Am 16. früh kam der »Herald« zurück, und während die Leichter längsseit

befestigt wurden, ließ ich noch das ganze Lager in Brand stecken. Hell

loderte die Gluth empor im weiten Viereck, dem Ungeziefer, das sich so

fest eingenistet hatte, kaum einen Ausweg lassend, als Ratten, Mäuse

und Schlangen. Letztere, einzelne Prachtexemplare, kamen zischend aus

den brennenden Wohnhäusern der Soldaten, wo sie unter deren Kitandas

(primitive Bettgestelle) sichere Zuflucht gefunden hatten, hervor, um

blitzschnell wieder hinter einer noch stehenden Wand zu verschwinden,

bis auch hier das schnell um sich greifende Element sie abermals

verjagte. Die Jagd auf die fliehenden Ratten übernahmen die zahlreich

in den Lüften schwebenden Raubvögel, und diese Jäger zu beobachten, wie

sie manchen erfolgreichen aber auch manchen vergeblichen Stoß auf die

Schutz suchende Beute unternahmen, war ein Vergnügen.

Zum Abschied hatte sich fast das ganze Dorf Ntoboa eingefunden. Am

hohen Ufer versammelt, sahen die uns vertraut gewordenen Bewohner

den Vorbereitungen zu und, als langsam die Fahrzeuge vom Ufer

sich lösten, riefen sie uns ihren Abschiedsgruß zu, begleitet von

Händeklatschen. Die Stätte aber, jetzt in Feuer und Rauch gehüllt, wo

ich so lange gestrebt und gewirkt hatte, wird bald wieder durch das

üppig emporschießende Gras und Kraut unkenntlich gemacht sein, die

Termieten werden wieder in Frieden ihre Hügel aufbauen können, und

sollte nach langer Zeit einer von uns diese Stätte wieder suchen, würde

es eines guten Orientirungssinnes bedürfen, sie aufzufinden, sofern

sie nicht von der zu Zeiten hochschwellenden Fluth des Zambesi bereits

verschlungen ist.

Im Verlaufe dieser letzten Reise nach Pinda ist nichts Besonderes

zu bemerken; schon aus dem Grunde wurden die bekannten Hindernisse

schnell überwunden, als die Fahrzeuge, nur leicht beladen, das

Fortkommen des »Herald« wenig behinderten. Weit über Misongwe

hinausgekommen, rasteten wir für die erste Nacht an einer öden Stelle

des linken Flußufers und, wie immer auf der Fahrt, konnten die Leute

erst Abends abkochen; bei dieser Gelegenheit nun, als die Dunkelheit

längst hereingebrochen war, gelang es den vier unter Aufsicht eines

Postens stehenden Zulus, als dessen Aufmerksamkeit durch eine kleine

Streiterei unter den Suaheli für einen Augenblick von ihnen abgelenkt

wurde, dem ringsum hohen Grase sich zu nähern und plötzlich darin zu

verschwinden. Der gleich darauf fallende Alarmschuß brachte alles

in Bewegung und eine wilde Verfolgung begann. Aber sei es, daß die

schnellfüßigen Zulus ihre Verfolger in der Dunkelheit zu täuschen

wußten oder, schneller als diese, ihnen entgingen, keiner wurde von den

Zurückkehrenden eingebracht, sogar Nachzügler mußten erst durch die zum

Sammeln blasende Trompete herbeigerufen werden, da solche sich in der

weglosen Grassteppe verlaufen hatten.

Der Grund zu dieser nochmaligen riskanten Flucht war wohl vornehmlich

die Furcht vor der zu erwartenden Strafe, die freilich nun bei einem

abermaligen Abfassen nicht allzu gering ausgefallen wäre und wohl haben

die Flüchtlinge bis zur gänzlichen Erschöpfung, geschützt durch die

Dunkelheit, ihre verzweifelte Flucht fortgesetzt.

In Pinda nach einer schnellen Reise angelangt, hatte ich laut Befehl

die beiden Leichter, sobald dieselben entlöscht waren, dem Führer des

»Herald« zu übergeben, mit welchen derselbe auch nach kurzem Aufenthalt

seine Rückreise nach Chinde antrat.

