befestigt wurden, ließ ich noch das ganze Lager in Brand stecken. Hell
loderte die Gluth empor im weiten Viereck, dem Ungeziefer, das sich so
fest eingenistet hatte, kaum einen Ausweg lassend, als Ratten, Mäuse
und Schlangen. Letztere, einzelne Prachtexemplare, kamen zischend aus
den brennenden Wohnhäusern der Soldaten, wo sie unter deren Kitandas
(primitive Bettgestelle) sichere Zuflucht gefunden hatten, hervor, um
blitzschnell wieder hinter einer noch stehenden Wand zu verschwinden,
bis auch hier das schnell um sich greifende Element sie abermals
verjagte. Die Jagd auf die fliehenden Ratten übernahmen die zahlreich
in den Lüften schwebenden Raubvögel, und diese Jäger zu beobachten, wie
sie manchen erfolgreichen aber auch manchen vergeblichen Stoß auf die
Schutz suchende Beute unternahmen, war ein Vergnügen.
Zum Abschied hatte sich fast das ganze Dorf Ntoboa eingefunden. Am
hohen Ufer versammelt, sahen die uns vertraut gewordenen Bewohner
den Vorbereitungen zu und, als langsam die Fahrzeuge vom Ufer
sich lösten, riefen sie uns ihren Abschiedsgruß zu, begleitet von
Händeklatschen. Die Stätte aber, jetzt in Feuer und Rauch gehüllt, wo
ich so lange gestrebt und gewirkt hatte, wird bald wieder durch das
üppig emporschießende Gras und Kraut unkenntlich gemacht sein, die
Termieten werden wieder in Frieden ihre Hügel aufbauen können, und
sollte nach langer Zeit einer von uns diese Stätte wieder suchen, würde
es eines guten Orientirungssinnes bedürfen, sie aufzufinden, sofern
sie nicht von der zu Zeiten hochschwellenden Fluth des Zambesi bereits
verschlungen ist.
Im Verlaufe dieser letzten Reise nach Pinda ist nichts Besonderes
zu bemerken; schon aus dem Grunde wurden die bekannten Hindernisse
schnell überwunden, als die Fahrzeuge, nur leicht beladen, das
Fortkommen des »Herald« wenig behinderten. Weit über Misongwe
hinausgekommen, rasteten wir für die erste Nacht an einer öden Stelle
des linken Flußufers und, wie immer auf der Fahrt, konnten die Leute
erst Abends abkochen; bei dieser Gelegenheit nun, als die Dunkelheit
längst hereingebrochen war, gelang es den vier unter Aufsicht eines
Postens stehenden Zulus, als dessen Aufmerksamkeit durch eine kleine
Streiterei unter den Suaheli für einen Augenblick von ihnen abgelenkt
wurde, dem ringsum hohen Grase sich zu nähern und plötzlich darin zu
verschwinden. Der gleich darauf fallende Alarmschuß brachte alles
in Bewegung und eine wilde Verfolgung begann. Aber sei es, daß die
schnellfüßigen Zulus ihre Verfolger in der Dunkelheit zu täuschen
wußten oder, schneller als diese, ihnen entgingen, keiner wurde von den
Zurückkehrenden eingebracht, sogar Nachzügler mußten erst durch die zum
Sammeln blasende Trompete herbeigerufen werden, da solche sich in der
weglosen Grassteppe verlaufen hatten.
Der Grund zu dieser nochmaligen riskanten Flucht war wohl vornehmlich
die Furcht vor der zu erwartenden Strafe, die freilich nun bei einem
abermaligen Abfassen nicht allzu gering ausgefallen wäre und wohl haben
die Flüchtlinge bis zur gänzlichen Erschöpfung, geschützt durch die
Dunkelheit, ihre verzweifelte Flucht fortgesetzt.
In Pinda nach einer schnellen Reise angelangt, hatte ich laut Befehl
die beiden Leichter, sobald dieselben entlöscht waren, dem Führer des
»Herald« zu übergeben, mit welchen derselbe auch nach kurzem Aufenthalt
seine Rückreise nach Chinde antrat.
