Schwierigkeiten bieten wird, wurde in einer Unterredung mit von
Eltz, bis zu dessen Lagerplatz ich am selben Tage noch geeilt war,
beschlossen, trotz der geringen Mannschaft die uns zur Verfügung stehen
würde, die Feldeisenbahn aufzustellen und schon am nächsten Tage ließ
ich mit der Zusammensetzung des 400 Meter langen Schienengeleises
beginnen. Den ganzen Schiffskörper, sowie die Feldbahn hatten wir
im offenen Felde nahe dem Ufer gelagert, aus dem Grunde, weil das
Transportiren so vieler schwerer Eisentheile nach dem entfernten Lager
bedeutenden Kraftaufwand erfordert hätte, auch lag hier das Material,
unter beständiger Aufsicht eines Wachtpostens gestellt, völlig sicher.
Erforderlich wurde nun, da die Aufstellung der Bahn in der Nähe dieses
Ortes vorgenommen werden mußte, zum Schutze der Europäer gegen die
glühenden Sonnenstrahlen ein Schutzdach zu errichten unter welchem
hindurch das Geleise bis zum Lager geführt, und hier im Schatten die
Zusammensetzung der 32 Wagen beendet werden konnte. --
Gelegentlich bei der Vollendung eines für das Gouvernement fertig
gestellten Hauses bot sich uns Gelegenheit den Tänzen der Eingeborenen,
namentlich der am Bau betheiligt gewesenen, zuzuschauen. Und um
der Sache mehr Effekt zu geben, luden die englischen Beamten die
Dorfältesten ein, auf dem freien Raume inmitten des Häuserkomplexes
ihre Festlichkeit abhalten zu wollen, mit der Zusicherung, daß ihnen
dazu reichlich Pombe, einheimisches Bier geliefert werden sollte.
Was an jedem Abend in den Dörfern, bei Mondenschein, selbst Nächte
hindurch, im kleineren Maaße aufgeführt wurde, sollte hier einen etwas
großartigeren Anstrich gewähren und wahrlich auf einen Zuschauer machte
die eigenartige Scenerie einen wirksamen Eindruck.
Ein Nachtlager bei Granada könnte ich fast die bei Feuerschein und
hellem Mondenlicht im weiten Kreise lagernde Versammlung bezeichnen,
so pittoresk durcheinander lagen und hockten die schwarzen, nackten
Gestalten. Die Feuer durch immer neue Zufuhr von trockenem Rohr häufig
zur hellen Gluth angefacht, warfen über alle ihren rothen Schein, um
zusammensinkend, diesem Schatten Platz zu machen. Die Häuptlinge und
Aeltesten hatten, auf Matten sitzend, den engen Kreis der durch die
Frauen und Mädchen gebildet wurde, geschlossen, zur Linken aber die
Europäer auf herbeigebrachten Stühlen oder Kisten Platz genommen.
Selbstverständlich war das versprochene Bier schon aufgefahren
worden, und die stattliche Anzahl großer irdener Töpfe zeigten bald
eine bedenkliche Leere und zeugten davon, daß die Zecher von dem
gespendeten Trank den ausgiebigsten Gebrauch zu machen verstanden;
weniger betheiligten sich die Europäer daran, nur, wenn eine junge Maid
mit tiefem Knicks einen Trunk kredenzte, wurde derselben ein solcher
nicht abgeschlagen, im Uebrigen begnügten wir uns mit einem Gläschen
Schottisch-Whisky, dessen scharfer Geschmack durch Wasser gemildert
wurde.
Der Tanz, ausschließlich nur von Frauen ausgeführt, begann mit einem
kleinen Reigen nach dem Takte eines eintönigen Gesanges und begleitet
durch Händeklatschen. Ein Dutzend Frauen dicht aufgeschlossen, bewegen
sich im Kreise um die Vorsängerin und schlagen gleichmäßig mit Händen
und Füßen den Takt zu dem Refrain, der von allen gesungen wird.