Inzwischen waren von Port Herald die ersten vom Major von Wißmann

dorthin gebrachten Leichter zurückgekehrt, auch zum Theil vom

Obersteuermann schon beladen. Nach dem Herüberschaffen des letzten

Transportes vom Anlegeplatz nach unserm provisorischen Lager,

wobei zum ersten Male die mitgeführten zweirädigen Karren uns gute

Dienste leisteten, ließ ich die Fahrzeuge noch mit den werthvollsten

Schiffstheilen fertig laden und führte darauf diesen Transport mit

Hülfe von etwa vierzig Eingebornen den Ziu-Ziu-Arm hinauf bis zur

nächsten Stromschnelle, oberhalb welcher der »Mosquito« wartete. Des

starken Stromes wegen mußten die Leichter von den Leuten an langen

Leinen gezogen werden, was durch die vielen Gebüsche, welche die

Uferwand krönten, eine langwierige schwere Arbeit war, abgesehen davon,

daß flache Stellen im Flusse, deren Umgehung nothwendig, nicht minder

zeitraubend und schwierig. Der etwa nur drei Kilometer lange Weg konnte

somit erst nach vielen Stunden angestrengtester Thätigkeit zurückgelegt

werden.

Pinda als Station ist von nur geringer Bedeutung, einzig als ein

Uebergangspunkt zu betrachten, welchen hier die Nothwendigkeit

errichten ließ, zumal die Stromverhältnisse des Schire in dieser Gegend

gerade eine eigenthümliche Beschaffenheit aufweisen. Ein weites Gebiet,

von verschiedenen Armen durchzogen, vertheilen die Wassermassen des

Flusses, sodaß in der trockenen Jahreszeit von einem eigentlichen

Schirefluß hier keine Rede sein kann; die Fahrstraße, welche diese

Bezeichnung verdient, war versandet und unpassirbar.

So vielen Veränderungen unterworfen, läßt sich kaum mit Bestimmtheit

sagen, welchen Weg die nächste Hochwasserfluth einschlagen wird, irgend

ein Arm kann durch unbekannte Zufälle von der Fluth gewählt werden,

der durch die starke Strömung schnell vertieft, dann als Schirefluß

betrachtet werden muß. Illusorisch wird die Pinda-Station, sobald

dieser Fall eintritt, ihre Lage aber auch durch das rapide Anwachsen

der Wassermassen sehr gefährdet, da nicht selten die ganze Insel

überschwemmt und ein rechtzeitiges Verlassen des einsamen Blockhauses

für die Bewohner zur Nothwendigkeit wird. Soweit ich gehört, soll die

ganze Insel im Januar 1893 von der furchtbaren Strömung weggeschwemmt

worden sein und der Fluß ein neues Bett sich gegraben haben, wenigstens

fand ich bei meiner Rückkehr eine ganz veränderte Fahrstraße vor; auch

nimmt es keinem Wunder, wer die gewaltige Kraft fließender Wassermassen

zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, daß solche Veränderungen hier in

der Wildniß stattfinden können.

Um noch einmal unseres Schleppdampfers »Pfeil« hier zu erwähnen, so

hatte dessen Thätigkeit für uns bereits in Ntoboa aufgehört; derselbe,

bis Pinda gebracht, war für denselben das Passiren der Stromschnelle

unmöglich und, nach vergeblichen Versuchen, sich doch noch durch den

nächsten flachen Arm des Schire hindurchzuwinden, hatte der Dampfer

sich so festgerannt, daß an ein Zurück bis zur nächsten Hochfluth nicht

mehr zu denken war. Major von Wißmann, durch triftige Gründe veranlaßt,

verzichtete später ganz auf den »Pfeil« und dies um so eher, als sich

die Hinüberschaffung des schweren Körpers auf den ausgewaschenen

Wegen des Schiregebirges, nach dem oberen Schirefluß, als eine pure

Unmöglichkeit erwiesen hatte.