Inzwischen waren von Port Herald die ersten vom Major von Wißmann
dorthin gebrachten Leichter zurückgekehrt, auch zum Theil vom
Obersteuermann schon beladen. Nach dem Herüberschaffen des letzten
Transportes vom Anlegeplatz nach unserm provisorischen Lager,
wobei zum ersten Male die mitgeführten zweirädigen Karren uns gute
Dienste leisteten, ließ ich die Fahrzeuge noch mit den werthvollsten
Schiffstheilen fertig laden und führte darauf diesen Transport mit
Hülfe von etwa vierzig Eingebornen den Ziu-Ziu-Arm hinauf bis zur
nächsten Stromschnelle, oberhalb welcher der »Mosquito« wartete. Des
starken Stromes wegen mußten die Leichter von den Leuten an langen
Leinen gezogen werden, was durch die vielen Gebüsche, welche die
Uferwand krönten, eine langwierige schwere Arbeit war, abgesehen davon,
daß flache Stellen im Flusse, deren Umgehung nothwendig, nicht minder
zeitraubend und schwierig. Der etwa nur drei Kilometer lange Weg konnte
somit erst nach vielen Stunden angestrengtester Thätigkeit zurückgelegt
werden.
Pinda als Station ist von nur geringer Bedeutung, einzig als ein
Uebergangspunkt zu betrachten, welchen hier die Nothwendigkeit
errichten ließ, zumal die Stromverhältnisse des Schire in dieser Gegend
gerade eine eigenthümliche Beschaffenheit aufweisen. Ein weites Gebiet,
von verschiedenen Armen durchzogen, vertheilen die Wassermassen des
Flusses, sodaß in der trockenen Jahreszeit von einem eigentlichen
Schirefluß hier keine Rede sein kann; die Fahrstraße, welche diese
Bezeichnung verdient, war versandet und unpassirbar.
So vielen Veränderungen unterworfen, läßt sich kaum mit Bestimmtheit
sagen, welchen Weg die nächste Hochwasserfluth einschlagen wird, irgend
ein Arm kann durch unbekannte Zufälle von der Fluth gewählt werden,
der durch die starke Strömung schnell vertieft, dann als Schirefluß
betrachtet werden muß. Illusorisch wird die Pinda-Station, sobald
dieser Fall eintritt, ihre Lage aber auch durch das rapide Anwachsen
der Wassermassen sehr gefährdet, da nicht selten die ganze Insel
überschwemmt und ein rechtzeitiges Verlassen des einsamen Blockhauses
für die Bewohner zur Nothwendigkeit wird. Soweit ich gehört, soll die
ganze Insel im Januar 1893 von der furchtbaren Strömung weggeschwemmt
worden sein und der Fluß ein neues Bett sich gegraben haben, wenigstens
fand ich bei meiner Rückkehr eine ganz veränderte Fahrstraße vor; auch
nimmt es keinem Wunder, wer die gewaltige Kraft fließender Wassermassen
zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, daß solche Veränderungen hier in
der Wildniß stattfinden können.
Um noch einmal unseres Schleppdampfers »Pfeil« hier zu erwähnen, so
hatte dessen Thätigkeit für uns bereits in Ntoboa aufgehört; derselbe,
bis Pinda gebracht, war für denselben das Passiren der Stromschnelle
unmöglich und, nach vergeblichen Versuchen, sich doch noch durch den
nächsten flachen Arm des Schire hindurchzuwinden, hatte der Dampfer
sich so festgerannt, daß an ein Zurück bis zur nächsten Hochfluth nicht
mehr zu denken war. Major von Wißmann, durch triftige Gründe veranlaßt,
verzichtete später ganz auf den »Pfeil« und dies um so eher, als sich
die Hinüberschaffung des schweren Körpers auf den ausgewaschenen
Wegen des Schiregebirges, nach dem oberen Schirefluß, als eine pure
Unmöglichkeit erwiesen hatte.