Bald aber aufgemuntert durch die lobenden Zurufe der in großer Zahl
versammelten Männer, vermehrt sich die Zahl der Tanzenden bis alle
anwesenden Frauen theilgenommen haben. Allmählich geht der Tanz zu
rascheren Bewegungen über; das tiefe Neigen der Körper, das Wiegen in
den Hüften, das gleichmäßige Vor- und Rückwärtsschreiten, mit einer
Präzisität ausgeführt, als geschähe alles nach Kommando, dazu das
Stampfen mit den Füßen, die um die Knöchel mit Messingringe als Schmuck
beschwert sind, wodurch ein eigenthümliches Rasseln verursacht wird,
giebt dem Beobachter die Ueberzeugung, daß zu solcher Fertigkeit nicht
nur ungewöhnliche Uebung gehört, sondern die eigentlich unharmonischen
Gesänge mit diesen Bewegungen in Einklang gebracht sind.
Mehr und mehr giebt sich bei den Tanzenden eine Art Erregtheit kund,
namentlich wenn sie durch Pantomimen ein Liebesspiel darstellen wollen,
das durch schnelle Bewegungen der einzelnen Paare, durch rasches
Abwenden von einander und wieder dichtes Aufschließen ermüdend wirken
muß, aber nicht eher ist ein solcher Tanz beendet, als bis alle Zeichen
völliger Ermattung zeigen. Tritt eine Vorsängerin ab, nimmt eine andere
sofort deren Platz ein und je nach dem aus dem Stegreif hergesagten
Text werden die Körperbewegungen lebhafter oder langsamer.
Schließlich in Schweiß gebadet, sodaß die schwarzbraune Haut im
Feuerschein glänzend erscheint, werden die scharfen Ausdünstungen der
Körper für das empfindliche Geruchsorgan des Europäers lästig, sofern
nicht schon der durch das fortwährende Stampfen erzeugte Staub den
Weißen den Rückzug antreten ließ. Wie empfindungslos und abgehärtet
bereits die Säuglinge sein müssen, erhellt daraus, daß auf dem Rücken
der Mütter in einem Tragetuch gebunden, das gleicherzeit auch die
ganze Bekleidung der Frau ausmacht, bei all den raschen Bewegungen,
die solch ein Tanz erfordert, in guter Ruhe schliefen; ob der Kopf des
Kindes auch bald rechts bald links zu liegen kam, oder fortwährend,
oft nicht unsanft, hin- und hergeworfen wurde, das störte die kleinen
Schläfer nicht. Uebrigens bei allen Arbeiten, welche die Frau in Feld
oder Hütte zu verrichten hat, trägt sie das Kind in dieser Weise mit
sich und die Natur muß wirklich den Schädel des Negers ungemein dick
und fest gebildet haben, sonst könnte nicht schon ein nur wenige
Tage altes Kind den glühenden Strahlen der Sonne ohne jede Bedeckung
ausgesetzt werden können; einer Sonnengluth die unfehlbar den Tod eines
Europäers herbeiführen würde, wollte er sich auch nur kurze Zeit ohne
Kopfbedeckung derselben aussetzen.
Eine besondere Beachtung verdient noch das devote Benehmen der Frauen
den Männern gegenüber, diese knieten jedesmal besonders vor dem
Höherstehenden, bei Ueberreichung eines Trunkes nieder und verharrten
in dieser Stellung solange, bis ihnen das Gefäß zurückgegeben wurde
und dann sich noch verneigend, bezeugten sie durch Füßescharren
ihre Reverenz. Mit nur geringen Unterbrechungen wurden die Tänze
fortgesetzt; die späte Stunde, die zur Ruhe mahnen sollte, kennt der
Eingeborene nicht, vielmehr so lange nicht die Pombetöpfe geleert
oder Trunkenheit ihn umsinken macht, wird bei Tanz und Ngomaschlag
(Trommelschlag) oft bis zum frühen Morgen Singsang und Trinken
fortgesetzt. Es ruft ihn ja auch keine Pflicht noch Arbeit, und
sorgenlos kann er in seiner Hütte den Tag verschlafen, und, wenn der
Vorrath reicht, am Abend wiederum das Gelage fortsetzen.