War auch die Stromschnelle, bis wohin ich die beiden Leichter am Abend

des 20. September hatte schaffen lassen, nicht so gefährlich und

reißend wie die untere, machte doch das Hinüberbringen der Fahrzeuge

oberhalb der starken Strömung von einem Ufer zum anderen sehr viel

Mühe. An langen Leinen von einem Ufer abgefiert, an dem anderen

eingeholt, und dieses über eine Flußbreite von etwa 450 Meter, galt es

dazu jeden Leichter von den gefährlichen Untiefen fernzuhalten. Als die

Ueberführung vollendet, war ich durch das viele Zurufen und Schreien

so heiser geworden, daß ich kaum noch ein Wort hervorbringen konnte.

Veranlassung dazu gab die stupide Gleichgültigkeit der Eingebornen,

die, wenn sie nicht angetrieben wurden, mit größter Seelenruhe zusehen

konnten, wie ein Fahrzeug Gefahr lief, verloren zu gehen. Nur je ein

Europäer war auf den Leichtern, die dazu sich mit den Leuten nicht

verständigen konnten, und ich froh war, als nach vierstündiger Arbeit

das englische Schiff erreicht wurde.

Für die späteren Transporte hielt es der englische Führer, Kapitän

Nuott, auch für angemessen unter dem rechten Ufer sein Schiff

hinzulegen, damit wenigstens die Ueberführung der Fahrzeuge oberhalb

der gefährlichen Stromschnelle nicht mehr nöthig würde, auch schon aus

dem Grunde, als nicht immer eine umsichtige Leitung dabei sein und

dadurch einen Verlust verhindern konnte.

Die Weiterfahrt des »Mosquito« gegen den starken Strom, in dem zuweilen

kanalartigen Flußbette gestaltete sich zu einer überaus schwierigen.

Oft, wenn die Strömung zu stark, die gegenarbeitende Maschinenkraft

nicht mächtig genug war, diese zu überwinden, wurden die Fahrzeuge vom

Strome seitwärts gedrängt und, um dann eine Katastrophe zu verhindern,

mußten sofort die Anker fallen gelassen werden, bis dadurch die

Steuerfähigkeit wieder hergestellt, schließlich ein Ueberwinden der

wirbelnden Wassermassen möglich wurde. Indes im Laufe des ersten Tages

waren diese Schwierigkeiten überwunden. Darauf in einem schmaleren,

doch von Hindernissen freiem Bette, ging die Fahrt flußaufwärts gut

von statten; zwischen ziemlich hohen, häufig steilen Ufern, deren

Böschung mit Rohrried und langem Gras bewachsen war, sodaß die

üppig emporgeschossenen Pflanzen selten nur einen Einblick in die

dahinter liegenden Landflächen gestatteten, hinziehend, erreichten

wir eine zu beiden Seiten des Flusses sich ausdehnende Grassteppe.

Mit der Bezeichnung Moramballa-Marsch hat man diese weite Ebene, den

Tummelplatz fast aller im zentralen Afrika lebenden größeren Thiere,

die rechte Benennung gegeben. Nichts als Rohr und Gras, kein Baum

noch Strauch bringt irgend welche Abwechslung in diese Einöde, soweit

auch das Auge schweifen mag, bis zum Fuße der fernen Berge, dasselbe

Einerlei.

Zu Zeiten des Hochwassers wird die wenig über dem Niveau des Flusses

liegende Grasebene in einen weiten See und Sumpf verwandelt; tiefe

Gräben durch die Uferwand gebrochen, leiten als natürliche Kanäle die

Wassermassen beim Fallen des Flusses wieder ab, und verjüngt sprießt

aus dem fruchtbaren Boden die überreiche Vegetation empor, ein grüner

Tisch anfänglich, den die Natur mit vorsorgender Hand für ihre Wesen

gedeckt hat.