War auch die Stromschnelle, bis wohin ich die beiden Leichter am Abend
des 20. September hatte schaffen lassen, nicht so gefährlich und
reißend wie die untere, machte doch das Hinüberbringen der Fahrzeuge
oberhalb der starken Strömung von einem Ufer zum anderen sehr viel
Mühe. An langen Leinen von einem Ufer abgefiert, an dem anderen
eingeholt, und dieses über eine Flußbreite von etwa 450 Meter, galt es
dazu jeden Leichter von den gefährlichen Untiefen fernzuhalten. Als die
Ueberführung vollendet, war ich durch das viele Zurufen und Schreien
so heiser geworden, daß ich kaum noch ein Wort hervorbringen konnte.
Veranlassung dazu gab die stupide Gleichgültigkeit der Eingebornen,
die, wenn sie nicht angetrieben wurden, mit größter Seelenruhe zusehen
konnten, wie ein Fahrzeug Gefahr lief, verloren zu gehen. Nur je ein
Europäer war auf den Leichtern, die dazu sich mit den Leuten nicht
verständigen konnten, und ich froh war, als nach vierstündiger Arbeit
das englische Schiff erreicht wurde.
Für die späteren Transporte hielt es der englische Führer, Kapitän
Nuott, auch für angemessen unter dem rechten Ufer sein Schiff
hinzulegen, damit wenigstens die Ueberführung der Fahrzeuge oberhalb
der gefährlichen Stromschnelle nicht mehr nöthig würde, auch schon aus
dem Grunde, als nicht immer eine umsichtige Leitung dabei sein und
dadurch einen Verlust verhindern konnte.
Die Weiterfahrt des »Mosquito« gegen den starken Strom, in dem zuweilen
kanalartigen Flußbette gestaltete sich zu einer überaus schwierigen.
Oft, wenn die Strömung zu stark, die gegenarbeitende Maschinenkraft
nicht mächtig genug war, diese zu überwinden, wurden die Fahrzeuge vom
Strome seitwärts gedrängt und, um dann eine Katastrophe zu verhindern,
mußten sofort die Anker fallen gelassen werden, bis dadurch die
Steuerfähigkeit wieder hergestellt, schließlich ein Ueberwinden der
wirbelnden Wassermassen möglich wurde. Indes im Laufe des ersten Tages
waren diese Schwierigkeiten überwunden. Darauf in einem schmaleren,
doch von Hindernissen freiem Bette, ging die Fahrt flußaufwärts gut
von statten; zwischen ziemlich hohen, häufig steilen Ufern, deren
Böschung mit Rohrried und langem Gras bewachsen war, sodaß die
üppig emporgeschossenen Pflanzen selten nur einen Einblick in die
dahinter liegenden Landflächen gestatteten, hinziehend, erreichten
wir eine zu beiden Seiten des Flusses sich ausdehnende Grassteppe.
Mit der Bezeichnung Moramballa-Marsch hat man diese weite Ebene, den
Tummelplatz fast aller im zentralen Afrika lebenden größeren Thiere,
die rechte Benennung gegeben. Nichts als Rohr und Gras, kein Baum
noch Strauch bringt irgend welche Abwechslung in diese Einöde, soweit
auch das Auge schweifen mag, bis zum Fuße der fernen Berge, dasselbe
Einerlei.
Zu Zeiten des Hochwassers wird die wenig über dem Niveau des Flusses
liegende Grasebene in einen weiten See und Sumpf verwandelt; tiefe
Gräben durch die Uferwand gebrochen, leiten als natürliche Kanäle die
Wassermassen beim Fallen des Flusses wieder ab, und verjüngt sprießt
aus dem fruchtbaren Boden die überreiche Vegetation empor, ein grüner
Tisch anfänglich, den die Natur mit vorsorgender Hand für ihre Wesen
gedeckt hat.