Die Tage im Anfang des Oktobers waren hier fürchterlich heiß, es war
als wenn die Atmosphäre ein glühender Ofen wäre. Aus Rücksicht auf die
Gesundheit der Europäer ließ ich oft mit der Arbeit schon um 10 Uhr
Morgens aufhören und erst um 3 Uhr Nachmittags wieder beginnen, denn
selbst im Schatten erschlaffte der Körper dermaßen, daß es zu einem
Gebot der Nothwendigkeit wurde, durch Ruhe neue Kräfte zu sammeln.
Wenige Tage nur dauerte diese ausnahmsweise glühende und trockene
Hitze; eine Veränderung und Abkühlung mußte in Kürze erfolgen, worauf
auch die Wolkenbildungen am Abend schließen ließen, die sich aber
immer wieder vertheilten; bis urplötzlich eines Nachmittags von
verheerendem Sturm getrieben, das Unwetter hereinbrach. Furchtbar
äußerte sich die Naturgewalt, daß es dem Menschen dabei unheimlich
werden konnte; aus den sehr tiefhängenden Wolkenmassen zuckten
unaufhörlich Feuergarben über das ganze Himmelsgewölbe, glühenden
Schlangen gleich, die die schwarzen Massen spaltend, in der Tiefe eine
Hölle von Feuer momentan erblicken ließen; dazu der rollende Donner,
der dem zuckenden Blitzstrahl unmittelbar folgte, schien Himmel und
Erde mit schrecklichem Krachen zerspalten zu wollen. Die Atmosphäre mit
Elektrizität überfüllt, durch das zuckende Feuermeer mit Schwefeldämpfe
gesättigt, wurde durch den niederströmenden Regen aber bald abgekühlt,
und die tagelang wie ein Alp drückende Luft wurde leicht und rein.
Die niederstürzenden Regenmassen würde man als einen Wolkenbruch
bezeichnen, wenn solche Wassermengen in den gemäßigten Zonen sich über
die Erde ergießen, in den Tropen indes ist es keine ungewöhnliche
Erscheinung und nichts Seltenes, daß in kurzer Zeit die betroffene
Gegend einem weiten See gleicht. Sind dazu im Terrain Gefälle
vorhanden, dann werden durch das abfließende Wasser fließende Bäche
erzeugt, welche im Stande sind, große Mengen Erde mit fortzuführen.
Um angelegte Wege vor Vernichtung zu schützen, müssen solche mit
Seitengräben versehen werden, sonst wird häufig eine mehrwöchentliche
Arbeit in dem kurzen Zeitraum von einer Stunde zerstört. Gegen solchen
Regen und damit verbundenen Wirbelsturm waren unsere Grashäuser nicht
widerstandsfähig genug, das Wasser drang überall hindurch und was das
Schlimmste, das Unwetter brach so plötzlich herein, daß wir kaum
darauf vorbereitet waren, wenigstens eine solche Erfahrung noch nicht
gemacht hatten.
Es gab nun mit einem Male zu viel zu schützen, Kisten und Säcke, sonst
immer im Freien lagernd, mußten bedeckt oder unter Dach gebracht
werden, was für die zitternden Schwarzen eine höchst unangenehme Arbeit
war, da der Eingeborene nichts so sehr scheut, als den Regen und
irgendwo sich von den auf seiner nackten Haut niederfallenden Tropfen
zu verbergen sucht; so ist mit ihm auch nur wenig anzufangen, ja ist
selbst nicht abgeneigt, den Europäer in heikler Situation zu verlassen
und der Weiße, der nicht Einfluß genug besitzt, sieht sich plötzlich
allein.
In wenig Sekunden bis auf die Haut durchnäßt, suchte ich mit einer
Anzahl Leute das Nothwendigste vor dem strömenden Regen zu schützen,
allein diese Abkühlung, die einem die Zähne klappern machte, trug mir
ein heftiges Fieber ein, das erst nach mehrtägigem Krankenbett zu
weichen begann.