Die Ufer zur Linken, meistens höher gelegen, und mit hohem Gesträuch

oft so bedeckt, daß dieses weit überhängend mit seinen Zweigen bis auf

den Wasserspiegel reicht und es unmöglich wird, durch die zahllosen

Schlingpflanzen, Winden, Lianen etc., die alles wie ein dichtes

Gewebe verbinden, hindurchzudringen. Tausende weiße, blaue und rothe

Blüthen in reicher Pracht zieren die grüne Wand, zwischen denen an den

äußersten Spitzen der ruthenartigen Zweige der goldgelbe Webervogel

sein eigenthümliches Nest erbaut hat, das, wie an einem Faden hängend,

vom Winde bewegt über dem Wasser schwebt.

Durch das Geräusch des vorbeikeuchenden Dampfers werden aus diesem

dichten Gebüsch häufig silbergraue Vögel, die in behaglicher Ruhe im

kühlen Schatten wahrhaft herrlicher Lauben weilten, erschreckt und

aufgescheucht und nur wenige Schritte vom Leichter entfernt, flattern

sie auf, kaum wissend, wohin sich wenden, wenn ihnen der Weg zur

eiligen Flucht abgeschnitten erscheint.

Die Annahme, daß in dieser blühenden Pracht eitel Friede zu herrschen

scheint, wird schon widerlegt, wenn man aufmerksam den in hohen

Lüften kreisenden Raubvögeln zuschaut. Bald schießt pfeilgeschwind

der Beherrscher der Lüfte zur Erde nieder, um sofort sich wieder zu

heben und in seinen scharfen Krallen die Beute zu entführen; allein

diese wird ihm, weniger von Seinesgleichen, als von einem anderen

Feinde, streitig gemacht. Ein heißer Kampf beginnt, kreischende

Schreie, niederflatternde Federn, zeugen von der Erbitterung, mit

welcher gekämpft wird, und fast immer muß der Jäger seine Beute

fahren lassen, um den wüthenden Angriffen des Feindes sich erwehren

zu können. Neugierig, welche Waffen dem schwächeren Angreifer von der

Natur gegeben sind, womit er im Stande ist, den adlerartigen größeren

Raubvogel zu besiegen und in die Flucht zu jagen, schoß ich zwei

dieser Kämpfer aus der Luft herunter und fand, daß der Gegner an den

Flügelknochen einen etwa 1-1/2 Centimeter langen nadelspitzen Auswuchs

hatte, mit welchem er leicht tiefe Wunden dem Stärkeren beibringen

konnte.

Vom hohen Deck des »Mosquito« zuweilen über die Ufergebüsche

wegschauend, erblickten wir mitunter friedlich grasende Wasserböcke

und Zebras; furchtlos äugten diese stattlichen Thiere zu uns herüber,

und machte sie auch der Knall eines Gewehres stutzen, so wußten sie in

ihrer Sicherheit doch noch nicht, wie vernichtend die treffende Kugel

wirken konnte.

Oberhalb dieser weiten Grassteppe, auf dem nun allmählich ansteigenden

Terrain, änderte sich die Scenerie; Baum und Sträucher, untermischt

mit menschlichen Wohnstätten, hin und wieder am Ufer kleine

Bananenanpflanzungen, gaben der Landschaft einen etwas freundlicheren

Anstrich. An dieser Scheidegrenze einer fruchtbareren Gegend und

der ungeheuren Steppe, sahen wir auch zu unserer Linken den hier

errichteten Grenzpfahl. Die an demselben befestigte Tafel besagt in

englischer Sprache, daß flußabwärts portugiesisches, flußaufwärts

englisches Gebiet zu finden sei. -- Unauffällig wie dieses einem

Beobachter auch erscheinen mag, frägt man sich doch unwillkürlich,

was soll wohl Portugal mit der viele Meilen umfassenden Grassteppe

machen, die sich fast quer durch das Land bis zum Zambesi-Fluß

erstreckt und wie erwähnt, zur Regenzeit nur einen weiten Sumpf

bildet; eine Heimstätte wilder Thiere zwar, doch für menschlichen

Aufenthalt völlig ungeeignet! -- Englische Politik hat auch hier

wieder den Beweis geliefert, daß Nehmen praktischer ist als Geben und

das schwache Portugal muß seinem mächtigen Konkurrenten, übertrumpft

durch erzwungene Verträge, weite Landstrecken überlassen, auf denen

England unbehindert große Thätigkeit entfalten, auch wie überall die

Fahrstraßen in seiner Hand behalten kann, die zu entwickelungsfähigen

Ländern führen und, wenn es aus politischen Gründen belieben sollte,

den internationalen Verkehr verschließen kann.