Die Ufer zur Linken, meistens höher gelegen, und mit hohem Gesträuch
oft so bedeckt, daß dieses weit überhängend mit seinen Zweigen bis auf
den Wasserspiegel reicht und es unmöglich wird, durch die zahllosen
Schlingpflanzen, Winden, Lianen etc., die alles wie ein dichtes
Gewebe verbinden, hindurchzudringen. Tausende weiße, blaue und rothe
Blüthen in reicher Pracht zieren die grüne Wand, zwischen denen an den
äußersten Spitzen der ruthenartigen Zweige der goldgelbe Webervogel
sein eigenthümliches Nest erbaut hat, das, wie an einem Faden hängend,
vom Winde bewegt über dem Wasser schwebt.
Durch das Geräusch des vorbeikeuchenden Dampfers werden aus diesem
dichten Gebüsch häufig silbergraue Vögel, die in behaglicher Ruhe im
kühlen Schatten wahrhaft herrlicher Lauben weilten, erschreckt und
aufgescheucht und nur wenige Schritte vom Leichter entfernt, flattern
sie auf, kaum wissend, wohin sich wenden, wenn ihnen der Weg zur
eiligen Flucht abgeschnitten erscheint.
Die Annahme, daß in dieser blühenden Pracht eitel Friede zu herrschen
scheint, wird schon widerlegt, wenn man aufmerksam den in hohen
Lüften kreisenden Raubvögeln zuschaut. Bald schießt pfeilgeschwind
der Beherrscher der Lüfte zur Erde nieder, um sofort sich wieder zu
heben und in seinen scharfen Krallen die Beute zu entführen; allein
diese wird ihm, weniger von Seinesgleichen, als von einem anderen
Feinde, streitig gemacht. Ein heißer Kampf beginnt, kreischende
Schreie, niederflatternde Federn, zeugen von der Erbitterung, mit
welcher gekämpft wird, und fast immer muß der Jäger seine Beute
fahren lassen, um den wüthenden Angriffen des Feindes sich erwehren
zu können. Neugierig, welche Waffen dem schwächeren Angreifer von der
Natur gegeben sind, womit er im Stande ist, den adlerartigen größeren
Raubvogel zu besiegen und in die Flucht zu jagen, schoß ich zwei
dieser Kämpfer aus der Luft herunter und fand, daß der Gegner an den
Flügelknochen einen etwa 1-1/2 Centimeter langen nadelspitzen Auswuchs
hatte, mit welchem er leicht tiefe Wunden dem Stärkeren beibringen
konnte.
Vom hohen Deck des »Mosquito« zuweilen über die Ufergebüsche
wegschauend, erblickten wir mitunter friedlich grasende Wasserböcke
und Zebras; furchtlos äugten diese stattlichen Thiere zu uns herüber,
und machte sie auch der Knall eines Gewehres stutzen, so wußten sie in
ihrer Sicherheit doch noch nicht, wie vernichtend die treffende Kugel
wirken konnte.
Oberhalb dieser weiten Grassteppe, auf dem nun allmählich ansteigenden
Terrain, änderte sich die Scenerie; Baum und Sträucher, untermischt
mit menschlichen Wohnstätten, hin und wieder am Ufer kleine
Bananenanpflanzungen, gaben der Landschaft einen etwas freundlicheren
Anstrich. An dieser Scheidegrenze einer fruchtbareren Gegend und
der ungeheuren Steppe, sahen wir auch zu unserer Linken den hier
errichteten Grenzpfahl. Die an demselben befestigte Tafel besagt in
englischer Sprache, daß flußabwärts portugiesisches, flußaufwärts
englisches Gebiet zu finden sei. -- Unauffällig wie dieses einem
Beobachter auch erscheinen mag, frägt man sich doch unwillkürlich,
was soll wohl Portugal mit der viele Meilen umfassenden Grassteppe
machen, die sich fast quer durch das Land bis zum Zambesi-Fluß
erstreckt und wie erwähnt, zur Regenzeit nur einen weiten Sumpf
bildet; eine Heimstätte wilder Thiere zwar, doch für menschlichen
Aufenthalt völlig ungeeignet! -- Englische Politik hat auch hier
wieder den Beweis geliefert, daß Nehmen praktischer ist als Geben und
das schwache Portugal muß seinem mächtigen Konkurrenten, übertrumpft
durch erzwungene Verträge, weite Landstrecken überlassen, auf denen
England unbehindert große Thätigkeit entfalten, auch wie überall die
Fahrstraßen in seiner Hand behalten kann, die zu entwickelungsfähigen
Ländern führen und, wenn es aus politischen Gründen belieben sollte,
den internationalen Verkehr verschließen kann.
