ungemein
erfrischten; bis in die Nacht hinein glitten wir auf den schimmernden
Wassern hin -- dem eintönigen Gesang der Ruderer lauschend, die im
gleichmäßigen Takt ihre Paddel gebrauchten und das Boot schnell
vorwärts trieben. Erst als das Bedürfniß nach Leibesnahrung sich
fühlbar machte, dachten wir daran, einen Anlegeplatz aufzusuchen, wo an
schnell entzündeten Feuern einige Eier gekocht werden konnten, die wir
im Lager noch erhandelt hatten und jetzt mit einem Stückchen Hartbrot
verzehrten.
In Decken gehüllt, der Sternenhimmel unser Zelt, legten wir uns bald
unter die aufgestellten Mosquitonetze nieder, um von den blutdürstigen
Mücken, die im Gebüsch zahlreich vertreten waren, verschont zu bleiben.
Nur der einsame Posten, Gewehr im Arm, hatte über die Schläfer zu
wachen und die Feuer zu unterhalten, deren beißender Qualm die
summenden Mosquito fern halten sollte.
Auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen, im Schatten der überhängenden
Gebüsche, die mit Lianen undurchdringlich verwoben waren, hatten wir
besondere Gelegenheit, die zersetzende Kraft der Wasser zu beobachten,
wie diese langsam das Erdreich abspülten und mit unfehlbarer Sicherheit
jeden am Ufer stehenden Baum zum Fallen bringen mußten. Als wir vor
den Gluthen der Mittagssonne Schutz im kühlen Baumschatten suchten,
bemerkten wir am nicht fernen Waldessaum ruhig äsende Wasserböcke; es
gelang auch Fremoire, diese anzupirschen und ein stattliches Thier zu
erlegen.
Nach kurzer Rast ging es wieder flußabwärts; erst gegen Abend hörten
wir von Eingeborenen, daß die Feldbahn landeinwärts vorüberziehe, und
schnell einen Anlegeplatz suchend, erreichten wir dieselbe nach kurzer
Zeit.
6. Der Eisenbahn-Transport. Das Lager bei Umpassa.
Nur zwei Tage später, nachdem ich Port Herald verlassen hatte, am 26.
Oktober, war von Eltz mit dem Transportzug aufgebrochen, und obgleich
nur 198 Mann gestellt worden waren, ging es auf dem geebneten Wege zwar
langsam aber stetig vorwärts, so daß 13 Schienenlängen +à+ 400
Meter, mithin über fünf Kilometer am ersten Tag zurückgelegt wurden.
Diese Leistung kann nur auf den guten Willen der Leute, auf welche das
Neue einen großen Reiz ausübte, zurückgeführt werden; denn bedenkt
man, da je zwei Mann ein Schienenjoch trugen, alle Leute mindestens
zwei Mal einen Weg von 400 Meter zu machen hatten, ehe das Geleise
hinter den Wagen abgebrochen und vorne wieder angelegt war, dann noch
auf nicht gerade plattem Boden die Wagen vorschieben mußten, so wird
es erklärlich, wie anstrengend solche ununterbrochene Arbeit für
Menschen, die noch nie dergleichen gethan hatten, sein mußte. Auch
trug der Umstand, daß während der ersten Tage der Weg durch lichten
Wald genommen werden konnte, viel dazu bei, die Kräfte zu erhalten; im
kühlen Schatten war die Arbeit eine wesentlich andere, als wenn solche
in der glühenden Sonne hätte vollbracht werden müssen.
Indessen, als ich am 31. Oktober Abends die festgefahrenen Wagen noch
entladen ließ, um diese wieder auf die Schienen heben zu können und das
zerrissene Geleise wieder herstellte, fiel mir schon eine bedenkliche
Muthlosigkeit auf, wenigstens von einem Eifer für die Sache war nicht
viel zu bemerken. Diese Abspannung und Unlust bedingte auch, daß das
Resultat der Arbeit jeden Tag geringer geworden war, bis schließlich
jeden Tag während 8 Arbeitsstunden nur etwas über drei Kilometer
zurückgelegt wurden. Ein Antreiben der Leute zur größeren Thätigkeit
hatte nur zur Folge, daß durch Deserteure die Zahl vermindert wurde und
den Bleibenden die Arbeit so viel schwerer fiel.