5. Ein Eilmarsch von Port Herald nach Chilomo.
Nach der Zusammensetzung des Geleises und der Aufstellung der gesammten
Wagen ließ ich möglichst schnell mit der Verladung unseres Materials
beginnen. Hierbei nun machte es den Eingebornen außerordentlichen
Spaß, die leicht rollenden Wagen mit schweren Lasten bepackt, hin-
und herfahren zu sehen und oft unaufgefordert legten sie an das
Wunderding, das der weiße Mann baut und laufen macht, Hand mit an.
Aus dieser Willigkeit hätte ein mit den Gewohnheiten der Eingeborenen
nicht Vertrauter den Schluß ziehen können, daß es nicht gar schwer
halten könnte, genügend Leute für den Transport der Bahn zu erhalten,
allein er möchte sich doch sehr getäuscht sehen, sobald an diese eine
Aufforderung zur beständigen Arbeit erginge. Kindliche Neugierde
nur ist es, die zwar das harmlos Neue dem Schwarzen begehrenswerth
erscheinen läßt, aber auch bald demgegenüber eine Gleichgültigkeit
erweckt, sobald dieselbe befriedigt ist. Was besonders für sie
interessant, war das selbstthätige Rollen der Räder und die
Ueberführung der Wagen auf ein Nebengeleise vermittelst unserer
einfachen Weichen, indes wir Europäer hatten wohl darauf zu achten,
daß rechtzeitig die Bremsen bedient wurden, sonst ließen die Leute die
Wagen aufeinander laufen und Beschädigungen würden nicht ausgeblieben
sein.
Was speziell die Arbeiterfrage anbelangte, hatte ich eines Tages im
Lager ein großes Schauri mit den herbeigerufenen Häuptlingen und
unter Mitwirkung des englischen Administrators Mr. Steavenson war das
Endergebniß, daß jeder Häuptling sich verpflichtete für uns eine
Anzahl Leute zu stellen, die bei freier Verpflegung ein Monatsgehalt
von zweieinhalb Rupie, etwa drei Mark +à+ Mann, erhalten sollten.
Nach den gemachten Zusagen zu urtheilen, glaubte ich bis zur Rückkehr
des Herrn von Eltz, mit Hilfe der schon in den nächsten Tagen
eintreffenden Leute, alles zum Aufbruch bereit zu haben, doch, als
ich mit den eigenen Leuten Suaheli, Soldaten und angenommene Arbeiter
wirklich so weit war, war noch kein einziger Mann angekommen und
erhielt wieder die Bestätigung, daß Zusagen der Eingeborenen wenig
zuverlässig sind.
So waren wir denn verurtheilt geduldig die Ankunft der versprochenen
Leute abzuwarten -- um aber die Zwischenzeit auszunutzen, ließ ich mit
den verfügbaren Leuten einen Weg für die Feldbahn ebnen, wo nöthig
im waldigen Terrain auch Bäume aus dem Wege räumen. Solche fliegende
Kolonne hätte, wenn uns genügende Kräfte zur Verfügung gestanden,
wesentliche Dienste geleistet, schon die Aufsuchung besserer Wege durch
Wald und Busch würde von großem Vortheil für den Feldbahntransport
gewesen sein.
Erst wenige Kilometer war ich vorgedrungen, als eines Abends nach der
Rückkunft von Eltz ein Eilbote von Ratunga unterhalb der Schirefälle
im Lager eintraf, der vom Major von Wißmann die Nachricht brachte, daß
500 Mann dort angeworben seien, die bestimmt um die Mitte des Oktobers
in Chilomo eintreffen würden, bis wohin der Führer de la Premoire die
Leute bringen würde; von dort müßten sie von einem anderen Führer
übernommen und nach Port Herald gebracht werden. Unzweifelhaft waren
vom Major gleich nach seiner dortigen Ankunft Erkundigungen über die
dortigen Verhältnisse eingezogen worden, und auf Grund dieser wurde ein
Eilbote nach Port Herald abgesandt, der noch verhindern sollte, daß im
Transportlager Anwerbungen stattfänden.