Etwa 500 Meter flußaufwärts von dieser Grenze liegt am anderen Ufer
die portugiesische Zollstation. Gleich wie die Grashäuser europäischer
Ansiedler in diesem Lande, ist auch diese Station ebenso primitiv
erbaut, und bedeutete nicht die wehende Flagge, daß solcher Bau ein
Staatsgebäude ist, würde es seines Aussehens halber kaum Beachtung
finden. Zwecks einer Zollrevision und Ausfertigung von Papieren hatten
wir hier anzulegen.
So kurz der Aufenthalt bei dieser Zollstation auch war, bot sich mir
doch Gelegenheit, das Fell einer 13 Fuß langen Wasserschlange, die von
den Eingebornen erlegt und abgeledert wurde, zu erstehen. Der Umfang
dieses höchst gefährlichen Reptils betrug durchschnittlich einen Fuß
und, abgesehen von dessen giftigem Biß, soll solch ein Thier die
Knochen eines Menschen mit Leichtigkeit zerbrechen können. Das Fell,
vollständig mit Fischschuppen besetzt, die auf dem Rücken ganz klein,
allmählich bis zum Bauch die Größe eines Fünfpfennigstückes annehmen,
haben oben eine schwarzbraune Färbung, wohingegen die Schuppen nach
unten ins Gelblich-weiße übergehen. Nur zwei Exemplare gleicher Größe
habe ich gesehen, sonst aber dieses Thier in seiner Freiheit zu
beobachten weiter keine Gelegenheit gehabt, da es höchst wahrscheinlich
nur dort sich aufhält, wo die Wildniß seine Lebensbedürfnisse
befriedigen kann und das wäre hier in dem Moramballa-Marsch.
Als besonders auffällig war für mich weiter flußaufwärts an der
linken Seite die Anlage einer Reihe neuer Dörfer am Flußufer; eine
Erklärung dafür kann nur gegeben werden, wenn die Behauptung, daß eine
beständige Auswanderung portugiesischer Untertanen nach englischem
Gebiet stattfindet, sich als richtig erweist. Ein triftiger Grund
dazu wäre die Ausbeutung der Eingebornen durch die portugiesischen
Mischlinge, die in der Eigenschaft als Beamte, schlecht oder gar nicht
besoldet, diesen Ausfall durch Erhebung doppelter Steuern zu decken
suchen; mithin könnte man es den Bewohnern dieses Distrikts nicht
verdenken, wenn sie sich auf fremdes Gebiet niederlassen und unter
einer geordneteren Verwaltung das ihnen zugewiesene Land bebauen. Eine
Kopfsteuer erläßt der Engländer ihnen zwar auch nicht, der Gefahr
aber, mehr zahlen zu sollen, sind sie doch überhoben.
Etwas höher den Fluß hinauf passirten wir das große Dorf Tomba, das
an Ausdehnung das größte, welches ich an den Ufern des Zambesi und
Schire, mit Ausnahme vielleicht von Misongwe, gesehen habe. Auch
hier bestätigte die Aufführung einer beträchtlichen Anzahl neuer
Hütten, daß es an regem Zuzug nicht gefehlt hat. Und nach der Zahl
der Bewohner zu urtheilen, die, wie überall, durch eine fremdartige
Erscheinung angelockt, zu Haufen an dem Ufer sich versammelten, war die
Einwohnerzahl eine sehr beträchtliche.