Etwa 500 Meter flußaufwärts von dieser Grenze liegt am anderen Ufer

die portugiesische Zollstation. Gleich wie die Grashäuser europäischer

Ansiedler in diesem Lande, ist auch diese Station ebenso primitiv

erbaut, und bedeutete nicht die wehende Flagge, daß solcher Bau ein

Staatsgebäude ist, würde es seines Aussehens halber kaum Beachtung

finden. Zwecks einer Zollrevision und Ausfertigung von Papieren hatten

wir hier anzulegen.

So kurz der Aufenthalt bei dieser Zollstation auch war, bot sich mir

doch Gelegenheit, das Fell einer 13 Fuß langen Wasserschlange, die von

den Eingebornen erlegt und abgeledert wurde, zu erstehen. Der Umfang

dieses höchst gefährlichen Reptils betrug durchschnittlich einen Fuß

und, abgesehen von dessen giftigem Biß, soll solch ein Thier die

Knochen eines Menschen mit Leichtigkeit zerbrechen können. Das Fell,

vollständig mit Fischschuppen besetzt, die auf dem Rücken ganz klein,

allmählich bis zum Bauch die Größe eines Fünfpfennigstückes annehmen,

haben oben eine schwarzbraune Färbung, wohingegen die Schuppen nach

unten ins Gelblich-weiße übergehen. Nur zwei Exemplare gleicher Größe

habe ich gesehen, sonst aber dieses Thier in seiner Freiheit zu

beobachten weiter keine Gelegenheit gehabt, da es höchst wahrscheinlich

nur dort sich aufhält, wo die Wildniß seine Lebensbedürfnisse

befriedigen kann und das wäre hier in dem Moramballa-Marsch.

Als besonders auffällig war für mich weiter flußaufwärts an der

linken Seite die Anlage einer Reihe neuer Dörfer am Flußufer; eine

Erklärung dafür kann nur gegeben werden, wenn die Behauptung, daß eine

beständige Auswanderung portugiesischer Untertanen nach englischem

Gebiet stattfindet, sich als richtig erweist. Ein triftiger Grund

dazu wäre die Ausbeutung der Eingebornen durch die portugiesischen

Mischlinge, die in der Eigenschaft als Beamte, schlecht oder gar nicht

besoldet, diesen Ausfall durch Erhebung doppelter Steuern zu decken

suchen; mithin könnte man es den Bewohnern dieses Distrikts nicht

verdenken, wenn sie sich auf fremdes Gebiet niederlassen und unter

einer geordneteren Verwaltung das ihnen zugewiesene Land bebauen. Eine

Kopfsteuer erläßt der Engländer ihnen zwar auch nicht, der Gefahr

aber, mehr zahlen zu sollen, sind sie doch überhoben.

Etwas höher den Fluß hinauf passirten wir das große Dorf Tomba, das

an Ausdehnung das größte, welches ich an den Ufern des Zambesi und

Schire, mit Ausnahme vielleicht von Misongwe, gesehen habe. Auch

hier bestätigte die Aufführung einer beträchtlichen Anzahl neuer

Hütten, daß es an regem Zuzug nicht gefehlt hat. Und nach der Zahl

der Bewohner zu urtheilen, die, wie überall, durch eine fremdartige

Erscheinung angelockt, zu Haufen an dem Ufer sich versammelten, war die

Einwohnerzahl eine sehr beträchtliche.