Unbekannt mit den Ereignissen bei der Vorexpedition, brachte die
eingetroffene Nachricht vom Anmarsch so großer Hilfskräfte Freude aber
auch Bedenken bei uns hervor. Letzteres, als sich die Frage sofort
aufdrängte, wie sollen in dieser Jahreszeit, in welcher fast überall
die Vorräthe nahezu aufgezehrt waren, so viele Menschen ernährt
werden; denn abgesehen davon, daß wir im Lager wenig Vorräthe an
Mehl und Lataten ansammeln konnten, mußte solches in der so schwach
bevölkerten Gegend, welche wir zu durchziehen hatten, noch weniger
der Fall sein. Dies alles trat jedoch vorläufig in den Hintergrund;
das Hauptsächlichste war zunächst unverzüglich dem Befehle des Majors
nachzukommen und einen Führer nach Chilomo zu senden. v. Eltz mochte
nicht gleich wieder dorthin zurückkehren und ich fühlte mich durch die
überstandene Krankheit noch zu schwach einen Eilmarsch von über 75
Kilometer zurückzulegen, der in glühender Sonne und durch pfadlose
Waldgebiete keine Kleinigkeit war.
Hätte uns nur ein Boot zur Verfügung gestanden, würden wir dieser
Schwierigkeit bald überhoben gewesen sein, zudem der Wasserweg der
bequemste und kürzeste war, indes das konnte nicht sein und, da nur von
Eltz und ich in Frage kam, entschloß ich mich den beschwerlichen Marsch
anzutreten. Als Begleiter wählte ich mir den zweiten Maschinisten
Engeke, den geeignetsten und zum Zwecke der Führung vieler Menschen,
ruhigsten Mann. Wir nahmen das Nothwendigste nur mit uns, sowie
Proviant und etwas Zeug und brachen am frühen Morgen des 23. Oktober
mit zwölf Trägern auf.
Insofern, als sich mir auf diesem Marsch Gelegenheit bot das Terrain,
welches wir später mit der Bahn durchziehen mußten kennen zu lernen,
war es gut, daß ich ihn unternommen hatte. Indes bald wurde der
Einfluß der glühenden Sonnenstrahlen auf den Körper so groß, daß
bei der schnellen Gangart völlige Ermattung eintrat und trotz des
festen Willens vorwärts zu wollen, die Füße den Dienst versagten.
Aus Erfahrung wußte ich, daß diese Schwäche nur die Nachwehen des
überstandenen Fiebers waren, die schwinden würde, wenn der Einfluß
des Willens auf den Körper stark genug sei, diesen trotz solcher
Anwandlungen vorwärts zu bringen. Und das erprobte Mittel versagte auch
dieses Mal nicht, -- überhaupt, behält die Willenskraft die Herrschaft
über den Körper, in allen Fällen, wo diese nicht durch die Schwere der
Krankheit aufgehoben wird, und trägt zur Ueberwindung der Fieberanfälle
ungemein viel bei.
Gegen Mittag erreichte ich die Ansiedelung des Engländers Simpson,
eines Händlers, für den sozusagen alles Werth besaß, und unter dessen
aufgestapelten Vorräthen Umschau haltend, war vom Schädel und Zahn
des Elephanten bis auf das Gehörn der kleinsten Antilopenart alles
vertreten, was in dieser Beziehung Central-Afrika bieten konnte,
zudem aber noch ein großer Vorrath von Mais und Mtama, Lataten
etc. vorhanden. Mir war der Auftrag geworden für unsere Leute im
Lager Proviant anzukaufen, deshalb, in Abwesenheit des Engländers,
verhandelte ich mit dem schwarzen Nornkieper (Aufseher), der, nachdem
wir handelseinig geworden, sogleich zwei beladene Kanoes unter Aufsicht
zweier Soldaten, die ich zu diesem Zwecke mitgenommen hatte, nach Port
Herald absenden mußte.
Von hier aus hätte ich gerne zu Wasser, mit gecharterten Kanoes, die
Reise fortgesetzt, aber nach eingehender Untersuchung war nicht ein
einziges, der in kleiner Zahl vorhandenen, in einem solchen Zustande,
daß man sich diesen, noch weniger die Lasten, für eine längere Tour
hätte anvertrauen können und nach längerem Rasten in dieser englischen
Niederlassung brach ich wieder auf.