Leider waren wir schon am nächsten Tage gezwungen, den schattigen Wald
zu verlassen und näher dem Flusse, in die Grasebene hinaus, den Zug zu
leiten, da auf eine weite Strecke das Waldterrain nun zurücktrat. Wir
hätten auch beim Verfolgen des alten Weges nicht Wasser gefunden und
mußten somit der Nothwendigkeit gehorchen und dem Flusse nahe bleiben.
Ich hatte seiner Zeit für den Victoria-Nyanza-Transport tragbare Fässer
anfertigen lassen, die nun für uns von großem Nutzen wurden, indem
für die beträchtliche Anzahl Menschen wenigstens für einen halben
Tag Wasser mitgeführt werden konnte. Blies aber die Trompete Mittags
oder Abends »das Ganze Halt«, dann war auch für die Leute kein Halten
mehr, ob der Schire-Fluß weit oder nahe, hin mußten sie; daß sie aber
freiwillig die leeren Fässer mitnahmen und füllten, daran dachten sie
nicht, jedes Mal mußten erst welche dazu kommandirt werden.
So lange die feuchtkalten Morgennebel noch über die Ebene wallten,
wurde eine größere Regsamkeit bei allen Leuten Bedürfniß; war man
doch ohne jeglichen Schutz, höchstens daß über dem Feldbett ein
wasserdichter Plan ausgebreitet wurde, der kalten Nachtluft ausgesetzt
worden.
Stets an der Tete, wies ich der Bahn den Weg, und hatte besonders auf
das Legen des Schienengeleises zu achten; war das letzte Joch gelegt
worden, kehrte ich den Weg zurück und ließ die Wagen vorschieben.
Der vorderste Wagen, der die Kurven und sonstigen Geräthe enthielt,
wurde immer von dazu angestellten Suaheli, gleichzeitig mit den
vorausgelegten Schienen vorgeschoben, um alles Benöthigte gleich
zur Hand zu haben. Im Uebrigen waren die Europäer, unser 6 Mann, so
vertheilt, daß zwei hinten das Aufnehmen des Geleises beaufsichtigten,
zwei bei den Wagen als Bremser fungirten, während ein Proviantmeister,
der mit Hülfe der Diener und Köche für das leibliche Wohl zu sorgen
hatte, sich am Transport nicht zu betheiligen brauchte.
Im Vorgehen das übermannshohe Gras noch niederzuschlagen, dazu fehlte
es an Leute, darum, wo es nicht unbedingt nothwendig war, den Weg zu
ebnen, ließ ich die Schienen einfach weiterlegen -- durch die Last der
Wagen wurde dann dasselbe schon genügend niedergebrochen. Nur unsere
armen Kerle mit ihren nackten Beinen litten sehr darunter, fortwährend
hockten einige nieder und zogen sich gegenseitig die eingetretenen
Stacheln und Dornen aus dem Sohlleder ihrer Füße; das schilfartige Gras
wurde höchst lästig für uns. Ebenso wurden bei dieser schweren Arbeit
die Strahlen der niederglühenden Sonne oft unerträglich, und um dieser
Gluth zu entgehen, legte man sich in den Ruhepausen gerne unter die
Wagen, nur um ein wenig Schatten zu finden. Kein Wunder war es daher,
daß uns die Leute erschlafften -- nach Negerart sich von der Arbeit zu
drücken suchten und uns wenigen Europäern es sauer machten; sie mußten
fortwährend aufgetrieben und zur Arbeit angehalten werden.
Jeden Morgen, sobald die Aussicht frei, d. h. die wallenden Nebel von
den Sonnenstrahlen zerstreut waren, sahen wir an der Waldlisiere oder
an erhöhten Punkten in der Ebene einige Busch- oder Wasserböcke, die
zu uns herüberäugten, und meistens war es von Eltz, der schon früh zur
Jagd aufbrach und sich an das Wild heranpürschte, auch fast immer 1 bis
2 Stück mitbrachte; indessen ich mit der Bahn weiterzog und während der
kühlen Morgenstunden auch vorwärts kam.