In den Tropenländern veranlaßt die immer üppig blühende Natur den
flüchtigen Beobachter zu der Annahme, daß ein Wechsel der Jahreszeiten
eigentlich an der Pflanzenwelt spurlos vorübergehe; allein lebt man
längere Zeit in den Tropen, wird eine solche hinfällig, da man in sehr
vielen Fällen einen Erneuerungsprozeß beobachten und das Absterben
der Natur als Winterperiode bezeichnen kann. Es sind nur Schmarotzer
und Schlingpflanzen, die ein immergrünes Kleid tragen und durch ihren
Blüthenreichthum diese Erscheinung verdecken, darum, so kurze Zeit
ein solcher Uebergang auch währt, kann man ihn doch als eine Ruhe und
Erholungspause betrachten, in welcher die Pflanzenwelt neue Kraft und
Säfte sammelt, die der Regen dann zur reichsten Entfaltung bringt.
Noch abwechslungsreicher gestalten sich weiterhin die Ufer des Schire,
bald hoch, bald Senkungen zeigend, die naturgemäß einer Ueberschwemmung
ausgesetzt waren. Hier hat sich der Fluß durch langwelliges Terrain den
Weg gebahnt, das von den sogenannten Port Herald-Bergen ausgehend, bis
in diese Ebene seine Fortsetzung gefunden hat.
Am nächstfolgenden Tage wurde Port Herald erreicht, das, wollte man
aus der Benennung dieses Ortes einen Schluß ziehen, eine Art Hafen
vorstellen könnte; indes dergleichen Anlagen waren nicht vorhanden,
auch in nichts von anderen Uferstellen abweichend -- und nur
landeinwärts erblickte man die primitiven Gouvernementsgebäude, die
alle auf Pfeiler erbaut sind, hoch genug, um bei einer Ueberschwemmung
dieses Terrains vom Wasser möglichst verschont zu bleiben. Nur am Ufer
ist eine Art Warte, worin ein beständiger Posten stationiert war,
der das Passiren eines jeden Bootes zu verhindern hatte und jedes
zum Anlegen, wenn nöthig, zwingen mußte, bis es untersucht und einen
Freipaß zur Weiterfahrt erhalten hatte. Hier, wo nun ein Sammelpunkt
des ganzen Transportes gedacht war, hatte Major von Wißmann etwas weit
zurück ein offenes Lager erbauen lassen, das während seines kurzen
Aufenthalts den Anforderungen entsprach, jedoch einer bedeutenden
Erweiterung bedurfte, sollte es für den Haupttransport genügend sein.
Durch das langsame Vordringen der Expedition in seinen Plänen
behindert, hatte Major von Wißmann den Beschluß gefaßt, sich von dem
Transport zu trennen und vorauszueilen, um für geeignete Lagerplätze
und sonstige Hilfsmittel, die das Fortkommen fördern sollten, zu
sorgen. In diesem Sinne wurde eine Militärexpedition und eine
Transportexpedition gebildet, erstere bestehend aus der gesammten
Militärmacht, mit Abzug der benöthigten Schutztruppe für den Transport,
etwa fünfzig Soldaten, und neben Dr. Bumiller als Adjutanten, aus
Leutnant Bronsart v. Schellendorf, Proviantmeister de la Fremoire und
Illich nebst den drei Sergeanten Bauer, Krause und Eben. Als Führer der
Transportexpedition war Freiherr von Eltz später ernannt und ich ihm
mit dem gesammten Schiffs- und Handwerkerpersonal beigegeben worden.
Dr. Röver und Maler Franke, die anfänglich noch zur Vorexpedition
gehörten, hatten sich, nachdem der Major das Schiregebirge
überschritten, dem Transport anzuschließen, da es namentlich für den
einzigen Arzt angebrachter schien, bei der größeren Anzahl Europäer zu
verbleiben.