Meine Absicht war, im nächsten Dorfe, das vor Sonnenuntergang noch
erreicht werden konnte, Nachtquartier zu nehmen, und wo es irgendwo
angängig, ließ ich längs der Waldlisiere marschiren, wenn es auch auf
dem wegelosen Waldgrund schwieriger war vorwärts zu kommen, so ging es
sich im tiefen Waldesschatten doch ungemein angenehmer, als näher dem
Flusse zwischen hohem Gras unter den Strahlen einer glühenden Sonne.
Schon senkten sich die Schatten einer hereinbrechenden Dämmerung auf
die Wälder hernieder und vermehrte das Dunkel in diesen, als wir rechts
in die Grasebene abschwenkend, das ersehnte Dorf am Ufer des Schire vor
uns liegen sahen. Die Bewohner dieses kleinen gerade nicht besonders
reinlichen Dorfes, ließen es sich angelegen sein, auch auf unsern
Wunsch eine der besten Hütten zu räumen, worin wir zwar gegen die kalte
Nachtluft geschützt, Unterkunft fanden, aber auch während der Nacht
genug mit den überlästigen Ratten zu thun hatten, um diese dreisten
Nager fern zu halten. In kaum Manneshöhe war nämlich in der Hütte eine
Art Boden errichtet, auf welchem Mais und Mamavorräthe lagerten und
hierin, die beliebte Nahrung in Hülle und Fülle findend, hatten es sich
die Ratten so bequem gemacht.
In Bezug auf Unterkunft darf man in Afrika nicht wählerisch sein, ein
trockenes hartes Lager ist das Beste, was zu erreichen ist und treiben
es Mosquito und anderes lästiges Gethier nicht allzu arg, schläft man
nach den Strapazen des vergangenen Tages auch auf solchem recht gut.
Der nächste Morgen fand uns schon vor Sonnenaufgang auf dem Marsche;
ich wollte lieber die kühleren Morgenstunden ausnutzen, als wiederum in
der glühenden Sonne marschiren, hauptsächlich auch, weil wieder eine
weite baumlose Grasebene vor uns lag, die bis zum nächsten 5 Stunden
entfernten Dorfe weder Schutz noch Schatten bieten konnte.
Was mich immer gewundert hat, war die Anspruchslosigkeit der Träger in
Bezug auf Nahrung; ihre einzige Mahlzeit bestand aus geröstetem Mais
und Lataten, dazu etwas Fisch oder Fleisch. Sie nahmen auch mitunter
am frühen Morgen ohne das Geringste genossen zu haben die schwersten
Lasten auf und verzehrten erst am Halteplatz grüne Maiskolben oder
gedörrte Wurzeln.
Im nächsten Dorfe Umpassa, das wir gegen zehn Uhr erreichten, hielt
ich längere Rast; hier im Schatten hoher breitästiger Bäume war es ein
angenehmer Aufenthalt, der zum Verweilen einlud. Bald war Jung und Alt
um uns versammelt, die neugierig und stillschweigend dem Gebahren der
weißen Männer zuschauten, selbst Frauen und Männer wagten näher zu
treten, wurden alsbald von den Männern in ihre Hütten zurückgeschickt
sobald sie weiter gingen als es der Sitte entsprach, denn in einer
Versammlung von Männern hat hier die Frau nichts zu suchen.
Sobald ich ein passendes Geschenk, das in einem Stück bunten Zeuges
bestand, aus meinem kleinen Vorrath ausgesucht hatte, sandte ich dieses
zum Häuptling mit dem Ersuchen zu einem Schauri kommen zu wollen.
Den Werth der Zeit kennt der Eingeborne nicht und aus diesem Grunde
mußte ich denn auch recht lange auf den werthen Besuch warten; und
wirklich hierin ist ein Dorfhäuptling, so klein auch sein Bereich
sein mag, immer groß; er wird es stets unter seiner Würde halten
dem Rufe des Europäers sofort zu folgen, sofern er nicht diesen als
den weit mächtigeren erkannt hat. Als nun endlich der alte Herr
erschienen war, gefolgt von den Würdenträgern, meistens wohl nahe und
nächste Verwandte, auch als Gegengeschenk ein Topf guter Pombe mir
überreicht hatte, begann vor der offenen Berathungshütte, die sich in
unmittelbarer Nähe meines Aufenthalts befand, das Schauri.