In den Tropenländern veranlaßt die immer üppig blühende Natur den

flüchtigen Beobachter zu der Annahme, daß ein Wechsel der Jahreszeiten

eigentlich an der Pflanzenwelt spurlos vorübergehe; allein lebt man

längere Zeit in den Tropen, wird eine solche hinfällig, da man in sehr

vielen Fällen einen Erneuerungsprozeß beobachten und das Absterben

der Natur als Winterperiode bezeichnen kann. Es sind nur Schmarotzer

und Schlingpflanzen, die ein immergrünes Kleid tragen und durch ihren

Blüthenreichthum diese Erscheinung verdecken, darum, so kurze Zeit

ein solcher Uebergang auch währt, kann man ihn doch als eine Ruhe und

Erholungspause betrachten, in welcher die Pflanzenwelt neue Kraft und

Säfte sammelt, die der Regen dann zur reichsten Entfaltung bringt.

Noch abwechslungsreicher gestalten sich weiterhin die Ufer des Schire,

bald hoch, bald Senkungen zeigend, die naturgemäß einer Ueberschwemmung

ausgesetzt waren. Hier hat sich der Fluß durch langwelliges Terrain den

Weg gebahnt, das von den sogenannten Port Herald-Bergen ausgehend, bis

in diese Ebene seine Fortsetzung gefunden hat.

Am nächstfolgenden Tage wurde Port Herald erreicht, das, wollte man

aus der Benennung dieses Ortes einen Schluß ziehen, eine Art Hafen

vorstellen könnte; indes dergleichen Anlagen waren nicht vorhanden,

auch in nichts von anderen Uferstellen abweichend -- und nur

landeinwärts erblickte man die primitiven Gouvernementsgebäude, die

alle auf Pfeiler erbaut sind, hoch genug, um bei einer Ueberschwemmung

dieses Terrains vom Wasser möglichst verschont zu bleiben. Nur am Ufer

ist eine Art Warte, worin ein beständiger Posten stationiert war,

der das Passiren eines jeden Bootes zu verhindern hatte und jedes

zum Anlegen, wenn nöthig, zwingen mußte, bis es untersucht und einen

Freipaß zur Weiterfahrt erhalten hatte. Hier, wo nun ein Sammelpunkt

des ganzen Transportes gedacht war, hatte Major von Wißmann etwas weit

zurück ein offenes Lager erbauen lassen, das während seines kurzen

Aufenthalts den Anforderungen entsprach, jedoch einer bedeutenden

Erweiterung bedurfte, sollte es für den Haupttransport genügend sein.

Durch das langsame Vordringen der Expedition in seinen Plänen

behindert, hatte Major von Wißmann den Beschluß gefaßt, sich von dem

Transport zu trennen und vorauszueilen, um für geeignete Lagerplätze

und sonstige Hilfsmittel, die das Fortkommen fördern sollten, zu

sorgen. In diesem Sinne wurde eine Militärexpedition und eine

Transportexpedition gebildet, erstere bestehend aus der gesammten

Militärmacht, mit Abzug der benöthigten Schutztruppe für den Transport,

etwa fünfzig Soldaten, und neben Dr. Bumiller als Adjutanten, aus

Leutnant Bronsart v. Schellendorf, Proviantmeister de la Fremoire und

Illich nebst den drei Sergeanten Bauer, Krause und Eben. Als Führer der

Transportexpedition war Freiherr von Eltz später ernannt und ich ihm

mit dem gesammten Schiffs- und Handwerkerpersonal beigegeben worden.

Dr. Röver und Maler Franke, die anfänglich noch zur Vorexpedition

gehörten, hatten sich, nachdem der Major das Schiregebirge

überschritten, dem Transport anzuschließen, da es namentlich für den

einzigen Arzt angebrachter schien, bei der größeren Anzahl Europäer zu

verbleiben.