Nach meiner Ankunft in Port Herald und Uebernahme des Kommandos verließ
von Eltz bald darauf das Lager, um gemäß einer Bestimmung des Majors
denselben nach Chilomo zu folgen, wo eine Entscheidung über die Führung
des Transportes und über den Führer getroffen werden sollte, mir aber
lag es ob, nach der Zurücksendung der entlöschten Leichter das Lager
zum Theil umzubauen und wie ich es in Ntoboa gethan, vollständig
durch eine Schutzwand abzuschließen. Durch die Bereitwilligkeit des
englischen Beamten Mr. Piel wurden mir zur Ausführung dieser Arbeit
die benöthigten Kräfte gestellt und das Material zum Bau der Häuser in
nächster Nähe findend, gelang es mit dem guten Willen der Eingeborenen
die ganze Arbeit in fünf Tagen zu vollenden. Das Eine hatte ich mir zum
Prinzip gemacht, worauf ich auch streng geachtet, daß die Eingeborenen
gut behandelt wurden, vor allem gegen dieselben keine ungerechten
Ausschreitungen vorfielen, darum auch stellte ich nur solche Europäer
an, von denen keine Uebereilung zu erwarten war. Der Neger, in solchem
Punkte empfindlich, entzieht sich seiner Verpflichtung und man hat nur
den Schaden und das Nachsehen, im anderen Falle aber ist er willig, und
liegt es dann an dem Europäer denselben zur Arbeit anzuhalten.
Weitere Transportmittel, als die beiden Leichter, die zwischen Pinda
und Port Herald nun die Heranschaffung des Materials mit Unterstützung
des »Mosquito« zu bewerkstelligen hatten, standen uns nicht zur
Verfügung; auch was wir über die Wasserverhältnisse des Schire oberhalb
Port Herald in Erfahrung gebracht, lautete nicht günstig, sofern von
nun an nur leicht beladene Fahrzeuge im Stande sein sollten weiter
vorzudringen. So lag es denn nahe, den Plan mit der Feldeisenbahn
vorzunehmen, die wir von der Küste mit herauf gebracht hatten, näher in
Erwägung zu ziehen, der auch sicher sehr viel für sich hatte, als alles
Material zu gleicher Zeit fortgeschafft werden konnte, wenn nur die
Frage, woher so viele Arbeitskräfte nehmen, eine befriedigende Lösung
gefunden hätte. Von Seiten der englischen Beamten, des Administrators
Mr. Steavenson und Piel, wurde uns zu diesem Zwecke die möglichste
Unterstützung zugesagt, indes ihr Einfluß reichte auch nicht so
weit die umwohnenden Häuptlinge durch ein Gebot zur Stellung einer
bestimmten Anzahl Leute zu verpflichten und nach einer einberufenen
Versammlung war es klar, daß wir auf nicht mehr als zweihundert
Mann würden rechnen können. Dieses unerwartete Ergebniß war darauf
zurückzuführen, daß die Eingeborenen sich bereits anschickten ihre
Felder zu bestellen; der gemachte Einwand, diese Arbeit besorgten doch
ihre Frauen, die Männer aber thäten das Wenigste dabei, fruchtete indes
wenig, und anstatt der benöthigten fünfhundert Mann konnte nicht mehr
als die bezeichnete kleine Zahl erlangt werden.
Im Allgemeinen war in dieser Jahreszeit die Arbeiterfrage eine
schwierige, überall längs dem ganzen Schiregebiet; selbst Major v.
Wißmann mußte sich aus diesem Grunde Beschränkungen auferlegen; seine
Absicht, der Transportexpedition nach Möglichkeit Unterstützung zu
senden, scheiterte gleichfalls.
Bevor nun die Transportfrage mit der Feldeisenbahn endgültig
entschieden werden sollte, wollte von Eltz nach seiner Rückkehr
und nachdem das gesammte Material von Pinda heraufgeschafft worden
war, erst mit den Leichtern einen Transport bis Chilomo, wo der
Major eine Hauptstation errichtet hatte, führen, um sich über die
Wasserverhältnisse des Flusses genau zu orientiren, da eventuell von
der Aufstellung der Bahn Abstand genommen werden könnte, wenn entgegen
den Behauptungen, diese sich als besser erweisen würden. Allein die am
7. Oktober flußaufwärts bestimmten Leichter fanden eine kurze Strecke
oberhalb Port Herald schon eine für die nur mittelmäßig beladenen
Fahrzeuge unpassirbare Untiefe, sodaß es nöthig wurde, einen Leichter
zurückzusenden, der entlöscht, den zweiten dann entlastete und die
Fahrt fortgesetzt werden konnte.