Anfänglich war ich der Sprechende, da ich durch den Dolmetscher der
Versammlung meine Wünsche vortragen ließ, die darin bestanden, daß
die Bewohner des Dorfes im Voraus große Mengen Mehl fertig halten
sollten, auch andere Nahrungsmittel, soviel in ihren Kräften, zum
Verkauf heranbringen möchten, denn in nicht langer Zeit wird ein großer
Transport und viele Menschen dieses Dorf passiren und diese werden viel
Essen nöthig haben; sie, die Einwohner, sollen gut für ihre Waaren
bezahlt werden, auch der Häuptling, wenn er für Vorräthe Sorge tragen
wird, ein großes Geschenk erhalten. Darauf ließ ich noch die Wagen
etc. beschreiben und sah, daß alle wohl hörten aber nichts von dem
begriffen, was der Dolmetscher ihnen mit Mühe klar zu machen suchte.
Der Vorredner, der neben dem Häuptling saß, ergriff sodann das Wort und
entfaltete eine große Beredsamkeit, deren kurzer Sinn besagte, daß sie
nur wenig Vorräthe hätten, aber doch ihren Frauen den Wunsch des weißen
Mannes mittheilen wollten; zwar nicht viel aber etwas würde wohl noch
übrig sein.
Als der Häuptling sich verabschiedete, konnte er nicht ahnen und ich
es nicht wissen, daß eine Zeit kommen sollte, wo er mein Gefangener
sein würde! Den Namen dieses Fumo (Häuptling) »Tengani« werde ich
sobald nicht vergessen. Die früher schon erwähnten Geier, welche ich
in Ntoboa und später als nützliche Thiere verschont hatte, schienen
hier durch ihre große Anzahl mehr Schaden als Nutzen zu bringen, denn
wie die Bewohner mir versicherten sei es nicht möglich junge Hühner
aufzuziehen, jedes sich ins Freie wagende werde von den Raubvögeln bald
entführt. Sie äußerten auch den Wunsch, ob ich nicht diese lästigen
Vögel verscheuchen wolle; der weiße Mann habe ja so gute Feuerwaffen
mit welchen es leicht sei die Thiere aus den Lüften herunter zu
schießen.
Mit Staunen sahen die Bewohner Umpassas, daß ihre Erwartungen von der
Treffsicherheit des Europäers bedeutend übertroffen wurden, denn in
kurzer Zeit waren eine Anzahl dieser adlerartigen Raubvögel aus den
Lüften heruntergeholt, mit denen die Jugend sich alsdann amüsierte.
Hierbei passirte es einem schwarzen Jungen, der vorschnell einen
schwergetroffenen Vogel ungeschickt angefaßt hatte, daß dieser seine
scharfen Fänge in dessen nackte Schenkel einschlug und ehe er befreit
war, für seine Dreistigkeit einige tüchtige Schrammen in Kauf zu nehmen
hatte.
Es war übrigens kein Kunstsück die ruhig kreisenden Vögel mit Schrot
oder Kugel zu treffen, sie entfernten sich keineswegs, sondern erhoben
sich nur sehr hoch aus dem Bereich der Waffen und schwebten ruhig in
der luftigen Höh', dort ihre bald weiten, bald engeren Kreise ziehend.
Um 8-1/2 Uhr Nachmittags erreichten wir auf dem Weitermarsch ein
kleines Dorf; hier, im Schatten eines gewaltigen Baumes rastend,
der manchem müden Wanderer wohl zur kurzen Ruhe Kühlung gespendet
hat, erwartete ich die zurückgebliebenen Träger, um uns ein neues
Nachtquartier herzurichten.
Als endlich die Leute anlangten, war die Ueberraschung groß. Es war
nämlich Engelke gelungen, eine Antilope zu beschleichen und zu erlegen,
die, als sie von den Trägern nicht mitgeschleppt werden konnte, zerlegt
wurde, und zu den Lasten fügten die Leute noch die besten Fleischstücke
des Thieres hinzu.