Nach meiner Ankunft in Port Herald und Uebernahme des Kommandos verließ

von Eltz bald darauf das Lager, um gemäß einer Bestimmung des Majors

denselben nach Chilomo zu folgen, wo eine Entscheidung über die Führung

des Transportes und über den Führer getroffen werden sollte, mir aber

lag es ob, nach der Zurücksendung der entlöschten Leichter das Lager

zum Theil umzubauen und wie ich es in Ntoboa gethan, vollständig

durch eine Schutzwand abzuschließen. Durch die Bereitwilligkeit des

englischen Beamten Mr. Piel wurden mir zur Ausführung dieser Arbeit

die benöthigten Kräfte gestellt und das Material zum Bau der Häuser in

nächster Nähe findend, gelang es mit dem guten Willen der Eingeborenen

die ganze Arbeit in fünf Tagen zu vollenden. Das Eine hatte ich mir zum

Prinzip gemacht, worauf ich auch streng geachtet, daß die Eingeborenen

gut behandelt wurden, vor allem gegen dieselben keine ungerechten

Ausschreitungen vorfielen, darum auch stellte ich nur solche Europäer

an, von denen keine Uebereilung zu erwarten war. Der Neger, in solchem

Punkte empfindlich, entzieht sich seiner Verpflichtung und man hat nur

den Schaden und das Nachsehen, im anderen Falle aber ist er willig, und

liegt es dann an dem Europäer denselben zur Arbeit anzuhalten.

Weitere Transportmittel, als die beiden Leichter, die zwischen Pinda

und Port Herald nun die Heranschaffung des Materials mit Unterstützung

des »Mosquito« zu bewerkstelligen hatten, standen uns nicht zur

Verfügung; auch was wir über die Wasserverhältnisse des Schire oberhalb

Port Herald in Erfahrung gebracht, lautete nicht günstig, sofern von

nun an nur leicht beladene Fahrzeuge im Stande sein sollten weiter

vorzudringen. So lag es denn nahe, den Plan mit der Feldeisenbahn

vorzunehmen, die wir von der Küste mit herauf gebracht hatten, näher in

Erwägung zu ziehen, der auch sicher sehr viel für sich hatte, als alles

Material zu gleicher Zeit fortgeschafft werden konnte, wenn nur die

Frage, woher so viele Arbeitskräfte nehmen, eine befriedigende Lösung

gefunden hätte. Von Seiten der englischen Beamten, des Administrators

Mr. Steavenson und Piel, wurde uns zu diesem Zwecke die möglichste

Unterstützung zugesagt, indes ihr Einfluß reichte auch nicht so

weit die umwohnenden Häuptlinge durch ein Gebot zur Stellung einer

bestimmten Anzahl Leute zu verpflichten und nach einer einberufenen

Versammlung war es klar, daß wir auf nicht mehr als zweihundert

Mann würden rechnen können. Dieses unerwartete Ergebniß war darauf

zurückzuführen, daß die Eingeborenen sich bereits anschickten ihre

Felder zu bestellen; der gemachte Einwand, diese Arbeit besorgten doch

ihre Frauen, die Männer aber thäten das Wenigste dabei, fruchtete indes

wenig, und anstatt der benöthigten fünfhundert Mann konnte nicht mehr

als die bezeichnete kleine Zahl erlangt werden.

Im Allgemeinen war in dieser Jahreszeit die Arbeiterfrage eine

schwierige, überall längs dem ganzen Schiregebiet; selbst Major v.

Wißmann mußte sich aus diesem Grunde Beschränkungen auferlegen; seine

Absicht, der Transportexpedition nach Möglichkeit Unterstützung zu

senden, scheiterte gleichfalls.

Bevor nun die Transportfrage mit der Feldeisenbahn endgültig

entschieden werden sollte, wollte von Eltz nach seiner Rückkehr

und nachdem das gesammte Material von Pinda heraufgeschafft worden

war, erst mit den Leichtern einen Transport bis Chilomo, wo der

Major eine Hauptstation errichtet hatte, führen, um sich über die

Wasserverhältnisse des Flusses genau zu orientiren, da eventuell von

der Aufstellung der Bahn Abstand genommen werden könnte, wenn entgegen

den Behauptungen, diese sich als besser erweisen würden. Allein die am

7. Oktober flußaufwärts bestimmten Leichter fanden eine kurze Strecke

oberhalb Port Herald schon eine für die nur mittelmäßig beladenen

Fahrzeuge unpassirbare Untiefe, sodaß es nöthig wurde, einen Leichter

zurückzusenden, der entlöscht, den zweiten dann entlastete und die

Fahrt fortgesetzt werden konnte.

Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See. · 第 8 / 51 段